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Archive for Oktober 2017

Der Platz, wo alles besser ist

Abends kommen die Filme
© Fritz-Jochen Kopka

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Ihrem Mann sollte eine Frau besser verschweigen, dass der Film „The Square” eine stattliche Überlänge hat (insgesamt 142 Minuten), im Original mit Untertiteln gezeigt wird (wie es ja immer geschieht im Kino in den Hackeschen Höfen, aber das weiß nicht jedermann und nicht jeder Mann) und dass sie kein Popcorn-Geknusper neben sich vernehmen möchte.

Der Mann sitzt im Kino neben krampfhaft motorischen Leuten und auch solchen mit einer schwachen Blase (viel Unruhe) und denkt nach 110 Minuten, jetzt könnte der Film eigentlich auch mal aufhören, aber er verliert nie das Interesse an den Gestalten und dem Geschehen, ein Phänomen.

2

Christian Nielsen, der Chefkurator des X-Royal-Museums in Stockholm, ist ein auffällig unauffällig gutaussehender Mann. Er hat sich daran gewöhnt, dass er den Leuten, vornehmlich Frauen, gefällt, dass er sie für sich einnehmen kann, er hat sich noch nicht daran gewöhnt, dass er sich nicht immer darauf verlassen kann. Während er sich bemerkenswert konsequent auf das Eine fokussiert, geht ihm womöglich das wichtigere Andere durch die Lappen. Aber das lässt sich reparieren. Auch daran hat er sich gewöhnt: Das Reparable des Lebens. Also: Was auch geschieht, nichts ist unwiderruflich. Gelassenheit ist die beste Tugend.

3

Der Film hält viele Zumutungen vor. Die Länge, das nicht zu Ende kommen wollen, und wenn er denn doch zu Ende kommt, ist das ein Ende, aber kein Schluss. Nichts ist besiegelt. Der Lärm, der ständig gemacht wird. Musik, Maschine, Geschrei. Von rechts oder links, von oben oder unten dringen unentwegt Hilferufe an unser Ohr. Szenen werde bis zur Unerträglichkeit ausgespielt. Das Zähe, Un-Entscheidbare des Kunst- und Lebensbetriebs wird uns aufgedrängt. Die vermeintlichen und die echten Bedrohungen, die nicht nur die Leute im Film betreffen. Ungnädige Bettler. Durchdrehende Performer. Drohende Kinder. Halbgesunde und Halbverrückte. Hochmütige Nerds. Schweigende Milliardäre. Opportunistische Journalisten. Wie konnte das alles nur so weit kommen? Wie soll man das alles bloß aushalten. Wir finden keine Antworten, das liegt aber auch an unseren blöden Fragen. Das alles soll uns gehörig auf den Senkel gehen, und das tut es ja auch. Und das wird auch so bleiben.

4

Dieser Film des Schweden Ruben Östlund hat die Goldene Palme in Cannes gewonnen. Das war der Kritik nicht recht. Sie hatte anderes im Sinn. Der Film war ihr zu halbherzig und eher Teil des Problems, als dass er zur Lösung der Probleme des Kunstbetriebs beitragen wolle.

Claes Bang spielt den Christian. Man denkt, man habe ihn schon einige Dutzend Mal im Kino gesehen, aber der dänische Schauspieler ist neu im Filmgeschäft und doch ganz vertraut. Es lohnt sich vielleicht aber doch, über diesen Typ nachzudenken. Wenn du dich im Kunstgeschäft durchsetzen willst, brauchst du das große Geld, die großen Namen und die radikalen Ideen, um Aufmerksamkeit zu erringen. Christian zählt sich zu den Guten. The Square, das Quadrat, ist der Raum, in dem jeder jedem Vertrauen und Achtsamkeit entgegenbringt. Das ist sein Ausstellungprojekt. Nach und nach bekommen wir mit, dass der Kurator sein Ziel mit einer durchaus sympathischen Arroganz verfolgt, die ihm nicht bewusst ist. Es ist purer Hochmut, einen kleinen Raum zu erobern, auf dem ich auf Grund meines selbstherrlichen Anspruchs die Regeln des modernen Lebens außer Kraft setzen kann. Ich, der große, geniale Christian Nielsen. So kann er nur scheitern, aber er ist eben auch von der Art, dass er das nicht so wichtig nimmt.

