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Archive for the ‘Aus der Kindheit’ Category

Existenzielle Hirngespinste

Damals standen an dieser Ecke noch Häuser. Die Stadt gefiel Hubert Schuberts Oma trotzdem nicht. Sie war aus dem Elsaß und hasste die Franzosen und die Schlager.

Ich bin ja schon wie meine Oma, dachte Hubert Schubert. Aber wirklich besorgt war er nicht. Ihm ging die Musik aus dem Radio auf die Nerven. Und das war bei seiner Oma damals in den fünfziger Jahren auch so gewesen. Sie regte sich richtig auf. Ihre besondere Abneigung galt Caterina Valente. Wir machten uns darüber lustig. Unsere Oma war eben altmodisch. Die kam mit der neuen Zeit nicht mehr mit. Aber warum sie deshalb so wütend werden musste, das war schon absurd. Und nun das. Hubert Schubert gingen die Songs der neueren Zeit auf die Nerven. Wirkte er jetzt auf sein Umfeld so wie einst seine Oma auf das ihre? Nach all den Jahren musste er ihr zugestehen, dass sie ein feines Gespür gehabt hatte. Sie hätte bestimmt nicht sagen können, was sie an den Schlagertypen störte, aber sie witterte den Sex in Caterina Valentes Stimme, das war die pure Erotik, und dieses für seine Oma unbenennbare Phänomen regte sie auf. Seine Oma war bigott. Hubert Schuberts Mutter sagte, sie habe ihre Mutter nie auch nur annähernd nackt gesehen. Sie könne sich überhaupt nicht erklären, wie es zu ihrer Zeugung gekommen war. Deshalb fühle sie sich auch manchmal so unwirklich. Sei sie wirklich vorhanden, oder sei sie nur eine Einbildung? Und ihre Kinder, Marita, Josefine und Hubert – wenn sie selbst nicht wirklich war, weil es zu keiner Zeugung bei ihrer permanent bekleideten Mutter gekommen sein konnte – konnten dann ihre Kinder wirklich existieren? Um Himmels willen, dachte Hubert Schubert, hör auf damit, wohin führt uns das …

 

Der Stubenhocker

Das Fenster des Stubenhockers war oben links

Das Fenster des Stubenhockers war oben links

Helle Sonnentage erinnern mich manchmal an meine Kindheit und die Doppelexistenz als Stubenhocker und Muttersöhnchen einerseits und als Straßenjunge andererseits. Wenn die Sonne schien, war das auch der Befehl rauszugehen, die Wohnung zu verlassen, die Bücher, das Spielzeug, den Platz am Fenster, die vertraute Ecke. Aber wenn ich’s über mich gebracht hatte oder auch rausgeschickt worden war (was bist du denn für ein Junge!), konnte ich auch Fußballer, Schwimmer, Machorkaraucher sein, Streiche spielen, über den Rummel stromern, auf Bäumen klettern, über Zäune steigen. Mit klopfendem Herzen. Eine Zwischenexistenz war das Kino, etwas zwischen zu Hause und draußen.

Hängengeblieben

Hängengeblieben – ist doch schön hier © Fritz-Jochen Kopka

Hängengeblieben – ist doch schön hier, die Strickjacke, der Hund, das Schloss, gespiegelt im Wasser
© Fritz-Jochen Kopka

Zu DDR-Zeiten wurde auch ich gecastet, an zwei Ereignisse erinnere ich mich gerade.

Ich hatte keinen Studienplatz bekommen und dachte, ich würde in der Kleinstadt hängebleiben, die ein paar Seen und ein paar Kirchen hatte, ein Theater, dessen Schauspieler verspottet wurden, ein Schloss, zwei Kinos, drei erfolglose Fußballvereine … Eine Milchbar, ein Jugendklubhaus. Ich spielte im Kabarett, ich schrieb und las im Zirkel Schreibender Arbeiter, ich spielte Tischtennis bei der BSG Post Güstrow. Manchmal fuhren wir zu den Punktspielen im gelben Paketauto durch den Bezirk Schwerin. Der bizarrste Ort, den wir erreichten, war Zarrentin, Traktor Zarrentin, ziemlich nah an der Westgrenze (Wikipedia: Der Name könnte übersetzt heißen „Ort des Bösen“.)

