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Posts Tagged ‘Bela Rethy’

Ronaldo weint

So aufgebläht war das im nachhinein doch gar nicht. Für die Grafik danke an Zentiva, stark gegen Schmerzen

So aufgebläht war das im nachhinein doch gar nicht. Für die Grafik danke an Zentiva, stark gegen Schmerzen

Ich lief, das wollte ich zur EM noch sagen, nach wenigen Minuten mit fliegenden Fahnen zu den Portugiesen über. Es sah so aus, als wollte Frankreich nicht gegen Portugal spielen, sondern gegen Cristiano Ronaldo. Der kam kaum an den Ball, da fuhr man ihm schon in die Parade, man wollte ihn offensichtlich beeindrucken; dass er dabei schon nach acht Minuten verletzt und nach zwanzig Minuten weinend vom Platz getragen wurde, war sicherlich nicht beabsichtigt, okay, man sagte, Payet habe bei seiner Attacke den Ball getroffen, aber er rauschte dem stehenden Ronaldo auch ungebremst in die Knochen. Die Tragik des dreimaligen Weltfußballers (kein Titel niemals mit Portugal) schien sich fortzusetzen, die französischen Fans bejubelten Ronaldos Elend, aber Frankreich war plötzlich der Gegner abhanden gekommen: Ronaldo. Das trotzige, über sich hinauswachsende, immer geschlossener auftretende und grandios verteidigende Team zu bekämpfen, war viel schwerer, dafür hatte Frankreich kein Programm. Die Reporter orakelten über eine folgenreiche Verletzung, möglicherweise einen Kreuzbandriss, wähnte ihn bereits im Krankenhaus, aber nach der Pause war Ronaldo wieder da, das linke Bein mit einem Stützstrumpf stabilisiert, er stand am Spielfeldrand neben Fernando Santos, dem Trainer, und wurde selbst zum Coach, hingerissen vom Spiel, voller Leidenschaft, die Pleite doch noch abzuwenden, feuerte er seine Kameraden auf dem Spielfeld an, manchmal agierte er fast synchron mit dem Trainer, aber eben doch immer ein paar Nummern wilder und so schüttelte er den wehrlosen Trainer gelegentlich kräftig durch. Eine genialere Dramaturgie hätte sich niemand für diese EM ausdenken können. Das verspottete, geringschätzte Portugal gewann den Titel ohne seinen Superstar und doch auch mit ihm. Das Bild Ronaldos hat einige neue Facetten erhalten. Mein Freund Verheugen steht seitdem fest an seiner Seite. Ronaldo geht durch die Hölle und gewinnt den Pokal. Das Tor schießt Eder, ein Mann aus der hintersten Reihe des Aufgebots; eine tolle Geschichte; da mag man über das aufgeblähte Programm dieser Meisterschaft nörgeln, wie man will.

Reporterdämmerung

An Bela Rethy haben wir uns gewöhnt, nicht zuletzt, weil er von einigen seiner Reporterkollegen regelmäßig unterboten wird. Wenn man genau hinhört, stellt man fest, dass er punktuell über einen trockenen Humor verfügt. Bei einem Spiel experimentierte er sogar wiederholt mit dem Konjunktiv. Das hat er im folgenden Spiel zwar wieder unterlassen, anerkennen muss man es trotzdem, ich meine, er hat es freiwillig getan, niemand hat ihm befohlen, sich als „Statthalter des Möglichkeitssinns” (Sloterdijk) zu versuchen. Dieser Mann weiß sich in seinen späten Jahren noch zu steigern, wo andere längst in Selbstgefälligkeit erstarrt sind.

Ein Reporter, ich weiß nicht mehr wer, erzählt bei jeder Gelegenheit, dass Bastian Schweinsteiger wie Richard Gere aussieht. Irgendwann hat man wirklich genug von dem Quatsch. Ist er blind? Auszuschließen ist das nicht. Viele Reporter sehen schlecht.

Statements, leicht geändert

Was meine Hand am Hintern macht und dann am Mund und in der Nase interessiert mich eigentlich weniger.

Warum die Dreierkette? Da muss ich mich entschuldigen. Man ist in dieser Lage so angespannt, da weiß man oft nicht, was man tut. Ich werde versuchen, mich da zu ändern.