Auf die Weinstein-Sache antwortet der Film auch. Christian ist auch so einer, der seine Macht mitspielen lässt, um Frauen zu erobern, hier die amerikanische Kunstjournalistin Anne, die, wir trauen unseren Augen nicht, ansonsten anscheinend mit einem Schimpansen zusammenlebt.

Wenn wir ihnen aber bei ihrer Sexarbeit zusehen, können wir keinesfalls so klar sagen, wer sich hier wessen bemächtigt. Die gute Anne (Elisabeth Moss, unsere Freundin aus „Mad Men”) hat etwas absolut Dämonisches und dem Kurator ist es gar nicht geheuer in ihrem Bett. Mit der Meldeliste Me too kommen wir auf diesem verwickelten und durchaus nicht einseitigen Gebiet nicht weiter.

Überzahl, Fortschreibung

Schiedsrichter Siebert aus Berlin war etwas übereifrig im Umsetzen der Direktive, den Fußballern des FC Bayern eine Überzahl auf dem Platz zu verschaffen. Er stellte den Leipziger Innenverteidiger und Mannschaftskapitän Willi Orban schon in der 13. Minute vom Feld. Damit war das rasante Spiel, das wir alle erwarteten, ruiniert. Zum Nachteil der Zuschauer, zum Vorteil der Bayern, die allerdings auch nicht gerade begeistert schienen, wenn auch opportunistische Reporter der Mannschaft trotzdem hymnisches Lob widmeten. Vielleicht hätten die Bayern ja auch ohne die Direktive und den übereifrigen Schiedsrichter gesiegt, und es wäre ein tolles Spiel gewesen, kein einseitiges Herumgekicke.

Willi Orban hatte den heranstürmenden Arjen Robben gestoppt. Wir alten Straßenfußballer hätten sowas gesunde Oberkörperhärte genannt. Wir hatten unter uns allerdings auch keinen, der so apokalyptisch stürzen konnte wie der Holländer Robben. Dafür fehlte uns einfach die morbide Phantasie. Als Schiedsrichter würde ich auch grundsätzlich kein Foul pfeifen, das Robben herausgearbeitet hat. Er hat es einfach schon zu oft getrieben und zu viele Schiedsrichter gefoppt. Da würde ich mich nicht einreihen wollen. Die FAS hat nachgerechnet: In den letzten drei Spielen, insgesamt 300 Minuten mit der Verlängerung beim Pokalspiel in Leipzig, haben die Bayern 182 Minuten in Überzahl gespielt. Bei 11 gegen 11 haben sie kein Tor geschossen. Mehr muss dazu nicht gesagt werden.

 

