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Posts Tagged ‘Jerome Boateng’

Island-Heroes

An einem fußballfreien Freitagabend in Berlin-Mitte zeichnet sich die Apokalypse ab. Brexit,EM-Aus und so weiter © Fritz-Jochen Kopka

An einem fußballfreien Freitagabend zeichnet sich in Berlin-Mitte die Apokalypse ab. Brexit, EM-Aus und so weiter
© Fritz-Jochen Kopka

Die Polen retteten sich ins Elfmeterschießen und profitierten vom Fehlschuss Granit Xhakas. Man kann gar nicht ermessen, wie weit sein Schuss am Tor vorbeirauschte. Was vorher geschah: Ein Scherenschlagseitfallzieher Xherdan Shaqiris, der zum Ausgleich im polnischen Tor landete, ein Tor des Jahres des Kraftwürfels, wie ihn Reporter gern nennen, der zuvor nicht gerade von Glück und Geschick verfolgt war. Die Nordiren fliegen durch ein Selbsttor, in höchster Not erzielt, gegen Wales aus dem Turnier. Kroatien wurde durch Portugal in einen Lähmungszustand versetzt, auch hier war das Elfmeterschießen nah, bis Ronaldo am eigenen Strafraum einen Angriff über Renato Sanches einleitete, und als Nani von links außen flankte, war Ronaldo auch schon wieder vorn, der Torwart warf sich in den Schuss, den Abpraller versenkte Ricardo Quaresma. Die Zeit der kleinen Länder war im Achtelfinale vorbei, auch wenn Frankreich große Mühe mit den Iren hatte und die Belgier lange brauchten, um die famosen Ungarn letztlich noch klar zu besiegen. Das deutsche 3:0 gegen die Slowakei löste die Verkrampfung bei den Kommentatoren im Lande, nachdem sie vorher unentwegt gemeckert hatten. Aber waren die Änderungen des Bundestrainers in der Mannschaftsaufstellung wirklich so genial? Es lag doch auf der Hand, Götze aus dem Spiel zu nehmen und es noch mal mit Draxler zu versuchen, dem man nun gleich einen Zauberfuß zuschrieb, und wie erst die Hymne auf Jerome Boateng, der sein erstes Länderspieltor erzielte! Anders als die Ungarn und die Iren glaubten die Slowaken, warum auch immer, keine Sekunde an ihre Chance. Die Spanier glaubten an ihre Chance gegen Italien, aber sie spielten einen merkwürdig bedächtigen „Wie hat der Lehrer mal noch gesagt, wie wir spielen sollen”-Fußball, dass die Italiener mit ihrer kompakten und überraschend offensiven Spielweise kaum je gefährdet waren. Spanien ohne Feuer, ohne Verrücktheit. Kontrolle ist gut, Wahnsinn ist besser. Zum Spiel England gegen Island kam ich etwas zu spät. Da stand es schon 1:1. Und dann passen sich die Isländer am englischen Strafraum selbstbewusst und schnörkellos den Ball zu, Schuss Sigthorsson, Tor, Joe Hart sah ziemlich alt aus, 2:1. Die Stunde der Underdogs war doch noch nicht vorbei. Die Angst vor der Blamage setzte die Kreativität der Engländer außer Kraft. Der stolze Torschützenkönig Harry Kane hatte schon im ersten Gruppenspiel gezeigt, dass er bei dieser EM das Zeug zum Unglückraben hat. Hier sah er aus wie ein ausnahmsweise frisch frisierter Boris Johnson, der bei seinen unermüdlichen Torschussversuchen die Vergeblichkeit auf lächerliche Weise gepachtet hatte. Die Isländer waren großartig, kantig, gewitzt, mutig und aufopferungsvoll. Letztlich zeigten sie den Engländern, welchen Unterschied es macht, ob man irgendwo freiwillig austritt oder gezwungenermaßen rausgekegelt wird. Heroes of Island. Englands Untergang. Das war das Achtelfinale aus meiner Sicht. Auch wenn einem die Monster aus den Brüsseler Bürotürmen nicht gefallen – man kann sie bekämpfen, aber nicht durch Austritt. Das ist kein Kämpfen.

