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Posts Tagged ‘Uli Hoeneß’

Wer die Zeit fürchten muss

Fan unter Fans. Berlin. Alte Försterei

Fan unter Fans. Berlin. Alte Försterei

Wenige Minuten, bevor die Fußball-WM beginnt, das, was wir jetzt am wenigsten brauchen: der Saisonrückblick 2013/2014. Erste Liga, zweite Liga, dritte Liga, Champions League, Qualifikations- und Freundschaftsspiele. Streiflichter dessen, was hier schon mal zu lesen war. Und alles schon fast vergessen.

Als ich nach Hause komme, mache ich ein Bier auf und schalte den Restfußball an. Deutschland – Paraguay. Es steht 2:3. Ich lehne mich jetzt aus dem Fenster, knödelt Bela Rethy, der Ausgleich ist fällig. Ja, man muss kein großer Prophet sein. Die Paraguayos haben sich in ihre Hälfte, eigentlich in ihren Strafraum zurückgezogen. Wir haben Glück, dass der kroatische Referee ein Heimschiedsrichter ist, wie er im Buche steht. Also. 3:3. Lars Bender macht es. Und dann sagt Bela Rethy: „Applaus für Joachim Löw, der den zweiten Ball vom Spielfeld entfernt.” Ich fasse es nicht. Er sagt es ohne eine Spur von Ironie. Es soll heißen, das Lauterer Publikum bejubelt eine Heldentat des Bundestrainers. (Wir wissen ja, wie es aussieht, wenn der an den Ball tritt, so zeitlupenmäßig.) Jogi Löw ist so beliebt, er ist der Fußballweltmeister der Herzen. Und nun hat er auch noch einen überflüssigen Ball vom Spielfeld entfernt. Donnerwetter.

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Der kurze Blick, der kurze Tick, mit dem Draxler nicht aufs Tor hämmert, sondern trocken den heranstürmenden Adam Szalai  bedient – darauf muss man in der Eile erst mal kommen und das kann man auch nicht besser machen. Es gibt immer einen Lösungsweg im Fußball – und im Leben.

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Ich war Vollzahler, ich war Teil der Choreographie, ich wurde wegen offensichtlicher Ungefährlichkeit keiner Leibesvisitation unterzogen und mit Sie angesprochen. 1. FC Union Berlin gegen FC St. Pauli.

Die Hymne verströmte Pathos und Mysterium, unbegrenzte Hin- und Selbstaufgabe sowie Verklärung des Ostens, aber auch versöhnliche Elemente. Nina Hagens Vokalisen haben etwas besessen Hexenhaftes, der Verein kann sich nur gratulieren zu diesem Meisterwerk …

Die Unioner werfen ihre nun nicht mehr übergewichtigen, sondern mächtigen Körper in die Schlacht. Die flinken St. Pauli-Leichtgewichte sind beeindruckt. Nemec macht das 2:2, natürlich per Kopfstoß, und der eingewechselte Terodde vollbringt das Unglaubliche. 3:2 in der 86. Minute. St. Pauli fährt mit leeren Händen nach Hause.

War das ein geiles Spiel. So klingt es überall.

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Deutschland – Österreich 3:0. Waren wir so stark, waren die Ösies so schwach? Halten wir uns, wie so oft und so gern, an den Bundestrainer: „Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht.” Normalerweise hat man für solche Sätze fünf Euro ins Phrasenschwein zu werfen, aber hier gibt uns die Phrase die Deutung an die Hand. Die Österreicher haben ihre Hausaufgaben nicht gemacht.

Kann man einem Menschen eigentlich seine Körpersprache vorwerfen? Ich denke nicht. Man könnte ihm höchstens ein paar Szenen zeigen und sagen, schau, Jogi, so sieht das aus, wenn du jubelst, so sieht das aus, wenn du zornig bist. Etwas memmenhaft, nicht wahr? Denk mal drüber nach. Aber wo soll das enden? Man könnte ihm ja auch seine Statements vorspielen. Hör dir das mal an, Joachim, das sind deine Sätze, achte mal auf Floskeln und nichtssagendes Zeug und lass dir das durch den Kopf gehen.

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Welten liegen zwischen den Färöer Inseln und Deutschland, Fußballerwelten und Geldwelten. Es leben 45 000 Menschen und 90 000 Schafe auf den Inseln, und das Stadion war ausverkauft mit 4000 Zuschauern. Und doch verteidigten die Männer von den Schafsinseln geschickt, und aufopferungsvoll sowieso, gegen die Unsrigen, die mit zunehmender Spielzeit Elfmeter forderten, denn anders kriegten sie das Runde nicht ins Eckige, die Stars aus Madrid, London, München und Dortmund gegen die Nobodys von den Inseln, die auch noch arbeiten müssen und von denen man die eine oder andere passable Passfolge bewundern konnte. Das ist ein Faszinosum des Fußballs: Der Klassenunterschied wird durch eine geschickte Taktik wettgemacht, und die Weltstars sehen klein und hässlich aus neben den Schafhirten.

Nun wissen wir, dass Thomas Müller der anerkannt beste Elfmeterherausholer der Welt ist (im Kicker-Forum nennt man ihn eine Fallsau), sowas muss man eben auch können im modernen Fußball, aber ich sage: doch bitte nicht gegen die tapferen, freundlichen, prächtigen, einfachen Färinger. Gegen Frankreich ja (die machen das auch), gegen die Niederlande unbedingt (die sind da groß drin), aber bitte nicht gegen die Färöer Inseln! Nicht gegen diese wunderbaren, unerschrockenen Menschen, die danach die Nähe Müllers mieden wie der Teufel das Weihwasser.

Im anschließenden Interview trat Müller die Flucht nach vorn an. Sein ganzes Knie sei aufgerissen, und zwar nicht von dem Sturz, sondern von dem Tritt des Färengers. Als Reporter hätte ich gesagt: Zeigen Sie doch mal bitte! Und: Sind Sie denn bis zur WM in einem Jahr wieder fit? Oder werden Sie jetzt Sportinvalide?

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Sport-Vorstand Matthias Sammer hat sich beim FC Bayern München zum umgedrehten HB-Männchen profiliert. Hieß es beim HB-Männchen: „Wer wird denn gleich in die Luft gehen! Greife lieber zur HB!”, funktioniert es bei Sammer genau andersrum: „Warum gleich zur HB greifen. Gehe lieber in die Luft.”

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Ich sehe heute wieder besser aus als zuletzt und werde demzufolge am Eingang gründlich nach Waffen abgetastet.

In unserem krachend engen Block kann man den parteiischen Blick studieren. Einem Union-Kicker darf kein Haar gekrümmt werden, während jedes gepfiffene Union-Foul zu Wutausbrüchen auf der Tribüne führt.

