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Archive for Juni 2014

Odysseus auf dem Fußballplatz

Wer nach Verlängerung und Elfmeterschießen ausscheidet, kann einem leid tun. So war es mit den Chilenen, die mit ihrem kompakten, bissigen Mittelfeld mit ziemlich kleinen, schnellen Spielern keineswegs schlechter waren als die hochfavorisierten Brasilianer und in der letzten Minute der Verlängerung alles hätten klarmachen können, aber Pinillas Schuss krachte an die Latte. Im Elfmeterschießen hält der nicht sonderlich begnadete Brasilianer Julio Cesar zweimal. Auch damit konnte keiner rechnen, aber es ist schon so: Die besten Torwarte sind nicht unbedingt die größten Elfmeterkiller. Und umgekehrt.

Früher waren mehr Fahnen …

Früher waren mehr Fahnen …

Und die ebenfalls im Elfmeterschießen ausgeschiedenen Griechen – verdienen sie unser Mitleid ebenso? Ich komme in Verlegenheit. Die Costa-Ricaner, die eine Stunde lang mit einem Mann weniger spielen und rennen mussten, hätten mir mehr leid getan. Der australische Schiedsrichter Ben Williams hat sich anscheinend nie mit der Antike befasst. Vom listenreichen Odysseus kann er nichts gehört haben. Denn es war einfach so, dass sich die Griechen mit ihrem Kapitän Karagounis an der Spitze in den Zweikämpfen wesentlich listenreicher fallen ließen. So kam es zu fünf gelben Karten und einer gelbroten bei den Costa-Ricanern, die dadurch merklich verunsichert waren. Karagounis, übrigens einen Monat älter als der Schiedsrichter, war der leibhaftige Odysseus auf dem Platz. Er foulte, wo es brenzlig wurde, und ging auf Grund seines Listenreichtums trotzdem immer als Unschuldiger aus dem Zweikampf hervor. Ein klares Handspiel der Griechen in ihrem Strafraum wurde außerdem übersehen. Die Griechen, die Griechen. Ich kann mich erinnern, dass wir vor zehn Jahren in jedem Spiel gegen sie tippten, so lange, bis sie am Ende Europameister waren. Und jetzt schien es auch so zu sein. Wenn die Griechen erst mal die Gruppenphase überstanden haben, sind sie zu allem fähig. Das Blöde daran ist nur, dass sie mit ihren Defensivkünsten immer für die hässlichen Spiele des Turniers zuständig sind.

Okay, sie tun mir leid. Ich sehe es ein. Sie sind schon ein großartiges Team. Aber die Costa-Ricaner! Sie waren am Ende so fertig, dass sie nur noch kurze Anläufe beim Elfmeter nahmen, weil sie kaum noch laufen konnten. Und trotzdem hauen sie alle fünf Dinger rein. Grenzenloser Jubel, grenzenlose Trauer.

Waffennarren

Gemischte Gefühle beim Marzahner Frühling 1984 © Christian Brachwitz

Gemischte Gefühle beim Marzahner Frühling 1984
© Christian Brachwitz

Den Marzahner Frühling gibt es seit schlappen 35 Jahren, und ab und zu fällt er mal aus, nicht meteorologisch, sondern veranstaltungstechnisch bedingt. Was nicht weiter auffällt, weil ich da nicht hingehe, ohne Angabe von Gründen, weil es keine Gründe gibt. Als überdimensioniertes Ostberliner Neubaugebiet war Marzahn nicht besonders anziehend, aber wenn man dann doch mal da war, konnte man die Zukunft der Stadt sehen. Kompakte Wohnblocks, ausreichend Parkplätze, große Grünflächen und die Schwierigkeit, eine Adresse zu finden, weil für den Fremden alles gleich aussah. Hier sind wir im Jahr 1984. Die Nationale Volksarmee nimmt das Volksfest zum Anlass, ihre Waffen zu zeigen. Wollen wir die wirklich sehen? Ja, ein paar Kinder schon und auch der Mann, der eher wie ein Guerillakämpfer wirkt. Zwei magere Offiziersschüler zeigen, was es zu zeigen gibt (einschließlich Klempnerspalte), und der feiste Hauptfeldwebel ist mit den Gedanken schon bei seiner Gulaschkanone. Waffennarren gibt es immer: Die ausgefeilteTechnik, aber auch die Vision, mit einer Krümmung des Fingers Herr über das Leben anderer zu sein. Man sieht das mit gemischten Gefühlen, denn man weiß: der Tod sucht die Soldaten heim, auch in Friedenszeiten. Wenn Freizeitindianer und Sambakids das Volksfest gestalten, wenn die Besucher sich an Flaggenparaden in historischen Kostümen und Höhenfeuerwerken erfreuen, dann ist das okay. Feuerwerk ist in Berlin sowieso jeden zweiten Tag.

