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Archive for the ‘Eugen Verheugen’ Category

Auf fünf Bier mit Eugen Verheugen – 7: Jugendliebe

Die Hände eines Frei- und Fahrtenschwimmers

Die Hände eines Frei- und Fahrtenschwimmers

Eugen Verheugen ist mit dem Wetter nicht einverstanden. Viel zu heiß. Andere mögen sich darüber freuen, besonders die Moderatoren im Radio sind ganz aus dem Häuschen und machen die Leute verrückt, aber Eugen möchte sich am liebsten in eine dunkle, schattige Ecke verkriechen, und in seiner Neubauwohnung unter dem Dach könnte er glatt Krokodile züchten. Hitzefrei, sagt Eugen, das war mein Lieblingsfach in der Schule. Und gleich danach kam das Fach Wandertag.

In Gegenden wie deiner konnten die Leute ja oft nicht schwimmen …

Das hat mit der Gegend nichts zu tun. ’ne stillgelegte, mit Wasser verfüllte Kiesgrube gibt’s überall. Ich war Freischwimmer, und Fahrtenschwimmer war ich auch.

Na ja, sage ich, und im See machte man sich an die Mädchen ran.

Ich nicht, sagt Eugen, andere schon. Die Mädchen wehrten sich scheinheilig, aber sie wollten es doch irgendwie. Ich nicht. Ich war wie gelähmt. Dafür hatte ich einen guten Ruf. Eugen ist anständig, haben sie gesagt. Und Weiberknecht wurde ich genannt. Weil ich so anständig war. Es war Mode, ihnen an den Busen zu fassen. Dann kreischten sie. Aber Konrad kriegte eine gefeuert. Dem flog der Kopf in den Nacken, und dann stolperte er noch. Das war das Mädchen, in die ich verliebt war. Sie war sehr schön, und auch noch die beste Schülerin. Ich war allerdings ein schlechter Schüler. Aber sie mochte mich, glaube ich. Wir sind in die Eisdiele gegangen. Wir haben auch mal zusammen Schularbeiten gemacht. Mehr war nicht. Ich war schüchtern. Mein Gott. Was rede ich da wieder. Ich hatte weiß Gott keine schöne Kindheit. Ich habe nur schlechte Erinnerungen. Und die guten Seiten, die es auch gab, entwerte ich.

Das kann ja alles gar nicht sein, sage ich.

Du hast doch ’n Knall, sagt Eugen in bewährter Manier, du kennst dich in meinen Gefühlen natürlich besser aus als ich.

Keineswegs, sage ich, nein, das ist der postmoderne Literat in dir, der alles entwerten muss. Wenn du es aufschriebest, müsstest du im Leben nicht alles so runterziehen.

Aufschriebest, sagt Eugen. Wie du schon sprichst. Bist wohl sehr stolz auf deine Konjunktive. Ich schreibe nichts mehr auf.

Zu gegebener Zeit kreuzte die alte Dame auf, auf deren Erscheinen man sich eigentlich schon verlassen konnte. Sie warf uns einen prüfend schuldbewussten Blick zu, trank einen Schoppen  Weißwein aus einem beschlagenen Glas, aß ein Würzfleisch, warf beim Weg auf die Toilette einen Blick auf die Fotos von Franz Fühmann, die in einer Ecke an der Wand hingen, und bekam am Ende einen Gratisschnaps. Alles wie immer. Nur dass sie eine Weile keinen Alkohol, sondern Tee getrunken hatte. Dann trollte sie sich. Sie wechselte mit keinem Menschen ein Wort, nur einmal hatte sie überraschend forsch um einen Regenschirm gebeten.

Der Dichter Fühmann hatte hier gewohnt, am Strausberger Platz, wenn er sich nicht, wie meist,  in seinem Refugium in Märkisch-Buchholz aufhielt und schrieb und schrieb und grübelte und grübelte. Er starb noch zu DDR-Zeiten.

Irgendwann fingen Eugen und ich an, die alte Frau Fühmanns Witwe zu nennen. Wir hatten dem Mysterium einen Namen gegeben und waren einigermaßen zufrieden damit.

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Auf fünf Bier mit Eugen Verheugen – 6: Zwischenfälle

Bitte nicht das Bier- mit dem Lichtglas verwechseln

Bitte das Bier- nicht mit dem Lichtglas verwechseln

Eugen Verheugen trägt bequeme Hauskleidung. Wenn er ausgeht, zieht er sich um, dann greift er auch auf die lange Unterhose zurück, derer er in seinem gut beheizten, wenn auch hellhörigen DDR-Neubau nicht bedarf. Die Hellhörigkeit des Blocks ist eines der größten Probleme in Eugen Verheugens Solistenleben. Er hört ständig Stimmen und Geräusche, die er nicht hören möchte. Glück hat er nur mit seinen unmittelbaren Nachbarn, zwei kultivierten Männern, die auch nicht mehr jung sind und gern reisen. Wenn sie unterwegs sind, nimmt Eugen die Post aus ihrem Kasten, und wenn sie zurückkommen, bringen sie Eugen Verheugen Kleinigkeiten aus der Toskana mit oder so, was ihm fast schon zu weit geht.

