Archiv

Archive for the ‘Movie Star’ Category

Jamie soll erzogen werden

Foyer des Kinos „Union”. Popcorn gibt’s auch. Leider. Kauft aber keiner. Wie schön

Wir gingen ins Kino „Union” nach Friedrichshagen wegen des Films „Jahrhundertfrauen” von Mike Mills. Der Titel, so hört man, passt nicht, der Film, hört man auch, ist okay. Und das Kino Union gehört zum Südosten Berlins, zu dem wir auch gehören; da gefällt es uns erst recht, dass der Kartenverkäufer so höflich und lustig ist und uns auch noch dafür lobt, dass wir uns für die Bionade Streuobstwiese entscheiden, gute Wahl, sagt er, ist auch nicht so süß.

Der Alte Saal des Kinos ist eher breit als lang, verbreitet ein bisschen Stuben-Atmosphäre, auf den Polstersitzen liegen Zettel, dass die Stühle gerade erst gereinigt wurden und noch feucht sind; wir möchten uns die Jahrhundertfrauen nicht mit feuchten Hintern anschauen und steigen hinauf zum Balkon, wo eine Taz-Leserin mit ihrer Zeitung knistert und ihre Chips knuspert, allerdings nur, so lange die brave Friedrichshagener Werbung läuft. Als der Hauptfilm beginnt, stellt sie aus Solidarität mit den Jahrhundertfrauen ihre Geräuschproduktion ein; letztlich sieht sie sich auch als Jahrhundertfrau.

Der Film spielt 1979 in Santa Barbara, Kalifornien. Nicht weit davon entfernt, in Santa Monica, habe ich mal eine Woche verbracht, da fühlte ich mich nicht unvertraut.

Vorm Supermarkt brennt ein PKW, gleichsam vor den Augen der Besitzerin, Dorothea Fields, technische Zeichnerin, alleinerziehende Mutter. Jamie, der Sohn, 15, ist auch dabei. Die Feuerwehr löscht das Fahrzeug. Mrs. Fields hat Geburtstag und lädt die Feuerwehrleute zu ihrer Party ein, ich möchte für Sie kochen. Ihr Sohn kriegt die Krise. Sowas ist doch total uncool. Ansonsten ist es Dorothea, die laufend die Krise kriegt. Jamie entgleitet ihr, der Vater, den sie möglicherweise nie geliebt hat, ist lange weg. Dem Jungen fehlt etwas auf dem Weg zum Mann, und so bittet sie Julie, 17, und Abbie, eine schräge Fotografin und Punkerin, dem Jungen Anleitung zu geben. Sollte das nicht eher ein Mann tun? Nein. Mit William, der das Haus der Fields rekonstruiert, redet Jamie so gut wie kein Wort. Warum auch immer. Er ist eben rätselhaft.

Der Film ist langsam und nicht sehr fokussiert. Er nimmt sich Zeit, beschreibt die Epoche, erzählt Lebenswege ohne ein Ziel vor den Augen. Was man noch zu seinen Gunsten sagen kann: Er ist nicht auf Pointen aus. Er will eher die diffizilen Beziehungen zwischen Männern und Frauen aufspüren, er sagt zu diesem Hauptthema Dinge, die man nicht allzu oft hört. Die Leute sind in ihrem Misslingen und ihrer Verzweiflung oft komisch. Mrs. Fields gibt sich nicht damit zufrieden, altmodisch, aus der Zeit gefallen zu sein. Sie will das neue Leben kennenlernen, und sie wird es so wenig begreifen, wie die jungen Typen das alte Leben begreifen, aber dass der Wille vorhanden ist: Das macht schon etwas aus. Das macht sogar den Unterschied etwa zu Leuten, die komplett scheitern. In diesem Film scheitert keiner.

Schon gar nicht die Schauspieler. Annette Bening, die wir noch als Hexe, das heißt als neurotische Ehefrau aus „American Beauty” kennen (und hassen), liefert eine wahrlich fesselnde Leistung ab, Elle Fanning ist als Julie ein Teeanager, der es bei allem Understatement faustdick hinter den Ohren hat, und Greta Gerwig als Abbie tanzt inzwischen noch verrückter als in Frances Ha. Und Lucas Jade Zumann – wir kennen aus amerikanischen Filmen einige solcher Jungs, die einfach nicht entschlüsselbar sind, um die man aber keine Angst haben muss.

