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Posts Tagged ‘Hunde’

Einsamkeit im Zehngeschosser

Die bessere Seite unseres Quartiers
© Fritz-Jochen Kopka

Heute ist Fußball. Da spielt der Spanier unter mir garantiert wieder verrückt. Ich weiß noch nicht, wie ich mich da schützen kann. Ich werde doch wegen dieses Idioten nicht das Haus verlassen und zwei Stunden in der Kneipe sitzen oder kulturvoll ins Theater gehen. Wenn schon Theater, dann wenn ich und nur ich es will, das heißt, wenn es etwas gibt, das mich brennend interessiert. Warum kann in der Wohnung unter mir nicht einfach eine Frau wohnen, zum Beispiel alleinstehend mit Katze, wie ich schon mal eine kannte. Oder alleinstehend mit Hund, wie ich auch schon mal eine andere kannte. Sie hatten Söhne, aber die waren längst aus dem Haus, es handelte sich um, ich sag mal so, reife Frauen. Durch die Tiere hatten sie Lebensinhalte, ich meine, das nicht abwertend. Sagen wir so: Die Tiere ergänzten ihre Lebensinhalte, in denen gelegentlich auch Männer eine Rolle spielten, wobei diese Frauen bei längerem Andauern der Beziehung irgendwie nervös wurden. Bei der Hundehalterin war es so, dass der Hund öfter mal den Beischlaf zertrat, vermutlich aus Eifersucht, ich lege Wert darauf festzustellen, dass ich das nicht aus eigenem Erleben weiß; vielmehr hat die Frau selbst mir in Gesprächen sowas angedeutet, sie war auf der Suche nach einem Mann, der nicht nur zu ihr, sondern auch zu ihrem Hund passt. Bei der Katzenfrau wiederum war es so, dass die Katze die Wohnung mit einem durchdringenden Urin-Geruch überzog. Die Frau war geradezu rührend in ihrem Glauben an die Wirksamkeit des Katzenklos; sie selbst nahm den Geruch schon gar nicht mehr wahr. Wenn die Katze sie störte, schleuderte sie das Tier ohne Umstände in die Ecke. Sie lag morgens lange im Bett, rauchte und dachte nach, wobei sie auf die Brandmauer des Hauses gegenüber starrte, deren Struktur sie förmlich in sich einsog. Wir haben alle unsere Eigenarten. Ich schließe mich da gar nicht aus. Ja. Das sind also diese alten Geschichten. Sie haben mit Frauen, Hunden, Katzen, Zigaretten und Brandmauern zu tun. Alte Geschichten sind es in dem Sinne, dass sie sich – jedenfalls in meinem Leben – nicht mehr ereignen werden. Fußball spielte bei diesen Frauen keine Rolle, und still waren sie auch.

 

Das war 2017

Märzsonne 2017
© Fritz-Jochen Kopka

Aus den Zusammenhängen herausgenommene Tagebuch-Sätze

Januar – Februar – März

Jeder Berliner, der nach dem Anschlag über einen Weihnachtsmarkt geht, erhält die Heldenmedaille. Im Halbschlaf träumt mir, dass die Monarchie ausgerufen und Angela Merkel zur Königin erklärt wird, was ihr einen schweren und verletzenden Wahlkampf erspart. Wo der Erfolg übermächtig wird, formieren sich die Gegenkräfte. Waren Herbert Roths Lieder Volkslieder, weil das Volk sie mitsang? Wenn man so will, waren Herbert Roth und seine Musikanten die Gartenzwerge der DDR-Musik. Die Raucher gehen hinaus mit ihren Entzugserscheinungen, um draußen bei Frost und Glatteis ihre Lulle zu genießen, und kommen glücklich wieder rein, bis erneut Entzugserscheinungen auftreten. Die Müdigkeit im Pausenraum der DDR. Ich teile die Feststellung, dass Führungskräfte auf dem Weg nach oben fast immer seltsam geworden sind. Deutschland Land der Chöre. Ob überhaupt noch gelesen wird? Abgesoffene Gartengrundstücke. Der Mensch soll die Natur nicht dominieren.

