Archive

Archive for März 2013

Epos des Misslingens

Warum haben sie ihren Neunteiler „Zeit der Helden” genannt, wo doch ein Held nicht mal andeutungsweise zu erblicken ist? Leben wir in  Zeiten, wo wir das Wort Helden nur noch ironisch verwenden können? Oder wo man Helden höchstens noch auf den großen Tenniscourts erlebt? Sportler, die sich stundenlang die Bälle um die Ohren prügeln, in den Pausen medizinisch versorgt werden müssen, die nicht mehr laufen können, aber doch immer weiter laufen?

Am Ende des Neunteilers, in Arndts Brunners Firmenwagen, machen sie sich endlich Gedanken über Heldentum. Ist Heldentum heute, wenn ein Mann eine Frau mit Kind heiratet? So niedrig angesiedelt? Wenn er den Versorgungsauftrag annimmt und seine Frau vor der rauen Arbeitswirklichkeit draußen schützen will, ihr dabei aber gleichzeitig den Respekt versagt, den er selbst beansprucht, aber nicht bekommt, weil er sich in keiner Situation des alltäglichen Lebens angemessen verhalten kann und immer so abwegiges Zeug redet, dass es seinen leiblichen Sohn schaudert?

In dieser Serie sind die Kinder genervt, und die Erwachsenen bemüht: um ihre Karriere, um ihren Etat, um ihr Image, um ihre Beziehung. Die Welt, in der wir leben, ist die Welt der Kinder, aber das Geld verdienen und haben noch die Erwachsenen. So entsteht eine von vielen Schieflagen.

Der Neunteiler von SWR und Arte kam völlig unerwartet. Er war eher pessimistisch als beschönigend. Ohne Glanz und Glamour, ohne Erfolgsgeschichten, kleinstädtisch, mit unauffälligen, sehr sensiblen Schauspielern.

In den Journalen beklagen sie, dass die Quote schlecht war: gerade dann, wenn endlich etwas Gutes kommt im ständig kritisierten Fernsehen. Sind die Zuschauer doof? Oder doof gemacht worden?

Oder haben sie keine Lust, sich der Mittelmäßigkeit ihres Lebens zu stellen?  Dass wir komische Typen ohne Visionen in einem reichen Land sind? Diese Serie vom Unglück in deutschen Eigenheimen entfaltet, wenn man sich einmal auf sie eingelassen hat, einen Sog, in dem sich der Verdacht nährt, auch bei einem selbst könne demnächst alles nur noch schief gehen. Danke für die Depressionen. Der Skiurlaub geht schief, der Rückgriff auf eine Jugendliebe, um der ehelichen Trostlosigkeit zu entkommen, geht schief, die Geschichte mit dem angemieteten Begleitservice geht schief. Heldentum ist vielleicht, dass man dieses misslingende Leben trotzdem weiterführt. Arndt Brunner, der von seinem fachlichen Können so überzeugte Elektriker, fährt nächtens mit einem riesigen Plastikswimmingpool, mit dem er seine Familie überraschen will, durch die Straßen. Das Ding ist überdimensioniert in jeder Beziehung. Hat man je einen heikleren Clown gesehen? Mai, seine Frau, klaut ihrer Freundin Sandra die Highheels, um sich mit ihrer Jugendliebe zu treffen, vor der sie sich alsbald ekelt. Die Powerfrau Sandra wird zur komischen Figur, als offenbar wird, dass sie jahrelang die Pille eingeworfen hat, obwohl Gregor, ihr Mann, unfruchtbar ist. Er hat sich einfach nicht getraut, es ihr zu sagen. Gregor wird aus seiner eigenen Firma rausgeworfen. Der gemeinsame Freund Christoph ist ein Psychopath mit einer schweren bipolaren Störung, der mit dem hysterischen Elan des Eventmanagers den Leuten schon nach zwei Sätzen auf die Nerven geht.

