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Posts Tagged ‘Bayern München’

Demnächst: das gerechte Endspiel

Das gerechte Endspiel der Champions League, hört und liest man jetzt aus integrierten Kreisen, wäre Bayern München gegen AS Rom gewesen. Dann macht es doch: das Endspiel der Enttäuschten, der Sich-betrogen-Fühlenden-immer-wenn-sie-mal-verlieren! Dann wird’s für die Bayern vielleicht noch ein Triple, ein leicht deformiertes! Man könnte aus dieser Idee ein komplettes Schattensystem konstruieren. Die Verlierer der Viertel- und Halbfinals, die immer einen Grund finden, sich betrogen zu fühlen, spielen gegen die Verlierer der Parallelpaarungen, bei deren Niederlagen es natürlich auch nicht mit rechten Dingen zuging. Dann haben wir neben den normalen Halbfinals und Endspielen die gerechten Halbfinals und Endspiele. Es werden die gewöhnlichen Pokale überreicht und die gerechten Pokale. Und den Medien wird es ein Leichtes sein, die gerechten Sieger hochzuschreiben und die normalen Sieger mit Zweifeln zu bedenken. Es wäre die (überfällige) Postmoderne im Sport. Die Auflösung der erstarrten Strukturen. Die Identität der Vereine wird instabil. Ein Ergebnis wir stets nur ein vorläufiges Ergebnis sein. Es gibt viele Wahrheiten. Fantastisch, was sich aus der Realität alles herausholen lässt.

Wo der Fußball regiert

Inoffizielles Mahnmal in Berlin-Hellersdorf
© Fritz-Jochen Kopka

Hier regiert der FCU. Auf seine Art. Diese Säule findet sich irgendwo in Hellersdorf. Ich weiß nicht mal, ob der Platz zwischen Kaulsdorf Nord und Kienberg, auf dem sich ein Lidl und eine Bowlingbahn befinden, einen Namen hat. Die Fußballsaison nähert sich dem Ende. Von Union aus betrachtet, also vom FCU, dem 1. FC Union Berlin, fällt der Trainerwechsel ins Auge. Unter Jens Keller, dem früheren Schalker Trainer, spielte Union um den Aufstieg mit, schoss Tore, brachte seine Stärken auf den Platz. Keller wurde völlig überraschend entlassen. André Hofschneider, alter und treuer Unioner, der gerade seinen Trainerschein gemacht hatte, wurde installiert. War da was vorgefallen mit Keller? Nein. Union wollte den fünften Schritt vor dem dritten machen; die Mannschaft sollte nicht so ausrechenbar sein, ein variableres Spielsystem einüben. In der Folge spielten sie nicht schlecht, aber notorisch erfolglos, als wollte der Fußballgott die Union-Bosse für diesen frivolen Trainerwechsel bestrafen. Mittlerweile ist man ein Teil des Abstiegskampfes, der gut die Hälfte der Liga erfasst hat. Ich denke, dass Union nicht absteigen wird, aber was sie da verpasst bekommen haben, ist schon mehr als ein Denkzettel. Man wird jetzt richtig nachdenken müssen bei Union.

Und wenn wir jetzt von der zweiten Liga nach oben greifen wollen, kommen wir zum Ausscheiden Bayern Münchens im Halbfinale der Championsleague gegen Real Madrid. Wie heißt es jetzt: Der Traum vom Triple ist ausgeträumt. Tut mir leid. Ich kann den Traum vom Triple nicht verstehen. Meine patriotischen Gefühle sind kümmerlicher Art, wenn es um Bayern München geht. Spieler, die ich mochte, werden mir unweigerlich unsympathisch, wenn sie zu Bayern München wechseln. Das kann doch nicht nur an mir liegen. Sie werden da irgendwie zu Snobs. Und ich bin froh, wenn mir Uli Hoeneß’ Triumphgefasel erspart bleibt. Aber sie haben gut gespielt, haben alles reingeworfen, und Real Madrid hat mich nicht überzeugt. Die Abwehr wackelte bedenklich. Sie schlagen die feinere Klinge, aber sie spielen meistens einen Pass zu viel, um die beste Schussposition zu finden; und sie spielten in diesem Fall quasi ohne Stars, Cristiano Ronaldo, Toni Kroos und Asensio blieben blass. Und doch haben sie in der Gesamtabrechnung mit 4:3 gewonnen. Es ist klar, dass das Team, das mindestens drei Tore schießen muss, engagierter an das Match herangeht als die Mannschaft, die gar kein Tor zu schießen bräuchte. Bayerns Trainer Heynckes sagte am Ende: Wir waren in beiden Spielen die bessere Mannschaft. Der Reporter ließ wissen, dass Bayern München für ihn der moralische Sieger sei. Wie lächerlich ist das denn. Fußball ist ein Ergebnis-Sport, kein B-Noten-Sport. Die besseren Mannschaften verlieren nicht, da müsste der Schiedsrichter schon übermächtig sein. Und moralische Sieger sehen leicht bescheuert aus, falls es sie denn überhaupt gibt.

