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Ich werd ’ne Menge vermissen

Hinter den Wolken muss der Vulkan sein – Parinacota in Bolivien © Alle Fotos: Julia Thalheim

Hinter den Wolken muss der Vulkan sein – Bolivien
© Alle Fotos: Julia Thalheim

Chilenisch-bolivianische Mail (4)

Hallo Ihr,

die Salar de Uyuni-Tour ist so mit das Schönste, was man sich naturmäßig antun kann. Drei Tage lang durch die verschiedensten Landschaften, weit oben, fern ab von Zivilisationen und alles aufgrund der Höhe unglaublich entschleunigt. Mein Nachbar im Jeep war übrigens ’n gemütlicher Geologe aus Madrid, hinter mir saß ’ne Chilenin, die alle Schmachtsongs inbrünstig und textsicher mitsang …

Wenn man Landschaften liebt – die Salar-Tour

Wenn man Landschaften liebt – die Salar-Tour

Als wir hier aus dem Jeep ausstiegen war nichts mehr organisiert, und alle waren ein wenig ratlos.

Die erste Busfahrt in Bolivien (von Uyuni nach Potosí) hatte auch gleich alle Attraktionen, die man sich so wünscht: Panne, stundenlange erfinderischste Basteleien, danach um die Hälfte gedrosselte Geschwindigkeit, Beinahe-Unfall, Regeneinbruch mit undichtem Dach, Gepäck auf dem Dach, Sachen nass. Fand das ja immer albern, sich als Touri im Vorfeld die Busse zeigen zu lassen, jetzt habe ich verstanden.

Auch so kann ein Vulkan aussehen – der Parinacota in Chile

Auch so kann ein Vulkan aussehen – der Parinacota in Chile

In Potosí, wohl mal eine der reichsten Städte der Welt und ziemlich hoch gelegen, gab’s ne Tour in die Minen des Cerro Rico, der mittlerweile einem Schweizer Käse gleicht, der sich nur noch in den tiefsten Tiefen Mineralien abtrotzen lässt. Ist nicht so meins so tief unter der Erde, kriechend, dunkel, stickig mit merkwürdig grollenden Geräuschen unter und über dir. Ich werde versuchen, mich nie wieder über meinen Job zu beklagen. Im Vorfeld kauften wir Dynamit, Schnaps und Cocablätter, angeblich, um die Minenarbeiter zu beglücken. Bin mir nicht so sicher, dass das gelungen ist.

Als wir in der Mine waren

Als wir in der Mine waren

Der Aufbruch von Potosí war leider ein wenig überstürzt, weil es die nächsten drei Tage eine Blockade geben sollte und nichts mehr fuhr. Also ab nach Sucre. Die erste Nacht hier gönnte ich mir die wohl schäbigste und damit günstigste Unterkunft. Da die Tür nicht abschließbar war, habe ich alles, was nicht befestigt war im Zimmer (inklusive mir), vor die Tür gestellt.

Der gute Hirte

Der gute Hirte

Die Woche bei der bolivianischen Familie war das komplette Kontrastprogramm und Luxus pur. Konnte mich gut separieren. Das Klo teilte ich mir mit den Bediensteten. Einer heißt Julian. Immer wenn er gerufen wurde, dachte ich, dass ich gemeint bin. Der Mann ist Rechtsanwalt und sie Lehrerin für Geschichte (hat aber Angst vor den Juden). Drei Kinder haben sie. Die sind so zwischen 20 und 30, schätze ich. Hier lebt man ja so lange daheim, bis man heiratet. Zum Mittag sahen wir uns dann immer alle. Ansonsten eher nicht.

Einmal habe ich ’nen Ausflug ins Dorf Tarabuco gemacht. Da gibt’s jeden Sonntag ’nen Riesenmarkt. Leben nur Indigenias da. Auf der Tour hab ich endlich jemand Nettes kennengelernt. Erin aus Thailand. Hat in Bangkok Film studiert und arbeitet jetzt in den USA als Bartender. Nur im Winter. Ist wohl ’n Skigebiet da und vom Trinkgeld macht sie jetzt ’ne sechsmonatige Reise durch Südamerika.

So’n Trinkgeld hätte ich auch gern mal gehabt.

Das Zebra regelt den Verkehr – wer sonst

Das Zebra regelt den Verkehr – wer sonst

Sucre ist eigentlich klein und übersichtlich, hat mich aber trotzdem nach den einsamen Tagen in den Bergen gestresst. Diese stinkenden Busse, die immer ein Problem haben, sich zwischen Bürgersteig und Straße zu entscheiden … Wenn du zu nah an der Straße entlangbalancierst, um den Massen auszuweichen, wirst du unfreiwillig vom Bus mitgenommen. Ich habe auch noch nie so viele Polizisten auf einem Haufen gesehen. Eine Zusammenrottung vor jedem halbwegs öffentlichen Gebäude. Der Verkehr allerdings wurde von Menschen in Zebrakostümen geregelt.

