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Archive for Februar 2013

Episode aus der Zeit einer Arbeitslosigkeit

Februar 28, 2013 1 Kommentar
Nach einem Termin auf dem Arbeitsamt entspannen sich Arbeitslose auf dem Berliner Oktoberfest

Nach einem Termin auf dem Arbeitsamt entspannen sich Arbeitslose auf dem Berliner Oktoberfest

Auf eine bestimmte Frage im so genannten Leistungsantrag des Arbeitsamts setzte Hubert Schubert sein Kreuz bei Nein. Seitdem hatte er dort Stress. Die Frage lautete in etwa: Sind Sie bereit, alle Möglichkeiten zu nutzen, um Ihre Arbeitslosigkeit zu beenden? Da musste Hubert Schubert weiß Gott nicht lange überlegen. Natürlich muss man als Humanist und Bürger einer demokratischen Republik bei solchen Fragen einen ethisch-moralischen Vorbehalt machen! Kann nicht zu allem bedingungslos Ja und Amen sagen! Arbeit um jeden Preis? Wohin führt uns das?

Allerdings hatte Hubert Schubert keine Ahnung, wie sich der Durchlauf eines Antrags auf dem Arbeitsamt gestaltet, ihm fiel also nichts auf, als er bei Abgabe seiner Papiere bedeutungsschwer angesehen und ohne Kommentar zu einer in der Hierarchie wahrscheinlich weiter oben angesiedelten Bearbeiterin geschickt wurde. Die sah sich seinen Antrag mit angewiderter Miene an und sagte finster, dass Hubert Schubert keine Leistungen beanspruchen könne, da er nicht bereit sei, alle Möglichkeiten zu nutzen, um seine Arbeitslosigkeit zu beenden. Alle Möglichkeiten?, wiederholte Hubert Schubert und betonte das „alle”. Ich würde zum Beispiel, gab er an, keine inhumanen Sachen machen. Auf keinen Fall.

Innerhalb Ihres Berufes, belehrte die hochrangige Bearbeiterin (was auch immer das heißen soll). Ach so, sagte Hubert Schubert und tat, als hätte er verstanden, was sie meinte, denn immerhin konnte man auch in seinem Beruf, wie in jedem Beruf, inhuman handeln, sogar, wie man weiß, als Seelsorger. Und so steht’s nicht hier im Fragebogen …

Dennoch setzte er sein Kreuz nun bei ja und meinte, dass die Angelegenheit erledigt wäre. Daraufhin überreichte ihm die hochrangige Bearbeiterin einen Fragebogen, der, wie sich herausstellte, als äußerst diskriminierend empfunden werden musste. Das Papier unterstellte ihm, dass er arbeitsscheu sei, und versuchte, ihm durch alberne Fangfragen ein Geständnis abzuringen.  Hören Sie, wollte Hubert Schubert sagen, Sie beleidigen meine Intelligenz, aber er unterließ es, denn die Beweise waren ganz auf seiner Seite. Nicht nur hatte er nicht gekündigt, nein, mit ihm waren noch 80 weitere Arbeitnehmer gekündigt worden. Nicht nur, dass er nicht froh war über die Kündigung, er hatte sogar eine Klage dagegen erhoben.

Zu seiner Überraschung wurde ihm mitgeteilt, dass sein Arbeitslosengeld ruhen müsse, also nicht gezahlt werde, da er ja noch Ansprüche gegen seinen alten Arbeitgeber habe, und dass seine Ansprüche aus dem alten Arbeitsverhältnis an das  Arbeitsamt abzuführen seien.

Kafka lässt grüßen, sagte Hubert Schubert resigniert.

Wer?, fragte die Bearbeiterin und schaute in ihre Statistik, um dann mit dem Kopf zu schütteln. Kafka mit C oder mit K?

Es kann ja sein, dass diese Bundesrepublik irgendwann ähnlich schmählich untergeht wie einst  die DDR und dass man dann nachschaut und sagt, aha, Sie waren bereit, alle Möglichkeiten zu nutzen, um Ihre Arbeitslosigkeit zu beenden? Auch Auftragskiller? Flugzeugentführer? Terrorist? Selbstmordattentäter? Ab in Quarantäne.

Das möchte ich mir eigentlich ersparen, sagte Hubert Schubert.

