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Archive for the ‘Old Stuff’ Category

Das Wort Provinz verwenden wir nicht

Nicht, dass wir aneinander vorbeireden …

Originalton Dialog:

Nach längerer Abwesenheit traf der Oberprofessor wieder ein und untermauerte sofort seine Vormachtstellung. Er trabte durch alle Zimmer und lobte Artikel, die nicht unter seiner Herrschaft erschienen waren, als wollte er zeigen, wie frei von Eigennutz und Eitelkeit er einerseits sei und wie weitgehend sein Gedankengut auch in seiner Abwesenheit wirke. Er ging sogar soweit, dass er bekannte, er habe eigentlich vorgehabt, Lobeskarten zu verschicken und Lobesanrufe zu tätigen. Mich holte er erst am dritten Tag in seinen Saal.

Ich wollte dir sagen. Deine Seite. Das Wort Provinz verwenden wir nicht.

Wer verwendet es nicht, fragte ich lebhaft.

Ich, sagte er.

Ach so, sagte ich, warum sagst du das nicht gleich.

Ich und die Partei, fügte er hinzu.

Die Partei, das stimmt nicht, sagte ich.

Doch. Das stimmt. In Parteikreisen kenn ich mich besser aus als du.

Das soll auch so bleiben, beruhigte ich ihn. Aber gegen das Wort Provinz ist nichts einzuwenden.

Doch. Ich will das nicht.

Dann schau doch mal ins Wörterbuch.

Das muss ich nicht. Ich mach hier Zeitung, und das ist ’ne politische Sache.

Das hat aber auch mit Sprache zu tun.

Nein, wenn man die richtige Politik vertritt, dann kann auch die Sprache nicht falsch sein.

Als nächstes ist Wullsteins Artikel, „ich sage das in Anführungsstrichen”, von der Nebenwohnung dran. Einen Artikel über ’ne Nebenwohnung will der Oberprofessor nicht in seiner Zeitung haben. Ich sage, es gibt so viele Nebenwohnungen. Er sagt, nein, er kennt nur Erwin Strittmatter, der ’ne Nebenwohnung hat, ansonsten gibt’s tausend arme Schweine, die keine Wohnung haben. Ich sage, aber es gibt Gesetzblätter über Nebenwohnungen, dann muss es ja diese Wohnungen wohl auch geben, oder sind diese Gesetzblätter nur wegen Erwin Strittmatter gemacht. Nein, sagt er, das ist arrogant, er sage was Wichtiges, nicht zuletzt, um mir zu helfen, damit ich meine Aufgaben richtig erfüllen kann, und zum Dank wage ich, ihm zu sagen, er solle ins Wörterbuch oder ins Gesetzblatt schauen.

Der Ostdeutsche in der Schülerrolle

April 12, 2017 2 Kommentare

Ich weiß nicht, ob mir dieses Haus in der Berliner Friedrichstraße gefällt. Ist wahrscheinlich sehr hell drinnen, wenn es draußen sehr hell ist.

Ich sehe nur mal so (vielleicht auch wegen Wegwerfen, Aussortieren) meine älteren Papiere durch. Ein handschriftliches Blatt geht offenbar auf eine Veranstaltung des Christa-Wolf-Kreises zurück. Damals, 1994, 1995. Da konnten evaluierte Ost-Professoren, die seit der Einheit kein Publikum mehr hatten, ihren Redeströmen freien Lauf lassen. So ging das: „Die Aufklärung hat sich stets übernommen, wenn sie die Rolle der Religion übernahm.” „Mehreren Disziplinen gerecht zu werden schließt Dilettantismus ein.” „Von den vielen Akademikern werden nur wenige Intellektuelle. Dazu gehört das Wagnis, sich in der Öffentlichkeit auf Orientierungssuche zu begeben.” „Der Reichtum an intellektuellen Varianten kann in Krisenzeiten nicht groß genug sein.” „Was nicht ins Objektive explodieren konnte, implodierte im Subjekt.” „Verinnerlichung des Widerspruchs Regimeträger und Regimegegner in vielen Individuen.” „Wer übersiedelte, schwächte das Regime, aber auch das Oppositionspotential.”„Es ist gar nicht menschenmöglich, seine Lebenswelt aufzugeben. Sie ist nicht verfügbar.” „Der Schüler von heute darf Fehler machen und trägt nicht die volle Verantwortung für seine Zukunft.” „Der Westdeutsche kann den Amerikaner des Marshall-Plans spielen.” „Der Ostdeutsche ist an die Schülerrolle gewöhnt, kann mit ihr umgehen und sie unterlaufen.” „Die Intellektuellen haben Schwierigkeiten, die Schülerrolle anzunehmen.” „Der Zyniker ist der nicht angekommene Intellektuelle.”

