Archive

Archive for Januar 2013

Sterben die Deutschen aus?

Januar 31, 2013 2 Kommentare
Der Mann im Hintergrund plant schon den nächsten verbalen Übergriff

Der Gehirnamputierte im Hintergrund plant schon den nächsten verbalen Übergriff

Ja. Also. Sterben die Deutschen aus? Kann schon sein. Mit der Sexismus-Debatte und ihrem unterirdischen Niveau, um das sich etwa Alice Schwarzer, Hellmuth Karasek, Renate Künast und Heiner Geißler verdient machen, gehen wir einen weiteren Schritt. Nur die tapfere Sandra Maischberger verweigert sich, ansonsten sitzen sie in allen Talkshows mit ihren Tunnelblicken und reden in Abwesenheit der Selfmade-Witzfiguren Himmelreich und Brüderle auf der Basis politischer Korrektheit über ausgefüllte und nicht ausgefüllte Dirndlkleider. Warum sind Sie denn heute so uncharmant zu mir, beklagt sich Frau Schwarzer, wenn Herr Jauch nicht ihrer Meinung ist, und warnt vor der unheilvollen Tendenz, das Thema kleinzureden. Herrenwitze, Anmachen, verbale Übergriffe sind Machtfragen. Jede Annäherung, jeder Flirt können (moralisch) tödlich sein. Ist es da ein Wunder, wenn die Geburtenrate sinkt und sinkt und sinkt? Nee, ist kein Wunder. Eher ein Wunder, dass es unter diesen Bedingungen überhaupt noch zu einer Begegnung der Geschlechter kommt. Die Würde der Frau ist unantastbar. Und alles andere auch.

Mein schönes Fräulein, darf ich wagen,/ Meinen Arm und Geleit Ihr anzutragen? – Verdammt, das ist doch Sexismus. Und Goethe war natürlich ein Macho. Schlimmer noch als Brüderle. Streichen wir ihn aus dem Kanon.

Rainer Brüderle geht durchs Land und küsst Weinköniginnen und junge Birken. Das wusste man. Nun hat er aber auch noch einer jungen Stern-Journalistin die Hand geküsst. Der alte Bock. Ehrlich gesagt, ich finde es rührend. Er versucht der jungen Frau, die sich, nach Schichtschluss, nachts an der Bar anschleicht, um inoffiziell etwas Tolles für ihr investigatives Magazin herauszubekommen, ein Kompliment zu machen und ist bemerkenswert ungeschickt darin. Mehr so hilflos. Hält sich wahrscheinlich wie viele Männer für unwiderstehlich. Und die begabte Journalistin ist derart verletzt und in ihrer Arbeitskraft eingeschränkt, dass sie ein Jahr braucht, um ein Brüderle-Porträt zustande zu bringen. Tragisch.

Interessant übrigens, dass die ominpotenten Medien billigend in Kauf nehmen, dass die Zusammenführung von Brüderle und Himmelreich nicht gelingt und stattdessen die anderen, die Schwätzer vom Dienst, die eigentlich Unbetroffenen oder eher Unkundigen, reden und reden.

Es ist nicht davon auszugehen, dass jedes unerwünschte, jedes missglückte Kompliment als Unterdrückungsmaßnahme geplant war.

Um Themen zu setzen, die ihnen die Leute abkaufen, brauchen die Medien Feindschaften, wie sie das Internet zur Recherche brauchen. Dünne gegen Dicke, Junge gegen Alte, Einheimische gegen Migranten, Hartz IV gegen Managerbezüge, Löw gegen Ballack, Steinbrück gegen Steinbrück. Und vor allem Frauen gegen Männer. Das Geplänkel zwischen diesen hat es immer gegeben. Wird es auch immer geben. Ist auch durchaus nicht einseitig. Wollen, müssen wir Ironie, Anspielungen, Zweideutigkeiten, Charme, auch misslingenden Charme, aus der Kommunikation verbannen? Ich weiß ja nicht. Freiheit oder Gleichheit? Freiheit. Freiheit ist ohne Risiko nicht erhältlich.