(Eh. Hubert Schubert ist doch bei dir für die Träume zuständig, dein Träumer vom Dienst. Warum jetzt hier, auf dem Arbeitsamt?

Arbeitsamtserlebnisse sind ja Träume, düstere Träume, Albträume oder Alpträume.)

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Das Personal Berlins

Die FAZ ist stolz auf ihre Autorin Johanna Adorján: „Sie erzählt vom Personal Berlins”. Und da in diesen Tagen das neue Buch der Erzählerin erscheint, es heißt „Meine 500 besten Freunde”, bietet die FAZ schon mal einen Lese-Anreiz. Da ist die Erzählerin, mit der gebotenen Selbstironie, nun ihrerseits stolz, dass sie sich oft mit ihrer Freundin Eva im Berliner Promilokal Borchardt trifft und dort sogar einen Tisch in der Mitte bekommt. „Manchmal, wenn ich zur verabredeten Zeit ankam, mir den Mantel abnehmen ließ und mit einem raschen Blick den großen Raum durchmaß, und wenn ich sie dann wieder einmal schon dort sitzen sah, wie sie mir mit ihrem kleinen aufgemunterten Gesicht aus der Mitte zuwinkte, manchmal hatte ich da das Gefühl, vielleicht brauchte sie es mehr”… , also, dieses Rumsitzen im Promillokal.

Das versteht die FAZ nun also unter einem Lese-Anreiz. Eh! Kann man noch schlechter schreiben? Wie winkt man denn jemand mit einem kleinen aufgemunterten Gesicht aus der Mitte zu? Das kriegt man doch nur hin, wenn man sich fälcherlicherweise zum Personal Berlins zählt. Es geht über eine Seite. Irgendwann, die Stimmung war schlecht, schälte sie, Eva, „sich aus dem Mantel und brachte ein abenteuerlich kleines schwarzes Etwas zutage, das vor ihrem riesenhaft unter dem Kinn hervorragenden Dekolleté mühsam mit einer kleinen Kordel zusammengebunden war.”

So stellt sich das Personal Berlins wahrscheinlich Erotik vor. Alles in allem bleibt der Eindruck einer unendlichen Trostlosigkeit zurück. Wir haben uns also bei unseren seltenen Besuchen im Borchardt nicht getäuscht. Es geht verdammt trostlos zu dort, wo die Prominenz ihr kleines Wiener Schnitzel isst und darauf achtet, dass jedermann ihre Rolexuhren  sieht. An Berlin liegt das nicht. Es liegt an diesen Leuten, die keine Ahnung von dieser Stadt haben, aber sich für das Personal Berlins halten. Der Verlag, der so etwas so redigiert (oder auch nicht redigiert), ist der Luchterhand Verlag. Und die Zeitung, die so etwas für einen Lese-Anreiz hält, ja, wie gesagt, es ist die FAZ. Mit der Stadt Frankfurt (und ihrem Personal) geht man dort etwas sorgsamer um. Das nächste Buch Johanna Adorjáns ist bereits in Arbeit. Es heißt „Meine 1000 zweitbesten Freunde”.

Keine Illusionen mehr

Der Tatort macht sich bedeutend, indem er die Täter nicht nur im kriminellen Milieu sucht, sondern auch im BKA und bei den Ministern dieses Landes. Polizei kämpft gegen Polizei. Hatten wir oft in letzter Zeit. Aber der Tatort verhebt sich auch mit diesem Griff zu den Sternen, die Bremer Ermittler – nun, man glaubt ihnen nicht, dass sie auf Augenhöhe sind mit den korrupten Beamten und Politikern. Sie sind zu sehr mit ihren privaten Depressionen beschäftigt und mit dem neuen Kollegen, der – wie so oft in letzter Zeit – ein ausgemachter Sonderling ist, der seinen Lebensweg mit den Weisheiten seiner Großmutter pflastert. Die Schusswechsel in der Tiefgarage, die gefährdete Zeugin in der Wohnung des Polizisten, das Sex-Video, mit dem ein Richter erpresst wird – greifen wir nun beliebig hinein in die Kiste mit den Versatzstücken. Manche Tatorte kommen ohne sie nicht aus, andere – zum Glück – schon. Das passt alles zu gut zusammen, sagt die unfrohe Kommissarin Lürsen. Zugeneigte Rezensenten nennen sie bodenständig. Manchmal lässt sie den Humor der Illusionslosen aufblitzen. Da sind wir uns einig. Wir haben auch keinen Illusionen mehr beim Tatort aus Bremen.

