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Posts Tagged ‘Polen’

Cold War in Cold May

Zwischen Taiwan Film Festival und Privatkino
© ET

 

Sonntag startete eine private Kinovorführung für mich und meine Freunde. Weil es mir blühen konnte, das Wort ergreifen zu müssen, hatte ich einen Zettel in der Tasche, auf dem das folgende stand:

„In den späten (besser: meinen) späten Jahren bemüht sich die Family mit ihren Geburtstagsgeschenken mindestens zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Dem ein Jahr älter werdenden Unglücksraben eine Freude zu machen, aber auch etwas darüber hinaus zu tun. Also etwa den Buchhandel zu unterstützen, indem man das Geburtstagskind mit einigen Gutscheinen durch die, wie sich herausstellt, sehr individuellen, originellen Berliner Buchhandlungen jagt. Oder etwas für das bedrohte Lichtspielwesen zu tun, indem man eine private Kinoveranstaltung organisiert. In einer solchen befinden wir uns also eben jetzt. Das ist – und damit wird die dritte Fliege mit dieser einen Klappe geschlagen – immer auch eine Erziehungsmaßnahme. Die Bücher nicht im Netz, bei Amazon, kaufen, sondern im realen Leben, bei den unbeirrbaren Buchhändlern. Die Filme nicht immer zu Hause anschauen oder gar den Müll im offiziellen TV, sondern im Kino.

Es geht heute also nicht um eine nachgeholte Geburtstagsfeier (die fand schon anderthalb mal statt), sondern ausschließlich um diese private Kinoveranstaltung, der Geburtstag-gehabt-habende und seine Freunde und Freunde seiner Freunde unter sich, Popcornesser sind, wie ich annehme, nicht dabei.

Der Film, der uns allen geschenkt wird, heißt „Cold War” (Zimna wojna) – Der Breitengrad der Liebe von Pawel Pawlikowski. Ich hätte alternativ auch „Call Me by Your Name” wählen können, aber ich blieb bei Cold War, als ich hörte, dass da immer wieder wunderbare (slawische, genau: polnische ) Chöre oder Gesangsgruppen in Erscheinung treten. Alle Leute, die den Film schon gesehen haben, wollten ihn unbedingt noch mal sehen. Sie sind unter uns. Was weiß ich noch. Der Film ist schwarz weiß. Ein Mann entdeckt das Talent einer jungen Frau, in den Zeiten des kalten Kriegs trennen sich ihre Wege. Das Mädchen kann singen. Wohl auch tanzen. Das können sie ja alle. Jahre später sehen sie sich wieder, und das alles sehen wir jetzt, die einen zum ersten, die anderen zum zweiten und wir alle vielleicht nicht zum letzten Mal. ”

Es war im Kino Central in der Rosenthaler Straße. Zeitgleich fand da das Taiwan Film Festival statt. Es war die erste private Kinovorführung meines Lebens. Man muss sich an sowas noch gewöhnen. Unter lauter Freunden und Vertrauten in einem Kinosaal zu sitzen, der für zwei Stunden dir gehört.

Der Film beginnt im heruntergekommenen Nachkriegspolen und geht bis in die sechziger Jahre, greift aus nach Berlin, Paris, Slowenien. Ein ernster Film, ein Melodram, sagte Verheugen, was nicht bedeutet, dass es Kitsch ist. Liegt es am Alter, dass einem die Tränen in die Augen treten?

Wiktor, der Komponist (Tomasz Kot), ist ein fast zu gut aussehender Mann, kein Schönling, hart, kantig, hoch aufgeschossen, intellektuell, irgendwie genial, und Zula (Joanna Kulig), das Mädchen vom Lande, ist eine blonde Wilde, die gelernt hat, sich zu beherrschen, was nicht ausschließt, dass gelegentlich die Pferde mit ihr durchgehen. Polen rappelt sich wieder auf nach den Kriegsjahren, wir sehen die harten Nachkriegsgesichter und hören die kehligen Überlebensgesänge. Ein Volkskunstensemble wird aufgebaut, Wiktor macht das, Zula wird ausgewählt. Alles gelingt, wenn auch von Anfang Schatten über der Geschichte liegen. Zula war im Gefängnis, sie soll ihren Vater umgebracht haben, sie ist voller Rätsel und ohne Angst vor der Wahrheit. Was ist mit deinem Vater? Er hat mich mit meiner Mutter verwechselt. Ich habe ein Messer genommen, um ihn aufzuklären. Keine Angst, er lebt noch. Die härtere Wahrheit: Sie bespitzelt Wiktor, den sie liebt und der sie liebt. Das Drama beginnt, als das Volkskunstensemble auch Parteikunst in sein Programm aufnehmen soll. Wiktor geht in den Westen, Zula folgt ihm nicht, weil sie glaubt, für die andere Welt zu fremd und nicht gut genug zu sein.