Das ist ziemlich viel auf einmal. Ein harter Wirklichkeitsschock. Wir bräuchten weniger Krimis und kaum Talkshows, wenn wir öfter solche Filme hätten. Zeit der Helden versteht es, uns seine Antihelden nahe zu bringen, zu Empathie zu bewegen, der Film denunziert bei aller Schonungslosigkeit seine Figuren nicht, er zeigt auch immer mal wieder Seiten an diesen Menschen, die uns imponieren. Aber er kann uns nicht zeigen, wo das Glück herkommt, das es auch gibt, die Hoffnung, der Sinn. Wollte er vielleicht auch nicht. Damit hätte er sich womöglich kaputt gemacht. Er sagt, dass man wahrscheinlich ganz unten ankommen muss, um sich ohne Illusionen zu sehen und einen neuen Anfang zu setzen.

Am Ende, als Arndt Brunner auf dem Weg nach nirgendwohin ist, bekommt er endlich die Gelegenheit zu dem philosophischen Gespräch, nach dem er sich schon immer sehnte. Der Tramp, den er mitnimmt, gibt ihm die Chance, sein Leben zu lesen. Dafür klaut er ihm das Auto. Aber was für Brunner normalerweise eine Katastrophe wäre, ist bei diesem Stand der Erkenntnis nur noch von geringerer Bedeutung.

Erstmal die Hundescheiße

März 27, 2013 3 Kommentare
Immerhin hat Berlin es hinbekommen, einen Hauptbahnhof mit solchen tabellarischen Wänden zu errichten

Immerhin hat Berlin es hinbekommen, einen Hauptbahnhof mit solchen tabellarischen Wänden zu errichten

Tücke des Objekts. Das ist der Begriff, nach dem ich oft suche, wenn sich die Gegenstände wieder einmal unmöglich verhalten. Durch die Hände rutschen. Zerbrechen. Klirren. Verkettung unglücklicher Umstände kommt dem Sachverhalt auch nahe. Sicher ist eines: Die Objekte werden immer tückischer. Woran liegt das?

*

„Die Arbeitsamkeit des Landmanns wetteifert mit der Zeugungskraft der Natur.” Philipp Franz von Siebold über japanische Felder an Berghängen. 1826. Aus: Der Deutsche in der Landschaft. Herausgegeben von Rudolf Borchardt. Suhrkamp

*

„Die DDR war ja ein Theaterparadies. Es gab 56 Theater. Man konnte in den Stücken Botschaften unterbringen. Das gibt’s heute gar nicht mehr. Du kannst ja machen, was du willst. Es wird ja schon auf die Bühne geschissen. Es wird auch nicht mehr lange dauern, bis man Geschlechtsverkehr auf der Bühne hat.” Michael Schweighöfer, Berliner Zeitung, 2./3. 3. 13

*

Es ist sowieso falsch, von Mund-zu-Mund-Propaganda zu sprechen. Wie soll das gehen, von Mund zu Mund? Das können ja höchstens Küsse sein. Nein, es muss Mund-zu-Ohr-Propaganda heißen. Aber die ist aus der Mode gekommen. Heute muss es heißen: Das Buch (oder der Film oder das Gerücht) wurde populär durch Handy-zu-Handy-Propaganda. Ob man das bitte zur Kenntnis nehmen und sich daran halten möchte?

*

Ich bin (vermutlich) nicht faul oder arbeitsscheu. Aber es stört mich eben doch, dass ich zu vielen Dingen und Tätigkeiten, die mein Leben ausmachen, nicht komme, wenn ich arbeiten muss.

*

Nach langer Zeit mal wieder Nachrichten von Jennybaby. Jennifer Capriati, die früher ihr attraktives Übergewicht  über den Tenniscourt schleppen musste. Wenn das Match über drei Sätze ging, verlor sie immer.

Sie hat ihren Ex verprügelt. Es war in einem Fitnessclub in Palm Beach. Der Ex hat sie angezeigt. Nun hat sie einen Prozess wegen Körperverletzung und Stalkings am Hals. Man ist nicht überrascht.