Überzahl, Fortschreibung

Schiedsrichter Siebert aus Berlin war etwas übereifrig im Umsetzen der Direktive, den Fußballern des FC Bayern eine Überzahl auf dem Platz zu verschaffen. Er stellte den Leipziger Innenverteidiger und Mannschaftskapitän Willi Orban schon in der 13. Minute vom Feld. Damit war das rasante Spiel, das wir alle erwarteten, ruiniert. Zum Nachteil der Zuschauer, zum Vorteil der Bayern, die allerdings auch nicht gerade begeistert schienen, wenn auch opportunistische Reporter der Mannschaft trotzdem hymnisches Lob widmeten. Vielleicht hätten die Bayern ja auch ohne die Direktive und den übereifrigen Schiedsrichter gesiegt, und es wäre ein tolles Spiel gewesen, kein einseitiges Herumgekicke.

Willi Orban hatte den heranstürmenden Arjen Robben gestoppt. Wir alten Straßenfußballer hätten sowas gesunde Oberkörperhärte genannt. Wir hatten unter uns allerdings auch keinen, der so apokalyptisch stürzen konnte wie der Holländer Robben. Dafür fehlte uns einfach die morbide Phantasie. Als Schiedsrichter würde ich auch grundsätzlich kein Foul pfeifen, das Robben herausgearbeitet hat. Er hat es einfach schon zu oft getrieben und zu viele Schiedsrichter gefoppt. Da würde ich mich nicht einreihen wollen. Die FAS hat nachgerechnet: In den letzten drei Spielen, insgesamt 300 Minuten mit der Verlängerung beim Pokalspiel in Leipzig, haben die Bayern 182 Minuten in Überzahl gespielt. Bei 11 gegen 11 haben sie kein Tor geschossen. Mehr muss dazu nicht gesagt werden.

 

Bayern in Überzahl

Ich habe das Gefühl, das der DFB den Schiedsrichtern eine neue Direktive verordnet hat. Spätestens zu Beginn der zweiten Halbzeit sollen sie dem FC Bayern durch Gelbrote oder auch Glattrote Karten eine Überzahl verschaffen, damit der Verein seine führende Rolle behält und die Bundesliga und der Pokal nicht etwa noch spannend werden. Opfer sind die gegnerischen Mannschaften und nicht zuletzt die Schiedsrichter, die dieser Art gezwungen sind, ein seltsames Gerechtigkeitsgefühl zu offenbaren und es an Augenmaß fehlen zu lassen. Letzten Mittwoch konnte jeder sehen, dass RB Leipzig die schnellere, modernere, in allem jüngere Mannschaft mit der intelligenteren Spielidee war. Das machte die Aufgabe für Schiedsrichter Zwayer, der sowieso schon in Schwierigkeiten steckt, noch komplizierter. Und auf der Bank blutete Bayern-Trainer Jupp Heynckes, gerade aus dem Rentenstand zurückgerufen, unentwegt die Nase und befleckte das Hemd. Zwayer pfiff einen Elfmeter für Leipzig und nahm ihn, von den Reklamationen der Bayern-Spieler schier erdrückt, wieder zurück, wobei er sich hinter seinem Linienrichter versteckte. Und dann setzte er die, vermutete, Direktive um. Die Bayern hatten Naby Keita früh als Leipzigs Schlüsselspieler erkannt und gaben ihm ordentlich auf die Socken. Tolisso und Vidal hätten längst gelb und gelbrot sehen müssen, aber Zwayer hatte eine ganz andere Aufgabe zu erfüllen. Zwei Mal foulte nun auch der bedauernswerte Keita, er sah sofort gelb, beim zweiten Mal zupfte er Lewandowski leicht am Trikot, der ließ sich dramatisch fallen und verpasste Keita, wenn ich es richtig sah, dabei noch eine Ohrfeige. Gelbrot für Keita. Damit hatte Zwayer ein hochklassiges, hochdramatisches Fußballspiel gründlich versaut und zu einer Leipziger Abwehrschlacht umgestaltet. Im Elfmeterschießen zeigten die Bayern ihre ganze Klasse, von der man vorher nicht viel gesehen hatte. Jupp Heynckes hatte sich inzwischen eine schmucklose Trainingsjacke angezogen, denn mit blutbeflecktem Hemd darf man nicht coachen. Diese Regel gilt auch für Bayern München.

