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Archive for September 2013

Haußmanns Kita-Krimi

Wenn ick mal Zeit habe, mache ick mir Gedanken über Leander Haußmann. Vorerst nur soviel, dass Leander Haußmann einen Überregisseur oder Ordnungshüter brauchte, der in seinen Filmen aufräumt. Die Verkleisterung mit Musik auflöst, die Proportionen zurechtrückt, Stringenz herstellt. All das kann Haußmann (vorerst) nicht allein. Er gefällt sich darin, ein heiterer Chaot zu sein, der von seinen Einfällen gejagt wird. Hier geht es um den Polizeiruf aus München. Matthias Brandt ist Kommissar Hanns von Meuffels. Damit hat ein Film schon mal eine Fallhöhe. Erfahrungsgemäß kann ein Film mit Matthias Brandt schwerlich abstürzen. So ist es mit diesem „Kinderparadies” betitelten Krimi auch. Der Film kann bestehen. Er ergreift uns, stellt uns hier und da aber auch ratlos an den Rand und lässt uns an einen ratlosen Regisseur denken, dem seine Ratlosigkeit nichts ausmacht. Er hält sie eher für einen Vorzug. (Muss man annehmen). Leander Haußmann ist öfter sehr privat, sehr familiär und sehr amerikanisch. Letzteres heißt, dass er den Amis einiges nachmachen möchte. Ihren Serien. Er sieht sich da auf Augenhöhe. Er ist gern privat und fragt sich im Gespräch mit den Rezensenten, ob er denn in seinem Produkt brutal genug gewesen ist. Seine Frau spielt mit, seine Tochter spielt mit. Auch darüber hinaus ist Haußmann familiär. Man ahnt, dass er von Kita-Problemen selbst ein Lied singen kann und dass ihn ambitionierte Eltern, die so eine Art Kinder-Heiligenschein haben, nerven. Zu Recht. Er hat einen scharfen Blick und ein waches Ohr für gutbürgerliche Tonfälle, Gesten, Grimassen, Verstiegenheiten, Idiotien, aus denen Katastrophen werden können. Wenn Leander Haußmann also heute sagt, dass er für jede lustige Idee, die er nicht hat, dankbar ist, dann heißt das auch, dass er sich auf dem richtigen Weg befindet. Ich habe vor einigen zwanzig Jahren eine Inszenierung des Sommernachtstraums von Haußmann in einem, ich weiß nicht mehr welchem, Berliner Theater gesehen. Wenn ich mich richtig erinnere, und ich erinnere mich leider meistens richtig, war das ein ziemlicher Schuss in den Ofen. Selbstverliebt, chaotisch, diffus. Viele lustige Ideen, die er hatte. Der Sommernachtstraum war auch in diesen Kita-Krimi involviert. Ich sah da einen deutlichen Entwicklungsschritt.

