Archiv

Archive for Juni 2013

Die Welt im Kopf

Kaum Schatten an diesem Platz © Christian Brachwitz

Kaum Schatten an diesem Platz
© Christian Brachwitz

Fremd ist der Fremde nur in der Fremde. Wer kann wissen, was in dem Kopf unter dem Kopftuch vorgeht. Wie fremd fühlt sich die Fremde in der Fremde. Durch solche Quartiere geht der Mensch wie durch die Wüste. Zwischen Supermärkten, Klein- und Mittelklassewagen, scheuem Grün, Baugerüsten, Containern, Signalleisten, Graffiti, zerschrammten Brandwänden und aufgestapelten Aufenthaltskabinen haben wir eine Welt errichtet, in der jeder das Privileg genießen kann oder ertragen muss, ein Fremder zu sein. Seine Wege allein zu gehen. Nicht zu wissen, was das Ziel sein könnte. Den Kopf gesenkt zu halten. Die Welt im Kopf ist meine Welt.

„Zwar eine Sonne, sagt man, scheint dort auch … ” Das war Kleist. Da ging’s um den Tod. Wie fremd ist der denn.

Kategorien:Brachwitz weekly Schlagwörter: ,

Das Schicksal schlägt zurück

Berlin ist tierlieb

Berlin ist tierlieb

Angestrichene Sätze aus dem Jahr 2007

In der Silvesternacht war der Zwergenkönig so klein wie ein Kind. Das Rentnerehepaar arbeitete eine Stunde schweigend und verbissen, um seine Raketen abzufeuern; sie sahen nicht mal hin, wenn eine Rakete aufstieg, es war eine reine Pflichtaufgabe.

Tischtennistraining. Der Rentner Dieter schmettert wie entfesselt.

Runder Geburtstag. Martin, der eine Rede schwingt, es aber nicht schafft, die Leute zum Weinen zu bringen.

Am Morgen kämpfte Horst Schiller aus Wurzen mit der hohen Stimme eines sächsischen Psychopathen im Deutschlandradio wieder einmal  für den Fortbestand der Demokratie, die – seiner Meinung nach – weniger gegen die Extremisten von rechts, als vielmehr gegen die von links verteidigt werden muss, die in Regierungen und Parlamenten sitzen und ausgemachte Demokratiefeinde sind.

Polizeiruf noch aus der DDR. Man kann sich da wirklich amüsieren über die extrem harmlosen Gestalten, die fortwährend um ihr Geld betrogen werden und sich dann bei den besorgten Genossen von der Volkspolizei ausheulen.

Langsam wird es lächerlich, wie Ole Einar Björndalen im perfekten, aber auch grotesken Skating-Schritt vor dem Feld herläuft und die besten des Feldes als panische Meute aussichtslos hinter ihm her hetzen.

Für den Demütigen kann der bittere Rest des Lebens auch süß sein.

Die Psychoanalyse/Schmeckt heut wie Frischgemüse.

Die marodierende Rentnerin erkennt mich nur in Verbindung mit meinem Haus.

Bei Genazino stößt man doch immer wieder auf befremdliche anatomische Details, die man nicht wissen möchte.

Was hassen Sie in oder an Deutschland? Vornamen von Männern und Hüte von Frauen. Wenn Frauen in Kneipen sitzen und ihre Kopfbedeckungen nicht abnehmen, kriege ich Magengeschwüre.

Leben wir, um zu rauchen, oder rauchen wir, um zu leben …

In den Kleingärten hantieren ein paar Kleingärtner. Zweifellos gehören sie der Unterschicht an. Wahrscheinlich schlafen sie in ihren Lauben, waschen sich nicht und scheißen an die Böschung oder auf ihre Komposthaufen.

Die Sturmwarnung sieht aus, als würde der Millimetermann sie ab und zu bei den Beinen packen und mit ihrem Schopf die Küche und das Bad schrubben.

Vier Menschen sitzen an einem Geburtstag vor dem TV-Gerät und drücken auf unterschiedliche Fernbedienungen. Modern times.