Spannung ist ausverkauft. Heute ziehen sich die Hunde im Winter alle was an.  Das ist die eine Seite. Andererseits fragt man sich, ob wir nicht mit all diesen Dingen in die Evolution eingreifen und zur Verweichlichung der Hunde, letztlich zu ihrem Untergang (siehe Saurier) beitragen. Es droht nicht der Untergang Deutschlands, wenn die Bayern mal ein Spiel verlieren

Wir kommen in unserem Leben nicht aus ohne das Neue. Wer erklärt mir das Phänomen Martin Schulz. Der Gabriel sah immer irgendwie verhängnisvoll aus. Natürlich sind die Leute auch Merkel-müde, Merkel ja auch. Die Väter bleiben jung durch ihre Kinder. Die Kinder werden alt durch ihre Väter. Ich hätte gern gewusst, wie so ein baltisches Frühstück daherkommt. Liegt da die Russenangst mit auf dem Teller? Mit gerade siebzig Jahren bringt Paul Auster seinen bedeutendsten Roman heraus, und Radio Eins präsentiert die Deutschlandpremiere von „4321“ im Großen Sendesaal des RBB. Auster ist körperlich nicht in allerbester Form, die Beine sind eine Winzigkeit schneller als der Oberkörper, er ist wieder bei einem seiner Lebensthemen, der Musik des Zufalls. Der Schriftzug BAHNHOF FRIEDRICHSTRASSE, die gläserne Überdachung der Bahnsteige und die Straßenüberführung des Gleises – das ist der letzte authentische Anblick an diesem Ort

Det war ja damals immer schlimm, wenn einer den andern nischt gegönnt hat. Und jetzt is det noch viel schlimmer.Der Verkehr wird fluten. Was Neues, was Großes wird entstehen. Der Genius loci – hier ist er der Geist der Kleinteiligkeit in der Großteiligkeit. Die Sommerzeit hat begonnen. Es ist der Tag, wo viele Leute ihre Termine verpassen. Kleingärtner bist du immer zu hundert Prozent. Hundehalter werden ihren Hunden ähnlich, Kleingärtner ihren Pflanzen. Unsere Polizei! Sorgt sich um Wohlbefinden der Vögel in einer Stadt, in der dauernd eingebrochen und kein Täter ermittelt wird. Was soll denn so falsch daran sein, aus der Zeit zu fallen! Dies ist nicht meine Zeit!

Bye, bye Jamaika

Die Hunde hierzulande leiden nicht mehr

Ich habe gelitten wie eine Hündin, sagt Katrin Göring-Eckardt vorbildlich korrekt über ihre Gefühle während der Sondierungsgespräche. Da bekommt man gleich noch einen Hinweis, warum diese Gespräche scheitern mussten. Die pingelige Art, sich auszudrücken und wahrscheinlich auch die Welt zu sehen. Da müssen Redewendungen umgetextet werden, damit ja keiner auf die Idee kommt, eine Grüne verletzte das feministische Fairplay. Leiden wie ein Hund – da ist das Geschlecht überhaupt nicht angesprochen. Man könnte auch sagen: leiden wir ein Tier. Katrin Göring-Eckardt würden dann sicher sagen: Ich habe gelitten wie eine Tierin. Sie denkt übrigens beim Verwenden dieser Redewendung auch nicht daran, dass dieser Satz total veraltet ist. Heutzutage leiden die Hunde (und die Hündinnen) am wenigsten. Sie werden vielmehr verwöhnt. Da kann mancher Mensch nur von träumen.

Und die SPD ist nach dem Scheitern von Jamaika angeblich in der Klemme. Nach der Wahlpleite hat sich die Partei mit großer Geste von der großen Koalition verabschiedet und alle haben gejubelt. Richtig so. Aber nun, wo eine Minderheiten-Merkel oder gar Neuwahlen drohen, soll die SPD sich nicht so haben, nicht nur an sich denken und schnell mal umfallen. Verantwortung zeigen. Und die Partei schwankt. Wie sie sich auch entscheidet: Der Wähler wird es nicht honorieren. Dabei ist die Sache einfach. Wenn es um das Land geht, könnte die Partei sagen, werden wir uns nicht verweigern. Aber bitte mit frischem Personal. Angela Merkel hat genug geleistet. Ihre Ära dürfen wir nicht verlängern.

Und schon läge der Ball wieder im Feld der CDU.

Liebe Nachbarn, böse Nachbarn

Sensationen in der Nachbarschaft

Im Supermarkt stehen Frauen in Zweiergruppen und reden vom großen Regen. Es strömte von allen Seiten in den Keller, wir waren alle unten und haben geschöpft und geschöpft, bis in die Nacht, die Feuchtigkeit ist sogar in einige Wohnungen gedrungen.

Im Deutschlandfunk Kultur, wie sie sich jetzt nennen, reden sie über das Thema Nachbarschaft. Wir wohnen in einer kleinen Straße mit kleinen Häusern und respektierten Zäunen, sagt ein Hörer. Dann kam der große Sturm, der machte vor den Zäunen nicht halt, einige Bäume fielen um. Wir haben uns gegenseitig geholfen, seitdem haben wir eine gute Nachbarschaft.

