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Archive for März 2017

Aus der Zeit fallen

Jeder lebt in seiner Zeit
© Christian Brachwitz

’ne schicke Armbanduhr mit blauem Zifferblatt tragen und aus der Zeit gefallen sein. Die leichte Sommermütze, die getönte Brille, die diebstahlsichere Weste, die lässig aufgekrempelten Hemdsärmel dieses rosa Hemds! Als ich den Fußballnomaden wegen seines rosa Hemds einmal ein wenig hopp nahm, sagte er stolz, das war eine Gelegenheit! Ich habe fünf davon. Ich hätte aber gleich zwanzig kaufen sollen. (Es gibt günstige Gelegenheiten und ungünstige Gelegenheiten. Das sind dann aber, streng genommen, keine Gelegenheiten mehr.) Gleichwohl: Dem alten Herrn steht das rosa Hemd gar nicht schlecht. Man soll sich von seinen Vorurteilen lösen. Weniger gut steht ihm die automatische Tür des Busses, aus dem heraus dieses Foto offenbar gemacht wurde. Er mag automatische Türen insgesamt nicht, diese ganze verdammte moderne digitale Scheiße. Eine Tür ist dazu da, dass man sie selbst öffnet und schließt, man möchte sich auf sich selbst verlassen. Er hat nur Verachtung für all seine Rentnerkollegen übrig, die Computerkurse absolvieren, um ihren Enkeln noch was vormachen zu können und überall mit dem Smartphone rumfuchteln und dabei über einen vorstehenden Stein stürzen und sich einen Oberschenkelhalsbruch zuziehen. Was soll denn so falsch daran sein, aus der Zeit zu fallen! Dies ist nicht meine Zeit! Einen großen Teil dessen, was zu dieser Zeit gehört, mache ich nicht mit! Da stehe ich drüber. Und es fehlt mir nichts. Und neben dieser neuen Zeit gibt es eben noch ein Zeitsegment, in dem ich mich bewege und zwar mit einer besseren Orientierung als die Leute um mich herum. Ich weiß, wo ich hin will. Ich weiß, wo ich nicht hin will. Ich kaufe, was ich brauche und was mir gefällt, und nicht das, was gerade gesenkt ist. Und meine Mundwinkel bleiben so lange da unten, wie es mir passt.

Der Vogel auf dem Dach

Es geht ihm doch gut, dem Vogel auf dem Dach. So ’ne Aussicht!

Vor unserem Haus steht ein schwitzender, nicht gerade sportlicher Polizist und observiert das Dach. Neben ihm mit an- oder ausgelassenem Motor das Polizeiauto; darin sitzt eine Polizistin. Wahrscheinlich bleibt sie so lange dort drinnen, bis sich herausgestellt hat, dass keine Gefahr im Verzug ist. Aber das Verhalten des dicken Polizisten ist doch merkwürdig. Ist was mit dem Haus?, fragen wir. Wir haben festgestellt, dass dort oben ein Vogel festsitzt. Kann sein, dass er sich in einer Schlinge verfangen hat.

Unsere Polizei! Sorgt sich um Wohlbefinden der Vögel in einer Stadt, in der dauernd eingebrochen und kein Täter ermittelt wird. Wir können den Polizisten beruhigen. Da hat sich kein Vogel in einer bösen Falle verfangen. Es besteht auch keine Suizidgefahr. Der Vogel auf dem Dach ist aus Plastik und soll die Tauben und Krähen abschrecken, die einen sonst nerven mit ihrem Gegurre und Gekrähe und das Dach vollscheißen. Das sollte doch wohl nicht verboten sein.

Rückkehr der Kleingärtner

Gleich wird noch der rote Teppich ausgerollt für den Einzug der Kleingärtner

Genau. Die Rückkehr der Kleingärtner ist der dritte Teil der Frühlings-Trias. Die Rückkehr der Kleingärtner erfolgt nie zu früh. Der Kleingärtner weiß genau: Wenn er erst mal seinen Kleingarten in der Sparte wieder aufgesucht hat, dann ist er nicht mehr der Liebhaber schöngeistiger Literatur Johannes Zeißig oder der Serienfreak Gregor Langhans, nein, dann ist er nur doch der Kleingärtner. Kleingärtner bist du immer zu hundert Prozent. Es frisst dich auf. Deshalb freust du dich, wenn die Saison vorbei ist, freust dich über den Winter. Dann bist du wieder Mensch und kein Kleingärtner mehr.