 

 

Deutschland – Ukraine absurde Momente

Die Tiefenschärfe der Nachwuchssportler – von den Deutsch-Russischen Festtagen in Berlin-Karlshorst am Tag des Ukraine-Spiels © Fritz-Jochen Kopka

Die Tiefenschärfe der Nachwuchssportler – von den Deutsch-Russischen Festtagen in Berlin-Karlshorst am Tag des Ukraine-Spiels
© Fritz-Jochen Kopka

Unsere Grillgäste kamen auf scharfen schwarzen Fahrrädern quer durch die halbe Stadt. Zuletzt streiften sie noch das Deutsche Haus. Deutsches Haus? Hier bei uns in Karlshorst? Na ja, das Haus, wo die vielen Deutschlandfahnen hängen. Kapiert. Fußballeuropameisterschaft. Unser entfernter Nachbar Hans im Glück übertrifft sich noch einmal selbst. Überdimensionierte Fahnen, große Fahnen, mittelgroße Fahnen, mittelkleine Fahnen, kleine Fahnen, Wimpel schmücken das Haus. Abends kreuzen Freunde und Verwandte auf und haben Raketen im Gepäck. Auf der Terrasse steht eine große Videoleinwand. Allerdings vermochte Deutschland gegen Ukraine keine Begeisterung zu wecken. Es blieb – trotz Sieg – merkwürdig still. Keine Raketen wurden abgefeuert, es sei denn, wir sind vorsichtshalber taub geworden.

Für meinen Geschmack lieferte das Spiel einige absurde Momente. Zunächst, wie Jerome Boateng, das Selbsttor, das er zu erzielen im Begriff war, noch mit einem halben Salto oder so, für den er von jedem Turnlehrer eine 4 minus bekommen hätte, verhinderte. Das musst du erst mal können: Deine eigene Rückgabe auf der Torlinie abfangen. Ich meine, er sieht in seinen Bewegungsabläufen oft etwas ungelenk aus, aber er bringt es einfach.

Für den zweiten absurden Moment sorgte Bastian Schweinsteiger. Ja, ganz richtig. Männer dürfen seit einiger Zeit etwas fülliger sein, auch Sportler, das ist durchaus sexy (hört man aus eingeweihten Kreisen). Schweinsteigers müde Beine wurden von der erwartbaren Flanke Özils magisch angezogen, so dass dem Spieler nichts weiter übrig blieb, als ihnen zu folgen. Özils Ball erreichte seinen rechten Fuß, er drückte ihn technisch anspruchsvoll über die Linie, 2:0. Die Kraft reichte gerade noch, um zur deutschen Bank zu laufen. Noch beim Interview nach dem Spiel pumpte er wie ein Maikäfer, aber er hatte in fünf Minuten Einsatzzeit ein Tor geschossen. Man fragt sich, wie das möglich ist, aber es geschah. Absurd war natürlich auch, wie die Ukrainer es fertig brachten, aus ihren vielen Möglichkeiten in der ersten Halbzeit kein Tor zu machen, und als unser Mustafi ihnen gegen Ende des Spiels helfen wollte, gelang auch ihm das Selbsttor nur halb, und den Rest erledigte der vorzügliche Manuel Neuer, der den mitgelaufenen rumänischen Stürmer in den Rasen rammte. Dass der Schiedsrichter das laufen ließ, war auch absurd.

Und an die letzte Absurdität haben wir uns längst gewöhnt. Ersatzspieler und Stimmungskanone Podolski feierte Schweinsteiger derart triumphierend, als wären es seine, Podolskis, Beine gewesen, die den Ball erlaufen und das Tor erzielt hätten. Am Ende ist immer Podolski der Sieger, auch wenn er gar nicht gespielt hat.

Nachbarschaft hoch angebunden

Unter der Weltzeit, neben der Weltzeit und um sie herum – man kann hier im Regen stehen, muss aber nicht © Fritz-Jochen Kopka

Unter der Weltzeit, neben der Weltzeit und um sie herum – man kann hier im Regen stehen, muss aber nicht
© Fritz-Jochen Kopka

„Kann ich nur drüber lächeln.” Jerome Boateng ist offenkundig klüger als die gesamte einheimische Medienmacht, die aus dem Nachbar-Satz des AfD-Politikers Alexander Gauland ein Spitzen- und Dauerthema macht. Die FAS hat die Äußerung über Boateng unter die Massen gebracht. „Die Leute finden ihn als Fußballer gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben.” Dazu gibt es kein Interview, keinen Kontext, die FAS erzählt dann nur, dass die wirklichen Nachbarn „im gediegenen Münchner Stadtteil Grünwald” ihren Nachbarn Boateng okay, normal und cool finden. In Potsdam, wo Gauland wohnt, würden die Leute lieber Boateng als Nachbarn haben, das liefert die Berliner Zeitung eilig nach.