Der Film ist so wenig Einbahnstraße und so wenig fokussiert, dass es tatsächlich unmöglich war, einen adäquaten Titel zu finden. „Jahrhundertfrauen” erzählt, was das zwanzigste Jahrhundert den Frauen zugemutet hat und die Frauen dem Jahrhundert. Das 21. Jahrhundert soll das Jahrhundert der Frauen sein. Männer im Untergang. Ich glaube das nicht. Ich glaube an das empfindliche Gleichgewicht. Frauen machen sich von Männern ein falsches Bild (das haben sie in den Genen) und Männer von Frauen. Und das ist gut so.

Durch die Wand

Öffentliches Seminar zum Thema: Wie man durch die Wand gehen kann. Der Herr im blauen T-Shirt ist der Dozent © Fritz-Jochen Kopka

Öffentliches Seminar zum Thema: Wie man durch die Wand gehen kann. Der Herr im blauen T-Shirt ist der Dozent
© Fritz-Jochen Kopka

Zu meinen unvergesslichen Filmen gehört auch einer, der im Lexikon des internationalen Films eine ziemlich hochmütige Bewertung erfährt. Sollte man dann lieber darüber schweigen? Oder an sich und seinen Ansprüchen zweifeln? Oder hat es etwas mit den Kindheits- und Jugendmustern zu tun?

Ich habe „Ein Mann geht durch die Wand” das erste Mal als Ostjunge in Westberlin gesehen, wahrscheinlich in einem der kleineren Kudammkinos, und dann kaufte die DDR den Film ein (was man nie so voraussehen konnte), und ich habe ihn sicher noch zwei, dreimal im Osten geschaut. Ladislao Vajda machte den Film, Heinz Rühmann spielte die Hauptrolle „als duckmäuserischer Steuerbeamter”, das war schon mal schlecht beobachtet, denn von den Beamten in seinem Büro ist Rühmann noch der mutigste, aber natürlich kein Rebell. „Oberflächlicher und reichlich irrationaler Spaß”, schreiben die Oberlehrer vom Lexikon, „in der Inszenierung jedoch mit Gespür für das soziale Milieu und komödiantische Wirkung.” Unter den Darstellern wird Hubert von Meyerinck nicht mal genannt, der, wo er auch in Erscheinung trat, für ein Highlight sorgte.

Lange war der Film für mich verschollen, aber gerade jetzt gab es ihn wieder als DVD. Nach vierzig Jahren sah ich ihn mir noch mal an und fand: Der Film hat der Zeit standgehalten. Er schaut mit ironischer Distanz auf das Leben des kleinen Mannes im Deutschland des beginnenden Wirtschaftswunders, als die Ansprüche und die angehäuften Reichtümer noch klein waren und der Steuerbeamte Buchsbaum Musik der jeweiligen Länder hörte, wenn er sich am Feierabend durch sein Briefmarkenalbum blätterte. Er ist bereit, mit wenig zufrieden zu sein, auch wenn er als Streber und Klassenbester einst bessere Aussichten hatte, aber er hat seinen Beamtenstolz, er hat seinen Freund, den Maler, der unverständliche Bilder malt, womit er das Unverständliche auch in Buchsbaums Existenz anrührt, und er ist ein Mann, der sich vieles nicht traut, aber manches eben doch. Was geschieht mit einem solchen Mann, wenn er plötzlich etwas kann, was sonst keiner kann? Das stand in der Geschichte von Marcel Aymé, nach der der Film entstand. Herr Buchsbaum kann plötzlich durch die Wand gehen und bringt damit seinen sadistischen Vorgesetzten Pickler ins Irrenhaus. Einfallsreich hat der Film das städtische Steuerbüro mit deutschen Beamtentypen bestückt, den Subalternen, den Zyniker, den Lebemann, die Ulknudel, Opportunisten, Feiglinge, Umfaller, Egoisten, lauter Leute, die sich im Rahmen bewegen, aber nach der einer oder anderen Seite kippen können, wenn plötzlich ein anderer Wind weht.