Auf dem Weg zur KGA Einigkeit

Mobile Fahrradwaschanlagen sind immer noch ein Glücksspiel ein Deutschland

Mobile Fahrradwaschanlagen sind immer noch ein Glücksspiel in Deutschland

KGA heißt Kleingartenanlage, jeder weiß das, und der Weg von Karlshorst dorthin ist weit. Wir fahren mit der Tram 27 zur U-Bahn am Tierpark, aber da kommen wir nicht an einer jungen Frau mit prallen Plastiktüten und ausladendem Gang vorbei. In der U-Bahn fang ich an zu lesen. Egon Friedells Kulturgeschichte. Band 1. Bin noch bei der Einleitung: Die Mär der Weltgeschichte, lese hektisch, weil wir wieder umsteigen müssen. Frankfurter Allee. Übergang zur S-Bahn. Ooch so’n Bahnhof, wo du zwei draus machen kannst. Der Zug wird voll. Rentner, Partygänger, junge Väter mit Kleinkindern. Kinder erobern die Herzen einsamer Frauen, na, zumindest ein Lächeln. Schönhauser Allee steigen wir wieder um. Die Treppe hinauf zur Straße. Einer der wunden Punkte der Stadt. Auf dem Treppenabsatz haben sich zugedröhnte Tatenlose versammelt. Wenn sie ein Zuhause haben, dann ist das hier. Sie hassen und sie brauchen sich. Die Stimmen sind laut und aggressiv, ihre Wahrnehmung der Welt verschließt sich uns. Auf der Allee. Unter dem Viadukt der hier als Hochbahn agierenden U-Bahn (Magistratsschirm) spielen ein Trompeter und Trommler weitgehend unbeachtet ihre Nummern.  Die Schönhauser Allee ist nicht mehr das, was sie mal war. Na, was war sie denn? Sie war vielleicht die wichtigste Straße Ost-Berlins, hier gab es tolle Tage und ein buntes Nachtleben. Lolott. Lotos Bar. Und so weiter. Jahrelange Bauarbeiten und Ungewissheiten haben die Allee in ein Chaos der Ratlosigkeit überführt. Wenn schon das berühmte Café Nord keine Chance hatte, wer dann! Die Sensation ist eine Fahrradwaschanlage, die hier genau an der richtigen Stelle steht, weil jede Menge Fahrräder vorüber fahren oder zwischengeparkt werden. Wir sehen, wie sich unterm Glas die blauen Bürsten drehen und das Wasser perlt. Ist aber nur Probebetrieb. Maschine funktioniert nicht. Betreiber stehen unschlüssig daneben. Zwei Frauen ölen an allen Gewinden und Rädchen; das bringt bekanntlich immer irgendwas. Die Tram kommt eine Viertelstunde zu spät. Je älter desto unternehmungslustiger geben sich die Passagiere. Hermann-Hesse-Straße, Ecke Waldstraße, wo wir erneut umsteigen, hat die Stadt sich wieder erholt. Auf den Sitzen an der Haltestelle hat sich eine hoffnungsvolle Familie niedergelassen. Vater und Sohn sind begnadete Fratzenschneider und verbreiten heitere Laune. Das Kino Blauer Stern spielt die Filme, die überall gespielt werden. Dann kommt die Dame mit dem Hündchen, sie hat ein stark geschminktes russisches Gesicht, und der Hund ist ein bizarrer kleiner Mops. Der einfahrende Bus ist im Nu mit Rollstühlen, Stützwagen und Rollern vollgestopft. Nordend-Arena steigen wir endlich aus und haben die Schnauze voll von der Fahrerei und Warterei. Die Norden-Arena entpuppt sich als gut gehegte Sportanlage mit drei Rasen- und an einem Kunstrasenplatz. Der Umkleidetrakt des 1895 gegründeten FC Concordia Wilhelmsruh (Bezirksliga Staffel 3) ist in einem malerischen Fachwerkgebäude untergebracht. Wir gehen den Wiesenkräuterweg entlang, kreuzen den Frauenmantelweg, und als wir die Stimme von Van Morrison hören, sind wir nach zwei Stunden endlich angekommen. Kleine Geburtstagsparty im Garten. Sekt. Kaffee und Kuchen und dieselben stabilen Paare, die wir seit fünfzehn Jahren bei Claudia treffen. Wir quatschen über die Parteien, die wir gewählt, und noch mehr über jene, die wir nicht gewählt haben, über die Lethargie der Jugend und die Zwanghaftigkeit des Alters, über spottbillige Urlaube und teure Wahlversprechen.

Solch ein braves Feuerchen möcht’ ich sehn

Solch ein braves Feuerchen möcht’ ich sehn

Wir singen Russenlieder, tanzen zu Marianne Rosenberg und Rammstein und suchen Silvio Rodriguez’ Sugarman, bis wir ihn endlich gefunden haben. In der Mitte des Drei-Generationen-Gartens flackert in einem schmiedeeisernen Behälter ein diszipliniertes Feuerchen. Das sehen wir symbolisch.

Geschlechterungerechtigkeit

Geschlechterungerechtigkeit in Berlin Charlottenburg © Christian Brachwitz

Geschlechterungerechtigkeit in Berlin Charlottenburg
© Christian Brachwitz

Es geschah in Berlin Charlottenburg. Ein Vater ging mit dem Filzstift durchs Quartier und führte seinen privaten Krieg gegen die Verhältnisse, die immer gegen die Männer gerichtet sind. Er formulierte nicht nur anklagende Fragen, er versuchte auch, wenigstens symbolisch, das Dekolleté zu schließen. Die Olle säuft Bier, pafft Zigarre und ist obenauf. „Warum muss der Sohn betteln?” Darum. Der Vater denkt an sich selbst zuletzt, er denkt an den Sohn. Der Sohn hätte es besser, wenn er beim Vater wäre, und er hätte es noch besser, wenn das Paar noch zusammen wäre und die Frau nicht immer feiern wollte. Der Sohn müsste nicht betteln, er bekäme sogar reichlich Taschengeld. Ist es nicht so? Einen privaten Vorgang mit Macht oder besser Ohnmacht in die Öffentlichkeit stellen – in diesem Fall zeigt es, dass es hilflose Männer gibt. Warum läuft eine Frau aus dem Ruder? Der Mann gibt doch sein Bestes für die Family. Ja, gewiss, der Sommer einer Frau ist kurz und wild./Dann rückt ein langer Herbst ins Bild. Aber auch der Herbst hat noch …, ach, lassen wir das.