„Unzweifelhaft kommt den modernen Massenmedien das Potential zu, affektive Epidemien auszulösen – alle schlagzeilenfähigen Themen breiten sich, wie man weiß, nach dem Prinzip der viralen Infektion aus. Zugleich neutralisieren sie ihre Stoffe, um sämtliche Vorkommnisse dem Gesetz der Vergleichgültigung zu unterwerfen. Es ist ihre demokratische Mission, Indifferenz zu erzeugen, indem sie den Unterschied zwischen Hauptsachen und Nebensachen auslöschen.” Ein kluger Kopf, der sowas sagt? Peter Sloterdijk, Zorn und Zeit, Suhrkamp 2006.

War das nicht sexistisch?

Es gibt anscheinend auch gelingende Großbaustellen in Berlin. Warum spricht darüber keiner?

Es gibt anscheinend auch gelingende Großbaustellen in Berlin. Warum spricht darüber keiner?

Ein 25jähriger Berliner aus Heinz Buschkowskys Neukölln ließ es sich auf der Grünen Woche gut gehen und suchte zum krönenden Abschluss einige Kneipen auf. Halbnackt und volltrunken landete er endlich in Höhe Halensee auf der Stadtautobhahn und brachte dort den Verkehr zum Erliegen. Als die Polente kam, ergriff der waghalsige Mann die Flucht, konnte aber von den Beamten an der Mittelleitplanke ergriffen und dem Prozess der Ausnüchterung überlassen werden.

Nun weiß ich, warum ich die Grüne Woche seit Jahren meide und warum der Großflughafen Berlin-Brandenburg nicht fertig wird.

Bleibt noch die Frage, ob das nicht sexistisch war. Denn durch seine Nacktheit hat der Mann, der auch nicht viel jünger ist als Laura Himmelreich, zweifellos weibliche Autofahrer angemacht und ist mit dem immer noch schweigenden Rainer Brüderle auf eine Stufe zu stellen.

Kategorien:Berlin Schlagwörter: , , ,

Es ist noch Hoffnung da

Kann ein spannender Krimi gleichzeitig eine Klamotte sein? Oder eine Klamotte ein spannender Krimi? Ich sage nein. Beim Saarländischen Rundfunk versuchen sie es. Sie haben jetzt Devid Striesow als Kommissar, und wer Striesow hat, kann verleitet sein, alles zu wagen. Man hat nach der Beliebtheit des klamaukhaften Münsteraner Tatorts geschielt und Striesow eine Kauzigkeit nach der anderen an  die Backe geklebt: Kommissar Jens Stellbrink tritt  als reiner Tor auf dem Motorroller auf, der nicht anspringt, wenn’s grad um Leben und Tod geht, er ist Yogi und Kindernarr, zeitweise total weggetreten und punktuell hellwach. An seiner Seite kämpft die sportive Kommissarin Lisa Marx, die erst mal den Stock aus dem Arsch nehmen soll, ehe sie sich einem Kind nähert (als der Film gedreht wurde, ahnte man nichts von einer Sexismus-Debatte). Der Reigen kurioser Gestalten setzt sich fort, annehmbar ist die streitbare Kriminalromanrentnerin, unerträglich die überdrehte Staatsanwältin. Kein Timing. Ist auch nie gut, wenn der Zuschauer mit seinen Ermittlungen viel weiter ist als die Polizisten. Ein paar Szenen gibt es, in denen Striesow, der anscheinend angefangen hat, auf sein Gewicht zu achten, was erstmal nach hinten losgeht, auf der Höhe seines speziellen Charmes ist. Der neue saarländische Tatort ist kein hoffnungsloser Fall. Man muss sich nur wieder einkriegen.

Kategorien:Tatort TV Schlagwörter: ,

Aufstieg zum Galgen

Im Berliner „Arsenal” am Potsdamer Platz zeigen sie Filme von  Larissa Schepitko, es sind gerade mal viereinhalb. Schepitko kam als Vierzigjährige bei einem Autounfall ums Leben.