Ganz anders bei der Frau, die des Nachts die Strahler störten, die die Nachbarn an ihrem Haus angebracht hatten. Nachdem sie das thematisierten, durfte ihre Katze nicht mehr den Garten des Nachbarn betreten. Sie hat es der Katze gesagt, aber die Katze macht, was sie will. Ja, sagt der Experte im Studio und kann sich ein Lachen nicht verkneifen, Katzen hören nicht. Er weiß auch nicht, wie man sich da einigen soll. Vielleicht die Strahler des Nachbarn akzeptieren.

In Deutschland verzweifeln viele Leute an ihren Nachbarn. Ich bin selbst versucht, zum Hörer zu greifen. Überall spielen sich diese Dramen ab, aber bei mir ist alles bestens. Ich habe Gründe, mit meinem Nachbarn nicht mehr zu reden, ja, ich grüße ihn nicht mal mehr. Daraus folgt, dass wir uns blendend verstehen. Es gibt niemals Streit. Mehr Harmonie geht nicht. Man muss nur zu schweigen verstehen.

Es geht auch anders. Meine Nachbarin zur Linken hat ein Paket für mich in Empfang genommen. Ich hole es ab und kriege jede Menge Infos über den Hund des Hauses. Ungefragt natürlich. Der Hund hatte es im Rücken, weil er immer die Garageneinfahrt runtersprang. Deshalb wurde die mit einem Drahtzaun abgesperrt. Und die Treppe zum Eingang, nun, da wurde eine Rutsche angebaut, weil dem Hund wegen seines Rückenleidens das Treppenhinabundhinaufsteigen schwer fällt. Bauen Sie ruhig das ganze Haus um für den Hund. Erst der Hund, dann der Mensch, sage ich. Na ja. Mit dieser Interpretation ist die tüchtige Nachbarin auch nicht ganz einverstanden. Im übrigen hat sie Mühe, das Paket für mich herauszufinden. Sie hat mehrere Sendungen in Verwahrung genommen, womöglich für die ganze Straße. Da böte es sich doch an, eine Filiale der Deutschen Post in ihrem Haus einzurichten. Das wäre ein echtes Geschäftsmodell. Brächte Geld und Anerkennung.

 

The Dog of the Future

Wir tun viel für unsere Hunde, aber bei weitem nicht genug
© Fritz-Jochen Kopka

Der Hund, der mich – und auch andere Kunden (ich will nicht angeben) – stets aufgeregt begrüßte, lag apathisch in einer Ecke des Salons. Wie ein nasser Lappen, könnte man behaupten. Dabei hatte die Friseurin eben noch Ärger mit drei anderen vereinigten Hundehalterinnen bekommen, weil ihr Hund angeblich aggressiv sei und einem der fremden Hunde eine Verletzung zugefügt habe. Sie sind als Hundehalterin absolut ungeeignet!, oder so. Dabei gibt es meines Wissens keine Frau, die so tief in die Psyche eines Tieres eingedrungen ist wie meine Friseurin. Später kam auch der Mann der Friseurin, um den Hund abzuholen. Sie deutete auf mich und sagte: Er meint, unser Hund ist eine Schlaftablette. Halt mal, das habe ich nicht gesagt. Ich sagte vielmehr: Der Hund befindet sich in der Modifikation vom Abenteurer zum Philosophen. Damit war der Mann einverstanden. Wenn man uns so einen Hormonchip einsetzen würde, würden wir uns auch nicht anders verhalten, sagte er. Und: Philosoph ist gar keine schlechte Perspektive. Außerdem, fügte er hinzu, geht der Hund bei Regenwetter nicht gern raus. (Wie alle Philosophen)

Da kam mir die Idee für ein Geschäftsmodell. Es gibt alles Mögliche für Hunde, Kleidung, Signallampen, von exklusiver Verpflegung ganz zu schweigen. Aber keine Regenschirme. Regenschirme für Hunde anzufertigen dürfte keine allzu schwierige Sache sein. Man könnte sie aufmunternd bunt gestalten, und dem Hund wäre es eine Freude, bei Wind und Wetter hinauszugehen.

Und warum, frage ich, gibt es keine Handys für Hunde. Einfache Handys, in die man die Nummern ihrer Hundefreunde eingibt; sie könnten mit der Nase darauf stupsen und den Kollegen am anderen Ende anbellen, der bellt zurück und so ergibt sich ein Austausch, auf den wir Menschen ja auch nicht verzichten möchten. Sicher ist es schwieriger, ein Handy für Hunde herzustellen als einen Regenschirm, aber unmöglich sollte es nicht sein.

