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Archive for Januar 2018

Sonntag im Zehngeschosser

Januar 31, 2018 1 Kommentar

Am Fenster: kein Wochenende weit und breit
© Fritz-Jochen Kopka

Ich hasse Leute, die mir ein schönes Wochenende wünschen. Oder solche, die fragen, hast du ein schönes Wochenende gehabt? Wie hast du dein Wochenende gestaltet? Das soll wohl höflich sein, Aufmerksamkeit und so weiter. Für mich gibt’s kein Wochenende. Für mich sind alle Tage gleich. Da ist kein Unterschied.

Aber das liegt doch auch an dir! Du kannst doch …

Was kann ich denn? Ich kann gar nichts.

Doch. Das fängt schon mit dem Frühstück an. Zum Frühstück machst du dir ein weiches Ei.

Ich esse kein weiches Ei. Höchstens mal ein Rührei. Aber nicht am Wochenende. Verstehst du denn nicht. Für mich sind alle Tage gleich.

Oder du benutzt ein besonderes Geschirr. Ein anderes als das in der Woche. Als Beispiel sag ich mal Rosenthaler oder Zwiebelmuster.

Ich schmeiß dir dein Zwiebelmuster gleich an den Kopf. Sowas Schwuchtelhaftes.

Legst dir ’ne schöne Platte auf. Mozart. Beethoven. Gustav Mahler.

Mach mich nicht verrückt. Es gibt kein Wochenende. Es gibt keinen Grund für sonntägliche Gefühle. Ein Tag wie der andere.

Kauf dir einen schönen teuren Whisky, den du nur am Wochenende trinkst. Ich hab gerade gesehen bei Real. Glenfiddich Single Malt, fünfzehn Jahre alt, 34,99 Euro.

Halt den Mund. Davon verstehst du nichts. 34,99! Dafür krieg ich vier Flaschen Johnny Walker im Angebot.

Aber das ist nichts Besonderes. 34,99 für einen guten Tropfen, das ist nicht zu teuer. Du hast doch das Geld. Leiste dir was. Mach es dir ein bisschen schön am Wochenende. Kleiner Plausch mit den Nachbarn.

Ich will meine Ruhe. Ein Wochenende gibt es nicht. Verstehst du denn nicht …

’ne Dampferfahrt auf der Spree mit Reederei Riedel! Da siehst du an den Ufern, was sich alles getan hat in Berlin, trinkst ’n Bier, isst ’ne Bockwurst, bist unter Menschen!

Was? Ich sehe diese überfüllten Dampfer, was soll ich da, ich will das nicht.

Die sind gar nicht so überfüllt.

Was weißt du denn. Ich will mit diesen Touristen nichts zu tun haben, Touristen, Touristen, Touristen.

Und abends mal ins Konzert, in die Oper. Berlin hat so viel zu bieten, gerade am Wochenende. Kunstgenuss, verstehst du. Und du bist unter gebildeten Menschen, kommst ins Gespräch in der Pause oder hinterher, ein Gläschen Wein …

Ich halt’s nicht mehr aus. Warum tu ich mir das immer wieder an. Es gibt kein Wochenende! Und ich brauch auch kein Wochenende! Im Gegenteil.

 

An einem warmen Wintertag

Hier war mal ’ne Post. Oder ’ne Bank. Lange her
© Fritz-Jochen Kopka

Im Radio erforscht eine Schriftstellerin die Psychologie der Bettler und der Passanten, die ihnen was geben oder auch nichts geben. Dafür bemüht sie ihre Freunde D. und A. und ihre Freundinnen K., C. und B. Das Ganze ist dann ein politisches Feuilleton. Es ist mein Augenarzttag. Schneller als gedacht ist die Zeit rum. Ich muss meinen Raum verlassen. Ohne Laufschuhe, wegen des Lochs im Obermaterial. Die normalen Herrenhalbschuhe sind meinen Beinen unangenehm. In der S-Bahn sitzt der Wiesel (wir nennen ihn so wegen seiner steten Eile) neben mir. Ich höre, während ich Simmel, Die Großstädte und das Geistesleben, lese, von ihm in Abständen ein inwendiges Stöhnen.

