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Archive for März 2015

Von der Wortkunst des Bundestrainers

Die Fußballberichterstatter, hier Christian Kamp von der FAS, erläutern uns, wie bedeutungsvoll die Auftritte unseres Bundestrainers Löw vor der Presse sind; das würden wir ohne ihre Hilfe nicht mal erahnen. „Löw ist”, raunt Kamp, „wie ein Politiker gebrieft und vorbereitet. Weil er manchmal gerne selbst die Themen setzen will. Und weil er dann zugleich griffige Formeln parat hat, um seine Anliegen möglichst wirksam in Worte zu verpacken.” Das haben wir noch nicht gewusst. Wir dachten, Löws Begabungen lägen auf anderen Gebieten und dürfen staunen. Und staunen abermals, wenn der Berichterstatter die Belege für Löws Wortkunst anführt. Für die Zukunft des Fußball-Nationalteams müssen wir „noch einen weiteren Weg nach Rom kennenlernen”. „Wir müssen uns ein Stück weit neu erfinden.” „Wir sind in die Phase geraten, wo wahnsinnig viel über Systematik diskutiert wird.” „Wenn man vor dem Spiel auf die Tabelle geschaut hat, war ein gewisser Ernst zu erkennen.” Ja, gewiss, ohne die Handreichung des Fußballberichterstatters hätten wir die Bedeutung dieser Formulierungen des Bundestrainers nicht erkannt. Und auch jetzt bleibt ein Restverdacht. Ist der Fußballberichterstatter vielleicht im Hauptberuf Satiriker? Will er Löw veräppeln? Oder uns? Oder macht ihn der Beruf irgendwie krank? Egal. Wenn man nach dem Spiel gegen Georgien (2:0 für den Weltmeister) auf die Tabelle schaut, dann ist eine gewisse Erleichterung zu erkennen. Wenn auch noch keine Entwarnung.

Modern sein ist alles

More colours of rain

More colours of rain

Er zeigt auf die andere Straßenseite und sagt: Ich steh da drüben. Ich sage, nein, das weiß ich besser, du stehst hier neben mir, es ist dein Auto, das da drüben steht.

Die moderne Form des Spaltungsirreseins.

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Man at Work

Nicht ohne meine Pfeife © Christian Brachwitz

Nicht ohne meine Pfeife
© Christian Brachwitz

Pfeife rauchen auf dem Bau ist, glaube ich, Mist. Der wahre Pfeifenraucher bedarf der Gelassenheit, um „die Kultur des Genusses eines guten Tabaks, geraucht in einer schönen Pfeife, in entspannter Atmosphäre und gesellig mit Freundinnen und Freunde” zu pflegen (wie die Mitglieder des Ostdeutschen Pfeifenraucher-Verbandes in ihrem Credo erklären). Trotzdem ist dieser alte Malocher auf einem Flughafengelände in London ein cooler Typ, und seine Pfeife ist garantiert kalt. Er braucht nur irgendwas zwischen den Zähnen, um den heißen Arbeitstag zwischen dem Beton zu ertragen. Das Mundstück der Tabakpfeife ist gerade recht, man kann es austauschen, wenn es durchgebissen ist, ach, diese verdammten oralen Triebe. Wenn ich ältere französische Filme sehe, bin ich fasziniert, mit welcher Hingabe da von allen Akteuren gequalmt wird. Gestern sah ich „Vier im roten Kreis” von Jean Pierre Melville, da kommt Alain Delon der Rauch schon zu den Ohren raus. Oder „Die Dinge des Lebens” von Claude Sautet – sie liegen weitgehend in Zigarettennebel eingehüllt, les choses de la vie. Rauchen scheint Schauspielern die Arbeit leichter zu machen, und seit das Rauchen geächtet ist, gehen sie zum Essen über. Dem Schauspieler genügt nicht die Situation an sich und sein Text, er muss die Konzentration irgendwie teilen, dann – bildet er sich ein – kommt er durch Rauchen, Essen oder andere Übersprunghandlungen zu interessanteren Lösungen. Unser Mann aus London hingegen wirft nur einen skurrilen Schatten auf den Beton und weiß schon gar nicht mehr, dass er die Pfeife zwischen den Zähnen hat. Ohne Pfeife erkennt man ihn nicht.