Cold War erklärt nichts, stellt einfach hin, was Heimatverlust bedeuten kann. Er tut das ohne weiche Übergänge, mit harten Schnitten. Die Bilder und die Stimmen bleiben haften, Erfolg und Glück zerbrechen, das Leben ist verfahren, aber die Liebe weiß noch einen Ausweg.

Zwischen den alten Nachkriegs-Fassaden tranken wir noch eine Flasche Prosecco und dachten: die Polen. Was die für Filme machen.

 

Der Pole nach Krause

Steige hoch, du roter Adler …

Steige hoch, du roter Adler …

Der RBB (d. i. der Rundfunk Berlin-Brandenburg) ist dafür bekannt, dass er sich viel vornimmt. Jetzt hat er ein binationales Polizistenteam für seinen Polizeiruf 110 etabliert, und da es, wenn man hohe Ansprüche hat, noch nicht reicht, wenn Deutsche und Polen in ihren Sprachen aneinander vorbeireden, werden zusätzlich noch Tschetschenen herbeigeholt, die aber entweder deutsch sprechen oder schweigen. Das ist schon mal eine Erleichterung für den Zuschauer, der es schon schwer genug hat, auch wenn er sprachbegabt oder sprachinteressiert ist. Kommissarin Lenski fährt durchs schöne Brandenburger Land und denkt an nichts Böses, als ein Polizeiauto einen Privat-PKW ausbremst, der Fahrer flieht, der Mitfahrer ist am Verbluten. Kommissarin Lenski rettet ihn mehr oder minder, verhält sich dabei aber nicht hundertprozentig korrekt (wie rettet man hundertprozentig korrekt und nach Dienstvorschrift einen Menschen?) und muss deshalb für ihren strengen polnischen Chef einen Bericht schreiben. Das zieht sich durch, durch diesen Fall, wie auch der Hund im Kommissariat, der nicht sprachbegabt ist, sondern nur polnisch versteht. Solche Gags, öfter mal. Der Fall läuft letztlich auf ein großes Familiendrama hinaus, man möchte an die griechische Tragödie denken. Man hat sich etwas vorgenommen, dem man dann nicht gewachsen war. Wem passiert das nicht. Hauptwachtmeister Krause hat uffjehört, das war ein Alleinstellungsmerkmal, der dicke Mann mit seinem Seitenwagengespann und seinem Hund. Die verträumte Olga Lenski, das ist Maria Simon, ist noch dabei mit ihren klassischen kurzen Beinen, ab und zu telefoniert sie am Handy mit ihrem Kind, vom Kindesvater lebt sie getrennt. Für Krause ist nun ein junger polnischer Kommissar dabei, ziemlich cool, stolz, wie alle Polen so sind, natürlich nicht so kauzig wie der alte Krause. Wir werden damit leben können. Sind ja nicht verpflichtet einzuschalten.

Der polnische Großvater

Unser kleiner Markt (wird jedesmal kleiner)

Unser kleiner Markt neben der Supermarkt-Ruine ist noch mal kleiner geworden. Der Stand mit den Portemonnaies, Armbändern und Ketten fehlt. Klimbim brauchen wir hier im Prinzenviertel nicht. Aber Obst und Gemüse. Die Dame vor mir wägt lange ab und nimmt ein Bund Möhren (Möhren darf man noch sagen, Mohren nicht). Das Besondere an unserem Markt: er ist ein deutsch-polnischer oder höflicher polnisch-deutscher. Der Händler ist von väterlicher, geradezu großväterlicher Art und bietet der Dame noch Kohlrabi an. Nein nein, wehrt sie ab, mein Mann darf nicht alles essen. Ich esse alles.

Ich mische mich ein. Männer sind wählerischer, sage ich. Nein nein, sagt die Dame, es ist wegen seiner Krankheiten.

Wir haben gelernt, es positiv auszudrücken, sage ich.