Man schwebt mit dem gläsernen Fahrstuhl ins zweite Untergeschoss und befindet sich sofort unter Freaks. Die grauhaarige Intellektuelle, die konzentriert in einem Paperback liest und Notizen in einer winzigen Schrift hineinkritzelt. Kinematographische Heldengestalten mit femininen Frisuren. Veteranen der Kunst- und der linken Szene. Filmstudenten. Eine Japanerin kramt eine silberne Thermoskanne aus ihrem Rucksack und schenkt sich Kaffee ein. Einmal während des Films blendet mich diese Kanne, und ich weiß zunächst nicht, was es ist. Ansonsten darf man sagen, dass es sich im Arsenal um ein diszipliniertes Kinopublikum handelt. Es wird allerdings mit zehnminütiger Verspätung angefangen, weil der Filmvorführer genau weiß, wer von den Stammzuschauern noch fehlt. Alles sehr sympathisch.

„Aufstieg”, gedreht nach einer Novelle von Wassil Bykau, ist ein Winter-, ein Kriegs- und ein Sinn-des-Lebens-Film. Und vor allem ein Film der Bilder. Die ukrainische Schneewüste, die dich zu verschlingen droht. Eine Überlandleitung, die Masten stehen auf abenteuerliche Weise schräg, als könnten sie jeden Moment fallen und das Ende der Welt einleiten. Schepitko, heißt es, erschuf „eine Bildsprache, die mit eindringlichen Bildern innere Welten zu evozieren vermochte”. Kahle Bäume, deren Astwerk an verworrene Seelenzustände denken lässt.

Der Kommandeur einer Partisaneneinheit hat Rybak und Sotnikau ausgesandt, damit sie Lebensmittel für die ausgehungerten Kämpfer beschaffen. Sie werden von den Deutschen gefasst. Einer von beiden wird sein Leben retten, weil er kollaboriert. Wer wird es sein, Rybak, der Fünftklässler, der gern von seiner Liebsten redet, oder Sotnikau, der Lehrer, der von seinem Husten fast zerrissen wird? Rybak hängt am Leben, in seiner Naivität glaubt er, listig genug zu sein, um sich retten zu können und der Heimat nicht zu schaden. Der Lehrer, Sotnikau, mit glühenden Eisen gefoltert, begibt sich früh und mit aller Konsequenz auf den Passionsweg. Ein ukrainischer Christus. In der unterirdischen Zelle kämpft Rybak mit dem Kameraden und mit seinem Gewissen. Das ist ein pathetisches, quälendes, schier unerträgliches Wüten mit Argumenten.

Warum „Aufstieg”, warum heißt Schepitkos Film so? Der Weg zum Galgen führt auf eine Anhöhe. Sotnikau und die Mitverurteilten schleppen sich hinauf, es ist eine lange Prozession, akzentuiert von dem ständig wiederholten, immer gleichen deutschen Befehl, ein Aufstieg in den Tod und die Unsterblichkeit. Falls es die gibt. Selbst, um dem Tod nahezukommen, muss man sich schinden. Rybak bleibt übrig, geschlagen mit dem „tückischen Schicksal eines im Krieg verirrten Menschen”.

Danach gehen wir die Treppe hinauf, nehmen nicht den Lift. Ein gepflegter Kunstschwätzer belehrt teilnahmslos einen jungen Mann, dass Schepitko im Vergleich zu Tarkowski recht angepasst war.

Er suchte immer noch

Lost in dreams

Lost in dreams

Im Traum saß Hubert Schubert neben Sigmar Gabriel (sein alter Journalistenberuf verfolgte ihn im Unbewussten). Der führende Genosse war kumpelhaft, wie man ihn aus den Medien kennt, aber ohne Talent zur Empathie, bis er Hubert Schubert wissen ließ, dass er einen neuen Dienstwagen habe. Die Zeitungen hatten sich schon darüber verbreitet, er zeigte Hubert Schubert einen Bericht, in dem auch die Nummer des neuen Wagens vermerkt wurde. Es könnte wichtig sein, verriet Gabriel, diese Nummer zu kennen. Hubert Schubert glaubte, nicht richtig verstanden zu haben, begann aber, die Nummer aus der Zeitung abzuschreiben. Die Buchstaben und Zahlen verschwammen vor seinen Augen, es gelang ihm nicht, die Nummer korrekt abzuschreiben, da waren immer ein paar Buchstaben zu viel. Die lass ich dann einfach weg, wenn ich die Nummer brauche, dachte Hubert Schubert, aber Restzweifel, dass er dann auch wirklich die falschen Buchstaben weglassen würde, blieben und waren keineswegs klein.