Mit den Bahnen habe ich Glück. Sie kommen ohne Verzug. Koch-Straße, das Haus, in dem wir das Begrüßungsgeld holen wollten, ist jetzt ein Starbucks. Das war damals eine Post oder eine Bank. Denen war das Geld ausgegangen, wir mussten weiter in die Ritterstraße, wo ein Mann aus der Provinz das Geld für seine gesamte Familie einforderte. Dann müsse er auch den Personalausweis seiner Frau vorzeigen. Der Mann rückte und rührte sich nicht. Wahrscheinlich hatte ihm seine Frau eingeschärft, dass er sich nicht abweisen lassen solle. Das mit dem Personalausweis – Das ist uns in Cottbus nicht gesagt worden, sagte er. Das wurde für uns zum geflügelten Wort. Das ist uns in Cottbus nicht gesagt worden. Immer, wenn etwas nicht nach unseren Wünschen lief. Friedrichstraße. Markgrafenstraße. Ich könnte hier ehemaligen Chefs und Exfrauen in die Arme laufen. Was mir erspart bleibt.

Alte oder dicke oder seltsame Männer beim Augenarzt. Man spürt, wie das Leben vage an ihnen vorbeizieht. Der Graue Star ist, wie sich das für ihn gehört, bei mir auf dem Vormarsch. Das muss nun in Halbjahresabständen beobachtet werden bis zur Operation. In der Nähe des Springer-Hauses rauchen viele hochgewachsene Männer E-Zigaretten. Der Vorgang hat etwas Technisches, gar nichts Genussvolles, eher Obszönes. Springer und die E-Zigarette, das passt zusammen, finde ich, kann es aber nicht begründen.

Es war einmal eine City-Klause

Ich gehe jetzt nicht die lange, lange Friedrichstraße runter, ich fahr mit der Bahn bis Oranienburger Tor. Da ist ein altes Eckhaus anspruchsvoll rekonstruiert. Das Partnerhaus an der anderen Ecke ist noch grau und voller Narben. Hat auch was. In der City-Klause hat sich immer noch nichts getan. Der Eigentümer war stolz auf seine besonders gute Bockwurst und seine prominenten Gäste, er nannte Nina Hagen und Armin Müller-Stahl, aber dann war hauptsächlich der Herr Friedrich da, das war eine lebensgroße Puppe, die potentiellen Gästen die Angst vor dem leeren Lokal nehmen sollte. Das nördliche Stück der Friedrichstraße wurde damals umgewühlt, Baulärm und Baudreck waren allgegenwärtig, die Straße war mehr oder weniger tot, und an diesem Ende hat sie sich auch noch immer nicht richtig erholt. Das war 1994. Dem City-Klause-Wirt sollte ein Reisebüro nachfolgen; aber nichts ist.

In der Reinhardt-Straße zweigt der kleine Nebenarm Am Zirkus ab, ansonsten gibt es hier italienisches Essen, japanisches Essen, türkisches Essen und liberales Essen. Und den Buchladen Langer-Blomqvist, den Autoren und Verlagsmitarbeiter besser meiden sollten wegen der halben Preise, zu denen ihre Bücher hier nicht lange nach Erscheinen angeboten werden. Man kann nichts dazu sagen. Diese Buchhändler sind clevere Leute, die einen guten Überblick über Verlage und Ausgaben haben. Jetzt gibt’s auch noch ’ne Bonuskarte. Wer 9 Taschenbuch-Mängelexemplare gekauft hat, bekommt eines gratis. Warum ist mir das nicht gesagt worden, sage ich scherzhaft und denke an den Mann aus Cottbus, siehe oben. Wahrscheinlich haben Sie keine Taschenbücher gekauft, sagt sie. Doch doch, sage ich, aber ich nehme an, ich sehe zu vermögend aus. Ja, sagt sie, reiche Leute profitieren nicht von dieser Maßnahme.

