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Archive for the ‘Fußballfieber’ Category

Deutsches Phlegma

Deutschland – Mexiko. Eine innere Stimme und der Fußballsachverstand sagten mir: 0:1. Aber mein Patriotismus veranlasste mich, 2:2 zu tippen. Und die Zuversicht der Medien. Bei Spiegel online konnte man erfahren, dass die deutschen Spieler ihren Trainer nahezu abgöttisch lieben, was allerdings dazu geführt haben könnte, dass sie ein Gutteil von seiner Tranigkeit übernommen haben, was dem Spiel nicht unbedingt gut tut. Die Mexikaner wussten damit geschickt umzugehen. Sie spielten schnell und rasant nach vorn und fanden große Räume, in die sie hineinstoßen konnten. Vermasselten allerdings viele Chancen, so dass man schon glauben konnte, wir kommen mit einem blauen Auge davon. Kamen wir aber nicht. Was ist mit der Mannschaft los? Sie spielt mit der Selbstgefälligkeit des Weltmeisters. Die Bayern-Spieler sind immer noch fest davon überzeugt, dass sie beim Ausscheiden gegen Real Madrid in der Champions League in beiden Spielen die bessere Mannschaft waren. Sowas vernebelt die Gehirne. Ich entdecke keine andere Spielidee bei uns als Toni Kroos. Der Taktgeber. Es ist ein einfaches Mittel, seine Passwege zuzustellen, und das haben die Mexikaner gemacht. Von Özils berühmten schrägen Ideen war wenig zu sehen. Die deutschen Spieler gehen alle zum selben Friseur (so sieht’s jedenfalls aus). Und: Es sind zu viele Phlegmatiker in der Mannschaft. Ich will sagen: zu viel Gleichförmigkeit. Die Spieler scheinen von der Masse der erhobenen Daten über alles und jedes erdrückt zu werden. Es wurde etwas besser, als die Unsrigen in der zweiten Halbzeit in ihrer Not anfingen, unstrukturierter und wilder zu spielen. Und es ist verdammt vermessen, zur WM zu fahren und nur die Titelverteidigung im Auge zu haben. Nicht an den Titel denken! Nur an das nächste Spiel! Muss man denn an diese einfache Fußballweisheit immer wieder erinnern?

 

Wie die Russen auffällig wurden

Andrej Arshawin, gezeichnet von Thomas Gronle, aus der Ausstellung „Russkij Futbol”. Arshawin ist noch aktiv. in Kasachstan.

Haarscharf daneben. Russland – Saudi-Arabien. Ich hatte 1:1 getippt, Russland siegte 5:0. Die Russen wurden richtig auffällig.

Sie begannen als Loser und endeten als Wunderkinder. Nach dem frühen ersten Tor lösten sich die Minderwertigkeitskomplexe, und das zweite verschaffte Ruhe im Kopf. Was sie besonders gut machten: Sie waren sehr wach und eroberten viele Bälle in der Hälfte des Gegners. Dann kombinierten sie schnell nach vorn und ab und zu brachten sie einen Konter auch zu Ende.

So eindeutig, wie es das Ergebnis aussagt, war der Spielverlauf aber nicht. Tor 4 und 5 für die Russen fielen erst in der Nachspielzeit. Man kann sagen: Erst hatten sie kein Pech und dann kam auch noch Glück dazu.

Sportberichterstatter mit schlichtem Gemüt schrieben, dass das ganz nach dem Geschmack des Zaren, also Putins, gewesen sei. Die Bilder sagten etwas ganz anderes.

Der Präsident war hin- und hergerissen. Nach dem ersten Tor sagte er dem saudischen Kronprinzen Muhammed bin Salman, vermittelt durch Gianni Infantino, wahrscheinlich, dass es genauso gut auf der anderen Seite hätte klingeln können. Mit jedem weiteren russischen Tor wurde Putin die Sache peinlicher, trotz der Genugtuung und der Erleichterung, die er andererseits empfand. Wir wollen Russland nicht retten, indem wir Saudi-Arabien vernichten. Seine Kicker machten ihm Freude und Ärger zugleich. Ein umkämpftes 2:1, vielleicht sogar ein Unentschieden, hätten ihm besser in den Kram gepasst. Aus den guten Kontakten zu den Saudis wird so wohl nichts werden, jedenfalls sind sie ernsthaft in Gefahr.