Und was ist das schon für ein Ausgehen, wenn er ausgeht! Er kommt den dringlichen Bitten von Schwägerin und Schwager nach, sie zu besuchen, um sich jedes Mal aufs Neue zu ärgern. Das vorschnelle „Jeder bezahlt seins!” der Schwägerin, als habe er es auf ihr Vermögen abgesehen, und ihr ahnungsloses Bildungsbürgertum. Sie sind glühende Verehrer des jeweiligen Bundespräsidenten („Ein großartiger Mann! Und auch ein großer Mann! Umfassend gebildet und so bescheiden!”) und setzen auf unbedeutende Künstler, bloß weil sie die noch persönlich gekannt haben. Begeisterte Chorsänger sind sie auch. (Die Chorprobe! Das Gemeinschaftserlebnis! Das Sich-eins-fühlen-mit-allen! Deine Stimme, die in den anderen Stimmen aufgeht, aber nicht untergeht! ) Meine Güte.

Oder Eugen Verheugen betritt das Haus Berlin und trinkt mit mir die berühmten fünf Bier. There we are.

Hansi kommt später, sagt Eugen, Hansi, der Kellner.

Ach, das weißt du auch schon, dass er Hansi heißt.

Weiß ich nicht, sagt Eugen, aber er sieht so aus.

Hansi ist Bayern-München-Fan und freut sich schon auf Pep Guardiola. Beim dritten Bier löst er die würdige Kellnerin ab, die in den Feierabend geht, wie wohlverdient der auch immer sei.

Leider war ich zuletzt allein hier, sagt Eugen.  Zwei Tische weiter saß ein stiller Zecher. Das ist Jürgen, sagte der Wirt, Jürgen aus dem Osten, immer auf dem Posten. Hat hier zu DDR-Zeiten die ganze Kneipe verwanzt. Jürgen verzog keine Miene und kommunizierte mit seinem Bier. Am Ende musste ich noch Geld ziehen. Aber der Automat gab mir nichts und behielt stattdessen die Karte. Gab sie einfach nicht wieder her. Am nächsten Morgen trank ich einen Korn und ging zur Sparkassenfiliale. Mein Kundenbetreuer, Herr Wegner, war nicht da. Eine Dame gab mir was zum Unterschreiben und sagte, die Karte kommt auf dem Postweg in drei bis fünf Tagen. Ich brauche die Karte sofort, sagte ich wie ein General im Krieg. Sofort! Unverzüglich!  Ich kann nichts dafür, dass der Automat sie einbehält. Sie haben sicher was falsch gemacht, sagte die Dame. Was, schrie ich, Sie trauen einer dämlichen Maschine mehr zu als einem gebildeten Menschen, und stiess mit dem Fuß gegen ihren Schreibtisch. Die Dame rief den Sicherheitsdienst. Sofort, wiederholte ich, ich brauche die Karte un-ver-züg-lich. Die Männer drehten mir die Arme auf den Rücken, aber sie haben’s nicht geschafft. Ich habe gestaunt, wie stark ich noch bin. Sie haben die Polizei gerufen. Keine Handschellen?, habe ich gefragt. Keine vorgehaltene Waffe? Aber die Bullen ließen sich nicht provozieren. Auf der Wache haben sie ein Protokoll angefertigt und waren eigentlich ganz vernünftig. Wenn nichts weiter vorliegt, kommt da nichts nach. Am Anfang hat mich dieser Vorgang richtig aufgemuntert. Aber je länger ich überlege, desto unmöglicher erscheint mir die Rolle, die ich da spiele. Irgendwie kommt mir die Realität abhanden.

Da bist du in guter Nachbarschaft, sage ich. Kathleen Ferrier singt: Ich bin der Welt abhanden kommen. Ein Gedicht von Friedrich Rückert, vertont von Gustav Mahler.

Du hast doch ’n Knall, sagt Eugen anerkennend. Ich weiß ja, dass er dieses Lied über alles liebt und die Stimme der mit 41 Jahren verstorbenen Ferrier.

Dein erstes Gefühl war auf jeden Fall richtig, sage ich. Du hast dich gewehrt, du hast das nicht hingenommen. Und es ist was passiert.

