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Posts Tagged ‘Philip Roth’

Albtraumhafte Ehe

September 11, 2017 2 Kommentare

Lost in America
© Fritz-Jochen Kopka

Philip Roth’ „Mein Leben als Mann” kommt ins Haus geflattert, ein ziemlich früher Roman (1970), in Deutschland erstmals 1990 bei Kellner  erschienen, was darauf hindeutet, dass die deutschen Verlage mit diesem Werk so ihre Probleme hatten. Roth war damals noch ein ganzes Stück davon entfernt, weise oder gar gütig zu sein, und „Mein Leben als Mann” ist die schlimmste Mann-Frau- oder Frau-Mann-Geschichte, die ich kenne. Da Roth immer dazu neigte, die eigene Geschichte zu verarbeiten, kann man dem Roman entnehmen, dass seine erste Ehe ihn fast zerstört hätte und die Frau erst recht, obwohl die Schuld, wenn wir dem Protagonisten in „Mein Leben als Mann”, Peter Tarnopol, glauben wollen, zu 99 Prozent bei ihr liegt. Sie heißt Maureen und hält sehr viel von sich. Sie ist Studentin, Schauspielerin, dann Tänzerin, dann Malerin, dann Bildhauerin, alles fängt sie an, alles lässt sie liegen. Schließlich tritt sie in einen, zunächst heimlichen Konkurrenzkampf zu Tarnopol; sie, die nichts zustande bringt, hält sich in der Tat für die bessere Schriftstellerin verglichen mit ihrem Mann, der mit seinem ersten Roman schon ziemlich viel Ruhm eingeheimst hat, ehe sie ihn dann mehr oder minder schreibunfähig macht („Obwohl ich weiterhin Tag für Tag schrieb, hielt ich mich inzwischen nicht mehr für fähig, irgendetwas hervorzubringen, außer meinem eigenen Elend.”).

Roth erzählt, dass du als Mann gegen eine hysterische Frau keine Chance hast, du magst ihr intellektuell noch so überlegen sein. Maureen ist ein Genie an Heimtücke und Kampfkraft. Natürlich gibt der Autor dezente Hinweise darauf, dass sein Protagonist ebenfalls erhebliche Schwächen und Störungen aufweist. Zudem deprimiert ihn, dass er in seiner zaghaften Abwehrschlacht keine Helfer hat. Sein Psychoanalytiker, Dr. Spielvogel, sorgt mäßig für Entlastung, bietet dafür aber analytische Spitzfindigkeiten, die Tarnopol, ganz gegen seine Erfahrung, zum monströsen Mutteropfer machen. Besonders niederschmetternd sind die Aktionen des Richters Rosenzweig, der sich als Retter sitzengelassener Ehefrauen kapriziert. Peter hat zwar keine Scheidung erreicht, aber die Trennung vollzogen. Jahr für Jahr muss er nun mit Kontoauszügen, Einkommenssteuerbescheiden und Honorarabrechnungen vor Gericht antanzen. Er wird buchstäblich zum Sozialfall heruntergerechnet, der sich von seinem Bruder durchfüttern lassen muss. Tarnopol ist traumatisiert. Er hat die fixe Idee, dass der Staat New York und die Gerichte sich gegen ihn, den „ allseits bekannten Verführer junger Collegestudentinnen” (Maureens Darstellung) verschworen haben und ihm den letzten Blutstropfen abpressen.

Der Roman endet mit Maureens tödlichem Autounfall. Das letzte Kapitel heißt „Frei”. Der Befreite steht da, mit leeren Händen, erschöpft, ausgelaugt. Es kann jetzt nur darum gehen, „die Vergangenheit zu entmystifizieren und sein anerkanntermaßen unzuträgliches Gefühl des Versagens zu mildern.”

Philip Roth schrieb damals nicht so gut wie in seinen reifen Jahren, in denen er alljährlich als Kandidat für den Nobelpreis gehandelt wurde, den er nie bekam. In diesem Buch weist er offenherzig auf seine Unzulänglichkeiten hin. Und ziemlich am Schluss attackiert er in böser Voraussicht das Nobelpreiskomitee, indem er sich über William Faulkners pathetische Nobelpreisrede aufregt. „Wie konntest du Schall und Wahn schreiben, wie konntest du Das Dorf schreiben, … und dann so was verzapfen? … Ausharren? Siegen? Wir können von Glück sagen, meine Herren, wenn wir’s morgen schaffen, uns die Schuhe anzuziehen. Das hätte ich diesen Schweden gesagt. (Vorausgesetzt, sie hätten mich gefragt.)”

