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Archive for the ‘Movie Star’ Category

Wir waren sechs

An einem Freitagabend in Friedrichshagen
© Fritz-Jochen Kopka

Wir waren sechs im Kino Union in Friedrichshagen, zunächst nur drei, aber dann erschienen noch ein Pärchen, von dem sich das Mädchen während des Films öfter die Haare stylte, und eine ältere Dame, die darauf bedacht war, niemandem die Sicht zu versperren. Im Union haben sie neben zwei Sälen jetzt noch das Studiokino (ganz oben, wie sie gerne sagen) und da spielte „Lady Bird”, written and dirceted by Greta Gerwig. Es war ein Hochsommertag im April, ein Freitag, da reicht es, wenn sechs Gestalten im Kino sitzen.

Den Namen Lady Bird hat Lady Bird sich selbst gegeben. Christine McPherson ist nicht bereit, sich mit dem zufriedenzugeben, was ihr zugedacht wurde. Nicht mit ihrem Namen, nicht mit Sacramento, zumal sie auf der falschen Seite der Gleise wohnt, nicht mit der Westküste („ich will dorthin, wo Kultur ist”), nicht mit den bescheidenen Verhältnissen, in denen ihre Familie lebt. So ist klar, dass sie Dauerkrieg mit ihrer ungeduldigen Mutter hat und Dauerfrieden mit ihrem sanftmütigen Vater. „Ich würde gern an der Mathe-Olympiade teilnehmen”, sagt Lady Bird. „Aber Mathe ist nicht unbedingt deine Stärke”, wundert sich Sister Sarah, die Lehrerin (gespielt von Lois Smith, die schon mit James Dean gefilmt hat). „Nur nach dem jetzigen Stand”, sagt Lady Bird. Sie geht mutig auf die Jungs zu, mit denen sie sich etwas vorstellen könnte, sie lügt, sie schummelt, sie kämpft und sie lernt, dass die Realität auch für die Willensstarken immer mindestens zwei Seiten hat. Ihr erster Lover ist schwul, der zweite total abgehoben. Am Ende landet Lady Bird doch in New York, studiert irgendwas mit Kunst, erlebt einen heilsamen Zusammenbruch, in dessen Folge sie ihren Namen akzeptiert, Sacramento akzeptiert, denn das ist die Stadt, in der sie jeden Winkel kennt und in der alle ihre allzu verständlichen Lügen aufgedeckt wurden, ohne das es ihr dabei an den Kragen ging. Wir sollten lernen einzusehen, dass das, was uns das Leben zugedacht hat, so schlecht nicht ist. Man kann schon etwas damit anfangen.

Es ist die erste Regiearbeit von Greta Gerwig, die wir vor allem als Frances Ha kennen, die unbedingt Tänzerin werden will, obwohl sie sich sehr eckig bewegt: „… aber das ist nur der jetzige Stand”. Die Schauspielerin Greta Gerwig geht mit ihren Schauspielern souverän um. Saoirse Ronan, die Lady Bird spielt, sah sie zuerst auf Fotos: „Sie sah wild und eindringlich aus, ihr Anblick löste sofort etwas in mir aus.” Gerwig musste ein Jahr auf sie warten, aber es war klar: Saoirse Ronan, „… sonst niemand spielt Lady Bird”.

Freche Kinder

Der Film läuft natürlich OmU im Kino in den Hackeschen Höfen

Der hochgelobte Film hat es besonders schwer. Das ist auch bei Sean Bakers „The Florida Project” so. Der Film hat nicht nur eine offene, er hat beinahe gar keine merkbare Dramaturgie, was komisch klingen mag. Es geht um Kinder armer Eltern, man kann auch sagen armer Mütter, denn Väter kommen nicht vor. Väter machen sich anscheinend aus dem Staub, wenn’s problematisch wird. Vater aller ist dafür der Hausverwalter Bobby, gespielt von Willem Dafoe, einziger Profidarsteller, wenn es denn stimmt. Die Kinder neigen zur Bildung kleiner Banden, die ihren Mut ins Unermessliche steigern. Sie holen sich, was sie nicht kriegten, wenn sie es sich nicht nähmen, ohne zu fragen. Dabei gehen ihre Wünsche nicht nur ins Materielle; sie verschaffen sich Spaß, indem sie Autos berotzen, Feuer legen, Leute provozieren, wie sagte man früher: Streiche spielen.