Vor dem Halbfinale

Engländerin: Bist du etwa für Frankreich?

Deutscher: Ich möchte, dass dieser unhygienische Trainer verschwindet.

Engländerin: Mein Mann auch. Dann bist du wahrscheinlich auch gegen Podolski?!

Deutscher: Und wie!

Nicht gemerkt?

Mario Gomez war gar nicht verletzt. Er spielte unter dem Namen Olivier Giroud im Halbfinale und Finale für Frankreich.

Zweiter Sieger

Es war die Europameisterschaft der Schiedsrichter. Noch nie hatte ich an ihren Entscheidungen so wenig auszusetzen wie dieses Mal. Sie ließen das Spiel in der Regel laufen, sie machten sich nicht wichtig, sie erhoben sich nicht zur strafenden Instanz. Hand ist Hand. Ob es Absicht war oder nicht, das könnte nur der Fußballgott verifizieren. Und der getroffene Ball entschuldigt nicht, dass der Kicker bei seiner Aktion auch die Beine des Gegenspielers ramponiert hat. Warum waren plötzlich alle Schiedsrichter auf der Höhe ihrer Aufgaben? Offensichtlich hat die UEFA vorab die richtige Linie vorgegeben. Es geht also.

 

Bela Rethy klärt auf. Unabsichtlich

Wer die Kunst des Lippenlesens beherrscht (wie etwa ich), konnte erraten, dass die deutschen Spieler den Text ihrer Nationalhymne nicht beherrschen, von jenen mal abgesehen, die nicht nur nicht so taten, als sängen sie mit. Man fragt sich, woran das liegen mag. Ich suche die Schuld nicht zuerst bei den Spielern, von denen ich sicher weiß, dass sie sich Worte, Zeilen und ganze Strophen merken können. Ich glaube viel mehr, dass der Text der deutschen Nationalhymne doch nicht ganz so signifikant ist, wie wir immer glauben, mit dieser Handvoll abstrakter Begriffe. Die Melodie ist okay. Aber um den Text sollten wir uns kümmern. Wir haben doch einen so energischen und selbstgefä …, äh, … bewussten Bundespräsidenten, vielleicht kann der da was ausrichten, aber nicht, dass er nun vorschlägt, dass wir wieder Deutschland, Deutschland über alles singen, das möchte ich bitte nicht.

Wir hatten Bela Rethy an unserer Seite, um das Spiel gegen Algerien mit der richtigen, ich sag mal, Heimatliebe anschauen zu können. Der Schiedsrichter, ließ er uns wissen, bevor noch irgendein Ball rollte, wird sehr aufpassen müssen: „Wir erwarten von den Nordafrikanern ein sehr körperbetontes Spiel.” Was heißen sollte: Das sind Holzhacker, die unseren begnadeten Edelkickern ordentlich auf die Socken geben werden. Außerdem sei die Mannschaft extrem defensiv aufgestellt – die wollen sich also ins Viertelfinale mauern.

Bei der Einblendung der Aufstellungen fehlte übrigens bei Bastian Schweinsteiger und nur bei ihm der Vorname. Sollte das unterstellen, dass er Schwein Steiger heißt? Ich weiß ja nicht.

