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Posts Tagged ‘Bayern München’

Überzahl, Fortschreibung

Schiedsrichter Siebert aus Berlin war etwas übereifrig im Umsetzen der Direktive, den Fußballern des FC Bayern eine Überzahl auf dem Platz zu verschaffen. Er stellte den Leipziger Innenverteidiger und Mannschaftskapitän Willi Orban schon in der 13. Minute vom Feld. Damit war das rasante Spiel, das wir alle erwarteten, ruiniert. Zum Nachteil der Zuschauer, zum Vorteil der Bayern, die allerdings auch nicht gerade begeistert schienen, wenn auch opportunistische Reporter der Mannschaft trotzdem hymnisches Lob widmeten. Vielleicht hätten die Bayern ja auch ohne die Direktive und den übereifrigen Schiedsrichter gesiegt, und es wäre ein tolles Spiel gewesen, kein einseitiges Herumgekicke.

Willi Orban hatte den heranstürmenden Arjen Robben gestoppt. Wir alten Straßenfußballer hätten sowas gesunde Oberkörperhärte genannt. Wir hatten unter uns allerdings auch keinen, der so apokalyptisch stürzen konnte wie der Holländer Robben. Dafür fehlte uns einfach die morbide Phantasie. Als Schiedsrichter würde ich auch grundsätzlich kein Foul pfeifen, das Robben herausgearbeitet hat. Er hat es einfach schon zu oft getrieben und zu viele Schiedsrichter gefoppt. Da würde ich mich nicht einreihen wollen. Die FAS hat nachgerechnet: In den letzten drei Spielen, insgesamt 300 Minuten mit der Verlängerung beim Pokalspiel in Leipzig, haben die Bayern 182 Minuten in Überzahl gespielt. Bei 11 gegen 11 haben sie kein Tor geschossen. Mehr muss dazu nicht gesagt werden.

 

Bayern in Überzahl

Ich habe das Gefühl, das der DFB den Schiedsrichtern eine neue Direktive verordnet hat. Spätestens zu Beginn der zweiten Halbzeit sollen sie dem FC Bayern durch Gelbrote oder auch Glattrote Karten eine Überzahl verschaffen, damit der Verein seine führende Rolle behält und die Bundesliga und der Pokal nicht etwa noch spannend werden. Opfer sind die gegnerischen Mannschaften und nicht zuletzt die Schiedsrichter, die dieser Art gezwungen sind, ein seltsames Gerechtigkeitsgefühl zu offenbaren und es an Augenmaß fehlen zu lassen. Letzten Mittwoch konnte jeder sehen, dass RB Leipzig die schnellere, modernere, in allem jüngere Mannschaft mit der intelligenteren Spielidee war. Das machte die Aufgabe für Schiedsrichter Zwayer, der sowieso schon in Schwierigkeiten steckt, noch komplizierter. Und auf der Bank blutete Bayern-Trainer Jupp Heynckes, gerade aus dem Rentenstand zurückgerufen, unentwegt die Nase und befleckte das Hemd. Zwayer pfiff einen Elfmeter für Leipzig und nahm ihn, von den Reklamationen der Bayern-Spieler schier erdrückt, wieder zurück, wobei er sich hinter seinem Linienrichter versteckte. Und dann setzte er die, vermutete, Direktive um. Die Bayern hatten Naby Keita früh als Leipzigs Schlüsselspieler erkannt und gaben ihm ordentlich auf die Socken. Tolisso und Vidal hätten längst gelb und gelbrot sehen müssen, aber Zwayer hatte eine ganz andere Aufgabe zu erfüllen. Zwei Mal foulte nun auch der bedauernswerte Keita, er sah sofort gelb, beim zweiten Mal zupfte er Lewandowski leicht am Trikot, der ließ sich dramatisch fallen und verpasste Keita, wenn ich es richtig sah, dabei noch eine Ohrfeige. Gelbrot für Keita. Damit hatte Zwayer ein hochklassiges, hochdramatisches Fußballspiel gründlich versaut und zu einer Leipziger Abwehrschlacht umgestaltet. Im Elfmeterschießen zeigten die Bayern ihre ganze Klasse, von der man vorher nicht viel gesehen hatte. Jupp Heynckes hatte sich inzwischen eine schmucklose Trainingsjacke angezogen, denn mit blutbeflecktem Hemd darf man nicht coachen. Diese Regel gilt auch für Bayern München.