Diese Kinder wissen ihre Tage zu gestalten, was die Erwachsenen eher nicht wissen, denen sie gern auf die Nerven gehen. Sie essen Eis, sie sitzen stundenlang in der Badewanne, sie fordern Geld von Touristen mehr, als sie darum bitten. Wir können ihnen eigentlich nichts übelnehmen. Diese Kinder werden in diesem Film auch nie geschlagen oder gezüchtigt. Das ist die besondere Qualität der Erwachsenen in Florida Project.

Eine Geschichte erzählt der Film eigentlich nicht. Er zeigt Zustände. Die tägliche Jagd der Kinder nach Abenteuern, damit die Tage nicht sinnlos vorüberziehen. Der lässig hingenommene Existenzkampf der Mütter. Man will sich einfach nicht verbieten lassen, das Leben leicht und locker zu nehmen. Dramatisch wird es erst, wenn die Ämter eingreifen. Jugendhilfe und Polizei stoppen Halley, die Mutter, und ihren halbillegalen Existenzkampf. Moonee, die sechsjährige Tochter, soll in eine nette Familie gegeben werden. Und hier wird der Film, von dem man die ganze Zeit nicht wusste, wie er aufhören soll, dann doch zu einer Geschichte und zu einer Utopie. Moonee, die rotzfreche Unerschütterbare, läuft zu ihrer Freundin Jancey, das Ende der schönen Zeit ist plötzlich da, wir hätten uns nicht vorstellen können, dieses Kind je weinen zu sehen, aber jetzt, in höchster Not, greift Jancey ihre Hand, und sie rennen weg, von diesem Ort ihrer zerstörten Gegenwart, in eine Zukunft, die es nicht gibt.

Das ist das Florida Project. Hat keinen Oscar bekommen, obwohl hochgelobt. Endlich mal Kinder in einem Film, zu denen man nicht sagen muss: goldig. Sind sie nicht goldig? Auf keinen Fall. Und doch rühren sie uns. Und Brooklynn Prince als Moonee – wer sie nicht sieht, versäumt etwas.

Man darf ein Unrecht nicht auf sich beruhen lassen. Oder?

Kurz vor Ebbing, Missouri
© Fritz-Jochen Kopka

Sich nach dem Kino zu trennen und nach Hause zu gehen – das wäre kulturlos. Die Kneipe ist wie am Abend mancher Tage fast leer und ruhig. Wir bleiben für ein Stündchen und ein Bierchen zusammen, um über den Film und das Leben zu reden. „Three Billboards outside Ebbing, Missouri” Ist Mildred Hayes eine griechische Rachegöttin oder ein weiblicher Kohlhaas? Kohlhaas, der, wie Kleist ihn beschreibt, „einer der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit”, Mitte des sechzehnten Jahrhunderts, war. Entsetzlich, weil er mit einem Unrecht, das ihm zugefügt worden war, nicht leben konnte, ohne sich zu rächen. Das geht gegen sein Gerechtigkeitsgefühl und so, kann man folgern, gebiert schrankenlose Rechtschaffenheit die Entsetzlichkeit. Auch wenn es sinnlos ist und man alles zerstört – man kann ein Unrecht nicht auf sich beruhen lassen.

