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Archive for Juli 2016

Als ich einmal keine Feststellungen machte

Der Täter war schon fast gefasst © Fritz-Jochen Kopka

Der Täter war schon fast gefasst
© Fritz-Jochen Kopka

Ein amtliches Schreiben aus DDR-Zeiten. Volkspolizeirevier Immanuelkirchstraße, Berlin. Eine Kollegin war in der Redaktion bestohlen worden, sie ging aufs zuständige Revier. Der Volkspolizist setzte sich an die Schreibmaschine (was einfach gesagt ist). Dass er so hartnäckig Schminktäschen statt Schminktäschchen tippte, zeugt meiner Meinung nach von sprachlichem Feingefühl. Es widerstrebte ihm einfach, zwei Mal hintereinander „ch” zu tippen. Kommata setzte er nur in Notfällen ein. Die Qualität des Protokolls hätte eigentlich bewirken müssen, dass der Täter alsbald hätte gefasst werden müssen, was aber nicht der Fall war.

Am Dienstag, den 20. 11. 84 gegen 14 Uhr kam ich vom Mittagessen im Kaffee „Praha” und legte meine Umhängetasche auf dem Radio im Zimmer 203 unserer Reaktion ab. Als ich gegen 14.20 in Zimmer 103 zurückkehrte von einer Besprechung machte ich keine Feststellungen. Gegen 15.00 Uhr bemerkte ich den Verlust meiner Brieftasche. Diesen Verlust teilte ich dem VPR 69 gegen 16.00 Uhr mit, ohne einen Diebstahl zu vermuten. Am Mittwoch bemerkte ich dann, daß auch mein Schminktäschen und mein Stockregenschirm aus dem Redaktionszimmer fehlten. Mit ist jetzt klar geworden, daß alle Gegenstände in der Zeit von 14.00 Uhr bis gegen 14.20 Uhr durch eine unbekannte Person aus meinem Zimmer entwendet wurde. Das Zimmer ist gegenüber der Treppe gelegen und durch ein Durchgangszimmer zu erreichen. Als ich mein Zimmer verließ waren beide Zimmer nicht besetzt und auch nicht abgeschlossen.

Der oder die Täter müssen meine Beutelumhängetasche aus Leder die auf dem Radio stand durchsucht haben und daraus die Brieftasche und Schminktäschen entnommen haben, um zu verhindern, dass der Diebstahl gleich bemerkt wird.

Meine Brieftasche kann ich wie folgt beschreiben:

Größe ca 10 cm x 15 cm aus rosafarbenem Leder

Inhalt: PA mit 12 bis 14 Scheckvordruckblättern 1400,– Mark Bargeld in Scheinen 95,– M Forumschecks Monatsfahrkarte für die U-Bahn und einigen persönlichen Papieren und Bildern.

Das Schminktäschen ist aus schwarzem Samt in ihm waren Schminksachen und ein silberfarbenes Pillenbehältnis

Das Schminktäschen ist österreichischer Produktion und mit Reißverschluß versehen.

Der Stockregenschirm ist altrosa und antharzid und in einem Feld ist ein schwarzer Stempel mit dem Wahrzeichen der Stadt und der Schrift: Festival International La Coruna. Nähere Angaben zum Sachverhalt oder zum Tathergang sind mir zur Zeit nicht bekannt verdächtige kann ich nicht benennen. Die Anzeige habe ich selbst gelesen, meine Angaben sind darin richtig wiedergegeben.

 

Ach nee, der letzte Biss!

Kinobar vor der Vorstellung

Kinobar vor der Vorstellung – du bist nicht allein, wenn du auch allein bist

Wir sahen „Der letzte Tycoon”, eine der Aufnahmen auf unserem Receiver, ich meine, abgesehen von „Die Gräfin vom Hongkong” werden diese Aufnahmen mit großer Distanz aufgenommen, weil ich angeblich immer Filme aufnehme, die nur meiner Interessenlage entgegenkommen, aber so egoistisch bin ich nicht. Oft schauen wir nur zehn bis fünfzehn Minuten, um die Wiedergabe zu stoppen und den Film zu löschen, so dass wir wieder ein bisschen mehr Speicherplatz haben. Trotz dieser latenten Abwehr gefiel uns „Der letzte Tycoon” überraschend gut. Das ist ein Film von Elia Kazan von 1976 nach einem Romanfragment von Francis Scott Fitzgerald.