Eugen Verheugen schweigt. Das Lied geht ihm durch den Kopf: „Ich bin der Welt abhanden gekommen/Mit der ich sonst viele Zeit verdorben … /Ich leb allein in meinem Himmel…”

Wo muss der Streifen sein, fragt er, wenn man die Karte in den Automaten steckt?

Unten rechts.

Unten rechts? Eugens Erinnerung sagt etwas anderes. Kann man ihr trauen, der Erinnerung? Dem Gefühl, alles richtig gemacht zu haben? Auf jeden Fall.

Auf fünf Bier mit Eugen Verheugen – 5: Hitler-TV

© Fritz-Jochen Kopka

„In tausend Jahren wird Hitler eine mythologische Figur sein wie Rübezahl …”

Heute, sagt Eugen Verheugen beim ersten Bier, ist er viermal in der Kiste. Kann auch öfter sein, aber viermal auf jeden Fall.

„Er” ist der Führer, Adolf Hitler. Es gehört zu Eugen Verheugens Tagespensum, dass er die Programmzeitschriften durchstöbert, um den Führer zu suchen. Das Fernsehen braucht den Führer wie der Mensch die Luft zum Atmen, der Führer macht Quote, Guido Knopp war vielleicht der erste, der diesen Hunger, oder sagen wir auch: diese schwarze Sehnsucht der Deutschen nicht nur erkannte, sondern auch umfangreich bediente. Wieder und wieder, denn der deutsche Fernsehzuschauer kann von dieser Speise nie genug bekommen, ist unersättlich.

Am Vortag lief im TV „Grüß Gott und Heil Hitler”, da war es natürlich leicht, auf den Führer zu stoßen. Sonst findet man ihn etwa in einer Sendung wie „Deutsche Lebensläufe” oder in einem Kulturfilm über die Brieftaubenzucht. Auch wenn es um österreichische Schönheitsköniginnen gehen sollte, wird der Führer präsent sein, um Familienlegenden wie die Porsches oder um Bayern in den zwanziger Jahren – und wenn es für eine Sekunde ist: Der Führer ist da.

Gut, räumt Eugen ein, es mag Tage geben, wo er nicht auf dem Schirm ist, aber meine Hand möchte ich dafür nicht ins Feuer legen.

Heute aber interessiert Eugen Verheugen noch etwas anderes, wenn auch Benachbartes: Es vergeht kein Tag im TV ohne Fritz Wepper. Fritz Wepper ist noch präsenter als Christine Neubauer. Was ist so unwiderstehlich an Fritz Wepper? Er ist seit vielen Jahren verheiratet, soll aber auch häufig Geliebte haben. Wahrscheinlich ist er selbst ganz solide. Die Frauen sind es wahrscheinlich, die ihm die Türen einlaufen, weil sie ihn aus dem Fernsehen kennen. Nicht Geld ist erotisch, sondern Fernsehpräsenz. Die ultimative und unerreichbar erfolgreiche Fernsehshow müsste wohl Adolf Hitler, Christine Neubauer und Fritz Wepper vereinigen. Mal sehen, wann das kommt. Hitler liebt Christine Neubauer, aber die fühlt sich mehr zu Fritz Wepper hingezogen. Was ist an Fritz Wepper denn besser als an mir, wütet der Führer. Was kann Fritz Wepper, das ich nicht kann. Ein mutiger Regisseur könnte auch Adolf Hitler mit Christine Neubauer besetzen. Sie hat schon alles gespielt, sagt Eugen Verheugen beim dritten Bier, auch ganz unterschiedliche – nun, sagen wir ruhig – Charaktere, aber eine Hosenrolle meines Wissens noch nicht, wenn sie ja auch immer irgendwie die Hosen anhat.

In tausend Jahren, vermutet Eugen, wird Hitler im öffentlichen Bewusstsein eine mythologische Gestalt sein wie Spartakus oder Rübezahl. Das sind die Sätze, die biedere oder politisch korrekte Freunde nicht gelten lassen wollen, aber die, sagt Eugen, sind nicht in der Lage, das Spielerische meiner Visionen zu erkennen, und auch das Spielerische in der Geschichte selbst.

