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Archive for Januar 2016

Zugbekanntschaften

Detail des Umschlag von „Gehe hin, stelle einen Wächter” nach dem Originalentwuf von Jarrod Taylor

Detail des Umschlags von „Gehe hin, stelle einen Wächter” nach dem Originalentwuf von Jarrod Taylor

Im Regionalzug lernt ein Russe eine Italienerin kennen. Am Anfang sitzen sie schweigend nebeneinander, dann fällt der Italienerin das Smartphone runter, wofür sie sich entschuldigt. Ach, es ist okay, sagt der Russe großmütig, es ist wirklich okay, aber er bückt sich nicht, um das Gerät aufzuheben, er ist eben ein Russe. Nun will er wissen, was für ein Buch sie liest, weil er eben ein Russe ist. Russen interessiert sowas. To Kill a Mockingbird von Harper Lee. Der Russe weiß, dass es ein gutes Buch sein muss, denn es steht drauf, dass es mit dem Pulitzer Price ausgezeichnet wurde. Und er lobt die Italienerin, weil sie den Roman (the Novel) im Original liest. Sie ist Studentin, arbeitet nebenbei im Labor und bekommt ein Stipendium. Das ist absolut in Ordnung, sagt der Russe, ich habe auch ein Stipendium bekommen, warum soll man das nicht in Anspruch nehmen. Der Russe ist sehr groß, er nimmt seine Mütze nicht ab. Die Italienerin ist sehr klein. Etwa so klein wie Truman Capote.

Der Deutsche, der den beiden gegenübersitzt und sich von den langen Beinen des Russen und seinem großen Rucksack etwas bedrängt fühlt, könnte ihnen erzählen, dass Truman Capote als Kind der Freund von Harper Lee war und später auch noch, jener Harper Lee, die den Weltklassiker „Wer die Nachtigall stört” (the mockingbird) geschrieben hat, ihr einziges Buch, aber das stimmte nicht, wie sich fünfzig Jahre später herausstellte, es existiert noch ein vermeintlich verloren gegangenes Jugendwerk, „Go Set a Watchman”, das man wiedergefunden, gedruckt und auf die Bestsellerlisten befördert hat, Gehe hin, stelle einen Wächter. Der Literaturbetrieb hungert nach solchen Geschichten, die Legenden werden. Als Capote für seinen Tatsachenroman „Kaltblütig” (In Cold Blood) nach Kansas reiste, um zu recherchieren, begleitete Harper Lee ihn und half. So lange kann eine Kinderfreundschaft dauern, so eng kann sie sein. „Das Band, das sie vereinte, war stärker als Freundschaft – es war ihre gemeinsame Not. Beide laborierten an der Kränkung elterlicher Ablehnung, und beide litten unter Einsamkeit”, so steht es in der Capote-Biographie von Gerald Clarke (Kindler Verlag). Für Harper Lee ging die Geschichte besser aus als für Truman Capote, wie man weiß.

Zwischen minus und plus

Die Musik spielt heut am Rodelberg

Die Musik spielt heut am Rodelberg

Beim letzten Einkauf des Jahres stehen wir an der Kasse und müssen beobachten, wie am Ausgang eine Migrantin festgehalten wird. Zunächst verstellt ein Mitarbeiter ihr den Weg, dann kommt noch ein Rausschmeißertyp hinzu. Supermarktdetektiv und Schläger. Die Frau will sich nicht am Weggehen hindern lassen, sie versucht, an den Typen vorbeizukommen. Schließlich gibt sie nach und lässt sich durch die Halle in ein Hinterzimmer führen. An ihrer Hand ein heulendes Mädchen, auf dem Rücken ein mittlerer Rucksack. So viel kann sie nicht eingesteckt haben. In Deutschland klaut man eigentlich nicht. Der Vorgang ist peinlich für alle Seiten.