*

Rentner sind immer die anderen.

*

Die Lauers gaben das junge Paar, dem das Glück hold ist. Sie waren ja so intelligent, so hübsch und so erfolgreich. Brachen auch ständig in Gelächter aus. Und hatten so tolle, überdimensional bezahlte Jobs. Das war äußerst abstoßend für die übrigen Anwesenden.

*

Liegst du im Koma, Oma? Ich hasse die Terrasse. Ich liebe das Getriebe. Außenmister Westerwelle tritt heut eifrig auf der Stelle.  (Wenn man unter Reimzwang leidet. Wenn man nicht unter Reimzwang leidet: SPD-As Steinemeier schleift heut selber seine Brillengläser.)

*

In der Sparkasse am Hackeschen Markt. Ein total betrunkener Mann taumelt herein, geht an den Automaten, von dem ich mich gerade zurückgezogen habe. Ich bleibe stehen in Erwartung eines Schauspiels. Wie ein Sturzbetrunkener vergeblich versucht, Geld zu ziehen, wie die Aktionen immer hilfloser und wütender werden. Er fällt zwar immer wieder gegen den Automaten, aber der Automat kippt nicht um und der Säufer schafft es beim ersten Versuch, wahrhaft eine Leistung.

*

Berlin müsste versuchen, Zeichen zu setzen, relativ begrenzte Zeichen. Zum Beispiel, dass die Stadt in der Lage ist, mit der Hundescheiße fertig zu werden. Eine Stadt, die nicht mit der Hundescheiße fertig wird, kann auch nicht drei Opernhäuser bewältigen oder einen Großflughafen bauen. Sie könnte höchstens türkischen Journalisten Platz schaffen für einen Prozess, in dem es um türkische Opfer geht.

Ich finde sogar, dass es schon etwas besser geworden ist mit der Hundescheiße in Berlin. Ich bin lange nicht mehr reingetreten. Kann auch daran liegen, dass ich einfach auf der Hut bin. Aufpassen wie ein Schießhund. Nicht wie ein Scheißhund.

Kategorien:Short cuts Schlagwörter: , ,

Auch wenn sie im Koma liegt

Der Tatort aus Münster war realistisch. Auch ich weiß von einer Dame, durchaus attraktiv, selbstbewusst und eindimensional, die in Roland Kaiser verliebt ist (da lachen ja die Hühner), und Roland Kaiser war die Attraktion dieser Folge. Da heißt der Kaiser König und der Roland Roman, der Lack ist ab hier wie da, aus der schlanken ist die untersetzte Gestalt geworden; die Fans mit ihren trüben Augen stört es nicht. Aus dem einfallslosen Schematismus, mit dem die Realfigur in die, nun, nicht wahr, Kunstfigur übertragen wird, kann man schon ableiten, wie in Münster gearbeitet wird. Der verordnete Humor verkürzt alle Gestalten auf Zwergenformat. Man kann vorhersagen, wie sie reagieren, wie sie herumtänzeln und was sie von sich geben werden. („Jetzt hat der Pole das Loch immer noch nicht zugespachtelt.”) Ein Spannungsaufbau ist nicht möglich, weil der Film immer wieder bei dieser oder jener Schranze verweilt. Auf der anderen Seite bemüht man sich, das Ding möglichst hochzuhängen mit berühmten Wagner-Aufnahmen von Bruno Walter und Sätzen wie: Denk mal dran, was mit John Lennon passiert ist. Ja, auch der Schlagersänger Roman König ist attentatsgefährdet und kann insofern John Lennon das Wasser reichen. Rührend zu sehen, wie der Schlagersänger Roland Kaiser den Schlagersänger Roman König spielt, der etwas hausväterlich daherkommt und auch ein Familienleben hat („Er liebt seine Frau abgöttisch, auch wenn sie im Koma liegt.”). Am überzeugendsten ist er denn doch als Leiche, aber das muss ihn nicht kratzen: Im Tatort Münster werden alle zu Laiendarstellern.  Alberich, den Asservatenbeutel! Aber zügig und in angemessener Eile!

