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Archive for Oktober 2016

Die Leipziger glauben an ihre Lerchen

„Das Kreuz auf dem Gebäck sind die Bänder, die damals zum Zubinden der gefüllten Tiere verwendet wurden.” Wiener Feinbäcker

„Das Kreuz auf dem Gebäck sind die Bänder, die damals zum Zubinden der gefüllten Tiere verwendet wurden.”
Wiener Feinbäcker

Ich weiß noch, dass Leipzig nach der Wende als eine verlorene Stadt galt. Das Zentrum sah noch einigermaßen aus, aber in den äußeren Quartieren hatten die Häuser doch mehr oder minder Ruinenstatus. Die Schlauen meinten, man müsse die Stadt verlassen; sie sei abgehängt und ihre Bewohner erst recht. Aber immerhin. Es gab Auerbachs Keller, den Naschmarkt, das Alte Rathaus und die Alte Handelsbörse. Was eine richtige Messestadt ist, das rappelt sich auch wieder hoch, und so sieht es heute aus. Der Bahnhof – der größte Sackbahnhof Europas, wie man immer sagte – ist nicht mehr wiederzuerkennen, wobei ich nicht weiß, ob das der Sinn einer Rekonstruktion sein kann. Der Leipziger zeigt wieder Stadtstolz. Er kommt zu Besuch und bringt als kleines Gastgeschenk eine Leipziger Lerche mit, diese Gebäckspezialität.

Die Leipziger Lerche ist repräsentativ verpackt. Um die Sache abzurunden, ist ihr ein Infozettel beigegeben. Da erfahren wir nun zu unserem Entsetzen, woher die Gebäckspezialität ihren Namen hat. Die Leipziger verzehrten früher besonders an Festtagen Singvögel als kulinarische Delikatesse. Die lieben Sachsen. Man kann nur staunen. Nach dem Verbot des Vogelfangs im Stadtgebiet 1876 kreierten die fischelanten Bäcker aus Mürbeteig, Mandeln, Nüssen und Erdbeerkonfitüre ein Surrogat: die Leipziger Lerche. Sie hat mir trotz allem geschmeckt. Ich las den Zettel allerdings auch erst nach dem Essen.

Ich erinnere mich, dass meine Wirtsleute zu meiner Leipziger Studentenzeit auf dem Balkon etliche Vögel in einer Voliere hielten. Ein Kommilitone hatte ein Vergnügen daran sich auszumalen, wie man die Vögel briet und verzehrte, und schließlich kämen die Wirtsleute nach Hause und sähen nur noch die Überreste ihre Lieblinge. Ich weiß nicht, was in den Jungen gefahren war, zumal er auch noch den Spitznamen Dohle trug.

 

Der Schlaf des Gerechten (8)

Wer schläft sündigt wahrscheinlich nicht © Fritz-Jochen Kopka

Wer schläft sündigt wahrscheinlich nicht
© Fritz-Jochen Kopka

Am Ostkreuz versucht ein Typ verzweifelt, sich anrempeln zu lassen, um dann explodieren zu können, zweimal hat er’s fast geschafft, aber die Leute ziehen kurz die Schulter ein oder machen einen Ausfallschritt, und die tickende Zeitbombe vom Dienst muss es weiter versuchen. In der S-Bahn dann liegt direkt neben der Tür ein Mann und schläft den Schlaf des Gerechten. Gerechter als er kann keiner sein. Man sieht seinem Gesicht an, dass er schöne Träume träumt. In seiner Nähe befindet sich keine leere Schnapsflasche, sondern ein gemütlicher Becher Coffee to go, Hose und Schuhe sind die eines Freizeitsportlers. Die Schuhbänder hat der Gerechte sorgfältig gelöst, nachdem er den Kaffee getrunken hatte und die Schläfrigkeit nach ihm griff. Sicher ist er zu warm angezogen für die S-Bahn, besonders die Schlumpfenmütze sorgt dafür, dass seine Ohren sich röten. Besser als frieren ist das allemal. Warum kommt mir jetzt das Benn-Gedicht in den Sinn, in dem es heißt: Sie aber lag und schlief wie eine Braut am Saume ihres Glücks der ersten Liebe? Wahrscheinlich doch, weil sich auch beim Anblick dieses Mannes der Eindruck einer schönen Harmonie einstellt. Es ist die frühe Abendstunde. Auf den Bänken neben dem Gerechten hat sich eine schwedische Jugendgruppe niedergelassen. Andere Länder, andere Sitten, scheinen die unaufgeregten Schweden zu denken, so lebt man also in der Partystadt Berlin, man schläft im Fahren neben der Tür. Als sie die Bahn Jannowitzbrücke verlassen, steigen sie behutsam über den Schläfer hinweg. Die Party hat noch nicht begonnen. Ach, wenn ihr doch alle so schliefet …