Die Fürther erobern den Ball im eigenen Strafraum, schwärmen aus wie Außerirdische in ihrem kosmischen Trikots und machen verdammt clever das 1:1. Und schlimmer. Die Unioner scheinen Blei in den Gliedern zu haben. Sie laufen sich kaum noch frei, und wer sich freiläuft, wird nicht gesehen. Mit unheimlicher Zwangsläufigkeit macht Fürth das 2 und das 3:1 und, Minuten nach dem Anschlusstreffer, auch noch das 4:2. „Ohohoho, Fußballgott Union aus Berlin” singen die Fans müde, trotzig und ungekonnt.

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In Deutschland haben die Schiedsrichter die Hosen voll, wenn sie es mit Uli Hoeneß zu tun bekommen. Aber dass sie so weit gehen wie am Sonnabend, ist schon bemerkenswert: Schweinsteiger hieb seinem Gegenspieler Diego mit beiden Händen wie ein Henker in den Nacken. Brutaler und demonstrativer kann man ein Machtgefühl nicht ausdrücken. Und dennoch: Um diesen Spieler den Regeln gemäß vom Platz zu stellen, braucht der Schiedsrichter Charakter. So weit hat es ein Mann aus Rostock und überhaupt aus dem Osten im Fußball noch nicht gebracht. Schiedsrichter Danckert zeigte Schweinsteiger gelb. Das war besonders bescheuert. Wenn ich nicht den Arsch in der Hose habe, die richtige Entscheidung durchzuziehen, dann tue ich so, als ich hätte ich das Vorkommnis nicht gesehen. Oder ich zeige Diego gelb, weil der sich fallen ließ. Denn Schweini hatte ihn ja nur gekitzelt. Dem Feigen fällt immer etwas ein.

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Wenn wir tatsächlich davon ausgehen, dass es ihn gibt, den Fußballgott – was will er uns mit solchen absurden Spielverläufen und Ergebnissen mitteilen? Ich weiß im Moment nur eines: Fußball ist für Akteure und Fans eine Einübung in Demut. Und auch der Größte muss daran denken, dass Hochmut vor dem Fall kommt. Und damit leistet der Fußball eine für die modernen Gesellschaften unverzichtbare Arbeit. Er erteilt eine Lehrstunde – uns allen.

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Gestern konnte man sehen, wie unverzichtbar Lukas Podolski (nach einem Urteil des Bundestrainers) für die deutsche Fußballnationalmannschaft ist. Podolskis Vertreter, André Schürrle, schoss drei Tore (Schweden – Deutschland 3:5). Wieviel Tore hätte der unverzichtbare Podolski geschossen? Mindestens fünf.

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Schön auch, dass wir bei dieser Gelegenheit erfahren, dass Klopp ein gestandener Fatalist ist. Denn was sagt er noch: „Man muss nicht auf etwas warten, was besser aussieht. Das Gras ist woanders nicht immer grüner, und meine Fähigkeit ist es, das Glück zu sehen, wenn es da ist.” Es gibt nicht viele Trainer auf der Welt, die in der Lage sind, solche scheinbar einfachen Sätze zu sagen. Es gehört in der Tat zu den seltenen Fähigkeiten, das Glück zu erkennen, das sich in der Nähe befindet. Das Glück ist da, und ich bin mittendrin. Die meisten Leute hängen dem Wahn an, dass es etwas noch viel Besseres gibt als das, was sie gerade haben. Nicht Klopp, der Fatalist.

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Champagner-Fußball heißt das, wenn Bayern München gegen Viktoria Pilsen spielt, Champagner-Fußball gegen Bier- oder besser Bierbauch-Fußball. Die Böhmen waren vom Ruhm des FC Bayern und dem Medienhype um das Team so beeindruckt, dass sie sich am liebsten unsichtbar gemacht hätten.

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Wir treten hier an, um den Schiedsrichter Peter Gagelmann zu ehren, der im Privatleben ein einfacher Angestellter im Veranstaltungsmanagement ist, aber als Schiedsrichter Maßstäbe setzt. Gagelmann kann das Wort Unparteiischer nur in Anführungsstriche setzen, er ist nicht für lau, er ist immer mit Liebe und Hass auf dem Platz unterwegs. Gagelmann bürstet das Geschehen gern gegen den Strich, er setzt sich nicht für die Schwachen ein (was man gemeinhin für eine Tugend hält), Gagelmann kämpft mit aller Macht für die Starken.

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Khedira zieht sich einen Kreuzbandriss zu, als er Pirlo attackiert. Merkwürdig die vielen Fouls von Toni Kroos, er springt öfter mal wie ein leidenschaftlicher Liebhaber regelrecht auf den ballführenden Gegenspieler auf.

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… der Schiedsrichter benachteiligt uns arme Hansa-Rostock-Schweine nur minimal, und so sind wir es, die das Tor machen, David Blacha zieht aus der Luft kurz und trocken ab, und der Leipziger Torwart Domaschke fliegt eindrucksvoll am Ball vorbei; und da wissen nun die Bullen, dass sie es mit uns armen Hansa-Rostock-Schweinen an diesem Tag nicht leicht haben werden; sie bekommen immer noch keinen Elfmeter, und auch das zweite Tor machen wir arme Hansa-Rostock-Schweine …

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Ich glaube, dass diese widerwärtige Ranschmeißerei den Bayern eher schadet, als dass sie ihnen etwas brächte. Man kann ihnen nicht vorwerfen, dass sie verlernt haben zu verlieren (wie man den Dortmundern nicht vorwerfen kann, dass sie ihre Torchancen nicht nutzen; sie machen es ja nicht mit Absicht), aber kann man nicht von Reportern verlangen, dass sie etwas Interessantes, Problemhaltiges über eine noch so großartige Mannschaft erzählen? Etwas vielleicht gar Subtiles? Etwas ohne den Gebrauch des Superlativs? Warum gibt es in einem Land mit einer so großartigen Fußballmannschaft keinen großartigen Reporter? Versteh ich nicht.

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Was sahen wir armen Hansa-Rostock-Schweine mit unseren entzündeten Augen heute im eigenen Stadion? Nach 41 Minuten hatte Schiedsrichter Tobias Stieler seinen Job im Wesentlichen erledigt und konnte sehr zufrieden sein. Hellsichtig auf einem Auge und blind auf dem anderen hatte er zwei Elfmeter und zwei Rote Karten gegeben, alles gegen uns, den Grobmotorikern vom VfL Osnabrück lächelte er fröhlich zu: Na, wie findet ihr mich?

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Nebenbei kommt es dann so weit, dass die Bayern real nicht in der Bundes-, sondern in der Regionalliga spielen, denn sie treten immer nur gegen die zweite Garnitur des Gegners an, der seine Besten für das nächste Spiel schont. Das wäre doch ganz witzig.