Es ging also in diesem Film um Menschen, die nicht über ihren Schatten springen können und denen das Schicksal auf eine irreguläre Weise unter die Arme greift. Das war irgendwie gut und sympathisch gemacht, kleines Leben, die eine oder andere existenzielle Frage durchaus streifend. Ein netter Film im besten Sinn.

Und wie der Zufall es wollte, brachten sie jetzt auf Arte die französische Version, nach derselben Novelle gedreht, „Der durch die Wand geht”, TV-Komödie von 2016. Der Versicherungsangestellte Emile Dutilleul (Denis Podalydès) „führt ein tristes Leben bis zu dem Tag”, ja, dem Tag, an dem er entdeckt, dass er durch die Wand gehen kann. Emile geht offensiver mit seiner Gabe um, es geht um mehr Geld, um mehr Liebe, um weniger Büro, um weniger Soziales, um weniger Komödiantisches. Ich kann nicht anders und ziehe den alten Film, der auch der deutsche Film ist, dem neuen Film vor.

Das Geheimnis dieser Straßen

November 30, 2016 2 Kommentare
Poems ewerywhere

Poems ewerywhere                                                     © Fritz-Jochen Kopka

Offenbar hat sich Jim Jarmusch für seinen Film „Paterson” Leben und Werk des Dichters William Carlos Williams ziemlich genau angeschaut und mit dem Material eine eigene, kleinere Geschichte erzählt, so wie er die Handlung aus der Mittelstadt Paterson (150 000 Einwohner) in die nahegelegene Kleinstadt Rutherford verlegte, wo William Carlos Williams, kurz WCW, geboren wurde und als Arzt praktizierte. Beide Städte liegen in New Jersey, und das Großgedicht „Paterson” war vielleicht das ehrgeizigste Werk von WCW, der im Gegensatz zum Busfahrer Paterson im Film weltläufig war, Europa bereiste (Paris, auch ein paar Monate Studium in Leipzig), Dichtergrößen wie Marianne Moore, Ezra Pound und Gertrude Stein aus der Nähe kannte und ein großer, aber unsystematischer Leser war, der sich in seinen Texten sehr unbeeinflusst gab. Williams war ein Detail-, kein Metaphern-Dichter, ein Oberflächen- kein Tiefen-Poet, und er war das ganz bewusst. „Getting through with the world – / I never tire of the mystery / of these streets …” So wie sich die Dinge, die Zimmer, die Straßen, die Stadt sich ihm zeigten, so wollte er sie erfassen, und er schien sich sicher zu sein, dass man nicht mehr sagen musste. Enzensberger spricht in seinem Essay über Williams von einer „eigentümlichen Poesie des Allernächsten”. „Das Gedicht”, sagt WCW, „hat seinen Ursprung in halblauten Worten, wie ein Arzt sie jeden Tag von seinen Patienten vernehmen kann.” Es ist nicht der schlechteste Einfall Jarmuschs, aus dem Landarzt in seinem Film einen ländlichen Busfahrer zu machen, der Tag für Tag die halblauten Worte seiner Passagiere vernimmt. Wo Williams provinziell war, ist der Busfahrer Paterson noch ein paar Zacken provinzieller, aber das schadet weder dem Film noch seinem Vorbild. Die Weltpoesie kommt in Gestalt des japanischen Dichters zu Besuch, der mit Paterson gemeinsam am Wasserfall des Passaic River sitzt und über die Maßen höflich von der Dichtung redet. Wo Williams’ erster, im Selbstverlag herausgegebener, Gedichtband im Hühnerstall verbrennt, wird Patersons geheimes Notizbuch vom Hund des Hauses zerfetzt. Ein großer Einbruch in einem kleinen Leben, aber wer weiß schon, was wirklich klein, was wirklich groß ist, wenn Paterson in das Buch mit den weißen Seiten, das ihm der Japaner schenkt, nach dem Verlust seiner Texte vielleicht bewusster und hellhöriger als zuvor seine neuen Verse einträgt.