Der Angeber in mir

Ich glaube,diese CD hab ich mir vor Jahren in Boston gekauft, in einem traumhaften Plattenshop (wenn ich auch mal ein bisschen angeben darf)

Ich glaube, diese CD hab ich mir vor Jahren in Boston gekauft, in einem traumhaften Plattenshop (wenn ich auch mal ein bisschen angeben darf)

Chuck Berry lebt, wurde letzte Woche 90, da gab’s natürlich einige Würdigungen, und man erfuhr, dass er aus seiner Kindheit keine Elendsgeschichten zu erzählen hat, er stammt aus geordneten Verhältnissen. Urvater des Rock ’n ’Roll nennt man ihn. „Die persönlichen Eskapaden dieses Mannes, dessen Launenhaftigkeit und Reizbarkeit gefürchtet waren – man frage nur Keith Richards –, stehen auf einem anderen Blatt”, schreibt Edo Reents in der FAZ. Ja, genau, warum fragen wir nicht Keith Richards, wenn wir ein paar Interna über Chuck Berry erfahren wollen, seine Handynummer ist ja allgemein bekannt, vielleicht kommt er auch einfach mal vorbei, und warum fragen wir nicht den Papst, wenn wir wissen wollen, was er über Martin Luther denkt.

Ist aber wirklich blöd, wenn einer den Angeber in sich so wenig verbergen kann wie dieser Reents.

Das müsstest Du wissen

Oktober 20, 2016 2 Kommentare

In fremden Regalen fand ich den Briefwechsel von Hannah Arendt und Mary McCarthy, den ich mir auslieh, obwohl ich ahnte, dass ich das Buch wahrscheinlich nicht lesen würde, es liegt sowieso viel zu viel Literatur neben meinem Bett, neben meinem Sessel und neben meinem Stuhl, aber ich las das Buch zu meiner eigenen Überraschung nahezu unverzüglich, nachdem ich einmal angefangen hatte; es zog mich rein.

Der Blick, die Hand, die Zigarette – eine Ikone der Moderne

Der Blick, die Hand, die Zigarette – eine Ikone der Moderne

Wer Hannah Arendt ist, weiß jeder. Aber wer ist Mary McCarthy? In meiner frühen Jugend gab es diesen zerstreuten, aber lebenskünstlerischen Roland, der einen älteren Bruder hatte, der in Westberlin studierte, es war vor 1960. Dieser Bruder war absolut auf der Höhe der Zeit, er wusste, welche Filme man sehen und welche Bücher man lesen sollte, er brachte dem lieben Roland auch „Die Clique” von Mary McCarthy mit. In dem Buch geht’s um acht College-Girls des Vassar College und ihre Lebenswege. Roland redete immer von Goethe, Goethe, Fritz, sagte er, Goethe sagt ja auch, und dann kam etwas Zerstreutes aus seinem Kopf. Mit der „Clique” konnte er nichts anfangen, die gab er mir. Es ging um Verhütung, außerehelichen Sex, Kindererziehung und Psychoanalyse. Mary McCarthy war sehr konkret, sie beschrieb den Sex anatomisch, sie war witzig, geistreich und cool.

Man redet immer von Männerfreundschaften, aber Hannah Arendt und Mary McCarthy – das war eine unglaubliche Frauenfreundschaft, und da Arendt größtenteils in New York lebte und McCarthy größtenteils in Paris schrieben sie sich viele Briefe und versicherten sich einander, wie sehr sie sich fehlten, da ist kein falscher Ton dabei. Der Briefwechsel geht von 1949 bis zu Arendts Tod 1975.

Hannah Arendt ist in zweiter Ehe mit dem ebenfalls nach Amerika ausgewanderten deutschen Gelehrten Heinrich Blücher verheiratet. Mary McCarthy lässt sich gerade von ihrem dritten Ehemann Bowden Broadwater scheiden, eine schwierige Geschichte, der offensichtlich schwache Mann kann von der starken Frau nicht lassen. Hannah Arendt rät, ermutigt, gibt der Freundin recht mit unwiderlegbaren Argumenten und wird dabei nie gefühlig.