Koreaner, Studenten, Lebenskünstler

Ein Buchladen am Tag reicht. Ich geh heut nicht mehr ins Dussmann-Kulturkaufhaus. Das Currywurstbistro ist leer. Ich steige in die Bahn und Warschauer Straße wieder aus. Ein milder, fast schon ein Frühlingstag. Ich würde sagen, Döblins Berlin Alexanderplatz ist jetzt hier. Eine lärmende, unaufgeräumte Straße. Bettler aus aller Herren Länder sitzen auf ihren zusammengerollten Schlafsäcken und warten auf ihr Glück. Ein Russe mit dem bewundernswerten Bass der Ostkirchen. Ich will in den Malerbedarf, muss aber vorher was essen, sonst kriege ich schlechte Laune und kaufe gar nichts. Ein kleiner Koreaner. New Arirang. Zwei Achtertische, drei Zweiertische, siebzehn Leute, nach meiner Schätzung alle Studenten und Lebenskünstler. Und der größte Lebenskünstler ist der Wirt. Er kocht, er serviert, er kassiert, er verbeugt sich, was nicht das Unwichtigste ist, er springt zwischen Töpfen, Tiegeln und Pfannen hin und her. Flammen zischen auf, im Laufschritt geht es an die Tische. Ein junger Koreaner mit androgyner Ausstrahlung hat seine Freunde mitgebracht und bereitet ihnen am Tisch mit asiatischer Gelassenheit eine authentische Mahlzeit.

Vorspeisen. Rechts unten war die schärfste

Der Wirt ist ein Mann in mittleren Jahren mit langen Haaren und einer hohen Stirn. Unwillkürlich muss ich an den weitgehend unbekannten koreanischen Tennis-Spieler Hyeon Chung denken, der gerade die Australian Open aufmischt. Ein Sportler mit weißer Popart-Brille, Popart-Frisur und stämmigen Beinen, die extreme Bälle erlaufen. Das hat schon was Unheimliches. Erinnert an eine Comic-Figur. Ein künstliches Wesen. Er hat Sascha Zverev und Novak Djokovic aus dem Turnier geworfen. Aber hier, der Wirt im New Arirang, sein Landsmann, überzeugt mich mit seiner ungebremsten Leistungsfähigkeit davon, dass auch Chung zu hundert Prozent echt ist. Die Koreaner sind eben im Kommen.

Ich kriege erstmal ein koreanisches Bier und die Vorspeisen auf vier weißen Schälchen, mariniertes Gemüse, so feurig, dass mir der Rachen brennt. Gut scharf, sage ich. Der Wirt deutet auf die Sauce auf dem Tisch. Nein, nein, wehre ich ab, ist scharf genug.

Warschauer Straße kommt nicht zur Ruhe

Die Studenten und Lebenskünstler haben sich viel zu erzählen. Wir sind wie unter Schwestern und Brüdern. Es ist ein kleines Lokal in einer lauten Straße in Ostberlin, und es ist eine glückliche Stunde an einem verdammt warmen Wintertag.

 

 

 