Am Nebentisch saß ein Mann, der mir bekannt vorkam. Neben ihm eine Frau, die ich nicht kannte. Ich grub in meiner Vergangenheit. Der Mann war rundlicher geworden, die Haare grau. Er lachte. Er hatte früher kaum je gelacht. Die neue Heiterkeit lag garantiert an dieser Frau. Lange überlegte ich, ob ich auf ihn zugehen sollte (Bist du’s, Heiner?), bis die Frau nach der Uhrzeit fragte. Da gaben wir einander zu erkennen. Woher kennt ihr euch denn, fragte die Frau verwundert. Aus dem Krieg, sagte der ungefragte Eugen. Da waren wir auch schon beim fünften Bier. Heiners Frau lachte aus vollem Herzen. Aus dem Krieg, sagte sie, aus dem Krieg! Eugen Verheugen war sehr zufrieden, auch wenn es wohl das letzte Mal in diesem Jahr gewesen war, dass wir im Biergarten saßen und er seine Pfeife rauchen konnte. Er war stark genug, für unsere fünf Biere auf das Rauchen zu verzichten. Bloß nicht sich in die Hölle einer Raucherkneipe begeben.

Auf fünf Bier mit Eugen Verheugen – 4: Alte Rollen

© Fritz-Jochen Kopka

„Zwar eine Sonne, sagt man, scheint dort auch …”

Drei junge Musliminnen kreuzen meinen Weg, selbstbewusst, erotisch („das freche, junge Fleisch”), rauchend, so dass ich an Sarrazin denken muss. Ein Volksredner oder besser -brüller mit wüstem Vollbart kommt mir entgegen, ich bemühe mich, ihn zu ignorieren, er schreit seine Parolen nur so heraus. Schon sehe ich Eugen Verheugen vor der Hochhauskneipe, eine hohe Gestalt mit sparsamen weißen Haaren, ich lobe seine Jacke im grünen Military-Look, ach, die hing vergessen im Schrank. Wir setzen uns in den Biergarten, neben den Brunnen, es ist noch nicht zu kühl. Am Nebentisch zwei alte Damen, deren jede sich freut, jemanden zu haben, bei dem sie Dampf ablassen kann. Ich gebe Eugen die Flasche Royal Lochnagar, nachträglich zum Geburtstag, er ist gerührt, ohne Zweifel. Ein paar Meter weiter gestylte Gestalten am Stehtisch, denen der Zigarettenqualm nicht nur aus Mund und Nase, sondern auch aus den Ohren strömt, nebenher wird noch ins Handy gequatscht.

Eugen schenkt mir ein Zitat von Kleist, mit dem er sich in letzter Zeit beschäftigt hat. Er wundere sich, welche Schätze man in der Hand habe, wenn man zu Hause in die Regale greife. Wie konnte man das vergessen! Das empfinde ich auch: der größtenteils ungehobene Reichtum der eigenen Bibliothek, bei mir noch ungehobener als bei ihm.

Hab ich dir schon erzählt, wie ich mit Günter Lamprecht, dem großen Mimen, eine Flasche Nordhäuser Doppelkorn trank?, fragt Eugen Verheugen. Es ist schon länger her, aber darum ist es nicht weniger wahr.

Auf dem Alexanderplatz  fand  ein Filmevent statt, Eugen Verheugen kam von einem ungeplanten Sonnabendeinkauf, bemerkte, wie der Schauspieler Lamprecht als dick eingemummelte Gestalt (ein Kälteeinbruch mitten im Sommer) auf einer Bühne interviewt wurde, anschließend wurde sein Film gezeigt, und Lamprecht setzt sich auf eine nasse Bank in der letzten Reihe. Während des Interviews hatte Eugen Verheugen schon kräftigen, vielleicht auch übertriebenen Applaus gespendet, um andere Zuschauer mitzureissen. Nun drehte er sich zu Lamprecht um und sagte: Erkälten Sie sich nicht, Herr Lamprecht. Ach, sagte Lamprecht, keine Gefahr, ich bin so dick angezogen… Na, sagte Eugen Verheugen, man soll nicht leichtsinnig sein. Wollen Sie’n Schnaps? Oh nein, sagte Lamprecht, auf keinen Fall. Ich komm gerade vom Einkaufen, sagte Eugen Verheugen, die Flasche ist noch verschlossen. Na, wenn Sie meinen, sagte Lamprecht und nahm einen Schluck und Eugen Verheugen ebenfalls.

Warum sieht man Sie nicht mehr im Fernsehen, nicht mehr im Kino, Herr Lamprecht, fragte Eugen. Ich weiß ja, sagt er nun zu mir, dass das eine törichte Frage war, aber sie hielt das Gespräch am Laufen.

Die Bücher, antwortete Lamprecht, es sind die Drehbücher, sie sind einfach miserabel. Freundliche vertrottelte Opas könnte ich ohne Ende spielen. Aber das will ich nicht.

Wollen Sie noch ’n Schnaps?, fragte Eugen Verheugen.

Nein, nein, wehrte der Schauspieler bescheiden ab.

