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Vorzüge der Statistik

Ist das jetzt schon Übergewicht?

Ist das jetzt schon Übergewicht?

„Eine Frau in Spanien lebt im Durchschnitt immer noch 22 Jahre länger als ein Mann in Russland.” Solche absurden Sätze, gegen die rein grammatikalisch nichts einzuwenden ist, komme zustande, wenn die Medien, hier die FAZ, Statistiken öffentlicher Institutionen, hier der Weltgesundheitsorganisation WHO, auswerten. Wenn man sich schon fragen kann, was man davon hat, wenn man die spanische Durchschnittsfrau mit dem russischen Durchschnittsmann vergleicht, muss man erst recht einräumen, dass dieses „immer noch” besonders bezaubernd ist. Immer noch hat die spanische Durchschnittsfrau (SDF) nicht eingesehen, dass sie ein paar Jahre weniger leben sollte, damit sie sich dem russischen Durchschnittsmann (RDM) annähert. Und bei dem ist sowieso Hopfen und Malz verloren, der wird nicht bereit sein, noch ein Jahre Mühsal (und Suff) draufzupacken, nur um sich der SDF anzunähern, auf dass wir in Europa etwa gleiche Werte haben. Dabei wird in Russland noch nicht mal am meisten getrunken, sondern in Weißrussland und Litauen. Und auf das größte Übergewicht können die Amerikaner verweisen. Aber sie machen das wieder gut, indem die Dicken dort alle Jogginganzüge tragen.

Ein Muster der Vergeblichkeit

Ich hatte Pech. Ich war nicht müde. Ich konnte mir das Endspiel des Confed-Cup ansehen. Brasilien gegen Spanien. Gastgeber und Rekordweltmeister gegen den aktuellen Welt- und Europameister. Man hätte sich diese klare Niederlage Spaniens vielleicht besser ersparen sollen, denn natürlich unterlag hier der schönere, durchdachtere dem wuchtigeren, ich könnte auch sagen, dem gewaltbereiteren Fußball, aber es ist wichtig, sowas von Anfang bis Ende zu sehen und zu erdulden. Man hatte sich gerade mal umgedreht, da stand es schon 1:0. Ein Slapstick-Tor. Der Ball sprang als unberechenbares Objekt zwischen vier stürzenden Körpern herum, und es war dann einfach der beste Maulwurf von den vieren, der den Ball gewissermaßen unterirdisch ins Tor beförderte. (Uns hat man früher noch gesagt, dass man im Liegen nicht weiterspielen dürfe.) Dieser beste Maulwurf war der Brasilianer Fred, ein Mann, der gut und gern in deutscher Fernsehunterhaltung den Latin Lover spielen könnte. Spanien im Rückstand – wann kommt das schon mal vor! Es lief dann so: Brasilien spielte die Fouls, Spanien kassierte die gelben Karten, und Bela Rethy vom ZDF forderte Rot. Es ist eine große Sehnsucht in ihm, die Akteure auf dem Platz in seiner gemütlichen Reporterkabine noch zu übertreffen, eine sehr sportliche, aber noch mehr absurde Haltung. Da er nun schon so lange dabei ist, der gute Bela, glaubte er immer, zu jeder halben Spielsituation eine ganze Theorie liefern zu können, was ihn unweigerlich zum Totalopportunisten macht. Er ist jederzeit bereit, dem vermeintlichen Sieger in den Arsch zu kriechen, und wenn das Blatt sich zu wenden scheint, dann macht es ihm auch nichts aus, dem Gegner in den Arsch zu kriechen, wobei er so tut, als hätte er es schon immer gewusst.

Für Spanien lief es, mit dem frühen Gegentor angefangen, denkbar schlecht. Pedro hat die klarste Chance des Spiels, will aber den Ball allzu elegant um Julio Cesar herumschlenzen, so dass der Innenverteidiger David Luiz den Ball noch von der Linie kratzen kann. Wenig später steht es statt 1:1 dann 0:2. Kam Neymar nicht aus dem Abseits? Egal. Das passiert kurz vor Ende der ersten Halbzeit. Und kurz nach Beginn der zweiten bereitet die Wühlmaus Marcelo mit einer seiner Wühleinlagen das 3:0 vor. Den Elfmeter für Spanien, den ich allerdings auch nicht gegeben hätte (wahrscheinlich eine Kompensation des Schiedsrichters) setzte Ramos geistesabwesend neben den Pfosten.