Kategorien:Tatort TV Schlagwörter: , ,

Helden des Ostens

Die Einsamkeit der Bäume

Von der Einsamkeit der Bäume

Manchmal sieht man sie eben, spät im Fernsehen, in langsamen Filmen: die Helden des Ostens, Menschen des Übergangs, die lange unsichtbar waren und wieder unsichtbar werden, gerade jetzt den „Vaterlandsverräter” (so heißt der Film) Paul Gratzik. Da muss man weit zurückgehen. 1968 wurden am Literaturinstitut „Johannes R. Becher” einige Studenten exmatrikuliert, die kaum angefangen hatten, dort zu studieren. Die einen, weil sie inoffizielle, aber scharf beobachtete Lesungen veranstaltet hatten, ein anderer, weil er Vater von sieben Kindern war, aber nur zwei im Personalbogen angegeben hatte und so weiter, auch Paul Gratzik wurde rausgeschmissen, welche obskuren Gründe es bei ihm gab, weiß ich nicht mehr, vielleicht hatte er Schulden. Dabei war Gratzik das, was der Staat so dringend suchte: Arbeiterdichter. Auf der anderen Seite bestand wenig Hoffnung, dass er strahlende Kollektive und Bestarbeiter beschreiben würde. Seine Gestalten waren der Kohlenkutte und der Transportpaule und brachten seltsames Spruchtum ein in die Literatur. Wer über den Hund kommt, kommt auch über den Schwanz.

Der Film beginnt als Seestück. Paul Gratzik, nun ein alter Mann, vom Leben gezeichnet, nie ohne Hut, selten ohne Krawatte, rudert. Annekatrin Hendel, die Autorin des Films, befragt ihn mit der heiligen Unschuld, die ihr gegeben ist, und macht Gratzik dabei fuchsteufelswild. Es ist natürlich die Stasifrage, die ihn aufregt: Dir ist auch gar nichts heilig! Ich habe dich inständig gebeten, dieses Thema zu lassen. Ich geh über Bord. Ich hör diese schweißwestdeutschen Filmfragen genau raus. Glaub mal nicht.

Aber Gratzik ist ein Mann, in dem die Widersprüche Feste feiern. Genauso, wie er es ablehnt, über die Stasi zu reden, redet er über die Stasi ohne Hemmung: Ich hatte gute Gründe, diese Arbeit zu machen. Ich hab kein Gewissen, ich hab keine Moral. Jedenfalls nicht eure.

Als Dramatiker, der er ist, gibt Gratzik grandiose Rollenspiele. Er ist leutselig, er ist jovial, zärtlich, väterlich, er ist Revoluzzer (mit dem verbrannten Vokabular des Parteilehrjahrs), er ist Provokateur, er ist ein Mann, der sich spezielle Alkoholmischungen braut, die ihm einen Energieschub geben, er hegt eine Hanfpflanze für den Eigenbedarf, den Samen haben ihm Freunde aus Afghanistan mitgebracht, er ist ein Einsiedler, der sich im Winter auf seinem abgelegenen Gehöft in der Uckermark den Arsch abfriert, und er war ein schöner, gut gewachsener junger Mann, den Schauspielerinnen verführten und mit dem Opernsängerinnen das Bett teilten. Er sah aus wie ein Zigeuner, sagt die Frau von der Oper. Von der Schönheit ist nichts geblieben, aber ein rauer Charme verlässt ihn nicht. Und dann war da die unselige Zeit als IM, zwanzig Jahre, bis er 1981 bei der Stasi, wie er sagt, in den Sack haute. Und heute stöhnt er, wenn er diese Berichte liest: Oh Gott, was für ein Scheißdeutsch. Kein Satz erinnert mich an die wirkliche Situation.