Christa Wolf sagte dann: Seit 1965 hatte ich zwischen falschen Alternativen zu wählen. Ich habe mich als gescheitert gesehen und hab nach Analogien gesucht. Günderode, Kleist. Ich wusste, dass ich nicht mehr unangefochten leben konnte. Wie anfechtbar vieles war – ich hätte nicht anders handeln können. Hätte nicht rübergehen können.

„Sozusagen” war sozusagen das große Humboldt-Uni-Wort. Jeder Professor musste in jedem Satz das Wort sozusagen unterbringen. Das gab ihm die Chance, sozusagen schon mal den Aufhänger für den nächsten Satz zu finden. Diese „sozusagen” habe ich alle weggelassen. Man muss sie sich sozusagen dazu denken, wenn man sich einen sozusagen realistischen Eindruck verschaffen will.

 

Tadeusz Rózewicz

Rózweicz. Die Handschrift. Aus „Gesichter und Masken”, Verlag Volk und Welt Berlin 1969

Rózewicz. Die Handschrift. Aus „Gesichter und Masken”, Verlag Volk und Welt Berlin 1969

Gestern starb in Wroclaw Tadeusz Rózewicz, ein Mann des Jahrgangs 1921. Aus seiner Jugend durch den Krieg vertrieben, kämpfte der mittlere von drei Söhnen eines Gerichtsangestellten als Partisan. Nach dem Krieg studierte er Kunstgeschichte und wurde Dichter, Dramatiker und Erzähler; sein Werk löste sich nie von den prägenden Eindrücken der verlorenen Jugend. Heinrich Olschowsky, sein deutscher Herausgeber, hatte „ein hageres Antlitz von grüblerischer Blässe” erwartet, als er Rózewicz zum ersten Mal traf. „Nun saß ich einem gedrungenen Mann gegenüber, von der Statur eines Boxers, der, mit Genuss essend, sich zwischendurch geschäftig mit dem Kellner besprach.”

An Rózewicz habe auch ich eine, wenn auch indirekte, persönliche Erinnerung. Die steht in einem Text, den ich über die Leipziger Studentenbühne schrieb:

Mein Leben als Schauspieler war kurz. Es dauerte zwei Voraufführungen. Ich war der Provinz, der Familie und der Druckerei „Vorwärts” entronnen. Ich lebte in Leipzig, studierte Journalistik und wusste, dass das ein Fehler war, alle hatten es mir gesagt, aber ich wusste auch, dass ich um diesen Fehler nicht herum kam.

Ich war der einzige Journalistikstudent, der zur Studentenbühne ging. Die anderen waren amusisch oder karrierebewusst. Die Studentenbühne war einer Journalistenkarriere nicht zuträglich, sie konnte bestenfalls weggeworfene Zeit sein. Ich wusste, dass ich hier keinen Fehler machte. Ich hatte „Unternehmen Ölzweig” gesehen. Eike Sturmhöfel, Helga Wagner, Bernhard Scheller. Das war im Keller an der Nikolaikirche, aber man fühlte sich, auch als Zuschauer, ziemlich weit oben.

Wir fuhren ins Probenlager, nach Raben im Fläming, wohnten und probten in einer stillgelegten Dorfkneipe. Am ersten Abend saßen wir im Saal auf Doppelstockbetten, die Neuen stellten sich vor, vier oder fünf waren Dichter, gaben als Talentprobe ein Gedicht zum Besten. Einer fiel als Talent sofort durch, zwei oder drei konnten sich halbwegs behaupten. Man war gnadenlos einerseits und andererseits euphorisch. (So lebten wir in den Zeiten der Stagnation.)