Es kommt mir so vor, als hätten die FAS-Leute die Sprache auf Boateng gebracht, denn Gauland kann mit dem Münchner Innenverteidiger nicht viel anfangen, vielleicht verwechselt er ihn gar mit seinem Halbbruder Kevin-Prince Boateng; es kommt mir so vor, als sei da eine Falle aufgestellt worden, der brave Gauland tappte hinein, und die FAS (und mit ihr der ganze Medienzirkus) hatte ihre Sensation. Es ist auch ganz sicher so, dass Gauland so wenig wie du und ich darüber befinde sollte, wer wen zum Nachbarn haben möchte, das ist halt nur so ein Gefühl; und es steht jedem frei, unüberlegtes Zeug zu reden, dafür haben wir ja unsere Demokratie.

Wir erinnern uns aber daran, wie oft die Medien sich darüber beklagen, dass es keine spontanen, ausgefallenen, innovativen, eigenständigen Äußerungen von Politikern gibt, nur eben diese Parteistandards, das ganze verdammte langweilige politisch korrekte Zeug. Aber wenn dann jemand mal ein kleines Stück eigenen Weges geht und dabei daneben latscht, dann benehmen wir uns so wie dieser Erdogan. Wir möchten dann plötzlich, dass alle so reden wie Volker Kauder und die anderen ermüdenden Parteisoldaten. Nebenbei gesagt ist Nachbarschaft auch ohne Alexander Gauland und die FAS und die Medienmacht ein ziemlich spezielles Thema, je näher die Nachbarschaft ist, desto spezieller. Wir müssen aber die Nachbarn so nehmen, wie sie kommen, und das tun wir auch. Ich würde ganz gern neben einer Type von Borussia Dortmund wohnen, aber deshalb wird keiner von denen nach Berlin ziehen. Lebe ich also neben diesen wackeren Rentnern und den jungen Ehepaaren, den freundlichen Vietnamesen und den sportlichen Afrikanern und kann über all das lächeln wie Jerome Boateng. Es ist immer gut, wenn man als Nachbar tolerant ist und wenn man tolerante Nachbarn hat. Das ist in meinem Fall der Fall.

Messi eines Mittwochabends

Als ich am Mittwochabend nach dem Tischtennistraining nach Hause kam, stand es zwischen dem FC Barcelona und dem FC Bayern München 0:0, und es sah ganz so aus, als sei das bis zur 64. Minute, in der ich einschaltete, eine zähe Angelegenheit gewesen. Aber dann wollte Neymar einen Elfmeter haben und sein Landsmann Rafinha zeterte mit ihm, weil er das Foul im Strafraum simuliert habe, Neuer wollte die Gelegenheit nutzen und einen schnellen Konter einleiten, aber Bernat verlor den Ball an Dani Alves, der zu Messi flankt. Messi steht an der Strafraumgrenze und zieht kurz und trocken (oder wie man so schön sagt: ansatzlos) mit links ab; der Ball schlägt rechts im Tor der Bayern ein; Neuer streckt sich vergeblich und tobt. Der Bann ist gebrochen. Barcelona jubelt. Aber das ist nur das bescheidene Vorspiel dessen, was drei Minuten später geschieht: Messi dringt mit dem Ball am Fuß in den Strafraum ein, aber da steht Jerome Boateng; der Mann mit den besten Zweikampfwerten, sehr schnell, beneidenswerte Physis. Messi deutet den Schwenk nach links an, dreht blitzschnell nach rechts ab, hat dabei Boateng derart verwirrt, dass der wir ein nasser Sack auf den Arsch fällt, Messi überlupft den aus dem Tor herausstürmenden Neuer, und das Kunstwerk ist vollendet. Unter dem Strich verwundert, dass Neuer, der nach dem 0:1 noch tobte, nun plötzlich (wie auch nach Neymars 0:3) locker hüpfend auspendelt. Was bleibt ist auch, dass man bei Boateng nun immer daran denken wird, wie er derart ausgetrickst wurde, dass er nur noch umfallen konnte. Und das kommt auch noch hinzu: Der brave ZDF-Reporter Bela Rethy schreit, dass Boateng fällt, in der Hoffnung, dass der Schiedsrichter ihn hört und ein Offensivfoul pfeift, aber Messi hat Boateng nicht einmal berührt. Messi, der Einzigartige. Er ist auferstanden. Lange Zeit hat er sich mit allen möglichen Problemen, mit Übergewicht und der eigenen Lustlosigkeit herumgeplagt, und wir mit ihm, denn ein solch begnadeter Spieler gehört nicht nur einem Land und einem Verein, er gehört der ganzen Welt und die Welt gehört ihm.