Mir fällt eine Episode vom Leipziger Hauptbahnhof ein, als er noch seine alte Gestalt hatte, der Bahnhof. Des Nachts zog eine kleine Gruppe betrunkener Männer über die Bahnsteige, und einer rief: „Unsere Frauen liegen zu Hause im warmen Bett, und wir müssen uns hier draußen das kalte Bier reinquälen.” Ich glaube, der Typ hatte ein gewisses Talent zur Selbstironie, und natürlich haben beide Ereignisse nichts miteinander zu tun.

Berlin Alexanderplatz (6): Sommergäste

Pflastermaler arbeiten wie Artisten

Pflastermaler arbeiten wie Autisten

Ich habe auch diesen Sommer keine Wolkenkratzer am Alexanderplatz vermisst. Das einzige Hochhaus, das da steht, ist unzugänglich. Ich sah viele Berlin-Touristen, die sich gleiche T-Shirts gekauft hatten, um unbedingt als Gruppe erkennbar zu sein (Die wilden 13 on tour). Die Männer, die russische Pelz- und Offiziersmützen verkaufen, sahen wie Zig…, äh, wie Sinti oder Roma aus. Die Passanten würdigten diese Mützen mit keinem Blick, ja, sie taten so, als seien diese Prachtexemplare ansteckend. Die Welt dieser hochwertigen Mützen ist zweifellos eine Parallelwelt. Ein einsamer Kämpfer machte, wie wir wissen, kontraproduktiven Wahlkampf gegen Angela Merkel. Sie sei mit ihrem Latein am Ende und müsse griechisch lernen. Immer wenn der Wahlkampf etwas anspruchsvoller wird, geht es gründlich schief. Wahlkampf ist das Einfache, das schwer zu machen ist.

Gar nicht ignorieren

Gar nicht ignorieren

Eines Tages dachte ich, ich stehe kurz vor Ulan Bator. Weiße Jurten, die sich dann aber als ungewöhnlich gestaltete Zelte erwiesen, in denen hart für die Verkehrssicherheit gearbeitet wurde, wenn sich denn jemand bereit fand, mitzumachen. Auf dem Alex war in diesem Sommer einfach immer was los, da hätten die ersehnten Wolkenkratzer nur gestört. Aus Kreuzberg wurde das Straßentheaterfestival „Berlin lacht” importiert. Clownerie, Körperkunst, Stelzentheater, Pantomime, Feuershows und etliche skurrile Apparate, an denen der Mensch seine Ungeschicklichkeit erproben konnte. Ein blondes Mädchen brachte ihrem Freund, dem Trompeter, Würstchen und Saft. Er beendete seinen Song, setzte sich neben dem Mädchen aufs Pflaster, zuerst wurde der Hund versorgt und dann picknickten die beiden.

Wie unser kleiner Trompeter

Wie unser kleiner Trompeter

Ich sah Leute mit mannshohen Blumenrädern an der Weltzeituhr. Ich sah die Pflastermaler am Werk. Die Pflastermaler, vier Künstler, Männlein wie Weiblein, wirkten wie Autisten. Wer etwas mit Inbrunst tut, ohne dafür Geld zu bekommen, muss ja schon mal ein Autist sein. Sie hatten keinen Kontakt zueinander, sie hatten keinen Kontakt zu den Zuschauern, sie schienen nicht einmal Kontakt zu ihren Kunstwerken zu haben, und so ergab sich das Faszinierende dieser Abbilder: Sie waren schön, flächig, kühl, unnahbar. Und bald würden sie zertreten werden. Die Passanten, die zusahen, ohne Geld in den Hut zu legen und ohne sich ein Urteil zu bilden, waren natürlich auch Autisten. Wir alle leben aneinander vorbei, ist das nicht schon das Beste, was man über uns sagen kann? Ich streifte noch durch den Saturn, kaufte aber nichts. Wie ein Autist.

Ein athletischer Rothaariger spielte ein Instrument, das wie ein Saxophon klang, aber ein elektronisches Saiteninstrument war. Hatte schon seine Fans. Übergewichtige Wanderer saßen zusammengestaucht und erschöpft auf den Bänken. Eine Mutter stillte ihr Kind.