Plötzlich bekommt das Buch einen Bruch, mit diesem Telegramm: HEINRICH SAMSTAG AN EINEM HERZINFARKT GESTORBEN HANNAH. Es ist der 1. oder 2. November 1970. Drei Wochen später schreibt Arendt: „Ich glaube nicht, dass ich Dir erzählt habe, dass ich während zehn langer Jahre beständig Angst hatte, dass genau so ein plötzlicher Tod eintreten würde. Diese Furcht grenzte häufig an echte Panik. Wo die Furcht war und die Panik, da ist nun einfach Leere.” Und McCarthy antwortet: „Ja, ich wusste seit zehn Jahren, dass Du Angst vor diesem plötzlichen Tod hattest, wusste es und sprach, da ich mehr oder weniger Angelsächsin bin, darüber nicht mit Dir … Aber die Abwesenheit der vertrauten Angst muss in gewissem Maße eine Erleichterung sein … Du musst Dich fühlen, als ob Du mit jemandem lebst, den Du kaum kennst – mit Dir selbst ohne Angst.”

Das Buch, das eigentlich Roland gehört, mitgenommen von der Last der Jahre

Das Buch, das eigentlich Roland gehört, mitgenommen von der Last der Jahre

Zwei Frauen, die wissen, dass ihre Zuneigung jede Offenheit verträgt, ja, ihrer bedarf. Es gibt Momente, wo eine langjährige Freundschaft, in der zwei starke Menschen unerschrocken miteinander reden, plötzlich sensibles Territorium wird: „Es war traurig”, schreibt McCarthy, „Dich am Flughafen durch die Tür gehen zu sehen, ohne dass Du Dich noch einmal umgedreht hast. Etwas geschieht oder ist geschehen mit unserer Freundschaft … Das mindeste, was ich vermuten kann, ist, dass ich Dir auf die Nerven gefallen bin.” Aber nein, es war nichts. „Ich weiß nicht, warum ich mich auf dem Flughafen nicht mehr umgedreht habe … Was ich dagegen weiß, ist, dass ich in allen rein psychologischen Angelegenheiten nicht feinfühlig und eher begriffsstutzig bin. Aber das müsstest Du seit langem wissen.”

Hannah Arendt/Mary McCarthy: Im Vertrauen. Briefwechsel 1949 – 1975. Herausgegeben von Carol Brightman. Piper Verlag

Besser betteln

In einem anderen Land. So anders auch wieder nicht © Christian Brachwitz

In einem anderen Land. (So anders auch wieder nicht)
© Christian Brachwitz

Wenn schon Wahlkampf, dann bitte nicht den amerikanischen. Als Kompensation bieten wir hier den aus Österreich. Die Freiheitlichen, wie man die von der Freiheitlichen Partei Österreichs nennt, haben zwar wenig Haare, aber viel Optimismus. Und sie sagen, warum sie nachgerade triefen vor Zufriedenheit: Bettelverbot wirkt. 75 Prozent weniger Bettler. Ich weiß nicht, wie man solche Zahlen erhebt und wie stabil sie sind.

Ich finde Betteln auch nicht schön. Ob man den Bettlern was gibt oder nicht, man hat in beiden Fällen ein schlechtes Gewissen. Irgendwie. Ich habe in Warschau mal einer Zigeunerin (damals durfte man das noch sagen) was gegeben, zum Dank sagte sie mir die Zukunft voraus und plünderte mich bei dieser Gelegenheit mit ihren gespenstisch flinken Händen aus. Ein Kollege neben mir sagte: Und du kannst nicht mal darüber schreiben. Das wäre Diskriminierung gewesen. Heute kann man, aber ich tue es trotzdem nicht.

Im Mittelalter soll Bettler ein ehrbarer Beruf gewesen sein. Die Berufsausbildung nahmen die Eltern persönlich vor. Wirklich Bedürftigen wurden amtliche Bettelbriefe ausgestellt. Man sieht es auch heute: Es gibt Bettler, die können das sehr gut, man hat gar nicht das Gefühl, dass sie betteln, und fühlt sich auch nicht schlecht, wenn man ihnen einen Euro gibt; sie sind auch noch genau so freundlich, wenn man ihnen nichts gibt. Am besten wäre es natürlich, wenn niemand Veranlassung hätte zu betteln. Ob ein bedingungsloses Grundeinkommen das schaffen könnte? Bettler wird es immer geben, sagen die Weisen, die allerdings oft unrecht haben.

Ist Jasper von Altenbockum ein Bonze?