Und dann rutschte uns guten Deutschen angesichts der ach so defensiven Algerier das Fußballerherz in die Hose. Die Jungs hatten ein echtes Konzept, was man bei uns total vermisste, und spielten unsere Abwehr ein ums andere Mal aus. Manuel Neuer bekam der Fußballkrieg wie eine Badekur, er konnte endlich, was er am liebsten tut, sein Tor verlassen und das gesamte hintere Drittel des Spielfelds befrieden, auch wenn das manchmal komisch aussieht. Deutscher Spielwitz sah nach Bela Rethys Worten so aus: Lahms Idee war, den Ball nach rechts zu spielen. Und mehr Ideen waren wirklich nicht. Positives wusste Rethy über Jerome Boateng zu vermelden. Der könnte auch so schnell sein wie die Algerier – „wenn er sich rechtzeitig entscheiden könnte, loszulaufen”. In der Verlängerung wurde noch alles gut. Thomas Müller, der sich nicht so recht entscheiden kann, ob er lieber Goalgetter oder Komiker sein will, brach links durch, flankte, Schürrle rauschte heran: Das macht er mit der Hacke, schrie Bela Rethy, das macht er mit der Hacke. Und dann gab er die Erklärung, warum das Spiel so lief, wie es lief. „In Brasilien hat die deutsche Elf ein unglaubliches Image.” So muss es sein. Der brasilianische Schiedsrichter Sandro Ricci benachteiligte die Algerier konsequent das ganze Spiel über. Er gab keine rote Karte und keinen Elfmeter, aber in den Zweikämpfen waren immer die Deutschen die Opfer. Nur als Philipp Lahm Yacine Brahimi die Hose zerriss, dachte der konservative Herr Ricci: Das sollten Männer nicht mit Männern machen, und zeigte gelb. Die Hose bezahlst du mir, dachte Brahimi, aber wie sagt man das auf Deutsch?

Bela Rethy hört auf uns

Ermuntert durch das unerwartete Lob auf diesen Seiten hat sich Bela Rethy, der Fußball-Mann des ZDF, weiter gesteigert. Im Gruppenspiel Kolumbiens gegen die Elfenbeinküste sagte er: „Touré will jetzt schon, in der 38. Minute, das Trikot von Zuniga haben.” Es sah tatsächlich so aus, als wolle der Ivorer dem Kolumbianer das Hemd ausziehen und den Trikottausch nach dem Spiel vorwegnehmen. Auch gestern, im Spiel Italien gegen Uruguay, zeigte der oft, auch von uns, unterschätzte Rethy, was er zu leisten imstande ist, wenn er nur auch ermuntert wird. Über den Schiedsrichter: „Das ist der mexikanische Geistliche Rodriguez, der vielleicht auf Grund seines Glaubens sehr viel verzeiht.” Der Unparteiische zögerte lange, ehe er gelbe Karten zeigt, um dann, plötzlich übermotiviert und trotz seines Glaubens, den Italiener Marchisio des Feldes zu verweisen, was das Spiel vielleicht vorentschied. Ein Spiel, das durch taktische Erwägungen ziemlich lahmgelegt wurde. „Jetzt stehen alle inzwischen”, sagt Rethy trocken. Über eine knifflige Szene im italienischen Strafraum: „Cavani hat lange gewartet, stand dann im Abseits und fiel dann auf einmal um … Das ist ein beiderseitiges Drücken.” Auch für die stark körperbetonte Phase des Spiels fand Rethy die richtigen Worte: „Hier kommt Suarez, und hier beißt er ihm in die Schulter. Er beißt ihm in die Schulter! Der Schiedsrichter und der Linienrichter haben es übersehen, und Chiellini hat den Spaß. Erst wird Chiellini in die Schulter gebissen, und dann macht Godin mit dem Rücken das Tor.” Sah aber so aus, als hätte Suarez nicht weniger Spaß gehabt als sein Gegenspieler, denn offenbar war Giorgio Chiellinis Schulter so zäh, dass Suarez sich mit seinem Biss einen extremen Schrägstand der Schneidezähne einhandelte.

Was bleibt, ist die Nachspielzeit. Die Uruguayer wollen das 1:0 in den Schlusspfiff retten. „Oscar Tavarez erklärt dem vierten Mann, wie spät es ist … Den Italienern fehlt die Kraft, sich zu beschweren.”

Nicht umsonst sieht Bela Rethy wie der ältere Bruder von Volker Lechtenbrink aus. Er hat ungeahntes Potential. Es ist nicht der große fußballerische Content, der ihn auszeichnet, es sind die aus einer ungerührten Gemütslage abgefeuerten Sidekicks.

