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Archive for April 2016

Yellow Berlin

Wie kommt der Schatten des linken Arms dazu, sich so auszudehnen (falls die Frage erlaubt ist) © Christian Brachwitz

Wie kommt der Schatten des linken Arms dazu, sich so auszudehnen (falls die Frage erlaubt ist)
© Christian Brachwitz

Was hält der Athlet in der Hand? Ich fahre so nahe ran wie möglich, aber ich komme nicht dahinter. Es ist kein Wurfgerät, kein Staffelstab, vielleicht ein Stück Rohr. Wozu? Was will er damit? Warum holt er aus? Oder ist der Athlet kein Athlet, sondern ein Krieger? Will er – nein, eine Handgranate ist es auch nicht. Es ist auch keine Taschenlampe. Was wollte der Künstler ausdrücken, vielleicht meldet er sich mal. Nach meinem Gefühl stimmen auch die Proportionen nicht, es sieht so aus, als wäre der Mann ein Sitzzwerg, der Oberkörper ist sehr kurz geraten, dafür wollen die Füße gar nicht wieder aufhören. Wenn man die um die Ohren bekommt, mein lieber Mann. Das Interessanteste an der Figur aber ist ihr Schatten. Der Schatten verwandelt den Athleten oder Krieger in einen Veteran, den das Alter gebeugt und an den Stock gebracht hat. Sein erhobener Arm kann niemanden erschrecken, das ist eine hilflose Drohgebärde.

Kein Wunder, dass die Skulptur in eine stille Ecke gestellt wurde, zwischen Tor 2 und Tor 3 und umzingelt von einem Gelb, das den Augen weh und Berlin gut tut.

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Der Stubenhocker

Das Fenster des Stubenhockers war oben links

Das Fenster des Stubenhockers war oben links

Helle Sonnentage erinnern mich manchmal an meine Kindheit und die Doppelexistenz als Stubenhocker und Muttersöhnchen einerseits und als Straßenjunge andererseits. Wenn die Sonne schien, war das auch der Befehl rauszugehen, die Wohnung zu verlassen, die Bücher, das Spielzeug, den Platz am Fenster, die vertraute Ecke. Aber wenn ich’s über mich gebracht hatte oder auch rausgeschickt worden war (was bist du denn für ein Junge!), konnte ich auch Fußballer, Schwimmer, Machorkaraucher sein, Streiche spielen, über den Rummel stromern, auf Bäumen klettern, über Zäune steigen. Mit klopfendem Herzen. Eine Zwischenexistenz war das Kino, etwas zwischen zu Hause und draußen.

Rentenreform – why not?

Aktiver Briefkasten in Güstrow/Meckl. Nächste Leerung ungewiss

Aktiver Briefkasten in Güstrow/Meckl. Nächste Leerung ungewiss

Was spricht eigentlich gegen die Rente mit 70? Dieser Briefkasten ist ja auch noch im Dienst!

Na ja. Bei der Post mag’s gehen.

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In der Spülmaschine

April 25, 2016 2 Kommentare
Wie soll man leben in einer Spülmaschine?

Wie soll man leben in einer Spülmaschine?

In meinen Träumen darf ich neuerdings nicht mehr in den Westen reisen. Zumindest macht man mir Schwierigkeiten. Ich stehe also in einem Nadelöhr-artigen Gebäude, mit dem sicher der Tränenpalast gemeint ist, alle Leute werden durchgewinkt, nur ich werde einem Verhör unterzogen von einer biederen Beamten, die die Weisheit wahrlich nicht mit Löffeln gefressen hat (wie ich auch nicht). Ich kriege nicht mit, was sie eigentlich von mir will. Schließlich stellt sich heraus, dass ich irgendwann mal eine verdächtige Antwort in einem Fragebogen gegeben habe. Mann, sage ich, das ist doch ewig her! Worum ging’s denn da? Ob ich alles tun würde, um die Werte des Landes zu bewahren. Nein, alles nicht. Ich würde keinen umbringen oder so wegen irgendwelcher Werte. Ich versuche, diese Antwort zu erläutern mit meiner humanistischen Grundhaltung. Es klingt natürlich lächerlich, aber schließlich darf ich doch durchtreten. Im Ankunftsbereich des Westens ist niemand mehr. Ich will jetzt gleich meine Schwester besuchen, Dahlem, Pacelliallee Nr. 10, aber da fängt mich eine Frau ab, die der Beamten an der Sperre verdächtig ähnlich ist, bloß ohne Uniform. Wir gehen zu mir, sagt sie und erzählt etwas von ihrer Kommune. Ich kann mich gar nicht wehren. Die Gegend ist trostlos, trostloser noch als im Osten. Wir betreten das Haus, gehen hinauf bis in den fünften Stock und dann noch weiter auf den Dachboden durch Staub, Spinnweben und Gerümpel. Sie öffnet die Tür, ich befürchte das Schlimmste, aber wir befinden uns im Inneren einer riesigen Geschirrspülmaschine, es ist sehr warm und riecht nach Waschmitteln, alles blitzt vor Sauberkeit. Sehr schön, aber wie soll man leben in einer Spülmaschine!, frage ich mich, und es führt kein Weg zurück.