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Bela Rethy hört auf uns

Ermuntert durch das unerwartete Lob auf diesen Seiten hat sich Bela Rethy, der Fußball-Mann des ZDF, weiter gesteigert. Im Gruppenspiel Kolumbiens gegen die Elfenbeinküste sagte er: „Touré will jetzt schon, in der 38. Minute, das Trikot von Zuniga haben.” Es sah tatsächlich so aus, als wolle der Ivorer dem Kolumbianer das Hemd ausziehen und den Trikottausch nach dem Spiel vorwegnehmen. Auch gestern, im Spiel Italien gegen Uruguay, zeigte der oft, auch von uns, unterschätzte Rethy, was er zu leisten imstande ist, wenn er nur auch ermuntert wird. Über den Schiedsrichter: „Das ist der mexikanische Geistliche Rodriguez, der vielleicht auf Grund seines Glaubens sehr viel verzeiht.” Der Unparteiische zögerte lange, ehe er gelbe Karten zeigt, um dann, plötzlich übermotiviert und trotz seines Glaubens, den Italiener Marchisio des Feldes zu verweisen, was das Spiel vielleicht vorentschied. Ein Spiel, das durch taktische Erwägungen ziemlich lahmgelegt wurde. „Jetzt stehen alle inzwischen”, sagt Rethy trocken. Über eine knifflige Szene im italienischen Strafraum: „Cavani hat lange gewartet, stand dann im Abseits und fiel dann auf einmal um … Das ist ein beiderseitiges Drücken.” Auch für die stark körperbetonte Phase des Spiels fand Rethy die richtigen Worte: „Hier kommt Suarez, und hier beißt er ihm in die Schulter. Er beißt ihm in die Schulter! Der Schiedsrichter und der Linienrichter haben es übersehen, und Chiellini hat den Spaß. Erst wird Chiellini in die Schulter gebissen, und dann macht Godin mit dem Rücken das Tor.” Sah aber so aus, als hätte Suarez nicht weniger Spaß gehabt als sein Gegenspieler, denn offenbar war Giorgio Chiellinis Schulter so zäh, dass Suarez sich mit seinem Biss einen extremen Schrägstand der Schneidezähne einhandelte.

Was bleibt, ist die Nachspielzeit. Die Uruguayer wollen das 1:0 in den Schlusspfiff retten. „Oscar Tavarez erklärt dem vierten Mann, wie spät es ist … Den Italienern fehlt die Kraft, sich zu beschweren.”

Nicht umsonst sieht Bela Rethy wie der ältere Bruder von Volker Lechtenbrink aus. Er hat ungeahntes Potential. Es ist nicht der große fußballerische Content, der ihn auszeichnet, es sind die aus einer ungerührten Gemütslage abgefeuerten Sidekicks.

Berlin Alexanderplatz (9): Volksredner und Alphörner

Auf dem Alexanderplatz werden Volksredner (rechts) noch immer bestaunt wie Außeridrische

Auf dem Alexanderplatz werden Volksredner (rechts) noch immer bestaunt wie Außeridrische

Der Regionalzug kommt. Ist ziemlich voll. Ich bin vornehm genug, Hans Blumenberg zu lesen und muss mich voll konzentrieren. „Die Sorge geht über den Fluss.” „Sigmund Freud”, lese ich gerade, „hat ganz zu Recht gesagt, wer nach dem Sinn des Lebens fragt, sei krank.” Das streiche ich mir an, auch wenn ich noch nicht weiß, ob ich einverstanden bin. Berlin Alexanderplatz. Alberne Mädchen mit riesigen Gepäckstücken steigen aus dem Zug. Ein Mann mit Kap’teinsmütze wirft ihnen strenge Blicke nach. Und neben der Weltzeituhr haben wir schon wieder einen Kap’tein. Einen älteren Herren mit Schiffermütze, der eine Ansprache an die nicht vorhandenen Massen hält. Volksredner vor wenig Volk. Vor allem zweifelt er daran, dass jemand von den anwesenden jungen Leuten in den Genuss der Rente mit 63 kommen werde. Er verlangt die abschlagsfreie Rente mit 55 für die Frauen und mit 60 für die Männer. Das Geld sei vorhanden. Und er fragt auch, woher das Geld denn komme. Ich nehme an, er meint, dass die arbeitenden Menschen es erarbeitet haben und dass es ihnen auch zu gute kommen soll gefälligst. Er weiß auch, warum nur so wenige Leute ihm zuhören; das sei die Fußballweltmeisterschaft, an der er auch einiges auszusetzen hat, er weiß aber nicht mal, wer im Moment gerade spielt (Ich könnt’s ihm sagen: Australien – Spanien, Niederlande – Chile).