Nach dem Halbfinale

Mit fünf Staropramen und einem Gratisgrappa in den Knochen war ich sicher nicht auf der Höhe meiner Leistungsfähigkeit und trotzdem haben wir die Telekomtruppe besiegt und aus dem Pokal gekegelt. Der Anteil der Fans vor dem Gerät ist wohl doch nicht so hoch wie angenommen, aber auch nicht zu vernachlässigen, ich war jedenfalls trotz des Biers kein Totalausfall und habe eingebracht, was einzubringen war, aber sicher hätten wir klarer gewonnen, wenn ich nüchtern gewesen wäre.

Okay, im Ernst. War angenehm vor dem Herauslaufen der Teams zu sehen, dass sich die Spieler beider Mannschaften ganz gut verstehen, jedenfalls einige und jedenfalls besser als die Funktionäre. War auch angenehm zu hören, dass Philipp Lahm nach dem Abpfiff recht sachlich und fair auf das Spiel zurückblickte, dafür wird er womöglich von Uli Hoeneß einen Anpfiff bekommen. Dem hätte es keine Mühe bereitet, die Niederlage in einen Sieg umzudeuten und dem BVB nahezulegen, zugunsten des FC Bayern auf eine Endspielteilnahme zu verzichten.

Bei Kicker online lese ich, dass den Bayern als Trostpreis jetzt die Meisterschaft bleibe. Das ist eben dieses verfluchte und selbst verschuldete Anspruchsdenken. Es muss ja immer das Triple sein, und wenn das nicht klappt, ist die Saison schon versaut. Wo soll das hinführen! Auf eine Saison ohne Gegentore oder was? Das! ist! so! unsympathisch! Ich meine, wir sind ja nicht umsonst beim BVB. Uns gefällt diese Spielweise, uns gefallen diese lustigen, stürmischen jungen Männer. Und wir haben nichts übrig für den Stocher-Fußball von Robben und Ribery, für die Schwalben und die ewigen Reklamationen.

Die Nachspielzeit, die nie vergeht

Und ein Haus der Fußballunkulturen brauchen wir auch © Fritz-Jochen Kopka

Und ein Haus der Fußballunkulturen brauchen wir auch
© Fritz-Jochen Kopka

Dem FAZ-Fußballredakteur Horeni verdanken wir die Erkenntnis, dass Schiedsrichter Patrick Ittrich, im Hauptberuf Polizeibeamter, die gegen die Münchner Bayern 1:0 führende Berliner Hertha keineswegs mit einer überdimensionierten Nachspielzeit, die man eher eine Verlängerung nennen sollte, benachteiligt oder gar betrogen, sondern dass er dem Fußball damit ein Geschenk gemacht hat.

Fünf Minuten Nachspielzeit waren angezeigt, man fragte sich wieso, langwierige Verletzungsunterbrechungen gab es nicht, drei Minuten wären angemessen gewesen, und als die fünf Minuten vorüber waren und die Bayern immer noch nicht den Ausgleich geschossen hatten, ließ Wachtmeister Ittrich weiterspielen, bis den Bayern endlich das 1:1 gelang und sie herumtanzen konnten, als wären sie soeben allesamt Weltfußballer des Jahres geworden, die Betreuer und der Präsident eingeschlossen.

In der Folge beeilten sich die Medien zu beteuern, dass alles mit rechten Dingen zugegangen war und dass man auch nicht vom Bayern-Dusel sprechen kann. Den Vogel schoss Horeni ab, der auf die Idee mit dem Geschenk kam, das der Schiedsrichter der Fußballhistorie gemacht hat, denn: „Nur so konnte mit dem aus der Zeit gefallenen Tor von Lewandowski eines jener für Fußballfan-Herzen unvergesslichen Spiele entstehen, das auch kühle Profis aus der Fassung bringt … ”

Was für eine frivole Gedankenakrobatik! Da fiele einem noch einiges ein, womit Spiele unvergesslich gemacht werden könnten. Hoeneß steigt von der Tribüne herab und versucht, den gegnerischen Torwart durch Muskelspiele und Grimassenschneiden abzulenken. So ein Spiel würde ich auch nicht vergessen. Man kann sich andere haarsträubende Schiedsrichterentscheidungen vorstellen (und hat sie auch schon erlebt), mit denen man Fußballspiele unvergesslich machen könnte. Die meisten Fußballfans würden allerdings auf solche Unvergesslichkeiten gern verzichten.