 

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Unentschlüsselbar

Auch wenn wir nicht wissen, was das Bild bedeutet – es hat doch eine diffuse Wirkung © Christian Brachwitz

Auch wenn wir nicht wissen, was das Bild bedeutet – es hat doch eine diffuse Wirkung
© Christian Brachwitz

Brachwitz weiß nicht mehr, wo er dieses Bild gemacht hat, nur noch, dass es lange her sein muss. Kann sein, dass es in einem Lager war, einer KZ-Gedenkstätte vielleicht. Die Sicht durch ein Fenster auf eine Fotowand. Das Fenster oder die Verglasung der Fotowand ist mit einer Schablone bemalt und beschriftet worden. Das sieht aus wie ein altes Kofferfernsehgerät mit einer Zimmerantenne, das gewaltig abstrahlt, was kann das sein? Scheinwerfer, Lautsprecher, Spuren? Darunter in Versalien die Worte IDIOT NATION. Wenn man den Willen und die Möglichkeit hat, mit wenigen Buchstaben eine Message in die Welt zu setzen, wird man feststellen, wie schwer das ist. Mit Abstand betrachtet sagt das einfach nichts, was wir in wenigen Worten zu sagen haben. Jeder Mensch gehört einer Nation an. Er tut gut daran, auf diese Nation nicht stolz zu sein, sich aber mit ihr zu arrangieren, nicht irgendwie zu glauben, Teil einer Idiotennation zu sein; das wäre nicht selbstkritisch, sondern selbstgefällig.

Zwischen dem vermeintlichen TV-Gerät und seiner Abstrahlung erkennen wir ziemlich fokussiert einen Mann mit freiem Oberkörper und angewinkelten Armen, der ins Objektiv starrt. Das Licht, die Szenerie sind trübe. Sinn macht das alles nicht. Damit müssen wir uns abfinden.

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Als ich Russe war

April 21, 2016 2 Kommentare
Bemerkenswert, wie groß das Wort Poem und wie klein die toten Seelen auf dem Originaltitel erscheinen

Bemerkenswert, wie groß das Wort Poem und wie klein die toten Seelen und der Autorenname auf dem Originaltitel erscheinen

… Quatsch, ich war kein Russe. Ich habe nur vor einiger Zeit (gar nicht so lange her) unentwegt (was man so unentwegt nennt beim Lesen) russische Klassiker gelesen. Erzählungen von Turgenjew, von Tschechow, Oblomow von Gontscharow. Die toten Seelen von Gogol. Ein Held unserer Zeit von Lermontow … Das ist natürlich Teil eines Nachholprogramms, dem man sich in meinem Alter unterzieht oder zu unterziehen beabsichtigt. Es ist nicht nur selbstauferlegte Pflicht und schlechtes Gewissen; es kann Lust und Gewinn bedeuten und irrationale Hürden beseitigen.

Einen Roman, der „Die toten Seelen” heißt …, also an dem geht man leicht vorbei wegen der Finsternis, die der Titel zu versprechen scheint. Oder weil man in der Schule auf die Bedeutung hingewiesen, weil er zur Pflichtlektüre erhoben wird.

Ein Kopf mit hohem Wiedererkennungsfaktor

Ein Kopf mit hohem Wiedererkennungsfaktor

Gogol entstammte dem ukrainischen Kleinadel und war ein russischer Schriftsteller. Was sagt uns das? Zumindest historisch kann man Russland und die Ukraine schwerlich auseinanderhalten. „Gebürtiger Ukrainer, schrieb nur in russischer Sprache”, einfacher geht es nicht. In seinen ersten Texten erzählte er aus der ukrainischen Provinz, in späteren fixierte er das Leben in russischen Großstädten, St. Petersburg und Moskau. In den toten Seelen aber geht er über die Dörfer, richtiger gesagt über die Landgüter, unerheblich, ob es russische oder ukrainische sind. Tschitschikow, der absurde Held, ein abgesägter Kollegienrat, fährt von Gut zu Gut, um den Gutbesitzern ihre toten Seelen abzuschwatzen, das heißt, jene Leibeigenen, die unlängst verstorben sind, für die aber bis zur nächsten Revision noch Steuern zu zahlen sind. Tschitschikow will diese imaginären Arbeitskräfte bei den Banken als Sicherheit für Darlehen verpfänden und so zu Reichtum gelangen; er ist mithin ein ziemlich moderner Halunke, der die Lücken im Finanzsystem für seine Zwecke nutzt.

