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Erinnerung an einen polnischen Sommer

Leba gefiel mir sofort. Die Stadt an der polnischen Ostsee. Es ist dreißig Jahre her. Noch in der kommunistischen Zeit (was man natürlich in Anführungsstriche setzen müsste). Überall Läden und Kioske, mondäne Pavillons. Über eine große Fläche verteilten sich Zelt- Camping-, Fußball- und Rummelplätze, Kinderferienlager, ein Naturpark, übervölkerte und leere Strände. Der Sand sehr fein und sehr weiß. In meinem Kopf sang Halina Frackowiak „Du liebst noch das Mädchen”. Es gab Rybi (Fische), Frytki (Fritten), Placki (Puffer) und Lody (Eis). Auf den Straßen dicke Westwagen mit polnischen Kennzeichen, wie auch immer das ging.

Wir wohnten bei Frau J. Ihr Mann, der ehemals eine Firma als Schildermaler betrieb, trug seit unlängst eine Beinprothese, hatte die Firma aufgegeben und spielte seine Rolle als Randfigur. Damals, im Juni, hatte Frau J. im Seitenflügel des Hauses und verschiedenen Anbauten drei dreiköpfige Familien untergebracht, die ihr pro Tag 225 Mark einbrachten. Im Kernsommer wurde auch das Vorderhaus vermietet, in jenem Jahr wurde aus Dresden die Schauspielerin Böhme nebst Familie erwartet, die Familie J. musste sich dann wohl unsichtbar machen. Frau J. erklärte, dass sie „an Unsere” prinzipiell nicht mehr vermiete.  Sie habe nichts dagegen, dass getrunken wird, aber wenn sie um die Wette saufen und zählen, wer die größere Menge leerer Flaschen vorweisen kann, dann gehe ihr das zu weit.

Vormittags lagen wir am Strand, Mittag aßen wir im Gemeinschaftsraum bei Frau J., nachmittags schliefen wir, das Seeklima machte müde. Abends durchstreiften wir die Promenade und die Bars, nachts vernahmen wir aus der Ferne die Sehnsuchtsschreie der Discostars. Boney M., Baccara, Pussycat, Bonnie Tyler. Georgie and the Rivers of Babylon waren dann für immer mit der polnischen Ostsee verbunden. In Lebork, der nächstgrößeren Stadt im Binnenland, erzählte uns ein alter Mann, dass er schon eine Woche lang kein Brot mehr bekommen habe. Breshnews Soldaten hätten alles aufgefressen.  Die Gedanken strömten groß, belanglos und vage dahin. Den Sand, sagte Frau J., werden Sie noch ein halbes Jahr mit sich herumtragen. Sie hatte recht; wie in allen anderen Fragen auch.

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