Mildred Hayes’ Tochter wurde vergewaltigt, ermordet, verbrannt. Monate vergehen, kein Täter wird gefasst. Man spürt keine Aktivität der Polizei. Da mietet Hayes drei Plakatwände außerhalb der Ortschaft und stellt dem Sheriff Willoughby in großen Lettern die Frage, was los ist. Das sieht nach einer ziemlich eindimensionalen Geschichte aus., aber so bleibt es nicht. Mildred Hayes ist eine einfache, vom Leben geprügelte Frau, pflegt eine ordinäre Sprache wie fast alle in Ebbing. Ihre Größe besteht in der Entschlossenheit, ihre festgefügten Moralvorstellungen durchzusetzen. Und wenn sie etwas durchsetzen will, bringt sie den Mut auf, das Geld, die Logistik und die Gnadenlosigkeit, die dafür notwendig sind. Sie weiß, dass Chief Willoughby ein guter Mann ist, aber er ist eben auch ein Staats- und Stadtdiener mit allen Beschränkungen, und sie kann ihn nicht schonen, auch wenn er auf Grund einer Krebserkrankung nur noch wenige Wochen zu leben hat.

Wir erleben das komplette Kleinstadtelend. Lebensdurstige und feige Jugendliche, verknöcherte Polizisten, untreue Ehemänner, Trinkerinnen, fette und denkfaule Zahnärzte, lebensfremd frömmelnde Pfarrer, raffinierte Zwerge, rührend dumme, aber doch bemühte Teenager. Neben vielem anderen ist die vielleicht größte Leistung des Films, dass er sein schier unmögliches Ziel erreicht: aus der negativsten Gestalt, Officer Jason Dixon, am Ende einen vielfach geschlagenen und verbrannten Hero zu machen, der neben Mildred Hayes bestehen kann. Und dass er seinen zweifelhaften Helden und auch uns noch eine Tür offenlässt. Zwei sich widersprechende Denkfiguren bleiben: Ein Unrecht, ein Verbrechen darf man nicht auf sich beruhen lassen. Und: Wut erzeugt immer nur noch größere Wut. Dazwischen soll eben eine Wahrheit liegen, der man sich nähern kann. Mehr nicht.

Frances McDormand ist Mildred Hayes, Sam Rockwell ist Jason Dixon, Woody Harrelson ist Bill Willoughby. Martin McDonagh, der Regisseur von „Brügge sehen und sterben” hat den Film gedreht. Es ist die erste Regiearbeit des Iren in Amerika. Eine schwarze Komödie soll das sein. Wir mussten tatsächlich öfter, wegen dieser unzarten, witzigen Dialoge, der überraschenden Wendungen im Verhalten der Protagonisten, lachen, obwohl das alles so verdammt ernst ist.

Gendarmerieinspektor im Ruhestand

Februar 5, 2018 2 Kommentare

 

Einsame Bäume gibt’s überall
© Fritz-Jochen Kopka

Alt, aber Polt. Ein Krimi auf Arte. Es ist weniger der Kriminalfall, es ist die Stimmung, die mich hineinzieht. Die leere Dorfstraße, die niedrigen Häuser, die trägen Automobile am Straßenrand, von mobil kann keine Rede sein. Irgendein landwirtschaftliches Nutzfahrzeug, das seinen Weg zieht. Ein Lebewesen aus Eisen. Ländliche Blasmusik in breiter, leicht ironischer Melancholie. Der kleine Laden deklariert sich als Kaufhaus. Alte Männer sitzen vor ihren Häusern und begrüßen alte Männer mit der Frage: Trinken wir was? Der selbst gekelterte Wein in den harmlosen kleinen Gläsern. Grüner Veltliner. Eine abgetakelte Tragödin ist ins Dorf gezogen, große Gesten und große Gefühle. Nur eine junge Frau schaut zu und die ist bald schon tot. Was auf den großen Bühnen nicht mehr funktioniert, funktioniert im Wiesbachtal erst recht nicht.