Na klar. So einen fragt man nicht.

Philip Roth, Mein Leben als Mann, Carl Hanser Verlag 2007

Wieder nichts

Am Donnerstag rief ich Verheugen an, um ihm zu sagen, wie leid es mir tue, dass der Literatur-Nobelpreis wieder an ihm vorbeigegangen war. Ach, sagte er, ich habe sowieso nicht mehr damit gerechnet. Ich weiß auch nicht, ob ich ihn überhaupt noch will. Philip denkt genauso.

Ach so, sagte ich. Ich spürte höchstens, dass er ein wenig empört war, dass man mit Patrick Modiano einen Autor auszeichnete, den er noch nicht einmal kannte.

Wie groß bist du eigentlich, fragte ich. Wieso, sagte er, wieso willst du das wissen? 1,92 m. Genau wie Patrick Modiano, sagte ich. Er ist auch im selben Jahr geboren wie du. Ein paar Tage früher. Dieses Mal ist der Preis wirklich haarscharf an dir vorübergeschrammt.

Ich hatte den Eindruck, dass ich ihn in nachdenklicher Stimmung zurückließ.

Wer denkt an Bernard Malamud

Die Ausgabe von 1970. Einbandentwurf Lothar Reher

Die Ausgabe von 1970. Einbandentwurf Lothar Reher

Ich habe an Malamud gedacht und ihn dann für den entscheidenden Moment seines 100. Geburtstags (korrekt seines 101.) wieder vergessen. Das war am 26. April. Dabei war er mir mal so nah wie kein anderer Schriftsteller. 1970 erschien sein Roman „Ein neues Leben” bei Volk und Welt, Lizenzausgabe von Kiepenheuer & Witsch für die DDR. Mich hatte gerade ein Unglück getroffen. Ich musste zur Armee, mit 26 Jahren, zwei Monate später und ich wäre ihnen entwischt. Anderthalb Jahre Grundwehrdienst. Kommt man da heil wieder raus? Ich lag auf dem oberen Doppelstockbett und las Malamud.

„Gegen Abend des letzten Sonntags im April 1950 entstieg S. Levin, ein früherer Trinker, nach einer langen und ermüdenden Reise quer durch den Kontinent dem Zug: er war in Marathon, Cascadia, angelangt.”

Kann ein Roman besser anfangen? Hier war ein Mann, dem ging es auch nicht besonders gut.

Am Bahnhof wartet die Frau, die Levins Schicksal werden soll, verheiratet, apart und – die Natur hat es so gewollt – busenlos, Pauline Gilley. Ihr Mann, Dr. Gerald Gilley, ist erschrocken über Levins Bart, einen Bart trägt sonst niemand an dieser kleinkarierten Provinzuniversität, an der Levin lehren und ein neues Leben beginnen möchte. Das Entscheidende am Eingangssatz war für mich die Einfügung „ein früherer Trinker”, als sei das ein Beruf, den man auch wieder aufgeben kann, wenn man will. S. Levin oder Sy oder Seymour ist ein Unglücksrabe, der sein Unglück bändigen kann, ein Dompteur des Unglücks, müde, einsam und zäh. Als Levin nach langer Enthaltsamkeit den Geschlechtsverkehr mit einer Kellnerin vollziehen will, dringt ein Rivale in den nächtlichen Kuhstall ein, wohin sich die Brünstigen verkrochen haben, und stiehlt Levins Kleidung. Levin scheitert in der Liebe, er scheitert im Beruf, und das Tragische ist, dass der ernste Mann dabei eine komische Figur macht.

„Ziellos fuhr er weiter und dachte traurig an die vielen Gelegenheiten, bei denen er versagt, an die vielen falschen Wege, die er eingeschlagen hatte, an die Vergeblichkeit seiner Reise; da, plötzlich witterte er den Geruch des Meeres.”

Am Ende kann das neue Leben doch beginnen: mit vielen Belastungen.