Die Busfahrt nach La Paz war wohl die kälteste Nacht, die ich hier erlebte. Da war die Nacht auf 5000 Meter Höhe auf der Salartour ein Klacks dagegen. Ich musste wirklich krampfhaft meine Zähne zusammenhalten. Als der Bus über El Alto runter nach La Paz einfuhr, spürte ich wenigstens meine Beine wieder.

In La Paz hat man noch Respeckt vor den Tauben

In La Paz hat man noch Respekt vor den Tauben

Ich mag La Paz! Ruhiger und weniger aufgeregt als Sucre. Habe mir nochmals den Titicacasee angeschaut und befand ihn immer noch für wunderschön, wenn auch unglaublich touristisch. Bei der Überfahrt wurden die Partyqualitäten der einzelnen Nationen unter Beweis gestellt. Ich behaupte mal, die Schweizer haben gewonnen.

Meinen Grenzübergang von Bolivien nach Chile habe ich wieder besonders genossen. Wurde komplett auseinander genommen. Diesmal war es ein Hackysack, der mit Maiskörnern gefüllt war.

Auf den Dörfern ist man noch fromm

Auf den Dörfern ist man noch fromm

Zurück in Chile, am Strand von Arica, habe ich meinen neuen Reisekumpan samt Auto kennengelernt. Gemeinsam ging es in die entlegenen, busfernen Dörfer rund um Putre.

Fiesta …

Fiesta …

… Fiesta chiliana

… Fiesta chiliana

Auf einem Friedhof trafen wir ein altes Paar, das uns von einer Fiesta im Nachbardorf erzählte. Alle Feiernden waren bereits vor der Prozession ordentlich angetrunken, aber dafür hatten sie die Instrumente noch gut im Griff. Am Ende durfte ich auf alle möglichen Fotos rauf, Instrumente halten, und alle haben sich köstlich amüsiert.

Ich werde ’ne Menge vermissen.

Gruß und Kuss

Jule

Wiener Tage

Ich weiß nicht, wie dieser blonde Kopf auf mein Bild kam. Plötzlich war er da © Fotos und Text: Andrea Doberenz

Ich weiß nicht, wie dieser blonde Kopf auf mein Bild kam. Plötzlich war er da
© Fotos und Text: Andrea Doberenz

So sieht Weihnachtsschmuck in der Mitte Wiens aus, hier in der Rotenturmstraße. Gleich hinterm Stephansplatz. Und am Graben leuchten die Lüster.

wien_bettSchlafen in Wien. Hotel Kaiserhof. Behütet vom Kaiser und der Sissy. Die junge Sissy aß am Morgen gern eine Scheibe Rind und trank dazu ein Glas Rotwein. Zum üppigen Frühstück im Kaiserhof wird dem Gast erzählt, dass Sissy in ihren späteren Jahren auf ihre Linie sah, eine Schale Tee, etwas Obst und Gebäck genügten ihr. Was der Kaiser davon hielt, ist nicht überliefert. Der Gast zieht es vor, der Kaiserin in diesem Punkt nicht zu folgen.

wien_schraubeSelten sieht der Mensch so viele Denkmäler von Technikern und Erfindern wie hier. Josef Madersperger ist, wie jeder weiß, der Erfinder der Nähmaschine und nicht primär Herr Singer. In seiner Nähe steht Josef Ressel, der Erfinder der Schiffsschraube, der dem Park den Namen gab. Hinter dem Denkmal die Technische Universität. Die Latte für die Studenten liegt hoch. Macht ihnen aber nichts aus.

wien_palmenhausSchloss Schönbrunn, Sommerresidenz der Habsburger, auch Österreichs Versailles genannt. Das Palmenhaus. Die Gewächse sind den Wiener Gärtnern gefügig. Die Touristen zieht es im November eher auf die Christkindlmärkte als nach Schönbrunn. Die Krähen bleiben da unter sich.

wien_tögelHerrn Tögels Saftladen kurz vorm 1. Bezirk. 1. Wiener Mostfachgeschäft ist eine geniale Umschreibung. Herr Tögel verkauft die schönsten Obstler, die sich der Genießer nur vorstellen kann. Auch Botschafter kaufen bei ihm. Herr Tögel persönlich bevorzugt allerdings wirklich den Most. Der Laden ist überwältigend in der Fülle des Wohlgenusses. Die Verkostung kann schon am Mittag beginnen, gnädige Frau: Marillenbrand, Schwarzbrot Edelbrand, Heubrand und besonders überwältigend der Brand aus den Zapfen der Zirbe, einer Kiefernart aus der Steiermark.

wien_gröstlWiener Spezialitäten auf dem Weihnachtsmarkt. Sättigung schlägt die Romantik. Die Reisende bevorzugt allerdings eine Melange im Café Korb oder im Prückel mit Sachertorte, Topfenstrudel oder ohne. Am Abend geht’s ins Burgtheater. Sie spielen die Courage, die man aus Berlin ganz anders kennt.