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Die Lippe eines Boxers

Colours of rain

Colours of rain

In den diffusen Stunden des Wochenendes boxt Weltmeister Jürgen Brähmer gegen den Herausforderer Robin Krasniqi, Altersunterschied neun Jahre (also, klar: Der Weltmeister ist der weitaus Ältere.). Der Herausforderer marschiert mutig nach vorn, kämpft leidenschaftlich, bewegt sich schnell, bringt immer mal wieder einen Aufwärtshaken durch, aber der Weltmeister zeigt keine Wirkung. Vielmehr animieren ihn die Treffer, Gegenangriffe zu starten, in seinen Augen sieht man Entschlossenheit, vielleicht auch Wut, obwohl der Mann, der mal eine tickende Zeitbombe genannt wurde, ruhiger wurde, seit er Vater geworden ist. Das Herz eines Boxers. Schlägt zwischen Extremen und ist sicher empfindsamer als das eines normalen Menschen. Und Brähmers Schläge sind härter als die des Herausforderers, der einige Male wackelt. Brähmers Trainer Karsten Röwer spricht zwischen den Runden mecklenburgisch breit und beinahe gemütvoll wie ein älterer Bruder auf seinen Boxer ein, der sich im Herbst seiner Karriere beispielhaft in Form gebracht hat. In der Pause zwischen der neunten und der zehnten Runde herrscht Aufregung in Krasniqis Ecke. Trainer und Betreuer beugen sich über ihn, man hört immer nur Delebbe, Delebbe, was ist los? Der Ringrichter tritt hinzu, die Ringärztin, jetzt sieht man, dass die Unterlippe aufgeplatzt ist, es muss also heißen, die Lippe, die Lippe, aber das Personal des Boxsports vermeidet tunlichst scharfe Konsonanten und spitze Vokale, der Kampf ist vorbei, Krasniqi gibt auf, die Gesundheit des Sportlers und seiner Lebbe genießt Priorität. Da sind wir Boxer eigen.

 

Ist der Körper der Leiche gebräunt?

Erst kam der Sichelmond, danach der neue Tatort aus Berlin

Erst kam der Sichelmond, danach der neue Tatort aus Berlin

War klar, dass die RBB-Leute alles versuchen würden, um ihre neuen Kommissare („Das Muli”) für uns Zuschauer interessant oder, wie sagt man heute?, spannend zu machen. Was kommt dabei raus? Lauter Arschlöcher und Opfer, die in den Büros und Hinterzimmern der Hauptstadt rumlungern und durch ihre Straßen spazieren. Meret Becker als Nina Rubin (was für ein schlecht ausgesuchter Name) ist zickig, läufig, aggressiv, nur scheinbar authentisch und stark prekariatsverdächtig, dafür aber recht menschlich im Gegensatz zum Nadelstreifen-Kommissar Mark Waschke als Robert Karow, der stolz darauf zu sein scheint, ein paar Untergebenen Anweisungen erteilen zu können. Wir sehen also selbstgefällige, unfähige Berliner Bullen, die, wie mir scheint, ihr Pulver schon beim ersten Auftritt verschossen haben. Am annehmbarsten ist noch die Praktikantin; sie besitzt diesen oder jenen Funken Humor.

Berlin ist noch nicht präsent, wenn man die Straßen funkeln und die Kommissarin berlinern lässt. „Mein Sohn hat mich ’ne Hure jenannt.” Solche Sätze sind ja eigentlich unzumutbar. Dagegen hebt sich Waschkes Frage, am Telefon gestellt, angenehm ab: „Ist der Körper der Leiche gebräunt?” Ja. Isser. Und damit sind die Kommissare auf der richtigen Spur.

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Hamburger Elend

Bizarre Umrisse, wie gespensterhaft ist das denn © Christian Brachwitz

Bizarre Umrisse, wie gespensterhaft ist das denn
© Christian Brachwitz

Wir waren nur das Berliner Büro einer stolzen Hamburger Redaktion. Und wenn wir zu den Redaktionskonferenzen nach Hamburg reisten, fragten uns die stolzen Hamburger Redakteure, wie fasziniert wir denn von ihrer schönen Elbestadt seien, die wir aus dem damals ziemlich schroffen Berlin kamen. Ja, sehr, sagten wir, aber man sieht viel Elend. Die Stadt scheint doch recht arm zu sein. Das konnte die stolzen Hamburger Redakteure wahnsinnig machen oder sie hielten uns einfach für Idioten. Doch was wir gesehen hatten, hatten wir nun mal gesehen. Wenn wir mit dem Frühzug in Hamburg ankamen, lagen vor den geschlossenen Türen der fetten Hamburger Kaufhäuser die Obdachlosen mit zottigen Haaren inmitten ihrer Habseligkeiten, mehr tot als lebendig. Verglichen mit ihnen hatten es die Leute, die 1989 ihre Zelte (oder Wohnwagen) in Hamburg-Altona aufgeschlagen hatten, deutlich besser. Das waren Menschen, die sich noch zusammentun und gemeinsame Sache machen konnten. Sie schützten den Ort, den sie sich erobert hatten, eher symbolisch mit Balken, Brettern, Gittern, Zaunteilen und Buschwerk, griffen mutig zur Farbe und schrieben fragmentarische Losungen an die Restbestände von Mauern und Schuppen, „Strand für ALLE”, in der hoffnungslosen Illusion, dass man damit jemanden mobilisieren könnte. Dabei war man doch mobil, man war sogar motorisiert: Die Maschine liegt zwar schräg am gedachten Strand, ist aber vergleichsweise vorbildlich gepflegt. Aufbruch ist jederzeit möglich, von einem Elend ins andere. So ist das, wenn man sich vom bürgerlichen Leben verabschiedet hat. Erklär mir Freiheit.

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Männer am Rande der Selbstlosigkeit

So farbig ist es im S-Bahnbereich des Nachts

So farbig ist es im S-Bahnbereich des Nachts

Hast du Beate kondoliert? Ja. Ich hab ihr sogar einen Brief geschrieben. Wer weiß, ob einem das je gedankt wird.

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