Wir haben nicht auf den Vorspann geachtet und sehen, dass wir es mit einem ziemlich jungen Robert de Niro zu tun haben, er ist der letzte Tycoon, der große Hollywood-Produzent, der immer hundert Prozent von seinen Ideen und Entscheidungen überzeugt ist, Machtbewusstsein und Charme hat, bis er auf eine Frau trifft, die er noch nicht mal halbwegs erobern kann und die einfach stärker ist als er. Damit sind alle Gewissheiten dahin und das Glück verlässt ihn, Monroe Stahr besitzt nicht mehr das Feeling für die richtige Entscheidung in der falschen. Die Szenen zwischen de Niro und seiner Angebeteten sind voller Geheimnisse und Überraschungen, nein ist nicht nein, und ja heißt nicht ja.

Irgendeine in diesem Film sieht aus wie Jeanne Moreau, und es ist auch Jeanne Moreau, irgendeiner sieht aus wie Tony Curtis, und es ist auch Tony Curtis. Gegen Ende taucht auch noch ein ziemlich junger Jack Nicholson auf, der den aggressiv betrunkenen de Niro mit einem Faustschlag niederstreckt.

„Die faszinierende Gestalt des Studiodiktators und das interessante Thema wurden in der filmischen Adaption verflacht”, meckert des Lexikon des internationalen Films vom Rowohlt Verlag. „Trotz sehr guter Besetzung … fehlt der letzte Biss, und der Film bleibt in einer Aneinanderreihung von Episoden stecken.” So ’ne hochnäsige Bewertung mit solchen Floskeln bringt uns nicht weiter. Nach meinem Eindruck war Fitzgerald keiner, der in die Tiefe lotete. Die Tiefe zeigte sich schon an der Oberfläche oder sie blieb eben draußen. Er näherte sich seinen Themen von der Peripherie her, er war wohl auch einfach zu oft betrunken und deprimiert, um sein Sujet glasklar zu analysieren. Also, zu verflachen war da nicht viel. Der Film ist hart und schonungslos. Wir hatten das Gefühl, einiges in dieser Zuspitzung noch nicht gesehen zu haben, subtile Beziehungen und Machtkonstellationen, Typen, die gleichzeitig mit- und gegeneinander kämpfen. Ich gehe mal davon aus, dass wir recht haben und das Filmlexikon eben nicht.

Zwischenfall in der Straßenbahn

Ob 2 oder 21 – Straßenbahn ist Straßenbahn. Auf jeden Fall wird drinnen mit dem Smartphone gearbeitet

Ob 2 oder 27 – Straßenbahn ist Straßenbahn. Auf jeden Fall wird drinnen mit dem Smartphone gearbeitet

Das Glück bei IKEA. Vorher die Realität in der Tram 27 von Karlshorst zur Haltestelle Landsberger Allee. Fünf Jungs im Umfeld sind angestrengt mit ihren Smartphones beschäftigt. Der sechste beißt von einer Gurke ab. Es ist eine ganz gewöhnliche analoge Gartengurke. Dass das noch möglich ist heutzutage! Dass das stillschweigend akzeptiert wird! Wir sind also doch noch nicht ganz in den Fängen der digitalen Technik. Es gibt noch Toleranz.

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Ein Genussmensch

Zwischen Nahrung und Genuss ist sauber zu trennen, nicht nur in Stolberg im Südharz, sondern überall © Christian Brachwitz

Zwischen Nahrung und Genuss ist sauber zu trennen, nicht nur in Stolberg im Südharz, sondern überall
© Christian Brachwitz

Auf dieses Foto mache ich mir folgenden Reim. Der Kunde hat sämtliche Genussmittel geschluckt, das Leergut vor dem Laden sauber gestapelt und überlegt nun, ob er für die kommenden Tage etwa auch Nahrungsmittel benötigt. Wie ich seiner Haltung entnehme, lautet die Antwort eher nein. Nahrungsmittel machen nur dick und träge, außerdem verursachen sie Haarausfall. Ich fahre besser mit Genussmitteln.

Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 1979 und aus Stolberg im Harz, das Haus selbst ist Barock. Was ich von der Inschrift über der Tür entziffern kann, ist dies: „Gott dienen im getreuen Sinn/Ist aller Weisheit Anbeginn”. An diesen Leitspruch verschwendet unser Genussmensch mit den stabilen Handwerksmeisterhosen, wiewohl Nachfahr des Predigers und Bauernführers Thomas Müntzer, keinen Blick und keinen Gedanken. Schlimm war das damals.