Hat die ein Horn. Da staunste, wat!

Hat die ein Horn. Da staunste, wat!

In seinem Verein, sagt er, könne jeder frei seine Meinung sagen, außer Faschisten. Ein Handvoll Leute hören ihm zu, kriegen aber nicht das Maul auf, und so muss er immer weiter reden wie der Fährmann im Märchen immer weiter übersetzen muss. Das ist ein Mann, der nicht nach dem Sinn des Lebens fragen muss, der hat ein Ziel vor den Augen. Nur die schrägen Töne eines Alphorns geben ihm ein wenig Background. (Wikipedia: Das Alphorn ist ein Blechblasinstrument auf dem Prinzip der Naturtrompete und gilt als ein Nationalsymbol der Schweiz und Österreichs. Auch in den bayerischen Alpen sind Alphörner verbreitet.) Das Alphorn ist riesig und schneeweiß und in der Mitte des Platzes platziert, eine junge Frau, die ausreichend Puste zu haben scheint, versucht sich gerade daran und wird bewundert und fotografiert. Sonst ist nicht viel los. Man kann sich ein Fahrrad mieten (Rent a Bike), Geld abheben, Geld spenden, alles was jung ist, trägt riesige bunte vergitterte Plastikbrillen, eine Pflastermalerin geht stumm ihrer Passion nach, die Leute kreuzen den Platz von Ost nach West und von West nach Ost sowie von Nord nach Süd und von Süd nach Nord. Wo die einen herkommen, da müssen die anderen noch hin. So ist das im Leben. Kameraden. Ich tauche ab, in den Untergrund, zur U 2. Auf mich wartet noch eine Geburtstagsfeier beim Griechen. Endlich wieder Retsina trinken.

 

Tram-Traum

Alles lief schief

Alles lief krumm und schief

Diesen Traum, dass die Straßenbahn einfach die Haltestellen überfährt und die Wartenden keinen Ton dazu sagen und weiter warten, hatte ich diese Nacht nicht zum ersten Mal. Ich war in irgendeinem Kaufhaus, in dem es auch ein Bistro gab, in dem Marcel Reich-Ranicki mit einem Bekannten Kaffee trank und schwadronierte. Ich wollte ihn leicht spöttisch fragen, wie er denn so zurechtkomme im Jenseits und ob man ihm da auch so unkritisch gegenüberstehe, aber das ließ ich lieber sein, zumal ich plötzlich feststellte, dass es sich gar nicht um Reich-Ranicki handelte, sondern um einen jüngeren, aber auch recht polemischen und von sich selbst überzeugten Mann. Als ich ging, klaute ich ein Stück Kuchen von seinem Teller und versteckte es in meiner Jacke, die ich vom Garderobenständer nahm. Mit dem Kuchen wollte ich nicht im mindesten etwas anfangen, geschweige denn ihn essen. Trotzdem hatte ich Angst, dass mein Diebstahl entdeckt werden und Aufsehen erregen könnte. Ich hatte es eilig. Vor dem Kaufhaus fuhr die Straßenbahn vor meiner Nase weg. Ich begann zu laufen, also zu rennen, und stellte fest, dass ich gut in Form war, obwohl ich an dem Tag schon einmal gejoggt war. Dann erreichte ich diese Haltestelle und stellte mich zu den Wartenden. Die erste Straßenbahn fuhr durch, das war vielleicht auch nicht die meine, aber dann kam die 29, die mich, glaubte ich, in den Leipziger Westen bringen würde, aber auch die fuhr durch. Die Leute standen blöde an der Haltestelle und protestierten nicht. Ich wollte weiterlaufen, aber die Straße gabelte sich und führte links zu einer Baustelle. Auch da ging es nicht weiter …

 

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Im Hafen

Wintersonne im Hafen von Hamburg © Christian Brachwitz

Wintersonne im Hafen von Hamburg 1989
© Christian Brachwitz

Lost in the Harbour, heißt ein Song von Tom Waits, und das hier ist das Gegenteil. Geborgen im Hafen. Der Kiosk führt Glühwein, Tee/Rum, Ansichtskarten, alles, was der Mensch zum Leben braucht. Verloren im Hafen kann sich fühlen, wem das Meer fehlt, die großen Ausfahrten, Sturm und Flaute. Ich muss das nicht mehr, sagt der Alte, ich hab das alles gehabt und mehr als genug. Ich liebe das Meer vom Ufer aus. Früher konnt ich nicht genug kriegen vom großen Abenteuer. Die Ohren sind mir nicht abgefallen im Frost und die Haut ist nicht verbrannt in der Sonne. Kleine Menschen übersieht man oft, aber sie sind standhafter. Wie man so sagt: Wir stehen unseren Mann. Zu Hause hat keiner mehr auf mich gewartet. Das ist die andere Wahrheit. Man muss nicht nur Frost und Hitze ertragen sondern auch bittere Wahrheiten. Meine Zeit gehört mir. Ich kann stundenlag nichts tun und tu doch irgendwas. Zurückblicken. Wie das alles war. Wer weiß, ob die Zeit überhaupt reicht.

