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Posts Tagged ‘Prenzlauer Berg’

Von der Niedlichkeit der Welt

September 29, 2016 1 Kommentar
Und als alles perfekt war, wollte niemand mehr den Garten betreten © Christian Brachwitz

Und als alles perfekt war, wollte niemand mehr den Garten betreten
© Christian Brachwitz

Die Gartensaison neigt sich dem Ende entgegen, wobei für den wahren Gärtner immer Saison ist. Zu Ostern gab es noch keine Blätter an den Bäumen, aber es gab in einem Garten wie diesem bemalte Ostereier und natürliche Osterglocken. Wenn ich mir diese Bäumchen anschaue und die komplexe Künstlichkeit, die auf dieser Scholle obwaltet, dann kann ich mir schwerlich vorstellen, dass sie jemals Blätter oder gar Früchte tragen könnten, die Bäumchen. Könnte mir nicht mal vorstellen, dass aus den Bäumchen Bäume werden. Aber das ist meine persönliche Blödheit. Dieser Blödheit passt es nicht, dass man der Natur zu sehr in ihre Angelegenheiten hineingepfuscht hat. Von der Niedlichkeit der Welt. Die treffen wir auch da, wo die Zugezogenen zum Prenzlauer Berg Prenzelberg sagen und die einheimischen Nachmacher ihnen alles nachmachen. Man macht eine Sache nicht besser, indem man sie verniedlicht. Aber es gibt diese Tendenz im Menschen, alles klein zu machen, damit er es streicheln kann. Meinetwegen. Jeder nach seiner Fasson.

Im Osten ein König

Oktober 16, 2015 5 Kommentare
Zeit der harten Herzen © Christian Brachwitz

Zeit der harten Herzen
© Christian Brachwitz

Als der U-Bahnhof Eberswalder Straße einmal eine Kleinigkeit von vier Jahrzehnten U-Bahnhof Dimitroffstraße hieß nach Georgi Dimitroff, dem Helden des Reichstagsbrandprozesses … Das konnte man nach der Wende nicht so lassen, denn der Bulgare Dimitroff war nicht nur ein unbeugsamer Mann und ein rhetorisches Genie, sondern auch ein Stalinist. Geschenkt. („Was haben Sie eigentlich gegen Stalin?”) Der Akkordeonspieler aus dem Prenzlauer Berg hat sich in Hitze gespielt. Die Jacke hängt am Treppengeländer, der Krückstock, der den Gehbehinderten stützt, lehnt an der Wand, der niedrige Karren wird den Stuhl und das Instrument tragen, wenn der Mann seinen Standort wechselt, weil die Passanten allzu ungnädig sind unter dem sogenannten Magistratsschirm. Der kleine Gewerbetreibende aus dem Westen ist in Ostberlin ein König und seine Gattin eine große Dame. Das Elend im Osten behagt ihnen gar nicht („der Akkordeonspieler hat ja noch nicht mal einen Hut auf dem Kopf”), sie haben noch nicht gelernt, dieses östliche Elend so zu übersehen wie das im Westen. Die Münder sind hart oder dumm. Sie haben Geschenke mitgebracht, die sind für die Verwandtschaft, die soll mal sehen, was man sich alles leisten kann, wenn man tüchtig arbeitet im richtigen System. So. Das reicht jetzt. Wir sind heilfroh, wenn wir wieder zu Hause sind.

Lob des Mülls

Berlin Prenzlauer Berg 1979. Soeht aber älter aus. © Christian Brachwitz

Berlin Prenzlauer Berg 1979. Sieht aber älter aus.
© Christian Brachwitz

Es war einmal im Prenzlauer Berg. Mit Hilfe eines alten Sessels und einer Holzkiste erklommen die Kinder den Müllcontainer. Die Straße machte einen Bogen. Die Autos waren froh, dass sie so weit gekommen waren. Das Haltestellenschild wurde ignoriert. Der 1. FC Union Berlin erbrachte mit Kreide den Nachweis seiner Existenz. Der Tag war grau. Die Sonne kam nicht durch. Irgendetwas wie Zuversicht auch nicht. Gab es nicht diese Frau, die das Fenster aufriss und in den Hinterhof schrie: Elendsbuchte, keene Zuversicht? Ja, die gab’s. Alle zwei Wochen dieselbe Aktion.

Da lohnt es sich, wenigstens noch auf den Müll zu gehen. Leute, die ihre Wohnung ausräumen, werfen in Hektik und Not immer was weg, was man gebrauchen kann. Vielleicht sogar Schätze. Die Blumen sind erst der Anfang.