Da ist noch viel drin!

Na gut, sagte Lamprecht, den letzten. Ich muss dann los, meine Frau wartet im Hotel.

Warum erzähl ich dir das jetzt? , sagt Eugen Verheugen und hält inne.

Na, ist doch ’ne schöne Geschichte, sage ich.

Ach, du hast ja ’n Knall, sagt Eugen Verheugen das erste Mal an diesem Tag. Ich komme darauf, weil Woody Allen gerade etwas Ähnliches gesagt hat: In meinem Alter kann man nur noch Pförtner oder Onkel spielen. Das ist eine bittere Pille. Sagt Woody Allen in der „Zeit”. Schon auch ambivalent. Man kann keinen Liebhaber spielen, muss aber auch keinen Helden mehr geben.

Ja. Aber ob es stimmt? Für eine Gestalt wie dich zum Beispiel könnte man sich sehr originelle Situationen ausdenken.

Du hast ja ’n Knall, sagt Eugen, jetzt häuft es sich also wieder. Was sollen denn das für Situationen sein?

Du bist im Krankenhaus, wirst operiert, bleibst ein paar Tage zur Beobachtung da, nach und nach wenden sich alle Patienten mit ihren Problemen auf Grund deiner sozialen Kompetenz und deines kommunikativen Talents an dich, als wärst du der Professor. Scheust dich auch nicht, mit den Kranken diesen oder jenen Doppelkorn zu trinken.  Ist doch alles schon passiert.

Es ist klar, was Eugen Verheugen zu dieser Bemerkung sagt.

Wenn man rein geht in die Kneipe, wird  man aufmerksam gemustert. Man schifft in die Becken, in denen sich kleine Fußballtore befinden, und der Urinstrahl treibt einen kleinen Ball ins Tor hinein und auch wieder raus. Nichts ist so unendgültig wie ein Tor. Wenn man das WC verlässt, muss man aufpassen, dass man nicht von einem Pfeil getroffen wird, denn genau neben der Tür befindet sich ein Dartspiel. No risk no fun. Das Kleist-Zitat, das Eugen Verheugen mir schenkte, ist dieses aus dem „Prinz von Homburg”: „Zwar eine Sonne, sagt man, scheint dort auch,/Und über buntre Felder noch, als hier:/Ich glaubs; nur schade, dass das Auge modert,/ Das diese Herrlichkeit erblicken soll.” Er hat die Zeilen sorgfältig mit kursiven Druckbuchstaben abgeschrieben. So könnte ja ein Film mit einer Gestalt wie Eugen Verheugen anfangen. Er sitzt an einem Tisch in seiner Wohnung und schreibt diesen Satz von Kleist sorgfältig in seiner schrägen Schrift auf einen Zettel. Und schon ist etwas aufgehoben.

Auf fünf Bier mit Eugen Verheugen – 3: Talent

© Fritz-Jochen Kopka

„Was ich dem Leben vorenthalten habe, hat das Leben mir schon lange vorenthalten.”

Auf der anderen Seite der Straße steht Eugen Verheugen neben einem gewaltigen BMW-Bike. Das war doch sündhaft teuer, sage ich scheinheilig, aber Herr Verheugen zieht es vor, darauf  nicht zu reagieren.

Er hat die Lage vor Ort schon gepeilt. Im Haus Berlin sitzen nur drei sächsische Parteiveteranen. Er vermutet, dass ich da etwas empfindlich bin, wenn sie etwa zu zehnt am Tisch sitzen, die Vergangenheit vergessen und über alles genauestens bescheid wissen: über die Möärgel (die Merkel), die Bieroden (die Piraten) und den Räschen (den Regen im Zuge der Erderwärmung).Nein, ich habe nichts gegen sie, aber sie sollten nicht so schreien, sie sollten das Zweifeln und auch etwas Hochdeutsch gelernt haben, wenn sie nun schon so lange in Berlin erst als Funktionselite und dann als saturierte Rentner leben.

Kellner und Geschäftsführer winken uns an unseren Lieblingstisch. Haben Sie noch etwas Bier im Haus?, frage ich. Das ist der Humor, den man hier schätzt.

Die Ulysses-Lesung im Radio ist vorbei. Eugen zweifelt inzwischen, dass er das Werk seinerzeit vollständig gelesen hat. Was er nun hörte, kam ihm zu Teilen völlig unbekannt vor, war aber gut, hervorragend gelesen, durch die Lesung wird manches verständlicher und überhaupt erst bemerkbar. Im Moment lesen sie im Radio den neuen Roman von Paul Auster, Sunset Park. Der sei eben wie alle Austers.

