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Man darf ein Unrecht nicht auf sich beruhen lassen. Oder?

Kurz vor Ebbing, Missouri
© Fritz-Jochen Kopka

Sich nach dem Kino zu trennen und nach Hause zu gehen – das wäre kulturlos. Die Kneipe ist wie am Abend mancher Tage fast leer und ruhig. Wir bleiben für ein Stündchen und ein Bierchen zusammen, um über den Film und das Leben zu reden. „Three Billboards outside Ebbing, Missouri” Ist Mildred Hayes eine griechische Rachegöttin oder ein weiblicher Kohlhaas? Kohlhaas, der, wie Kleist ihn beschreibt, „einer der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit”, Mitte des sechzehnten Jahrhunderts, war. Entsetzlich, weil er mit einem Unrecht, das ihm zugefügt worden war, nicht leben konnte, ohne sich zu rächen. Das geht gegen sein Gerechtigkeitsgefühl und so, kann man folgern, gebiert schrankenlose Rechtschaffenheit die Entsetzlichkeit. Auch wenn es sinnlos ist und man alles zerstört – man kann ein Unrecht nicht auf sich beruhen lassen.

Mildred Hayes’ Tochter wurde vergewaltigt, ermordet, verbrannt. Monate vergehen, kein Täter wird gefasst. Man spürt keine Aktivität der Polizei. Da mietet Hayes drei Plakatwände außerhalb der Ortschaft und stellt dem Sheriff Willoughby in großen Lettern die Frage, was los ist. Das sieht nach einer ziemlich eindimensionalen Geschichte aus., aber so bleibt es nicht. Mildred Hayes ist eine einfache, vom Leben geprügelte Frau, pflegt eine ordinäre Sprache wie fast alle in Ebbing. Ihre Größe besteht in der Entschlossenheit, ihre festgefügten Moralvorstellungen durchzusetzen. Und wenn sie etwas durchsetzen will, bringt sie den Mut auf, das Geld, die Logistik und die Gnadenlosigkeit, die dafür notwendig sind. Sie weiß, dass Chief Willoughby ein guter Mann ist, aber er ist eben auch ein Staats- und Stadtdiener mit allen Beschränkungen, und sie kann ihn nicht schonen, auch wenn er auf Grund einer Krebserkrankung nur noch wenige Wochen zu leben hat.

Wir erleben das komplette Kleinstadtelend. Lebensdurstige und feige Jugendliche, verknöcherte Polizisten, untreue Ehemänner, Trinkerinnen, fette und denkfaule Zahnärzte, lebensfremd frömmelnde Pfarrer, raffinierte Zwerge, rührend dumme, aber doch bemühte Teenager. Neben vielem anderen ist die vielleicht größte Leistung des Films, dass er sein schier unmögliches Ziel erreicht: aus der negativsten Gestalt, Officer Jason Dixon, am Ende einen vielfach geschlagenen und verbrannten Hero zu machen, der neben Mildred Hayes bestehen kann. Und dass er seinen zweifelhaften Helden und auch uns noch eine Tür offenlässt. Zwei sich widersprechende Denkfiguren bleiben: Ein Unrecht, ein Verbrechen darf man nicht auf sich beruhen lassen. Und: Wut erzeugt immer nur noch größere Wut. Dazwischen soll eben eine Wahrheit liegen, der man sich nähern kann. Mehr nicht.

Frances McDormand ist Mildred Hayes, Sam Rockwell ist Jason Dixon, Woody Harrelson ist Bill Willoughby. Martin McDonagh, der Regisseur von „Brügge sehen und sterben” hat den Film gedreht. Es ist die erste Regiearbeit des Iren in Amerika. Eine schwarze Komödie soll das sein. Wir mussten tatsächlich öfter lachen, wegen dieser unzarten, witzigen Sprache, der überraschenden Wendungen im Verhalten der Protagonisten, lachen, obwohl das alles so verdammt ernst ist.