Eines Tages tauchte ein blonder Lockenkopf aus Berlin bei der Kabarettprobe auf. Er sah sich an, was wir machten, er sah sich überhaupt die ganze Stadt an; und nach der Probe sprach er mich an, sie suchten Moderatoren für ihre Sendung im Jugendfernsehen, vielleicht wär das was für mich oder ich für sie. Er fuhr wieder nach Berlin und sagte, ich würde von ihnen hören. Dann bleibe ich doch nicht hier hängen, dachte ich, dachte aber auch, dass das sowieso nichts wird, wie ja alles nichts wurde, und es passierte auch nichts. Später kreuzten zwei Redakteure bei mir auf, unterhielten sich mit mir, wie etwa auch der Lockenkopf sich mit mir unterhalten hatte, und dann kam die dritte Stufe, die fand in einem Hotel in der nahegelegenen Kleinststadt Schwaan statt. Wir spielten einem Regisseur und einem Kameramann einen Sketch aus unserem Kabarettprogramm vor. Das Vorspiel fand in einem schäbigen Hotelzimmer statt. Der Regisseur hat einen bedeutenden Schnauzbart in einem mürrischen Gesicht, er sah sich das an und sagte kein Wort. Das war alles.

Zwei, drei Jahre später wurde ich noch mal gecastet. Das war in Leipzig. Ich war doch nicht in der Kleinstadt hängengeblieben. Ich war Student, ich spielte in der Studentenbühne, und bei diesem Casting ging’s um die Silvestersendung des DDR-Fernsehens. Immer zu viert spazierten wir in den Probenraum, da saßen nun wieder Regisseure und Kameraleute, die machten irgendwelche blöden Witze und wir, so hatte man uns instruiert, sollten uns möglichst ausschütten vor Lachen. Wer am hemmungslosesten und ohne Grund lachen konnte, hatte gute Chancen, und wer dazu noch ein bisschen bescheuert aussah, der war schon so gut wie genommen. Es war immer ein Glück, nicht auserwählt zu werden, aber das wussten wir damals noch nicht. Also war man blöd genug, in künstliches Gelächter auszubrechen, rumzuzappeln und Grimassen zu schneiden, um die hundert Mark zu verdienen oder rauszukommen aus der Misere.

Später habe ich die meisten Leute wieder gesehen, als ich für ein paar Jahre beim Fernsehen arbeitete. Der Lockenkopf war sehr dick und sehr einsam geworden, ich sah ihn oft am Wochenende auf der Trabrennbahn, er trug ein weißes Hemd und weiße Jeans, anscheinend war er der Wettleidenschaft und dem Alkohol verfallen. Der Regisseur trug immer noch seinen bedeutenden Schnauzbart. Er war für kleinste Produktionen zuständig, und wenn sie in der Republik unterwegs waren, wohnte er mit der Aufnahmeleiterin zusammen in einem Hotelzimmer; sie führten eine regelrechte Arbeitsehe, obwohl oder weil sie beide anderweitig verheiratet waren. Das ging so durch. Wahrscheinlich hatten sie alle einen Knall, ich will keinen ausschließen.

Als die DEFA castete

Von links nach schräge und dann der Nase nach bis zum Weltruhm

Von links nach schräge und dann der Nase nach bis zum Weltruhm

Als die DEFA castete. Kann sein für den Film „Tinko” nach Erwin Strittmatters Jugendbuch. Sie gingen in die Schulen unserer Stadt und schauten sich die Jungs an. Axel Herz schaffte es in die engere Auswahl. Warum er. Er hatte so blasse Sommersprossen und ein niedliches Teddygesicht. Sollte seinen Heimweg beschreiben. Von der Schule bis ins Tivoli, so hieß seine Straße. Sie wollten sehen, wie er spricht, wie sich das Gesicht verzieht, wie es aussieht, wenn er nachdenkt, wie lebhaft er ist. Als er sagte, dass er hinter der Kreuzung von links nach schräge gehe, durfte er sich wieder setzen.