Sich sprachlich auf die andere Gesellschaft einstellen fällt immer noch schwer. Zum Beispiel Schumann: Arbeiternehmer.

Unterschicht ist oft gleich Übergewicht.

Rudolf Scharping auf Fotos sieht aus wie schlecht gemalte Heiligenbildchen.

Ja, keine schlechte Frage. Gibt es eine Vergangenheit? Oder ist das, was wir Vergangenheit nennen, Literatur?

Ich geh in den Saturn, halte nach Geschirrspülern, Rasierapparaten und DVD Ausschau, obwohl wir schon lange keine DVD mehr angeschaut haben.

Mittagsruhe im Garten. Meine Nachbarin liegt auf der Bild-Zeitung.

Halten Sie den Mund, wenn Sie mit mir reden, schnauzt ein Offizier den Rekruten Oliver Hardy an. Sowas ist noch das Beste, was vom Fernsehen her an unser Ohr dringt.

Ehepaare als Landplagen

Witwen und Witwer

Meine Mutter hegt den Verdacht, dass ihr Leben endlos sein könnte. Es gibt Gründe genug, beunruhigt zu sein, dass hier und da keine Enden abzusehen sind. Soll das denn alles nun für immer so bleiben, kein Ende finden, sich nicht ändern, fragt man sich. Deshalb freue ich mich auch irgendwie, wenn eine Tube leer, ein gelber Sack voll ist, irgendwas zum Abschluss kommt.

Man schlägt das Schicksal, und das Schicksal schlägt zurück.

Das Husten der Dienstboten. Sind sie eigentlich immer krank?

Verlängerung. Niederlage. Nicht so schlimm

Nicht die Bücher, das Geld erdrückt den Fußball. Die Bücher wollen nur witzig sein.

Nicht die Bücher, das Geld erdrückt den Fußball. Die Bücher wollen nur witzig sein.

Gut. Ich hab mich beruhigt, wenn ich nicht ohnehin ruhig war. Die Hansa-Junioren sind nicht Deutscher Meister geworden. Mit dem Gewöhnlichen wurde schon gerechnet, auch wenn zuvor Ungewöhnliches geschah. Und es hätte wieder geschehen können, das Ungewöhnliche. Nachdem die Rostocker Fußball-A-Junioren die Bälle 90 Minuten lang mit stoischer Ruhe und schneller Geistesgegenwart aus ihrem Strafraum gedroschen hatten, stand in der Nachspielzeit Marc-Oliver Köller, ein Fischkopp aus Schwerin, plötzlich frei vor dem Wolfsburger Tor und traf den Ball nicht richtig. Das heißt, er haute drüber, nur mit der Wade wurde der Ball noch ein wenig berührt und rollte in Richtung Torwart. Aber so ist auch schon manches Tor gefallen, der Keeper wirft sich in Richtung des vermeintlichen Schusses und der Ball trudelt in seinem Rücken über die Linie. Dann kam die Verlängerung. Ein blödes Gegentor. Kurz danach noch ein Elfmeter. Am Ende 1:3. Nicht so schlimm.

Den Wolfsburgern ist ihr Erfolg zu gönnen. Ein Klasse-Junioren-Team, keine Frage, sehr selbstbewusst und abgezockt. Haben von den Bayern-Profis (neuerdings: den Triplern, man erwägt, den FC Bayern München umzubenennen in FC Triple München; ist halt sehr stolz) gelernt, sich dramatisch fallenzulassen, wenn sie spüren, dass ein Zweikampf verloren geht. Dann kriegen sie einen Freistoß. Bei den Hansa-Junioren klappt das nicht, da lässt der Schiedsrichter weiterspielen. Wolfsburg bezieht seine Qualität aus dem Kraftzentrum im Mittelfeld, Julian Brandt und Maximilian Arnold kurbeln das Spiel an, geben die Pässe und sind auch selbst torgefährlich. Man weiß nicht, was geschehen wäre, wenn die Rostocker etwas früher die offene Feldschlacht gewagt hätten, denn, wie man gelegentlich sah, können sie auch offensiv mehr, als sie sich oft zutrauen. Ein Lichtblick in der trüben Fußball-Saison ist diese Mannschaft auf jeden Fall.