Seltene Gelegenheit: Wir lernen Gratziks Führungsoffizier kennen. Er sitzt am Tisch und ist sozusagen der Idealtypus. Sächsische Zunge, Politbürofrisur. Unrechtsbewusstsein ist ihm nicht zueigen, aber ein Hang zu trivialer Philosophie. Man sieht sich als gottähnliches Wesen: „Ich habe dann veranlasst über die Abteilung XX, dass die Druckgenehmigung erteilt wurde.”

„Irgendwann hat er auch eine halbe Flasche Schnaps gebraucht“, sagt Gratzik über den  Mann, „aber er hat keinen Alkohol vertragen. Wir haben alle abgebaut.“

Gratziks kräftige, poetische Art war in Gefahr, verloren zu gehen, als er ins Establishment der Berufsdichter aufrückte, sagt sein Dramaturg. Er ging durch viele Höllen, er hörte nicht auf zu grübeln, er stellte fest, dass die Stasi mit der Bespitzelung des Volks die Arbeit des Klassenfeinds verrichtete, und als er knapp seinen Rückzug miteilte, stellte sich die nächste Krise ein. Er hatte plötzlich nichts zu tun. Man hatte ihm gedroht, dass er in der Republik kein Bein mehr auf die Erde bekommen werde. Auch Verräter leiden, sagt Gratzik, wen auch immer er damit meint.

Er lebt ein Inselleben. Seltsame Gedanken kommen auf. Über die Selbstversorgung der Kohlmeisen, über die Bauersfrauen, die ihren Hühnern keine Namen geben, weil sie wissen, dass sie sie irgendwann doch schlachten müssen, und über Berlin, das umgeben sei von Irrenanstalten. Je seltsamer diese Gedanken sind, desto wertvoller sind sie auch.

„Es ist ja schwer, in der deutschen Sprache einen Satz aufzuschreiben, den es vorher nicht gab”, sagt Gratzik. „Und das hat der Sascha manchmal gekonnt.” Sascha Anderson. Der IM über den IM. Die Opernsängerin geht förmlich an die Decke, als sie sich das Elend der Stasiberichte vergegenwärtigt, mit dem ein Land in Schach gehalten wurde. Oder sich in Schach hielt.

Gratzik erlebt gute Stunden, die gleichzeitig auch schwere Stunden sind. Er trifft seine Tochter (die Straßenbahnfahrerin), er trifft, zum ersten Mal, seinen Sohn. Und er will seine Tochter, die ältere, nicht kennenlernen, denn wenn sie in sein Leben tritt, tritt auch ein neues Drama in sein Leben.

Und endlich beteuert er, dass der Sozialismus nicht gescheitert sei. „Es ist ja so, dass die Eroberer infiziert werden. Die Eroberer übernehmen die Kultur des eroberten Landes.” Durch so was überlebt der Mensch.

Selbst eingeschläfert

März 23, 2013 2 Kommentare

Gegen Kasachstan. Welche Herausforderungen warteten da auf die deutsche Fußballnationalmannschaft (gegen den 139. der Weltrangliste)! Die Zeitverschiebung! Der späte Anstoßtermin um 0.00 Uhr Ortszeit! Der Kunstrasenplatz! Der Reichtum der Kasachen!

Nun, es zeigte sich, der Gegner hatte nicht mehr als Zweitliganiveau. Die Kasachen gingen hart in die Zweikämpfe, waren gelegentlich nicht ungeschickt, aber wenn sie in die Hälfte der Unsrigen vordrangen, verließ sie der Mut, die Konzentration, vielleicht gar das Bewusstsein.  Auch ZDF-Reporter Bela Rethy erkannte rasch, dass es ein leichtes Spiel sein würde und ließ in seiner Entspanntheit ganz gegen seine Art einige drollige Sätze vom Stapel. „Müller fummelt sich da irgendwie durch.” „Kasachstan gelang schon mal ein 2:2-Sieg gegen Serbien.” „Schweinsteiger wird da niedergerungen regelrecht.” (Er rang sich, glaube ich, selbst nieder.) Der beste Satz war aber dieser: „Die deutsche Mannschaft hat sich selbst eingeschläfert.” Das stimmte zum Glück nicht, besaß aber doch einen morbiden Charme.