Der Schuldirektor, der Augen- und Ohrenzeuge geworden war, war hochgradig erregt. Da bekam ein Junge aus seiner Anstalt eine solche Chance und dann: „von links nach schräge”. Wie ein Erstklässler. Hat alles versaut. Und: Er hat die ganze Schule in Verruf gebracht mit seiner Blödheit.

Axel Herz blieb cool. Er habe sowieso keine Lust gehabt, in einer DEFA-Bagatelle mitzuwirken.

Vom Trauma zum Traum

… aber auf einem Acker kann man doch nicht Fußball spielen

… aber auf einem Acker kann man doch nicht Fußball spielen

Im Traum war ich mal wieder Teil einer Fußballmannschaft. Wir erreichten den Platz ziemlich spät, wir zogen uns um, natürlich im Freien, Kabinen gab’s nicht. Die Umzieherei dauerte bei mir ewig, ich glaube, ich zog mir auch Sachen an, die nicht dazu gehörten, inzwischen spielten die schon, ich war noch draußen, warum hatte der Trainer nicht nach mir gefragt, warum hatte er nicht darauf gedrungen, dass ich endlich aus der Hüfte komme! Bis mir bewusst wurde, dass ich nur Ersatzspieler war und dass ich in den letzten Spielen nicht mal eingewechselt wurde. Was hatte der Aschenbrenner nur gegen mich, der selbst ein guter Fußballer war, aber einen unanständig dicken Bauch vor sich hertrug. War es mein Alter, das ihn störte, aber danach konnte man doch nicht gehen, wenn man fit war. Ich suchte ihn, um mich in Erinnerung zu bringen, damit er mich gleich zur 2. Halbzeit einwechseln könne, aber es kam nicht dazu. Das Spiel war total konfus, und wenn ich es bedenke, dann sitzt das Trauma, dass ich in meiner Kindheit oft genug vom Trainer nicht aufgestellt wurde, verdammt tief. Wenn wir unter uns blieben, ohne Trainer, wenn die Mannschaften gewählt und aufgestellt wurden, war ich immer dabei, aber diese verdammten Trainer, diese Respektspersonen, stellten mich nicht auf. Ohne dass ich es wollte, war mir eine gewisse Respektlosigkeit zu eigen, das spürten sie. Als Fußballer war ich ganz okay, daran kann’s nicht gelegen haben.

Unser Deutschlehrer und Gérard Philipe

Seitenflügel unserer alten Schule. Die Skulptur soll Uwe Johnson darstellen, der hier wahrscheinlich seine besten Tage erlebte

Seitenflügel unserer alten Schule. Die Skulptur soll Uwe Johnson darstellen, der hier wahrscheinlich seine besten Tage erlebte

Die Mädchen in unserer Klasse brachen seelisch zusammen, als unser Deutschlehrer in seiner apodiktischen Art sagte, dass Gérard Philipe ein ganz mieser Schauspieler sei, ein total überschätzter Nichtskönner, absolut talentlos. Wir hatten uns daran gewöhnt, dass dieser Deutschlehrer recht hatte. Seine Ansprüche waren hoch (so verachtete er das Güstrower Stadttheater), sein rhetorisches Vermögen war enorm, sein hochmütiger Charme unwiderstehlich. Wir liebten ihn nicht, aber wir achteten und fürchteten ihn. Aber was war nun mit Gérard Philipe, der noch eine viel größere Autorität war, ein Star über alle Ländergrenzen hinweg, Fanfan, der Husar! Unser Deutschlehrer tat so, als läge es auf der Hand, dass Gérard Philipe eine Null sei. Argumente lieferte er nicht.