Kann es sein, dass ich hier nie ein Wort über Simon Polt, den Gendarmerieinspektor im Weinviertel, erfunden von Alfred Komarek, verloren habe? Es gab den Frühlings-, den Sommer-, den Herbst- und den Winterkrimi. Dann ging Polt in Pension, löste noch einen Fall. Jetzt sagt er, bin ich froh, dass ich mit all dem (dem ganzen modernen Zeugs) nichts mehr zu tun hab, und löst noch einmal einen Fall, den letzten wahrscheinlich.

Erwin Steinhauer ist Simon Polt. Die Ruhe, die Behäbigkeit, das Phlegma, durch die doch eine besondere Empfindlichkeit hindurchscheint. Die alten Männer spotten darüber, wie er mühsam aufs Fahrrad steigt. Ein Damenfahrrad empfehlen sie ihm, ein E-Bike. Nie und nimmer. Das ist ein Schwur, der nicht lange hält. Die Avancen der Tragödin (Iris Berben) weist Polt erschrocken zurück. Und doch hat er ein Herz für die trinkende Mimin. Er weiß, wie es den Einsamen geht. Die retten ein fast ersoffenes Kätzchen und haben wieder jemanden zum Reden. So viel Glück hat nicht jeder.

Keine Keule

Moral hat sich davongemacht

Ken Loachs’ „Angels’ Share”. Ein Film über Jugendgewalt und teuren Whisky. Das Unglaubliche geschieht: Robbie, der Schläger, der gerade noch mal dem Knast entkommen ist, weil er eine schwangere Freundin hat, dreht das große Rad und macht mit dem Diebstahl von superteurem Whisky (gemeinsam mit einer Gruppe von ebenfalls kriminellen Jugendlichen) die Kehrtwende in seinem verkorksten Leben. Er verkauft das Diebesgut für eine irre Kohle und ist ein gemachter Mann. Und der Film lässt ihn damit davonkommen. Geld, Job, Kleinbus, Häuschen, Freundin und Kind auf dem Weg ins Glück. Nicht die Strafe, das Glück folgt auf dem Fuße. Der Film hat keine Moral und denkt sich nichts dabei.

Tags darauf „Ariel” von Aki Kaurismäki. Taisto Kaisurinen fährt im dem offenen Cabrio durch den finnischen Winter. Wieder ein Film ohne Moral. Hans im Glück. Taisto im Unglück. Kaum hat er sein gesamtes Geld von seinem Konto abgehoben, tauchen schon zwei Halunken auf, die ihm mit der Flasche auf den Kopf hauen und ihm das Geld klauen. Einen von ihnen erkennt Taisto wieder, knöpft ihn sich vor, aber das Recht ist auf der Seite des Verbrechers. Taisto im Knast. Bricht aus, plündert eine Bank, erschießt zwei Erpresser und gelangt mit gefälschten Papieren, Freundin und Kind auf den Dampfer nach Mexiko.

Auch Taisto holt das Recht nicht ein.

Wir sitzen da und wissen nicht weiter. Sind es so gewöhnt, dass am Ende die moralische Keule geschwungen wird und haben das Gefühl, uns rechtfertigen zu müssen.

 

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Der Platz, wo alles besser ist

Abends kommen die Filme
© Fritz-Jochen Kopka

1

Ihrem Mann sollte eine Frau besser verschweigen, dass der Film „The Square” eine stattliche Überlänge hat (insgesamt 142 Minuten), im Original mit Untertiteln gezeigt wird (wie es ja immer geschieht im Kino in den Hackeschen Höfen, aber das weiß nicht jedermann und nicht jeder Mann) und dass sie kein Popcorn-Geknusper neben sich vernehmen möchte.

Der Mann sitzt im Kino neben krampfhaft motorischen Leuten und auch solchen mit einer schwachen Blase (viel Unruhe) und denkt nach 110 Minuten, jetzt könnte der Film eigentlich auch mal aufhören, aber er verliert nie das Interesse an den Gestalten und dem Geschehen, ein Phänomen.