Landschaften Landschaften

Junge, das ist Bolivien! Salar de Uyuni, der größte Salzsee, Salzsumpf, Salzwüste je nach Regenlage Fotos: Julia Thalheim

Junge, das ist Bolivien! Salar de Uyuni, der größte Salzsee, Salzsumpf, Salzwüste der Welt je nach Regenlage
Fotos: Julia Thalheim

Chilenische Mail (3)

Liebe Heimat,

es ist soweit …  Die ganze Zeit hin und her überlegt, wo man am besten rüber macht, und nun geht’s los.

Morgen fahren wir Richtung Bolivien, in ’nem Jeep mit 6 Leutchens. Ich ahne Strapazen (Ziel ist der Salar de Uyuni), erhoffe aber auch Entlastung für den Geldbeutel. Chile, und vor allem San Pedro haut rein, und das mächtig. Kurioserweise sind hier die beiden einzigen Geldautomaten komplett leergeräumt. Ist vielleicht auch ganz gut, kein Geld mehr zu haben, wird ein spartanischer letzter Abend.

Grüner wird’s nicht. Valle de Elqui, das Tal, in dem die Pisco-Traube reift

Grüner wird’s nicht. Valle de Elqui, das Tal, in dem die Pisco-Traube reift

Santiago war schön. Viel gesehen, was letztes Jahr alles unterging. Ich hab meinen Frieden gemacht. Im Lonly Reiseführer steht dass, wenn alle südamerikanischen Städte Personen wären, Rio, Mexico Stadt, La Paz, Buenos Aires und Lima Hitzköpfe sind und Santiago die gelassene große Schwester sei. Ich hab mich also wohl gefühlt.

Meinen obligatorischen Friedhofrundgang gab es nun auch, einen Tag auf dem Cementerio General zugebracht, eine ganze Stadt, riesig. Und da liegen sie alle. Allende, Victor Jara, Violetta Para. Auf dem Rückweg aus dem Labyrinth in eine Beerdigung hineingeraten. Gefühlte hundert geschmückte Autos mit Hupen und aufheulenden Motoren sind in den Friedhof eingefallen. Einigen Wenigen hat man die Trauer angesehen, aber die meisten sind total jahrmarktmäßig aufgebracht nebenher gelaufen.

Deine Heimat ist das Meer, genau gesagt der Pazifik Foto: Charlotte Bastian

Deine Heimat ist das Meer, genau gesagt der Pazifik
Foto: Charlotte Bastian

In La Serena gab es endlich ein wenig frische Pazifikluft und im Valle de Elqui ’ne Ahnung von Entspannung.

Nun also San Pedro de Atacama. Geysire, Lagunen, Flamingos, Vulkane … Alles abgearbeitet, völlig eingestaubt, sowohl innen als auch außen und dehydriert kommt man am Nachmittag heim und bucht schon wieder die nächste Tour. Ick bekomme eine Ahnung von der Bedeutung des Wortes Reisemüdigkeit.

Die Touren beginnen hier gegen vier Uhr in der Früh. Da klappern noch die Zähne, und sobald es die Sonne über die Vulkane schafft, zerfließt man und kann sich kaum noch draußen aufhalten.

Ab durch die Wüste. Sieht weniger trostlos aus, als man denkt

Ab durch die Wüste. Sieht weniger trostlos aus, als man denkt

Unseren sanften Einstieg in San Pedro hatten wir mit Axel. Der setzte sich ausgezehrt nach heimatlichen Klängen und kontaktsuchend an unseren Tisch. Den Einstieg ins Gespräch fand er mit dem Thema Eis und ob man sich denn eines genehmigen dürfe oder lieber wegen Salmonellen die Finger davon lassen solle. Na, jedenfalls arbeitet Axel seit einem Jahr hier in Calama, hat Frau und Kinder in Deutschland, macht ’n Riesenschotter und ist Scheiße einsam.

Axel also fuhr uns mit seinem Jeep ins Valle de la Luna. Zum Sonnenuntergang. Du kriechst (und das meine ich genau so!) auf die Gipfel und wartest darauf, dass die untergehende Sonne die Wüste in ein Farbenmeer taucht und, zack, ist es finster und du frierst dir wieder den Arsch ab.