Dann saß er wieder in seinem Büro. Die Wache rief an, da warte jemand auf ihn. Scheiße, Besuch, dachte Hubert Schubert und stellte fest, dass er nackte Füße hatte. Offensichtlich hatte er Schuhe und Strümpfe bei dem Meeting mit Gabriel liegen lassen. Zum Glück standen Hausschuhe da, er zog sie an. In der Wache wartete seine Schwester auf ihn, mit der er seit einiger Zeit, warum auch immer, keinen Kontakt hatte. Trotzdem umarmten sie sich. Ich muss noch mal rein, sagte Hubert Schubert und dachte, seine Schwester würde sich freuen, wenn sie das Fernsehgelände mal von innen sehen könne. Da waren sie nämlich, Berlin-Adlershof, und vor der guten alten Kaffeestube, in der er so manche Stunde vertrödelt und vertrunken hatte, standen seine Schuhe. Nun also noch ins Büro, da mussten die Strümpfe sein. Wir sind letzte Woche umgezogen, erläuterte Hubert Schubert, vom fünften Stock hinunter, keine Ahnung warum, ziemlich sinnlos. Im Treppenhaus kam ihm die Orientierung abhanden. In welchem Stock sind wir jetzt, fragte er. Im zweiten, sagte seine Schwester. Zurück, sagte Hubert Schubert, wir müssen in den ersten. Er öffnete die letzte Tür auf der linken Seite. In dem Raum randalierten ein paar Lehrlinge und begrüßten die Schwester und Hubert Schubert höhnisch. Hubert Schubert öffnete die Tür auf der anderen Seite: weibliche Lehrlinge, nachlässig gekleidet, sich schminkend, essend, trinkend. Er kam ins Grübeln. Überall Lehrlinge. Sein Büro war verschwunden. Nun gingen sie doch in den zweiten Stock. Dort waren alle Räume leer. Kein Tisch, kein Stuhl, kein Mensch. Die Schwester übernahm  die Initiative. Sie öffnete die Tür zu einem großen Büro und wandte sich vertrauensvoll an eine Frau im strengen Dienstkostüm: Wo denn die Räume des Fernsehfunks seien, Sie besitzen doch sicher einen Belegungsplan. Selbstverständlich. Die eben noch strenge Frau werkelte an vielen Schubladen und Regalen. Die Zeit ging dahin. Ein Ende war nicht abzusehen. Die Frau wurde nervös, zuckte, ihre Verrichtungen wurden immer unsinniger; eine Information war von ihr nicht zu bekommen. Hubert Schubert und seine Schwester fanden sich auf dem Korridor wieder. Diese Frau Speicher, sagte Hubert Schubert, denn plötzlich wusste er ihren Namen, diese Frau Speicher ist ja völlig fertig. Er sagte es mit schlechtem Gewissen, denn welchen Eindruck mochte er selbst machen, der er nicht in der Lage war, sein eigenes Büro zu finden. Ja, rief seine Schwester plötzlich, sie hat zwei Brüder, aber sie muss immer noch arbeiten, weil sie diese 700 Euro zum Leben braucht.

Das Büro muss doch im ersten Stock sein, vielleicht gibt es da noch einen Durchgang. Den gab es tatsächlich. Allerdings fanden hinter der Zwischentür Schweißarbeiten statt. Die grelle Flamme blendete sie.

Der Harndrang erlöste Hubert Schubert. Warum, dachte er, haben Träume ein positives Image: Traumhaft. Es war wie im Traum.

Dieser verdammte Traum hing irgendwie über. Wo ist mein Büro? Wo gehöre ich hin? Verlorenheit. Er suchte immer noch.