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Der Stadionsprecher begrüßt den Start der zweiten Halbserie und des Frühlings, in der Halbzeitpause gedenkt er treuer Fans, die in den vergangenen Wochen gestorben sind. Besonders alt sind sie alle drei nicht geworden. Wir denken an euch, denkt ihr auch an uns, so der Tenor seiner Worte. Wir brauchen eure Unterstützung von dort oben. Ein Fußballfan stirbt nie so ganz.

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„Währenddessen klären Zambrano und Lewandowski den Stand ihrer Freundschaft“ – das war Fernsehreporter Simon, der dafür bekannt ist, in seiner verqueren Ausdrucksweise köstlichen Humor zu vermuten.

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Arjen Robben, der alte Holländer, hat einen Elfmeter und einen Platzverweis für die Bayern herausgeholt. Auf Grund der ihm eigenen Konstitution gelingt es ihm, Zweikämpfe immer besonders dramatisch aussehen zu lassen; er wirkt in solchen Fällen wie ein Kriegsveteran, der auf offener Straße zusammengeschlagen wird und nicht in der Lage ist sich zu wehren, obwohl er zuvor selbst den Kampf gesucht hat und zwar auf ziemlich riskante Weise. Arsène Wenger, der Arsenal-Trainer, sagt, der Schiedsrichter habe mit dieser Entscheidung das vorher hochklassige Spiel ruiniert.

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Die Spitzenteams der Bundesliga hatten sich längst darauf verständigt, den Kampf um die Deutsche Meisterschaft den Münchner Bayern zu überlassen. Dort vorne kämpften die Bayern mit sich selbst, was auch heißt, mit Mathias Sammer, sie siegten und entfernten sich immer weiter vom Hauptfeld. Dahinter kämpfen nun die Spitzenteams weiter um den Meistertitel des wirklichen Lebens.

Die Geschichte ist  unvollständig, wenn nicht miterzählt wird, dass der Macher des Bayern-Erfolgs, der Spieler, Manager und Präsident, seine Omnipotenz und seinen Hochmut mit einer Gefängnisstrafe bezahlt. Siebter Himmel und Vorhölle. Das Leben verstehen, den Erfolg verstehen, Uli Hoeneß verstehen. Verstehen, wie das alles zusammenpassen soll. Wer kriegt das hin?

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Wer selten verliert, wird in der Regel ein schlechter Verlierer werden. Verlieren will geübt sein. Bayern München – Borussia Dortmund 0:3. Auch wenn es, zumindest für die Bayern, um nichts mehr geht. Am Ende grapscht der Bayer Rafinha aus Frust dem Dortmunder Mchitarjan ins Gesicht und sieht Rot. Viel zu hart, meint Sportvorstand Sammer, der beim FC Bayern in die Rolle des Sträflings Hoeneß hineinwächst, die aggressive, selbstverliebte, hochmütige Stimme von Bayern München.

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Dennoch bleibt die Frage interessant, wieso Bayern München gegen Real Madrid chancenlos war. Sie spielten vor einer aufgeputschten Zuschauermasse, die jede Aktion der Madrilenen mit einem gellenden Pfeifkonzert begleitete. Und die Spieler selbst befanden sich auch im Zustand der Aufgeputschtheit (von den Phlegmatikern Kroos und Schweinsteiger abgesehen). Neuer war sein Torraum wieder mal zu klein, er wollte unbedingt draußen mitspielen und wäre um ein Haar überflankt worden. Mandzukic, Ribéry und Robben wollten mit dem Kopf durch die Wand und wenn sie ihre Gegenspieler foulten, hatten sie immer das Gefühl, selbst gefoult worden zu sein, Herr, vergib ihnen. Aber reden wir von Madrid, reden wir von diesen phänomenalen Innenverteidigern Pepe und Sergio Ramos. Verglichen mit Dante und Boateng konnte man an ihnen schon mal den Unterschied festmachen. Wie hellwach die waren. Wie die jede Lücke zustellten. Was die außerdem für die Spieleröffnung taten. Alles ohne Fouls. Und da sind die beiden frühen Kopfballtore von Ramos noch nicht mal erwähnt. Beim zweiten reklamierte Manuel Neuer lächerlicherweise auf Abseits, wie er das ja immer tut, wenn er mal hinter sich greifen muss. Lächerlich auch, wie die Bayern-Spieler jedesmal hysterisch Zeitspiel reklamierten, wenn ein Madrilene am Boden lag und behandelt werden musste. Die Real-Spieler waren es gewiss nicht, die die Zeit fürchten mussten.

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Der Bundestrainer wiederum sagt mit badischer Zunge, dass wir nicht den nationalen Fußballnotstand ausrufen müssen (hatte auch keiner vor). Man freut sich „wahnsinnig” auf das Vorbereitungsspiel gegen Polen, auch wenn der Kern des Teams (die Kicker vom FC Bayern und vom BVB) nicht dabei sein wird. Hinter jedem nominierten Spieler steht ein klares Ja, da sind sich „der Hansi, der Andi und ich” (der Jogi) einig. Der Sami (Khedira) ist eine Ausnahme, der ist ja gerade erst von einem Kreuzbandriss genesen und kann noch nicht in Hochform sein, aber man will auf ihn nicht verzichten auf Grund seiner starken Persönlichkeit und seiner herausragenden Fähigkeiten. Es geht familiär zu beim DFB,

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Wir sind ja mittlerweile überzeugt, dass wir Deutschen technisch hervorragende Fußballer haben. Aber die Kameruner, gegen die wir heute spielten, machten einen vielen geschickteren, kreativeren Eindruck, und das 2:2 am Ende resultiert aus einem Tor, dem eine klare Abseitsstellung von Podolski vorausgegangen war,

Auf dem Boden der Realität

Zum Glück bekam ich keine Karte für die Akademie der Künste und konnte Fußball schauen

Zum Glück bekam ich keine Karte für die Akademie der Künste und konnte Fußball schauen

Wie kann es sein, dass die beste Fußballmannschaft der Welt in zwei Halbfinalspielen um die Championsleague mit 0:5 untergeht? Ganz einfach. Die beste Fußballmannschaft der Welt gibt es nicht. Die ist nur eine Erfindung der Medien, intendiert von Uli Hoeneß, der ja auch glaubt, die besten Würstchen und die besten Börsenspekulationen der Welt machen zu können.