Körpersprache

Berlin Luxemburg-Platz. Irgendwo ist immer Fußball

Berlin Luxemburg-Platz. Irgendwo ist immer Fußball. Meistens da, wo auch Bier ist

Erst kommt der Sieg. Dann kommt der Hype. Das ist es ja, was mir die deutschen Siege (bei aller – ich sag mal – Freude) immer auch suspekt macht. Die Medien sind in ihrem Selbstverständnis dazu verpflichtet, dem Sieg des Teams noch einmal einen Sieg der Worte, der Hymnen und der Superlative aufzupfropfen. Sie nennen das neuerdings eine Erzählung des Spiels zu verfertigen. Eine Erzählung, in die alles Mögliche hineingepackt wird, was man zum Spiel hinzuerfinden könnte, wenn man das entsprechende Gehirn hat. Jetzt ist Deutschland Müllerland. Thomas Müller hat drei Tore gegen Portugal geschossen und indirekt für die Rote Karte des portugiesischen Abwehrspielers Pepe gesorgt. Und da gab es doch schon mal einen Müller, der Deutschland zum Weltmeister-Titel geschossen hat, Gerd Müller, den Bomber der Nation, ebenfalls FC Bayern München. Die Welt, titelt der Berliner Kurier, die Welt feiert unseren Tore-Storch. Das ist nämlich der Clou dieser Fußball-Erzählung, der Clou und die Innovation: Thomas Müller, der in der brütenden brasilianischen Hitze rennt und rennt und immer an der richtigen Stelle steht, um auf manchmal recht unorthodoxe Art einzunetzen, hat keine Muskeln. Das ist doch ein Phänomen. Er hat original Stöckerbeine, aber sie tragen ich überall hin.

Ich glaube schon, dass er Muskeln hat. Man sieht sie nur nicht. Sie sind unsichtbar (etwa so wie bei mir). Das ist auch nicht ungewöhnlich. Die klassischen Fußballer hatten nur selten begnadete Körper. Man schaue sich die Weltmeister von 1954 an. Die hatten richtige Gebrauchs- oder Funktionskörper, mit denen man bei keinem Schönheitswettbewerb zugelassen worden wäre. Das macht auch nichts. Muskeln sind oft nur Show. Ich habe einen muskelbepackten Typen gesehen, der keinen Klimmzug zustande brachte.

Nebenbei gesagt habe ich mich gefreut, dass die FAZ in ihrer Erzählung zum Spiel Deutschland gegen Portugal den Ball flach hielt. Bei uns klappte alles, bei den Portugiesen funktionierte nichts. Ich habe mich gewundert, wie gut wir und wie schlecht sie verteidigt haben. Und wenn du in der ersten Viertelstunde des Spiels einen umstrittenen Elfmeter gegen dich bekommst, dann wird aus dem Schwung Wut (rote Karte) und aus der Wut wird Resignation und aus der Resignation wird ein 0:4. Statt den Ball ins Tor zu schießen, laufen sich zwei Portugiesen gegenseitig um.

Tags darauf, Brasilien gegen Mexiko, heißt der Held nicht mehr Müller, sondern Ochoa. Guillermo Ochoa mit diesem merkwürdigen Haarband. Der mexikanische Torwart fällt mir schon auf, als er am Anfang des Spiels beruhigend auf seine Verteidiger einwirkt, als wisse er schon: Keine Sorge, an mir kommt heute kein Ball vorbei. Du wirst dich wundern, denke ich, aber dann fischt er einen sagenhaften Kopfball Neymars aus der Ecke, blockt einen Schuss Paulinhos aus nächster Nähe, entschärft einen verdeckten Schuss Neymars und einen Kopfball Thiago Silvas aus vier Metern Entfernung. Der brasilianische Stürmer Jo ist schließlich so eingeschüchtert, dass er den Ball gar nicht erst trifft.

Was Positives über Bela Rethy: Da ist keiner. Er köpft dahin, wo er selber steht normalerweise, sagt er über einen mexikanischen Stürmer. Mehr davon bitte.