Paterson. Film, Stadt und Mann

An einem Freitagabend im Prenzlauer Berg

An einem Freitagabend im Prenzlauer Berg

Es ist nicht denkbar, dass uns ein Film von Jim Jarmusch missfallen könnte. Und falls, wie bei dem Vampir-Movie, doch die Gefahr besteht, gehen wir gar nicht erst rein.

Der Film heißt Paterson, die Stadt, in der er spielt, heißt Paterson, und der Mann, um den es geht, heißt Paterson (Adam Driver). Jim Jarmusch will sagen, dass es im Leben immer wieder um die gleichen Dinge geht, um gleichartige Ereignisse, um gleiche Situationen, um gleiche Wörter. Laura, Patersons Liebste, wacht auf und erzählt von ihrem Traum, die beiden hatten Kinder, Zwillinge, das findet Paterson schön, in Wirklichkeit haben sie einen Hund, eine philosophisch gestimmte englische Bulldogge mit Namen Marvin, der verdeckt gegen Paterson arbeitet.

Laura (Golshifteh Farahani) träumt von Zwillingen. Fortan tauchen in dem Film auffällig oft Zwillinge auf. Als hätten Träume suggestive Kraft oder was auch immer. Die Leute in diesem Film sagen belanglose Sätze, vor allem sagen verschiedene Leute gleiche Sätze, und man muss aufpassen, einige dieser Sätze erlangen plötzlich ungeahnte Bedeutung.

Es geht um eine Woche von Montag bis Sonntag, und immer passiert dasselbe. Alltag. Ein Busfahrer wie Paterson wacht jeden Morgen um dieselbe Zeit neben seiner Laura auf, sie kann weiterschlafen, Paterson isst seine Frühstücksflocken und schreibt Gedichtzeilen in sein geheimes Notizbuch, das nur Laura kennt. Paterson nimmt den Tag mit Gleichmut in Angriff, Laura mit Begeisterung. Er geht zur Arbeit, steigt in den Bus, hört sich die beiläufig aufgezählten Katastrophen aus dem Leben seines Kollegen Danny an, macht seinen Job, hört auf die Wortwechsel seiner Passagiere, die ihn offenkundig inspirieren, dichtet, kommt nach Hause, richtet den immer schiefen Briefkasten vor dem Haus, wird von Laura überschwänglich empfangen, erfährt von ihren neuesten kreativen Ideen, bewundert die von ihr immer neu in schwarzweißen Geometrien ausgestaltete Wohnung, isst mit langen Zähnen, aber freundlich ihre kreativen Gerichte, vernimmt die eigenartigen Reaktionen der Dogge, wenn Laura ihn küsst, und wir verstehen, ja, so kann Leben, so kann Liebe funktionieren, die immer begeisterte Frau, die sich auch für Patersons Gedichte begeistert und jeden Tag ein neues Projekt hat, und der ruhige Mann, der immer mit einer leichten Verzögerung antwortet und nie aus der Fassung gerät.

Die Entscheidung fällt leicht. Paterson. Mann, Hund und Wasserfall

Die Entscheidung fällt leicht. Paterson. Mann, Hund und Wasserfall

Einmal glauben wir unseren Augen nicht zu trauen. Die Dogge huscht, kurz bevor Paterson von der Arbeit kommt, noch schnell aus dem Haus und stupst den Briefkasten in die Schräglage. Abends führt Paterson den Hund aus, bindet ihn vor der Bar an und geht hinein, wo er schon von Doc, dem Kneipier, erwartet wird, der auch ein kunstverständiger Typ ist („Ich weiß ’ne Menge Scheiß’ über ’ne Menge Scheiß’”). In der Bar ereignet sich eine Liebestragödie in Fortsetzungen. Der Romeo wird von seiner Julia abgewiesen, aber er lässt nicht locker, weil sein Leben ohne Liebe nicht vorstellbar ist, und wenn es eine unglückliche Liebe ist. Verdammt, Mann, du solltest Schauspieler werden, sagt Doc. Ich bin Schauspieler, sagt der Romeo verschnupft. Paterson wendet sich ab, weil er sich das Lachen nicht verkneifen kann. Irgendwann zieht der Romeo eine Pistole. Die Gäste fliehen. Paterson springt dazwischen. Es ist nur eine Spielzeugpistole mit einem Filzpfropfen als Munition, aber das konnte ja keiner wissen. „Man soll nichts ändern”, sagt Doc, „du machst es nur noch schlimmer.”