Ich sage trübe Saison wegen der Vorhersehbarkeit, wegen des selektiven Zustands der Tabelle, wegen der unüberwindbaren Klassengegensätze. Bayern München, die immer Meister werden müssen, der BVB, der das eventuell auch mal verhindern kann, die drei, vier Mannschaften, die sich eventuell für die Champions League qualifizieren können, das gehobene Mittelfeld, das Chancen für die Europa League hat und mit dem Start in derselben vermutlich überfordert sein wird, und die ewigen Abstiegskandidaten. Und die Mannschaft, die für eine echte Überraschung sorgt, in dieser Saison der SC Freiburg, wird anschließend gnadenlos leergekauft. Wenn das nicht deprimierend ist.

Das Geld, sagte Nick Hornby in einem Interview für die „Zeit”, „nimmt jeglichen Wettkampf aus einem Turnier. Wer wird nächstes Jahr Meister in Frankreich, Deutschland, England, Spanien? Es ist langweilig.” Auf den Verein seines Herzens, Arsenal London, bezogen, stellt er fest, er habe „eine ganze Saison lang eine Mannschaft gesehen, die das Spiel dominierte, keine Tore schoss und am anderen Ende zwei reinließ, weil die Abwehr unfähig war”.

So muss wohl der Fußball über kurz oder lang viel von seiner Faszination verlieren.

Literatur und Fußball scheinen sich übrigens nicht zu mögen. Oder nicht zusammen zu funktionieren. Weil der Fußball weltweit eine bedeutende Marke ist, gibt es dennoch zahllose Fußballbücher. Die sind auch alle langweilig. Ich mag nur zwei. Dazu demnächst vielleicht mehr.

Schafft bessere Mörder

Der Himmel über Deutschland ist gelb, die Pension der Beamten ist berechnet, und Kommissar Perlmann (Sebastian Bezzel) ist an Midlifecrisis erkrankt. Dass sein Leben so vorherbestimmt und auf den Ämtern schon seine Zukunft verbucht ist, macht ihm zu schaffen. Seine Chefin Klara Blum (Eva Mattes) hingegen beeindruckt durch ihre Bodenhaftung, ist allezeit misstrauisch und charmant und dennoch darauf angewiesen, ihren Schweizer Kollegen mit Handschellen an sich zu fesseln, blöde Idee, weniger von Frau Blum als vom Filmteam. Ja, ja, der Tatort aus Konstanz bzw. Konschdanz, der sogenannte Bodenseekrimi, worum ging’s eigentlich? Um den Tod eines Todgeweihten.  Um einen hochnäsigen Professor, der Perlmann wie einen Hilfsschüler behandelt. Um weitere Todeskandidaten, nämlich an Leukämie erkrankte Menschen, und in eine von ihnen, die rätselhaft-zauberhafte Mia (Natalia Rudziewicz), muss sich der arme Perlmann in seiner Schwäche tatsächlich verlieben. Mia will noch so viel wie möglich mitnehmen von den letzten Tagen ihres Lebens, Letzte Tage, so heißt auch der Film, mein Kopf ist ein leerer Tanzsaal, sagt sie und wundert sich traurig über sich selbst, aber eine Mörderin ist sie nicht. Die Mörder werden immer uneinprägsamer, verhuschter, flüchtiger, es ist, als wollten sie wie Villon entschuldigend sagen: Nur die Not trieb mich den schlechten Pfad; während die Medien nun also über die Inflation der Tatort-Kommissare lamentieren, sagen wir: Schafft bessere Mörder, Charaktere, die die mühsame Ermittlungsarbeit, die wir als Zuschauer ja immer mitleisten müssen im Gestrüpp vieler ermüdender Details, auch lohnen.