Sonnabend ziehe ich die Fotos für Kalender auf einen USB-Stick und fahre zu Rossmann. Unterwegs merke ich, dass ich meine Brille vergessen habe. Die Fotoautomaten sind belagert, einige Leute haben sich dort recht gemütlich eingerichtet. Eventkultur. Man braucht nicht viel, um aus jeder Lappalie ein Ereignis zu machen. Wegen der fehlenden Brille bin ich verunsichert; anscheinend beantworte ich einige Anfragen mit meinen Klicks nicht richtig. Dann läuft das Ausdrucken doch an, aber sehr zögerlich. Schließlich kommt es zu einem Papierstau. Ich suche eine Mitarbeiterin, beim dritten Versuch habe ich Erfolg. Die Frau weiß, wie man’s macht, wechselt Papierrolle und Toner aus, was seine Zeit braucht, und dann reagiert der Automat noch nicht richtig, aber letztlich habe ich meine Bilder doch in der Hand. Bei Penny hat jemand erschöpfend zwischen die Fahrradständer gekotzt; ich muss mein Rad anderswo hinstellen. Die meisten Leute im Markt sind nervös; besonders abartig ein Mann um die fünfzig, gebärdet sich neben seiner eher ironischen Begleiterin wie ein Weltmeister aller Klassen, zappelt, läuft herum, spreizt die Beine, geht in die Kniebeuge, vergräbt die Hände cool in den Taschen, die Nase hochgesteckt. Woher kommt so viel Renommiersucht? Gleich weiß ich es. Er steigt in einen Porsche-Sportwagen. Das Fahrzeug hat ihn schier verrückt gemacht. Und nun springt es nicht an.

Letzter Gruß des Herbstes

Letzter Gruß des Herbstes

Welchen Charakter hat dieser Winter im Zeitalter des Klimawandels zwischen minus und plus? Entgegen der Voraussage sind heute Morgen 5,6 Grad minus auf dem Barometer. Und der Schnee vom letzten Mal ist gefroren. Der DHL-Fahrer (Wein) sagt, dass die Straßen in einem katastrophalen Zustand sind und dass es morgen noch schlimmer wird. Ich lese überall ein bisschen. Doctorow, Knausgard, Schleef. Heimat 2, Teil 4, Ansgars Tod, ist für den Abend fest eingeplant und dabei bleibt es. Hermanns Cellokonzert für Clarissa, seine Performance für Frau Moretti, Ansgar als Straßenbahner in Uniform, seine Selbstzerstörung, seine verzweifelten Versuche, aus der Depression auszubrechen, seine bigotten Eltern und die Straßenbahn, die seine Kapitulation und sein Tod ist. Was wird aus Clarissa, was wird aus Eveline mit ihrer dunklen Stimme.

Beim Aufräumen: ein Interview mit dem Maler Joachim John aus dem ND vom letzten Jahr. Auffällig und überraschend, dass er bekennt, vieles nicht verstanden zu haben in seinem langen Leben. Er wollte Schauspieler und Schauspielregisseur werden und fand, dass die Theater alles falsch machen, um später mitzubekommen, dass er die Stücke, die er gelesen hatte, nicht verstanden hatte. Auch den Faust 2, den er viel höher schätzt als Faust 1, hat er zum größten Teil nicht verstanden. „Vieles, was in meinen Zeichnungen steht, kapiere ich gleichfalls nicht … Das ist eine Eigenheit von Kunst.” Und dann: „Ich bin gemäßigt katholisch erzogen worden, immer das katholische Geheimnis im Hintergrund, was mich vom Erotischen abgeschnitten hat. Ich bin jetzt 82, und ich hab die Erotik, die ganze Geschlechterbeziehung nicht verstanden.” Zu seinen Gedichten: „Das ist eine große Verführung, nämlich etwas zu tun, was man selber nicht durchschaut.”

Mittwoch der Dreizehnte … , is ja nichts Schlimmes. Die Luft ist wie Wasser. Granulat liegt auf den Steigen, ich fürchte um meine Reifen. Nicht meine, die meines Fahrrads, ist klar. Ein halbes Landbrot beim Bäcker, zwei Bauernbrötchen. Bin ganz auf Land getrimmt. Nach mir der alte Mann, der mir mit seinem schrägen Gang schon ein wenig den Weg versperrte. Nun liegt da seine Kundenkarte, ich greife instinktiv danach, besinne mich aber, und sage: Sind Sie das? Ja, sagt er, das bin ich. Es ist aber nicht er, sondern seine Karte. Wir reden aber so. Alle.