Hund & Katz

Berlin Alexanderplatz. Hund skated, Herrchen streicht die Gage ein © Fritz-Jochen Kopka

Berlin Alexanderplatz. Hund skated, Herrchen streicht die Gage ein
© Fritz-Jochen Kopka

Wie es kommt, dass dieser oder jener keinen Hund und auch keine Katze hält, obwohl er doch nicht bestreiten würde, tierlieb zu sein, ist einfach: Er möchte nicht dominiert werden. Einar Schleef, als er noch nicht berühmt, aber doch schon hier und da als halbes Genie bekannt war, verkehrte in Wien mit Hilde Spiel und ihrem (zweiten) Mann, der Schleef „als bedeutendster österreichischer Autor vorgestellt wird”, und wie so oft: Je bedeutender jemand ist, desto unbekannter ist sein Name. Hans Flesch-Brunningen. Er geht mit einem weißen Spitz durch den Schnee. Zu Hause putzt sich das Hündchen (himself? itself?) sauber. „Die Begegnung blieb steif”, schreibt Schleef in seinen Tagebüchern (Suhrkamp), „er spielte mit seinem Hund, der sich vor ihm auf dem Rücken wälzte, während er dessen Bauch und Geschlechtsteil betätschelte, …, läufig waren beide, Herr und Hund.” Der Hund bepinkelt sich und rächt sich an Schleef für dessen distanzierte Sicht, indem er ihm unterm Tisch in Bein oder Schuh beißt. Wie steht es mit den Katzen? Eva Hesse, die grandiose Ezra-Pound-Übersetzerin, erzählt in einem Interview mit der FAZ von ihrem Kater Pussy, „der ist auf vielen berühmten Leuten gesessen. Er hat sich breitgemacht wie ein Fladen. Von ihm habe ich gelernt, was ›besitzergreifend‹ heißt.”

Es ist so. Die Tiere übernehmen nach und nach und ohne, dass der Mensch es recht merkt, die Herrschaft. Und warum halten trotzdem so viele Menschen Hunde und Katzen? Eben darum. Weil sie, die Tiere, dominant sind. Mancher Mensch braucht das. Mancher nicht.

Macht der Gewohnheit

Die Integration der Hunde haben wir geschafft. Wobei der Anteil der Hunde dabei nicht gering einzuschätzen ist.

Die Integration der Hunde haben wir geschafft. Wobei der Anteil der Hunde an dieser Leistung  nicht gering einzuschätzen ist.

Im bereits halbdunklen Wäldchen kam eine Frau mit einer Horde Hunde auf mich, den Läufer, zu, vorneweg ein schwarzes, zotteliges Ungeheuer mit heraushängender Zunge. Bleiben Sie nicht stehen, rief die Frau, laufen Sie einfach weiter!

Mach ich doch, sagte ich.

Jut, lobte die Frau. Dieses berlinische Lob gefiel mir nicht, auch wenn ich für Lob durchaus empfänglich bin. Es war mir aus dem Mund einer Fremden zu vertraulich. Ich lass mich auf meiner Laufstrecke überhaupt nicht gerne stören.

Und wenn wir schon mal beim Laufen sind. Wie schaffen wir es, jeden Tag auf die Piste zu gehen, egal, wie wir uns fühlen, gleichgültig, wie das Wetter sich aufführt.

Ist es Willensstärke oder die Macht der Gewohnheit? Mir ist bekannt, dass die Macht der Gewohnheit einen schlechten Ruf hat und allgemein den Spießbürger erkennen lassen soll. Ich sehe das anders. Kann über die Macht der Gewohnheit viel Gutes sagen. Du lieber Himmel: Jeden Tag Willensstärke zeigen, wie soll das gehen! Aber wenn das tägliche Laufpensum einmal in Fleisch und Blut übergegangen ist, wenn wir es im Geist und in den Knochen verewigt haben, dann ist es beinah schwerer, nicht zu laufen als zu laufen. Und was haben wir davon: Wir fühlen uns fitter. Wir sagen nicht, dass unser Bauch verschwunden ist, wir sagen: Unser Sixpack trägt nicht mehr so auf wie früher. Es geht nicht um Medaillen oder Rekorde, es geht um Schadensbegrenzung, es geht um unser Spiegelbild in den Schaufensterscheiben, die Macht der Gewohnheit ist unser Verbündeter.