Es war schon so, dass die Kasachen nach der Pause nach dem Ist-ja-doch-scheißegal-Prinzip beherzter nach vorne spielten und mit einem gewaltigen Lattenkracher Aufsehen erregten. Da hatte Manuel Neuer, der ja stets ohne Gegentor bleiben möchte und alles andere als Majestätsbeleidigung auffasst, Glück.

Kein Wort zum Bundestrainer? Joachim Löw sagte zuletzt gerne „Do it like Spain” und will ohne echten Stürmer spielen. Für ihn auch eine Gelegenheit, den derzeit besten deutschen Stürmer, Stefan Kießling, den er irgendwie nicht verknusen kann, auf die schnöselige Jogi-Art abzubürsten. Kießling möge zwar der erfolgreichste deutsche Stürmer der Bundesliga sein, aber international werde die Luft doch sehr dünn. Zu dünn für Kießling, soll das heißen. Und: Er könne Kießling keine Perspektive in der Nationalmannschaft bieten. Das muss er auch nicht. Er soll an den Moment denken und an demnächst bevorstehende Momente. Vielleicht kann nämlich Kießling in dieser oder jener Situation der Nationalmannschaft eine Perspektive bieten. Ein Trainer, der für einen Stürmer wie Stefan Kießling keine Perspektiven sieht, kann mir nur leid tun.

Einen Nobelpreisträger lesen

Elke Heidenreich liest mit ihrer bemerkenswerten und auch längst bemerkten Schwärmintelligenz ein Buch des chinesischen Nobelpreisträgers, um dessen Linientreue sie natürlich weiß. Oh, oh, ein linientreuer Chinese, da muss man wachsam sein. Aber die schwärmende Elke ist wie immer um Objektivität (vergeblich) bemüht. Zunächst stellt sie fest: „Das ist kein leichter Stoff zu lesen.” Solche Sätze kann nur Elke Heidenreich. Sie werden ihr von einem ungnädigen Schicksal geschenkt. Und dann taucht sie doch ein „in die für uns so seltsamen Gewohnheiten und Lebensumstände” in China und, wir haben Pech, am Ende taucht sie auch wieder auf, „war weit weg und woanders und hat eine neue Welt kennengelernt”. Dieses Eintauchen in Literatur und das Wiederauftauchen aus der Literatur als Lebensprinzip – das können nur wenige, dabei mögen sie ruhig Nichtschwimmer sein. Mo Yan, befindet Elke Heidenreich, spricht sehr deutlich. Mehr kann man nicht verlangen. Ob er dennoch linientreu ist, will sie nicht beurteilen.„Nicht jeder hat den Mut von Ay Wei Wei.” Und auch nicht den Mut von Elke Heidenreich. Was für einen Mut? Ja, dass muss jeder selbst wissen. Ich denke auch, er heißt Ai Wei Wei, aber Elke Heidenreich kann sicher besser chinesisch als unsereiner.

Jeder Chinese muss sich an Ai Wei Wei messen. Das ist nur recht und billig. Wo liest man so was? In der „Literarischen Welt”, dem „Journal für das literarische Geschehen”.