Da werden Laster zu Matchboxautos. Das Dreckloch Calama – Chuquicamata

Da werden Laster zu Matchboxautos. Das Dreckloch Calama – Chuquicamata

Gestern ging es noch mal zurück in das Drecksloch (O-Ton Reiseführer!!!) Calama und zur Kupfermine Chuquicamata. Für die arbeitet auch Axel. Ein unfassbar riesiges Loch. Die Trucks, die – was weiß ich – aus der Erde holen, sind groß wie Häuser. Aber wenn man in den Riesenschlund der Mine schaut, dann haben sie nicht mal mehr Matchboxgröße. Vor den aufgetürmten Sandbergen kann man sich noch die Geisterstadt Chuquicamata ansehen, Casino, Kirche, Polizei, Spielplatz, Schule … Alles noch da, alles leer und ausgestorben. Da haben die 20 000 Arbeiter für umme mal gelebt. Unter der Stadt gibt es natürlich auch noch Kupfer. Deshalb wurden die Arbeiter nach Calama umgesiedelt, da mussten sie für die Wohnungen aber bezahlen. Am schlimmsten ist vermutlich der arsenverseuchte Feinstaub, so dass die nun alle in dem Drecksloch leben. Aber ob did nun 10 Kilometer entfernt so viel besser ist, wage ich zu bezweifeln. Fühlt man sich gleich ganz schlecht mit seinen ständig neuen Handys.

Das Gefühl für Weite muss noch mal erweitert werden

Das Gefühl für Weite muss noch mal erweitert werden

Drückt mir Daumen, dass ich morgen zwischen gut riechenden sympathischen, nicht allzu sehr schwitzenden Mitfahrern eingeklemmt sein werde und dass sich dieser Trip lohnt…

Kuss Jule

Die Koordinaten des Fußballnomaden

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Gablonz = Jablonec, das ist nicht nur Fußball

 

Jiri Stajner wechselte zum FC Jungbunzlau, wo offenbar besser gezahlt wird. Skoda eben. David Jarolim ist auch dort. Der VfL Wolfsburg der Gambrinusliga. Da kann man hübsch die Karriere austrudeln lassen. Derweil Stajners Reichenberger die 4. Runde der Euro League erreicht haben, gegen den FC Zürich, nächster Gegner Udinese Calcio, aus dem Friaul, da war ich auch schon ein paar Mal. Ist der Fußball-Hotspot, wenn ich in Laibach, Triest oder Görz weilte … Mein italienischer Lieblingsverein …

Noch großartiger: Meine Gablonzer haben’s ebenso in die 4. Runde, die so genannten Play-Offs, geschafft. Ich war natürlich vor Ort, Gegner war eine mir völlig unbekannte Truppe aus Norwegen. Mit fünf 19jährigen schwarzen Gazellen … In Gablonz 2:1 – ich war mir nicht sicher, ob’s gelingt. Aber dort dann 3:1 Auswärtssieg. Nächster Gegner: Betis Sevilla! Das werden sie wohl kaum schaffen, aber ich fahre natürlich hin.

Morgen wieder nach Böhmen, diesmal Pilsen! Spitzenspiel Viktoria Pilsen gegen Sparta Prag …  Auf dem Hinweg werde ich mal in Marienbad spazieren gehen für einen D-Zug-Takt (= 2 h) und auf dem Rückweg das gleiche in Franzensbad, meinem Lieblingsbad von den drei so genannten Weltbädern. Da vielleicht 4 h? Ein bisschen in kakanischen Gefühlen schwelgen …  Denn das Spiel ist am Samstag Abend 20.15 Uhr. Ich wohne ideal, inzwischen habe ich die böhmischen Städte eingescannt mit den Koordinaten Hbf, Stadion, Innenstadt, Hotel. Möglichst alles fußläufig, was zum Beispiel in Pilsen kein Problem ist. Und inzwischen kenne ich meist schon die so genannte ideale Linie, also den kürzesten Fußweg. Das kommt noch vom Militär. Wobei ich gern die Nebenwege nehme, weil ich meistens Zeit habe, viel Zeit. Das ist schön! Und am Sonntag kein einziges Spiel in ganz Tschechien! Also auf Kurpromenaden promenieren. Dazu sind sie da.