Gendarmerieinspektor im Ruhestand

Februar 5, 2018 2 Kommentare

 

Einsame Bäume gibt’s überall
© Fritz-Jochen Kopka

Alt, aber Polt. Ein Krimi auf Arte. Es ist weniger der Kriminalfall, es ist die Stimmung, die mich hineinzieht. Die leere Dorfstraße, die niedrigen Häuser, die trägen Automobile am Straßenrand, von mobil kann keine Rede sein. Irgendein landwirtschaftliches Nutzfahrzeug, das seinen Weg zieht. Ein Lebewesen aus Eisen. Ländliche Blasmusik in breiter, leicht ironischer Melancholie. Der kleine Laden deklariert sich als Kaufhaus. Alte Männer sitzen vor ihren Häusern und begrüßen alte Männer mit der Frage: Trinken wir was? Der selbst gekelterte Wein in den harmlosen kleinen Gläsern. Grüner Veltliner. Eine abgetakelte Tragödin ist ins Dorf gezogen, große Gesten und große Gefühle. Nur eine junge Frau schaut zu und die ist bald schon tot. Was auf den großen Bühnen nicht mehr funktioniert, funktioniert im Wiesbachtal erst recht nicht.

Kann es sein, dass ich hier nie ein Wort über Simon Polt, den Gendarmerieinspektor im Weinviertel, erfunden von Alfred Komarek, verloren habe? Es gab den Frühlings-, den Sommer-, den Herbst- und den Winterkrimi. Dann ging Polt in Pension, löste noch einen Fall. Jetzt sagt er, bin ich froh, dass ich mit all dem (dem ganzen modernen Zeugs) nichts mehr zu tun hab, und löst noch einmal einen Fall, den letzten wahrscheinlich.

Erwin Steinhauer ist Simon Polt. Die Ruhe, die Behäbigkeit, das Phlegma, durch die doch eine besondere Empfindlichkeit hindurchscheint. Die alten Männer spotten darüber, wie er mühsam aufs Fahrrad steigt. Ein Damenfahrrad empfehlen sie ihm, ein E-Bike. Nie und nimmer. Das ist ein Schwur, der nicht lange hält. Die Avancen der Tragödin (Iris Berben) weist Polt erschrocken zurück. Und doch hat er ein Herz für die trinkende Mimin. Er weiß, wie es den Einsamen geht. Die retten ein fast ersoffenes Kätzchen und haben wieder jemanden zum Reden. So viel Glück hat nicht jeder.

Keine Keule

Moral hat sich davongemacht

Ken Loachs’ „Angels’ Share”. Ein Film über Jugendgewalt und teuren Whisky. Das Unglaubliche geschieht: Robbie, der Schläger, der gerade noch mal dem Knast entkommen ist, weil er eine schwangere Freundin hat, dreht das große Rad und macht mit dem Diebstahl von superteurem Whisky (gemeinsam mit einer Gruppe von ebenfalls kriminellen Jugendlichen) die Kehrtwende in seinem verkorksten Leben. Er verkauft das Diebesgut für eine irre Kohle und ist ein gemachter Mann. Und der Film lässt ihn damit davonkommen. Geld, Job, Kleinbus, Häuschen, Freundin und Kind auf dem Weg ins Glück. Nicht die Strafe, das Glück folgt auf dem Fuße. Der Film hat keine Moral und denkt sich nichts dabei.

Tags darauf „Ariel” von Aki Kaurismäki. Taisto Kaisurinen fährt im dem offenen Cabrio durch den finnischen Winter. Wieder ein Film ohne Moral. Hans im Glück. Taisto im Unglück. Kaum hat er sein gesamtes Geld von seinem Konto abgehoben, tauchen schon zwei Halunken auf, die ihm mit der Flasche auf den Kopf hauen und ihm das Geld klauen. Einen von ihnen erkennt Taisto wieder, knöpft ihn sich vor, aber das Recht ist auf der Seite des Verbrechers. Taisto im Knast. Bricht aus, plündert eine Bank, erschießt zwei Erpresser und gelangt mit gefälschten Papieren, Freundin und Kind auf den Dampfer nach Mexiko.

Auch Taisto holt das Recht nicht ein.

Wir sitzen da und wissen nicht weiter. Sind es so gewöhnt, dass am Ende die moralische Keule geschwungen wird und haben das Gefühl, uns rechtfertigen zu müssen.

 

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Der Platz, wo alles besser ist

Abends kommen die Filme
© Fritz-Jochen Kopka

1

Ihrem Mann sollte eine Frau besser verschweigen, dass der Film „The Square” eine stattliche Überlänge hat (insgesamt 142 Minuten), im Original mit Untertiteln gezeigt wird (wie es ja immer geschieht im Kino in den Hackeschen Höfen, aber das weiß nicht jedermann und nicht jeder Mann) und dass sie kein Popcorn-Geknusper neben sich vernehmen möchte.