Frisch und Böll

Gegensätze ziehen sich an. Sagt man so

Es kam dazu, dass ich drei Bücher fast gleichzeitig zu Ende las. „Krieg und Frieden” im E-Book-Reader, „Gilgi eine von uns” von Irmgard Keun in der Werkausgabe des Wallstein Verlags sowie „Und sagte kein einziges Wort” als Insel Taschenbuch. Nicht zu Ende gelesen liegt hier noch „Stiller” von Max Frisch. Der „Stiller” und der Böll sind etwa das gleiche Zeitfenster (1954); aber was für ein Unterschied! Welten liegen dazwischen. Böll ist, was mir nicht bewusst war, jünger als Frisch, ganze sechs Jahre, 1911 und 1917 sind die Geburtsjahre. Aber Böll ist eben Kriegsteilnehmer und Frisch ist der Bürger eines Landes, das zwar eine Armee hat, aber neutral ist und sich nicht in Kriege verstricken lässt. So hat Böll ein sehr bedrückendes Buch voller Elend geschrieben, während es bei Frisch vergleichsweise um Luxusprobleme geht, das Spiel oder das Ringen um die Identität eines Menschen; worauf Bölls Fred Bogner nicht gekommen wäre: Der kämpft um das tägliche Brot und um den täglichen Schnaps; er liebt seine Frau und sie liebt ihn und beide lieben ihre Kinder, aber sie sind auf Grund ihres Elends nicht mehr in der Lage, zusammen zu leben. Und wenig später erscheint dieser Stiller vom Schweizer Max Frisch, der nicht mehr dieser Stiller sein möchte; den es anficht, von seinem Umfeld auf bestimmte Eigenschaften festgelegt zu sein, der es also leugnet, der seit Jahren verschollene Stiller zu sein und deshalb im Gefängnis sitzt, aber selbst das ist, im Vergleich mit dem armseligen Bogner, eine Luxusexistenz. Im Gegeneinanderstellen dieser beiden Bücher schneidet Frisch nicht gut ab. Bölls kleiner Roman ist ein notwendiges Buch – wir wüssten weniger über unsere Zeit und ihre Voraussetzungen ohne diesen Kurzroman. Frischs großer Roman ist ein überflüssiges, aber für die Literaturgeschichte wesentliches Buch, da geht es eben um Experimente moderner Prosa; zu solchen Absurditäten kommt es eben.