Bernard Malamud war ein Sohn russisch-jüdischer Einwanderer. 1914 in New York, Brooklyn, geboren, 1986 in Manhattan gestorben. Philip Roth versuchte, mit Malamud befreundet zu sein und war es dann auch auf eine schwierige Art. Er sagt, dass Malamud nicht wie ein Künstler, sondern wie ein Versicherungsangestellter aussah. Am stärksten verwunderte ihn, dass Malamud ohne jede Heiterkeit war, obwohl sich in seinen Büchern komische Stellen fanden. In fünfundzwanzig Jahren erzählte ihm Malamud ganze zwei Witze, jüdische Witze. Er hatte ein schweres Leben, „die Verlorenheit des Juden im Land der Christen” prägte ihn. „Ich achte den Menschen für alles, was er im Leben durchzumachen hat.” Selbst Roth hatte Schwierigkeiten, Malamud zu verstehen und zu beschreiben, er schrieb in der New York Review of Books einen Essay über seine Texte; das wäre dann um ein Haar das Ende ihrer Freundschaft gewesen. Als sie sich zuletzt sahen, litt Malamud an den Folgen eines Schlaganfalls. Er war deutlich geschwächt, nicht Herr über seine Körper- und Geisteskräfte, aber er wollte Roth die ersten Kapitel seines Romans vorlesen (was er nie vorher getan hatte), durch das Urteil des Kollegen Hoffnung schöpfen. Roth wollte seinen kranken Freund nicht anlügen, aber er konnte auch nicht die Wahrheit sagen, und so kam etwas heraus, das Malamud nur noch mehr leiden ließ.

In den siebziger Jahren erschienen die Bücher Malamuds in schneller Folge bei Volk und Welt. Aber den Verlag gibt es nicht mehr. Und Kiepenheuer & Witsch, Malamuds eigentlicher deutscher Verlag, hat seine Werke offensichtlich aus seinem Programm genommen. An seinen 100. Geburtstag hat sich, so weit ich sehen kann, niemand an ihn erinnert. Ein Schicksal, das Malamud vermutlich vorausgesehen hat und das ihn doch auch schmerzen würde, wüsste er davon. Weiß er?

Der Mann, der das Altmodische liebte

Januar 22, 2013 1 Kommentar
Alle zwei Jahre kann man Genazino lesen

Alle zwei Jahre kann man Genazino lesen

Wilhelm Genazino, der in diesen Tagen, um nicht zu sagen: heute, 70 wird, hat mit dem Alter nicht mehr Probleme als mit der Jugend oder den besten Jahren eines Mannes. Er ist nämlich gesund, wenn auch nicht ohne Übergewicht, er lebt in Frankfurt am Main und geht durch die Stadt. Was er beobachtet, schreibt er mit dem Bleistift auf kleine Karteikarten, er schätzt den Bleistift wie alles Altmodische, ein Bleistift kann nicht auslaufen wie ein Kugelschreiber. Genazino besitzt keinen Computer und keinen Fernsehapparat, ich glaube, er hört Musik, und er schreibt auf einer mechanischen Schreibmaschine jeden Tag eineinhalb bis zwei Seiten, die dann nicht mehr korrekturbedürftig sind. So kommt es, dass er jedes zweite Jahr einen neuen Roman von 150 bis 200 Seiten vorlegt, der jeweils den Vorgängern nicht unähnlich ist. Genazino schreitet und sitzt seine Romane aus wie Kohl seinerzeit die innen- und außenpolitischen Probleme. Dass einer wie er den Büchner-Preis erhielt, mutet sonderbar an. Genazino ist der Anti-Büchner, der Nicht-Revolutionär. Was der Mensch meint, verbergen zu müssen, wird von Genazino in den Blick genommen und beschrieben. Für ihn ist es existenziell, seine Scham zu überwinden, darin ähnelt er Philip Roth; sonst gar nicht.

Wir fahren nach Pankow über Alexanderplatz, ich lese Genazinos „Wenn wir Tiere wären”, Andrea fragt, wie ist das, ich sage, wie immer, behäbig und selbstbezogen, auch ziemlich pedantisch, lies mal hier, das war eine Stelle, wo Maria dem Erzähler unbedingt die Schuhe putzen will, bevor er zur Beerdigung geht, und er will die Schuhe nicht geputzt bekommen und redet ausführlich über den Unterschied zwischen Schmutz und Staub. „Ich wollte ihr nicht erklären, dass es ein angenehmer metaphysischer Zustand ist, Schuhe bei ihrer fortlaufenden Selbsteinschmutzung zu beobachten.” Der hat doch ’n Knall, möchte man mit allem Respekt zu einem solchen Helden sagen. Anders gesehen: Der Mittelstand und die Mittelmäßigkeit, wie Genazino sie beschreibt, sind mit dem Wort Durchschnitt keineswegs abgefrühstückt, man sollte nicht glauben, mit welchen Facetten diese farblosen Menschen aufwarten können, sie sind keineswegs, wie behauptet, skurril-liebenswerte Antihelden, denen nur der Humor aus ihrer Misere hilft; sie sind Sonderlinge, die sich zu behaupten wissen und an denen manche Frau verzweifeln kann. An den Tieren schätzt Genazino, dass sie kein Glücksverlangen kennen, das macht ihnen das Dasein leichter. Romantische Liebe kommt bei Genazino nicht vor, Sex ist ein Sache des Gebens und Nehmens. Wer zu Gefühlsaufwallungen neigt, bleibt auf der Strecke. So ist auch der Architekt in „Wenn wir Tiere wären” noch nicht einmal ein Antiheld, sondern ein Lebewesen, das wie ein Mann in mittleren Jahren aussieht, Wein trinkt, Tiefgaragen zeichnet, Frauen besteigt, die Reste aus dem Kühlschrank isst und ab und zu eine kleine Betrügerei begeht, einfach, weil er mal die Regeln brechen muss. Das Resultat ist ein Gefängnisaufenthalt, der natürlich auch mit stoischem Gemüt absolviert wird.