Leiter der Studentenbühne war damals Claus Wolf, dem die Allüren der Amateurschauspieler wie einem richtigen Intendanten leicht auf die Nerven gingen. Für die Kunst waren Sturmhöfel, Bernd Engel und Jürgen Hart zuständig. Das waren richtig gute Leute, und in dem Moment, wo ich das schreibe, werde ich inne, dass sie alle schon längst nicht mehr leben. Es ist wie in einem Stück von Tennessee Williams.

Wir probten was anderes. Ich weiß nicht, woher sie das Stück hatten. Henschel Bühnenvertrieb? Keine Ahnung. „Die Zeugen oder Unsere kleine Stabilisierung” von Tadeusz Rózewicz. Das kam zwar aus Polen, aber es bewies nur, dass man auch in unseren Ländern absurdes Theater schreiben und spielen konnte. Dementsprechend begeistert waren wir. Das Stück begann mit einem Gedicht, setzte sich fort mit einem Ehestreit und endete mit dem misslingenden Dialog zweier Männer, des Zweiten und des Dritten. Ich war der Rezitator des Gedichts, Helga Wagner die Rezitatorin. Die Dummheit nimmt Normalmaß an, schrie ich, und Helga Wagner sagte mit klirrender Kälte: Die Unendlichkeit ist kürzer als das Bein der Sophia Loren. Und dann: Liebe und Hass werden anspruchsloser.

Sagte auch Helga Wagner. Den Satz hätte ich gern gehabt. Ich bilde mir ein, wegen solcher Sätze auf der Welt zu sein. Das Gedicht, das wir sprachen, eiskalt und unvermittelt empfindsam, sagte, dass unsere kleine Stabilisierung vielleicht nur ein Traum sei. Gegen Ende konnte ich sagen: Aber so fest ich auch glaube, dass sich alles zum Guten fügt…

Es fügte sich nicht zum Guten. Es gab keine Premiere, sondern eine Voraufführung (in der damaligen Pfeffermühle), wir spielten das Stück nicht, wir stellten es zur Diskussion, so dass man es gar nicht offiziell zu verbieten brauchte. Es ging bei den Einwänden, glaube ich, um etwas, das damals Konvergenz genannt wurde. Bernd Engel, der das Stück inszeniert hatte, musste sich an der Theaterhochschule rechtfertigen. Ich habe ihn noch einmal gesehen. Er ging durch Leipzig wie ein Schlafwandler. Das war kurz vor dem Suizid. Jemand erzählte, Engel habe bei den Gesprächen, die man mit ihm führte, immer ein Stück Angelsehne in den Händen gehabt…

Es war die Zeit des 11. Plenums, und die Studentenbühne hat später, vieler, aber nicht aller Illusionen beraubt, auf kleinerer Flamme weiter gespielt. Vielleicht ist es das, worauf es ankommt.

Was uns damals, 1965, an Rózewicz’ Stück so fasziniert hat, könnte auch heute noch faszinieren. Wir mussten nicht positiv sein. Wir waren jung und konnten verschrobene, vermutlich gescheiterte Erwachsene spielen. Wir konnten uns in Zynismus üben, der empfindsame Seelen verdeckt. Es gab keine überflüssigen Wörter.

Helden des Ostens (5)

Dezember 19, 2013 1 Kommentar
Tritt ein und lass alle Hoffnung fahren

Tritt ein und lass alle Hoffnung fahren

Schon vor 25 Jahren sah die Trabrennbahn wie ein Anachronismus aus. Die hier vor der Haustür in Berlin-Karlshorst. Dann ging die Mauer auf, und sie wurde beinah unwirklich. Ein Mann stand neben mir, wurde redselig:

Ick war gestern drüben. Mann, war det voll. Ick fahr seit vierzehn Jahren, aber ick denk, ick kiek nich richtig Bahnhof Friedrichstraße Himmel und Menschen. Also, ick fahr nich mehr. Ick trink da nur meine Büchse Bier. Meine Frau gibt mir Stullen mit. Ess ick die Stullen und trink meine Büchse Bier. Mehr kann ick mir nich leisten. Aber die Westmark wird schwer verdient, det sag ick Ihnen, die Westmark wird schwer verdient. Sind fünf Kilometer Luftlinie und is ne völlig andre Welt. Ick versteh det nich, ’ne völlig andre Welt. Mal abgesehen von den sechzehn Elefanten, die gestern uff eenmal über Kudamm loofen. Eene völlig andre Welt. Ick bin jetzt fast achtzig, aber det versteh ick nich. Ick war ooch schon in Mariendorf. Da sieht’s natürlich anders aus, aber wollen wir mal zufrieden sein, jetzt is ja schon janz jut nach der Rekonstruktion. Habense ’ne teure Flutlichtantlage gebaut und benutzen die jar nicht. Weil die nich so spät arbeiten wollen, det isset.

Ick habe selber Pferde gehabt. Juli 45 war das erste Rennen wieder. ’ne Pferd von mir hat den ersten Sieg geholt.

Besser haben die alten Griechen den Kampf der Wagen und Gesänge auch nicht dargestellt

Besser haben die alten Griechen den Kampf der Wagen und Gesänge auch nicht dargestellt

Ick habe mal ein Pferd gekauft, beste Abstammung, alles. Ein Hengst, der hat nicht ein einziges Mal gewonnen! Nie! Im Training konnte der alles, aber im Rennen … Immer an der Stelle da war’s vorbei. Und der Bruder von ihm hat Siege geholt. Ick stand vor beiden Pferden, ick hätte ooch den Bruder nehmen können, aber ick habe mich für den entschieden. War falsch. Det war einfach ’n faules Pferd. Hätt ick wieder verkaufen müssen. Aber so’n Pferd is ja kein alter Schrank. Det hat man gefüttert und gepflegt, det hat ’n Gesicht, det hatte man auf’m Wagen.

Gewettet haben wir auch. 16 000 war mal mein größter Gewinn. Wir waren drei Ställe, und denn haben wir uns mal ’n großen Einlauf ausgemacht. Das hat nie geklappt, kam immer was dazwischen. Mein Fehler war, ick konnte keine Schimmel leiden, ick sagte, den Schimmel lassen wir draußen, und denn machte der ausgerechnet ’n Ersten.

Berlin Alexanderplatz (5): Zwischenzeit

September 12, 2013 1 Kommentar
Oben Sonne, unten Finsternis. Berlin Alexanderplatz

Oben Sonne, unten Finsternis. Berlin Alexanderplatz

Als wir noch mit der D-Mark zahlten und der Bahnhof Alexanderplatz gerade umgebaut wurde, fanden wir zwischen Bauzäunen und Gerüsten ein Licht in der Nacht, das war die Bierbar Alkopole. Die schönen Eckplätze waren reserviert. An der Bar gab es auch amerikanisches und australisches Bier, davon unberührt tranken wir Radeberger. Die reservierten Plätze gehörten drei dicken, nichtsdestoweniger jungen Männern, denen die Jeans etwa in den Kniekehlen saßen. Im Nu war die Bierbar überfüllt, weil die jungen Dicken unendlich viele prall gefüllte Plastiktüten abstellten und übereinander stapelten. Drei Frauen waren da, die wir – von ihrem Aussehen angeregt – Alice Schwarzer, Angela Merkel und Claudia Nolte nannten. (Claudia Nolte war eine junge Bundesministerin aus Thüringen, die oft mit ihren Rüschenblusen zu beeindrucken wusste.) Merkel wiederum beeindruckte durch ihren runden Rücken und ihre Lebenslust. Fing auch gleich an zu tanzen zur Musicbox, mal mit Schwarzer, mal mit Nolte, mal auch mit einem Mann mit kurzen Haaren, hageren Wangen und trainierter Gestalt. Dieser Enrico steckte öfter ein Fünf-Mark-Stück in die Musicbox, und Merkel tanzte, sie tanzte auch allein, wenn kein Tänzer zur Verfügung stand oder wenn sie einen zurechtgewiesen hatte: Nimmst du wohl mal bitte die Griffel von meiner Brust.