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Auf fünf Bier mit Eugen Verheugen – 6: Zwischenfälle

Bitte nicht das Bier- mit dem Lichtglas verwechseln

Bitte das Bier- nicht mit dem Lichtglas verwechseln

Eugen Verheugen trägt bequeme Hauskleidung. Wenn er ausgeht, zieht er sich um, dann greift er auch auf die lange Unterhose zurück, derer er in seinem gut beheizten, wenn auch hellhörigen DDR-Neubau nicht bedarf. Die Hellhörigkeit des Blocks ist eines der größten Probleme in Eugen Verheugens Solistenleben. Er hört ständig Stimmen und Geräusche, die er nicht hören möchte. Glück hat er nur mit seinen unmittelbaren Nachbarn, zwei kultivierten Männern, die auch nicht mehr jung sind und gern reisen. Wenn sie unterwegs sind, nimmt Eugen die Post aus ihrem Kasten, und wenn sie zurückkommen, bringen sie Eugen Verheugen Kleinigkeiten aus der Toskana mit oder so, was ihm fast schon zu weit geht.

Und was ist das schon für ein Ausgehen, wenn er ausgeht! Er kommt den dringlichen Bitten von Schwägerin und Schwager nach, sie zu besuchen, um sich jedes Mal aufs Neue zu ärgern. Das vorschnelle „Jeder bezahlt seins!” der Schwägerin, als habe er es auf ihr Vermögen abgesehen, und ihr ahnungsloses Bildungsbürgertum. Sie sind glühende Verehrer des jeweiligen Bundespräsidenten („Ein großartiger Mann! Und auch ein großer Mann! Umfassend gebildet und so bescheiden!”) und setzen auf unbedeutende Künstler, bloß weil sie die noch persönlich gekannt haben. Begeisterte Chorsänger sind sie auch. (Die Chorprobe! Das Gemeinschaftserlebnis! Das Sich-eins-fühlen-mit-allen! Deine Stimme, die in den anderen Stimmen aufgeht, aber nicht untergeht! ) Meine Güte.

Oder Eugen Verheugen betritt das Haus Berlin und trinkt mit mir die berühmten fünf Bier. There we are.

Hansi kommt später, sagt Eugen, Hansi, der Kellner.

Ach, das weißt du auch schon, dass er Hansi heißt.

Weiß ich nicht, sagt Eugen, aber er sieht so aus.

Hansi ist Bayern-München-Fan und freut sich schon auf Pep Guardiola. Beim dritten Bier löst er die würdige Kellnerin ab, die in den Feierabend geht, wie wohlverdient der auch immer sei.

Leider war ich zuletzt allein hier, sagt Eugen.  Zwei Tische weiter saß ein stiller Zecher. Das ist Jürgen, sagte der Wirt, Jürgen aus dem Osten, immer auf dem Posten. Hat hier zu DDR-Zeiten die ganze Kneipe verwanzt. Jürgen verzog keine Miene und kommunizierte mit seinem Bier. Am Ende musste ich noch Geld ziehen. Aber der Automat gab mir nichts und behielt stattdessen die Karte. Gab sie einfach nicht wieder her. Am nächsten Morgen trank ich einen Korn und ging zur Sparkassenfiliale. Mein Kundenbetreuer, Herr Wegner, war nicht da. Eine Dame gab mir was zum Unterschreiben und sagte, die Karte kommt auf dem Postweg in drei bis fünf Tagen. Ich brauche die Karte sofort, sagte ich wie ein General im Krieg. Sofort! Unverzüglich!  Ich kann nichts dafür, dass der Automat sie einbehält. Sie haben sicher was falsch gemacht, sagte die Dame. Was, schrie ich, Sie trauen einer dämlichen Maschine mehr zu als einem gebildeten Menschen, und stiess mit dem Fuß gegen ihren Schreibtisch. Die Dame rief den Sicherheitsdienst. Sofort, wiederholte ich, ich brauche die Karte un-ver-züg-lich. Die Männer drehten mir die Arme auf den Rücken, aber sie haben’s nicht geschafft. Ich habe gestaunt, wie stark ich noch bin. Sie haben die Polizei gerufen. Keine Handschellen?, habe ich gefragt. Keine vorgehaltene Waffe? Aber die Bullen ließen sich nicht provozieren. Auf der Wache haben sie ein Protokoll angefertigt und waren eigentlich ganz vernünftig. Wenn nichts weiter vorliegt, kommt da nichts nach. Am Anfang hat mich dieser Vorgang richtig aufgemuntert. Aber je länger ich überlege, desto unmöglicher erscheint mir die Rolle, die ich da spiele. Irgendwie kommt mir die Realität abhanden.