Dennoch bleibt die Frage interessant, wieso Bayern München gegen Real Madrid chancenlos war. Sie spielten vor einer aufgeputschten Zuschauermasse, die jede Aktion der Madrilenen mit einem gellenden Pfeifkonzert begleitete. Und die Spieler selbst befanden sich auch im Zustand der Aufgeputschtheit (von den Phlegmatikern Kroos und Schweinsteiger abgesehen). Neuer war sein Torraum wieder mal zu klein, er wollte unbedingt draußen mitspielen und wäre um ein Haar überflankt worden. Mandzukic, Ribéry und Robben wollten mit dem Kopf durch die Wand und wenn sie ihre Gegenspieler foulten, hatten sie immer das Gefühl, selbst gefoult worden zu sein, Herr, vergib ihnen. Aber reden wir von Madrid, reden wir von diesen phänomenalen Innenverteidigern Pepe und Sergio Ramos. Verglichen mit Dante und Boateng konnte man an ihnen schon mal den Unterschied festmachen. Wie hellwach die waren. Wie die jede Lücke zustellten. Was die außerdem für die Spieleröffnung taten. Alles ohne Fouls. Und da sind die beiden frühen Kopfballtore von Ramos noch nicht mal erwähnt. Beim zweiten reklamierte Manuel Neuer lächerlicherweise auf Abseits, wie er das ja immer tut, wenn er mal hinter sich greifen muss. Lächerlich auch, wie die Bayern-Spieler jedesmal hysterisch Zeitspiel reklamierten, wenn ein Madrilene am Boden lag und behandelt werden musste. Die Real-Spieler waren es gewiss nicht, die die Zeit fürchten mussten. Das war ein großer Schlag auf den Kopf für uns, sagte Franck Ribéry nach dem Spiel. Gewiss. Aber im Spiel verteilte er die Schläge auf den Kopf und konnte froh sein, ohne rote Karte davongekommen zu sein.

Allerdings zeigten die Bayern nach dem Spiel Größe. Sie suchten keine Ausflüchte, sie schoben die Schuld nicht auf den Schiedsrichter (der erkennbar Mitleid mit ihnen hatte) und sie gestanden ihre Unterlegenheit ein. Da haben wir das Positive an der Sache. Die Bayern sind auf dem Boden der Realität gelandet. Es geht nicht mehr um neue Rekorde, es geht nicht mehr um ein zweites Triple, es geht nicht mehr darum, dass sie trainieren, als gäbe es kein Morgen – es geht jetzt um eine schlichte Selbstbefragung. Um das Ende der Euphorie.

Frühgeburt einer Meisterschaft

An einem frostigen Tag in Berlin wurden die Bayern Meister

An einem frostigen Tag in Berlin wurden die Bayern Meister. Sie haben es sich verdient.

Die Bayern sind Meister. Märzmeister. Schon wieder ein Rekord. So früh wurde noch kein Team der Bundesligageschichte Fußballmeister.

Die Spitzenteams der Bundesliga hatten sich längst darauf verständigt, den Kampf um die Deutsche Meisterschaft den Münchner Bayern zu überlassen. Dort vorne kämpften die Bayern mit sich selbst, was auch heißt, mit Mathias Sammer, sie siegten und entfernten sich immer weiter vom Hauptfeld. Dahinter kämpfen nun die Spitzenteams weiter um den Meistertitel des wirklichen Lebens. Da geht es toll zu. Spannend. Favoriten kriegen die Krise. Sacken ab. Jeder Abstiegskandidat kann den aussichtsreichsten Kandidaten ein Bein stellen. Die Schiedsrichter können unbelastet agieren. Manche Favoritenkrise will gar nicht wieder aufhören, eine andere Krise währt nur ein Spiel. Jeder kann voller Tragik und Stolz auf eine lange Verletztenliste verweisen. Ich sah die besten Beine meines Vereins von Rissen des Kreuzbands lahmgelegt und eingegipst … Wenn das Transferfenster offen ist, wird nachgerüstet. Oder die Jugend bekommt eine Chance und macht sich nicht schlecht … Bis zum nächsten Debakel.

Währenddessen versuchen die Medien, die zerrissene Liga wieder zusammenzuschreiben. Versuchen, Ausdrucksvarianten zu finden für die Überlegenheit der Abgehobenen.

„Bayern ohne Verfolger. Den Bayern gehen die Gegner aus. In ihrer eigenen Welt … ein Ende der Münchner Festspiele ist nicht in Sicht. Es geht auch ohne Tiki-Taka … Die unerschöpfliche Bandbreite des Bayern-Spiels illustriert Lahm, der in der Pose eines Mittelstürmers trifft. Seriöse Aufwärmübung. Müheloser Probelauf. Schockstarre der apathischen Angsthasen. Der FC Schalke wäre vermutlich gerne geflüchtet – und wird so zur leichten Beute für den FC Bayern. Bayern gnadenlos. Und nächste Woche schon März-Meister? Egal wer gerade fehlt – die Bayern gewinnen … die Münchner können scheinbar alles und jeden ersetzen.”

Und das kam vor drei Tagen: „Schaut auf dieses Spiel. Die große Kunst genießen. ” Der Hofberichterstatter Horeni (FAZ) ist vom Hofe Löw mit fliegenden Fahnen zu Pep Guardiola übergelaufen. Nie zuvor habe die Bundesliga in fünfzig Jahren etwas erleben dürfen wie den Guardiola-Fußball: „ … so leicht und präzise, so verspielt und zielstrebig, so ausgeklügelt und improvisierend … So nah … ist der Fußball hierzulande der Kunst nie gekommen”.

Offensichtlich glaubt Horeni, dass Kunst etwas besonders Faszinierendes, Verwirrendes, Effektives, herausragend Schönes sei. Wo das Leben mit seinen normalen Maßstäben aufhört, fängt die Kunst an. Das ist Quatsch. Kunst ist nicht Erhöhung von Leben, Kunst ist eher Verarbeitung, Sinngebung, geht in die tiefsten Tiefen, kann dreckig sein, Kunst ist die Fähigkeit, für alles Geschichten, Bilder und Töne zu finden. Und so stellt Horenis Gefühlsausbruch nur einen weiteren gescheiterten Versuch dar, hymnische Worte für die Teilung der Bundesliga zu finden. Und eine Beschwerde darüber, dass Medien und Interessenten unfähig sind, funkelnde Formulierungen für die unanfechtbare Qualität der Bayern zu finden, um stattdessen ihr Mitgefühl mit den Unterlegenen zu thematisieren. Die Überlegenheit der Bayern stellt die Journaille vor unlösbare Probleme: Sie vermag nicht Schritt zu halten mit dem Niveau des Bayern-Fußballs. Sie arbeitet eher mit der Qualität der Abstiegskandidaten. Kampf und Krampf, kein Glanz. Horeni meint, dass er uns einen Weg gezeigt hat, wie man die Bayern angemessen feiern kann. Seht, was sie machen, als Kunst! Greift in die Instrumentenkiste der Kunstkritiker, wenn ihr den Fußball der Bayern bewertet!

Aber Kunst ist, wie gesagt, etwas ganz anderes.

Die Geschichte ist  unvollständig, wenn nicht miterzählt wird, dass der Macher des Bayern-Erfolgs, der Spieler, Manager und Präsident, seine Omnipotenz und seinen Hochmut mit einer Gefängnisstrafe bezahlt. Siebter Himmel und Vorhölle. Das Leben verstehen, den Erfolg verstehen, Uli Hoeneß verstehen. Verstehen, wie das alles zusammenpassen soll. Wer kriegt das hin?