Paterson, die Stadt hat nicht viel zu bieten mit ihren banalen Straßen. Die Wasserfälle am Passaic River, eine Brücke über der Schlucht. In einer Welt, in der immer das Gleiche passiert, gewinnt jede Abweichung enorme Bedeutung. Paterson trifft ein Schulmädchen, das auch Gedichte schreibt. Sie liest eines vor. Es heißt „Wasser fall”. Patersons Bus hat eine Panne. Es ist was mit der Elektrik. Es hätte eine Explosion und einen Feuerball geben können, sagen nacheinander mehrere Leute. Sie denken und sagen alle das Gleiche. Und dann die echte Katastrophe. Marvin, der Hund, zerfetzt Patersons geheimes Notizbuch. Darüber kann Paterson nicht mehr mit dem gewohnten Gleichmut hinweggehen. Er sitzt auf der Bank vor dem Wasserfall. Ein Japaner setzt sich zu ihm. Natürlich ist er ein Dichter. Er fragt nach William Carlos Williams, dem so berühmten wie weithin unbekannten Dichter, der das Großgedicht „Paterson” geschrieben hat. Er spricht auch von Allen Ginsberg, der in Paterson geboren wurde und aufwuchs. Und er schenkt Paterson ein leeres japanisches Notizbuch. Das Leben, das so, wie es war, fast beendet schien, beginnt von vorn mit noch besseren Gedichten.

Ach. In Patersons Bus sitzen auch Kara Hayward und Jared Gilman, das kindliche Liebespaar aus „Moonrise Kingdom”, Suzy und Sam. Sie sind älter geworden und studieren. Schöne Idee, Jim Jarmusch.

Und noch mal ach. Dies war der 1000. Beitrag auf diesem Blog. Ich fasse es nicht.

 

 

 

Ein bisschen doof aber auch

11. 11., keine Narren unterwegs, das heißt, wer weiß © Fritz-Jochen Kopka

11. 11., keine Narren unterwegs, das heißt, wer weiß
© Fritz-Jochen Kopka

Morgens beim Bäcker Bleche voller Pfannkuchen mit fetter Glasur, sehr bunt, sogar violett, Ähnlichkeit mit Eisbein irgendwie (Du isst die Schwarte nicht, das ist doch das beste! Nee, ich würde kotzen.), ich kapiere, 11. 11., Karnevalsauftakt, ein Mann stellt sich eine schöne Kollektion zusammen, da scheint eine Firma feiern zu wollen, der Kunde hinter ihm gibt entnervt auf und verlässt den Laden unter stummem, aber deutlichem Protest. Ich nehme auch einen Pfannkuchen. Aber einen normalen!

Ein DHL-Auto steht vor dem Haus, gleich wird’s klingeln, das Paket ist lange überfällig, aber das Fahrzeug fährt weg. Wenig später erhalte ich die Mail: Ihr Paket konnte nicht zugestellt werden. Sie können es im Paketzentrum abholen. Im Briefkasten steckt nicht mal eine Benachrichtigungskarte. Im Moment regt man sich über die DHL mehr auf als über Donald Trump.

Die Rosenthaler Straße ist verstopft. Zu allem Überfluss heult ab und zu auch noch ein Rettungswagen dazwischen, die Radfahrer, wir wissen, das sind keine Feinen, bahnen sich ihren Weg und in all dem Abgasdreck absolviert auch noch eine Joggerin ihr Programm. In einer vietnamesischen, ich sag mal, Kantine, brechen vier Girls, die vorne in einer Nische sitzen, in Abständen in markerschütterndes Gelächter aus. Die Gäste erstarren vor Schreck, wenden sich wieder ihrer kross gebratenen Ente zu und erstarren abermals. Wo haben sie oder Sie so lachen gelernt.