Da bist du in guter Nachbarschaft, sage ich. Kathleen Ferrier singt: Ich bin der Welt abhanden kommen. Ein Gedicht von Friedrich Rückert, vertont von Gustav Mahler.

Du hast doch ’n Knall, sagt Eugen anerkennend. Ich weiß ja, dass er dieses Lied über alles liebt und die Stimme der mit 41 Jahren verstorbenen Ferrier.

Dein erstes Gefühl war auf jeden Fall richtig, sage ich. Du hast dich gewehrt, du hast das nicht hingenommen. Und es ist was passiert.

Eugen Verheugen schweigt. Das Lied geht ihm durch den Kopf: „Ich bin der Welt abhanden gekommen/Mit der ich sonst viele Zeit verdorben … /Ich leb allein in meinem Himmel…”

Wo muss der Streifen sein, fragt er, wenn man die Karte in den Automaten steckt?

Unten rechts.

Unten rechts? Eugens Erinnerung sagt etwas anderes. Kann man ihr trauen, der Erinnerung? Dem Gefühl, alles richtig gemacht zu haben? Auf jeden Fall.

Ermittler, ohnmächtig

Traurig, aber wahr. Der Tatort from Vienna erzählt von der Ohnmacht der Ermittler. Moritz Eisner und Bibi Fellner sind in einer Task Force der Majorin Warig vom Bundesamt  für Verfassungsschutz unterstellt, durchsichtig, dünn, blass, klein – was da zu kompensieren ist, vollzieht sich im Kasernenton, da haben die Kollegen aus Österreich eine unstattliche Hassfigur ins Medium gestellt. Man muss sich nicht über Eisners Verdrossenheit wundern, auch nicht darüber, wie standhaft Bibi Fellner dem Alkohol widersteht („In der Regel wird’s dann schlimmer.”). Sie kriegen schnell mit, dass sie nur pro forma ermitteln sollen, um der Staatspolizei und der politischen Intrige ein Alibi zu liefern. Auf Anweisung von ganz oben werden Täter freigelassen, Leichen einkassiert und Beweise vernichtet. Auch wenn Harald Krassnitzer als Kommissar Eisner einen auf freien Fuß gesetzten Täter mit drei saftigen Fausthieben niederstreckt, auch wenn Adele Neuhauser als Bibi Fellner den Berufskiller auf dem Gelände eines Autohändlers mit einem Auspuff umnietet („So kann’s gehen, Arschloch” ) – es ist letztlich der Charme der Verlierer, mit dem wir als Zuschauer leben müssen. Woher soll der Fisch wissen, dass sein Kopf stinkt.

Das Unglück zu siegen

Ich habe nur den Schnelldurchlauf des deutschen Ausscheids für den Song Contest gesehen (über mehr Nerven verfüge ich nicht). Da war schon klar, dass nach dem Triumph der Spott folgen wird, das ist nicht nur so, wenn man mit Korsage, Miniröckchen und Tüllgardine antritt wie Natalie Horler und Cascada. Das muss sogar so sein, wenn die Sidekicks wichtiger sind als das Eigentliche, der Song. Es war vom Dancefloorkracher die Rede, vom bulettenbratenden Vollweib, von einer Mischung aus Brunhilde und Annette Schavan, vom Kampfweib – zu viel der Mühe, solche Abservierungen fallen nicht zu Unrecht auf die Urheber zurück. Noch mehr Spott musste der Kameramann ertragen, der versuchte, irgendwie unter das Röckchen der Sängerin zu gelangen und dabei doch anständig zu bleiben. Wenn ich vom Schnelldurchlauf ausgehen darf: Jeder dieser Songs hätte als Sieger des Wettbewerbs Unglücksgefühle ausgelöst, ob es nun die fröhlichen bayerischen Blechbläser oder die Anzugträger Mannheims gewesen wären, und wenn die Jury auf Blitzkids setzte, lag sie gar nicht so schlecht. Es wird nicht besser werden, wenn man sich nicht entschließt, einfach mal an ein Lied zu glauben, an die Power eines einfachen Lieds, an Naivität, Sentimentalität, daran, dass auch etwas Falsches wie Ein bisschen Frieden etwas Richtiges sein kann auf der Schlagerbühne, man braucht junge Heldinnen und Helden, egal welchen Alters, denen man einfach glaubt, dass sie an das glauben, was sie da singen, wenigstens für drei Minuten. Sollen sie sich die Seele aus dem Leib singen.