 

 

Deutschland legte los wie die Feuerwehr

So entspannt kann Fußball sein – vor dem Spiel. In der Alten Försterei, beim 1. FC Union Berlin

So entspannt kann Fußball sein – vor dem Spiel. In der Alten Försterei, beim 1. FC Union Berlin

Ehe es mit dem Fußball wirklich weitergeht, erlauben wir uns im letzten Moment einen Rückblick auf die Saison 2012/2013 in Zitaten, willkürlich, wie es unsere Art ist, ausgewählt, eine Mischung 1. Liga, zweite Liga, dritte Liga, Länderspiele, Championsleague, England, tschechische Gambrinusliga (der Fußballnomade!).

Teil I

Die Olympischen Spiele sind vorüber, der Fußball scharrt mit den Hufen. Wir armen Hansa-Rostock-Schweine sind schon wieder deprimiert, und die Hertha legt auch in der zweiten Liga einen Fehlstart hin. Die erste Liga beginnt mit dem, wie jeder weiß, bedeutungslosen Supercup, es sei denn, Bayern München gewinnt diesen Supercup, dann ist er natürlich bedeutungsvoll und ein Omen für die Saison. Sie, also die Münchner Bayern, führten schon nach 12 Minuten 2:0 gegen Meister Dortmund, und da konnte man sehen, wie tief die Demütigung bei ihnen sitzt, nachdem sie fünfmal in Folge gegen die Borussen verloren hatten. Sie bewegten sich plötzlich, als könnten sie vor Kraft kaum laufen, und so fand Dortmund, das am Anfang in der Innenverteidigung etwas schläfrig war, langsam ins Spiel. Die besten Münchner waren die Neu-Bayern Dante und Mandzukic, das ist nur logisch, da sie vom Bayern-Gen noch nicht infiziert sind, fehlt es ihnen an Selbstgefälligkeit.

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Was für ein Fest: Everton besiegt ManU 1:0 – hoch verdient! Ich sah mir die 2. Halbzeit im Killywilly am Leipziger Südplatz an, wo gestern die Jugend den Platz verdichtete, wie ich es noch nie sah. Sie lümmeln nun auf Bürgersteig und in den Hauseingängen herum, bringen ihre Getränke selber mit. Die Freisitze der Kneipen sind trotzdem voll.

Brünn gewann gegen Dynamo Budweis 3:1. Munteres Spiel. Allein schon den Repka zu sehen, ist eine Augenweide, der ist seit einem Jahr in Budweis.

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Merkwürdig berührt war ich schon, als ich beim 6:1 der Bayern gegen den VfB Stuttgart das breit lachende Gesicht von Jupp Heynckes sah (Wie sagt der Volksmund? Er lacht über alle vier Backen). So sieht das unerwartete Glück eines alten Mannes im Seniorenheim aus, wenn die ganze Familie ihn besucht und verspricht: Wir kommen jetzt jeden Monat, Opi. Meine Güte, der Trainer hat die Enttäuschungen der vergangenen Saison mannhaft weggesteckt, warum kann er es mit den Erfolgen der jetzigen nicht ebenso tun!

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Unterdessen wurde auch die entzauberte Nationalmannschaft wieder aktiv, wobei das Wort aktiv hier nur eingeschränkt verwendet werden kann. Gegen Österreich sah es so aus, als spiele da eine Mannschaft ohne Trainer, ohne Plan, aber mit viel Glück. Und der Trainer, den es natürlich doch gab, fummelte wieder an seiner Nase herum.

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Wir armen Hansa-Rostock-Schweine haben einen neuen Trainer und mit ihm gleich den ersten Auswärtssieg errungen. Was war mit dem alten? Wolfgang Wolf ist ein grundsolider Mann. Er wurde geholt, um den Abstieg zu vermeiden, das hat er nicht geschafft. Kann man dann weiter machen? Ja, sicher. Aber das Grundsolide ist meistens auch das Uninspirierte, Festgefahrene. In seiner Ratlosigkeit hat Wolf munter durchgewechselt und damit besonders den Offensivspielern den letzten Schneid abgekauft. Nun also Marc Fascher. Der kommt von unten, Hansa Rostock ist für ihn ein Karriereschritt. Wir armen Hansa-Rostock-Schweine schöpfen Hoffnung. Die von unten Kommenden sind meistens noch frisch und tatendurstig.

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FC Schalke 04 – Bayern München. In der zweiten Halbzeit haben wir unsere ganze Klasse ausgespielt, sagt der Trainer.

Besonders Thomas Müller. Wenn der einmal in den Strafraum des Gegners eingedrungen ist, traut sich kein Gegenspieler mehr an ihr ran, denn jeder weiß: Wenn er dem genialen Exzentriker zu nahe kommt, gibt es Elfmeter und vielleicht noch die Rote Karte. Thomas Müller ist der beste Elfmeter-Herausholer der Welt, urteilt die Süddeutsche Zeitung. Das wird wohl so sein.

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Auch wenn es um viel Geld, um viel Prestige und um Einzelkarrieren geht – wenn die Borussia kickt, ist Fußball immer noch ein Spiel, man könnte fast sagen, ein geistreiches Spiel, es hat Leichtigkeit und Lust, Lust an der Bewegung, an der Idee und auch am Risiko. Diese Lust hat auf der anderen Seite auch etwas Inkonsequentes, und vielleicht fiel auch deshalb nicht das 2:0, so dass Man City am Ende noch ein 1:1 schaffte, was eigentlich absurd war, aber was willst du machen, wenn der Ball in deinem Strafraum gegen deinen Arm gedroschen wird; du kannst ihn dir ja nicht abhacken! Wenn du Pech hast, kann so was immer passieren.

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Fühlen wir uns bemüßigt, noch etwas zum Abschied Michael Ballacks vom aktiven Fußball zu sagen? Vorerst nicht, vorerst nur, dass der Bundestrainer wieder einmal nachgewiesen hat, dass es ihm an menschlichem Format mangelt. Er hätte den Mund halten sollen. Er hätte dem Spieler, dem er mit seiner Instinktlosigkeit und seinem Talent zur Ungleichbehandlung das Karriereende versaut hat, nicht noch eine so lasche, verlogene Lobeshymne hinterhersingen müssen.