Applaus für Jogi Löw

Als ich nach Hause komme, mache ich ein Bier auf und schalte den Restfußball an. Deutschland – Paraguay. Es steht 2:3. Ich lehne mich jetzt aus dem Fenster, knödelt Bela Rethy, der Ausgleich ist fällig. Ja, man muss kein großer Prophet sein. Die Paraguayos haben sich in ihre Hälfte, eigentlich in ihren Strafraum zurückgezogen. Das kann nicht gut gehen. Wir haben auch Glück, dass der kroatische Referee ein Heimschiedsrichter ist, wie er im Buche steht. Also. 3:3.Lars Bender macht es. Und dann sagt Bela Rethy: „Applaus für Joachim Löw, der den zweiten Ball vom Spielfeld entfernt.” Ich fasse es nicht. Er sagt es ohne eine Spur von Ironie. Es soll heißen, das Lauterer Publikum bejubelt eine Heldentat des Bundestrainers. (Wir wissen ja, wie es aussieht, wenn der an den Ball tritt, so zeitlupenmäßig.) Jogi Löw ist ja so beliebt, er ist der Fußballweltmeister der Herzen. Und nun hat er auch noch einen überschüssigen Ball vom Spielfeld entfernt. Donnerwetter. Das Spiel ist schon fast vorbei, da sagt Rethy: „Das ist der erste Torschuss von Paraguay in der zweiten Halbzeit.” Soll heißen, wir sind ja so viel besser, aber es geht irgendwie mit dem Teufel zu, dass wir nicht klar vorne liegen. Der Kroate gibt fünf Minuten Nachspielzeit, in einem Freundschaftsspiel, das keine langen Spielunterbrechungen aufwies. Es bleibt beim 3:3. Hoffen wir, dass das ein Warnschuss war zur rechten Zeit.

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Ein Muster der Vergeblichkeit

Ich hatte Pech. Ich war nicht müde. Ich konnte mir das Endspiel des Confed-Cup ansehen. Brasilien gegen Spanien. Gastgeber und Rekordweltmeister gegen den aktuellen Welt- und Europameister. Man hätte sich diese klare Niederlage Spaniens vielleicht besser ersparen sollen, denn natürlich unterlag hier der schönere, durchdachtere dem wuchtigeren, ich könnte auch sagen, dem gewaltbereiteren Fußball, aber es ist wichtig, sowas von Anfang bis Ende zu sehen und zu erdulden. Man hatte sich gerade mal umgedreht, da stand es schon 1:0. Ein Slapstick-Tor. Der Ball sprang als unberechenbares Objekt zwischen vier stürzenden Körpern herum, und es war dann einfach der beste Maulwurf von den vieren, der den Ball gewissermaßen unterirdisch ins Tor beförderte. (Uns hat man früher noch gesagt, dass man im Liegen nicht weiterspielen dürfe.) Dieser beste Maulwurf war der Brasilianer Fred, ein Mann, der gut und gern in deutscher Fernsehunterhaltung den Latin Lover spielen könnte. Spanien im Rückstand – wann kommt das schon mal vor! Es lief dann so: Brasilien spielte die Fouls, Spanien kassierte die gelben Karten, und Bela Rethy vom ZDF forderte Rot. Es ist eine große Sehnsucht in ihm, die Akteure auf dem Platz in seiner gemütlichen Reporterkabine noch zu übertreffen, eine sehr sportliche, aber noch mehr absurde Haltung. Da er nun schon so lange dabei ist, der gute Bela, glaubte er immer, zu jeder halben Spielsituation eine ganze Theorie liefern zu können, was ihn unweigerlich zum Totalopportunisten macht. Er ist jederzeit bereit, dem vermeintlichen Sieger in den Arsch zu kriechen, und wenn das Blatt sich zu wenden scheint, dann macht es ihm auch nichts aus, dem Gegner in den Arsch zu kriechen, wobei er so tut, als hätte er es schon immer gewusst.

Für Spanien lief es, mit dem frühen Gegentor angefangen, denkbar schlecht. Pedro hat die klarste Chance des Spiels, will aber den Ball allzu elegant um Julio Cesar herumschlenzen, so dass der Innenverteidiger David Luiz den Ball noch von der Linie kratzen kann. Wenig später steht es statt 1:1 dann 0:2. Kam Neymar nicht aus dem Abseits? Egal. Das passiert kurz vor Ende der ersten Halbzeit. Und kurz nach Beginn der zweiten bereitet die Wühlmaus Marcelo mit einer seiner Wühleinlagen das 3:0 vor. Den Elfmeter für Spanien, den ich allerdings auch nicht gegeben hätte (wahrscheinlich eine Kompensation des Schiedsrichters) setzte Ramos geistesabwesend neben den Pfosten.