Enrico tanzte mit der Musicbox. Er machte mit erhobenen Armen Schlangenbewegungen, streichelte liebevoll die Rundungen des Apparats, hielt sich daran fest. Wir behaupteten, dass er ein sehr guter Tänzer und die Musicbox seine Geliebte sei. Das konnte er nur bestätigen. Er verdankte dies seiner Schwester, die ihm in seinen pubertären Jahren riet, seinen Körper, seine Ausstrahlung und seine Bewegungsmöglichkeiten kennenzulernen, wenn er ein guter Tänzer sein wolle. Da schnappte Enrico sich einen Besenstiel, umarmte ihn wie eben die Musicbox, tanzte los wie die Feuerwehr und achtete im Spiegel immer darauf, wie das aussah.

So konnte Enrico in seinem weiteren Leben das Herz vieler Frauen für sich einnehmen. Er war der Entertainer dieses Abends, konnte keine Sekunde still sitzen, unruhig, zappelig wie diese hypervitalen Kinder, die ganze Schulklassen durcheinanderbringen. Tanzt, Kinder, tanzt, sagte er beschwörend, tanzt, so lange ihr noch tanzen könnt.

Die Damen wollten weg. Besonders die Schwarzer machte Dampf. Wir müssen nämlich morgen wieder arbeiten. Wo arbeitet ihr denn? Hier, in dem neuen Dinea-Restaurant. Wie ist es denn da so? Die Schwarzer winkte ab: Is ’ne bessere Sparkassen-Kantine. Darum müssen wir jetzt los. Und außerdem muss ich sie – die Schwarzer zeigte auf die Nolte – erst mal nach Hause kriegen. Die will doch auf dem Weg in jede Kneipe einkehren.

Tatsächlich. Die Nolte hatte offensichtlich Blut geleckt und schlich wie ein Vampir durch die Bierbar.

Unvermutet wurde auch Enrico trübsinnig. Seit die goldenen Ostzeiten vorbei sind, sagte er, ist das Leben nicht mehr so schön. Man muss immer nur ackern, hat keine Power mehr. Früher sind wir dreimal die Woche ausgegangen, alles vorbei. Meine Frau hat sich ooch noch getrennt. Hab sie im Suff vergewaltigt beinah. Und denn fährt mir noch so’n Provinzler ins Auto rein, und ick soll Schuld sein. Ist schon immer mal Scheiße, wenn du im Heim warst, weil deine Eltern im Knast saßen. Das wirst du dein Leben nich los.

Er drückte mir fünf Mark in die Hand und schickte mich zur Box. Ich suchte ein paar schöne Schnulzen aus. Angel von der Kelly-Family, Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben, und plötzlich sang das ganze Lokal „Am Tag, als Conny Kramer starb”, alle Strophen und den Refrain.

Wir standen wieder auf der Straße und waren uns einig. Berlin Alexanderplatz. Döblin lebt.

Erinnerung an ein Klassentreffen

Meine Stadt, mein Schloss …

Meine Stadt, mein Schloss …

Ich komme ins Hinterzimmer der Kneipe, die „Kaminfeuer” heißt, und es scheinen schon alle da zu sein, so dass ich meine Augen und mein Hirn auf diese Gestalten und diese Gesichter einstellen muss, die alt und zugleich jung sind. Sie wollen wissen, ob ich sie erkenne. Ich versage bei Resi, sie ist füllig geworden und hatte damals einen unnatürlich flachen Bauch. Bei einem weißhaarigen Mann muss ich mir zeigen lassen, wo er auf dem Klassenbild steht. Hebbie (Herbert). Er war ein schüchterner Junge völlig ohne Armkraft; er ist wohl Techniker geworden und stolz auf sein mit den Jahren erworbenes Selbstbewusstsein. Maria freut sich, dass ich Mieken sage, denn so wurde sie genannt vor fünfzig Jahren. Karin ist sich sehr ähnlich geblieben, ebenso Nieschen (Hans-Jürgen). Ein begabter und geschickter Junge, den die Schule für’s Leben gezeichnet hat. Weil er aus welchen Gründen auch immer ein blockierter Schüler war. Er bestand die Abschlussprüfung nicht, obwohl er lebenstüchtig war und ist. Normalerweise hätte ich gedacht, dass er sich als Automechaniker selbständig macht. Ist aber nicht passiert, er macht die Fiat-Filiale. Peter, Pussi (Burkhard) und Gunter sind nicht gekommen. Sie wollten nicht. Karola hat ihr Interesse am Film verloren, man sieht ihr noch an, dass sie ein umschwärmtes Mädchen war. Als jeder aus seinem Leben nach der Schule bis jetzt erzählt, stellt sich heraus: Die Ehen haben gehalten, die Gesundheiten nicht. Uwe hatte einen Bandscheibenschaden und dann eine vielstündige Operation ohne Narkose, während derer er pfeifen musste, danach war er erst mal gelähmt, er konnte ein halbes Jahr lang kein Wasser lassen. Er musste alles neu lernen, aber nun hat er eine EU-Rente und freut sich an den Enkeln. Kathrin hatte innerhalb eines halben Jahres fünf oder sechs Gehörstürze. Karl-Heinz’ Krankheiten habe ich vergessen, aber er ist auch aus dem Gefecht heraus, tief gebräunt und beobachtet, was sich am Puff in der Nachbarschaft tut. Mieken bekam plötzlich epileptische Anfälle und Christian musste wegen eines Herzinfarkts seinen Bauernhof aufgeben. Karola hat in regelmäßigen Abständen Jahren Autounfälle.