Nehmen wir das Positive. Dies war das aufrüttelnde Spiel, das Spanien veranlassen muss, sich konsequent mit dem Begriff brotlose Kunst auseinanderzusetzen. Im verdichteten Strafraum wirkt das Kurzpassspiel wie ein bleibendes Muster der Vergeblichkeit. Man muss sich Gedanken machen um das Anforderungsprofil des Spielers, der bei Spanien in vorderster Linie spielt. Wer da spielt – die Frage ist immer noch offen. Einer wie Torres? Einer wie Villa? Einer wie Fabregas? Oder ein ganz anderer? Frisches Blut? Die Spanier haben sich ein System zu Eigen gemacht, das die Leidenschaft weitgehend aus dem Spiel nimmt. Die Fähigkeit, auch mal zu explodieren, muss wiederbelebt, die Frage beantwortet werden, woher die Ideen kommen, wenn Iniestas Ideen nicht aufgehen. Wir wissen jetzt in etwa, was mit dieser Fußballweltmeisterschaft auf uns zukommt. Es gibt viel zu tun. Auch für uns Zuschauer. Wir spielen ja immer mit.

Noch ein Wort zu Neymar. Er scheint zu glauben, dass zu einem jungen Supertalent auch die hysterischen Flugeinlagen eines alten Knattermimen gehören. Gibt es niemandem in seinem Umfeld, der ihm erläutern könnte, dass das ganz, ganz falsch gedacht ist?

Im Jugendfußball ist noch vieles offen

Juni 20, 2013 1 Kommentar

Keiner konnte ahnen, dass wir armen Hansa-Rostock-Schweine am Ende der miserabelsten Saison aller Zeiten noch eine angenehme Überraschung erleben. Die A-Junioren. Schon toll, dass sie sich als Zweiter ihrer Liga für das Halbfinale der Deutschen Meisterschaft qualifizierten. Eigentlich hatte man eher nach unten geblickt, um nicht absteigen zu müssen. Als aber die Abstiegsgefahr gebannt war, setzte das erhebliche physische und psychische Kräfte frei. Was aber für das Halbfinale wenig bedeuten mochte, denn da ging es gegen FC Bayern München, der natürlich auch für seinen Nachwuchs-Bereich ganz andere Mittel zur Verfügung stellen kann als zum Beispiel wir armen Hansa-Rostock-Schweine.

Die Experten und Reporter bestätigten den Münchnern einige tausend Mal, dass sie ihren mecklenburgischen Gegnern technisch und spielerisch überlegen seien. Ich sage mal, dass es unter anderem ihre Fischkopp-Mentalität war, die die Rostocker Junioren ins Finale führte. Sie standen gegen die heranstürmenden Bayern in der Abwehr ziemlich sicher, droschen die Bälle aus dem Strafraum raus und machten nach vorne mehr so nichts. Als echte Stoiker schläferten sie den Gegner ein mit einem Torwart Künnemann an der Spitze, der erst recht nicht aus der Ruhe zu bringen war. Und als dann 84 Minuten von der Uhr runtergespielt waren , jagte Nils Quaschner, der schon einige Male bei den Profis gespielt hat, dem Bayern-Verteidiger Hager den Ball ab, umspielte eiskalt den Torwart und machte das 1:0. Die Welt stand Kopf. Aber es gab vier Minuten Nachspielzeit. Genug Gelegenheiten für die Münchner? Nee. In den letzten Sekunden der Nachspielzeit zog Quaschner von rechts außen ab, der Ball war drin. Das war das Hinspiel in München, 2:0 für Rostock, und der Trainer mahnte: Wer den Jugendfußball kennt, weiß, dass da immer viel passieren kann.