Ein für allemal: Es droht nicht der Untergang Deutschlands, wenn die Bayern mal ein Spiel verlieren und Präsident Hoeneß wird in einem solchen Fall bei aller Leidenschaft auch nicht gleich einen Bürgerkrieg entfesseln.

Das ist ja noch mal schiefgegangen

Prognose, auf den Arsch gefallen

Prognose, auf den Arsch gefallen

Nach der Saison ist vor der Saison. Anfang August 2015 sagten die Originalitätsmonster der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung das Ergebnis der Bundesliga-Saison 2015/16 voraus, das wir jetzt gerade live erlebten. So originell waren sie nun wieder nicht, dass sie einen anderen Meister als die Bayern vorausgesagt hätten. Sie meinten, es sei nur eine Frage des Punktvorsprungs, und so ist es ja auch gekommen. Aber dann übertrafen sie sich selbst. Wolfsburg landet auf Platz 2, und „das könnte eine lange Geschichte werden”. Also, der Werksklub auf Jahre hinaus der härteste Konkurrent der Bayern. Stand heute ist das ziemlich lächerlich, aber das wissen alle, die versuchen, Fußballergebnisse zu tippen, man schießt sich da ziemlich oft ins Knie. Manchmal hat man das Gefühl, die Mannschaften spielen nicht gegeneinander, sondern gegen dich, den Tipper, den Neunmalklugen, und auch der Schiedsrichter entscheidet oft genug nicht gegen einen Verein, sondern gegen dich. Bei den FAS-Burschen ist das aber noch ein wenig anders. Sie strotzen nur so vor Selbstgewissheit. Warum? Bei den Politikern wird öfter mal nachgefragt: Was haben sie vor der Wahl gesagt, wovon waren sie vor einem Monat überzeugt, vor einem Jahr. Die steilen Prognosen der Journalisten sind schon am nächsten Tag vergessen. Niemand nimmt sie beim Wort. Bei Borussia Mönchengladbach haben die FAS-Weisen ganz auf Trainer Lucien Favre gesetzt. Wir wissen, wie das ausging. Der VfB Stuttgart habe im Abstiegskampf ziemlich gut Fußball gespielt, „und unter dem neuen Trainer Zorniger geht es weiter in diese Richtung”. Ziemlich gut Fußball spielen und meistens verlieren. So haben sie es wohl nicht gemeint, die Jungs von der FAS. Sie waren auch nicht originell genug, den Aufsteigern eine Chance zu geben. Darmstadt trauten sie immerhin noch den Relegationsplatz zu, für Ingolstadt sollte es trotz der „Audi-Kohle auf dem Konto” nicht reichen, da gab man sich mal volkstümlich. Und ganz unten? Platz 18? Laut FAS Hertha BSC: „Dem Team mangelt es an Klasse, Sportdirektor Preetz an Ideen, Trainer Dardai an Erfahrung.” In der Realität hatte die Hertha nie was mit dem Abstieg zu tun. Stand sogar öfter auf einem Champions League-Platz. Den Fußballweisen von der FAS mangelt es an Demut. An Weitsicht. Und an der Einsicht, dass Fußball ein viel komplexeres Ding ist, als sie sich auch nur vorstellen können. Könnte sein, dass die Fehlprognose auch was mit Berlin-Hass zu tun hat. Sie ertragen es einfach nicht, dass Berlin so viele Leute anzieht.

Wenn ich schon Triple höre

Wenigstens hört jetzt das Geschwafel vom Triple auf, das uns sensiblen Fußballfreunden schon lange nervt, das Triple, das die Dienstzeit Pep Guadiolas beim FC Bayern in den Rang einer Epoche heben sollte. Sie haben das Triple ja schon mal gehabt, warum wollen sie es jetzt schon wieder haben; das ist vermessen (aber vermessen sind sie nun mal, die Bayern, und die ihnen huldigenden Medien), und es nährt nur die Illusion, der FC Bayern sei die beste Fußballmannschaft der Welt; es reicht doch, wenn sie die deutsche Meisterschaft so langweilig machen, dass man sich schon freut, wenn sie erst am vorletzten Spieltag Meister werden. Es hängt halt auch mit der Einfallslosigkeit der Medien zusammen, die in Anbetracht der Dominanz der Bayern immer neue Superlative und Lobeshymnen auskotzen, dievon Mal zu Mal inhaltsleerer werden.