Erst jetzt bin ich dahinter gekommen, was er gemeint haben könnte, als Arte den Film „Aufenthalt vor Vera Cruz” zeigte. Die Rolle des Arztes, der mit Schuld am Tod seiner Frau ist und seither um ein Glas Tequila oder besser eine Flasche Tequila bettelt und sich dafür erniedrigt, lag dem Star aus Frankreich überhaupt nicht. Er konnte einfach keinen Betrunkenen spielen, die torkelnden Bewegungen waren viel zu spielerisch und elegant, das stoppelbärige Gesicht, das verschwitzte Hemd., die zerlatschten Schuhe, der Nihilismus und die zynischen Reden, das alles passte nicht zusammen, und erst am Schluss, als der Trinker das Trinken lässt, Menschen rettet und Michèle Morgan umarmt und küsst, war der Schauspieler Gérard Philipe wieder auf der Höhe. Aber da hatte unser Deutschlehrer das Kino wahrscheinlich schon verlassen. So wie er die Aufführungen des Stadttheaters regelmäßig in der Pause verließ, um uns am nächsten Tag zu erklären, wie minderwertig das alles war, was uns da vorgesetzt wurde. Nur bei Gérard Philipe blieb er uns Erklärungen schuldig. So ist das eben, wenn ein stattlicher Mann über einen schönen Mann redet, dem die Frauen zu Füßen liegen, während ihnen der energische, nicht übel aussehende Mann eher Angst macht.

Warum müssen Jungs kicken?

In der Sonne, vor dem Schatten, auf dem Beton © Christian Brachwitz

In der Sonne, vor dem Schatten, auf dem Beton
© Christian Brachwitz

Zeit, Ewigkeit, ich weiß nicht wo. Zwei Jungs, ein Ball, zwischen Mauern, Autos, auf dem Beton, vor dem Schatten in der Sonne. Davon träumen, Messi zu sein und es keinem sagen. Bloß kein Spott. Ernüchtert werden, desillusioniert, aber am Ball bleiben, ein Leben lang.

Ausgerechnet ich, die arme Kriegshalbwaise, besaß einen Lederball. So ein Ball bestand aus einer Blase und einem Ledermantel. Der Opa, kaum hatte er mir den Ball geschenkt, starb. Er hat mir auch das altmodische Geschenk einer Taschenuhr mit Kette gemacht; wo sollte ich die tragen? Auch der Ball war alt. Vielleicht hatte mein Opa noch selber damit gekickt. Man konnte ihn mit Schuhcreme einreiben, damit er ein wenig Farbe bekam und glänzte. Pass bloß auf, dass sie dir den nicht klauen, sagte meine Mutter. Ich passte auf, aber ich konnte nicht verhindern, dass die Nähte platzten. Ich musste den Ball zum Sattler bringen, aber bald platzte wieder eine Naht, und irgendwann habe ich den Ball einfach beim Sattler vergessen.

Wer den Ball hat, ist in Kampfstellung, will ihn behaupten. Wer den Ball nicht hat, wartet ab, ist defensiv. Vielleicht wird aus dem Jungen vorn ein Fußballer und aus dem anderen ein Philosoph. Oder auch ein Fußballer, aber eben ein Mittelfeldstratege. Der braucht mehr den Kopf als die Lunge.

Jens Lehmann, als er gefragt wurde, warum er Torwart wurde, sagte so ungefähr, wenn ich mich nach dem Ball warf – es tat nicht weh, nicht mal auf dem Beton.

Warum wollen Jungs Fußball spielen? Weil sie zur Gruppe gehören und nicht gemieden werden wollen? (Wer nicht Fußball spielt, ist ’ne Flasche.) Ist der Ball für Jungs sowas wie für die Mädchen die Puppe? Ist es die pure Bewegungslust? Der Traum, einmal bejubelt zu werden? Die Erlösung, die es bedeutet, ein Tor zu schießen? Das Experiment im Team, Flanken, Dribbeln, Doppelpass? Alleingänge, Zweikämpfe?

Zwei Jungs ein Ball. Das kann alles sein und ist niemals nichts.