Und so war es auch. 8000 Fans mit mitreißenden Choreographien in der Rostocker DKB-Arena sahen die verwöhnten Münchner Jungs im Dauerangriff auf Künnemanns Hansa-Tor. Die liefen richtig heiß, während die Rostocker Stoiker Bälle wegschlugen und so taten, als wüssten sie nicht, dass die Münchner auch ein Tor haben. Und  dann bekamen sie mal den Ball nicht weg aus ihrem Strafraum, Künnemann sprang vergeblich. 0:1. Danach änderte sich das Spiel. Rostock konnte plötzlich auch stürmen. Man muss es schon einen genialen Täuschungsversuch nennen, im Hin- wie im Rückspiel so zu tun, als könne man nicht über die Mittellinie hinauskommen. Die Bayern fielen zwei Mal darauf herein. Kurz vor der Halbzeit gab’s einen Lattentreffer für Hansa, und in der zweiten Halbzeit sah man, dass die Münchner sich müde gelaufen hatten. Sie kamen nicht damit zurecht, dass die norddeutschen Phlegmatiker plötzlich mehr Ballbesitz hatten und das Spiel machten. Eine mittelschwere Depression ergirff den FC Bayern. Flath hämmerte einen Freistoß ans Lattenkreuz. Das hätte schon das 1:1 sein können. Wenig später wieder ein Freistoß für Hansa von rechts. Gebissa tritt an. Wieder Latte, wahrscheinlich hat der Ball beim Aufspringen die Torlinie schon übersprungen, aber Quaschner als Hansa-Profi weiß, dass man als Rostocker immer auf Nummer sicher gehen muss und köpft den Ball endgültig ins Tor. Staunt, aus Erfahrung klug, dass der Schiedsrichter das Tor auch wirklich gibt, denn oft finden sie ja immer noch irgendeinen Grund, um nein zu sagen, aber so weit sind sie bei den Junioren zum Glück noch nicht. Danach sind alle Messen gelesen. Die frustrierten Bayern  bringen außer ein paar gelben Karten nicht mehr viel zustande.

Was nützt das alles? Von der Hansa-Junioren-Meistermannschaft des Jahres 2010 sind gerade vier Kicker ablösefrei weggeholt worden, wenn ich das richtig sehe.. Sie spielen jetzt in den zweiten Mannschaften von Dortmund und Stuttgart oder in Fürth. Nein, die Fußball-Welt verliert viele ihrer Reize. Im Jugendfußball ist noch vieles offen, was später – nach dem Muster Kir Royal – mit Geld zugeschissen wird. Kann man einen schöneren Fußball spielen als die spanischen U-21-Junioren, die gerade Europameister geworden sind? Schwer vorstellbar. Der ballführende Spieler hat immer drei, vier Anspielmöglichkeiten. Der Ball läuft und läuft. Und die Jungs ergehen sich auch nicht in der negativen Seite des Tiki-Taka-Fußballs. Sie gewinnen nicht 1:0 wie die Großen, sie gehen mehr Risiko, suchen den Abschluss, fangen auch mal ein Gegentor und siegen 4:2. That’s Soccer.

Der Langweiler vom Dienst

Was ist dieser Bela Rethy doch für ein Langweiler. Über sechzig Minuten hinweg faselt er immer wieder von dem Elfmeter, der den Kroaten versagt wurde, so in diesem Stil: Herr Schiedsrichter, ich hab was gesehen, was Sie nicht gesehen haben … Was soll das? Fällt ihm nichts anderes ein? Versagte Elfmeter gíbt es wie Sand am Meer und ebenso viele wie unberechtigt gegebene. Möchte er als guter Patriot Spanien aus dem Weg zum deutschen Titelgewinn räumen? Als Mandzukic auf der anderen Seite Pique mit einem Armhieb zu Boden wirft, räumt Rethy zwar ein, dass das auch ein Elfmeter sei, aber darauf kommt er merkwürdigerweise nicht zurück, nur eben darauf, dass der Elfmeter für Kroatien wahrscheinlich spielentscheidend gewesen wäre. Es kommt noch so weit, dass man sich in seinen Privaträumen gezwungen sieht, den Ton abzuschalten und Stumm-TV zu schauen. Unglaublich. Zu allem Überfluss ergreift auch die Schiri-Nervensäge Urs Meier das Wort und meint: Ramos kam angerauscht wie ein Wahnsinniger. Meine Güte. Wenn das nicht üble Nachrede ist. Was spielen wir denn? Soll der Verteidiger mit dem Krückstock angeschlichen kommen, um den Stürmer nicht zu erschrecken?