Bayern in Überzahl

Ich habe das Gefühl, das der DFB den Schiedsrichtern eine neue Direktive verordnet hat. Spätestens zu Beginn der zweiten Halbzeit sollen sie dem FC Bayern durch Gelbrote oder auch Glattrote Karten eine Überzahl verschaffen, damit der Verein seine führende Rolle behält und die Bundesliga und der Pokal nicht etwa noch spannend werden. Opfer sind die gegnerischen Mannschaften und nicht zuletzt die Schiedsrichter, die dieser Art gezwungen sind, ein seltsames Gerechtigkeitsgefühl zu offenbaren und es an Augenmaß fehlen zu lassen. Letzten Mittwoch konnte jeder sehen, dass RB Leipzig die schnellere, modernere, in allem jüngere Mannschaft mit der intelligenteren Spielidee war. Das machte die Aufgabe für Schiedsrichter Zwayer, der sowieso schon in Schwierigkeiten steckt, noch komplizierter. Und auf der Bank blutete Bayern-Trainer Jupp Heynckes, gerade aus dem Rentenstand zurückgerufen, unentwegt die Nase und befleckte das Hemd. Zwayer pfiff einen Elfmeter für Leipzig und nahm ihn, von den Reklamationen der Bayern-Spieler schier erdrückt, wieder zurück, wobei er sich hinter seinem Linienrichter versteckte. Und dann setzte er die, vermutete, Direktive um. Die Bayern hatten Naby Keita früh als Leipzigs Schlüsselspieler erkannt und gaben ihm ordentlich auf die Socken. Tolisso und Vidal hätten längst gelb und gelbrot sehen müssen, aber Zwayer hatte eine ganz andere Aufgabe zu erfüllen. Zwei Mal foulte nun auch der bedauernswerte Keita, er sah sofort gelb, beim zweiten Mal zupfte er Lewandowski leicht am Trikot, der ließ sich dramatisch fallen und verpasste Keita, wenn ich es richtig sah, dabei noch eine Ohrfeige. Gelbrot für Keita. Damit hatte Zwayer ein hochklassiges, hochdramatisches Fußballspiel gründlich versaut und zu einer Leipziger Abwehrschlacht umgestaltet. Im Elfmeterschießen zeigten die Bayern ihre ganze Klasse, von der man vorher nicht viel gesehen hatte. Jupp Heynckes hatte sich inzwischen eine schmucklose Trainingsjacke angezogen, denn mit blutbeflecktem Hemd darf man nicht coachen. Diese Regel gilt auch für Bayern München.

Peter privat

Hier bin ich Mensch …
© Christian Brachwitz

Das ist der Wohnwagen von Herrn Peter Altmaier, dem Kanzleramtsminister. Welchen wichtigen Posten er in der neuen Regierung einnehmen wird, ist noch nicht sicher, auf jeden Fall ist er Angela Merkels wichtigster Mann. In jeder Talkshow, die sie nicht selbst wahrnehmen kann oder will, springt er ein und spricht ganz in ihrem Sinne. Voll vertrauenswürdig. Ihn hat noch keiner aus der Fassung gebracht. Wenn es dann mit der Talkshow und dem anschließenden versöhnlichen Plausch zu spät geworden ist, fährt Peter Altmaier nicht mehr nach Hause, sondern er geht in seinen bereitstehenden Wohnwagen. Das ist eigentlich immer das Schönste. Er liebt das einfache Leben, das Leben auf engem Raum, und er sagt: Es sieht vielleicht nicht danach aus, aber mein Wohnwagen ist drinnen ziemlich luxuriös. Es gibt sogar einen kleinen Kühlschrank, und darin befinden sich immer kleinen Leckereien, Sachen, die ich vergessen habe, und über die ich mich umso mehr freue, wenn ich sie wiederentdecke. Ein kleines Piccolofläschchen Sekt ist auch meistens dabei, ein Piccolöchen, wie man so sagt.

Sie haben sicher vieles selbst gemacht, an diesem Wohnwagen?

Oh nein, sagt Peter Altmaier, ich bin mit den Händen gar nicht so geschickt, ich bin ein typischer Kopfarbeiter. Die hübsche Gardine, die ist allerdings von mir. Da treffen sich Geschmack und Geschick.

In Wahrheit weiß ich natürlich nicht, ob dies wirklich der Wohnwagen von Peter Altmaier ist; es fiel mir nur so ein, aus reiner Sympathie.

Und dann denke ich an ein Interview, das der Spiegel vor zwei Jahren mit Claus Peymann führte, als der noch Intendant des Berliner Ensembles war.

Jetzt kommt der Minister, sagte Peymann, wie heißt der noch mal, der es jetzt richten soll, der Dicke?

Altmaier?