Meine kleine Stadt, denke ich, und doch gibt es eine Verbindung zur Europäischen Union; sie sind alle stolz auf ihre EU-Renten. Bis ich zurecht gewiesen werde. Bist du blöd? EU heißt Erwerbsunfähigkeitsrente. Ach du lieber Himmel. Ja, ich bin wirklich blöd.

Erinnerung an einen polnischen Sommer

Leba gefiel mir sofort. Die Stadt an der polnischen Ostsee. Es ist dreißig Jahre her. Noch in der kommunistischen Zeit (was man natürlich in Anführungsstriche setzen müsste). Überall Läden und Kioske, mondäne Pavillons. Über eine große Fläche verteilten sich Zelt- Camping-, Fußball- und Rummelplätze, Kinderferienlager, ein Naturpark, übervölkerte und leere Strände. Der Sand sehr fein und sehr weiß. In meinem Kopf sang Halina Frackowiak „Du liebst noch das Mädchen”. Es gab Rybi (Fische), Frytki (Fritten), Placki (Puffer) und Lody (Eis). Auf den Straßen dicke Westwagen mit polnischen Kennzeichen, wie auch immer das ging.

Wir wohnten bei Frau J. Ihr Mann, der ehemals eine Firma als Schildermaler betrieb, trug seit unlängst eine Beinprothese, hatte die Firma aufgegeben und spielte seine Rolle als Randfigur. Damals, im Juni, hatte Frau J. im Seitenflügel des Hauses und verschiedenen Anbauten drei dreiköpfige Familien untergebracht, die ihr pro Tag 225 Mark einbrachten. Im Kernsommer wurde auch das Vorderhaus vermietet, in jenem Jahr wurde aus Dresden die Schauspielerin Böhme nebst Familie erwartet, die Familie J. musste sich dann wohl unsichtbar machen. Frau J. erklärte, dass sie „an Unsere” prinzipiell nicht mehr vermiete.  Sie habe nichts dagegen, dass getrunken wird, aber wenn sie um die Wette saufen und zählen, wer die größere Menge leerer Flaschen vorweisen kann, dann gehe ihr das zu weit.

Vormittags lagen wir am Strand, Mittag aßen wir im Gemeinschaftsraum bei Frau J., nachmittags schliefen wir, das Seeklima machte müde. Abends durchstreiften wir die Promenade und die Bars, nachts vernahmen wir aus der Ferne die Sehnsuchtsschreie der Discostars. Boney M., Baccara, Pussycat, Bonnie Tyler. Georgie and the Rivers of Babylon waren dann für immer mit der polnischen Ostsee verbunden. In Lebork, der nächstgrößeren Stadt im Binnenland, erzählte uns ein alter Mann, dass er schon eine Woche lang kein Brot mehr bekommen habe. Breshnews Soldaten hätten alles aufgefressen.  Die Gedanken strömten groß, belanglos und vage dahin. Den Sand, sagte Frau J., werden Sie noch ein halbes Jahr mit sich herumtragen. Sie hatte recht; wie in allen anderen Fragen auch.