Achtung Fiskus: Lady Godiva is back

Achtung Fiskus: Lady Godiva is back

Am Abend – („Hör mal, wie es schneit!”) – fällt Schnee, anscheinend die ganze Nacht hindurch. Da weiß ich, was mir am Morgen blüht. In der Frühe höre ich die vertraglich gebundenen Schneepflüge und die privaten Schneeschieber. Temperatur um den Nullpunkt. Fast ist es eine Freude, den Schnee wegzuschieben in dieser erneuerten Atmosphäre. Der frische Schnee sorgt für eine kurzzeitige Neuerschaffung der Welt und verströmt Glückshormone. Familien mit Schlitten ziehen ins Wäldchen, wo es einen Rodelberg mit breitem Rücken gibt. Platz für alle; Gelächter, Rufe, Jubel. Das Joggen im Schnee, ermüdend und erfrischend zugleich. Freunde erzählen vom mythischen Höhepunkt dieses Wintersonntags: Eine junge Frau reitet fast unbekleidet auf ihrem Ross über die Lichtung. Lady Godiva der Neuzeit. Man kennt sie aus dem Mittelalter und aus dem Song von Peter & Gordon. Indem sie nackt durch die Stadt ritt, erließ ihr Mann den geplagten Untertanen die extreme Steuerlast. Die Reinkarnation…, nehmt sie als Zeichen.

Frauen im Karneval

Wären wir bloß zu Haus geblieben © Christian Brachwitz

Wären wir bloß zu Haus geblieben
© Christian Brachwitz

Karneval in Finsterberg, ich weiß nicht, wo das ist, wahrscheinlich bei Dodeleben, und wo liegt das? Vielleicht nicht weit von Hohendodeleben, das ist in der Nähe von Magdeburg. Sachsen-Anhalt. 1981 war Finsterberg noch ein Dorf, inzwischen ist es sicher ein Ortsteil von irgendwas. So elegant die Stores auch waren, so verraucht die Gardinen und so bequem die Stühle – die Stimmung unserer beiden Heldinnen wird an diesem Abend nicht mehr überschlagen. Das ist das Schicksal der Frauen beim großen Fest. Die Männer können sich den Abend schön saufen, das ziemt sich für Frauen nicht. Sie sind pikiert, enttäuscht, der ganze Trubel macht sie nur müde. Ein guter und charmanter Tänzer ist nicht zu finden. Die Sehnsucht der Frauen – sie ist mit Händen zu greifen, aber in Worte fassen lässt sie sich nicht. Zu vielschichtig und zu diffus. So ein Fest kann eine Frau um Jahre altern lassen, aber am Tag danach ist das zum Glück vorbei, und nun sind es die Männer, die wirklich alt aussehen.