Was auch nervt ist im soundsovielten Jahr die Berlinale mit ihrem Direktor und seinem roten Schal, seinem breitkrempigen Filzhut (diese Vorstellung von lustiger Eleganz), seiner durchgängig guten Laune, seinem Bekenntnis zum politischen Film und der Cleverness, mit der er im richtigen Moment Stars und Medien zusammenbringt. Was bleibt von der Berlinale. Immer dasselbe.

Vorsicht Strickjacke!

Die Mistel (rechts oben im Baum) galt als Abwehrmittel gegen Blitz, Krankheit und Verhexung. (dtv-Lexikon)

Die Mistel (rechts oben im Baum) galt als Abwehrmittel gegen Blitz, Krankheit und Verhexung. (dtv-Lexikon)

Vier Männer stehen in Joppen, Anoraks oder Pullovern in der Februarkälte und rauchen stoßweise. Das scheint das Hauptsächliche zu sein, was sie zu tun haben. Aber eigentlich geht es immer noch um den nie ans Ende kommenden Neubau schräg gegenüber, wo mal das kleine Haus der alten Frau stand, die eines Tages tot war.

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Nadja Uhl. Über die Villa Gutmann, die ihre Familie in Potsdam gekauft hat:

Wir bauen. Wir bauen die nächsten zwanzig Jahre … Es ist nun mal so, dass wir dieses Projekt angetreten haben, ohne zu wissen, was auf uns zukommt. Jetzt machen wir Stück für Stück weiter. Dabei hatte ich nie vor, mich in eine Ruine zu begeben, deren Bau mein ganzes Leben beeinflussen wird. Aber wir genießen es, dort zu sein. Der Bauprozess und die Geschichte eines solchen Hauses sind ein Geschenk. Merkwürdigerweise löst dieser unfertige Zustand auch bei den Menschen, die uns besuchen, etwas aus … Die meisten Menschen streben nach Ordnung, Klarheit, Überschaubarkeit, Minimalismus. Aber so ein üppiges, chaotisches und sehr gemütliches Umfeld wie bei uns führt zu einer großen Kreativität. Das Unfertige, Unvollkommene entspannt. (FAS, 6. 1. 13)

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Ich war jung und brauchte den Titel. Annette Schavan.

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Warum ist der Papst zurückgetreten?

Er glaubt nicht mehr an Gott.

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Musstest du denn jemals bügeln?

Ja, natürlich! Habe ich auch gemacht. Viele Leute haben mich sogar gefragt, wo ich die originellen Hemden herhabe.

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In einer späten, inzwischen vergangenen Zeit nahm Dustin Hoffman vier Jahre lang keine Rollen mehr an. Er fand immer Gründe, etwas auszusetzen, wenn er die Drehbücher las. Seine Frau sagte: Du trägst nur noch Strickjacken und gehst nicht mehr aus dem Haus.

Das saß. Er machte eine Therapie. Vorsicht vor Strickjacken! (Zeit-Magazin 2/2013)

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Der Film „Der Architekt” auf Eins Festival oder so. Tief verschneites Bayerndorf. Das verkramte Haus, das seit vielen Generationen im Besitz der Familie des Architekten ist und in der Regel verschmäht wird, denn der Architekt (Josef Bierbichler) und seine Familie wohnen in Hamburg. Der Sohn des Architekten, Matthias Schweighöfer, trifft die dörfliche Geliebte des Architekten, Sophie Rois, die eine Fahrradpanne hat und ziemlich hilflos herumhantiert. Der Sohn hilft ihr und sagt, dass dazu ein Sprichwort passt. Sie bedankt sich und fragt nach dem Sprichwort. Er sagt: Man kann den Tiger reiten, aber man darf nicht absteigen. Sie sagt: Ja. Versteh ich nicht. Er sagt: Ja, ich versteh’s auch nicht.