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Was war geschehen? Deutschland legte los wie die Feuerwehr. So gut habe ich die Mannschaft noch nie gesehen. Tempowechsel, doppelte Doppelpässe. Nach dem 2:0 sah Tom Bartels den schwedischen Trainer Hamrin lächeln und meinte, dass das wohl eher Verzweiflung sei. Ich denke, dass es ein ironisches, vielleicht gar hinterlistiges Lächeln war: Die Deutschen gehen uns in die Falle. Denn es war so, dass die Schweden nur so taten, als spielten sie mit. In Wahrheit überließen sie den Deutschen alle Räume. Jerome Boateng konnte von rechts ungestört seine Eingaben schießen, Marco Reus links die schwedische Abwehr spielend überlaufen und überflanken, zur Halbzeit stand es 3:0, das Spiel war entschieden, Bartels quatschte sich besoffen, und die deutsche Mannschaft spielte sich besoffen. Zu Beginn der zweiten Halbzeit zogen die Schweden unerwartet andere Saiten auf, sie kämpften, spielten nach vorn. Es fiel zwar noch das 4:0 für Deutschland, aber es war ein anderes Spiel geworden. Eine lange Flanke in den Strafraum. Ibrahimovic köpft über Neuer hinweg ins Tor. Und der kann es gar nicht fassen, dass es ihm wieder nicht gelingt, seinen Kasten sauber zu halten. Dafür beteiligt er sich zwei Minuten später am zweiten Tor der Schweden, der Ball, aus unmöglichem Winkel abgefeuert, braucht die Hilfe von Neuers Beinen, um ins Tor zu gelangen. Die Deutschen geraten ins Schwimmen. Nichts geht mehr. Vom Spielfeldrand her greift Jogi Löw mit wirren Backe-Backe-Kuchen-Bewegungen ein, die natürlich auch nichts bessern. Kurz und gut: In der dritten Minute der Nachspielzeit gelingt den Schweden das 4:4. Sie haben die Deutschen bewusst getäuscht. Haben sie spielen lassen, griffen nur pro forma ein, und als sie dann plötzlich ihr einfaches, aber wirkungsvolles, von Zlatan Ibrahimovic akzentuiertes Spiel aufzogen, konnten wir uns nicht mehr darauf einstellen. In den Gesichtern der Spieler und den Erklärungen der Experten blieb eine Leere zurück, vielleicht auch eine Lehre. Die Kanzlerin amüsierte sich auf der Tribüne jenseits aller patriotischen Pflichtgefühle wie Bolle. Sie hatte, wie wir alle, ein Spektakel gesehen.

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Düsseldorf – Bayern 0:5; wer will so was sehen. Ja, richtig, viele, aber ich nicht. Hansa gewinnt mit dem obligatorischen Smetana-Tor und viel Glück gegen zehn Aachener 1:0. Dazu zwei Kreuzbandrisse in einer Woche.

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Pilsen war wie immer schön, meine Gablonzer spielten 1:1. Als Du schriebst, saß ich im Stadion. Allerdings glich Vit Benes erst in der 85. Minute per Kopf aus. Ein wirklich hochklassiges Spitzenspiel, temporeich, Pilsen hatte mehr Ballbesitz, die Gablonzer aber mehr Chancen, sie sind einfach sehr effektiv, vielleicht liebe ich sie deswegen so … Über 10 000 Fans im Stadion, viel für Böhmen!

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Nun verlieren sie also zu Hause gegen Bayer Leverkusen, und Hoeneß – als hätte er auf unseren Rat gehört – tut das beste, was er tun kann. Er schweigt. Seine Angestellten aber sind der Meinung, dass sie nicht gegen Bayer Leverkusen verloren haben, sondern gegen sich selbst. „Wir haben uns die Tore selbst reingehauen.” Man verliert halt immer noch lieber gegen sich selbst als gegen Bayer Leverkusen, Borussia Dortmund, Borussia Mönchengladbach, Hannover 96 oder Bate Borislav.

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In Offenbach bekamen wir armen Hansa-Rostock-Schweine es mit den uns wohlbekannten Kickers  und dem mäßig bekannten Un-Unparteiischen Thorsten Schriever zu tun. Das ist ein ein untersetzter Verwaltungsangestellter, der gern zum Friseur geht und sein Übergewicht selbstgefällig über den Platz trägt. Auf Ballhöhe konnte er naturgemäß nur selten sein. Das musste er auch nicht, denn er hatte sich schon vorher auf eine asymmetrische Spielleitung festgelegt. Ein Zweikampf musste grundsätzlich zugunsten der Kickers ausgehen, und wenn nicht, pfiff er ein Foul gegen Hansa. Fouls der Kickers gab es nicht, und so fiel auch das erste Tor für Offenbach. Leonhard Haas wurde im Mittelfeld umgenietet, wir warteten auf den Pfiff, vergeblich …

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Niederlande – Deutschland. Der Eindruck verdichtet sich, dass die Ära Löw seit der Halbfinalpleite bei der Europameisterschaft vorbei ist. Das Glück hat Jogi Löw verlassen, so wie es ihn über Jahre begleitet hat. Er wandelt im Nebel. Ohne Glück ist er als Trainer nur Durchschnitt. Menschenführung fünf. Man kann das nicht mehr vom Tisch wischen. Die Legende vom deutschen Fußballingenieur ist nur noch ein Witz.

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FC Nürnberg – FC Bayern München. Was ist das für ein seltsames Klima dort, im Bayern-Paradies? Wer nicht verlieren, ja, wer nicht einmal ein Unentschieden ertragen kann, ist im Sport fehl am Platze. Sollte in die Politik gehen. Oder ins Kloster.

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Der Vorsprung der Bayern im fast schon entschiedenen Meisterschaftskampf kann nicht groß genug sein, und so sorgte Schiedsrichter Florian Meyer im Match beim SC Freiburg beizeiten für klare Verhältnisse. In der elften Minute bekommt Freiburgs Verteidiger Sorg den Ball aus kurzer Distanz an die Hand. Meyer gibt Elfmeter. In der 18. Minute zupft Diagne den Bayern Shaqiri am Trikot, Shaqiri stürzt in einer dramatischen Glanzleistung ins Bodenlose. Meyer zeigt dem Freiburger rot. Freiburg kämpft mit Rückstand und in Unterzahl tapfer weiter. Zehn Minuten später bekommt im Bayern-Strafraum Javi Martinez den Ball an die Hand. Hoi. Schiedsrichter Meyer möchte die Verhältnisse nicht wieder verunklaren und pfeift in diesem Fall keinen Elfmeter. Man staunt. Wenig später ein Foul im Bayern-Strafraum. Wieder kein Elfmeter. Der ARD-Reporter findet alle diese sehr widersprüchlichen Entscheidungen absolut in Ordnung. Der objektive Beobachter fängt an, sich Sorgen um Deutschland zu machen. Was ist hier los? Ist Bayern München Staatsdoktrin?