Wer kein Geld hat – die Bank ist nebenan

Wer kein Geld hat – die Bank ist nebenan

Das Artisten-Duo Analog gab sich als Wohltäter der Menschheit zu erkennen. Gewöhnlich spielten sie in Theatern und Varietés.  Da sie das aber ungerecht fänden gegenüber jenen Leuten, die nicht die teuren Eintrittspreise zahlen könnten, stünden sie jetzt also hier. Als soziale Maßnahme. Man habe die Zuschauer jetzt für die Zeit eines Kaffees unterhalten, okay, das Geld für einen Kaffee sollten sie dann am Ende in den Hut tun. Oder auch ’n Fünfer oder ’n Zehner. Wer kein Geld habe, auch kein Problem, hier gleich nebenan sei ’ne Bank. Der Redner griff zur Gitarre, sein Partner stieg in einen mannshohen Rad und rollte so abenteuerlich über den Platz, wie sein Compagnon argumentiert hatte. Den sollten die Parteien als Wahlkampfmanager holen.

Toby Parker, Wandering Minstrel aus Liverpool

Toby Parker, Wandering Minstrel aus Liverpool

Busking. Das heißt auf der Straße für Geld Musik machen. Toby Parker ist ein Busker. First he took Liverpool and now he takes Berlin: First no luck under the Alexanderplatz world clock, meinte er, so I moved 50 m under the bridge and generated some cash (funny how that happens), not too bad. Amazing what good acoustics can do.

Unter der Unterführung klang es wirklich besser. Da lag schon ein junger Obdachloser inmitten seiner Habseligkeiten und tippte unentwegt auf sein Handy. Mag sein, dass man keine Bleibe hat. Aber kein Handy haben – unmöglich. Toby Parker sang: Ramblin’ Is My Way. Auf dem Alexanderplatz hatte er den Zeitgeist getroffen. Die Stahlsaiten klirrten.

Kurz vorm Einschlafen

Kurz vorm Einschlafen

Abend fiel über den Platz. Das blaue Licht des Saturn, das rote Licht des New Yorker. Der Strom der Menschen war versiegt. Wir sahen nur noch Einzelgänger, wie wir selbst auch welche waren, in diesem und jenem Moment. Auch der Platz braucht seine Einsamkeit.

Geburt eines Selbstretters

Ich war mal auf dem Dorfe …

Ich war mal auf dem Dorfe …

Die Stadtkinder eroberten das Dorf, indem sie zum Beispiel per Mutprobe über einen Graben sprangen. Die Mädchen schafften es, wenn auch nicht ohne Zittern und Zagen. Karl, der Kleinste von allen, erreichte das andere Ufer nicht und versank im Schlamm. Warum habt ihr ihm denn nicht geholfen?, fragten die Eltern fassungslos.

Karli hat sich selbst gerettet, sagten die Mädchen.

So begann Karls Leben als Selbstretter, und Selbstretter wird er immer bleiben.

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Ernüchterung Teil zwei

Berlin-Karlshorst. Gestern noch Kinderfest, heute Wahltag. Viele Zugezogene

Berlin-Karlshorst. Gestern noch Kinderfest, heute Wahltag. Viele Zugezogene

Wir wählen in der Mittagszeit, da ist es nicht so voll. Ehepaare in mittleren Jahren. Zuzug aus dem Westen, wo sie nicht so günstig Wohnungen kaufen oder mieten könnten wie hier in Karlshorst. Fremdeln tun sie allemal. Auf dem Tisch der Wahlhelfer liegen Kekse. Man könnte zugreifen. Das ist der nachhaltigste Eindruck. Rührend irgendwie. Ein bisschen helfen auch wir mit, dass die FDP scheitert. Schadenfroh sind wir trotzdem nicht.

Steinbrück hat sich eine Formulierung ausgedacht, mit der er über sein mieses Ergebnis hinwegzukommen sucht. Der Ball liegt nun im Spielfeld von Frau Merkel. Das sagt er mindestens drei Mal. Auch von den Medien wird es dankbar aufgenommen. Wie infantil ist das denn.