2

Christian Nielsen, der Chefkurator des X-Royal-Museums in Stockholm, ist ein auffällig unauffällig gutaussehender Mann. Er hat sich daran gewöhnt, dass er den Leuten, vornehmlich Frauen, gefällt, dass er sie für sich einnehmen kann, er hat sich noch nicht daran gewöhnt, dass er sich nicht immer darauf verlassen kann. Während er sich bemerkenswert konsequent auf das Eine fokussiert, geht ihm womöglich das wichtigere Andere durch die Lappen. Aber das lässt sich reparieren. Auch daran hat er sich gewöhnt: Das Reparable des Lebens. Also: Was auch geschieht, nichts ist unwiderruflich. Gelassenheit ist die beste Tugend.

3

Der Film hält viele Zumutungen vor. Die Länge, das nicht zu Ende kommen wollen, und wenn er denn doch zu Ende kommt, ist das ein Ende, aber kein Schluss. Nichts ist besiegelt. Der Lärm, der ständig gemacht wird. Musik, Maschine, Geschrei. Von rechts oder links, von oben oder unten dringen unentwegt Hilferufe an unser Ohr. Szenen werde bis zur Unerträglichkeit ausgespielt. Das Zähe, Un-Entscheidbare des Kunst- und Lebensbetriebs wird uns aufgedrängt. Die vermeintlichen und die echten Bedrohungen, die nicht nur die Leute im Film betreffen. Ungnädige Bettler. Durchdrehende Performer. Drohende Kinder. Halbgesunde und Halbverrückte. Hochmütige Nerds. Schweigende Milliardäre. Opportunistische Journalisten. Wie konnte das alles nur so weit kommen? Wie soll man das alles bloß aushalten. Wir finden keine Antworten, das liegt aber auch an unseren blöden Fragen. Das alles soll uns gehörig auf den Senkel gehen, und das tut es ja auch. Und das wird auch so bleiben.

4

Dieser Film des Schweden Ruben Östlund hat die Goldene Palme in Cannes gewonnen. Das war der Kritik nicht recht. Sie hatte anderes im Sinn. Der Film war ihr zu halbherzig und eher Teil des Problems, als dass er zur Lösung der Probleme des Kunstbetriebs beitragen wolle.

Claes Bang spielt den Christian. Man denkt, man habe ihn schon einige Dutzend Mal im Kino gesehen, aber der dänische Schauspieler ist neu im Filmgeschäft und doch ganz vertraut. Es lohnt sich vielleicht aber doch, über diesen Typ nachzudenken. Wenn du dich im Kunstgeschäft durchsetzen willst, brauchst du das große Geld, die großen Namen und die radikalen Ideen, um Aufmerksamkeit zu erringen. Christian zählt sich zu den Guten. The Square, das Quadrat, ist der Raum, in dem jeder jedem Vertrauen und Achtsamkeit entgegenbringt. Das ist sein Ausstellungprojekt. Nach und nach bekommen wir mit, dass der Kurator sein Ziel mit einer durchaus sympathischen Arroganz verfolgt, die ihm nicht bewusst ist. Es ist purer Hochmut, einen kleinen Raum zu erobern, auf dem ich auf Grund meines selbstherrlichen Anspruchs die Regeln des modernen Lebens außer Kraft setzen kann. Ich, der große, geniale Christian Nielsen. So kann er nur scheitern, aber er ist eben auch von der Art, dass er das nicht so wichtig nimmt.

Auf die Weinstein-Sache antwortet der Film auch. Christian ist auch so einer, der seine Macht mitspielen lässt, um Frauen zu erobern, hier die amerikanische Kunstjournalistin Anne, die, wir trauen unseren Augen nicht, ansonsten anscheinend mit einem Schimpansen zusammenlebt.

Wenn wir ihnen aber bei ihrer Sexarbeit zusehen, können wir keinesfalls so klar sagen, wer sich hier wessen bemächtigt. Die gute Anne (Elisabeth Moss, unsere Freundin aus „Mad Men”) hat etwas absolut Dämonisches und dem Kurator ist es gar nicht geheuer in ihrem Bett. Mit der Meldeliste Me too kommen wir auf diesem verwickelten und durchaus nicht einseitigen Gebiet nicht weiter.