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Der Sinn im Wahn

Mysterious windows of New York

Mysterious windows of New York

E. L. Doctorows letztes Buch, In Andrews Kopf (Andrew’s Brain) bei Kiepenheuer & Witsch, kann natürlich nur ein Alterswerk sein. Doctorow erlebte sein Erscheinen in Amerika noch. Als es in Deutschland herauskam, war er tot. Alterswerke können so oder so sein. Der Autor will es seinem skeptischen Verleger noch mal zeigen, er kann es noch, er hat noch Kraft, er ist noch nicht senil. Oder. Der Autor nimmt sich alle Freiheiten, die er braucht. Er kann abschweifen, abbrechen, Nebenwege gehen, einen Gedanken oder Handlungsfaden in der Luft hängen lassen. Er kann ein bisschen verrückt spielen und unberechenbar sein. Wenn er nur das erzählt, was er noch zu sagen hat. So ein Roman ist Andrew’s Brain. Andrew ist Kognitionswissenschaftler. Was wir von ihm wissen müssen, erzählt er einem Psychologen oder Psychiater, den er Doc nennt und der der Geschichte immer ein bisschen hinterherhinkt, indem er nicht unbedingt die intelligentesten Fragen stellt. Der Roman beginnt: Andrew steht vor der Tür seiner Ex-Frau Martha und gibt ihr das Kind, das er mit seiner zweiten Frau hat, die bei Nine Eleven umgekommen ist. Er schafft es nicht, sich um das Kind zu kümmern, er ist ein Mann, der das Unglück anzieht. Er ist überzeugt, „dass ich mit allem, was ich tue, allen, die ich liebe, Schaden zufüge”. Das ist keine fixe Idee, das ist eine Erfahrung, die er machen musste. Wahrer noch: Er ist ein Mann, der letzten Endes keine Gefühle hat, „im Guten wie im Bösen … Meine Seele ruht in einem stillen, tiefen, schönen, emotionslosen, ruhigen und kalten Tümpel des Schweigens”. Ob so etwas real ist oder nicht, ob es eine Versuchsanordnung ist – wie ergeht es einem Menschen, der keine Gefühle hat, keine Schuld empfinden kann – egal. Wir folgen Doctorow und seinem Helden. Er ist ja nicht nur für Reue, er ist ja auch für Glück unempfänglich. Meistens werden solche Leute – gerade in Romanen – Monster. Andrew nicht. Er weiß theoretisch, was gut und böse, was Glück und was Unglück ist und versucht, an diesem schmalen Geländer entlang zu gehen. Und er wird geliebt, der Mann, dem ständig etwas zustößt, fordert die Gefühle der Frauen heraus. Nach Martha ist es die Collegestudentin Briony. Eine schlanke, weizenblonde Schönheit mit heller Haut verliebt sich in ihn. Andrew, der keine Gefühle hat, „erkennt das Leben, wie es sein sollte.” „Briony besaß die intellektuelle Vermessenheit der Jugend, die Angelesenes für eigene Ideen hält.” Wunderbar. Es stört Andrew nicht. Aber er ist irritiert, als sie zu Brionys Eltern fahren. Betty und Bill. Sie sind Zwerge. Showbusinessartisten im Ruhestand. Nette Leute. Gutaussehend. Wohl proportioniert. Sehr klein. „Sagen Sie, Doc, warum rührt etwas im Miniaturformat immer unsere Gefühle an?” Also doch Gefühle. Der Kognitionswissenschaftler kann nicht verstehen, wie seine hochgewachsene schlanke Schönheit und diese zwergischen Eltern zusammenpassen. Aber sie erklären ihm irgendwie, warum Briony sich ausgerechnet für ihn, den alten, depressiven Trottel entschieden hat. Der unwürdige Liebhaber. Ich kann nicht sagen, worauf Doctorows letzter Roman hinausläuft. Nach dem Tod Brionys in Schutt und Asche des neunten September 2001 erweitert sich Andrews Bewusstsein ins Unfassbare. Weiterleben, wenn man eigentlich nicht mehr weiterleben kann. Es geht um den Sinn im Wahn und den Wahn im Sinn. „Die Arbeit des Gehirns besteht darin, etwas vorzutäuschen. Das ist seine Funktion. Das Gehirn kann sogar vortäuschen, nicht es selbst zu sein.”

Mein Apparat soll sauber bleiben

Nicht in meinem TV-Gerät – Street Art Haus Schwarzenberg Berlin Mitte

Nicht in meinem TV-Gerät – Street Art Haus Schwarzenberg Berlin Mitte

Verheugen kommt aufs Fernsehen zu sprechen. Gestern hab ich auf 3 Sat einen französischen Erotikfilm gesehen, „Die Treue der Frauen” oder so, mit dieser Schauspielerin, wie heißt sie doch, sehr hübsch, hübsch und begabt …

Sophie Marceau, sage ich.

Wieso, ärgert er sich, wieso weißt du das gleich wieder.

Die Zeitung liegt hier, sage ich.

Es kann doch nicht alles neben dir liegen, du hast doch keine kleine Wohnung.