Berlin Alexanderplatz (27): Suboptimale Idee

Jetzt geht die Party richtig los © Fritz-Jochen Kopka

Jetzt geht die Party richtig los
© Fritz-Jochen Kopka

Der Himmel überm Alexanderplatz war dunkelgrau, die Wolken hingen tief, und schwül war es obendrein. Ein Mann blies in eine Art Alpenhorn. Ein Pflastermaler hatte unter sein Work in Progress eine umfangreiche Legende geschrieben, etwa, dass er Künstler sei, leider ohne Geld, und so bat er um solches, damit seine Kreativität aufblühen könne. Ein Seifenblasenkünstler war ebenfalls bei der Arbeit. Es waren alles keine großen Sachen und die Leute hatten keine Lust, ins Portemonnaie zu greifen; ich ja auch nicht. Manchmal ist das so. In der Schreibwarenabteilung des Kaufhofs stellte ich fest, dass meine Schreibgeräte offensichtlich veraltet sind. Es gibt keine Minen und keine Patronen mehr für sie. Ich wüsste nicht, dass diese Füller und Fineliner älter wären als fünf Jahre, und jetzt kann ich sie wegwerfen, was für ’ne Welt. Ich bin ein Mensch, der seine Sachen gern lange hat, ich gewöhne mich an sie und möchte sie nicht vor den Kopf stoßen, wenn sie mir gute Dienste geleistet haben. Aber wer kann das heute noch verstehen.

Die Dame links hat schon zu viel …

Die Dame links hat schon zu viel …

Wenige Tage später überraschte der Alexanderplatz mit einem Winzerfest. „Für alle Weinliebhaber wird ein Fest für die Sinne geboten. Winzer aus den verschiedensten Anbaugebieten Deutschlands und Österreichs werden euch mit den edelsten Tropfen verführen. Für die Unterhaltung sorgen die Live-Auftritte der unterschiedlichsten Musiker”, hieß es in der Eigenwerbung. Ein mutiger Griff ins höhere Preissegment. Das Glas Wein 3 €, die Flasche 16 bis 18 €. Für den Alexanderplatz passt das nicht. Auch die Imbissstände boten vornehme Kost. Die Leute saßen auf hölzernen Bänken, rauchten und hatten schlechte Laune. Frauen hatten mutig oder modisch ihre Sonnenbrillen in die Haare verschoben. Eine betagte Schnorrerin versuchte ein Fachgespräch zu führen mit dem Ziel, die edelsten Tropfen umsonst trinken zu dürfen. Den Wein aus dem Burgenland tranken vier Männer, allesamt mit Sonnenbrillen, kurzen Hosen und Turnschuhen. Sie sahen aus wie Claqueure oder wie nennt man bestellte Weintrinker? Egal. Es war nicht viel los an diesem Tag. Aber noch fehlten ja die unterschiedlichsten Musiker mit ihren geilen Liveauftritten. Es gibt Tage, an denen findet der Alexanderplatz einfach nicht die Akteure, die zu ihm passen.

 

Die FAZ berichtigt sich

Die FAZ berichtigt sich. Sie hat sich vertan. Es ging um die berühmt-berüchtigte Rigaer Straße 94 in Berlin-Friedrichshain, oder sagen wir doch direkt: um linke Hausbesetzer. Die FAZ sprach von 7800 Straftaten, davon mehr als 2000 Gewalttaten, die von Personen dort seit 2011 begangen wurden. Das war ein Versehen, sagt tags darauf die FAZ. Es waren tatsächlich 78 Straftaten, davon 28 Gewalttaten. Ein Versehen, so so. Immerhin zeigt der Vorfall, dass die Verfasserin des Berichts keine Ahnung von den wirklichen Verhältnissen in der Rigaer Straße hat und dass sie es vorzieht, nicht zu überlegen, dafür aber gern polemisch zu werden. An ihren Fehlern sollt ihr sie erkennen. Was linke Verfehlungen anbetrifft, findet die Zeitung auch das Hundertfache des Tatsächlichen für sehr gut möglich. Und auch an ihren Angebereien erkennt man sie. Die kleine Notiz läuft unter der Spitzmarke: Ius non calculat. Man kennt diese Wendung eher in diesem Wortlaut: Iudex non calculat. Der Richter zählt nicht. Die FAZ meint jedoch: Das Recht zählt nicht. Weil es sowieso immer rechts steht? Soweit würde ich nie gehen. Wir bitten um Nachsicht, heißt es am Ende der sechs Zeilen. Ja, tut das, bittet um Nachsicht. Aber rechnet nicht damit.