Ja, der. Altmaier tritt als Retter auf. So eine Art Falstaff, wie bei Heinrich IV., ein trink- und raufsüchtiger Soldat. Ich würde ihn sofort engagieren. Wahrscheinlich müsste man ihn dauernd betrunken machen, dann wäre er ganz toll. Solche haben wir am Theater leider nicht.

Wieso nicht?

Auf der Bühne geht es nur um Schönheit. Die Schönen werden Schauspieler. Das ist ein Problem, denn man braucht auch Normalität und Hässlichkeit auf einer Bühne. Da könnten wir uns vielleicht bei der Politik bedienen.

Claus Peymann! Ich möchte eigentlich mindestens jeden Monat ein Interview mit ihm lesen. Dem fällt wirklich immer was ein. Wie großartig war doch auf einmal das Literarische Quartett, als Claus Peymann zu Gast war! Er sollte immer mitmachen, habe ich damals schon gesagt. Mein Gott, ich komme ja hier vom Hundertsten ins Tausendste.

 

Als ich in der Lektüre-Krise steckte …

Oktober 24, 2017 1 Kommentar

In Halle/Saale verbringen Leverkühn und Zeitblom einige Semester ihrer Studienzeit. Unternehmen Ausflüge in die schöne Landschaft mit der Saale hellen Strand
© Fritz-Jochen Kopka

… das heißt, als alles beliebig schien, was ich lesen konnte oder wollte, noch ein Roman von Philip Roth oder weiter in seinen etwas nebulösen Essays, wieder ein Roman von Paul Auster oder ein Versuch mit Thomas Kapielski („Je dickens, destojewski!”), Essays von Carlos Fuentes oder die Trakl-Studie von Franz Fühmann, als das alles möglich, aber auch beliebig war, ging ich weg von den bereitliegenden Stapeln und griff in die Vergangenheit, an die Stelle der Regale, wo der Staub sich ablagerte, ich schnappte mir Frischs „Stiller”, Thomas Manns „Joseph und seine Brüder” und seinen „Doktor Faustus”. Hatte ich alles noch nicht gelesen und hätte ich alles längst lesen müssen. Ich machte bei allen Büchern den Anlesetest und entschied mich für den Faustus. Was stand zwischen mir und diesem Opus? Die Lobreden meiner belesenen Freunde. Der Hinweis auf die Tiefe des Werks und die nicht leichte Lesbarkeit. Eine gewisse Düsternis, die ein Titel wie „Doktor Faustus” auf mich abstrahlt (Deshalb habe ich ja auch so spät erst Gogols „Die toten Seelen” gelesen). Das Wissen darum, dass in den Roman viel Beratung von Adorno in Sachen Zwölftonmusik eingegangen war, Thomas Mann sich also etwas angeeignet hatte, was nicht zu ihm gehörte. Am meisten störten mich die Namen der Protagonisten, Adrian Leverkühn und Serenus Zeitblom, dieses Konstruierte, vorlaut Sprechende, aber gut, ich bin jetzt alt genug, über all das hinwegzusehen, und als ich den Test machte, gefiel mir der erzählerische Ton, den Thomas Mann seinem Zeitblom anheimgibt, dieses Umständliche, Aufgeräumte, Überzeugte, dass man ihm schon zuhören werde, auch wenn er noch so weit abschweife, das Biedere, aber auch Ironische, in einer solchen Gestalt ironisiert der Autor sich auch selbst: „Meine Name ist Dr. phil. Serenus Zeitblom … Mein Alter ist sechzig Jahre”, er kann partout nicht davon absehen, sich mit Titel vorzustellen, obwohl er doch weiß, dass sein Name nicht Dr. phil. Serenus Zeitblom ist, sondern eben Serenus Zeitblom, das ist schon unschlicht genug. Er gibt sich – gerade auch in Bezug auf seinen genialischen Freund Leverkühn – gerne bescheiden, ohne darauf verzichten zu können, sich angeberisch ins günstige Licht zu setzen.