Chilenische Mail (2)

Juni 23, 2013 1 Kommentar
Verwunschen, verwunschen. Man denkt, von der welt verschluckt zu werden Für alle Fotos © Julia Thalheim

Verwunschen, verwunschen. Man denkt, von der Welt verschluckt zu werden
Für alle Fotos © Julia Thalheim

Liebe Heimat,

yeah! Ich stand mit beiden Füssen in Patagonien! Tolles Gefühl, sage ich Euch. So weit das Auge reicht Berge, Seen, Steppe und Wind, Wind, Wind. Dazwischen lustige Tierchen wie Nandus (irgendwat Straußenartiges, was nicht fliegen kann, nur po-wackelnd rennen, aber das mit einem Affenzahn), Guanacos (wat Lamaartiges) und hoch oben die auf dem Wind sich treiben lassende Condore. An einem Tag kannst du alle vier Jahreszeiten mitnehmen.

Nach der ersten Touri-Highlight-Abgeklappere-Tour (Japaner kreisen mit Riesen-Objektiven kopulierende Guanacos ein) sind wir am nächsten Tag mit einem gemieteten Auto in den Nationalpark Torres del Paine alleine rein und haben eine siebenstündige Wanderung bewältigt. Endlich Bewegung nach vier Tagen Rumgesitze auf dem Schiff. Ziel des steilen Anstiegs war, einen kurzen Blick auf die beiden Torres zu ergattern, bevor Nebel und Schneegraupel alles verschlucken. Haben wir geschafft! Auf dem Weg da hoch ziehen immer wieder bekannte Gesichter an dir vorbei, die du ein paar Tage zuvor auf dem Schiff getroffen hast.

Unser Schiff ist das größte …

Unser Schiff ist das größte …

Apropos Schiff! Das war ’ne Tour von Puerto Montt nach Puerto Natales! Irgendwat zwischen Backpackersammelsurium und Kreuzfahrtschiffatmosphäre (am letzten Abend gab es Bingo).  Tagelang durch menschenleere Fjorde, an Gletschern vorbei und durch engste Kanäle. Dauergrau, Regen und die Wolken so tief, dass du fast drin verschwindest mit dem Kopf. Ab und zu kam eine Flosse zum Vorschein. Mehr haben die Meeresbewohner nicht von sich blicken lassen. Stopp am Fischerdorf Puerto Eden, wo wir Touris für 5000 Pesos das Schiff mit Fischerbooten verlassen durften, um in orangefarbenen Schwimmwesten auf einem vorgegebenen Holzsteg durch das Dorf zu jagen.

Ich stand die ersten Tage an Bord eigentlich nur unter Drogen. Dauermüde gab es jeden Morgen erst mal eine Pille zum Frühstück. Den letzten Tag an Deck habe ich ohne gepackt. Wahnsinn. Selbst das Busfahren meistere ich mittlerweile ohne Fremdunterstützung. Am zweiten Tag ging es mit dem Schiff am Golfo de Penas auf den offenen Ozean. Ich habe so ein Riesenschiff noch nie so schwanken sehen. Wir haben es irgendwie geschafft, rauf aufs Deck zu kommen, weil frische Luft laut Mauricio, unserem Schiffsverantwortlichen, angeblich helfen sollte. Aber du hast wirklich ein wenig Angst, von Bord zu fliegen. Wie ein Kind auf der Schaukel, nur in riesengroß. Vorne taucht das Schiff ein und hinten stößt es sich in die Luft und das im Sekundentakt. Die Matrosen hatten ordentlich Spaß; mit Wasserschläuchen bewaffnet haben sie sich immer in Deckung gebracht, wenn von oben das zuvor eingenommene Mittagessen runter klatschte. Dann haben sie aber eilig Tüten verteilt, weil es ihnen offensichtlich zu viel wurde.

Und ich habe nicht gekotzt! Als eine der wenigen!!!

Meine Bekanntschaft an Bord: Mandy und Torsten aus Dresden. Mitte dreißig, seit fünfzehn Jahren verheiratet und das erste Mal in Südamerika (weil Chile am sichersten sei …). Mandy hat für eine Mandy ziemlich viel Humor und sagt auch, dass ihr Name eher eine Diagnose sei, sie aber den Gegenbeweis antreten wolle. Und Mandys Schwester heißt übrigens Peggy …  Jibt es denn sowat??? Ist die Mutter noch ganz bei Trost gewesen?