Da kann ich mich nicht anschließen. Ich kenne nicht alle Austers, aber die New-York-Trilogie und Music of Chance habe ich doch in Erinnerung behalten, auch Mann im Dunkel, das ich in schlaflosen Krankenhausnächten im Original (Man in the Dark) las, machte mir Eindruck. Auch die Brooklyn-Revue war nicht übel. Ich hege den Verdacht, dass Siri Hustvedt, seine Frau, auch Schriftstellerin, Auster zu schaffen macht. Eine blonde Intellektuelle mit schwedischen Vorfahren, die bei zweideutigen Gesprächsstellen übertrieben lacht. Auster sieht so aus, als habe er es nicht leicht zu Hause. Die weißen Strähnen im schwarzen Haar, eine gewisse Eulenäugigkeit, somnambule  Züge. Ich täusche mich wohl nicht. Die Interviewerin Susanne Mayer zum Beispiel sitzt für die „Zeit” unweit des Sunset Park mit Auster im Gartenhof des Cafés Melissa und stellt fest, dass der Autor in seinen Sechzigern „trotz seines gerühmten Sex Appeals ein wenig ramponiert, sagen wir verschwitzt, wirkt”.

Und was ich auch noch sagen wollte. Ich habe gerade einen Erzählungsband von Alice Munro gelesen. Tolle Texte dieser Kanadierin, fremde Welten, gut komponiert und formuliert, aber wenn ich nachdenke, habe ich so gut wie nichts behalten. Vielleicht gibt’s in der Literatur auch so etwas wie Nachhaltigkeit.

Mit dem Begriff kann ich nichts anfangen, sagt Eugen, auch in der Wirtschaft nicht, was soll das sein?

Na, dass etwas zurückbleibt, nachwirkt, nicht sofort wieder verfliegt, wenn man es konsumiert hat. Bücher, die man vor dreißig Jahren gelesen hat und von denen immer noch was im Bewusstsein ist. Wie Fürst Myschkin, man ahnt es vom ersten Moment an,  die wertvolle Vase in der fremden Wohnung zerschlägt. Das Haus, in dem Augie March wohnt. Irgendeine seltsame Außentreppe.

Das ist normal, meint Eugen, das muss man nicht nachhaltig nennen.

In literarischen Dingen ist Eugen Verheugen schwer zu widersprechen. Er ist ein Schriftsteller, allerdings einer, der von sich sagt: Mein Schriftstellerleben liegt hinter mir. Das habe ich einfach so beschlossen. Wozu schreiben? Wer will das?

Er ist ein Schriftsteller, der nicht mehr schreibt, und wenn er doch schreibt, schreibt er an einem Roman über einen Schriftsteller, der einen Roman über einen Schriftsteller schreibt, der nicht mehr schreibt. Eugen Verheugen ist Minimalist geworden. Manchmal, sagt er, schreibt er ein Gedicht. „Gar nicht schlecht, würde ich sagen, und ich bin keiner, der zum Selbstlob neigt. Und wenn dann so ein Stoß Gedichte zusammen gekommen ist, dann zerreiße ich sie.”

Das ist barbarisch, sage ich.

Mein Schriftstellerleben liegt hinter mir, sagt Eugen Verheugen. Wer soll das lesen!

Irgendeine Rechnung im Leben ist nicht aufgegangen, wenn es denn überhaupt so ewas Konkretes wie eine Rechnung gegeben hat. Talent war da. „Aber ich habe ja nichts gemacht”, sagt Eugen. „Ich habe zu Hause gesessen und gelesen. Deshalb kenne ich auch mehr Bücher als du und alle anderen. Und ab und zu habe ich geschrieben. Nicht viel. Ich hätte mehr daraus machen können.”

Sagt man nicht, dass Talent verpflichtet? Hast du der Gesellschaft oder dem Leben oder auch dir selbst nicht etwas vorenthalten?

Du hast ja ’n Knall, sagt Eugen. Was ich dem Leben vorenthalten habe, hat das Leben mir schon lange vorenthalten. Ich habe mich einfach genauso bescheuert verhalten wie das Leben. Das ist mein gutes Recht.

Auf alle Fälle, sage ich. Aber ’n Knall hast du auch.

Ja, sagt er, diese Formulierung schätze ich sehr. Gerade, weil sie so irrational ist. Was soll das überhaupt sein in diesem Zusammenhang? Wir haben alle einen verdammten Knall.

Wir zahlen nach dem fünften Bier. Die Kellnerin, die den Kellner abgelöst hat, schenkt uns noch einen Grappa. Sie haben ja ’n Knall, sagt Eugen Verheugen, aber so leise, dass sie es nicht hört.