Das alles passte mir gerade gut in den Streifen, und so hatte ich mich für den Doktor Faustus entschieden, die Beliebigkeit überwunden und die Lektüre-Krise beendet. Aus eigener Kraft, sag ich, als wäre ich auch ein Dr. phil. Serenus Zeitblom.

Vom Rasen

Das an Überversorgung leidende Gras

Wir säten wohl, aber wir düngten nicht, und trotzdem wuchs der Rasen, jede Woche mussten wir mähen und wollten wir mähen, so war das mit uns und dem Rasen zu DDR-Zeiten. Der Rasen war gesund, wir wässerten ihn einmal wöchentlich, es war ein Nutz-, Liege- und Sportrasen, kein Angeber-Rasen, kein grüner Teppich. Dann kam die Wende, die Einheit, die Vielzahl der Bau- und Gartenmärkte, der Angebote. Wir mussten einräumen, dass wir unseren Rasen nicht ernst genug genommen und schon gar nicht verwöhnt hatten. Jetzt wässerten wir jeden Tag, wir lüfteten und vertikutierten, fingen auch an zu düngen. Die Versprechen auf den Packungen wurden allerdings immer nur kurzfristig eingehalten. Wir entfernten den Löwenzahn per Hand aus dem Rasen und dann auch die Gänseblümchen mit einer speziell zurechtgebogenen Gabel. Den Weißklee bekämpften wir chemisch, aber darüber konnte diese Pflanze nur lachen: Sie kam immer wieder. Wir sind Helikopter-Gärtner geworden, und was müssen wir feststellen, wenn wir uns nicht selbst in die Tasche lügen? Unser Rasen wächst nicht mehr. Wenn wir ihn vier bis fünf Mal pro Saison mähen, dann reicht das schon aus. Ist doch schön, könnte man sagen, spart man Zeit, aber es ist beunruhigt uns doch. Was ist los mit unserem Rasen? Haben wir ihm nicht alles gegeben? Ist er krank? Wird er sich allmählich noch ganz unsichtbar machen?

Mein Nachbar, ein schweigsamer Herr, reagiert, wie soll ich sagen, provokativ. Er mäht nicht mehr wie früher jede Woche, sondern jeden Tag. Wenn ich ihn so sehe, erinnert er mich oft an den Zwerg in Schneeweißchen und Rosenrot, der sich in seiner Verbissenheit den Bart in einem Baumstamm eingeklemmt hat. Es können nur Bruchteile von Millimetern sein, die er abmäht, aber er mäht. Seine Frau macht sich Sorgen, sein Sohn macht sich Sorgen, das Gras macht sich Sorgen; der Rasenmäher vermutlich auch. Das sind also die Folgen der Überversorgung. So was gab es in der DDR nicht. Da wuchs der Rasen von allein, das war irgendwie ein Land im Naturzustand.

Ich denke nun auch an die Familie Grefe und ihren Opa. Den Opa trieb es nachts oft aus dem Bett. Dann setzte er sich in die Küche und schälte Kartoffeln. Die Familie schlug morgens die Hände über dem Kopf zusammen, wenn sie sah, was geschehen war. Berge geschälter Kartoffeln. Das konnte kein Mensch verzehren. Man wagte auch nicht, die Kartoffeln zu verstecken, weil: Was würde der Opa dann treiben, wenn es ihn nachts aus dem Bett trieb? So oder so ähnlich sind dann wahrscheinlich die lustigen Kartoffelkneipen entstanden.