Nach vier Tagen Ankunft in Puerto Natales, ein herausgeputztes und ganz auf Touris eingestelltes Dörflein am Rande des Nationalparks.

Everythig I Do …

Everything I Do …

Der Hostel-Papa Alejandro war so gierig nach den spärlichen Gästen, dass er einen förmlich auffraß. Was am Anfang noch ganz nett war, ist innerhalb von zwei Stunden so lästig, dass man nur noch fliehen kann. Dummerweise hatte ich vor den zwei Stunden eingewilligt, mit ihm eine Tour zum Fliegenfischen mit Übernachtung zu unternehmen. Wenn jemals ein Mann wieder „Baby” zu mir sagt und versucht, meine Hand zu greifen, gibt es Tote!

So geht Fliegenfischen in Chile

So geht Fliegenfischen in Chile

Wir haben im engsten Zweimannzelt aller Zeiten übernachtet. Und nachdem mir zu seinem Bedauern nicht kalt wurde, wurde ihm kalt. Ich war noch nie so froh, endlich das erste Tageslicht zu erblicken. Ich habe die ganze Nacht laut auf meinem iPod Mugge gehört, um sein Schnarchen zu übertönen und Gunacos gezählt. Alejandro schaffte es wirklich, alles zu versauen. Das Fliegenfischen nutze er für Körperkontaktherstellung, nüscht durfte ich alleine probieren. Dann Lagerfeuer, und wat macht Alejandro? Autotüren auf und laut Brian Adams. Everything I Do… Auch auf der Straße war Alejandro der King. Jedes an uns vorbeiziehende Lebewesen wurde per Autohupe begrüßt. Mit stolz geschwellter Brust blickte er zu mir herüber, um sicher zu gehen, dass ich das auch ja wahrnehmen würde.

Ich habe irgendwann komplett dicht gemacht und gar nichts mehr gesagt. Was allerdings zu lustigen Selbstgesprächen seitens Alejandros führte, der meinen Part einfach mitübernahm.

Mein Abgang in Puerto Natels war daher ein wenig überhastet. Mich befiel leichte Panik, weil ich keinen Flug bekam. Wollte ja zunächst noch mal in den Norden, ins Warme. Aber es gab nichts.

Im Büro der Sky Airline ’nen Flug für den nächsten Tag immerhin zurück nach Puerto Montt. Also mit dem Bus von Puerto Natales nach Punta Arenas. Dort dann in den Flieger. Da kam ich abends an und musste zum Busbahnhof. Alejandro meinte, ich müsse unbedingt darauf achten, ein gekennzeichnetes Taxi zu nehmen. Auf keinen Fall woanders einsteigen. Da war aber nüschte. Also bin ich zu drei Männern ins Auto gestiegen. Für 5000 Pesos. Fand ick fair.

Ein Ort für Walfänger – gewesen

Ein Ort für Walfänger – gewesen

Am Bahnhof standen hunderte von Bussen, alle completto. Die von Pullmann-Bus haben gleich mal das Licht in ihrem Schalter ausgeknipst und dumm gegrinst. Die Dame von Tur-Bus hat mir abenteuerliche Verbindungen für 40.000 Pesos nahegelegt. Jott sei Dank fiel mein Blick dann noch auf ETM Bus. Und was soll ich sagen: Um kurz vor Mitternacht ging es für 12.000 Pesos mit dem nettesten und charmantesten  „Busmatrosen” aller Zeiten nach Concepción, und Alejandro war sofort vergessen…

Nun bin ich also wieder bei der Familie in Conce. Hier verbringe ich meine restlichen Chile-Tage mit gemütlichen Ausflügen weit ab vom Touristrom. Lavastromerkundungen und ein Besuch der stillgelegten Kohlemine Lata gab es bereits. Letzte Nacht haben wir den Film „Sub terra“ geschaut, der in der Mine spielt. Irre, wenn man kurz vorher durch diese Kulisse gelaufen ist.