Ich beobachte die Kleingärtner von meinem Fenster aus. Nicht aus Voyeurismus oder Neugierde, sondern nur, wenn es sich so ergibt. Ich bewundere ihre feinen Instinkte. Ich habe noch nie einen Kleingärtner lange nach einem Parkplatz suchen sehen. Sie kommen genau dann, wenn Platz ist. Sie müssen auch nicht lange manövrieren, der Stellplatz ist immer reichlich. Dann fangen sie an auszuladen, indem sie erstmal eine Schiebkarre aus ihrem Garten holen. Ich kenne keine Kleingärtner-Singles. Es sind immer Paare, die über die Jahrzehnte so eng mit einander geworden sind, dass sie sich, ohne zu sprechen, miteinander verständigen können. Sie sind schweigsam wie ihre Gewächse. Und wenn mal Not am Mann ist, genügt ein Stichwort (oder die wichtigste Silbe eines Stichworts) und alles ist klar. Hundehalter werden ihren Hunden ähnlich, Kleingärtner ihren Pflanzen.

Ich bin kein Feminist, wenn ich sage, dass Kleingärtner-Frauen es schwerer haben als Kleingärtner-Männer. Da ist etwa die hübsche Frau mit ihrer romantischen Tochter. Sie war mit einem musischen Mann zusammen, der sich aus künstlerischen Gründen die Haare blondieren und zu einem Afrolook gestalten ließ. Seine musikalischen Kenntnisse gab er an das Kind weiter. Mich störte an ihm, dass er auf einem Damenfahrrad fuhr. Aber die Frau muss wohl noch mehr an ihm gestört haben. Irgendwann kreuzte sie ihr hier mit einem athletischen Macho-Typ auf. Und mittlerweile ist auch dieser Typ verschwunden, und die Frau kommt auch nicht mehr.

Und dann die Missgestimmte. Eine Frau in mittleren Jahren mit einem üppigen, schlecht geordneten Haarschopf. Sie liebt große PKW. Sie kommt oft allein, dann ist ihre Laune noch schlechter als gewöhnlich. Aber sie versteht es doch immer wieder, Männer für ihren Garten zu interessieren. Ich habe noch nie gesehen, dass die Frau und der wechselnde Mann mit einander gescherzt hätten oder so. Die Männer werden jetzt immer älter. Sie könnten der Vater der Missgestimmten sein. Die Frau geht träge, der Mann scheint schnell zu gehen, aber er bleibt doch immer einen Meter hinter ihr zurück. Es ist Frühling, unser Bäcker hat ein Frühlingsbrot im Angebot, und die Kleingärtner kehren zurück mit all ihren Freuden und Schicksalen.

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Beginn der Sommerzeit

Das sind keine Krähen an dieser Fassade in Moabit, sondern Engel. Besser so.

Ist es jetzt halb neun oder halb zehn, fragt man sich, wenn man aufwacht. Die Sommerzeit hat begonnen. Es ist der Tag, wo viele Leute ihre Termine verpassen, zum Beispiel auf der Buchmesse in Leipzig. Ich erinnere mich an ein Frühstück im Hotel Astoria, Jahre her. Ein bekannter Sachbuchautor setzte sich an unseren Tisch. Er hatte sich über Nacht ein Supermuster ins Gesicht gelegen. Nun wurde er auch noch mit der Sommerzeit konfrontiert und damit, dass er zwei Termine verpasst hatte.

In den Zeitungen kann man lesen, dass viele Leute durch die von der Sommerzeit verursachte Umstellung krank werden. So sensibel bin ich nicht. Wahrscheinlich weil ich dadurch abgelenkt bin, dass ich die Uhren des Hauses umstellen muss. Einige Uhren hören auf einen technischen Weltgeist und sind irgendwie von dem umgestellt. Das Weckradio hörte früher auch auf diese ferne Stimme, neuerdings allerdings nicht mehr. Muss jetzt auch von Hand umgestellt werden. Ich frage nicht warum wieso. Wenn die Uhren endlich umgestellt sind, ignoriere ich die Sommerzeit.

Verheugen geht noch weiter. Der hat die Sommerzeit schon immer abgelehnt und überlässt die Uhren ihrem gewöhnlichen Verlauf. Falls er einen wichtigen Termin hat, muss er umrechnen. Aber er lehnt eigentlich auch wichtige Termine ab.