Ende und Anfang der Welt

Unweit vom Acud: Sommerabend im Park am Weinbergsweg
© Kopka

Freiwillig würde ich in einen Dokumentarfilm wohl nicht gehen, in dem zwei junge Menschen über ihre Weltreise berichten. Aber wozu hat man Freunde mit ihren Empfehlungen: „Weit. Die Geschichte von einem Weg um die Welt.” Das war im KunstHaus Acud in der Veteranenstraße. Ein Hinterhaus. Unten Club, Gallery, das Kino im zweiten Stock. Wir sind nicht die Einzigen im Zuschauerraum, im Gegenteil, das Kino ist gut besucht, es gibt auch Popcorn, etwas weiter weg von uns.

Gwendolin Weisser und Patrick Allgaier habe die Weltreise und den Film gemacht, in dem sie immer Gwen und Patrick sind, in China sogar Gawen und Paterrieke. Serbien, Bulgarien, Ukraine, Kasachstan, Tadschikistan, Iran, Pakistan, Russland, Indien, Nepal, China, Japan, Mexiko, Guatemala, Spanien, Frankreich, Schweiz: Die Idee war, so weit nach Osten zu gehen (und zu trampen), bis sie über den Westen wieder zu Hause, in Freiburg, ankommen. Eine Reise zum Ende und Anfang der Welt. Am Anfang singt Gwen einem Fahrer „Hänschen klein ging allein, in die weite Welt hinein” vor. Da ist sie mir echt zu aufgedreht, aber das gibt sich. Die Wege sind immer viel weiter als gedacht, sie gehen durch die große Hitze und die klirrende Kälte. Tag und Nacht scheinen nicht aufhören zu wollen. Sie gehen durch gefährliche Länder, und sie erfahren, dass das, was wir über diese Länder aus den Medien wissen, und das, was sie dort tatsächlich erleben, nicht miteinander vergleichbar sind. Gwen und Patrick haben an den Leuten, die sie treffen, ein natürliches Interesse, sie kritzeln ständig etwas in ihre Notizbücher, sie werden ihre Namen nicht vergessen. Sie schlafen im Zelt und beim sogenannten Couchsurfing, denn es gibt in allen Ländern der Welt Menschen, die gerne Reisende aufnehmen, die gerade den Globus erfahren. Alles wird anders, als Gwen schwanger ist. Sie beschließen, dass sie das Kind in Mexiko zur Welt bringen wird. Mit dem Containerschiff geht es von Japan dorthin. Der Sohn der Weltbürger heißt Bruno, er hindert sie nicht, die Reise fortzusetzen, sie kaufen einen kleinen Bus, der sich als fast irreparabel herausstellt. Als sie sind endlich nach drei Jahren und 110 Tagen wieder zu Hause sind, kann Bruno längst laufen.

Bei so einer Reise, das war mein Gefühl, hast du vielleicht eine Überlebenschance von 50 Prozent. Wie kann es sein, dass den beiden in den gefährlichen Ländern nichts Schlimmes passiert ist? Nicht bestohlen, nicht geschlagen, nicht verhaftet, nie auseinandergerissen worden? Nicht erfroren, nicht ertrunken, nicht verunglückt? Haben sie das aus dem Film rausgelassen, um ihr positives Weltgefühl rüberzubringen? Vielleicht liegt es aber am besonderen Talent geborener Reisender: Sie sind ohne Arg, treten den Leuten mit einer solchen Offenheit, einer heiteren bei Gwen, einer diskreten bei Patrick, gegenüber, dass sich überall das Verbindende herstellt. Das war kein Glück, so ähnlich sagt es Patrick, wir hatten nur kein Pech. Am Ende sind auch wir skeptischen Zuschauer den beiden nahegerückt. Und unser Weltvertrauen ist gestärkt.