Der Mann, der uns durch die Mine führte, hat dort auch gearbeitet. Mit acht Jahren fing er an. Der chilenischen Schulklasse, die mit uns durch die Mine stolperte, erklärte er immer wieder: Wenn ihr eure Geschichte nicht kennt, dann verliert ihr eure Identität. Aber det interessierte die dicken kleinen Süßen herzlich wenig …

Vor dem Lavastrom. Im Skigebiet

Der Lavastrom, der ein Skigebiet auslöschte 

Jetzt muss ich nur noch zurück nach Santiago. Ich werde versuchen, die ETM Bus Company zu nehmen.

Den Norden nehme ich mir von Bolivien aus vor. Irgendwann, wenn das Konto ein wenig aufgeräumt ist…

Das Wetter war nicht so ganz auf meiner Seite. Habe auch viel zu viele Klamotten für warme Tage statt für kalte Tage dabei. Im Prinzip komme ich mit ’nem halben Rucksack sauberer Wäsche heim und laufe seit Wochen in denselben vier Pullis und zwei Hosen übereinander rum.

Lasst Euch nicht stressen, wir sehen uns in Berlin, liebe Grüße und Kuss

Julchen

Kategorien:Schriftverkehr Schlagwörter: , , ,

Was bleibt ist Beton

Angekommen. Am Ende der Welt © Christian Brachwitz

Angekommen. Am Ende der Welt
© Christian Brachwitz

Heiner Müller hätte auch einen solchen Saum Verkommenes Ufer nennen können, aber es ist die Ostsee im Jahr 2007 oder das Ende der Welt am Ende der Zeit. Fleisch und Fett stößt auf Beton. Das eine hat keine große Überlebenschance, das andere hat keine große Untergangschance. Das haben manche schon immer gewusst: Der Beton wird unbesiegbar sein. Und doch hat er eine Öffnung. Und doch kann man ihn mit Buchstaben und Zeichen noch schöner machen. Mit der rechten Hand hält sich der Mensch fest, mit der linken könnte er sich wehren. Und wenn er nicht nur hineinschaute, sondern auch hineinginge ins Innere des Betons: Was würde er finden? Vielleicht irgendein Tier, für das er keinen Namen weiß. Normalerweise eine leere zerdrückte Zigarettenschachtel, eine leere Flasche, Joghurtbecher. Heiner Müller sprach von Keksschachteln, Kothaufen, zerrissenen Monatsbinden. Nein, die letzten Geheimnisse der Welt wollen wir nicht wissen. Wir kehren lieber um. Orpheus und Eurydike. Suliko. Meike und Mike.

Im Jugendfußball ist noch vieles offen

Juni 20, 2013 1 Kommentar

Keiner konnte ahnen, dass wir armen Hansa-Rostock-Schweine am Ende der miserabelsten Saison aller Zeiten noch eine angenehme Überraschung erleben. Die A-Junioren. Schon toll, dass sie sich als Zweiter ihrer Liga für das Halbfinale der Deutschen Meisterschaft qualifizierten. Eigentlich hatte man eher nach unten geblickt, um nicht absteigen zu müssen. Als aber die Abstiegsgefahr gebannt war, setzte das erhebliche physische und psychische Kräfte frei. Was aber für das Halbfinale wenig bedeuten mochte, denn da ging es gegen FC Bayern München, der natürlich auch für seinen Nachwuchs-Bereich ganz andere Mittel zur Verfügung stellen kann als zum Beispiel wir armen Hansa-Rostock-Schweine.