Er lächelt ein Untergangslächeln

So schön war die Katze von Margaret Mitchell, Vom Winde verweht

Ein Wort zum Aufbau-Literaturkalender des vergangenen Jahres wollte ich wie immer noch sagen. Der wurde 2017 50 Jahre alt. Ist viel. Kann man schon Tradition nennen in unserer schnellen Zeit. Hans Fallada, mit seinem Sohn Uli auf dem Pferdewagen im mecklenburgischen Carwitz, hat die Leine locker in der Hand, die Augen hinter der nicht allzu modernen Brille zusammengekniffen, die Kippe lässig auf der Lippe, Jackett, Krawatte, Westover. Uli lächelt, Falladas Mundwinkel ist abgesackt. Es ist ein glücklicher Moment. Viele davon wird es nicht geben, nicht für einen, der morphium- und alkoholabhängig ist. Nächste ländliche Szene: Hunter S. Thompson auf seiner Ranch bei Aspen, Colorado, ein sportliches Motorrad zwischen den nackten Beinen, Gewehr auf dem Rücken, ein Mann wie Thompson schießt sich seinen Braten selbst. Das Haupt wird schon kahl. Man möchte ihm gern in die Augen sehen, geht aber nicht. Sonnenbrille. Dafür sehen wir die Augen von Gabriel Garcia Márquez, ja, das sind die Augen eines Mannes, der den Magischen Realismus geprägt hat, da ist alles drin. Phantasie, Härte, Wehmut, Gelassenheit, Humor. Giuseppe Tomasi di Lampedusa, der Autor des „Leopard” oder richtiger des „Gattopardo”, an einem schattenreichen Platz im Grünen, der hochgebildete Aristokrat, Angehöriger einer untergehenden Schicht, im hellen Anzug mit Knickerbockern neben seiner schwarzgekleideten Frau und zwei schwarzen Hunden, er lächelt ein Untergangslächeln, nur für die Kamera. Theodor Storm, in unserer Kindheit wurden wir mit „Pole Poppenspäler” und dem „Schimmelreiter” gepeinigt, man hätte sowas lieber freiwillig gelesen, den Schimmelreiter sogar sehr gern. Hier sehen wir ihn im Kreise von sechs seiner sieben Kinder, bei Storm ist der patriarchale Druck unverkennbar, bei den Kindern der Drang nach Unabhängigkeit. Aufbegehren. Jane Austen sieht man ihr Talent zur Ironie kaum an, den hatte sie, die nie heiratete, vor dem Maler einfach so verborgen. Und da ist nun Thomas Rosenlöcher, der Dichter, der den Lyrikband „Ich lag im Garten bei Kleinzschachwitz” schrieb, ein Sachse kann sowas aussprechen, ein Sachse kann sich auch über die Sachsen lustig machen und sie trotzdem lieben. Der große Dichtermaler Michael Matthias Prechtl hat auch Alfred Döblin gemalt und in seinem Rücken einige Gestalten aus „Berlin Alexanderplatz” , zu denen dann auch der Regisseur Rainer Werner Fassbinder gehört. An Döblin fällt das korrekte Haar auf, die dicke Brille mit dem feinen gebogenen Bügel und wie exakt er einen Gegenstand ins Visier nimmt, wie er sich hingibt, um alles zu wissen. Wann hat man schon mal die Gelegenheit mitzukriegen, wie Clemens von Brentano aussah. Hier ist es eine Zeichnung von Wilhelm Hensel, eine hohe Stirn, eine unbeträchtliche Oberlippe, Augen, die unter den Lidern fast verschwinden und doch die Augen eines Romantikers sind. Victor Klemperer, der jüdische Mitbürger, der jeden Tag mit seinem Tod rechnete und das dritte Reich dennoch überlebte. Ich kann mir kaum ein aufwühlenderes Leseerlebnis vorstellen als die Lektüre seiner Tagebücher. Er empfand eher die Verpflichtung als das Glück des Überlebenden. Zeugnis ablegen. Gibt es irgendein Foto von Jack Kerouac, des Autors der Beat Generation, ohne Zigarette? Hier blättert er mit Allen Ginsberg, den früh die Haare verlassen, in einem Buch. Die Zigarette ist zwischen Zeigefinger und Mittelfinger der rechten Hand eingeklemmt, die Finger brauchen sie vielleicht mehr als die Geschmacksknospen und die Lunge. Und als das Jahr auf die Zielgerade einbiegt ein unglaublich gelöstes Bild von Peter Handke, fotografiert von Isolde Ohlbaum, 2010 auf Schloss Maurach. Was ist es, das ihn, den unduldsamen Zeitgenossen, so entspannt sein lässt? Hauptsache wir sehen: Es geht. Auch die größten Kritiker können die Zeit, die ihnen auf Erden gegeben ist, heiter erleben. Hin und wieder mal.

Wasser und Boden

Diese trübe Brühe

In den temporären heimatlichen Sümpfen, dachte ich bei diesem Anblick. Oder: Berlin kann schon sehr feucht sein. Ich erkenne mein Umfeld nicht wieder. Normalerweise ist es hier trocken. Fing es mit der Sintflut auch so an? Wir atmen nicht Luft, wir atmen Wasser. Die Gefahr, dass man hier bis zu den Haarspitzen versinken könnte, liegt gar nicht so fern. Klar, wir neigen in unseren gemäßigten Zonen schon bei geringen Abweichungen zu Übertreibungen. Die echten Katastrophen finden woanders statt. Aber wo sind die Krokodile? Die Natur zeigt uns, wie das Gewohnte eine andere Gestalt annehmen kann. Vielleicht sind diese Sümpfe gar nicht so temporär, sondern dauerhaft.

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Teenagerin sagt die Radio-Frau