Ich sehe, wie alte Leute stundenlang vor den drei Tonnen des Hauses stehen und den Müll untersuchen. Ich kenne die voluminöse Künstlerin, die sich auf der Suche nach Fundstücken für ihre Werke zu weit über den Rand des Containers beugte, hineinfiel und nicht allein wieder rauskam. Da hat man dann wenigstens was zu erzählen. Jahre lang. Dieselbe Geschichte. Kann man sich immer wieder ausschütten vor Lachen. Und was ich nicht schon alles gefunden habe im Müll …

Hier überlegen wir, was mit den Blumen zu machen wäre. Der Junge schenkt sie dem Mädchen? Das Mädchen schenkt sie seiner Mutter? Die Mutter wirft sie auf den Müll?

Die Straße sieht ooch aus wie Müll. Is aber keener.

Kann morgen ein Sieger sein

Wir spielten, bis es dunkel war © Fritz-Jochen Kopka

Wir spielten bis die Nacht über uns hereinbrach
© Christian Brachwitz

Das Foto ist zwar von 1983 (Berlin, Prenzlauer Berg), aber zeit- und raumübergreifend aktuell. Zu meiner Zeit und in meiner Stadt spielten wir Fußball auf der Straße und im Torweg, auf dem Brunnenplatz und auf der Schützenwiese und nicht zuletzt am Sumpfsee. Erst wurde gezählt, wieviel Jungs wir waren, und dann wurde gewählt. Mieze Mau, Schubi, Flatter Schröder, Männlein Koch, Nieschen Holz, so hießen und wurden genannt die üblichen Verdächtigen. Es wurde mit allem Einsatz gespielt. Zu meinen unauslöschbaren Kindheitserinnerungen gehört, wie ich abends auf dem Küchentisch saß und meine Mutter vorsichtig meine Beine wusch und anschließend die Verletzungen besonders an den Knien mit Wundpulver und Mullbinden verarztete. Sie wusste aber, dass gegen die Fußballleidenschaft kein Kraut gewachsen war.

Ich wüsste zu sagen, wer die besten Fußballer auf diesem Bild sind (die beiden, die den Fuß auf dem Ball haben). Ich wüsste auch zu sagen, warum sie alle glücklich aussehen (bis auf den Kleinen, der irgendwie über seine Sonderrolle nachdenken muss): Sie spielen ohne Schiedsrichter. Sie müssen sich nicht sogenannten Tatsachenentscheidungen unterwerfen. Sie genießen das Privileg, sich selbst zu einigen. Keiner kann des Feldes verwiesen werden. Und wer heute verliert, kann morgen schon ein Sieger sein.

Schlesingers Haus

„Ich rede nicht über eine beliebige Straße, ich rede über die Duncker.”

Am Sonnabend wurde in der Berliner Dunckerstraße eine Gedenktafel enthüllt, was selten oder nie vorkommt in der Duncker, einer unbedeutenden Street in einem unbedeutenden Teil des Prenzlauer Berg (falls es sowas geben kann). Auf dem Weg dahin sahen wir die blauen Schafe (was durchaus doppeldeutig zu verstehen wäre) vom Helmholtzplatz, die Tischtennisspieler in einer Häuserlücke, marodierende Politessen, aufschlussreiche Schilder, wir begegneten auch schon einigen Protagonisten der bevorstehenden Enthüllung, einem Verleger, einem Leierkastenmann und einer Witwe.

Dunckerstraße 4. Hier verbrachte Klaus Schlesinger Kindheit und Jugend. Das sagt nun eine Tafel aus weißem Porzellan. Es gäbe noch einige Tafeln, die von Schlesingers Leben erzählen könnten, denn er wohnte auch in der Brunnenstraße, in der Leipziger Straße, in der Potsdamer Straße, in der Jägerstraße, in der Torstraße und in einige anderen Berliner Straßen, die mir gerade nicht einfallen wollen. Wenn es überhaupt einen wirklichen Nachfahren des Berlin-Alexanderplatz-Döblin gibt, dann ist das Schlesinger. Er war im Zivilberuf zwar nicht Arzt wie Döblin, aber in seiner geteilten Wohnung in der Brunnenstraße befand sich eine Arztpraxis. Schlesinger war Chemielaborant, er schrieb eine Großreportage, die „Hotel oder Hospital” hieß, des weiteren lauter Bücher, die ihre zähen Helden haben neben der unverzichtbaren Hintergrundfigur: Berlin.

Nahebei: die blauen Schafe vom Helmholtzplatz

Nahebei: die blauen Schafe vom Helmholtzplatz

Ich zucke immer ein bisschen zusammen, wenn man nicht Schlesinger sagt, sondern Klaus. Denn Schlesinger war ein Charakter, der immer gefährlich werden konnte, er mochte keinen Stillstand, er wollte immer was bewegen, er konnte aggressiv und poelmisch sein, gewisse Schriftstellerkollegen sagten ihm eine gewisse Hysterie nach, was auch heißen sollte, man müsse das bei seinen Aktionen in Rechnung stellen.