Nach dem Halbfinale

Mit fünf Staropramen und einem Gratisgrappa in den Knochen war ich sicher nicht auf der Höhe meiner Leistungsfähigkeit und trotzdem haben wir die Telekomtruppe besiegt und aus dem Pokal gekegelt. Der Anteil der Fans vor dem Gerät ist wohl doch nicht so hoch wie angenommen, aber auch nicht zu vernachlässigen, ich war jedenfalls trotz des Biers kein Totalausfall und habe eingebracht, was einzubringen war, aber sicher hätten wir klarer gewonnen, wenn ich nüchtern gewesen wäre.

Okay, im Ernst. War angenehm vor dem Herauslaufen der Teams zu sehen, dass sich die Spieler beider Mannschaften ganz gut verstehen, jedenfalls einige und jedenfalls besser als die Funktionäre. War auch angenehm zu hören, dass Philipp Lahm nach dem Abpfiff recht sachlich und fair auf das Spiel zurückblickte, dafür wird er womöglich von Uli Hoeneß einen Anpfiff bekommen. Dem hätte es keine Mühe bereitet, die Niederlage in einen Sieg umzudeuten und dem BVB nahezulegen, zugunsten des FC Bayern auf eine Endspielteilnahme zu verzichten.

Bei Kicker online lese ich, dass den Bayern als Trostpreis jetzt die Meisterschaft bleibe. Das ist eben dieses verfluchte und selbst verschuldete Anspruchsdenken. Es muss ja immer das Triple sein, und wenn das nicht klappt, ist die Saison schon versaut. Wo soll das hinführen! Auf eine Saison ohne Gegentore oder was? Das! ist! so! unsympathisch! Ich meine, wir sind ja nicht umsonst beim BVB. Uns gefällt diese Spielweise, uns gefallen diese lustigen, stürmischen jungen Männer. Und wir haben nichts übrig für den Stocher-Fußball von Robben und Ribery, für die Schwalben und die ewigen Reklamationen.

Die Nachspielzeit, die nie vergeht

Und ein Haus der Fußballunkulturen brauchen wir auch © Fritz-Jochen Kopka

Und ein Haus der Fußballunkulturen brauchen wir auch
© Fritz-Jochen Kopka

Dem FAZ-Fußballredakteur Horeni verdanken wir die Erkenntnis, dass Schiedsrichter Patrick Ittrich, im Hauptberuf Polizeibeamter, die gegen die Münchner Bayern 1:0 führende Berliner Hertha keineswegs mit einer überdimensionierten Nachspielzeit, die man eher eine Verlängerung nennen sollte, benachteiligt oder gar betrogen, sondern dass er dem Fußball damit ein Geschenk gemacht hat.

Fünf Minuten Nachspielzeit waren angezeigt, man fragte sich wieso, langwierige Verletzungsunterbrechungen gab es nicht, drei Minuten wären angemessen gewesen, und als die fünf Minuten vorüber waren und die Bayern immer noch nicht den Ausgleich geschossen hatten, ließ Wachtmeister Ittrich weiterspielen, bis den Bayern endlich das 1:1 gelang und sie herumtanzen konnten, als wären sie soeben allesamt Weltfußballer des Jahres geworden, die Betreuer und der Präsident eingeschlossen.