Ende der langen Unterhosen, Beginn der Sommerzeit, Rückkehr der Kleingärtner

So kaputt der kaputte Heinrich auch gewesen sein mag: Er trug die langen Unterhosen bis weit in den März hinein. Berlin Moabit

Verheugen ist einer, der das immer thematisiert: Hast du schon (oder noch) die langen Männer an? Die langen Männer. In meiner Kindheit nannte man sie Fechthosen. Man hatte keine guten Karten, wenn man Fechterhosen anhatte. Wenn das rauskam, etwa im Umkleideraum beim Sport. Das galt als unmännlich, was für Jungs peinlicher ist als für Männer. Man hatte gefälligst ohne lange Unterhosen durch den Winter zu kommen. Sonst war man eine Memme oder ein Mädchen. Mit der Armeezeit (der Zeit bei der Fahne) war dieser Anspruch obsolet. Ohne die langen Männer hätten dir die Armeehosen die Haut von den Knochen gerieben, so ein verdammter Stoff war das. Das heißt, man musste sie auch im Hochsommer tragen. Auch aus diesem Grund galten die Soldaten als arme Schweine. Beim turnusmäßigen Wäschewechsel wurden die langen Männer abgegeben und man bekam dann wahllos andere, ich meine, sie waren zwar gewaschen, aber es war doch kein gutes Gefühl. (Sperma ist dicker als Wasser.) Nach der Armee hat man dann sein Ethos aufgegeben. Man fügte sich den langen Unterhosen. Ist ja auch Quatsch, sagt Verheugen, wenn man bedenkt, wie gut der Oberkörper geschützt wird, und unten nur ein Schlüpfer und ’ne Hose? Der Unterkörper muss besser geschützt werden, das liegt auf der Hand. Da soll man auch konsequent sein. In der Regel war es so: So wie man sich entschloss, zu langen Unterhosen überzugehen, wurde es wieder warm. Und ausgangs des Winters wurde es plötzlich kalt, wenn man vorhatte, die langen Unterhosen wieder abzulegen.

Der Genius loci, wo man ihn trifft

Wie lange noch, Genius loci? Für immer
© Christian Brachwitz

Brachwitz wollte mir den Genius loci zeigen. Den Geist des Ortes oder besser noch Schutzgeist des Ortes. Der kann überall sein, aber in diesem Fall musste ich mich zum Westhafen begeben, das ist eine S-Bahnstation auf dem Ring. Ich war zu früh da. Brachwitz war noch früher da. Eine schroffe Gegend, aber das Licht war gut. Die Brücke über der vielgleisigen Bahnstrecke. Der Verkehr auf der mehrspurigen Fahrbahn. Kein Platz für Menschen scheinbar, eher einer für Fahrzeuge, für Geschwindigkeit. Der Zusammenstoß der Architekturen. Industriebauten. Ein Stück weiter das Robert-Koch-Institut, dann ein imposantes Bürgerhaus. In welchem Stadtbezirk sind wir hier? Sowie eine Frage auftaucht, fragt Brachwitz. Die junge Frau war stolz, dass sie ihr Wissen preisgeben konnte. Das hier ist Wedding, und auf der anderen Seite des Kanals ist schon Moabit. Da mussten wir hin. Dachte man nicht, dass der Wedding so aussehen kann. Der sanfte Schwung des Wasserlaufs – man kam sich vor wie in Halle an der Saale. Vor der Ausländerbehörde standen zwei Schwarzafrikaner und klärten ihre Aussichten ab. Und dann waren wir an diesem Ort. Eine Brücke brach ab, eine neue wird gebaut. Kräne und Bagger am Heben und Wühlen. Daneben der aufgegebene Kiosk. Da wurden vielleicht mal Zeitungen, Getränke und Zigaretten verkauft. Der Ort ist verlassen, aber bemalt. Nicht mal ein Unort ist von allen guten Geistern verlassen. Ein maritimes Fabelwesen, eine Hyäne, Ornamente. Zwischen den Betonplatten struppiges Gras. Ein Mann in einer schwarzweiß karierten Joppe begibt sich in eine Nische neben dem Kiosk. Da ist tatsächlich noch eine Toilette.

Es wird weiter verändert und weiter gemalt werden, bis das alles verschwunden ist. Der Verkehr wird fluten. Was Neues, was Großes wird entstehen. Der Genius loci – hier ist er der Geist der Kleinteiligkeit in der Großteiligkeit. Er wird seine Kommentare geben. Wenn auch alles anders wird, der Genius loci wird die Kleinteiligkeit und die Randständigkeit schützen. Die Zeit, die aus der Zeit, und den Raum, der aus dem Großraum fällt.