Wir gehen getrennte Wege
© Fritz-Jochen Kopka

Das war 2017: Juli – August – September

Im Supermarkt stehen Frauen in Zweiergruppen und reden vom großen Regen. Die Katze macht, was sie will. In Deutschland verzweifeln viele Leute an ihren Nachbarn. Man muss nur zu schweigen verstehen. Der Hund hatte es im Rücken. Der Busfahrer war verwitwet und suchte händeringend nach einer Frau. Der Schornsteinfegermeister zog gebügelte und gestärkte Stofftaschenbücher aus der Tasche. Er ist achtzehn und verbringt viel Zeit im Bett. Der kleine Herr Schmidt war erschüttert. Ich lese Verlorene Illusionen, der E-Book-Reader fällt mir aus der Hand. Die Ärztin sieht aus wie das blühende Leben oder hat, anders gesagt, die Kontrolle über ihr Gewicht verloren. Granin stirbt mit 98 Jahren. Leningrad. Die Blockade. Der Hunger. Mein Leutnant. Einer kennt einen, der gerade in Klagenfurt liest. Wenn ein Juror nicht witzig war, glich er das durch Niedertracht aus. Die Verlierer haben hinterher immer schon vorher gewusst, dass sie verlieren werden. Er ging davon, ohne sich vor dem Publikum zu verneigen. Helden sind so. Je älter man wird, desto weniger bekommt man geschenkt. Sie haben die Freiheit, in ihrer Wohnung zu rauchen, aber sie rauchen auf dem Balkon. Er geht mit seiner Freiheit so sorgsam um wie mit seinem Geld. Nur am Anfang schmerzten die Beine. Diane Lane über amerikanische Filme: „Es muss immer größer als das Leben sein.” Do swidania – die Russin ist entzückt, die Rentnerin verstört. Die Männer wirken wie Statisten, denen kein Regisseur gesagt hat, was sie tun sollen. Ein greiser Philosoph, dem sein schwarzer Anzug mit den Jahren viel zu groß geworden ist, irrt mit wirrem Haar durchs Lokal. Sie muss zu vielen Ärzten und lange warten, um nichts zu erfahren. Ein Mann, eine Frau, ein dickes Kind, ein chancenloses Leben. Frauenfußball-EM. Siehst du ein Spiel, kennst du alle. Die Zahnärztin ist dünner und glücklicher geworden. Mit meinen Zähnen ist sie einverstanden. Der Schwerhörige: Wenn ich weiß, was du sagen willst, dann versteh ich auch alles.

Ich denke schon ein Weilchen über die Metaphysik der Illusionen nach. Sie schleppten nicht den Rucksack einer glorreichen Tradition mit sich herum. Aldi nimmt die Eier raus. Auf die gnadenlose Hitze sind wir nicht mehr eingestellt. Die Losung des Tages ist Flucht in den Schatten. Der Doping-Clown. Ein Monat zum Sterben. Es war wieder so ein Tag, an dem Verheugen sich vorgenommen hatte, heute überhaupt nichts zu sagen, um dann zu reden wie ein Wasserfall. Ich bin eben allein. Selbstgespräche zählen nicht. Ich saß im Garten und las Nietzsche. Menschen ohne Eigenschaften, aber mit Espresso. Sehnsucht nach der Vergangenheit. Die Bettler betteln am Rewe-Markt. Die Filiale von Zweitausendeins ist verschwunden, die Bärenschenke sowieso. Ein Zahnarzt geht vorbei. Er lächelt diabolisch. Die Philologen sind an allem schuld. Gegen Meppen half uns der Schiedsrichter beim Verlieren, nun half er uns beim Siegen. Schiedsrichter, sagt der Erfurter Trainer, sollen Spiele leiten, sie sollen sie nicht entscheiden. Der Hochmut der Unterschicht gegenüber allen, die vermeintlich noch etwas tiefer stehen, und allem, was sie nicht verstehen. Er lag im Bett und drückte bei laufendem TV-Gerät aufs Handy. Der Gärtner hat keinen, der das pflücken und fressen will. In einer Beziehung mit einem BMW. Tag und Nacht scheinen nicht aufhören zu wollen. Hier ist der Treffpunkt des Zeitfensters. An solchen Tagen kannst du Potsdam hassen. Es scheint die flachste Stadt der Welt zu sein. Grillvorbereitungen in der Vorstadt.