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Auf fünf Bier mit Eugen Verheugen – 2: Heimatstädte

Juli 12, 2012 1 Kommentar
© Fritz-Jochen Kopka

Unglückliche Kindheit, unglückliche Liebesgeschichten, flaschengrüner Konfirmationsanzug

Mit Eugen Verheugen bin ich am Strausberger Platz verabredet. Sonne scheint. Biergarten. Bei meiner Ankunft ist Eugen bereits vom Kellner in ein Gespräch verwickelt worden. Oder umgekehrt, ich würde eher sagen umgekehrt.

Eine Sache weißt du von mir noch nicht, sagt Eugen Verheugen, während der Kellner Bier holen geht.

Da bin ich aber gespannt, sage ich.

Musst du nicht, sagt Eugen Verheugen, aber ich heiße gar nicht Eugen Verheugen.

Was?

Nein. Ich heiße Eugen Verzeugen. Aber der Name war mir peinlich.

Wieso denn, frage ich und bin ehrlich gesagt von den Socken.

Na ja, sagt er. Verzeugen, das klingt so fortpflanzungspolitisch, irgendwie nach misslungenem Sex…

Meine Güte, Eugen, sage ich, geht’s noch? Jetzt muss ich die Kategorie meines Blogs ändern. Auf fünf Bier mit Eugen Verzeugen.

Meinst du, die Leute akzeptieren das?

Ach. Die Leute lesen das sowieso nicht. Außer es gibt einen, der wirklich Eugen Verheugen heißt.

Kann ich mir nicht vorstellen, dass es wirklich so einen gibt.

Monsieur Verheugen, äh, Verzeugen, hat im TV eine Reportage über Bierbrauerei gesehen und ist nunmehr der Meinung, dass alle Biere gleich schmecken und das deutsche Reinheitsgebot zu einer reinen Auslegungsfrage verkommen ist. Ja ja, sage ich, neulich haben sie ne Reportage über die Brotherstellung gebracht und mitgeteilt, dass die Bäcker alle nicht mehr selber packen und folglich das Brot auch nicht mehr schmeckt. Mit solchen Parolen wollen sie doch bloß Quote machen. Man muss verdammt aufpassen, dass man kein Medienopfer wird. Dann schmeckt einem nämlich gar nichts mehr.

Die Reportage war sehr gut, sagt Eugen zweifelnd, solide recherchiert, das hatte alles Hand und Fuß.

Hand und Fuß haben wir auch, sage ich.

Ach, du hast ja ’n Knall, sagt Eugen.

Ja, aber ich ändere meinen Namen nicht.

In Tschechien, soviel weiß Eugen, soll es um das Brauwesen vergleichsweise noch am besten bestellt sein, folglich trinken wir Staropramen, das Bier aus Prag. Er hat viel Radio gehört und Bücher der Dokumentarautoren Collins/Lapierre gelesen. O Jerusalem. Brennt Paris. Sie nutzen die Schnitttechnik des Films. Die Lesungen im Funk haben ihm nicht zugesagt. Da gab es einen hochgejubelten jungen Dichter, dessen Namen er vergessen hat. Schiefe Sätze musste er hören, die ihn sofort zum Abschalten bewegten.  Meistens haben solche Sätze mit dunklen Zimmern und geisterhaft wehenden Gardinen zu tun. Er hört allerdings auch die meisterhafte Ulysses-Lesung nachmittags um halb drei: Meistens bin ich da müde, aber das macht nichts.

Wir kommen auf unsere Heimatstädte zu sprechen, auf die Geschichte mit dem amputierten Raucherbein einer Mitschülerin.

Das Raucherbein, erläutert Eugen Verzeugen, hat nichts mit dem Rauchen zu tun. Es wurde benannt nach einem Mediziner namens Dr. Raucher, der entdeckt hat, dass es sich dabei um einen irreparablen Arterienverschluss handelt.

Im Zweifelsfall, kann ich da nur sagen, weißt du immer mehr als alle anderen Leute.

Mit welchen Gefühlen näherst du dich deiner Heimatstadt, will Eugen wissen, fährst du gern dorthin?

Ja, sicher, aber eine gewisse Beklommenheit erfasst mich schon, wenn der Zug hält.

Ich mag die Stadt nicht, sagt Eugen, ich hatte eine unglückliche Kindheit. Unglückliche Liebesgeschichten. Mein Konfirmationsanzug war flaschengrün, gebraucht gekauft, ziemlich knapp saß er mir. Was mich gerettet hat, waren die Bücher. Mit vierzehn las ich Dostojewski und Tolstoi. Habe nicht viel verstanden. Gefallen haben mir die alten Leute, wenn sie so schöne Gehstöcke hatten. Wo kann man heute noch einen besonderen Gehstock erhalten! Und die Münzsammlung, die ich von meinem Großonkel erbte. Die hat mir später das Überleben ermöglicht.

