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Posts Tagged ‘Eva Mattes’

Langeweile wird unterschätzt

Dezember 28, 2016 1 Kommentar
Lange Wege, lange Weile? Der Übergang vom S- zum Regionalbahnhof, auch „der Galgen” genannt © Fritz-Jochen Kopka

Lange Wege, lange Weile? Der Übergang vom S- zum Regionalbahnhof, auch „der Galgen” genannt
© Fritz-Jochen Kopka

Langeweile wird unterschätzt. Sie hat ein schlechtes Image, besonders bei Frauen. Frauen glauben oft, dass sie sich automatisch aufwerten, wenn sie auf die Langeweile schimpfen, die man wagte, ihnen zuzumuten. Ich habe mich tödlich gelangweilt, sagt die Moderatorin im Deutschlandradio über den letzten Bodenseetatort mit Eva Mattes und Sebastian Bezzel und den drei Fassbinder-Geistern, Hanna Schygulla, Irm Hermann und Margrit Carstensen. Sie will damit sagen, dass ihre Ansprüche weitaus höher gesteckt sind, aber ich kann ihr versichern, dass ein heller Geist in diesem Krimi einiges Interessante beobachten und sich amüsieren konnte. Zur Langeweile gehören immer zwei. Die langweiligsten Leute treten hervor und klagen, wie langweilig doch alles sei in diesem Land und in dem Land vor diesem Land. Wahrscheinlich ist das ein aristokratisches Phänomen. Prinzessinnen waren es gewöhnt, dass immer Leute bereitstanden, die sie zum Lachen bringen sollten. Niemand hat ihnen beigebracht, sich zu beschäftigen. Und wenn nun eine Frau hervortritt und klagt, wie langweilig es doch wieder sei, dann will sie eigentlich sagen: Ich bin eine Prinzessin. Oder eine Königin. Oder eine Gräfin. Ich will hier nichts Lobendes über Männer sagen, aber die wissen in der Regel wenigstens, dass sie für ihre Langeweile selbst zuständig sind. Und im Zweifelsfall haben sie immer noch den Fußball.

Wenn ich laufe, kommt mir auch schon mal in den Sinn, wäre schön, wenn du deine zwei Runden schon hinter dir hättest, aber das ist der falsche Ansatz. Der richtige Ansatz ist es, die Zeit auszuschalten, in deinem Kopf dafür zu sorgen, dass es keine Zeit mehr gibt. Und dann denke ich nur an die Bewegung, in der ich mich befinde, an die Bäume, denen ich begegne (jeder von ihnen irgendwie ein ausgeprägter Charakter) und warte auf das, was mir sonst noch in die Birne schießt, Erinnerungen, Assoziationen, Zitate. Goethe war kein Schwärmer, als er zum Augenblicke sagte, verweile doch, du bist so schön. Und wenn wir bei Goethe sind, können wir weiter gehen zu Heimito von Doderer: „Die Langeweile ist das stillste, aber vielleicht das am meisten die Führung prüfende Fahrwasser des Lebens. Denn hier kommt es wirklich heraus, was an einem ist und was nicht, wenn die Kügelchen der Viertelstunden klingend in eine weite, leere Schale fallen.”

Was meint er nun genau? Denk drüber nach, und du hast keine Langeweile.

 

 

Perlmann therapiert

Nah und doch so fern

Nah und doch so fern

Der Tatort vom Bodensee war außergewöhnlich. Perlmann, von dem wir schon immer viel gehalten haben, erlebt seine schwerste und größte Stunde und mit ihm sein Darsteller Sebastian Bezzel. Perlmann/Bezzel wird ewig mit dem Image des jungen Mannes rumlaufen. Alle Leute fühlen sich bemüßigt, ihn zu belehren oder zurechtzuweisen, er nimmt das hin, ist ja eigentlich unerreichbar.

Marco Wiersch, der Autor, hat eine hocheffiziente Konstellation konstruiert, in die ein Dutzend Figuren verwickelt ist, und alle diese Figuren agieren interessant, überraschend, differenziert. Es ist ein Krimi, in dem kein Schuss fällt. Aber es brennt. Brennt lichterloh. Von einer Sekunde auf die andere bekommt der Film einen sagenhaften Drive. Als nämlich das entführte, viele Jahre lang eingekerkerte, manipulierte, abhängig gemachte und nunmehr völlig verstörte Mädchen Rebecca den Polizisten Perlmann fragt: Bist du mein neuer Erzieher? Perlmann ist perplex, aber er nimmt die Rolle an, weil dies wahrscheinlich der einzige Zugang zu Rebecca ist. Für diesen neuen Job hat die Polizeischule ihn nicht ausgerüstet; vielleicht aber das Leben, vielleicht hilft ihm auch sein Charakter. Er ist es gewohnt, an der Seite der ungeliebten, aber doch liebebedürftigen und leidensfähigen Chefin Klara Blum (Eva Mattes) vieles mit unbewegter Miene wegzustecken und sich selbst treu zu bleiben. Er handelt nach seinem Gefühl, nach seinen Instinkten und lässt sich nicht von der Psychologin (Imogen Kogge) dominieren, die zwar immer weiß, was auf keinen Fall geht, dabei aber kein Stück weiterkommt.