 

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Körpersprache

Berlin Luxemburg-Platz. Irgendwo ist immer Fußball

Berlin Luxemburg-Platz. Irgendwo ist immer Fußball. Meistens da, wo auch Bier ist

Erst kommt der Sieg. Dann kommt der Hype. Das ist es ja, was mir die deutschen Siege (bei aller – ich sag mal – Freude) immer auch suspekt macht. Die Medien sind in ihrem Selbstverständnis dazu verpflichtet, dem Sieg des Teams noch einmal einen Sieg der Worte, der Hymnen und der Superlative aufzupfropfen. Sie nennen das neuerdings eine Erzählung des Spiels zu verfertigen. Eine Erzählung, in die alles Mögliche hineingepackt wird, was man zum Spiel hinzuerfinden könnte, wenn man das entsprechende Gehirn hat. Jetzt ist Deutschland Müllerland. Thomas Müller hat drei Tore gegen Portugal geschossen und indirekt für die Rote Karte des portugiesischen Abwehrspielers Pepe gesorgt. Und da gab es doch schon mal einen Müller, der Deutschland zum Weltmeister-Titel geschossen hat, Gerd Müller, den Bomber der Nation, ebenfalls FC Bayern München. Die Welt, titelt der Berliner Kurier, die Welt feiert unseren Tore-Storch. Das ist nämlich der Clou dieser Fußball-Erzählung, der Clou und die Innovation: Thomas Müller, der in der brütenden brasilianischen Hitze rennt und rennt und immer an der richtigen Stelle steht, um auf manchmal recht unorthodoxe Art einzunetzen, hat keine Muskeln. Das ist doch ein Phänomen. Er hat original Stöckerbeine, aber sie tragen ich überall hin.

Ich glaube schon, dass er Muskeln hat. Man sieht sie nur nicht. Sie sind unsichtbar (etwa so wie bei mir). Das ist auch nicht ungewöhnlich. Die klassischen Fußballer hatten nur selten begnadete Körper. Man schaue sich die Weltmeister von 1954 an. Die hatten richtige Gebrauchs- oder Funktionskörper, mit denen man bei keinem Schönheitswettbewerb zugelassen worden wäre. Das macht auch nichts. Muskeln sind oft nur Show. Ich habe einen muskelbepackten Typen gesehen, der keinen Klimmzug zustande brachte.

Nebenbei gesagt habe ich mich gefreut, dass die FAZ in ihrer Erzählung zum Spiel Deutschland gegen Portugal den Ball flach hielt. Bei uns klappte alles, bei den Portugiesen funktionierte nichts. Ich habe mich gewundert, wie gut wir und wie schlecht sie verteidigt haben. Und wenn du in der ersten Viertelstunde des Spiels einen umstrittenen Elfmeter gegen dich bekommst, dann wird aus dem Schwung Wut (rote Karte) und aus der Wut wird Resignation und aus der Resignation wird ein 0:4. Statt den Ball ins Tor zu schießen, laufen sich zwei Portugiesen gegenseitig um.

Tags darauf, Brasilien gegen Mexiko, heißt der Held nicht mehr Müller, sondern Ochoa. Guillermo Ochoa mit diesem merkwürdigen Haarband. Der mexikanische Torwart fällt mir schon auf, als er am Anfang des Spiels beruhigend auf seine Verteidiger einwirkt, als wisse er schon: Keine Sorge, an mir kommt heute kein Ball vorbei. Du wirst dich wundern, denke ich, aber dann fischt er einen sagenhaften Kopfball Neymars aus der Ecke, blockt einen Schuss Paulinhos aus nächster Nähe, entschärft einen verdeckten Schuss Neymars und einen Kopfball Thiago Silvas aus vier Metern Entfernung. Der brasilianische Stürmer Jo ist schließlich so eingeschüchtert, dass er den Ball gar nicht erst trifft.

Was Positives über Bela Rethy: Da ist keiner. Er köpft dahin, wo er selber steht normalerweise, sagt er über einen mexikanischen Stürmer. Mehr davon bitte.