Christoph Links, der Verleger und Redner, zeigt an diesem verhangenem Nachmittag, dass man Klaus sagen und Schlesinger trotzdem ernst nehmen kann. Der Mann, der die besten Berlin-Bücher nach Döblin schrieb, Bücher, die man wieder hoch schätzen wird, auch wenn  viele sie im Moment aus den Augen verloren haben, da bin ich mir ganz sicher. Ich wusste nicht, dass es so viele Berührungspunkte zwischen Schlesinger und Links gab, einmal, als seine Eltern verreisten, verbrachte der noch halbwüchsige Links drei Wochen bei Schlesinger, und der unterrrichtete Links über sein Berlin, die Kneipen, in denen sich einst die Kommunisten, und jene, in denen sich die Nazis trafen, und die Orte, wo sie sich trafen, um sich die Köpfe einzuschlagen. Er zeigte den Platz des weggebombten Hauses, wo heute die Tischtennisspieler spielen, und er erzählte die Legende der vorderen, der einzig wahren Dunckerstraße, und der hinteren, jener unbedeutenden Dunckerstraße der Zugereisten. Zwei Welten. Wie Schlesinger meistens in zwei Welten lebte und in Szenen. In der Schmugglerszene, der Szene aufbegehrender Literaten, der Hausbesetzerszene.

Ooch Szenetypen ausser Duncker

Ooch Szenetypen ausser Duncker

Wir standen da, bei Kaffee und Kuchen, bei Rot- und Weißwein („Jean Paul”), und Klaus Schlesinger, gestorben 2001, hatte uns abermals die Zungen gelöst. Stolze Kindergartenmütter, Retterinnen der Hauptstadt, der Bundesrepublik und der Welt, wie man weiß, fuhren durch uns hindurch. Wir konnten nicht aufhören von Berlin zu reden, dem östlichen, westlichen und dem geeinten, und wenn jemand nicht viel über Schlesinger wusste und fragte, mit welchem Buch er anfangen solle, sagten wir: Auf alle Fälle „Alte Filme”, das mochte er selbst wohl am meisten, dann natürlich „Berliner Traum” und „Die Seele der Männer”, wo er eine unvollendete Nachkriegsjugend in Berlin beschreibt: seine. Die er auch zu der unseren macht. Was Schlesinger über den Lehrling Brehm sagte, sagte er gleichzeitig über Berlin. Ich gestatte mir, mich selbst zu zitieren aus einem Text über Schlesingers nachgleassenes, fragmentarisches Buch:

„Man ist schon in Männergespräche involviert und kann mitreden, wenn es darum geht, wie sich ein Mann (wiewohl noch unschuldig, aber das bleibt geheim) vor Geschlechtskrankheiten schützt. Man versucht unauffällig Einblicke in Ausschnitte zu bekommen. Die rote Ilona, die angeblich besonders heftig nach Maiglöckchenparfüm riecht, wenn sie ihre Tage hat. Betriebsfeste, drängende Unterleiber, Pärchen, die mit roten Köpfen den Saal verlassen. Man fährt mit der Linie 40 zum Fußballspiel und wird um seine Brieftasche erleichtert, in der sich 120 Ost- und 5 Westmark befinden, aber dennoch hat sich Bolle ganz köstlich amüsiert. Berlin, eine Stadt, die sich aufrappelt. Eine Stadt, die aus zwei Teilen besteht, aus Boxern, Billardspielern, Ladenbesitzerinnen, Gewerkschaftsvertrauensmännern, Abenteurern. Der Mensch existiert gleichzeitig in zwei gesellschaftlichen System und findet das normal. Alle erwarten noch oder wieder etwas vom Leben. Arbeit, Liebe, Vergnügen und steigende Löhne.”

Feierlicher Moment, gelassen interpretiert

Feierlicher Moment, gelassen interpretiert

Wahnsinnsfilm

© Fritz-Jochen Kopka

Wenig später war alles viel bunter

Frauen tanzen mit Frauen. Trinker trinken mit Trinkern. Halbtote begegnen Halbtoten. Neben der zertrümmerten Mauer spielt Herbst in Peking We Need Revolution. Und immer wieder sehen wir die Kreuzung Schönhauser//Pappel-/Kastanienallee/Eberswalder/Dimitroff-Straße. Der sogenannte Magistratsschirm. Die U-Bahn, die hier weit über der Erde fährt und somit Ü-Bahn heißen müsste. Die DDR ist zusammengebrochen. Die Westen ist noch nicht ganz da. Die erfahrenen Loser wissen schon, dass sie wieder die Loser sein werden. Die jungen Loser wissen es noch nicht. Und manche bekommen gar nicht mit, was los ist. Genug Geld für Bier wird doch immer noch da sein, oder? Bange Gedanken. Sonst braucht man doch nichts.