Hosiner trifft

März 21, 2017 1 Kommentar

„Spietzenreiter” – rauschhaft, glücklich, bedenklich
© Kopka

Dieses Mal war Hans, der Opernsänger, wieder dabei: das Montagabendspiel, Union kann Tabellenführer werden, wenn der Club aus Nürnberg, allerdings unser Angstgegner, besiegt wird. Ich sehe die hohe Gestalt des Sängers in der Dunkelheit und begrüße ihn mit dem Postillion von Lonjumeau. Obwohl ein friedlicher Mensch haut er sofort eine Runde Bier rein, dann gehen wir die letzten Schritte zur Alten Försterei. Wohin mit dem Plastikbecher? Sensible Menschen, die es hier in Spurenelementen auch gibt, lassen ihn nicht einfach fallen, sondern stellen ihn auf einen Verteilerkasten. Papierkörbe stehen nie dort, wo sie am notwendigsten sind.

Die geballte Masse vor den Eingangstoren. Die Kontrolleure nehmen es heute besonders genau. Wir fürchten, den Anpfiff zu verpassen, und wundern uns über die Geduld der ansonsten doch so leidenschaftlichen und ungerechten Fans, die diese lange Wartezeit einfach so hinnehmen. Im Gegensatz zu den Papierkörben: Der Pragmatismus ist da, wo er dringend gebraucht wird.

„Steht das Schwein auf einem Bein …” – daran muss ich denken. Der Fan steht auch mehr oder weniger auf einem Bein. Für die Erfolgsserie des 1. FC Union ist das Stadion echt zu klein. Wie soll das erst werden, wenn wir aufsteigen sollten? Zu einem so späten Zeitpunkt der Saison stand Union noch nie so gut da in der neueren Zeit.

Die Partie wird messerscharf geführt, bissige Zweikämpfe, für meinen Geschmack spielt sich zuviel auf engem Raum ab. Das Spiel müsste dringend auseinander gezogen werden, aber die Gegner haben sich einfach ineinander verbissen; und die Union-Fans tun das, was sie am besten können: Sie singen und singen, und plötzlich setzt auch Hans, der Opernsänger, ein. Er ist eine Oktave über der Masse, und sein Heldentenor hat einen silbernen Glanz, man möchte verzückt lauschen und Beifall spenden – nicht so der gewöhnliche Union-Fan, der sowieso überzeugt ist, dass er selbst am besten singt.

Der in seiner Harmlosigkeit kaum zu überbietende Schiedsrichter Dr. Jochen Drees, ein deutscher Arzt aus Bad Kreuznach, weiß die Fouls nicht richtig zu bewerten. In diesem Fall geschieht das seltene: Sein Köper bestraft ihn. Der gute Doktor muss das Spiel für fünf Minuten unterbrechen, um seine Oberschenkelmuskulatur behandeln zu lassen. Es ist schon spät. Wir sind im letzten Zehntel des Spiels und es steht immer noch 0:0. Da bricht Steven Skrzybski (wir werden nicht müde, die Schreibweise dieses Namens zu üben) auf der rechten Seite gegen mehrere Gegenspieler durch und der eingewechselte Philipp Hosiner drischt den Ball ins Tor. 83. Minute 1:0. Sechs Minuten Nachspielzeit. Union lässt nichts mehr anbrennen.

Nürnbergs Trainer, der Köllner heißt, meint, dass die Auszeit des Schiedsrichters sein Team aus dem Konzept gebracht hat. Auf was für Ideen ein Trainer doch in seiner Not kommen kann!

Die Fans sind wie im Rausch. Sie werden sich der neuen Lage bewusst, und was skandieren sie jetzt? Ho, ho, Spietzenreiter, Spietzenreiter. Dieser lang gezogene Vokal – da, wo er nicht hingehört – macht den Ausruf zur Ikone. Es ist das Modell Mattuuuschka, der Held vergangener Jahre, auf den das schönste Union-Lied gedichtet wurde. Wie kommen sie auf solche Ideen? Dieser langgezogene Vokal, dieser Regelverstoß, das hat etwas von einem Zauberspruch an sich. Magie.

Die Fans stehen noch lange unter dem Eindruck dieses Spiel und dieser ungewohnten Situation. Können sich einfach nicht vom Stadion und von ihresgleichen trennen. Wie wird es sein, wenn wir aufsteigen. Das Stadion wird immer ausverkauft sein. Die Preise werden steigen. Der Schwarzhandel wird blühen. Fußball als Luxusobjekt? Mondpreise für Tickets, Bier und Bratwurst? Wird ein schleichender Austausch der Fans stattfinden? Ein Umschlagen der Stimmung? Noch, noch, noch ist es nicht so weit.