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Die ausbleibenden Erzählungen des Fußballs … Vielleicht ist das nur eine Sache der falschen Betrachtungsweise. Bei uns in der Bundesliga ist die Meisterschaft schon entschieden, also, was soll’s da noch groß zu erzählen geben. Das haben wir allerdings schon am Beginn der Saison gesagt, nach drei Spielen oder so, Bayern München ist Meister, da war es aber eher spöttisch gemeint. Jetzt ist es ernst, und wir hören mit Missvergnügen, wie Sonnabend für Sonnabend servile Reporterzwerge von den „Galavorstellungen der Bayern“ schwadronieren, gegen Fürth, gegen Mainz und so, aber – und damit kommen wir zu einer veränderten Betrachtungsweise – unterhalb dieses bayrischen Galavorstellungs-Tableaus gibt es doch tatsächlich spannenden, dramatischen Fußball mit tollen Toren und irrwitzigen Fehlleistungen, die auch wieder ausgeglichen werden können oder auch nicht, siehe Leverkusen gegen Dortmund, da bietet der Fußball alles, was man sich nur wünschen kann. Aber es ist eben unterhalb dieses unerreichbaren Tableaus des Vorzugsspieler-Fußballs. Wie wäre es, wenn nun in Europa eine Gala-Liga einrichtete, in der exklusiv nur jene Teams spielen, die in ihren heimischen Ligen mindestens zehn Punkte vor dem Rest der Nation stehen? (Vorschlag für’s Marketing: „Die Liga der Überflieger”) Dagegen kann Uli Hoeneß doch nichts haben, im Gegenteil es wäre eine Ehre, die nur wenigen zuteil wird.

Wir sind begeistert und gelähmt

Wem die Worte fehlen, der redet besonders viel, wenn der Tag lang ist. So ist es mit den Medien und ihren Sportberichterstattern im Fall der Fußball-Meisterschaft des FC Bayern München, die eine Frühgeburt ist und schon seit langem nicht bezweifelt wurde. Nun, nach dem 28. von 34 Spieltagen, ist auch rein rechnerisch alles besiegelt. Damit ist die Fußballmeisterschaft in Deutschland sechs Wochen vorfristig abgeschlossen. Wir sind begeistert.

Der Rest ist Hühnerdreck. Was soll man dazu sagen! Aber man muss etwas dazu sagen, es muss abgefeiert werden. Unter der Überschrift „Huldigungen an den Meister” huldigt sich zuerst der Meister selbst. Die Bayern sind Großmeister, sie brechen alle Rekorde, sie sind brillant, aber auch demütig, sie bleiben hungrig und wollen aus der Super-Saison eine Super-Super-Saison machen, sie spielen in allerhöchster Qualität. Es steht fest, dass es nie einen besseren deutschen Meister gab als den FC Bayern 2013. Wer bei solchen Lobgesängen nicht gähnen muss, hat bestimmt zu lange geschlafen.

Bedauerlich, dass in den Medien versäumt wird, auch den Schiedsrichtern und der DFL, der Deutschen Fußballliga, sowie Borussia Dortmund und Bayer Leverkusen zu gratulieren. Der DFL, weil sie den Bayern günstige Spielansetzungen verschaffte. Denn das weiß man ja, wenn die Bayern einen guten Start haben, ist die Psyche intakt und die Spiele gewinnen sich wie von selbst. Den Schiedsrichtern ist zu gratulieren, weil sie die Augen im richtigen Moment woanders haben. Den Handelfmeter, der der Frankfurter Eintracht versagt wurde, hätten die Bayern garantiert bekommen. Man sagt, dass sich so was im Laufe einer Saison ausgleicht, ich würde eher meinen, dass es sich summiert. So kommen utopische Vorsprünge zustande. Ja, und Dortmund und Leverkusen haben in ihrer unbürokratischen Lust am Spiel immer wieder Punkte liegenlassen; so lange die Qualifikation für die Championsleague nicht gefährdet war, haben sie alles dafür getan, dass der Punktevorsprung der Bayern groteske Ausmaße annahm, so dass man Mühe hat, diese Meisterschaft ganz ernst zu nehmen. Es sieht ein bisschen nach Bananenrepublik aus. Alle haben Angst vor dem Unmut von Uli Hoeneß. Dann sieht es also eher nach Würstchenrepublik aus.

Auf Dauer können wir uns langweilige Meisterschaften, die lange vor ihrem Ende beendet sind, nicht leisten. Dann existiert kein Fußballfieber mehr, sondern Untertemperatur. Das werden die zahlenden Zuschauer nicht mögen.

Der subjektive Faktor

Manchmal kann uns der Fußball nichts erzählen (Habe ich das schon mal gesagt? Wiederhole ich mich schon wieder?), und von einer weltweiten Bewegung verschobener oder manipulierter Spiele wollen wir auch nicht unbedingt was hören, denn das sagt ja nur, dass dieser Sport ungemein populär und demzufolge geeignet ist, um damit schwarzes Geld zu machen. Es geht zu wie an der Börse, aber Börse ist legal.

Die ausbleibenden Erzählungen des Fußballs … Vielleicht ist das nur eine Sache der falschen Betrachtungsweise. Bei uns in der Bundesliga ist die Meisterschaft schon entschieden, also, was soll’s da noch groß zu erzählen geben. Das haben wir allerdings schon am Beginn der Saison gesagt, nach drei Spielen oder so, Bayern München ist Meister, da war es aber eher spöttisch gemeint. Jetzt ist es ernst, und wir hören mit Missvergnügen, wie Sonnabend für Sonnabend servile Reporterzwerge von den „Galavorstellungen der Bayern“ schwadronieren, gegen Fürth, gegen Mainz und so, aber – und damit kommen wir zu einer veränderten Betrachtungsweise – unterhalb dieses bayrischen Galavorstellungs-Tableaus gibt es doch tatsächlich spannenden, dramatischen Fußball mit tollen Toren und irrwitzigen Fehlleistungen, die auch wieder ausgeglichen werden können oder auch nicht, siehe Leverkusen gegen Dortmund, da bietet der Fußball alles, was man sich nur wünschen kann. Aber es ist eben unterhalb dieses unerreichbaren Tableaus des Vorzugsspieler-Fußballs. Wie wäre es, wenn nun in Europa eine Gala-Liga einrichtete, in der exklusiv nur jene Teams spielen, die in ihren heimischen Ligen mindestens zehn Punkte vor dem Rest der Nation stehen? (Vorschlag für’s Marketing: „Die Liga der Überflieger”) Dagegen kann Uli Hoeneß doch nichts haben, im Gegenteil es wäre eine Ehre, die nur wenigen zuteil wird.