Vielleicht hat nicht Robert Musil, sondern schon Nikolai Gogol den Mann ohne Eigenschaften erfunden, denn so führt er seinen Tschitschikow ein: „In der Kalesche saß ein Herr, nicht schön, aber auch nicht von hässlichem Äußeren, nicht zu dick und auch wieder nicht zu dünn; man konnte nicht behaupten, dass er alt, aber auch wiederum nicht, dass er sehr jung war.” Er ist sogar ein Mann ohne Merkmale, aber einer mit Auffälligkeiten. „In seinem Benehmen hatte der Herr etwas Solides, und die Nase putzte er sich ungeheuer laut. Ich weiß nicht, wie er das fertigbrachte, doch seine Nase schmetterte dabei wie eine Trompete.” Kollegienrat Pawel Iwanowitsch Tschitschikow reist, wie er auf ein Stück Papier kritzelt, „in eigener Angelegenheit”.

Mit Gogol, schrieb Thomas Mann, sei die Komik in die russische Literatur gekommen, „statt der Poesie der Kritizismus, statt der Naivität die religiöse Problematik und statt der Heiterkeit die Komik … Seit Gogol ist die russische Literatur komisch – komisch aus Realismus, aus Leid und Mitleid, aus tiefster Menschlichkeit, aus satirischer Verzweiflung, auch aus einfacher Lebensfrische … Was ist es denn aber, was der russischen Komik diese menschlich gewinnenden Kräfte verleiht? Dies, ohne Zweifel, dass sie religiöser Herkunft ist … ›Mein ganzes Streben‹, sagt er (Gogol) in einem Brief, ›geht dahin, dass jedermann, der meine Werke gelesen hat, nach Herzenslust über den Teufel lachen kann.‹ ›Den Teufel zum Narren machen‹ – das ist der mystische Sinn der russischen Komik, und ›Herzenslust‹ ist in der Tat die exakte Bezeichnung ihrer Wirkungen.” (Thomas Mann, Aufsätze, Reden, Essays, Band 3)

Tschitschikows Land- und Einkaufsfahrten konfrontieren ihn (und uns) mit einem aufschlussreichen und amüsanten Panoptikum russischer Gestalten, vor allem Gutsbesitzer, slawophil oder westlich, apathisch oder mobil, kleinlaut oder großkotzig.

Im Rückblick auf seine Jugend beklagte Gogol sich über unbegabte Lehrer, über „die große Nachlässigkeit im Unterricht”, „nie hatte ich andere Wegweiser als mich selbst”.

Offenbar war der Dichter mit einer scharfen und kritischen Beobachtungsgabe so gesegnet wie gestraft. Ihm fielen Details ins Auge, die anderen nicht auffielen, und sie wurden so übermächtig, dass sie ihn nachhaltig nervten. Die Literatur konnte ihm ein Mittel sein, seinen Frust zu sublimieren. Die Gestalten, die nun in seinem Roman, den er übrigens Poem nannte, auftauchen, nerven uns nicht mehr, sie kommen uns irgendwie surreal vor, oft gerade, weil ein illustres Detail beherrschend wird. Die Frage ist schon, ob man diese Gestalten überhaupt ernstnehmen kann. Zu unserer Verwunderung kann und muss man das.

Wie Dante in der Göttlichen Komödie wollte Gogol ein dreiteiliges Werk vorlegen, in dessen ersten Teil es vor negativen Figuren wimmelt. Reue und Läuterung sollte im zweiten und dritten Teil folgen. Das war, wie man sich denken kann, ein naiver Plan. Gogol ist am Positiven oder besser an seiner Darstellung gescheitert und verzweifelt. Nur vorrübergehend ist es ihm gelungen, „den Teufel zum Narren machen”.

Er starb am 4. März 1852 „infolge von Verweigerung der Nahrungsaufnahme”. Für die russische Literatur war das ein schwarzer Tag.

Pathos und Spiel

April 17, 2016 1 Kommentar
Wenn dein starker Arm es will …  © Christian Brachwitz

Wenn dein starker Arm es will …
© Christian Brachwitz

Rostock neunzehnhunderteinundachtzig. Das Meer, der ungerührte Himmel, die Hafenanlagen, die im Wind klirrenden Fahnen, die allerdings auch aussehen, als seien sie in Stein gehauen oder in Bronze gegossen. Der Größenunterschied zwischen den revolutionären Matrosen (wenn es denn welche sind) und den Kindern, die nur spielen wollten, wenn sie nur wüssten was, könnte eklatanter nicht sein. Er ist so erheblich, dass die einen mit den anderen nichts zu tun haben. Es gibt ein Pathos, das unerreichbar ist und vielleicht nur in den Wunschvorstellungen der Mächtig-Ohnmächtigen existiert hat. Man könnte sagen, je größer und mächtiger etwas ist, desto unsichtbarer wird es auch. Realität sind die groben Betonplatten, die schrägen Treppenstufen, die Kinder, die überlegen, was sie anstellen könnten, mit diesem Moment und letztlich auch mit ihrem Leben. Das Denkmal steht auf einem dürftigen Fundament.

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