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Archive for Juni 2019

Halle im Juni II

Erklär mir Halle …
© FJK,ADe

Sonntagmorgen. Schön gemachte Menschen auf den Hallenser Straßen. Ein Hauch von Abiturzeugnissen und Hochzeiten. Beachtliche alte Bürgerhäuser, zum größten Teil wiederhergestellt. Die haben vermutlich Fabrikanten, Richtern und Professoren gehört, aber ja, aber nein: Das Haus, in dem wir Gast sind, hat ein Maurermeister für sich, seine Familie und seine Mieteinahmen gebaut. Öfter mal kam es vor, dass Geld in die Stadt gespült wurde, durch das Salz oder durch Reparationen etwa 1870/71.

… die hat Dukaten, hat Dukaten. Musenhof in der Neuen Residenz

Bin ich schon mal über Kunstrasen gewandelt? Eher nein. Das geschieht nun hier im Innenhof der Neuen Residenz. Könnte aber auch einfach eine grüne Textilie sein, keine Ahnung. Der Hof präsentiert sich als Musenhof, als ländlicher Barockgarten, das Lebensgefühl eines opulenten Zeitalters soll aufleben, das ist das Ziel des Jobcenters, das diese Aktion unter anderem mit Langzeitarbeitslosen realisiert hat. Löblich, löblich. Musik soll in der Luft liegen und liegt auch in der Luft. Auch der Rasen hängt voller Geigen. Opernhafte Gestalten aus Plastik. Bequeme Sitz- und Liegeflächen. Da haut der Anhaltiner sich auch am Sonntagvormittag gern mal hin. Fahnen mit Arientexten. Singe, wem Gesang gegeben. „Weiß ich doch eine, die hat Dukaten, hat Dukaten”, Smetana, Die verkaufte Braut. Das Ergebnis verdient vielleicht keinen Designer-Preis, schön lebt es sich trotzdem in diesem grünen Innenhof, während draußen die Stadtführer Touris ins Bild setzen. Stadtführer, ein Beruf, der in Halle ernst und heiter zugleich genommen wird. Man hat eigene Recherchen angestellt, man geht mit hochwertigen Informationen und engagierter Körpersprache auf die Tour.

Im tiefen Gras des Gartens hinterm Haus

Spargel, Schinken und Weißwein auf einer Wiese im tiefen Gras. Dann der Höhepunkt das Tags: „#Bizarr”, Tanztheater im Opernhaus. Junge Tänzer, junges Publikum, Musik vom Band, eine Collage aus Bach und anderen. Dass es sich um Festkultur und Festunkultur in Todesnähe vom Barock bis zur Postmoderne handeln soll, teilt sich dem Zuschauer nicht unbedingt mit. Modernes Tanztheater. Wir sind durch einschlägige Erlebnisse hellwach bis gewarnt und können das Opernhaus nach anderthalb Stunden in angeregter Stimmung verlassen. Mich hat das sehr angesprochen, sagt meine ausgleichende Nachbarin. Hast du aber gemerkt, dass ich einmal eingenickt bin? Du hast doch die ganze Zeit geschlafen, sage ich.

Das ist natürlich Quatsch, aber wir haben Anlass, über Glück oder Unglück dieser Produktion zu reden. Die Zeit hat sich schon sehr gedehnt, was zweifellos damit zusammenhängt, dass das Ballett nicht viele Situationen hat, die es darstellen kann. Ekstase, Erschrecken, Angst, Erstarrung, Flucht, Entwarnung, Erholung, Zärtlichkeit, Rivalität, und das wird wieder und wieder wiederholt. Oft rast die Kompanie aufgescheucht von hinten rechts nach vorne links. Und wieder zurück. Die Kostüme scheinen Jahrhunderte lang im Fundus gelegen zu haben. Und gegen Ende wird zur Erklärung ein recht triviales Gedicht über die stete Veränderung des Lebens eingesprochen.

Besondere Effekte: die Raumbühne im Opernhaus

Aber gut, wir haben schöne, engagierte Tänzer gesehen und sitzen auf dem Marktplatz vor großen Eisbechern. Der linke Turm der Marktkirche senkt sich nach links. Auf dem Foto ist das nicht nachvollziehbar, in der Wirklichkeit schon. Wir hören etwas über die Hallesche Marktplatzverwerfung. Das ist etwas, was sich schon im Oberkarbon abgespielt haben soll. Die nordöstliche (Halle-Wittenberger) Scholle wurde gegen die südwestliche (Merseburger) Scholle aufgeschoben. Was das bedeutet, verstehen sicher nicht viele Leute. Aber man kann mal davon gehört haben. Auf jeden Fall geht von der Verwerfung heute keine Erdbebengefahr mehr aus.