Das fünfte Bier ist geleert. Wir nehmen noch ein sechstes. Der Kellner ist schon über fünfzig. Hätte man nicht gedacht. Als Fußballfan steht er eisern zu Bayern München. Wird von uns alles toleriert.

Auf fünf Bier mit Eugen Verheugen

© Fritz-Jochen Kopka

Eugen Verheugen macht es nichts aus, ein Misanthrop zu sein

Manchmal treffe ich Eugen Verheugen nicht auf eine Zigarette wie Alt-Kanzler Schmidt, sondern auf fünf Bier, maximal sechs. Wir sehen uns im Brauhaus am  Alexanderplatz, im „Haus Berlin” am Strausberger Platz oder in der Hochhauskneipe an der Jannowitzbrücke. Bei Eugen Verheugen bilden sich schnell Animositäten heraus. Zur Zeit ist ihm die Hochhauskneipe an der Jannowitzbrücke suspekt, entweder verstehen die Kellnerinnen seine Witze nicht oder sie verstehen sie zu gut oder sie animieren ihn, zuviel zu quatschen, was ihm hinterher peinlich ist, weil er es hasst, in die Quasselfalle zu geraten. Also landen wir im Brauhaus am Alexanderplatz, wo es ihm allerdings meistens zu sehr nach Essen riecht, was er gar nicht schätzt, ebenso wenig wie das Kreischen betrunkener Frauen und das Lärmen machohafter Männer. Penibel sucht er nach einem möglichst störungsfreien Tisch. Der Herr ist sehr anspruchsvoll, warne ich den Kellner, es wird die Hölle für Sie.

Macht mir nichts aus, sagt der Kellner, ich hab gleich Feierabend.

Im Brauhaus kreuzen viele Migranten auf, die das Gefühl haben, in Berlin heimisch geworden zu sein, und jede Menge Touristen, die Eugen Verheugen nicht schätzt. Er mag auch die Sommerzeit nicht und weigert sich, seine Uhren umzustellen, so dass er ständig die Zeit umrechnen muss. Der große Ecktisch rechts wird im Brauhaus regelmäßig von Groß- und Patchworkfamilien belegt, die sich hier zu Hause fühlen, essen, albern, sich fotografieren, Pakete auspacken, die Kinder wiegen. Wenn es nicht zu laut wird, duldet Eugen Verheugen das. Er sieht sich als Misanthrop und Ausländerfeind, wenn er auch nicht müde wird, die Vietnamesen zu loben, ihren Fleiß, ihren Charme, ihre Freundlichkeit und wie gut und streng sie ihre Kinder erziehen. Gut und streng, das ist für ihn eins.

Am Brauhaus schätzt Eugen Verheugen, dass man hier zum Bier eine Brezel verzehren kann, die nicht nach Essen stinkt. Charmant bittet er den Kellner und lieber noch die Kellnerin, die Brezel aufzuwärmen, und wenn ihm dieser Wunsch nicht abgeschlagen wird, ist er zufrieden. Letztlich besorgt er sich darum, was andere freuen würde: Eugen Verheugen hat festgestellt, dass er Gewicht verliert. Er wird zu einer hohen hageren Gestalt mit kurz geschnittenem weißem Haar. Er wird doch nicht gar magersüchtig sein wie Sven Hannawald?

Heute knöpft Eugen Verheugen sich das Fernsehen vor. Es ist empörend. Was kann man sich überhaupt noch anschauen? Eigentlich nichts. Alles ist unerheblich, verkitscht, schlecht erzählt, amerikanisiert, unverständlich, miese Dialoge, der hundertste bis tausendste Aufguss, unerträglich. Ich sehe mir nur noch Tiersendungen und Kochsendungen, fängt Eugen Verheugen unvermittelt an zu schwärmen. Wie genau man da doch die Tiere kennenlernt und wie intelligent sie sind! Und die Kochsendungen! Das sieht alles so appetitlich aus! Man fühlt sich auf leichte Art gesättigt und muss gar nicht selber noch etwas essen.

Ich kann nicht glauben, was ich da höre. Kann das wahr sein? Du guckst Kochsendungen, glaubst davon satt zu werden und wunderst dich, wenn du abnimmst?

Du hast ja ’n Knall, sagt Eugen Verheugen. Du drehst den Menschen das Wort im Munde um.

An diesem Tag sagt er nichts mehr. Vielleicht müsste er höhere Fernsehgebühren zahlen.