Nun sind die Bayern also im Halbfinale der Champions League gegen Atletico Madrid ausgeschieden, gegen die Meister der Defensive, und ja, es fehlte nur ein Tor, es fehlten ein bisschen Glück und ein Schiedsrichter, der ihnen wohlgesonnen ist. Wenn sie im Viertelfinale gegen Juventus Turin ausgeschieden wären, wäre das erheblich begründeter gewesen, aber – wie sagen sie, besonders Thomas Müller, so gern: So ist Fußball. Da scheiden sie aus, obwohl sie den Welttorhüter zwischen den Pfosten stehen haben. Das ist auch so eine Formulierung, die nicht weniger schwachsinnig wird, wenn man sie ständig verwendet. Da sag ich: Wenn Manuel Neuer Welttorhüter ist, dann muss er den Schuss von Antoine Griezmann abwehren. Hat er nicht. Kein Vorwurf. Aber den Welttorhüter streichen wir jetzt mal.

Louis und Pep

Day after. Berlin ist weit weg von München und feiert sich selbst

Day after. Berlin ist weit weg von München und feiert sich selbst

Manchmal streiten wir uns, wie groß der Einfluss der Schiedsrichter im Fußball ist. Schiedsrichter, sage ich, schießen keine Tore, aber sie können Tore verhindern und begünstigen. Und sie sind meistens der Meinung, dass die Mannschaft mit dem größeren Etat eigentlich gewinnen muss. Nicht alle sind so, aber es empfiehlt sich, einige von ihnen über die Jahre im Auge zu behalten, schon weil man Bestätigung braucht für seine Theorien und sie auch immer wieder findet.

Am Tag danach fragte man sich, wie es Bayern München gelingen konnte, dem Tod noch einmal von der Schippe zu springen; also das Ausscheiden aus der Champions League gegen Juventus Turin zu vermeiden.

Als ich vom Training nach Hause kam, lagen sie 0:2 zurück; das war in der 65. Spielminute. Als ich meine Brote schmierte, köpfte Lewandowski den Anschlusstreffer. 73. Minute. Als ich das Bier aufmachte, fiel mir auf, dass der Schiedsrichter, Jonas Eriksson aus Schweden, eine seltsam einseitige Apathie an den Tag legte. Er war durchaus laufbereit, er war meistens auf Ballhöhe, wirkte aber gleichwohl ziemlich unbeweglich. So hatte er es sich völlig abgewöhnt, die Fouls der Bayern zu pfeifen, fast, als sähe er sie im Halbschlaf nicht. Umgekehrt war das nicht so, gegenüber den Turinern war er unerbittlich. Tuttosport spricht von einigen unvorteilhaften Schiedsrichterentscheidungen. Wie elegant kann Sprache doch sein. Ich sage nicht, dass Eriksson und seine Assistenten, die bei Abseitsstellungen der Münchner nur selten Lust hatten, die Fahne zu heben, das Spiel für Bayern München gewonnen haben. Es lag eher daran, dass Turin sich nach dem Anschlusstreffer allzu sehr auf das Verteidigen des knappen Vorsprungs beschränkte und mit den Konterchancen nachlässig umging (als hätten sie es nicht mehr nötig). Dann kommt es eben, wie es kommen muss. In der Nachspielzeit fällt der Ausgleich. Verlängerung.

Jetzt schlug die große Stunde von Louis de Funès. Ich bin schon seit langem der Meinung, dass Bayerns Trainer Pep Guardiola eine Reinkarnation von Louis de Funès ist. Er scharte die Spieler um sich und stellte sie auf die Verlängerung ein. Dabei zappelte, strampelte, veitstanzte, gestikulierte und grimassierte er derart, dass man das Gefühl hatte, Louis de Funès will den Mythos Pep Guardiola zerstören oder aber Pep Guardiola möchte durch derlei Übertreibungen zeigen, dass de Funès doch ein ziemlicher Kasper war.

Juventus Turin wird das nicht trösten. Sie hatten auch in der Verlängerung noch ihre Chancen, aber die Tore machten die Bayern, auch wenn sie nicht gerade wie die beste Mannschaft der Welt spielten.