Ja, man soll sich nicht schlechter machen, sagt die Dame.

Das machen andere schon, sage ich.

Der polnische Großvater staunt, was die Deutschen für einen Müll reden. Geht gleich weiter. Am nächsten Gemüsestand, ja, wir haben sogar zwei: Das sind gar keine richtigen Tomaten mehr, sagt eine Frau, die sahen früher anders aus. Dem Händler bleibt die Spucke weg, sagt keinen Ton. Der polnische Großvater hätte sich ganz anders aus der Affäre gezogen. Alles schön, alles gut, meine Dame. Früher gut. Heute gut. Morgen besser noch.

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Abriss in Slow motion

Wie kriegt man das alles wieder auseinander? Langsam. © Fritz-Jochen Kopka

Wie kriegt man das alles wieder auseinander? Langsam.
© Fritz-Jochen Kopka

Unser Supermarkt ist jetzt eine Ruine, eingezäunt, alles schmückenden Beiwerks entledigt. Drei Männer, die von Beruf schätzungsweise Abenteurer sind, nehmen das Plattenbauwerk auseinander. Was sie sich dabei vor allem nehmen, ist Zeit. Das passt vermutlich gut zu den Intentionen der Planer, die noch nicht genug Ideen und Investoren gesammelt haben. Good bye, Netto. Wir werden dich vermissen, beteuert ein Graffiti. Wildkräuter fangen an zu wuchern, der Beton bröckelt, Dreck und Abfall sammeln sich. Mehrere abgefuckte Container in den Farben des Regenbogens warten darauf, die Restbestände in sich aufzunehmen, aber das wird dauern. Auf den Ruinen wächst neues Leben, und so findet mittwochs ein kleiner Markt neben dem schwindenden Supermarkt statt. Wenige Kunden, viele Wespen. Die Händler trösten sich selbst. Es liegt am Hochsommer, dass die Geschäfte nicht so laufen. Im Herbst werden die Leute wieder anfangen zu kochen und dann läuft der Laden. Es sind Deutsche und Polen, die hier Obst und Gemüse verkaufen. Vorsicht, die Wespen, sage ich, als ich ein Pfund Kirschen kaufe, aber der Pole hat keine Bedenken und greift mitten hinein in die Früchte mit seiner großen, harten Hand. Eher haben die Wespen Angst vor ihm als er vor den Wespen. Besonders deprimiert ist wohl der Fischhändler. Der kann förmlich zusehen, wie seine Ware verdirbt, und die Kunden gehen mit abweisenden Gesichtern vorüber. Im Herbst. Im Herbst wird alles besser sein. Und wenn nicht im Herbst dann im Winter. Und wenn nicht im Winter dann im Frühling. Und immer so weiter.

Das ist das Warten der Container

Das ist das Warten der Container

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Wo die Vögel Fische klauen

Schwedt 1989. Die Ruhe vor dem Sturm © Christian Brachwitz

Schwedt 1989. Die Ruhe vor dem Sturm
© Christian Brachwitz

Was man hier nicht sieht: Schwedt ist nah am Wasser gebaut. Am Wasser der Oder. Du musst den Flüssen trauen. Du musst ihnen ihren Lauf lassen. In Schwedt haben sie das dann getan. Sie haben da den Nationalpark Unteres Odertal geschaffen. Du bist eben noch mitten in der Stadt, in so einer Straße wie hier zu sehen, du trittst einen Schritt zur Seite und bist plötzlich in einer anderen Welt, ich wage es, in einer archaischen Welt zu sagen, es zirpt und tschilpt, die Gräser wuchern, der Fluss hat, was er braucht, seinen Auslauf, man nennt es Polder, die Vegetation ist üppig, die Vögel krakeelen wie verrückt, und auf der anderen Seite ist Polen, du kannst über die Brücke gehen, billig tanken, billig dir die Haare schneiden lassen. Brachwitz’ Bild verheimlicht das gekonnt, ein Bild ist immer nur ein Ausschnitt, lässt eher an die Industriestadt denken, die auch eine Theaterstadt ist, an das Petrolchemische Kombinat Schwedt, wo das Erdöl aus der Sowjetunion nach seiner lange Reise ankam und verarbeitet wurde, eine Papierfabrik gab es auch, und die Bauern bauten sogar Tabak an, um noch einmal und sicher nicht zum letzten Mal auf das Leben der Raucher zurückzukommen, selbstangebauten Tabak würde ich vielleicht auch wieder rauchen, und waren es nicht die geschützten Kormorane, die den Fischern die Fische stahlen und zu einem Protest führten? Das ist es, was ich gerade noch über Schwedt weiß, eine Stadt, die besser ist als ihr Ruf. Die Frauen sind hier nicht eleganter als überall, Halteverbot wird verhängt von 15 bis 18 Uhr, und der Pfahl des Verkehrsschilds geht mitten durch den spazierenden Mann hindurch, weil es sich gerade so ergibt. Alles im Jahr 1989. Klar. Der Nationalpark kam später. Das Schrumpfen der Bevölkerung ebenfalls. Von 50 000 auf 30 000. Schwedt darf sich dafür Nationalparkstadt nennen.