Über das Desaster der sächsischen Polizei im Fall des syrischen Terroristen Jaber Albakr haben wir viel gehört, aber das noch nicht: Jasper von Altenbockum kommentiert in der FAZ, wir sollten nicht so besserwisserisch über die Polizei und die Justizvollzugsbehörden faseln, sondern die Leistungen der Beamten würdigen. Aber: „Nicht der Erfolg beschäftigt die veröffentlichte Meinung, sondern das Vorurteil, einen gravierenden Misserfolg, einen ›Skandal‹ entdecken zu können.”

Die Polizei lässt den Syrer in Chemnitz entkommen, weil sie offenbar zu dick angezogen ist. Sie meldet („überglücklich”), dass es ihr gelungen ist, den Verdächtigen zu fassen. Dann erfahren wir, dass es drei Syrer waren, die der Polizei nicht nur den entscheidenden Hinweis (und zwar zweimal) gaben, sondern den Landsmann auch noch fesselten und ihn der Polizei sozusagen auf dem Silbertablett servierten, weil sie anscheinend wussten, wie die Polizisten dort arbeiten; er sollte nicht noch einmal entkommen. Und dann kann sich Albakr gleichsam vor den Augen der Wärter strangulieren.

Altenbockem jedoch meint, wir sollten das Positive sehen, nämlich einen „der größten Fahndungserfolge” im Kampf gegen den Terror. Das ist ziemlich original DDR-Bonzen-Ton. Erfolgsmeldungen brauchen wir bis zur Selbstaufgabe. Immer schön staatsgläubig.

An einem Oktobertag über den Friedhof gehen

Oktober 13, 2016 2 Kommentare
Wo der Tod seinen Schrecken verliert © Andrea Doberenz

Wo der Tod seinen Schrecken verliert. Otto Stichling: Skulptur einer Trauernden für das Erbbegräbnis Schumann-Recke, ca. 1906 
© Andrea Doberenz

An einem Sonnabend im Oktober über einen Friedhof gehen. „Friedhof Alter” steht irritierenderweise am Eingang. Es ist der St. Marien- und St. Nikolai-Friedhof an der Prenzlauer Allee. Das alte Verwalterhaus ist nicht mehr bewohnt, dort finden heute Kulturveranstaltungen statt. Der Friedhof wird zentral bewirtschaftet. Einen Extra-Verwalter oder -Wärter gibt es nicht mehr. Es wird aber erzählt, dass in jenen Zeiten hier einmal eingebrochen wurde. Der Verwalter, der auch ein Jäger war, erwachte, ergriff die Pistole und schlich sich in Nachthemd und Nachtmütze ums Haus herum, um die Spitzbuben zu stellen, öffnete die Tür, da stand einer direkt vor ihm, der Finger krümmte sich, die Pistole ging los, der Einbrecher war tot, der Ärger ging los. Times are changing. Oder nicht?

Unter solchen Bäumen ist Ruhe © Fritz-Jochen Kopka

Unter solchen Bäumen ist Ruhe
© Fritz-Jochen Kopka

Über dem Eingangstor kann man die alte Inschrift erkennen: Alter Kirchhof von St. Nicolai u. St. Marien. In den kalten Wintern der Nachkriegsjahre holzten die Leute alles ab, was sie irgend umhauen konnten. Für den Friedhof ein Kahlschlag sondergleichen. Der Verwalter, jener mit der Pistole, ging nach seinem Amtsantritt ins Berliner Umland, um 1500 junge Planzen für das Gelände herbeizuschaffen. 1968 war der Friedhof geschlossen und für 25 Jahre aufgelassen worden, wie man das nennt. 1993/94 wurde er wieder in Betrieb genommen. In der Zwischenzeit hatte die neue Bepflanzung einen grünen Sprung gemacht, wie immer, wenn man der Natur ihre Ruhe lässt. Untypisch für Berlin ist das ansteigende Gelände, das sind die Ausläufer des Barnim, die im flachen Berlin Windmühlenberg oder auch Prenzlauer Berg genannt wurden.

Pappel und Karre

Pappel und Karre

Als nebenan Neubaublocks entstanden, wurde der Berg, der eher ein Hügel ist, scharf abgestochen, damit die Baufahrzeuge wenden konnten. In den neuen Blocks vermehrten sich die Katzen über alle Maßen, sie kletterten über die Friedhofsmauer und jagten die Vögel, bis der Verwalter die Mauer mit scharfen Eisengirlanden bewehrte, damit endlich Ruhe war. Die Schubkarre, auf die er immer stieg, vergaß er. Die alte Pappel ist da förmlich hineingewachsen.