Hackesche Höfe am Abend. Stehen Sie doch bequem

Hackesche Höfe am Abend. Stehen Sie doch bequem!

In einem Café, ich seh es durch die Scheibe, sitzt ein einsamer Wolf an einem Tisch und fertigt ein Selfie an. Das kann doch wohl nicht wahr sein, denke ich im Weitergehen. Ich drehe um, mache die Kamera startklar und schaue wieder durchs Fenster. Da hat der Wolf die Maske abgenommen und ist eine Frau von fünfzig Jahren. Die setzt sich also ins Café, stülpt sich diese Maske über, macht ein Selfie und schickt es dann irgendwem, echt witzig.

Bei Muji, dem japanischen Kaufhaus, haben sie neuerdings so ausgestopfte Ballons, irgendwas zwischen Sessel und Liege, ich kann mir nicht vorstellen, dass die bequem sind, aber da sitzen liegend oder liegen sitzend hoffnungsvolle Kader, bearbeiten ihre Smartphones und lächeln selig.

Nicht so schüchtern wie gedacht

Nicht so schüchtern wie gedacht

Seit einiger Zeit regen sich die Feuilletons darüber auf, dass der alte Woody Allen, statt zu sterben wie Leonard Cohen oder Ilse Aichinger, jedes Jahr einen neuen Film dreht. Wozu die Aufregung. Das sind doch keine Steuergelder, jedenfalls nicht eure, er bekommt das Geld zusammen, er hat eine Idee, die Schauspieler spielen gern bei ihm, und auch dieser Film, „Café Society”, ist charmant, man fühlt sich gut unterhalten. Es geht um den jungen Bobby Dorfman (Jesse Eisenberg), der nach Hollywood zieht in der Hoffnung, dass ihm sein Onkel, Phil Stern (Steve Carell), ein Tycoon im Filmgeschäft, einen Job im Filmgeschäft verschafft. Vonnie (Kristen Stewart), Sterns Sekretärin, kümmert sich um den jungen Mann, der nicht so schüchtern ist, wie es zunächst ausschaut. Und der Onkel ist nicht so ein harter Typ, wie man es von einem Tycoon erwartet. Er hat ein Verhältnis mit Vonnie, und Vonnie ist durchaus nicht so berechnend, wie es sich eigentlich gehören würde, sie verliebt sich nämlich auch noch in Benny. Der Film erzählt, wie es ist, wenn man Geheimnisse ausplaudert, ohne zu wissen, dass man Geheimnisse ausplaudert. Im Dialog erfährt jeder aus der Dreierkoalition die ganze Wahrheit über sich und den jeweils Abwesenden. Das hat Woody Allen richtig gut hinbekommen. Als nach einer knappen Stunde alle Karten auf dem Tisch liegen, geht dem Film die Luft aus. Das macht aber nichts, weil Woody Allen immer noch die eine oder andere Arabeske bereithält. Ich weiß nicht, ob der Regisseur auch einkalkuliert, dass hinter einem diese typischen Knie-in-den-Vordersitz-bohren-Leute sitzen, die sich so hartes Popcorn mitgebracht habe, dass man glaubt, ihre Zähne zerbersten. Wenn das Licht wieder angeht, sehen diese Leute eigentlich ganz unschuldig aus. Aber auch ein bisschen doof.

Der hochgelobte Film

Sommerzeit. Nach dem Kino ist es noch hell

Sommerzeit. Nach dem Kino ist es noch hell

Der hochgelobte Film ist immer auch der Problemfilm. Durch die Vorschusslorbeeren sind die Erwartungen so hoch gesteckt, dass sie kaum noch erfüllt, wohl aber enttäuscht werden können. Es ist den Menschen und schon gar den Kritikern nicht gegeben, einen Film oder ein anderes Kunstwerk so zu beschreiben, dass der interessierte Zuschauer sachlich eingestimmt ist. Also, wenn du jemandem etwas empfehlen willst, nimm den Mund nicht so voll. Keine Hymne, sondern genaue Beschreibung auffälliger Details.