Neulich sah ich was Skurriles. Ein Freiburger Verteidiger, ich glaube, es war Oliver Sorg, verteidigte im Strafraum gegen Leverkusen und hielt die Arme in einer extrem unnatürlichen Bewegung krampfhaft auf dem Rücken verschränkt, als wären sie da angeschweißt. Ja, klar. Bloß nicht die Hand anschießen lassen, dann gibt’s Elfmeter und vielleicht noch ’ne rote Karte und das Spiel ist entschieden. In diesem Segment ist der Subjektivität noch Tür und Tor geöffnet. Der Schiedsrichter ist Herr über Leben und Tod, von seiner Sichtweise und seinen Sehfehlern hängt alles ab. Und die Reporterzwerge kramen im Regelwerk. Ging die Hand zum Ball oder der Ball zur Hand? Wie bekommt man die Hand auf so kurze Entfernung noch schnell aus der Gefahrenzone? War es eine unnatürliche Bewegung? Am liebsten sagt der Reporterzwerg: Die Hand hat da nichts zu suchen.

Als wüsste nicht jeder: Wenn wir den Körper bewegen, bewegen wir auch die Arme. Der Arm spielt immer mit. Das berühmte, und nicht geahndete Handspiel von Thierry Henry oder ein unabsichtliches, angeschossenes – es kann nicht so schwer sein, das zu unterscheiden. Es gibt aber leider Schiedsrichter, die so ehrgeizig sind, dass sie alles gesehen haben wollen. Auch das, was nicht geschah.

Es könnte in Zukunft nicht nur Torjäger- und Scorer-Listen geben, sondern auch eine Rangfolge der Spieler, die am erfolgreichsten die Hand des Gegners anschießen und damit Spiele entscheiden.

Dagegen hilft nur eins: Man muss den Fußballern einen Sack über den Kopf ziehen und die Arme verschnüren. Ich weiß, auch dann wird ein genialer Schiedsrichter wie etwa Wolfgang Stark immer noch Mittel und Wege finden, Hand zu pfeifen, wenn es ihm beliebt, aber er würde es nicht so leicht haben, sich zu rechtfertigen.

Ohne Feinde geht es nicht

Es scheint für Uli Hoeneß schwer, wenn nicht unmöglich zu sein, einen glücklichen Menschen darzustellen. Seinem Unternehmen, dem FC Bayern München, geht es sportlich und wirtschaftlich blendend. Es gibt keinen Club, der wirtschaftlich besser dasteht, glaubt Hoeness. Leider folgt daraus noch nicht, dass man auch sportlich der beste Club ist. An dieser Ungerechtigkeit leidet Hoeneß. Ohne es zu wissen. Er gibt mit seinem „alten Freund Jack Nicholson” an und meint mit dessen Filmtitel „Besser geht’s nicht”: Besser, als wir spielen, und besser, als wir wirtschaften, und besser, als wir uns fühlen, besser geht’s nicht. Aber das Lächeln, das er zu diesen Worten aufsetzt, ist satt und irgendwie schief. Die Augen ertrinken fast in dem massigen Gesicht, sind kaum zu sehen. Jaaa! Die Mannschaft spielte ausgezeichnet. Nach 33 Minuten stand es schon 5:0 gegen den OSC Lille, und ich würde mich auch über gut herausgespielte Bayern-Erfolge freuen, wenn ich nicht wüsste, dass am Tag darauf und am darauf folgenden Tag die große Medien-Kakophonie angestimmt würde. Die Journaille sucht nach Worten für die große Bayern-Oper und möchte die Kicker leistungsmäßig noch übertreffen, aber es will und will nicht gelingen. Es ist ermüdend, nervend und langweilig. Deutschland, Deutschland über alles, darf man nicht sagen, aber Bayern, Bayern über alles – das schon. Und der gute Uli Hoeneß sitzt vor den servilen Medienleuten und kann nicht verbergen, dass der Stachel tief sitzt: zwei verlorene Meisterschaften und einige entscheidende Niederlagen gegen Borussia Dortmund. Was ist daran schlimm letztlich? Dem Fußball tut es nur gut. Entspannung bitte.

Es existiert eine positive Dopingprobe der russischen Diskuswerferin Darja Pischtschalnikowa, die ja auch Silbermedaillengewinnerin der Olympischen Spiele in London war. Diese Meldung hat die Sportredaktion der FAZ derart verzückt, dass sie sie in der derselben Ausgabe, leicht verändert, gleich zwei Mal abgedruckt hat, auf Seite 29 und auf Seite 30. Russische Dopingsünder, hurra! Man kann gar nicht oft genug mit dem Finger darauf zeigen. Dazu kommt eine Kolumne des eilfertigen Anno Hecker, der die Olympischen Winterspiele von Sotschi schon 15 Monate vor Beginn zum Desaster erklärt, wegen fehlender Nachhaltigkeit. „Ja, die russischen Olympiaplaner, viel Geld in der Hand, aber wenig Zukunft im Hirn”, rügt er hochnäsig. Und auf derselben Seite kann Roland Zorn nicht über die deutschen Eiskunstlaufweltmeister Aljona Savchenko und Robin Szolkowy schreiben, ohne, wie immer und wie in einem bedingten Reflex, auf die Stasivergangenheit ihres Trainers hinzuweisen. Ingo Steuer sei dieser Vergangenheit immer noch nicht ganz entflohen. Zorn muss es ja wissen und tut alles, dass es dabei bleibt.

Im Feuilleton der FAZ haben sie einen Sonderbeauftragten für Ans-Bein-Pinkeleien des Literaturnobelpreisträgers Günter Grass bestallt. Der heißt Edo Reents. Immer, wenn was mit Grass ist, holt Reents seinen Pillermann raus und pinkelt los. Jetzt geht es um die neu geordnete Dauerausstellung im Lübecker Günter-Grass-Haus. Unter der beziehungsreichen Überschrift „Die Vorzüge des Oberdichters” kann man lesen: „Immerhin: Grass verhinderte es nicht, dass die SS-Geschichte und die Israel-Gedichte nun auch vorkommen; aber sie kommen hier unter ferner liefen vor … Andererseits: Hätte man gleich am Eingang SS-Runen aufhängen sollen, damit jeder gleich weiß, mit wem er es zu tun hat? In Grassens Leben ist ja noch mehr passiert, wenngleich diese eine ›Episode‹ immerhin von solcher Tragweite war, dass er sie sechzig Jahre lang voller Scham verschwieg. Aber lassen wir das.” Ja, lassen wir das, sagte der kleine Häuptling der Indianer großmütig, nachdem er es gerade nicht gelassen hatte. Und am liebsten wäre es Reents schon gewesen, wenn da die SS-Runen gehangen hätten, am Eingang. Mit fällt übrigens noch ein Grund für Grass’ Schweigen ein: Er wusste, mit welcher Journaille er es hierzulande zu tun hat. Eine Journaille, zu deren Selbstverständnis die Erkenntnis gehört, dass eine (Qualitäts-)Zeitung auch groß wird durch die Feindschaften, die sie pflegt. Günter Grass! Die Russen! Felix Magath! Jürgen Klinsmann! Michael Ballack! Der Wowereit! Die Linkspartei! Es gibt ja soviel … Da muss man gar nicht lange nachdenken.