Der Mann sitzt im Kino neben krampfhaft motorischen Leuten und auch solchen mit einer schwachen Blase (viel Unruhe) und denkt nach 110 Minuten, jetzt könnte der Film eigentlich auch mal aufhören, aber er verliert nie das Interesse an den Gestalten und dem Geschehen, ein Phänomen.

2

Christian Nielsen, der Chefkurator des X-Royal-Museums in Stockholm, ist ein auffällig unauffällig gutaussehender Mann. Er hat sich daran gewöhnt, dass er den Leuten, vornehmlich Frauen, gefällt, dass er sie für sich einnehmen kann, er hat sich noch nicht daran gewöhnt, dass er sich nicht immer darauf verlassen kann. Während er sich bemerkenswert konsequent auf das Eine fokussiert, geht ihm womöglich das wichtigere Andere durch die Lappen. Aber das lässt sich reparieren. Auch daran hat er sich gewöhnt: Das Reparable des Lebens. Also: Was auch geschieht, nichts ist unwiderruflich. Gelassenheit ist die beste Tugend.

3

Der Film hält viele Zumutungen vor. Die Länge, das nicht zu Ende kommen wollen, und wenn er denn doch zu Ende kommt, ist das ein Ende, aber kein Schluss. Nichts ist besiegelt. Der Lärm, der ständig gemacht wird. Musik, Maschine, Geschrei. Von rechts oder links, von oben oder unten dringen unentwegt Hilferufe an unser Ohr. Szenen werde bis zur Unerträglichkeit ausgespielt. Das Zähe, Un-Entscheidbare des Kunst- und Lebensbetriebs wird uns aufgedrängt. Die vermeintlichen und die echten Bedrohungen, die nicht nur die Leute im Film betreffen. Ungnädige Bettler. Durchdrehende Performer. Drohende Kinder. Halbgesunde und Halbverrückte. Hochmütige Nerds. Schweigende Milliardäre. Opportunistische Journalisten. Wie konnte das alles nur so weit kommen? Wie soll man das alles bloß aushalten. Wir finden keine Antworten, das liegt aber auch an unseren blöden Fragen. Das alles soll uns gehörig auf den Senkel gehen, und das tut es ja auch. Und das wird auch so bleiben.

4

Dieser Film des Schweden Ruben Östlund hat die Goldene Palme in Cannes gewonnen. Das war der Kritik nicht recht. Sie hatte anderes im Sinn. Der Film war ihr zu halbherzig und eher Teil des Problems, als dass er zur Lösung der Probleme des Kunstbetriebs beitragen wolle.

Claes Bang spielt den Christian. Man denkt, man habe ihn schon einige Dutzend Mal im Kino gesehen, aber der dänische Schauspieler ist neu im Filmgeschäft und doch ganz vertraut. Es lohnt sich vielleicht aber doch, über diesen Typ nachzudenken. Wenn du dich im Kunstgeschäft durchsetzen willst, brauchst du das große Geld, die großen Namen und die radikalen Ideen, um Aufmerksamkeit zu erringen. Christian zählt sich zu den Guten. The Square, das Quadrat, ist der Raum, in dem jeder jedem Vertrauen und Achtsamkeit entgegenbringt. Das ist sein Ausstellungprojekt. Nach und nach bekommen wir mit, dass der Kurator sein Ziel mit einer durchaus sympathischen Arroganz verfolgt, die ihm nicht bewusst ist. Es ist purer Hochmut, einen kleinen Raum zu erobern, auf dem ich auf Grund meines selbstherrlichen Anspruchs die Regeln des modernen Lebens außer Kraft setzen kann. Ich, der große, geniale Christian Nielsen. So kann er nur scheitern, aber er ist eben auch von der Art, dass er das nicht so wichtig nimmt.

Auf die Weinstein-Sache antwortet der Film auch. Christian ist auch so einer, der seine Macht mitspielen lässt, um Frauen zu erobern, hier die amerikanische Kunstjournalistin Anne, die, wir trauen unseren Augen nicht, ansonsten anscheinend mit einem Schimpansen zusammenlebt.

Wenn wir ihnen aber bei ihrer Sexarbeit zusehen, können wir keinesfalls so klar sagen, wer sich hier wessen bemächtigt. Die gute Anne (Elisabeth Moss, unsere Freundin aus „Mad Men”) hat etwas absolut Dämonisches und dem Kurator ist es gar nicht geheuer in ihrem Bett. Mit der Meldeliste Me too kommen wir auf diesem verwickelten und durchaus nicht einseitigen Gebiet nicht weiter.