Salut, Ecki

Chilenische Mail (2)

Juni 23, 2013 1 Kommentar
Verwunschen, verwunschen. Man denkt, von der welt verschluckt zu werden Für alle Fotos © Julia Thalheim

Verwunschen, verwunschen. Man denkt, von der Welt verschluckt zu werden
Für alle Fotos © Julia Thalheim

Liebe Heimat,

yeah! Ich stand mit beiden Füssen in Patagonien! Tolles Gefühl, sage ich Euch. So weit das Auge reicht Berge, Seen, Steppe und Wind, Wind, Wind. Dazwischen lustige Tierchen wie Nandus (irgendwat Straußenartiges, was nicht fliegen kann, nur po-wackelnd rennen, aber das mit einem Affenzahn), Guanacos (wat Lamaartiges) und hoch oben die auf dem Wind sich treiben lassende Condore. An einem Tag kannst du alle vier Jahreszeiten mitnehmen.

Nach der ersten Touri-Highlight-Abgeklappere-Tour (Japaner kreisen mit Riesen-Objektiven kopulierende Guanacos ein) sind wir am nächsten Tag mit einem gemieteten Auto in den Nationalpark Torres del Paine alleine rein und haben eine siebenstündige Wanderung bewältigt. Endlich Bewegung nach vier Tagen Rumgesitze auf dem Schiff. Ziel des steilen Anstiegs war, einen kurzen Blick auf die beiden Torres zu ergattern, bevor Nebel und Schneegraupel alles verschlucken. Haben wir geschafft! Auf dem Weg da hoch ziehen immer wieder bekannte Gesichter an dir vorbei, die du ein paar Tage zuvor auf dem Schiff getroffen hast.

Unser Schiff ist das größte …

Unser Schiff ist das größte …

Apropos Schiff! Das war ’ne Tour von Puerto Montt nach Puerto Natales! Irgendwat zwischen Backpackersammelsurium und Kreuzfahrtschiffatmosphäre (am letzten Abend gab es Bingo).  Tagelang durch menschenleere Fjorde, an Gletschern vorbei und durch engste Kanäle. Dauergrau, Regen und die Wolken so tief, dass du fast drin verschwindest mit dem Kopf. Ab und zu kam eine Flosse zum Vorschein. Mehr haben die Meeresbewohner nicht von sich blicken lassen. Stopp am Fischerdorf Puerto Eden, wo wir Touris für 5000 Pesos das Schiff mit Fischerbooten verlassen durften, um in orangefarbenen Schwimmwesten auf einem vorgegebenen Holzsteg durch das Dorf zu jagen.

Ich stand die ersten Tage an Bord eigentlich nur unter Drogen. Dauermüde gab es jeden Morgen erst mal eine Pille zum Frühstück. Den letzten Tag an Deck habe ich ohne gepackt. Wahnsinn. Selbst das Busfahren meistere ich mittlerweile ohne Fremdunterstützung. Am zweiten Tag ging es mit dem Schiff am Golfo de Penas auf den offenen Ozean. Ich habe so ein Riesenschiff noch nie so schwanken sehen. Wir haben es irgendwie geschafft, rauf aufs Deck zu kommen, weil frische Luft laut Mauricio, unserem Schiffsverantwortlichen, angeblich helfen sollte. Aber du hast wirklich ein wenig Angst, von Bord zu fliegen. Wie ein Kind auf der Schaukel, nur in riesengroß. Vorne taucht das Schiff ein und hinten stößt es sich in die Luft und das im Sekundentakt. Die Matrosen hatten ordentlich Spaß; mit Wasserschläuchen bewaffnet haben sie sich immer in Deckung gebracht, wenn von oben das zuvor eingenommene Mittagessen runter klatschte. Dann haben sie aber eilig Tüten verteilt, weil es ihnen offensichtlich zu viel wurde.

Und ich habe nicht gekotzt! Als eine der wenigen!!!

Meine Bekanntschaft an Bord: Mandy und Torsten aus Dresden. Mitte dreißig, seit fünfzehn Jahren verheiratet und das erste Mal in Südamerika (weil Chile am sichersten sei …). Mandy hat für eine Mandy ziemlich viel Humor und sagt auch, dass ihr Name eher eine Diagnose sei, sie aber den Gegenbeweis antreten wolle. Und Mandys Schwester heißt übrigens Peggy …  Jibt es denn sowat??? Ist die Mutter noch ganz bei Trost gewesen?

Nach vier Tagen Ankunft in Puerto Natales, ein herausgeputztes und ganz auf Touris eingestelltes Dörflein am Rande des Nationalparks.

Everythig I Do …

Everything I Do …

Der Hostel-Papa Alejandro war so gierig nach den spärlichen Gästen, dass er einen förmlich auffraß. Was am Anfang noch ganz nett war, ist innerhalb von zwei Stunden so lästig, dass man nur noch fliehen kann. Dummerweise hatte ich vor den zwei Stunden eingewilligt, mit ihm eine Tour zum Fliegenfischen mit Übernachtung zu unternehmen. Wenn jemals ein Mann wieder „Baby” zu mir sagt und versucht, meine Hand zu greifen, gibt es Tote!