Nein. Aber es ist alles in meiner Nähe.

Der Film fing an, sie haben gleich gevögelt, sagt Verheugen. Nach zehn Minuten habe ich ausgeschaltet.

Sehr löblich, sage ich, wenn sie schon gleich am Anfang vögeln, wo soll das hinführen.

Ich wünsche nicht, erhebt er die Stimme, dass in meinem Fernsehapparat gevögelt wird. Sollen sie vögeln, wo sie wollen. Aber nicht in meinem Apparat.

Am Ende ist dann Sado-Maso oder ein Sexualmord dran, sage ich, wenn sie schon gleich so anfangen.

Der Apparat ist ziemlich neu, sagt Verheugen, ich habe ihn erst vor zwei Jahren gekauft. Da wird nicht gevögelt. Ich möchte das einfach nicht.

Bist du denn sicher, dass sie damit aufhören, wenn du ausschaltest?

Du hast ja’n Knall, sagt er.

Vielleicht solltest du sicherheitshalber den Stecker ziehen, um den Stromkreis zu unterbrechen.

Mach mich nicht verrückt, sagt Verheugen. Willst du, dass ich meinen Apparat wegwerfe?

Nein, nein, vielleicht reicht es ja schon, wenn du es nicht siehst.

Die Vorstellung, dass das weitergeht, wenn ich ausschalte, ist mir unangenehm.

Darüber kommst du hinweg.

Hätte ich dir das bloß nicht erzählt.

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Beliebte Fremde

In einem anderen Land © Christian Brachwitz

In einem anderen Land
© Christian Brachwitz

1981 oder so gingen Brachwitz und ich durch Zwickau. Wir machten eine Reportage über die Stadt, besuchten ein Bergbaumuseum, in dem ein pensionierter Bergmann uns etwas über den Untergang des Bergbaus in Zwickau erzählte, wir kletterten einen Kirchturm hinauf, um uns das Stadtbild von oben anzuschauen, wir sahen uns das Fußballstadion an, das, glaube ich, Georgi-Dimitrow-Kampfbahn hieß, und am Abend landeten wir in der Neuen Welt, so heißt das Konzert- und Ballhaus, 1903 jugendstilmäßig gebaut. Manchmal wundert man sich, dass die DDR nichts gegen solche Namen hatte, denn Neue Welt klingt eher nach Amerika, und das konnte nicht in ihrem Sinne sein, also im Sinn der DDR. In der Neuen Welt setzte sich ein älterer geselliger Sachse an unseren Tisch und wusste viel zu erzählen. Am Ende des Tags lud er uns noch in seine Wohnung ein. Wir winkten ab. Er war beleidigt und rief: Warum denn nischt! Ich bin doch keen Hunnertfünfundsiebzscher!

Natürlich gingen wir auch ins Trabant-Werk. Da trafen wir dann wohl auch diesen Vietnamesen. Der Kleinwagen Trabant wurde in der DDR einerseits geliebt, aber vielleicht noch mehr verspottet. Schlager wie „Ein himmelblauer Trabant” machten die Sache noch schlimmer. Die Trabantbauer erzählten uns, dass sie schon lange an einer moderneren Variante ihres Kleinwagens herumexperimentierten, Viertaktmotor, umweltfreundlich, aber sie bekamen nie grünes Licht. Dem Vietnamesen wiederum war der Trabant nicht peinlich, der fand den Wagen ganz normal. Das tat den Trabantwerkern natürlich gut. Die Vietnamesen waren überhaupt ziemlich beliebt in der DDR, und sie sind es im heutigen Ostdeutschland erst recht. Das sind Leute, die verstehen, etwas aus ihrem Leben zu machen. Damals tranken wir bei einem Vietnamesen Tee. Der hatte sich aus der Gruppe der Trabantarbeiter und aus dem Arbeiterwohnheim herausgelöst, eine kleine Wohnung gemietet und arbeitete als Dolmetscher, Übersetzer und Journalist. Er erzählte, wie es ihm in Zwickau und in der DDR so ging, aber was er wirklich dachte, wusste natürlich kein Mensch.