Die Experten und Reporter bestätigten den Münchnern einige tausend Mal, dass sie ihren mecklenburgischen Gegnern technisch und spielerisch überlegen seien. Ich sage mal, dass es unter anderem ihre Fischkopp-Mentalität war, die die Rostocker Junioren ins Finale führte. Sie standen gegen die heranstürmenden Bayern in der Abwehr ziemlich sicher, droschen die Bälle aus dem Strafraum raus und machten nach vorne mehr so nichts. Als echte Stoiker schläferten sie den Gegner ein mit einem Torwart Künnemann an der Spitze, der erst recht nicht aus der Ruhe zu bringen war. Und als dann 84 Minuten von der Uhr runtergespielt waren , jagte Nils Quaschner, der schon einige Male bei den Profis gespielt hat, dem Bayern-Verteidiger Hager den Ball ab, umspielte eiskalt den Torwart und machte das 1:0. Die Welt stand Kopf. Aber es gab vier Minuten Nachspielzeit. Genug Gelegenheiten für die Münchner? Nee. In den letzten Sekunden der Nachspielzeit zog Quaschner von rechts außen ab, der Ball war drin. Das war das Hinspiel in München, 2:0 für Rostock, und der Trainer mahnte: Wer den Jugendfußball kennt, weiß, dass da immer viel passieren kann.

Und so war es auch. 8000 Fans mit mitreißenden Choreographien in der Rostocker DKB-Arena sahen die verwöhnten Münchner Jungs im Dauerangriff auf Künnemanns Hansa-Tor. Die liefen richtig heiß, während die Rostocker Stoiker Bälle wegschlugen und so taten, als wüssten sie nicht, dass die Münchner auch ein Tor haben. Und  dann bekamen sie mal den Ball nicht weg aus ihrem Strafraum, Künnemann sprang vergeblich. 0:1. Danach änderte sich das Spiel. Rostock konnte plötzlich auch stürmen. Man muss es schon einen genialen Täuschungsversuch nennen, im Hin- wie im Rückspiel so zu tun, als könne man nicht über die Mittellinie hinauskommen. Die Bayern fielen zwei Mal darauf herein. Kurz vor der Halbzeit gab’s einen Lattentreffer für Hansa, und in der zweiten Halbzeit sah man, dass die Münchner sich müde gelaufen hatten. Sie kamen nicht damit zurecht, dass die norddeutschen Phlegmatiker plötzlich mehr Ballbesitz hatten und das Spiel machten. Eine mittelschwere Depression ergirff den FC Bayern. Flath hämmerte einen Freistoß ans Lattenkreuz. Das hätte schon das 1:1 sein können. Wenig später wieder ein Freistoß für Hansa von rechts. Gebissa tritt an. Wieder Latte, wahrscheinlich hat der Ball beim Aufspringen die Torlinie schon übersprungen, aber Quaschner als Hansa-Profi weiß, dass man als Rostocker immer auf Nummer sicher gehen muss und köpft den Ball endgültig ins Tor. Staunt, aus Erfahrung klug, dass der Schiedsrichter das Tor auch wirklich gibt, denn oft finden sie ja immer noch irgendeinen Grund, um nein zu sagen, aber so weit sind sie bei den Junioren zum Glück noch nicht. Danach sind alle Messen gelesen. Die frustrierten Bayern  bringen außer ein paar gelben Karten nicht mehr viel zustande.

Was nützt das alles? Von der Hansa-Junioren-Meistermannschaft des Jahres 2010 sind gerade vier Kicker ablösefrei weggeholt worden, wenn ich das richtig sehe.. Sie spielen jetzt in den zweiten Mannschaften von Dortmund und Stuttgart oder in Fürth. Nein, die Fußball-Welt verliert viele ihrer Reize. Im Jugendfußball ist noch vieles offen, was später – nach dem Muster Kir Royal – mit Geld zugeschissen wird. Kann man einen schöneren Fußball spielen als die spanischen U-21-Junioren, die gerade Europameister geworden sind? Schwer vorstellbar. Der ballführende Spieler hat immer drei, vier Anspielmöglichkeiten. Der Ball läuft und läuft. Und die Jungs ergehen sich auch nicht in der negativen Seite des Tiki-Taka-Fußballs. Sie gewinnen nicht 1:0 wie die Großen, sie gehen mehr Risiko, suchen den Abschluss, fangen auch mal ein Gegentor und siegen 4:2. That’s Soccer.