 

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Ronaldo weint

So aufgebläht war das im nachhinein doch gar nicht. Für die Grafik danke an Zentiva, stark gegen Schmerzen

So aufgebläht war das im nachhinein doch gar nicht. Für die Grafik danke an Zentiva, stark gegen Schmerzen

Ich lief, das wollte ich zur EM noch sagen, nach wenigen Minuten mit fliegenden Fahnen zu den Portugiesen über. Es sah so aus, als wollte Frankreich nicht gegen Portugal spielen, sondern gegen Cristiano Ronaldo. Der kam kaum an den Ball, da fuhr man ihm schon in die Parade, man wollte ihn offensichtlich beeindrucken; dass er dabei schon nach acht Minuten verletzt und nach zwanzig Minuten weinend vom Platz getragen wurde, war sicherlich nicht beabsichtigt, okay, man sagte, Payet habe bei seiner Attacke den Ball getroffen, aber er rauschte dem stehenden Ronaldo auch ungebremst in die Knochen. Die Tragik des dreimaligen Weltfußballers (kein Titel niemals mit Portugal) schien sich fortzusetzen, die französischen Fans bejubelten Ronaldos Elend, aber Frankreich war plötzlich der Gegner abhanden gekommen: Ronaldo. Das trotzige, über sich hinauswachsende, immer geschlossener auftretende und grandios verteidigende Team zu bekämpfen, war viel schwerer, dafür hatte Frankreich kein Programm. Die Reporter orakelten über eine folgenreiche Verletzung, möglicherweise einen Kreuzbandriss, wähnte ihn bereits im Krankenhaus, aber nach der Pause war Ronaldo wieder da, das linke Bein mit einem Stützstrumpf stabilisiert, er stand am Spielfeldrand neben Fernando Santos, dem Trainer, und wurde selbst zum Coach, hingerissen vom Spiel, voller Leidenschaft, die Pleite doch noch abzuwenden, feuerte er seine Kameraden auf dem Spielfeld an, manchmal agierte er fast synchron mit dem Trainer, aber eben doch immer ein paar Nummern wilder und so schüttelte er den wehrlosen Trainer gelegentlich kräftig durch. Eine genialere Dramaturgie hätte sich niemand für diese EM ausdenken können. Das verspottete, geringschätzte Portugal gewann den Titel ohne seinen Superstar und doch auch mit ihm. Das Bild Ronaldos hat einige neue Facetten erhalten. Mein Freund Verheugen steht seitdem fest an seiner Seite. Ronaldo geht durch die Hölle und gewinnt den Pokal. Das Tor schießt Eder, ein Mann aus der hintersten Reihe des Aufgebots; eine tolle Geschichte; da mag man über das aufgeblähte Programm dieser Meisterschaft nörgeln, wie man will.

Reporterdämmerung

An Bela Rethy haben wir uns gewöhnt, nicht zuletzt, weil er von einigen seiner Reporterkollegen regelmäßig unterboten wird. Wenn man genau hinhört, stellt man fest, dass er punktuell über einen trockenen Humor verfügt. Bei einem Spiel experimentierte er sogar wiederholt mit dem Konjunktiv. Das hat er im folgenden Spiel zwar wieder unterlassen, anerkennen muss man es trotzdem, ich meine, er hat es freiwillig getan, niemand hat ihm befohlen, sich als „Statthalter des Möglichkeitssinns” (Sloterdijk) zu versuchen. Dieser Mann weiß sich in seinen späten Jahren noch zu steigern, wo andere längst in Selbstgefälligkeit erstarrt sind.

Ein Reporter, ich weiß nicht mehr wer, erzählt bei jeder Gelegenheit, dass Bastian Schweinsteiger wie Richard Gere aussieht. Irgendwann hat man wirklich genug von dem Quatsch. Ist er blind? Auszuschließen ist das nicht. Viele Reporter sehen schlecht.

Statements, leicht geändert

Was meine Hand am Hintern macht und dann am Mund und in der Nase interessiert mich eigentlich weniger.

Warum die Dreierkette? Da muss ich mich entschuldigen. Man ist in dieser Lage so angespannt, da weiß man oft nicht, was man tut. Ich werde versuchen, mich da zu ändern.

Vor dem Halbfinale

Engländerin: Bist du etwa für Frankreich?

Deutscher: Ich möchte, dass dieser unhygienische Trainer verschwindet.

Engländerin: Mein Mann auch. Dann bist du wahrscheinlich auch gegen Podolski?!

Deutscher: Und wie!

Nicht gemerkt?

Mario Gomez war gar nicht verletzt. Er spielte unter dem Namen Olivier Giroud im Halbfinale und Finale für Frankreich.

Zweiter Sieger

Es war die Europameisterschaft der Schiedsrichter. Noch nie hatte ich an ihren Entscheidungen so wenig auszusetzen wie dieses Mal. Sie ließen das Spiel in der Regel laufen, sie machten sich nicht wichtig, sie erhoben sich nicht zur strafenden Instanz. Hand ist Hand. Ob es Absicht war oder nicht, das könnte nur der Fußballgott verifizieren. Und der getroffene Ball entschuldigt nicht, dass der Kicker bei seiner Aktion auch die Beine des Gegenspielers ramponiert hat. Warum waren plötzlich alle Schiedsrichter auf der Höhe ihrer Aufgaben? Offensichtlich hat die UEFA vorab die richtige Linie vorgegeben. Es geht also.