Aufgegeben

Aufgegeben

„Hier ruht in Frieden mein einziger inniggeliebter Sohn Kurtchen.” 24 Jahre alt geworden. „Deine Mama vergisst dich nie.” Familiengräber, Erbbegräbnisse, Schlichtheit und Pracht. Die Steine stehen nicht ausgerichtet nebeneinander, sie sind wie nach dem Zufallsprinzip verteilt, so, wie auch der Tod sich uns nähert. Menschen, die den Heldentod starben, Kinder, denen nur ein Lebenstag vergönnt war. Polizeipräsidenten, Unternehmer, Maler, Radiohändler. Einschüsse aus den letzten Kriegstagen sind unübersehbar. Als Friedhof auf dem Friedhof sind Steine aufgegebener Gräber zusammengeworfen. Die Namen können wir noch lesen, und neben den Namen der längst Vergessenen das trotzige Wort Unvergessen. Ruhe sanft, das ist noch der reellste Wunsch.

Wo Wessel lag

Wo Wessel lag

Am Ende haben wir gelernt, dass der Stadtteil Spindlersfeld seinen Namen von der Wäschereifamilie Spindler hat. Johann Julius Wilhelm Spindler zog in die Welt hinaus und kam zurück mit der Innovation der chemischen Reinigung, womit das Geschäft so richtig aufblühte. Haben gelernt, dass der Vater des Nazidichters Horst Wessel Prediger war und dass das Grab der Familie aufgelöst wurde, um Neonazis keinen Wallfahrtsort zu bieten. Eine anonyme Gruppe bekannte sich dazu, die Knochen ausgegraben und in der Spree versenkt zu haben. Die Nazis legen trotzdem Blumen ab.

Hinckeldey konnte kein Pulver riechen

Hinckeldey konnte kein Pulver riechen

Wir haben gelernt, dass die Bestattungskultur und mit ihr die Bestattungsindustrie sich entwickelten; man konnte für seine Grabstelle je nach Finanzen und Geschmack alle denkbaren Schmuckelemente bestellen. Wir lernen, dass sich der Polizeipräsident Karl Ludwig Friedrich Hinckeldey (1805 bis 1856) auf Grund seiner gemeinnützigen Aktivitäten und seiner überparteilichen Amtsführung (Verfolgung des Glücksspiels) beim Adel so verhasst gemacht hatte, dass man ihn, der „kein Pulver riechen konnte” zu einem Duell provozierte, bei dem er erschossen wurde. (In Varnhagen von Enses Tagebüchern wird Hinckeldey kein gutes Zeugnis ausgestellt. Offenbar hat er die Presse gehörig geschurigelt.)

Natur und Stein

Natur und Stein

Uns fällt das Grabkreuz Carl Ritters auf, kennen wir den nicht? Ja, das war ein in Quedlinburg geborener, an der Berliner Universität lehrender berühmter Geograph, eines seiner Werke charakterisiert seine Intentionen: „Die Erdkunde im Verhältnis zur Natur und Geschichte des Menschen, oder allgemeine vergleichende Geographie als sichere Grundlage des Studiums und Unterrichts in physikalischen und historischen Wissenschaften”. Hiob XIX.25 steht unter den Lebensdaten auf dem Kreuz. Ich greife zur Bibel: „Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der letzte wird er über dem Staub sich erheben.” In der Luther-Bibel in Thomas Manns Bibliothek liest sich die Stelle etwas anders: „Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebet; und er wird mich hernach aus der Erde aufwecken.”

Der Geograph

Der Geograph

Das Gelernte ist nicht der Punkt, wenn man an einem Oktobersonnabend über einen Friedhof geht. Es ist die Stimmung, die dich erfasst. Dass es vielleicht keinen Erlöser gibt, aber eine Erlösung. Der Tod verliert seinen Schrecken. Dass das gerade auf dem Friedhof geschieht, ist auch schwer zu erklären. Ich weiß nicht. Durch ein Tor können wir in die Fenster eines Fitnesscenters schauen. Und draußen türmt sich das erhebliche Gebäude des Soho House. Da war mal das Institut für Marxismus-Leninismus beheimatet. Davor die Nazis, davor ein jüdisches Kaufhaus. Die Soho-Leute haben die Geschichte des Hauses auf ihrer Homepage in erstaunlicher Neutralität zusammengefasst.

Durch das Haupttor sehen wir drei junge Männer mit martialischen Frisuren über den Friedhof schreiten. Wir ahnen, wohin sie ihre Schritte lenken werden.