So geht Fliegenfischen in Chile

So geht Fliegenfischen in Chile

Wir haben im engsten Zweimannzelt aller Zeiten übernachtet. Und nachdem mir zu seinem Bedauern nicht kalt wurde, wurde ihm kalt. Ich war noch nie so froh, endlich das erste Tageslicht zu erblicken. Ich habe die ganze Nacht laut auf meinem iPod Mugge gehört, um sein Schnarchen zu übertönen und Gunacos gezählt. Alejandro schaffte es wirklich, alles zu versauen. Das Fliegenfischen nutze er für Körperkontaktherstellung, nüscht durfte ich alleine probieren. Dann Lagerfeuer, und wat macht Alejandro? Autotüren auf und laut Brian Adams. Everything I Do… Auch auf der Straße war Alejandro der King. Jedes an uns vorbeiziehende Lebewesen wurde per Autohupe begrüßt. Mit stolz geschwellter Brust blickte er zu mir herüber, um sicher zu gehen, dass ich das auch ja wahrnehmen würde.

Ich habe irgendwann komplett dicht gemacht und gar nichts mehr gesagt. Was allerdings zu lustigen Selbstgesprächen seitens Alejandros führte, der meinen Part einfach mitübernahm.

Mein Abgang in Puerto Natels war daher ein wenig überhastet. Mich befiel leichte Panik, weil ich keinen Flug bekam. Wollte ja zunächst noch mal in den Norden, ins Warme. Aber es gab nichts.

Im Büro der Sky Airline ’nen Flug für den nächsten Tag immerhin zurück nach Puerto Montt. Also mit dem Bus von Puerto Natales nach Punta Arenas. Dort dann in den Flieger. Da kam ich abends an und musste zum Busbahnhof. Alejandro meinte, ich müsse unbedingt darauf achten, ein gekennzeichnetes Taxi zu nehmen. Auf keinen Fall woanders einsteigen. Da war aber nüschte. Also bin ich zu drei Männern ins Auto gestiegen. Für 5000 Pesos. Fand ick fair.

Ein Ort für Walfänger – gewesen

Ein Ort für Walfänger – gewesen

Am Bahnhof standen hunderte von Bussen, alle completto. Die von Pullmann-Bus haben gleich mal das Licht in ihrem Schalter ausgeknipst und dumm gegrinst. Die Dame von Tur-Bus hat mir abenteuerliche Verbindungen für 40.000 Pesos nahegelegt. Jott sei Dank fiel mein Blick dann noch auf ETM Bus. Und was soll ich sagen: Um kurz vor Mitternacht ging es für 12.000 Pesos mit dem nettesten und charmantesten  „Busmatrosen” aller Zeiten nach Concepción, und Alejandro war sofort vergessen…

Nun bin ich also wieder bei der Familie in Conce. Hier verbringe ich meine restlichen Chile-Tage mit gemütlichen Ausflügen weit ab vom Touristrom. Lavastromerkundungen und ein Besuch der stillgelegten Kohlemine Lata gab es bereits. Letzte Nacht haben wir den Film „Sub terra“ geschaut, der in der Mine spielt. Irre, wenn man kurz vorher durch diese Kulisse gelaufen ist.

Der Mann, der uns durch die Mine führte, hat dort auch gearbeitet. Mit acht Jahren fing er an. Der chilenischen Schulklasse, die mit uns durch die Mine stolperte, erklärte er immer wieder: Wenn ihr eure Geschichte nicht kennt, dann verliert ihr eure Identität. Aber det interessierte die dicken kleinen Süßen herzlich wenig …

Vor dem Lavastrom. Im Skigebiet

Der Lavastrom, der ein Skigebiet auslöschte 

Jetzt muss ich nur noch zurück nach Santiago. Ich werde versuchen, die ETM Bus Company zu nehmen.

Den Norden nehme ich mir von Bolivien aus vor. Irgendwann, wenn das Konto ein wenig aufgeräumt ist…

Das Wetter war nicht so ganz auf meiner Seite. Habe auch viel zu viele Klamotten für warme Tage statt für kalte Tage dabei. Im Prinzip komme ich mit ’nem halben Rucksack sauberer Wäsche heim und laufe seit Wochen in denselben vier Pullis und zwei Hosen übereinander rum.