Ende und Anfang der Welt

Unweit vom Acud: Sommerabend im Park am Weinbergsweg
© Kopka

Freiwillig würde ich in einen Dokumentarfilm wohl nicht gehen, in dem zwei junge Menschen über ihre Weltreise berichten. Aber wozu hat man Freunde mit ihren Empfehlungen: „Weit. Die Geschichte von einem Weg um die Welt.” Das war im KunstHaus Acud in der Veteranenstraße. Ein Hinterhaus. Unten Club, Gallery, das Kino im zweiten Stock. Wir sind nicht die Einzigen im Zuschauerraum, im Gegenteil, das Kino ist gut besucht, es gibt auch Popcorn, etwas weiter weg von uns.

Gwendolin Weisser und Patrick Allgaier habe die Weltreise und den Film gemacht, in dem sie immer Gwen und Patrick sind, in China sogar Gawen und Paterrieke. Serbien, Bulgarien, Ukraine, Kasachstan, Tadschikistan, Iran, Pakistan, Russland, Indien, Nepal, China, Japan, Mexiko, Guatemala, Spanien, Frankreich, Schweiz: Die Idee war, so weit nach Osten zu gehen (und zu trampen), bis sie über den Westen wieder zu Hause, in Freiburg, ankommen. Eine Reise zum Ende und Anfang der Welt. Am Anfang singt Gwen einem Fahrer „Hänschen klein ging allein, in die weite Welt hinein” vor. Da ist sie mir echt zu aufgedreht, aber das gibt sich. Die Wege sind immer viel weiter als gedacht, sie gehen durch die große Hitze und die klirrende Kälte. Tag und Nacht scheinen nicht aufhören zu wollen. Sie gehen durch gefährliche Länder, und sie erfahren, dass das, was wir über diese Länder aus den Medien wissen, und das, was sie dort tatsächlich erleben, nicht miteinander vergleichbar sind. Gwen und Patrick haben an den Leuten, die sie treffen, ein natürliches Interesse, sie kritzeln ständig etwas in ihre Notizbücher, sie werden ihre Namen nicht vergessen. Sie schlafen im Zelt und beim sogenannten Couchsurfing, denn es gibt in allen Ländern der Welt Menschen, die gerne Reisende aufnehmen, die gerade den Globus erfahren. Alles wird anders, als Gwen schwanger ist. Sie beschließen, dass sie das Kind in Mexiko zur Welt bringen wird. Mit dem Containerschiff geht es von Japan dorthin. Der Sohn der Weltbürger heißt Bruno, er hindert sie nicht, die Reise fortzusetzen, sie kaufen einen kleinen Bus, der sich als fast irreparabel herausstellt. Als sie sind endlich nach drei Jahren und 110 Tagen wieder zu Hause sind, kann Bruno längst laufen.

Bei so einer Reise, das war mein Gefühl, hast du vielleicht eine Überlebenschance von 50 Prozent. Wie kann es sein, dass den beiden in den gefährlichen Ländern nichts Schlimmes passiert ist? Nicht bestohlen, nicht geschlagen, nicht verhaftet, nie auseinandergerissen worden? Nicht erfroren, nicht ertrunken, nicht verunglückt? Haben sie das aus dem Film rausgelassen, um ihr positives Weltgefühl rüberzubringen? Vielleicht liegt es aber am besonderen Talent geborener Reisender: Sie sind ohne Arg, treten den Leuten mit einer solchen Offenheit, einer heiteren bei Gwen, einer diskreten bei Patrick, gegenüber, dass sich überall das Verbindende herstellt. Das war kein Glück, so ähnlich sagt es Patrick, wir hatten nur kein Pech. Am Ende sind auch wir skeptischen Zuschauer den beiden nahegerückt. Und unser Weltvertrauen ist gestärkt.

Jamie soll erzogen werden

Foyer des Kinos „Union”. Popcorn gibt’s auch. Leider. Kauft aber keiner. Wie schön

Wir gingen ins Kino „Union” nach Friedrichshagen wegen des Films „Jahrhundertfrauen” von Mike Mills. Der Titel, so hört man, passt nicht, der Film, hört man auch, ist okay. Und das Kino Union gehört zum Südosten Berlins, zu dem wir auch gehören; da gefällt es uns erst recht, dass der Kartenverkäufer so höflich und lustig ist und uns auch noch dafür lobt, dass wir uns für die Bionade Streuobstwiese entscheiden, gute Wahl, sagt er, ist auch nicht so süß.