Wir müssen aber trotzdem wieder zurück nach Berlin. Was hören wir aber noch: Ein Sohn und junger Vater ist im Schwimmbad zum Erschrecken seiner Kinder vom 10-Meter-Brett gesprungen. Du lieber Himmel. Ich habe mir beim Schwimm-Abitur durch einen Kopfsprung vom Drei-Meter-Brett (dem ersten meines Lebens, ich brauchte die Punkte unbedingt) großflächige blaugrüne Verfärbungen auf der Vorderseite weggeholt. Von einem Kopfsprung konnte man kaum noch sprechen, ich klatschte flach wie ein Brett ins Wasser. Da sind wir plötzlich beim Schulturnen. Die Frauen erzählen, dass sie Stufenbarren und Schwebebalken hassten und wie sie die armen Jungs beim Bodenturnen bedauerten, denn das lag denen gar nicht und sah ziemlich blöd aus. Nichts gegen Sport. Aber dieses blöde Geräteturnen hat schon sehr genervt. Und wem verdanken wir das? Vermutlich dem Turnvater Jahn.

Das war Halle im Juni. Die Händel-Festspiele sind zu Ende gegangen. Zuletzt dirigierte eine Südkoreanerin auf dem Markt den dritten Teil von Händels Messias ohne Orchester und ohne Musik. Auch das war Teil eines Kunstprojekts. Wir haben es nicht mehr miterlebt.

Halle im Juni I

Wein, Weib. Gesang kommt später
© ADe,FJK

In Halle war es genauso heiß wie in Berlin, nur im ICE war es kalt. Wir saßen in der so genannten Ruhezone neben drei jungen Familien mit tagaktiven Vätern. Der Lärm, den sie machten, war nicht mal unsympathisch. Eine junge Vätergeneration erleben wir mit wohlhabenden Bäuchen und coolen Glatzen. Aus deren Kindern wird mal was.

Und schon sind wir in Halle. Der schräge Zuschnitt der Stadt. Abschüssig und aufwärtsstrebend. Die Straßen meiden den rechten Winkel. An den Ufern der Saale konnte man Craftbier trinken und Fritz-Kola meiden. Wir laufen barfuß übers Parkett und fahren an vielen trägen Windrädern vorbei nach Schloss Neuenburg bei Freyburg, streifen Buna und Leuna, industrielles oder auch postindustrielles Umland. Und schon sind wir im Herzen der mitteldeutschen Weinregion Saale-Unstrut. Ein Anhänger hinter einem Trecker aus Crölpa-Löbschütz. Partyfreunde mit analogen Waden steigen auf. Sie nennen sich Himmelfahrtskommando und haben einen langen Tag mit unsicherem Ausgang vor der Brust.

Party auf Rädern

Schloss Neuenburg ist mächtig, in der sanft geschwungenen Landschaft eine wehrhafte Burg, in die der Sturm gleichwohl ungebremst hineinfährt. Begründet wurde sie von Ludwig dem Springer, so genannt, weil er sich durch einen gewaltigen Sprung seines Pferdes aus der Gefangenschaft befreite, wenn es denn stimmt, was wir so hören. Ihren Ruhm verdankt die Burg auch der Heiligen Elisabeth, die einige Zeit ihres kurzen Lebens hier verbrachte und immer nur Gutes tat, auch wenn es ihr zum Nachteil gereichte. Das Schloss bietet ein Wein-Museum, eine Edelbrennerei, eine Kinderkemenate, eine Uhren-Ausstellung, eine Burg-Wirtschaft und eine junge Frau im blauen Kleid, die an einem Tisch sitzt und Lieder der Barockzeit singt, nur so für sich, so war es jedenfalls, als wir dort waren.