Das Zusammenbauen löste die übliche IKEA-Verzweiflung aus. Unten gaben Familien ihre Kinder zum Spielen ab. Was ist unsterblicher als die Idee ewigen Lebens? Verheugens Uhr bleibt stehen. Er weiß nicht mehr die Zeit. Man muss da einfach partikularer denken. Zum Teil gehört jeder Mensch einer Minderheit an, zu anderen Teilen eben einer Mehrheit. Er repräsentiert das eine so gut wie das andere. Es war mir ein Vergnügen, wenn auch kein ungetrübtes. In Weißensee, wo seine Praxis ist, formiert sich der linke Protest gegen den rechten Zahnarzt. Der Befreite steht da, mit leeren Händen, erschöpft, ausgelaugt. „In der Tat machten uns die Verteidiger des weiblichen Geschlechts damals weis, dass wir die Frauen ausbeuteten und erniedrigten, die wir nicht heirateten.” Seltsam, dass besonders grobe Menschen so gern die Formulierung „vom Feinsten” verwenden. Man war ein Gespött der Leute. „Die Stasi war mein Eckermann” …, und ich war mein Goethe. „Teenagerin”, sagt die Radio-Frau. Soll ich dir sagen, was die gewählt haben? Ein Wahlhelfer isst sein Butterbrot. Ich weiß nicht, ob es überhaupt noch Sinn macht, Alkohol zu trinken.

Mehr Rückblick gibt’s dann erstmal nicht. Oktober, November, Dezember – das war ja gerade erst

Der Schuster, die Absätze, die Rente

Die Schusterwerkstatt, wie sie im Buche steht, nämlich im Bildwörterbuch des Bibliographischen Instituts Mannheim/Wien/Zürich 1977

Ich trage die Schuhe mit den schief gelatschten Absätzen zum Schuster. Wir können uns glücklich schätzen, dass wir noch einen haben. Und was machen wir aus diesem Glück? Nichts. Ich habe mich immer bemüht, die runtergetretenen Absätze zu ignorieren. Ist noch nicht so schlimm. Wahrscheinlich gewöhnt man sich dann auch einen ganz bescheuerten Gang an oder so. Also. Ich war noch nie bei diesem Schuster. Er hat seine Werkstatt in einem nicht sehr urbanen Teil der Treskow-Allee, im Souterrain. Man geht daran vorbei und denkt, das Schild ist übriggeblieben, den Schuster gibt’s nicht mehr. Gibt’s aber doch. Er tritt hervor aus einem hinteren Raum, ein alter Herr mit kurzen Haaren, einen jungen Schuster können wir uns nicht vorstellen. Der Schuster sieht sich meine bedauernswerten Schuhe an und macht ein bedenkliches Gesicht. Das wird kostspielig, sagt er, ich muss mehrere Schichten abtragen und neu aufbringen. Nur prüft er das Gelenk, das ist der Bereich zwischen Absatz und Sohle, der lässt sich noch biegen, ohne zu brechen. In zwei Tagen kann ich die Schuhe abholen. Der Schuster erzählt mir, dass dies seine letzten Tage sind. Der Vermieter hat den Mietvertrag nicht mehr verlängert, aber über den könne er sich nicht beschweren, der war immer kulant mit seinen Mieterhöhungen, zum Glück hatte ich keinen langfristigen Vertrag, das kann ins Auge gehen, wenn mal was passiert. Bis zum Sommer hätte ich gern noch gemacht; dann wären vierzig Jahre komplett gewesen.

Haben Sie ihm das gesagt, dem Vermieter, mit den vierzig Jahren? Nee, sagt der Schuster, da hab ich nicht dran gedacht. Was soll’s. Dann genieße ich eben meine Rente. Ich bin ja schon 67.

Jetzt, im Jahr 2018, haben wir also keinen Schuster mehr. Meine Winterschuhe sind auch verdammt schiefgelatscht. In meinem Bildlexikon hat die Schuhmacherwerkstatt 68 Positionen. Von der Durchnähmaschine bis zum Weitfixleisten. Normalerweise werfen die Leute ihre kaputten Schuhe weg und kaufen neue. Oder sie kaufen sowieso dauernd neue Schuhe und vergessen die alten im Keller. Die genießen jetzt auch ihre Rente.

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