 

Survived in Kreuzberg

Zwischen Mitte und Kreuzberg
© Fritz-Jochen Kopka

Jannowitzbrücke hatte ich noch viel Zeit, also ging ich zu Fuß zum Aufbau-Haus, zunächst durch die Brücken-, dann durch die Heinrich-Heine-Straße. Ich sah auf dem Weg von Mitte nach Kreuzberg alte Bierkneipen, andererseits mehrere Sushi-Bars warum weshalb weswegen, und wenn die Brückenstraße endet, kann man noch eine weiße und eine schwarze Hand als Wandmalerei bewundern, dann gibt’s ein paar schlichte Wohnblocks und keine Läden mehr, schließlich Physiotherapeuten, Kosmetiker und Fitness-Coaches. Dann der Kreisverkehr, der den Moritz-Platz für die Fußgänger so ungemütlich macht. Keine einzige Ampel, und der Autoverkehr fließt unablässig und träge dahin. Anders die Gymnasiastinnen, sie kichern, gackern und haben sich unendlich viel zu erzählen, während phlegmatische Bettler erwarten, dass man sie ungebeten mit einer Spende bedenkt. Jetzt habe ich doch noch den Sänger in der S-Bahn vergessen, der ein ziemlich witziges Lied spielte über Probleme, die er früher nicht hatte, ich gab ihm was und fragte: eigener Song? Leider nein, sagte er. Gut ausgesucht, sagte ich. War ja auch so.

Verheugen braucht von seiner Wohnung in der Allee eine halbe Stunde bis hierher. Eingangs der Buchhandlung sucht er sich einige Kunstpostkarten zum Preis von 1€ aus. Den Buchhändler fragt er nach dem Gesprächsbuch von Alexander Kluge und Ferdinand von Schirach. Kluge hält er sowieso für einen der allergrößten. Kann nicht sein, sage ich, der ist mir zu redselig. Solche Einwände schätzt Verheugen überhaupt nicht. Ich hole mir bei Modulor einige Dinge für meine künstlerische Arbeit, wie ich selbstironisch behaupte, aber die Ironie wird nicht erkannt (das geht mir oft so).

Jetzt müssen wir eine Kneipe suchen. Auf der anderen Seite ist schon eine, sie heißt „Zur Mütze”, klingt originell. Sicher ne Raucherkneipe, sagt Verheugen, er sieht es auf hundert Meter Abstand an den Gardinen und hat recht. Da er seinen Tabak nicht dabei hat, hat er keine Lust, in die Raucherkneipe zu gehen, und auch nicht in die nächste und nicht in die übernächste, hier häufen sich die Raucherkneipen, das ist Kreuzberg, in seinem Viertel kennt er nur eine einzige. Er prüft die Bierpreise. 2,90 €. Ist das nicht zu viel für Kreuzberg?

Vor zwanzig Jahren oder so habe ich hier gearbeitet. Ich bin es gewöhnt, dass sich eine Gegend, wenn man sie nach so langer Zeit wiedersieht, total verändert hat, aber hier: Es gibt noch die Stiege, es gibt noch das Restaurant „Max und Moritz” , sicher nicht mehr mit dem strengen Wirt, dem einfach die Nase mancher Gäste nicht passte und der missmutig von seinem Tresen aus in sein Lokal blickte, es gibt sogar noch das kleine Antiquariat. Wir entscheiden uns für die Stiege.

Verheugen ist sofort eingenommen vom historischen Ambiente, der dunklen Wandtäfelung, den alten Radios, die überall rumstehen. Der Wirt sieht noch so aus wie vor fünfzehn Jahren, so dass die Frage erlaubt sein muss, ob hier die Zeit stehen geblieben ist. Ist sie nicht. Aber wir bleiben manchmal stehen, bleiben uns treu, die Zeit kann uns nichts anhaben, wenigstens scheinbar. Zwei ältere Damen sitzen ein paar Tische weiter und essen Calamari livorno, der Geruch verbreitet sich. Geschenkt. Die eine könnte ich kennen, sie sieht aus wie die Lektorin XYZ aus dem Verlag ABC. Eine Dame, für die das Alter eine Gnade ist, ich sage nicht warum. Wirt und Kellner treten ab und zu vor die Tür und rauchen eine. Good bye, Kreuzberg, wir kommen wieder.