Kategorien:Presseschau Schlagwörter: ,

Rodriguez

Searching for Sugar Man – wir sehen den Film über einen Singer-Songwriter, den wir nicht kennen. Sixto Rodriguez. Es war um 1970. Motown-Musikmanager bekamen einen Tip. Gingen in einen Club in Detroit und wurden Zeuge, wie Rodriguez mit dem Rücken zum Publikum sang. Irgendetwas stimmte nicht zwischen den Leuten und dem Sänger. Aber die Songs waren gut, aufbegehrend, leidenschaftlich, die Stimme klang mühelos, der Typ, ein Amerikaner mit mexikanischen Wurzeln, wirkte wie ein Indio in der Autostadt. Rodriguez spielte zwei Alben ein, Cold Fact und Coming from Realitiy. Hervorragende Alben, die nur einen Fehler hatten: Kein Mensch kaufte sie. So was scheint es zu geben. Oder auch nicht. Denn am anderen Ende der Welt, in Südafrika, wurde Rodriguez zum Hero, seine Leichtigkeit, sein Trotz, seine Eigenwilligkeit, sein Aufbegehren. Seine Platten wurden zu Hunderttausenden verkauft. Aber er blieb ein Mythos. Zwei dieser südafrikanischen Fans begannen zu recherchieren. Was war mit Rodriguez. Sie erfuhren, dass er ein doppelter Toter war. Es gab Leute, die gesehen hatten, wie er sich bei einem misslichen Konzert auf der Bühne verbrannte. Es gab Leute, die sagten, er habe sich on stage erschossen. Den Südafrikanern gab der Widerspruch dieser Aussagen Hoffnung. Sie hörten nicht auf zu forschen. Und es gab Spuren. Dann erreichten sie Rodriguez’ Tochter. Und dann telefonierten sie mit einem Mann. Sie konnten es nicht glauben. Das war Rodriguez. Es war die Stimme, die keinen Zweifel zuließ. Die Stimme war unverkennbar.

Im Film sehen die Häuser in Detroit aus wie Pappschachteln. Das ist eine entscheidende Sequenz im Film. Der schwedische Regisseur Malik Bendjelloul zeigt ein Haus, etwas größer. Ein Fenster im ersten Stock wird geöffnet. Im Fenster taucht Rodriguez auf. Mit seinen langen Indiohaaren. Bis zu diesem Moment konnten wir nicht glauben, dass der Film uns wirklich zu ihm führen wird.

Seine Töchter haben mehr über Rodriguez zu erzählen als Rodriguez. Rodriguez ist freundlich, er lächelt, er scheint zu denken: Seht mich an. Was ihr seht, ist mehr, als ich sagen kann. Er hat keine Ahnung, was mit seinen Platten passiert ist. Geld ist bei ihm nicht angekommen. Er weiß, dass es so etwas möglich ist: Eine Karriere, die nicht abhebt bei besten Voraussetzungen.

Nach der Musik kam der Bau. Er hat Häuser entkernt und rekonstruiert. Er schuftet immer noch.

Die Südafrikaner schaffen es, ihn in ihr Land zu holen. Fast dreißig Jahre nach seinem Start. Ein ausverkauftes Konzert 1998. Danke, dass ihr mich am Leben gehalten habt, ruft Rodriguez in die Arena. Die Leute springen auf und jubeln. Rodriguez hat keine Band. Eine südafrikanische Gruppe begleitet ihn. Man denkt, er hält den Druck nicht aus, er hat sowas nie erlebt, er ist ein Mann in seinen späten Jahren, das Leben hat Spuren hinterlassen, vielleicht zeigt er den Leuten wieder seinen Rücken. Nein. Die Leichtigkeit seiner Stimme, seiner Haltung. Rodriguez singt Sugar Man, Rodriguez singt I Wonder. Die Songs von damals, als er jung war und keiner seine Platten kaufte. Er ist endlich am richtigen Ort.

Rodriguez gibt fünf ausverkaufte Konzerte in Südafrika. Dann geht er zurück nach Detroit und schuftet auf dem Bau. Fliegt noch einige Male nach Südafrika, spielt über dreißig Konzerte. Das Geld meidet ihn nach wie vor.

Zweimal beobachten wir Rodriguez, wie er durch seine Stadt geht. Einmal im Schnee, einmal über ein steppenartiges Gelände. Es ist ein schlenkriger, nachlässiger, unrunder Gang. Steife Beine. Wir wollen diesen Mann nicht fallen sehen. Rodriguez fällt nicht.