Schön akausal.

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Was passiert mit Berlin (und anderen Städten)? Staatliche Liegenschaften werden meistbietend verhökert, es entsteht eine Luxuswohnanlage nach der anderen. Rückkehr der bürgerlichen Wohnkultur oder Zombifikation der Stadt, fragt Niklas Maak in der FAS.

„Natürlich gab es in Berlin noble Wohnbauten. Aber gleich daneben, dahinter, unter dem Dach lebten … Menschen mit deutlich weniger Geld, die Bars und Läden eröffneten, in denen sich die sozialen Schichten durchmischten.  Diese Durchmischung sucht man in den neuen Wohnarealen vergeblich; aber vielleicht wollen die Planer der neuen Städte auch gar nicht zum Ideal der wilden, übervollen Stadt zurück. Vielleicht ist das Ideal nicht das bürgerliche, sondern das feudale, kleinstädtisch vormoderne Berlin …” FAS, 2. 12. 2012

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Jean Pierre Leaud, das ewige Kind.

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Gestern mal wieder ein Buch zu Ende gelesen, endlich. Sloterdijk, Zorn und Zeit. An sich macht er nichts weiter, als die Menschheits- oder Revolutionsgeschichte in den Bankenjargon zu übertragen, was manchmal erhellend und öfter mal kurios ist. Ich muss zugeben, dass Sloterdijk Humor hat. Vielleicht ist er in erster Linie Humorist.

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Im Schnee liegen die Straßen noch stiller auf der Stadt als sonst.

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Bist du jetzt auch noch Feministin?

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Da sie ihm alles nachplapperte, dachte er, sie sei intelligent.

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Ich ärgere mich über vieles, wenn der Tag lang ist. Wenn der Tag kurz ist, ärgere ich mich über einiges weniger, dafür aber umso intensiver.

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David Grossmann … erzählte, dass Schreiben der beste Weg war, gegen die Willkür zu kämpfen, die dieser Tod (seines Sohns durch eine Rakete der Hizbullah) für ihn bedeutete. Es gebe Situationen, in denen die einzige Freiheit, die einem bleibe, die des Beschreibens sei… Die Freiheit, mit eigenen Worten das Schicksal zu beschreiben, das über einen verhängt sei. Julia Encke über Grossman, Aus der Zeit fallen, FAS, 27. 1. 13

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Henning Mankell, als 15jähriger allein in Paris:

Ich habe jede Art von Aushilfsjob angenommen, an erbärmlichen Orten geschlafen. Ich weiß seither, wie wichtig Geld ist. Man braucht nicht viel davon, aber wenn man gar nichts hat, verzweifelt man und wird leicht kriminell. FAS, 3. 2. 13

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Ist nicht auch schon der Name Anne Will sexistisch? Ganz zu schweigen von Hans Eichel.

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Meine Schizophrenie geht so: Da bin ich, der Zeit verplempert, und da bin ich, der mir dabei zusieht, wie ich Zeit verplempere und darüber nur den Kopf schütteln kann.

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Alter ist, wenn du feststellst, dass du alle Dinge, die du wirklich brauchst, schon hast, und meistens hast du sogar zu viel davon.

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Eine neue Schicht der Gesellschaft, deren Rechte gerade gestärkt worden sind: Kinder anonymer Samenspender.

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Der asynchrone Gang alter Ehepaare. Asynchronität um jeden Preis.

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Im Live-Ticker bei kicker.online kommen beachtliche Sätze zustande, wenn in aller gebotenen Eile über die Zweitligaspiele berichtet wird:

Zu Beginn kommt die Begegnung noch etwas wild daher. Viele lange Bälle, wenig Präzision und daraus resultierende Ballverluste prägen das Geschehen auf dem Rasen. / Bolands Schuss wird abgeblockt, mutiert dann zur Kerze und wird zur Vorlage für Ademi, der in der Konfusion ans Leder kommt und aus sieben Metern unter Bedrängnis abzieht. Der Ball touchiert noch das rechte Außennetz. / Hochscheidts Ball überschreitet die Torauslinie im Flug. / Huber bremst stark ab, flankt dann mit links aus dem Halbfeld. Männel nimmt den harmlosen Ball auf.