Nehmen wir das Positive. Dies war das aufrüttelnde Spiel, das Spanien veranlassen muss, sich konsequent mit dem Begriff brotlose Kunst auseinanderzusetzen. Im verdichteten Strafraum wirkt das Kurzpassspiel wie ein bleibendes Muster der Vergeblichkeit. Man muss sich Gedanken machen um das Anforderungsprofil des Spielers, der bei Spanien in vorderster Linie spielt. Wer da spielt – die Frage ist immer noch offen. Einer wie Torres? Einer wie Villa? Einer wie Fabregas? Oder ein ganz anderer? Frisches Blut? Die Spanier haben sich ein System zu Eigen gemacht, das die Leidenschaft weitgehend aus dem Spiel nimmt. Die Fähigkeit, auch mal zu explodieren, muss wiederbelebt, die Frage beantwortet werden, woher die Ideen kommen, wenn Iniestas Ideen nicht aufgehen. Wir wissen jetzt in etwa, was mit dieser Fußballweltmeisterschaft auf uns zukommt. Es gibt viel zu tun. Auch für uns Zuschauer. Wir spielen ja immer mit.

Noch ein Wort zu Neymar. Er scheint zu glauben, dass zu einem jungen Supertalent auch die hysterischen Flugeinlagen eines alten Knattermimen gehören. Gibt es niemandem in seinem Umfeld, der ihm erläutern könnte, dass das ganz, ganz falsch gedacht ist?

Selbst eingeschläfert

März 23, 2013 2 Kommentare

Gegen Kasachstan. Welche Herausforderungen warteten da auf die deutsche Fußballnationalmannschaft (gegen den 139. der Weltrangliste)! Die Zeitverschiebung! Der späte Anstoßtermin um 0.00 Uhr Ortszeit! Der Kunstrasenplatz! Der Reichtum der Kasachen!

Nun, es zeigte sich, der Gegner hatte nicht mehr als Zweitliganiveau. Die Kasachen gingen hart in die Zweikämpfe, waren gelegentlich nicht ungeschickt, aber wenn sie in die Hälfte der Unsrigen vordrangen, verließ sie der Mut, die Konzentration, vielleicht gar das Bewusstsein.  Auch ZDF-Reporter Bela Rethy erkannte rasch, dass es ein leichtes Spiel sein würde und ließ in seiner Entspanntheit ganz gegen seine Art einige drollige Sätze vom Stapel. „Müller fummelt sich da irgendwie durch.” „Kasachstan gelang schon mal ein 2:2-Sieg gegen Serbien.” „Schweinsteiger wird da niedergerungen regelrecht.” (Er rang sich, glaube ich, selbst nieder.) Der beste Satz war aber dieser: „Die deutsche Mannschaft hat sich selbst eingeschläfert.” Das stimmte zum Glück nicht, besaß aber doch einen morbiden Charme.

Es war schon so, dass die Kasachen nach der Pause nach dem Ist-ja-doch-scheißegal-Prinzip beherzter nach vorne spielten und mit einem gewaltigen Lattenkracher Aufsehen erregten. Da hatte Manuel Neuer, der ja stets ohne Gegentor bleiben möchte und alles andere als Majestätsbeleidigung auffasst, Glück.

Kein Wort zum Bundestrainer? Joachim Löw sagte zuletzt gerne „Do it like Spain” und will ohne echten Stürmer spielen. Für ihn auch eine Gelegenheit, den derzeit besten deutschen Stürmer, Stefan Kießling, den er irgendwie nicht verknusen kann, auf die schnöselige Jogi-Art abzubürsten. Kießling möge zwar der erfolgreichste deutsche Stürmer der Bundesliga sein, aber international werde die Luft doch sehr dünn. Zu dünn für Kießling, soll das heißen. Und: Er könne Kießling keine Perspektive in der Nationalmannschaft bieten. Das muss er auch nicht. Er soll an den Moment denken und an demnächst bevorstehende Momente. Vielleicht kann nämlich Kießling in dieser oder jener Situation der Nationalmannschaft eine Perspektive bieten. Ein Trainer, der für einen Stürmer wie Stefan Kießling keine Perspektiven sieht, kann mir nur leid tun.