So kamen wir spät zu „Toni Erdmann”, das überschwängliche Lob hatte uns misstrauisch gemacht, aber jetzt war es soweit. Wir saßen im Kino „International” unter einigen Leuten, die bei jeder Andeutung eines Scherzes hysterisch auflachten, weil sie eben einfach so eingestimmt waren. Aber das normalisierte sich. Maren Ades Film mit all seinen Überlängen ist wirklich okay. Da ist der Musiklehrer Winfried Conradi oder Toni Erdmann oder Peter Simonischek mit seinem Überschuss an Einfällen, eigentlich ein schüchterner Mann von 65 Jahren, der in seinen wechselnden Masken seine Schüchternheit verliert und all seine Ideen ausleben kann, zum Leidwesen seiner Tochter Ines Conradi oder Fräulein Schnuck oder Sandra Hüller, einer Karrierefrau in schmalen Hosenanzügen oder Kostümen, die mit aller Welt telefoniert und um Millionenaufträge kämpft, kämpft wie ein Ritter. Der Vater möchte sie irgendwie locker kriegen und den einen oder anderen, meistens peinlichen, Hinweis geben, dass die Tochter falsch lebt. Das falsche Leben im reichen Leben. Peter Simonischek ist erstklassig, aber das ganz große Rad dreht Sandra Hüller, die uns – und da ist der Film viel mehr als ein Joke und wird wirklich bewegend – das Drama der eigentlich bedauernswerten Karrierefrau zeigt, die aber doch auch Tochter ihres Vater ist und in großer seelischer Not eben doch kontraproduktive Einfälle zu bieten hat und durchzieht. Meine Lieblingsszene: Wie sie als Fräulein Schnuck in einer Bukarester Großfamilie, am Klavier selbstverständlich begleitet von ihrem Vater, der sich gerade mal als deutscher Botschafter ausgibt, Greatest Love of All von Whitney Houston singt. Da haut sie alles raus, den ganzen Frust eines Lebens der Anspannung und Verstellung, die harten und die weichen Gefühle, den Mut zum Absturz und zum Aufstehen.

Das letzte ist mehr als ein Wort

Von letzten Dingen

Von letzten Dingen

Und da wir nun schon mal beim Lexikon des internationalen Films waren, bleiben wir auch dabei. Das Lexikon hat zehn Bände und 7605 Seiten, erschienen bei Rowohlt. Für mich mutet seltsam an, dass es herausgegeben wurde vom Katholischen Institut für Medieninformation (KIM) und der Katholischen Filmkommission für Deutschland.

Gleichwohl. Es ist ein interessantes Spiel, mal nachzuschauen, welche Wörter in Filmtiteln besonders gefragt sind. Wir sprachen zuletzt über den „letzten Tycoon”. Das Adjektiv „letzte” ist im Titel von Filmen ziemlich beliebt. Es fängt im Lexikon an auf Seite 3343 mit „Das letzte Abendmahl” und endet auf Seite 3385 mit „Letztes Jahr – Titanic”. Es gibt zu Anfang „Die letzte Adresse”, „Der letzte Akkord”, „Der letzte Akt”, „Die letzte Aktion”, „Der letzte Angriff”, „Der letzte Anruf”, „Der letzte Ausweg”. Fünf Mal „Die letzte Chance” und anschließend „Die letzte Chance für Haiti”. Filme, von denen man nie gehört hat. Drei Mal „Die letzte Etappe”. „Die letzte Flut” und „Das letzte Fort”. „Die letzte Frau” und „Die letzte Frist”. „Das letzte Gefecht”, „Das letzte Gericht” und „Das letzte Gewehr”. „Der letzte Kaiser” und „Die letzte Kaiserin”. „Der letzte Kuss” und „Der letzte Lauf”. Fünf Mal „Die letzte Nacht”. „Die letzte Patrone” und „Die letzte Patrouille”. „Die letzte Ruhe” und „Die letzte Runde”. „Der letzte Walzer” und „Die letzte Warnung”. Gibt’s dabei einen Titel, der mir besonders gefällt? „Letzte Ausfahrt Brooklyn” vielleicht. „Die letzte Metro” ist natürlich auch nicht schlecht. Besonders bescheuert ist möglicherweise „Die letzte amerikanische Jungfrau”.