Im Burgenlandkreis

Im Hof des Schlosses Neuenburg

Wo wir saßen bei Silvaner und Weißburgunder

Durchs schöne und überraschend weiträumige Naumburg gelangen wir zum Weingut Wartenberg „Der Steinmeister”. Der Professorin, die das Gut im Nebenberuf führt, eilt ein Ruf voraus. Auch uns gelingt es nicht, sie zum Lachen zu bringen. Dafür brachten uns ihre Saale-Unstrut-Weine und sogar ihre Schmalzbrote zum Schwärmen. Was kann schöner sein, als einen Sonnabendnachmittag im Juni mit Freunden unter alten Bäumen an einem Weinberg zu verleben.

Alles etwas unscharf draußen vorm Zaun

Abends spielt ZZ Top auf der Freilichtbühne an der Peißnitz. Wir gehören zu dem Teil des Publikums, der das Konzert vor dem Zaun auf der Wiese beim Picknick verbringt. Ich habe keine Schimmer, wer ZZ Top ist und lasse mich geduldig verspotten, glotze ab und zu mal durch eine Lücke im Zaun, beobachte die Arbeit der Flaschensammler und die Bemühungen der Mittänzer aller Altersstufen. In gewisser Weise bin ich auch unschuldig: In meinem Rock-Lexikon von 1977 steht die Band nicht drin. Wer genauso dumm ist wie ich: ZZ Top hatte ihre beste Zeit in den 80ern und wurde in den Jahren danach auch berühmt als die Band mit den langen Bärten. Sie soll auch die unbeweglichste Band nach Kraftwerk sein. Insofern versäumt man nicht viel: draußen vor dem Zaun.

Alisson Becker und Jürgen Klopp

The day after the day after the day after …
© FJK

Die Saison läuft aus. Letzten Sonnabend das Champions-League-Finale, nun folgt die Frauen-Fußball-Weltmeisterschaft, die wir nicht geringschätzen, dazu brauchen wir noch nicht mal eine Me-too-Debatte.

FC Liverpool gegen Tottenham Hotspurs. Das gebührenfinanzierte Talkshow-, Krimi- und Kitschfernsehen zeigte trotz Liverpool-Trainer Jürgen Klopp natürlich nichts, um seinen Ruf als Traumtänzer und die Altersbezüge seiner Mitarbeiter nicht zu gefährden. Da ging ich zur Havanna-Bar. Public Viewing, wenn man so will. Fragte demütig nach einem freien Stuhl, aber die Platzhalter sahen mich nur höhnisch an. Kommt da jemand fünf Minuten, bevor das Match beginnt, während wir hier schon seit Stunden sitzen und Bier trinken. Aber ich hatte Glück Ein unsportliches Ehepaar beendete seine Mahlzeit, und ich stand nah genug daneben, um mich sofort hinzupflanzen. Nun durfte ich auch Bier bestellen, was mir der Kellner vorher verweigert hatte. Das erste Tor fiel sofort. Es war einer jener unglückseligen Handelfmeter, bereits nach 23 Sekunden. Diesen hier konnte man eher geben, als dass man ihn nicht hätte geben können. Mané, Liverpool, hatte Sissoko, Tottenham, den Ball angeblich clever an den Arm geschossen. Daran glaube ich nicht. Weder an die Niedertracht von Mané, noch daran, dass er ein Wilhelm Tell ist. Das frühe Tor tat dem Spiel nicht gut. Es hatte mehr versprochen, als es dann halten konnte. Ich muss auch sagen, dass mir das Public Viewing nicht behagt. Da sitzen Leute rum, die sich kaum für Fußball interessieren, aber dir mit ihren dicken Köpfen die Sicht versperren. Den größten Teil der Zeit tippen sie auf ihrem Handy rum. An der Säule steht ein Super-Experte und meint, seinem Umfeld jeden Spielzug erläutern zu müssen. Die Stimmung war weitgehend indifferent. Dunkelheit brach über uns herein. Dunkle Gestalten in meinem Umfeld stopften merkwürdig geistesabwesend Fleischstücke und Nachos in ihre Münder, manchmal auch daneben, kein Mensch war wirklich fokussiert. Im letzten Drittel warf Tottenham alles nach vorn. Da zeigte sich, dass Jürgen Klopp nicht umsonst so viel Kohle für den Torwart Alisson Becker ausgegeben hatte. Und am Ende machte der eingewechselte Origi, den wir noch aus Wolfsburg kennen, das 2:0 für Liverpool. Ich tank den Rest meines müden Biers und ging nach Hause. Jürgen Klopp hat endlich den Pokal. Endlich der Richtige.