Auf Regelverstöße gehen auch die Berufe zurück, die Genazino seinen Gestalten gelegentlich andichtet. Da heißt es an einer Stelle: Von Beruf bin ich freischaffender Apokalyptiker. Es kommt auch der Panik-Berater Dr. Ostwald vor, der Konfliktlockerungsbehandlungen anbietet. Genazinos Welt.

In der stößt man mit einiger Sicherheit auf befremdliche anatomische Details, die man lieber nicht wissen möchte. Etwa: die aufgestülpten Schamlippen der Ehefrau nach der Geburt der Tochter. Der Ehemann, der ihr andeutet, dass das nicht weiter schlimm sei. Die Frau, die gekränkt das Schlafzimmer verlässt.

Genazinos berühmteste Gestalt ist der  Angestellte Abschaffel. Ein Onanist, Bordellbesucher und Kolleginnenbeschläfer. Beobachtet sich selbst, überzieht sein Konto, sucht sein Geschlechtsteil nach Filzläusen ab. Zum Leben braucht er Ideen wie die Luft zum Atmen, aber er hat Angst, dass sie ihm ausgehen könnten, die Ideen, und er dann nicht weiß, wie er die Zeit, die ihm auf Erden gegeben ist, überbrücken soll.

Nie entzündet sich sein Gefühl, nie schwärmt er für eine Frau, nie findet er irgendwas schön an einer, nie ist er Enthusiast. Schließlich setzt er sich im Lokal zu einer, die Margot heißt und geschieden ist, Katholikin, die erst mit dreißig ihren ersten Beischlaf hatte. Abschaffel kann mit ihr reden, das ist das Ungewöhnliche. Sie ist offen und sachlich, sie kennt kein Tabu, sie fragt nach allem, und sie beantwortet alles. Sie bespricht mit Abschaffel, wie sie es im Bett haben will. Es ist eine fast arbeiterliche Liebesbeziehung, Auftraggeber, Auftragnehmer.

Nach Genazinos letztem Buch sind zwei Jahre vergangen, das neue ist im Hanser Verlag angekündigt, es heißt „Tarzan am Main”, Genazino lässt die Stadt, in der er lebt, in kurzen Prosaminiaturen aufleuchten, es wird also dieses Mal ganz anders sein, auch wenn ein Genazino nicht aus seiner Haut kann. Und will.

Worüber wir reden, wenn wir über Philip Roth reden

© Fritz-Jochen Kopka

Einige von vielen Büchern eines Autors, der kein Vielschreiber ist, sondern sagt, was zu sagen ist.

Wenn wir über Philip Roth reden, reden wir über den ewigen Kandidaten. Seit mindestens zwölf Jahren ist der Literaturnobelpreis für ihn fällig, aber er bekommt ihn nicht. Das ist von Seiten des Nobelpreiskomitees eine bemerkenswerte Nicht-Entscheidung. Jedesmal wieder. Seit zwölf Jahren legt Philip Roth, man möchte beinahe sagen, Jahr für Jahr neue Bücher vor, die sich nicht dadurch auszeichnen, dass sie die Geschwätzigkeit von Alterswerken besitzen, sondern ganz anders: Sie werden knapper, fokussierter, sie sind Knochen, Muskeln und Sehnen, kein Fett. Für jedes dieser Bücher, ob sie nun „Jedermann”, „Exit Ghost”, „Empörung” oder „Nemesis” heißen, hätte Roth den Literaturnobelpreis verdient, aber er bekommt ihn nicht. Er hat ihn auch dieses Jahr nicht bekommen, und so sind die Entscheidungen, die das Komitee trifft, in jedem Jahr auf zweifache Weise originell: Einmal, indem sie Roth den Preis verwehren, und zweitens, indem sie jemanden finden, an dem man nie gedacht hätte, selbst wenn man ihn kennte. Das Komitee hat alles Recht der Welt, sich so zu verhalten, also keine Wahl zu treffen, die auf der Hand liegt oder sich gar aufdrängt. Und etwas anderes, viel Wichtigeres kommt hinzu. Das ist der Fluch des Literaturnobelpreises. Er bringt Geld, hohe Auflagen und Ansehen, aber er nimmt den geistigen Hunger, die Lebendigkeit eines Autors und die Kreativität. Der Literaturnobelpreisträger ist mit dem Literaturnobelpreis ruhig gestellt.  Deshalb ist das Komitee nicht nur originell, wenn es Roth den Preis verweigert, sondern auch weise. Es erhält uns einen Autor, der uns noch viel zu geben hat, so lange er nicht ruhig gestellt ist.