Kategorien:Deutsche Grammatik Schlagwörter: ,

Ernüchterung

Der Junge, der die Karte des Halbbruders ergatterte. Im Hintergrund ein Flaschenmillionär. © Fritz-Jochen Kopka

Der Glückliche, der die Karte des Halbbruders ergatterte. Im Hintergrund ein Flaschenmillionär.
© Fritz-Jochen Kopka

Jetzt stehen wir unten in der Halle des Bahnhofs Köpenick, die Union-Fans fluten an uns vorbei, alles eilt zum Spitzenspiel Union gegen Fürth, aber wir müssen noch auf den Halbbruder unseres Fußball-Bosses warten, der schon lange überfällig ist, während wir langsam in Panik geraten. Wenn sich nicht bald was tut, werden wir die berühmten frühen Tore in der Alten Försterei verpassen. Andreas und sein Sohn Robert, der selbst in der C-Jugend von Empor Berlin spielt, gehen schon mal los. Sie müssen noch in den Fan-Shop. Robert hat überhaupt nichts mehr, keine Union-Devotionalien, er braucht wenigstens eine Mütze, um das Spitzenspiel verfolgen zu können.

Halbbruder, sage ich mürrisch, Ich hab sowas nicht. Das bringt doch nur Ungelegenheiten. Unser Fußballboss lacht. Er hat nicht nur Halbbrüder, sondern auch Halbschwestern. Da kann ich nur den Kopf schütteln. Jetzt beginnt er, mit dem Smartphone zu recherchieren. Es stellt sich heraus, dass der Halbbruder auf die Umweltkarte seiner Frau gewartet hat. Soll man ihn chaotisch schimpfen oder als sparsam loben? Ich weiß es nicht. Der Junge hat Nerven. Er ist jetzt eine dreiviertel Stunde überfällig. Wir geben es auf und gehen los im gestreckten Galopp. Auf den Nebenplätzen trainieren die Fußballfrauen Elfmeterschüsse. Die Bälle gehen hoch über die Querlatte, aber die Frauen sind froh, dass der Ball wenigstens bis zum Tor gelangt.

Ein paar Jungs suchen noch Tickets. Das Spitzenspiel ist natürlich ausverkauft. Unser Boss zückt das Onlineticket des abgängigen Halbbruders, der Junge bezahlt die 14 € und stammelt glücklich seinen Dank. Im Hintergrund stapelt ein Flaschenmillionär das erbeutete Leergut.

Ich sehe heute wieder besser aus als zuletzt und werde demzufolge am Eingang gründlich nach Waffen abgetastet. Das Stadion, die Tribüne platzen aus allen Nähten. Nur im Gästeblock ist noch Platz. Die Fürther haben nicht so viele mitreisende Fans, da kommt fast sowas wie Mitleid auf. Wir können uns gerade noch in eine Reihe reindrängen. Im Gang dürfen wir nicht stehen. Alle Fluchtwege müssen offen stehen.

Wir standen wie ein Mann. Aber Fürth hat uns besiegt

Wir standen wie ein Mann. Aber Fürth hat uns besiegt

Union beginnt heute gleich mit dem Spielrausch. Die Fürther in ihren anthrazitfarbenen Trikots sind beeindruckt, und nach 17 Minuten steht es 1:0. Benjamin Köhler hat’s gemacht, ein mit allen Wassern gewaschener Profi, für schlappe 150 000 € von Kaiserslautern nach Berlin geholt. Der alte Knabe (33) bringt jede Menge Spielwitz ein. In unserem krachend engen Block kann man den parteiischen Blick studieren. Einem Union-Kicker darf kein Haar gekrümmt werden, während jedes gepfiffene Union-Foul zu Wutausbrüchen auf der Tribüne führt. Gestandene Männer werfen mit Kinderausdrücken wie „Schieber” und „Pfui” um sich, als wäre der Berliner eben doch auf den Mund gefallen. Auch unser Fußballboss vergisst sich ein übers andere Mal. Ich brauche ein Bier, stelle mich in der Pause an, komme gerade noch zurück, um die dicke Chance von Torsten Mattuschka zum 2:0 zu sehen, aber der Spielführer hat heute nicht seinen besten Tag. Kein einziges Mal kann das Mattuuuuschka-Lied gesungen werden. Die Fürther erobern den Ball im eigenen Strafraum, schwärmen aus wie Außerirdische in ihrem kosmischen Trikots und machen verdammt clever das 1:1. Und schlimmer. Die Unioner scheinen Blei in den Gliedern zu haben. Sie laufen sich kaum noch frei, und wer sich freiläuft, wird nicht gesehen. Mit unheimlicher Zwangsläufigkeit macht Fürth das 2 und das 3:1 und, Minuten nach dem Anschlusstreffer, auch noch das 4:2. „Ohohoho, Fußballgott Union aus Berlin” singen die Fans müde, trotzig und ungekonnt. Ernüchterung hat uns ergriffen. So viele Spitzenspiele werden wir hier demnächst wohl nicht sehen. Die Bäume wachsen nicht in den Himmel.