Kategorien:Dreamers Schlagwörter: , ,

Der Mann, der das Altmodische liebte

Januar 22, 2013 1 Kommentar
Alle zwei Jahre kann man Genazino lesen

Alle zwei Jahre kann man Genazino lesen

Wilhelm Genazino, der in diesen Tagen, um nicht zu sagen: heute, 70 wird, hat mit dem Alter nicht mehr Probleme als mit der Jugend oder den besten Jahren eines Mannes. Er ist nämlich gesund, wenn auch nicht ohne Übergewicht, er lebt in Frankfurt am Main und geht durch die Stadt. Was er beobachtet, schreibt er mit dem Bleistift auf kleine Karteikarten, er schätzt den Bleistift wie alles Altmodische, ein Bleistift kann nicht auslaufen wie ein Kugelschreiber. Genazino besitzt keinen Computer und keinen Fernsehapparat, ich glaube, er hört Musik, und er schreibt auf einer mechanischen Schreibmaschine jeden Tag eineinhalb bis zwei Seiten, die dann nicht mehr korrekturbedürftig sind. So kommt es, dass er jedes zweite Jahr einen neuen Roman von 150 bis 200 Seiten vorlegt, der jeweils den Vorgängern nicht unähnlich ist. Genazino schreitet und sitzt seine Romane aus wie Kohl seinerzeit die innen- und außenpolitischen Probleme. Dass einer wie er den Büchner-Preis erhielt, mutet sonderbar an. Genazino ist der Anti-Büchner, der Nicht-Revolutionär. Was der Mensch meint, verbergen zu müssen, wird von Genazino in den Blick genommen und beschrieben. Für ihn ist es existenziell, seine Scham zu überwinden, darin ähnelt er Philip Roth; sonst gar nicht.

Wir fahren nach Pankow über Alexanderplatz, ich lese Genazinos „Wenn wir Tiere wären”, Andrea fragt, wie ist das, ich sage, wie immer, behäbig und selbstbezogen, auch ziemlich pedantisch, lies mal hier, das war eine Stelle, wo Maria dem Erzähler unbedingt die Schuhe putzen will, bevor er zur Beerdigung geht, und er will die Schuhe nicht geputzt bekommen und redet ausführlich über den Unterschied zwischen Schmutz und Staub. „Ich wollte ihr nicht erklären, dass es ein angenehmer metaphysischer Zustand ist, Schuhe bei ihrer fortlaufenden Selbsteinschmutzung zu beobachten.” Der hat doch ’n Knall, möchte man mit allem Respekt zu einem solchen Helden sagen. Anders gesehen: Der Mittelstand und die Mittelmäßigkeit, wie Genazino sie beschreibt, sind mit dem Wort Durchschnitt keineswegs abgefrühstückt, man sollte nicht glauben, mit welchen Facetten diese farblosen Menschen aufwarten können, sie sind keineswegs, wie behauptet, skurril-liebenswerte Antihelden, denen nur der Humor aus ihrer Misere hilft; sie sind Sonderlinge, die sich zu behaupten wissen und an denen manche Frau verzweifeln kann. An den Tieren schätzt Genazino, dass sie kein Glücksverlangen kennen, das macht ihnen das Dasein leichter. Romantische Liebe kommt bei Genazino nicht vor, Sex ist ein Sache des Gebens und Nehmens. Wer zu Gefühlsaufwallungen neigt, bleibt auf der Strecke. So ist auch der Architekt in „Wenn wir Tiere wären” noch nicht einmal ein Antiheld, sondern ein Lebewesen, das wie ein Mann in mittleren Jahren aussieht, Wein trinkt, Tiefgaragen zeichnet, Frauen besteigt, die Reste aus dem Kühlschrank isst und ab und zu eine kleine Betrügerei begeht, einfach, weil er mal die Regeln brechen muss. Das Resultat ist ein Gefängnisaufenthalt, der natürlich auch mit stoischem Gemüt absolviert wird.

Auf Regelverstöße gehen auch die Berufe zurück, die Genazino seinen Gestalten gelegentlich andichtet. Da heißt es an einer Stelle: Von Beruf bin ich freischaffender Apokalyptiker. Es kommt auch der Panik-Berater Dr. Ostwald vor, der Konfliktlockerungsbehandlungen anbietet. Genazinos Welt.

In der stößt man mit einiger Sicherheit auf befremdliche anatomische Details, die man lieber nicht wissen möchte. Etwa: die aufgestülpten Schamlippen der Ehefrau nach der Geburt der Tochter. Der Ehemann, der ihr andeutet, dass das nicht weiter schlimm sei. Die Frau, die gekränkt das Schlafzimmer verlässt.