Den der Nobelpreis meidet: Philip Roth

Philip Roth, der immer noch und immer noch bessere Romane schreibt, wird heute 79. Das ist ein Schriftsteller, der mich seit 1977 begleitet. Selten sowas. Angefangen mit „Goodbye, Columbus”  (ein Kurzroman und fünf Stories) und „Portnoys Beschwerden”. Am Beginn erschienen die deutschen Ausgaben bei Rowohlt (in der DDR bei Volk und Welt), nun schon lange bei Hanser. Ein später Roman ist „Exit Ghost” von 2008, an den ich mich jetzt erinnere. Nathan Zuckerman, Roths Romanheld und Alter ego  im Endstadium. Prostatakrebs, Inkontinenz, Impotenz. Morddrohungen haben ihn veranlasst, sich aus dem sozialen Leben zurückzuziehen und auf dem Land zu leben. Nun aber geht er noch mal nach New York, um sich behandeln zu lassen. Wie führen Autoren Leute zusammen? Zuckerman stößt auf eine Zeitungsanzeige. Ein junges Schriftstellerehepaar sucht für ein Jahr ein Haus auf dem Land und bietet dafür seine New Yorker Wohnung an. Ungeachtet seiner gesundheitlichen Malaisen („Die Wucht der sexuellen Anziehungskraft lässt keinen Raum für Resignation – nur für die Gier des Begehrens.”)  verliebt sich Zuckerman in Jamie, die Frau, und kehrt ins Leben zurück, wofür er allerdings mit reichlich Verzweiflung belohnt wird…

An einer Stelle erzählt Roth, wie die Metropole auf jemanden wirkt, der sie seit vielen Jahren nicht mehr kennt:

„Was überraschte mich in den ersten Tagen am meisten, wenn ich durch die Stadt spazierte? Das Offensichtlichste: die Mobiltelefone… Ich erinnerte mich an ein New York, in dem die einzigen, die den Broadway entlanggingen und scheinbar Selbstgespräche führten, verrückt waren. Was war in diesen zehn Jahren passiert, dass es plötzlich so viel zu sagen gab, dass so vieles derart dringend war und sogleich gesagt werden musste? … Als ein Mensch, der oft tagelang mit niemandem sprach, fragte ich mich, was es gewesen sein mochte, das die Leute zuvor aufrechterhalten hatte und nun zusammengebrochen war, so dass sie lieber pausenlos in ein Telefon sprachen, als unüberwacht und für den Augenblick allein durch die Straßen zu gehen, die Straßen mit ihren animalischen Sinnen wahrzunehmen und die zahllosen Gedanken zu denken, zu denen das Treiben in einer Stadt anregt. In meinen Augen ließ all dieses Telefonieren die Straßen komisch und die Menschen lächerlich erscheinen, doch zugleich war es eine wirkliche Tragödie. Wenn die Erfahrung des Getrenntseins ausgelöscht wird, muss das dramatische Konsequenzen haben. Worin werden sie bestehen? Wenn man weiß, dass man den anderen jederzeit erreichen kann, und ihn dann doch nicht erreicht, wird man ungeduldig – ungeduldig und wütend wie ein dummer kleiner Gott. Ich hatte mich damit abgefunden, dass Stille schon längst aus Restaurants, Aufzügen und Baseballstadien verschwunden war – aber dass diese ungeheure Einsamkeit der Menschen diese grenzenlose Sehnsucht erzeugte, gehört zu werden, gepaart mit der Gleichgültigkeit gegenüber der Tatsache, dass alles, was man sagte, unentwegt belauscht wurde… Ich verstand nicht, wie irgend jemand glauben konnte, er lebe ein menschenwürdiges Leben, wenn er die Hälfte seiner Wachzeit damit verbrachte, herumzulaufen und in ein Telefon zu sprechen.”