Erinnerung an einen polnischen Sommer

Leba gefiel mir sofort. Die Stadt an der polnischen Ostsee. Es ist dreißig Jahre her. Noch in der kommunistischen Zeit (was man natürlich in Anführungsstriche setzen müsste). Überall Läden und Kioske, mondäne Pavillons. Über eine große Fläche verteilten sich Zelt- Camping-, Fußball- und Rummelplätze, Kinderferienlager, ein Naturpark, übervölkerte und leere Strände. Der Sand sehr fein und sehr weiß. In meinem Kopf sang Halina Frackowiak „Du liebst noch das Mädchen”. Es gab Rybi (Fische), Frytki (Fritten), Placki (Puffer) und Lody (Eis). Auf den Straßen dicke Westwagen mit polnischen Kennzeichen, wie auch immer das ging.

Wir wohnten bei Frau J. Ihr Mann, der ehemals eine Firma als Schildermaler betrieb, trug seit unlängst eine Beinprothese, hatte die Firma aufgegeben und spielte seine Rolle als Randfigur. Damals, im Juni, hatte Frau J. im Seitenflügel des Hauses und verschiedenen Anbauten drei dreiköpfige Familien untergebracht, die ihr pro Tag 225 Mark einbrachten. Im Kernsommer wurde auch das Vorderhaus vermietet, in jenem Jahr wurde aus Dresden die Schauspielerin Böhme nebst Familie erwartet, die Familie J. musste sich dann wohl unsichtbar machen. Frau J. erklärte, dass sie „an Unsere” prinzipiell nicht mehr vermiete.  Sie habe nichts dagegen, dass getrunken wird, aber wenn sie um die Wette saufen und zählen, wer die größere Menge leerer Flaschen vorweisen kann, dann gehe ihr das zu weit.

Vormittags lagen wir am Strand, Mittag aßen wir im Gemeinschaftsraum bei Frau J., nachmittags schliefen wir, das Seeklima machte müde. Abends durchstreiften wir die Promenade und die Bars, nachts vernahmen wir aus der Ferne die Sehnsuchtsschreie der Discostars. Boney M., Baccara, Pussycat, Bonnie Tyler. Georgie and the Rivers of Babylon waren dann für immer mit der polnischen Ostsee verbunden. In Lebork, der nächstgrößeren Stadt im Binnenland, erzählte uns ein alter Mann, dass er schon eine Woche lang kein Brot mehr bekommen habe. Breshnews Soldaten hätten alles aufgefressen.  Die Gedanken strömten groß, belanglos und vage dahin. Den Sand, sagte Frau J., werden Sie noch ein halbes Jahr mit sich herumtragen. Sie hatte recht; wie in allen anderen Fragen auch.

Die Ostsee in Polen …

Vater, Mutter, Wolken, Kind © Christian Brachwitz

Vater, Mutter, Wolken, Kind
© Christian Brachwitz

… oder der Himmel über uns allen? Beides bemerkenswert. Wir wollen festhalten, wie die Sonne ins Meer eintaucht. Was heißt wir. Die Frau, die für die Romantik in der Familie zuständig ist. Das Kind ist desinteressiert. Der Mann vergisst, den Bauch einzuziehen. Die Pepsi-Cola ist immer dabei. Befürchtungen, dass die dünnen Rohre den Ausguck und die Familie nicht werden halten können, sind unbegründet. Die Wolken haben so eine flüchtige Struktur. Sie wollen nach Westen. So ist es schon immer gewesen. Und es war schon immer ansteckend. Die Wolken sind frei, die Gedanken auch, die Grenzen offen, mehr oder minder.

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