Es ist mittlerweile Verhaltenskodex in Deutschland, dass man sich über Niederlagen der Bayern im Inland freuen darf, weil die Liga durch ihre Überlegenheit langweilig geworden ist. Wenn sie aber in der Champions League spielen, muss der gute Deutsche fest an ihrer Seite stehen. Wie soll man diese Schizophrenie auf die Reihe kriegen? Zuerst zählt immer noch die hausbackene alte Weisheit, dass der Bessere gewinnen soll. (Manchmal ist aber nicht ganz sichtbar, wer der Bessere ist. In diesem Fall war es das aber.) Zweitens leben wir in einer Situation, wo die Grenzen durchlässig geworden sind und die Sympathiepunkte nicht mehr nach purem Patriotismus verteilt werden. Wenn man bei jedem Sieg der Bayern schon Angst haben muss vor dem Triumphgeheul, dass der Verein und die Medien dann anstimmen werden, wenn man an das dauernde Gefasel vom Triple denkt, dann kann man einfach nicht viel Gefühl für den FC Bayern aufbringen. In Barcelona zeigten sich die Bayern allerdings als faire Verlierer. Das haben sie auch nicht immer gekonnt. Jetzt sind sie dabei, es zu lernen.

Werden wir viel Zeit haben zur EM?

Für das Vorbereitungsspiel gegen Israel hatte Bundestrainer Löw keine andere Idee als diese: Wenn ich zuvor gegen die Schweiz keine Bayern-Spieler einsetzen konnte, dann verzichte ich jetzt zum Ausgleich freiwillig auf Dortmunder Kicker. Und das Ergebnis gab ihm und seiner Idee recht. Nach dem 3:5 gegen die Schweiz ein 2:0-Sieg in Leipzig gegen ein israelisches Team, das allerdings von vornherein keine Offensivambitionen hatte. Was die armen Sachsen im Leipziger Zentralstadion sahen, war das, was sie vermutlich von ihrem Viertligaverein gewöhnt sind: deutscher Beamtenfußball. Unverdrossen über die Außenbahnen nach vorn, in die Mitte flanken auf Gomez und seinen erheblichen Körper. Fußballzauber, Kreativität waren nicht zu sehen. Mesut Özil ist offensichtlich müde. Thomas Müller erreicht seine Form nicht. Toni Kroos ist und bleibt Phlegmatiker. Mir kam der Verdacht, dass ein Team, in dem der Hektiker Müller und der Phlegmatiker Kroos nebeneinander stehen, nicht funktionieren kann. Die Bayern sollten einen dieser hervorragenden Fußballer verkaufen, und in der Nationalmannschaft muss man irgendwie eine Lösung für dieses personelle Problem suchen. Die Europameisterschaft steht vor der Tür und wir wissen nicht, was wir tun sollen. Wir haben immer noch nur einen Außenverteidiger. Schwer vorstellbar, dass man mit einem Jerome Boateng auf der Außenposition Europameister wird. Und auf der anderen Seite: Warum kann Dortmunds Trainer Klopp mit Marcel Schmelzer so viel anfangen und Jogi Löw so wenig? Rätselhaft. Die lange verletzten Klose und Mertesacker brauchen Spielpraxis, sehr richtig. Und der lange verletzte Götze, von dem man sich noch Ideen und schnelle Spielzüge erhoffen kann – hätte der nicht auch so viel Einsatzzeit wie möglich bekommen müssen und zwar ausdrücklich nicht auf der Doppelsechs? Aber da tut sich nichts.

Nur eins ist sicher. Wenn die Europameisterschaft Fußballspiele wie das gestrige präsentiert, werden wir viel Zeit für andere Dinge haben. Aber das kann und wird nicht so sein.