Genazinos berühmteste Gestalt ist der  Angestellte Abschaffel. Ein Onanist, Bordellbesucher und Kolleginnenbeschläfer. Beobachtet sich selbst, überzieht sein Konto, sucht sein Geschlechtsteil nach Filzläusen ab. Zum Leben braucht er Ideen wie die Luft zum Atmen, aber er hat Angst, dass sie ihm ausgehen könnten, die Ideen, und er dann nicht weiß, wie er die Zeit, die ihm auf Erden gegeben ist, überbrücken soll.

Nie entzündet sich sein Gefühl, nie schwärmt er für eine Frau, nie findet er irgendwas schön an einer, nie ist er Enthusiast. Schließlich setzt er sich im Lokal zu einer, die Margot heißt und geschieden ist, Katholikin, die erst mit dreißig ihren ersten Beischlaf hatte. Abschaffel kann mit ihr reden, das ist das Ungewöhnliche. Sie ist offen und sachlich, sie kennt kein Tabu, sie fragt nach allem, und sie beantwortet alles. Sie bespricht mit Abschaffel, wie sie es im Bett haben will. Es ist eine fast arbeiterliche Liebesbeziehung, Auftraggeber, Auftragnehmer.

Nach Genazinos letztem Buch sind zwei Jahre vergangen, das neue ist im Hanser Verlag angekündigt, es heißt „Tarzan am Main”, Genazino lässt die Stadt, in der er lebt, in kurzen Prosaminiaturen aufleuchten, es wird also dieses Mal ganz anders sein, auch wenn ein Genazino nicht aus seiner Haut kann. Und will.

Quatschen und Fressen

Im Rostocker Polizeiruf wird viel gegessen und dabei geredet. Das ist ein Hinweis auf hilflose Regisseure und hilflose Schauspieler. Sie glauben, dass es unheimlich realistisch ist, wenn einer gleichzeitig quatscht und frisst. Aber mich nervt es; viele andere auch. Es nervt mich auch im wahren Leben. Kennt denn keiner den Spruch: Mit vollem Mund soll man nicht sprechen? Doch. Kennt jeder. Kennt auch jemand den Spruch: Mit leerem Mund soll man nicht essen? Nee, kennt keiner. Ist aber logisch. Im Rostocker Polizeiruf verwenden sie auch gerne Spruchweisheiten und Volksmund. Formulare, Formulare, von der Wiege bis zur Bahre, sagt Kommissar Bukow. Mann. Muss das sein? Ihre Fragen gehen mir sowas von auf’n Sack, sagt Kommissarin König. Auf welchen Sack eigentlich, Jugendfreundin? Im Rostocker Polizeiruf sind die Dialoge hundsmiserabel, man versucht sich mit Slang und Kraftausdrücken zu retten, sollte aber mal nach einem guten Dialogschreiber Ausschau halten, so was soll’s nämlich geben. Im Rostocker Polizeiruf kann keiner keinen leiden, alle sind mit ihren Vorgeschichten beladen und misstrauen ihren Kollegen, die auch mit ihren Vorgeschichten beladen sind; und dann gibt es da noch einen Oberpolizisten und zwei Unterpolizisten, die dramaturgisch total überflüssig sind, und deshalb muss  man sich irgendwas für sie einfallen lassen, diesmal ging der eine an Krücken und durfte nicht raus (Innendienst) und der andere war wie immer scharf auf den Posten seines Vorgesetzten. Wie es sich für die Provinz gehört, redet man respektvoll von einer zugereisten „Vollblut- oder Investigativjournalistin” (die weiß als solche nämlich das Kaliber der Mordwaffe), führt uns in irgendwie inoffizielle Küchen, die zu den Amtsstuben gehören, es gibt Fischbrötchen, es wird gekotzt, ordentlich auf die Fresse gehauen, und das ideologische Soll auf gar nicht mal so eindeutige Weise auch erfüllt. Von diesen geringfügigen Einwänden abgesehen war der Polizeiruf aus Rostock vorzüglich oder, wie die FAZ meldet, „sehr gut komponiert”. Besonders erwähnenswert, dass Anneke Kim Sarnau als Kommissarin König eine begnadete Fratzenschneiderin ist und dass man mit Klaus Manchen einen der gefragtesten Rentnerdarsteller des deutschen Fernsehens verpflichten konnte.