Der Alte Saal des Kinos ist eher breit als lang, verbreitet ein bisschen Stuben-Atmosphäre, auf den Polstersitzen liegen Zettel, dass die Stühle gerade erst gereinigt wurden und noch feucht sind; wir möchten uns die Jahrhundertfrauen nicht mit feuchten Hintern anschauen und steigen hinauf zum Balkon, wo eine Taz-Leserin mit ihrer Zeitung knistert und ihre Chips knuspert, allerdings nur, so lange die brave Friedrichshagener Werbung läuft. Als der Hauptfilm beginnt, stellt sie aus Solidarität mit den Jahrhundertfrauen ihre Geräuschproduktion ein; letztlich sieht sie sich auch als Jahrhundertfrau.

Der Film spielt 1979 in Santa Barbara, Kalifornien. Nicht weit davon entfernt, in Santa Monica, habe ich mal eine Woche verbracht, da fühlte ich mich nicht unvertraut.

Vorm Supermarkt brennt ein PKW, gleichsam vor den Augen der Besitzerin, Dorothea Fields, technische Zeichnerin, alleinerziehende Mutter. Jamie, der Sohn, 15, ist auch dabei. Die Feuerwehr löscht das Fahrzeug. Mrs. Fields hat Geburtstag und lädt die Feuerwehrleute zu ihrer Party ein, ich möchte für Sie kochen. Ihr Sohn kriegt die Krise. Sowas ist doch total uncool. Ansonsten ist es Dorothea, die laufend die Krise kriegt. Jamie entgleitet ihr, der Vater, den sie möglicherweise nie geliebt hat, ist lange weg. Dem Jungen fehlt etwas auf dem Weg zum Mann, und so bittet sie Julie, 17, und Abbie, eine schräge Fotografin und Punkerin, dem Jungen Anleitung zu geben. Sollte das nicht eher ein Mann tun? Nein. Mit William, der das Haus der Fields rekonstruiert, redet Jamie so gut wie kein Wort. Warum auch immer. Er ist eben rätselhaft.

Der Film ist langsam und nicht sehr fokussiert. Er nimmt sich Zeit, beschreibt die Epoche, erzählt Lebenswege ohne ein Ziel vor den Augen. Was man noch zu seinen Gunsten sagen kann: Er ist nicht auf Pointen aus. Er will eher die diffizilen Beziehungen zwischen Männern und Frauen aufspüren, er sagt zu diesem Hauptthema Dinge, die man nicht allzu oft hört. Die Leute sind in ihrem Misslingen und ihrer Verzweiflung oft komisch. Mrs. Fields gibt sich nicht damit zufrieden, altmodisch, aus der Zeit gefallen zu sein. Sie will das neue Leben kennenlernen, und sie wird es so wenig begreifen, wie die jungen Typen das alte Leben begreifen, aber dass der Wille vorhanden ist: Das macht schon etwas aus. Das macht sogar den Unterschied etwa zu Leuten, die komplett scheitern. In diesem Film scheitert keiner.

Schon gar nicht die Schauspieler. Annette Bening, die wir noch als Hexe, das heißt als neurotische Ehefrau aus „American Beauty” kennen (und hassen), liefert eine wahrlich fesselnde Leistung ab, Elle Fanning ist als Julie ein Teeanager, der es bei allem Understatement faustdick hinter den Ohren hat, und Greta Gerwig als Abbie tanzt inzwischen noch verrückter als in Frances Ha. Und Lucas Jade Zumann – wir kennen aus amerikanischen Filmen einige solcher Jungs, die einfach nicht entschlüsselbar sind, um die man aber keine Angst haben muss.

Der Film ist so wenig Einbahnstraße und so wenig fokussiert, dass es tatsächlich unmöglich war, einen adäquaten Titel zu finden. „Jahrhundertfrauen” erzählt, was das zwanzigste Jahrhundert den Frauen zugemutet hat und die Frauen dem Jahrhundert. Das 21. Jahrhundert soll das Jahrhundert der Frauen sein. Männer im Untergang. Ich glaube das nicht. Ich glaube an das empfindliche Gleichgewicht. Frauen machen sich von Männern ein falsches Bild (das haben sie in den Genen) und Männer von Frauen. Und das ist gut so.