Lasst Euch nicht stressen, wir sehen uns in Berlin, liebe Grüße und Kuss

Julchen

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Chilenische Mail (1)

Fern von Santiago, noch ferner von Berlin – Boote auf der Isla Mocha

Fern von Santiago, noch ferner von Berlin – Boote auf der Isla Mocha

Liebe Tagebuchvorausschreiber,

noch keine einzige Busfahrt, keine Wüste! Die größte Aufregung bisher war die Einreise … Ich hatte meinen letzten Proviantapfel nicht mehr auf dem Schirm, im Flugzeug aber tollkühn die Einreisepapiere und Zollbestimmungen unterschrieben und negiert, dass ich etwas Böses dabei hätte …  Ein Apfel aus Deutschland ist aber verdammt böse! Das Äpfelchen erhielt größtmögliche Beachtung, bevor es grausamst vernichtet wurde… Gewogen, vermessen, genauestens beschrieben, sodann zerkleinert und in den Müll zu tausend übel riechenden Fleisch- und Wurstresten geworfen … Die mir zuteil werdende Aufmerksamkeit war nicht in meinem Sinne. Von einem Zollbeamten zum nächsten geschickt, Belehrungen über mich ergehen lassend, ewig wartend, hatte ich dann aber ziemliches Glück mit einer kleinen Frau, der ich eine herzzerreißende Geschichte auftischte, dass ich das Proviantpaket von meinem Freund bekommen hätte und dass ich wegen tiefer Trauer mein Äpfelchen vergaß. Ich durfte ohne Strafe den Flughafen verlassen. Dann ging es endlich rein ins chilenische Festland.

„Hänsel und Gretel verliefen sich im Wald” auf chilenisch”

„Hänsel und Gretel verliefen sich im Wald” auf chilenisch

Alles weitere verlief erstmal gediegen. Andrés, unser Reiseführer, hat uns vier Tage durch Santiago gekurvt, fuhr uns von einem Highlight zum nächsten, es gab sogar ein Konzert mit Los Tres, Inti Illimani und Quilapayun. Gewohnt haben wir bei unserer neuen Freundin Alejandra, tolle blaue, unwirklich lang gezogene Schlauchwohnung mitten in Santiago. Alejandra hat ziemlich viel erlebt und mitgemacht, auch Folterungen unter Pinochet.

Ein wenig kann ich Euch doch beglücken, da ich sowohl in Nerudas Haus auf der Isla Negra als auch in dem in Valparaiso war. Ick gloob, in diesem Refugium auf der Isla Negra würde selbst Lothar Matthäus zum Literaturnobelpreisträger reifen. Und ich würde sogar eine Doktorarbeit in Angriff nehmen, wenngleich für mich die Ablenkung vermutlich zu groß wäre. Das Haus ist vollgestopft mit kitschigem und drolligem Krimskram. Aus dem schräg gestellten Bett schaut man auf den gar nicht so stillen Stillen Ozean, morgens wärmt die Sonne das Haupt und am Abend die müden Füße.

Hundert Jahre Einsamkeit – aufgegebener Hafen

Hundert Jahre Einsamkeit – aufgegebener Hafen

Die letzten vier Tage waren wir auf der Isla Mocha, etwa 500 Kilometer südlich von Santiago, mitten im Pazifik. Rauf kommt man in zwölf Minuten, in ’ner klapprigen Cessna auf ’nem vorher platt gemachten Kuhacker landend. Wenn keine Nebel die Sicht trüben, kein allzu starker Wind über die Insel fegt. Wir hatten Glück.

Wunderschöne Insel, früher mal Mapuche-Gebiet, Moby-(Mocha)Dick-Inspiration für Herman Melville, Pirateneiland mit noch heute zu ertauchenden versunkenen Schiffen. Jetzt leben da noch 600 Leutchen, die du aber kaum zu Gesicht bekommst. Ich habe meine Reitkünste aufgefrischt und wieder festgestellt, dass dis ’ne merkwürdige Beschäftigung ist; konnte dem Pferd auch nicht doll genug meine Hacksen in die Rippen rammen, so dass ich weit hinter den anderen zurückblieb.

Auf der Insel gibt es nur vier Stunden am Tage Strom. Mitten beim Lesen geht plötzlich das Licht aus. Hat was von großer Abenteuer-Ferienlagerstimmung: „So, genug erlebt für heute, jetzt ist aber mal Schluss.”

Kinder in der Lagune vergessen die Zeit

Kinder in der Lagune vergessen die Zeit

In der Mitte der Insel befindet sich ein kleiner Berg, den du durch einen dichten lianenreichen Tropenwald auf der einen Seite hoch und auf der anderen Seite wieder runter zu einem schönen alten Leuchtturm laufen kannst. Im Wald kannst du einen Abstecher zur Lagune machen, die aber beim letzten Erdbeben verschwand, stattdessen landest du auf einer großen saftigen Wiese. Obwohl es ziemlich viel regnete und ein stürmischer Wind fegte, war es erstaunlich mild. Wohl weil der Humboldtstrom weiter weg ist als in Concepción.