Was sind das für Schuppen! Was sind das für Tapeten! Was für ein Licht! Egal, das Tanzbein geschwungen und mitgesungen: Wir nehmen alles so hin, wie es kommt. Wir können’s ja nicht ändern. Die Dummen werden wir immer wieder sein. Wie lassen uns nicht unterkriechen! Den Humor lassen wir uns nicht nehmen.

Das alles haben wir vergessen. Die U-Bahn fährt ungerührt zwischen Pankow-Vinetastraße und Thälmann-Platz.

Die Näherinnen stellen in ihrer Textilbude („modisch – schick – flott”) die Unverkäuflichkeit ihre Ware fest: Im Moment is kein Modell bei, dass ich anziehen würde. Die Röcke und Modelle sind nicht absetzbar, da die einfach nicht modisch sind, ich muss das mal so sagen.

Das nächste Geschäft: Wir haben den Laden selbst aufgebaut, 41 Jahre, und jetzt werden wir fertig gemacht vom Westen. Also, wir haben ganz klein angefangen, und jetzt geht alles flöten.

Altenheime, Rentnertanz, die Haare mit Wasser gekämmt, die Krawatte sorgsam gebunden, gekonnt ist gekonnt: Da kriegt’ ich denn noch ne andere Frau, war’n Jahr mit ihr zusammen, war Pech jewesen ooch wegen den allgemeinen Krebs. Wie et is. Den Ärmsten beißen immer die Hunde. Wir haben uns beide inner Volkssolidarität kennengelernt.

Wer jung ist, macht Projekte, ob im Knaackklub oder im besetzten Haus: Sind wir bemüht, Informationen rauszugeben zwecks Häuserkampf. Wir haben ne Druckmaschine, die is aber noch nich hier, weil das Transportproblem noch nicht gelöst ist.

Ost trifft West zum Prater-Ball. Wahnwitzige Maskeraden. Nobel geht die Welt zugrunde.  Die Sängerin singt versuchsweise: Ich wollt nur mal mit dir reden, oder ist es eher ein Murmeln?

Gönnerhafte Westfrau fragt Ostfotograf: Habense dich denn schon auf Stasi überprüft? Und, sauber? Unbelastet? Und schon so ’ne tolle Kamera? Für wen arbeitest du überhaupt? Wird alles von Springer eingenommen.

Im Wiener Café spielt eine rumänische Combo Schwarze Augen und Rosamunde. Rosamunde, schenk mir dein Sparkassenbuch. Ein Bartträger feiert Geburtstag und möchte von allen Frauen umarmt werden. Da sitzt auch Mühle, die Szenegestalt mit dem nihilistischen Charme und der häuslichen Strickjacke. Sieht immer aus, als fröstele ihn. Wird gebeten, noch mal die Geschichte zu erzählen von einer Prämie, die er bekam, 36 000 DDR-Mark. Honorar war das, berichtigt Mühle, Honorar. Davon hat er sich ein Segelboot und seiner Frau einen Mantel gekauft. Und der Rest? Das andere ging durch die Kehlen meiner Freunde und durch die meinige auch.

Im Wiener Café ist der Mensch nicht irgendwo, sondern unter Prominenten. Ich war die Verlobte von Manne Krug. Kann ich beweisen. Ich verkehr mit Manne noch eenmal im Jahr mit seine Frau. Jetzt bin ick glücklich. Jetzt werde ich ma wat von Trude Herr singen.

Mühle bettet sein benebeltes Haupt an die Brust von Mannes Ex-Verlobter. „Da ist es, wo man schöner ruht als in dem Freudenbett der Königin …”

Die Westmark ist da. Frau Ziervogel geborene Konnopke, weiß nicht, was auf sie zukommen wird mit ihrer Currywurstbude. Alles ist ungewiss. Die Jalousie geht hoch. Die ersten Kunden stehen schon da mit dem neuen Geld. Für Konnopke wird’s weiter gehen, soviel steht fest.

Das ist der Film „Berlin Prenzlauer Berg 1990”. Petra Tschörtner ist zwischen 1. Mai und 1. Juni mit der Kamera durch Etablissements, Betriebe und Straßen gelaufen. Häuser angeschaut, Verfall, mit Leuten geredet, das Mikro hingehalten. Ein Wahnsinnsfilm, sagen die Leute heute. Ein Wahnsinnsleben damals zwischen den Welten. Man kann den Film unter kraftfuttermischwerk.de/blogg/?p=41300  anschauen. Wir sehen Menschen, die mehr sagten als „Wahnsinn” in dem Moment, als sie Grenzen überwinden konnten.

Petra Tschörtner ist in diesem Jahr gestorben, 54 Jahre alt. Sie hat eine Spur gelegt.

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