Durch die Wand

Öffentliches Seminar zum Thema: Wie man durch die Wand gehen kann. Der Herr im blauen T-Shirt ist der Dozent © Fritz-Jochen Kopka

Öffentliches Seminar zum Thema: Wie man durch die Wand gehen kann. Der Herr im blauen T-Shirt ist der Dozent
© Fritz-Jochen Kopka

Zu meinen unvergesslichen Filmen gehört auch einer, der im Lexikon des internationalen Films eine ziemlich hochmütige Bewertung erfährt. Sollte man dann lieber darüber schweigen? Oder an sich und seinen Ansprüchen zweifeln? Oder hat es etwas mit den Kindheits- und Jugendmustern zu tun?

Ich habe „Ein Mann geht durch die Wand” das erste Mal als Ostjunge in Westberlin gesehen, wahrscheinlich in einem der kleineren Kudammkinos, und dann kaufte die DDR den Film ein (was man nie so voraussehen konnte), und ich habe ihn sicher noch zwei, dreimal im Osten geschaut. Ladislao Vajda machte den Film, Heinz Rühmann spielte die Hauptrolle „als duckmäuserischer Steuerbeamter”, das war schon mal schlecht beobachtet, denn von den Beamten in seinem Büro ist Rühmann noch der mutigste, aber natürlich kein Rebell. „Oberflächlicher und reichlich irrationaler Spaß”, schreiben die Oberlehrer vom Lexikon, „in der Inszenierung jedoch mit Gespür für das soziale Milieu und komödiantische Wirkung.” Unter den Darstellern wird Hubert von Meyerinck nicht mal genannt, der, wo er auch in Erscheinung trat, für ein Highlight sorgte.

Lange war der Film für mich verschollen, aber gerade jetzt gab es ihn wieder als DVD. Nach vierzig Jahren sah ich ihn mir noch mal an und fand: Der Film hat der Zeit standgehalten. Er schaut mit ironischer Distanz auf das Leben des kleinen Mannes im Deutschland des beginnenden Wirtschaftswunders, als die Ansprüche und die angehäuften Reichtümer noch klein waren und der Steuerbeamte Buchsbaum Musik der jeweiligen Länder hörte, wenn er sich am Feierabend durch sein Briefmarkenalbum blätterte. Er ist bereit, mit wenig zufrieden zu sein, auch wenn er als Streber und Klassenbester einst bessere Aussichten hatte, aber er hat seinen Beamtenstolz, er hat seinen Freund, den Maler, der unverständliche Bilder malt, womit er das Unverständliche auch in Buchsbaums Existenz anrührt, und er ist ein Mann, der sich vieles nicht traut, aber manches eben doch. Was geschieht mit einem solchen Mann, wenn er plötzlich etwas kann, was sonst keiner kann? Das stand in der Geschichte von Marcel Aymé, nach der der Film entstand. Herr Buchsbaum kann plötzlich durch die Wand gehen und bringt damit seinen sadistischen Vorgesetzten Pickler ins Irrenhaus. Einfallsreich hat der Film das städtische Steuerbüro mit deutschen Beamtentypen bestückt, den Subalternen, den Zyniker, den Lebemann, die Ulknudel, Opportunisten, Feiglinge, Umfaller, Egoisten, lauter Leute, die sich im Rahmen bewegen, aber nach der einer oder anderen Seite kippen können, wenn plötzlich ein anderer Wind weht.

Es ging also in diesem Film um Menschen, die nicht über ihren Schatten springen können und denen das Schicksal auf eine irreguläre Weise unter die Arme greift. Das war irgendwie gut und sympathisch gemacht, kleines Leben, die eine oder andere existenzielle Frage durchaus streifend. Ein netter Film im besten Sinn.

Und wie der Zufall es wollte, brachten sie jetzt auf Arte die französische Version, nach derselben Novelle gedreht, „Der durch die Wand geht”, TV-Komödie von 2016. Der Versicherungsangestellte Emile Dutilleul (Denis Podalydès) „führt ein tristes Leben bis zu dem Tag”, ja, dem Tag, an dem er entdeckt, dass er durch die Wand gehen kann. Emile geht offensiver mit seiner Gabe um, es geht um mehr Geld, um mehr Liebe, um weniger Büro, um weniger Soziales, um weniger Komödiantisches. Ich kann nicht anders und ziehe den alten Film, der auch der deutsche Film ist, dem neuen Film vor.