Rebecca ist natürlich eine sagenhafte Rolle für Gro Swantje Kohlhof, aber Bezzel mit seinem kultivierten Understatement steht ihr nicht nach. Der Autor Marco Wiersch und der Regisseur Umut Dag haben eine saubere Leistung abgeliefert, wie wir sie im deutschen Fernsehen seit langem nicht mehr gesehen haben.

Beobachtung eines Misslingens

Wenn ein Tatort wie der jetzt aus Konstanz („Chateau Mort”) gut gemeint, aber nicht geschafft ist, kann man sich vielleicht noch über die Art des Misslingens amüsieren. Ein bisschen wenigstens und ohne Schadenfreude. Kommissarin Blum (Eva Mattes) und Kommissar Perlmann (Sebastian Bezzel), der neuerdings mit Bart und kurzem Trenchcoat etwas zu prätentiös agiert, begnügen sich nicht mit dem aktuellen Kriminalfall, sondern lösen auch noch einen historischen von 1848, glauben es zumindest. Zwei Fälle, die durch die sogenannten Droste-Weine über anderthalb Jahrhunderte hinweg miteinander verbunden sind. Im historischen Fall geht es um die Liebe der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff zum 17 Jahre jüngeren Levin Schücking wie auch um die badische Revolution. Für die bevorstehende Hochzeit erwirbt die Droste einige teure Weine, da aber die Verbindung platzt, existieren diese Weine heute immer noch, erzielen auf Auktionen sechsstellige Summen und werden, wie alles Hochpreisige, schamlos gefälscht. Aus der Droste-Schücking-Geschichte, einer, wie das Literatur-Lexikon so schön sagt, „nachsommerlichen, halbmütterlichen Liebe” der Dichterin, haben die Konstanzer eine regelrechte Mondnummer konstruiert; man möchte von einer irrwitzig blühenden Phantasie sprechen. Der junge Aussteiger Enrico Schmitz (athletisch-leptosome Figur), der die Fälschung der Weine entdeckt, muss sterben. Die Konstanzer Kommissare erhalten unnötiger Weise wieder einmal Hilfe vom recht eindimensionalen Schweizer Kommissär Lüthi; Frau Blum fühlt sich in dessen Nähe irrtümlich so wohl wie schon lange nicht mehr, und Perlmann, der in einem Verlies eingesperrt ist und sich dort von alten Weinen ernährt, fängt an zu spinnen und zieht aberwitzige Schlüsse. Wir wissen ja, dass die Tage der Konstanzer Kommissare gezählt sind; aber wir wollen sie diese letzten Male nicht immer als lahme Enten erleben. Gebt ihnen wieder mehr Drive. Wir möchten sie in guter Erinnerung behalten.

 

Überschätzt sich immer leicht

Unklare Sicht bei trübem Licht

Unklare Sicht bei trübem Licht

Der Tatort aus Konstanz oder, wie es sich jetzt einbürgert, der Bodensee-Krimi, hieß „Winternebel”, obwohl der Winternebel keine große Rolle spielt, außer dass der Schweizer Kommissär in eben diesem Winternebel einen einschlägig bekannten Entführer erschießt; was war das nun: Notwehr, Selbstjustiz, Rache? Die immer besorgtere Kommissarin Klara Blum blickt sehr ernst und muss dem Kollegen leider die Waffe abnehmen, ja ja, ich weiß, das muss so sein, sagt der Kollege, er ist vom Dienst suspendiert, aber der Fall lässt ihn nicht los, und dann wird die Suspendierung aufgehoben, wenn auch der Verdacht der Selbstjustiz oder des leichtfertigen Schusswaffengebrauchs nicht ausgeräumt ist.

Am meisten regt uns in diesem Tatort der sture Unternehmer auf, der seine entführte Tochter, die ihm und der er nicht grün ist, allein mit der Kraft seiner Millionen zurückholen will, ohne die Polizei einzuschalten, obwohl ihn die Entführer doch immer wieder linken. Es liegt in der Natur des Menschen: Der reiche Mann überschätzt sich immer leicht. Sie Arschloch, Sie setzen das Leben Ihrer Tochter aufs Spiel, fährt Eva Mattes oder Klara Blum den reichen und eigentlich auch dummen Mann an. So direkt ist sie noch selten geworden.