Die Sportredaktion des ZDF, das wird jeden Tag augenfälliger, muss an Haupt und Gliedern (so sagt man doch) erneuert werden. Da steht der Muff von vielen Jahren, sonst hätte es nicht zu solchen Rentnerveranstaltungen wie auf Usedom kommen können. Nichts gegen Oliver Kahn, aber im Gespräch mit Katrin Müller-Hohenstein wird immer nur das Gute, Liebe, Feine und Fade gesagt. Was zahlt man eigentlich den Unentwegten, die dort ausharren und nicht gähnen? Oder sind die schon froh, wenn ihre Rübe mal im TV zu sehen ist?

Spanien hatte gestern nicht seinen besten Tag, und Kroatien war bestens auf den Welt- und Europameister eingestellt. Es scheint so zu sein, dass die Favoriten traumatisiert sind von der Vorstellung, durch ein einziges Tor aus dem Wettbewerb zu fliegen und in der Heimat eine Fankatastrophe auszulösen. Russland ist es so ergangen, Deutschland zitterte, und Spanien zitterte auch. Andres Iniesta wirkte wie ein zerstreuter Professor, und ganz astrein kam mir das späte Tor gegen Kroatien auch nicht vor. Alle sind verwundbar, soviel wissen wir jetzt. Und der ZDF-Sport ist eine einzige Wunde.

Spanien!

Was war das? Die zwei Welten des Fußballs. Auf der einen Seite die kämpferische, hart arbeitende, sich nicht schonende, brave und auf der anderen die selten gesehene visionäre, atemberaubend schnelle, elegante, innovative. Irland gegen Spanien. Wie gut, dass man es gesehen hat. In den Reihen der Spanier lief der Ball so schnell, dass er immer schon weg war, wenn ein Ire drantreten wollte. Das Märchen von Hase und Igel, einmal anders. Und dabei sind die Iren nicht schlecht, sie haben sich qualifiziert und in Moskau ein 0:0 gehalten. Aber Spanien ist eben der Beweis, dass der Traum realisierbar ist. Dabei fehlen zwei der Besten: David Villa und Carles Puyol. „Solche Leute ersetzt man nicht”, sagte Trainer Vicente del Bosque der FAS.  „Und doch wird genau das geschehen. Andere Spieler treten an ihre Stelle…” Und er sagte noch etwas, das bedeutungsvoller ist, als man denkt: „Je mehr einer gewinnt, desto mehr sollte er sich verpflichtet fühlen, korrekt und bescheiden aufzutreten. Am Ende sind wir doch nur Fußballtrainer und Fußballspieler, nicht mehr. Normalität sollte für selbstverständlich sein, genauso wie Demut und Bescheidenheit.”

Ich will nicht sagen, wem allen bei uns man diese Worte hinter den Spiegel stecken sollte. Die Spanier hielten sich daran. Sie nahmen den von Anfang bis Ende unterlegenen Gegner ernst, blieben bescheiden, traten nie überheblich oder albern auf. Unsere Bayern-Spieler hätten in gleicher Lage schon fünfmal Schnick-schnack-schnuck gespielt. Und die Iren kämpften mit beispielloser Tapferkeit. Sie rannten hinter Bällen her, die sie nie erreichen konnten. Sie nahmen es auf mit der Aussichtslosigkeit. Ihre Fans feierten den Untergang mit einem hinreißenden Pathos in den Farben des Landes und all seinen bizarren Gestalten. Ja, so kann man untergehen. Es war ein Spiel. Man steht wieder auf. Man sieht seine Grenzen und erweitert sie.

Es ist, wie Anna Seghers einst sagte: Für den Schriftsteller ist der Unterlegene der interessantere Held. Aber die Spanier sind auch als Sieger interessant. Und wer sagt, dass sie nicht verlieren können? Vor zwei Jahren standen sie gegen die hässlich spielenden Holländer am Rand des Abgrunds. Sie sind zu gut, um unbesiegbar zu sein.