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Alte Journalisten-Krankheit

Silvesterdreck

Silvesterdreck

Seit den Ereignissen der Silvesternacht in Köln (und nicht nur da) arbeiten sich Politik und Medien an diesem Ereignis ab. Ein Ereignis, das so fundmental war, dass damit ein Dammbruch in der öffentlichen Meinung eintrat. Es wird jetzt mehr gesagt als vorher, man ist schon eher geneigt, den Tatsachen ins Auge zu blicken, es ist sogar erlaubt, 1 und 1 zusammenzuzählen. Dabei ist der Faktenstand dünn und widersprüchlich, Verdächtige werden festgenommen und freigelassen, die Mutmaßung ausgesprochen, dass es nicht zu Verurteilungen kommen könnte, weil die Beweis- und die Gesetzeslage dies nicht zulassen.

Nach den Nachrichten und Berichten kamen die Reportagen, kamen die Kommentare, die Meinungen und Kolumnen. Zwangsläufig tritt eine alte und immer neue Krankheit des Journalismus auf. Aus Autorensicht definiert sie sich so: Es ist jetzt so viel und so viel Gleiches gesagt worden. Ich als namhafter Publizist/In erhebe aber den Anspruch, etwas zu sagen, was noch keiner gesagt hat. Und dann bemüht man sich nach Kräften, das alte Schema: „Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig” noch einmal zu übertreffen, weil das ja auch schon so oft gesagt worden ist.

Zunächst mal ist dann die Polizei schuld; die hält viel aus, damit tut man keinem weh. Ist allerdings nach kurzer Zeit auch schon dauernd gesagt worden. Damit werde ich nicht originell. Ich will aber originell und einmalig sein. Dann sage ich eben, dass durch die Debatte (der anderen) gar nichts erreicht wird, dass vielmehr die bestohlenen und sexuell missbrauchten Frauen ein zweites Mal missbraucht werden. Wie das? Das können doch nur Leute von sich geben, die von wirklichem Missbrauch keine Ahnung haben. Und dann dauert es nicht mehr lang, und wir sind bei den wahren Schuldigen angekommen. Einige Feministinnen sehen die wahre Schuld beim Sexualverhalten des deutschen Mannes. Und bei der Gesetzgebung: Begrapschen ist in Deutschland ja noch nicht mal strafbar. Es hört sich an, als lebten wir in einem Land voller sexualisierter Gewalt, frauenfeindlich, frauenverachtend. Und den Vogel schießt schließlich Jakob Augstein ab. Spiegel Online: „Kultureller Hochmut gegenüber dem Islam verbindet sich mit der Abwehr des eigenen Sexismus … , die wahre Lehre von „Köln“ hat viel weniger mit grapschenden und stehlenden Ausländern zu tun als mit den Deutschen selbst: Sie können sich ihrer selbst nicht so sicher sein wie sie bisher geglaubt haben. Bis weit in die Kreise hinein, die sich selbst für liberal halten, hat sich ein Rassismus mit gutem Gewissen verbreitet. Es sind nicht die notgeilen Muslime, die wir fürchten müssen. Sondern uns selbst.”

Das nenne ich frivol. Der Journalist genießt ja den Vorzug, dass ihn nach einer Woche niemand mehr befragt, was er da von sich gegeben hat. Da kann er schon die nächste Parole raushauen. Pseudointellektueller Übermut, deutscher Selbsthass, alles dabei. Und wenn ich die Größe besitze, wir zu sagen und mich einzubeziehen in die deutsche Selbstanklage, dann schaffe ich es, mich gleichzeitig ein ganzes Stück über dem deutschen Volk zu verorten. Denn ich habe erkannt, wie schlimm wir sind, und damit bin ich schon – ja, fast ein Halbgott.

Ich – jetzt spreche ich wirklich von mir – bin immer dafür, die Schuld zuerst bei mir zu suchen. Aber wo nichts ist, kann man nichts finden, und wenn man es trotzdem versucht, kann man leicht irrewerden.