In der Folge beeilten sich die Medien zu beteuern, dass alles mit rechten Dingen zugegangen war und dass man auch nicht vom Bayern-Dusel sprechen kann. Den Vogel schoss Horeni ab, der auf die Idee mit dem Geschenk kam, das der Schiedsrichter der Fußballhistorie gemacht hat, denn: „Nur so konnte mit dem aus der Zeit gefallenen Tor von Lewandowski eines jener für Fußballfan-Herzen unvergesslichen Spiele entstehen, das auch kühle Profis aus der Fassung bringt … ”

Was für eine frivole Gedankenakrobatik! Da fiele einem noch einiges ein, womit Spiele unvergesslich gemacht werden könnten. Hoeneß steigt von der Tribüne herab und versucht, den gegnerischen Torwart durch Muskelspiele und Grimassenschneiden abzulenken. So ein Spiel würde ich auch nicht vergessen. Man kann sich andere haarsträubende Schiedsrichterentscheidungen vorstellen (und hat sie auch schon erlebt), mit denen man Fußballspiele unvergesslich machen könnte. Die meisten Fußballfans würden allerdings auf solche Unvergesslichkeiten gern verzichten.

Ein für allemal: Es droht nicht der Untergang Deutschlands, wenn die Bayern mal ein Spiel verlieren und Präsident Hoeneß wird in einem solchen Fall bei aller Leidenschaft auch nicht gleich einen Bürgerkrieg entfesseln.

Das ist ja noch mal schiefgegangen

Prognose, auf den Arsch gefallen

Prognose, auf den Arsch gefallen

Nach der Saison ist vor der Saison. Anfang August 2015 sagten die Originalitätsmonster der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung das Ergebnis der Bundesliga-Saison 2015/16 voraus, das wir jetzt gerade live erlebten. So originell waren sie nun wieder nicht, dass sie einen anderen Meister als die Bayern vorausgesagt hätten. Sie meinten, es sei nur eine Frage des Punktvorsprungs, und so ist es ja auch gekommen. Aber dann übertrafen sie sich selbst. Wolfsburg landet auf Platz 2, und „das könnte eine lange Geschichte werden”. Also, der Werksklub auf Jahre hinaus der härteste Konkurrent der Bayern. Stand heute ist das ziemlich lächerlich, aber das wissen alle, die versuchen, Fußballergebnisse zu tippen, man schießt sich da ziemlich oft ins Knie. Manchmal hat man das Gefühl, die Mannschaften spielen nicht gegeneinander, sondern gegen dich, den Tipper, den Neunmalklugen, und auch der Schiedsrichter entscheidet oft genug nicht gegen einen Verein, sondern gegen dich. Bei den FAS-Burschen ist das aber noch ein wenig anders. Sie strotzen nur so vor Selbstgewissheit. Warum? Bei den Politikern wird öfter mal nachgefragt: Was haben sie vor der Wahl gesagt, wovon waren sie vor einem Monat überzeugt, vor einem Jahr. Die steilen Prognosen der Journalisten sind schon am nächsten Tag vergessen. Niemand nimmt sie beim Wort. Bei Borussia Mönchengladbach haben die FAS-Weisen ganz auf Trainer Lucien Favre gesetzt. Wir wissen, wie das ausging. Der VfB Stuttgart habe im Abstiegskampf ziemlich gut Fußball gespielt, „und unter dem neuen Trainer Zorniger geht es weiter in diese Richtung”. Ziemlich gut Fußball spielen und meistens verlieren. So haben sie es wohl nicht gemeint, die Jungs von der FAS. Sie waren auch nicht originell genug, den Aufsteigern eine Chance zu geben. Darmstadt trauten sie immerhin noch den Relegationsplatz zu, für Ingolstadt sollte es trotz der „Audi-Kohle auf dem Konto” nicht reichen, da gab man sich mal volkstümlich. Und ganz unten? Platz 18? Laut FAS Hertha BSC: „Dem Team mangelt es an Klasse, Sportdirektor Preetz an Ideen, Trainer Dardai an Erfahrung.” In der Realität hatte die Hertha nie was mit dem Abstieg zu tun. Stand sogar öfter auf einem Champions League-Platz. Den Fußballweisen von der FAS mangelt es an Demut. An Weitsicht. Und an der Einsicht, dass Fußball ein viel komplexeres Ding ist, als sie sich auch nur vorstellen können. Könnte sein, dass die Fehlprognose auch was mit Berlin-Hass zu tun hat. Sie ertragen es einfach nicht, dass Berlin so viele Leute anzieht.