Das bringt dieser gut gemachte, atmosphärisch dichte, regional anschauliche Krimi exakt herüber: Du kannst den Entführern nicht trauen, auch wenn du Millionen zu bieten hast. Brutale Typen sind das. Denen ist ein Menschenleben nichts wert.

Schafft bessere Mörder

Der Himmel über Deutschland ist gelb, die Pension der Beamten ist berechnet, und Kommissar Perlmann (Sebastian Bezzel) ist an Midlifecrisis erkrankt. Dass sein Leben so vorherbestimmt und auf den Ämtern schon seine Zukunft verbucht ist, macht ihm zu schaffen. Seine Chefin Klara Blum (Eva Mattes) hingegen beeindruckt durch ihre Bodenhaftung, ist allezeit misstrauisch und charmant und dennoch darauf angewiesen, ihren Schweizer Kollegen mit Handschellen an sich zu fesseln, blöde Idee, weniger von Frau Blum als vom Filmteam. Ja, ja, der Tatort aus Konstanz bzw. Konschdanz, der sogenannte Bodenseekrimi, worum ging’s eigentlich? Um den Tod eines Todgeweihten.  Um einen hochnäsigen Professor, der Perlmann wie einen Hilfsschüler behandelt. Um weitere Todeskandidaten, nämlich an Leukämie erkrankte Menschen, und in eine von ihnen, die rätselhaft-zauberhafte Mia (Natalia Rudziewicz), muss sich der arme Perlmann in seiner Schwäche tatsächlich verlieben. Mia will noch so viel wie möglich mitnehmen von den letzten Tagen ihres Lebens, Letzte Tage, so heißt auch der Film, mein Kopf ist ein leerer Tanzsaal, sagt sie und wundert sich traurig über sich selbst, aber eine Mörderin ist sie nicht. Die Mörder werden immer uneinprägsamer, verhuschter, flüchtiger, es ist, als wollten sie wie Villon entschuldigend sagen: Nur die Not trieb mich den schlechten Pfad; während die Medien nun also über die Inflation der Tatort-Kommissare lamentieren, sagen wir: Schafft bessere Mörder, Charaktere, die die mühsame Ermittlungsarbeit, die wir als Zuschauer ja immer mitleisten müssen im Gestrüpp vieler ermüdender Details, auch lohnen.

Der Polizist als Stümper

Tatorte aus Konstanz (oder auch: Konschdanz) bieten immer viel Arbeit und wenig Inspiration. Den Täter erkenne ich auf den ersten Blick. Es werden noch zwei weitere Möglichkeiten angeboten oder auch zweieinhalb, aber die kann man schnell beiseite schieben. Sind zu verdächtig.  Man sagt nichts Falsches, wenn man Eva Mattes als eine ausgeglichene, untersetzte, keineswegs humorfreie, häufig besorgte Schauspielerin sieht, die eine ausgeglichene, untersetzte, keineswegs humorfreie, diesmal aber hauptsächlich besorgte und bedrängte Kommissarin spielt, besorgt und bedrängt, denn es ging um einen Triebtäter, der sich an schmalen, schwarzhaarigen Jungen vergeht.

Zur Selbstbeschreibung erzählt Eva Mattes, dies nur nebenbei, im FAZ-Interview diese Geschichte: Peter Zadek suchte für Ibsens Wildente „ein zartes, ätherisches Pflänzlein…  Stattdessen habe er … einen schwitzenden, stampfenden, kleinen Elefanten bekommen”. Solche Anekdoten, von den Betroffenen selbst erzählt, sind irgendwie ermutigend. Ich erinnere mich, wie ich einmal in der Kantine des Berliner Ensembles saß und beobachtete, wie Eva Mattes mit einer großen Tasse Milchkaffee an ihren Tisch ging. Dort angekommen fiel der Boden aus der Tasse und der Milchkaffee ergoss sich in Eva Mattes’ Schoß, die sich zwar wunderte, aber sonst keine Worte über den Vorfall verlor. Ja, das war auch interessant.

Man muss wohl sagen, dass die Handlung dieses „Nachtkrapp” betitelten Tatorts vieler unmotivierter Wendungen bedurfte, um überhaupt voranzukommen. Über die Leute der Bodensee-Region erfuhr man so gut wie nichts. Nur, dass eben die Frau, die den Täter deckte, erklärte: „Aber er ist doch mein Junge!”. Atavistisches Verhalten, das überall und nirgends hinpasst. Loben muss man allerdings, dass man hier Polizisten sieht, die wahrlich keine Helden, aber ziemliche Stümper sind. Beamte. Wie im wahren Leben.

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