Hier, in Concepción, frierst du dir abends den Hintern ab, aber ich schlafe in Liv’s Barbiebett, das eine über die ganze Matratze gehende Heizdecke hat. Wunderbar, sage ich Euch, wenn man völlig durchgefroren vom Plausch draußen endlich ins Bett fällt.

Die Familie hier (Mutter Sabine, Papa Andreas, Kinder Ruben und Liv ) ist toll, wenn auch ein wenig überfordert mit uns, und ich glaub, es ist gut, wenn ich das Ganze mit meinem Aufbruch entspanne.

Mein Plan sieht nun so aus: mit ’nem Transportschiff von Puerto Montt durch die Fjorde und an Gletschern vorbei nach Puerto Natales zu schippern. Mal schauen, ob das so klappt. Ist auch verdammt teuer, aber ich denke, dass ich dafür Eurer Geburtstagspräsent verbraten werde, am Freitag müsste ich das Schiff besteigen. Muss mir heute noch Busverbindungen nach Puerto Montt erschließen.

Entschuldigt die Fehler und die Kürze, mir sitzen zwei Kinder auf dem Schoß …

Kuss Julchen

Der Fußballnomade, overdressed

© Fritz-Jochen Kopka

Böhmen ist viel mehr als Prag

Lieber Ecki,

das hast Du richtig vorhergesehen: So schnell kriege ich meinen Hintern nicht hoch, obwohl es mich schon gereizt hätte, Deine Lieblingsmannschaft wiederzusehen und erstmals den Fuß auf Pilsener Pflaster zu setzen … Was soll man machen, man ist eben der, der man ist. Im Alter besonders.

Im Moment macht mir der Fußball nichts besonders viel Spaß. Düsseldorf – Bayern 0:5; wer will sowas sehen. Ja, richtig, viele, aber ich nicht. Hansa gewinnt mit dem obligatorischen Smetana-Tor und viel Glück gegen zehn Aachener 1:0. Dazu zwei Kreuzbandrisse in einer Woche.
Na ja. Ich werd gleich mal schauen, was Gablonz gemacht hat. Bist Du dort?
Lieber Fritz,

ja, ich war dort! Pilsen war wie immer schön, meine Gablonzer spielten 1:1. Als Du schriebst, saß ich im Stadion. Allerdings glich Vit Benes erst in der 85. Minute per Kopf aus. Ein wirklich hochklassiges Spitzenspiel, temporeich, Pilsen hatte mehr Ballbesitz, die Gablonzer aber mehr Chancen, sie sind einfach sehr effektiv, vielleicht liebe ich sie deswegen so … Über 10 000 Fans im Stadion, viel für Böhmen! Auch die Anfahrt via Chemnitz-Komotau: sehr schön. Noch ein kurzes stopover in Saaz. Diese Hopfenhauptstadt. Toll! Die böhmischen Kleinstädte sind ein Traum! Allerdings das Wetter neblig-trüb, die Sonne kam am Sonnabend nur nachmittags durch, in Pilsen schon nicht mehr. Also auch weit kühler als hier … Das gute Bier … Ich wohnte in einem alten Kasten, dem Hotel Slovan, eigentlich schön, aber ich nahm Kategorie B, Dusche und Klo auf’m Flur. Dafür 25 € pro Übernachtung und Frühstück. Die Lage top. Da wähle ich ja kühl zwischen den drei Polen Hbf – Hotel – Stadion. Alles andere ist unwichtig. Die Mitbewohner rätselhafte Gestalten. Eine Art Arbeiterwohnheim. Sahen aus wie Kaukasier oder Südrussen. Aber sehr freundlich.

Ich war für diese Landstriche eher overdressed. Beige Hose, ordentliches Sakko, gute Schuhe und nie kragenlos, das ist schon viel zu viel. Aber ich habe wenig Lust, mich obertrikotagenmäßig dem Ideal des amerikanischen Underdogs anzupassen, nur um nicht aufzufallen.

Die Rückfahrt ab Grenze auch sehr schön, ich nahm die Strecke Pilsen-Eger, dann weiter via Weischlitz, Gera. Also das Elstertal, zwischen Plauen und Gera eine wunderschöne Trasse. Auch der Bahnhof. Gera kann mir sehr gefallen.

Mir macht Gablonz großen Spaß! Auch sonst in Europa: Madrid ziemlich weg, AC Mailand geradezu abgeschlagen: Wunderbar. Beides!

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