Spiegel online meint, dass Russland trotz des grandiosen 5:0 in der Vorrunde ausscheiden wird. Möglich wäre das. 2012 starteten die Russen mit einem 4:1 gegen Tschechien in die EM. Russlands holländischer Trainer Dirk Advocaat klopfte kräftig auf den Busch: Wir wollen hier auch nicht zuviel zeigen. Um nicht die kommenden Gegner hellhörig zu machen. Nirgendwo wird Hochmut so radikal bestraft wie im Fußball. Mitte der zweiten Halbzeit des zweiten Spiels war es plötzlich vorbei mit der russischen Herrlichkeit. Andrej Arshawin gelang nichts mehr, die Kräfte waren versiegt. Zu viele glänzende Pässe hatten seinen Mitspieler versiebt.

Der aktuelle russische Trainer, Stanislaw Tschertschessow, ist kein Advocaat. Er hütet sich den Mund zu voll zu nehmen. Denn nun kommen Ägypten, höchstwahrscheinlich wieder mit Mo Salah, und Uruguay mit Cavani und Suarez.

 

Russkij Futbol

Sonderausstellung zum russischen Fußball in Berlin-Karlshorst

Am russischen Fußball fällt auf, dass er am besten repräsentiert ist, wenn er nicht weiter auffällt. Kann gut sein, dass Putin ein grandioses Eigentor geschossen hat, als er die Weltmeisterschaft ins Land holte. Im Deutsch-Russischen Museum eröffneten sie letzte Woche die Ausstellung „Russkij Futbol”. Die war auch ziemlich unauffällig, sowohl die Eröffnung als auch die Ausstellung selbst. Die Kuratoren der Ausstellung und Autoren des dazugehörigen Buchs (Verlag Die Werkstatt) setzten uns unauffällige und nicht sehr zahlreiche Besucher ins Bild. 1897 das erste offizielle Fußballspiel in Russland, 1912 das erste Länderspiel. Bei der Olympiade in Stockholm unterlag Russland Deutschland 0:16. Man sprach davon, dass die Russen besoffen waren, man führte das Drama auf die Rivalität zwischen Moskauer und Petersburger Vereinen zurück und auch auf das verrottete zaristische System. 1924 wurden die bürgerlichen Vereine aufgelöst und proletarische gegründet. Selbst im belagerten und ausgehungerten Leningrad fanden Fußballspiele statt als Zeichen der Unbeugsamkeit. Unbeirrbar, unbesiegbar, du mein Heimatland. Dmitri Schostakowitsch komponierte ein Fußballballett, an das er wohl nicht gern zurückdachte. Nach dem Krieg suchte man gerade auch im Fußball nach neuen, nach zivilen Helden, und so erzählt die Ausstellung die Geschichte des russischen Fußballs an Hand von Biographien. Wsewolod Bobrow, der ein ebenso guter Eishockey- wie Fußballspieler war, Eduard Strelzow, dem man aus vielleicht erfundenen Gründen die Teilnahme an einer Weltmeisterschaft versagte. 1955 besiegt die Sowjetunion den Weltmeister Deutschland 3:2, 1956 wurde die SU Olympiasieger, 1960 Europameister. Das hat man in Anbetracht der aktuellen Misere vergessen. Der letzte große Fußballrusse ist Andrej Arshawin, den die großen Erwartungen, die man in ihn setzte, so nervten, dass er die Fans beleidigte.

In den Kellerräumen: Galerie ziviler Helden

In meiner Kindheit gab es die Helden Lew Jaschin und Igor Netto. Netto, der Spielmacher, weltweit geschätzt, Jaschin, der Torwart, eine sehr originelle Gestalt, der öfter mal verrückte Sachen machte. Ihn habe ich 1973 zu den Weltfestspielen im Berliner Haus der DSF gesehen, wie er durch die Räume schritt und von allem ziemlich ungerührt schien. Starker Raucher, der er war, musste er sich später einer Unterschenkelamputation unterziehen.

Und dann gab es noch den Mosfilm „Der Ersatzspieler”. Der Ersatzspieler, der in einem entscheidenden Spiel seinen Bruder, den hochnäsigen Superstar, der dem Alkohol und den Frauen verfallen war, aussticht. Diesen Film haben wir geliebt.

So. Und jetzt will ich sehen, ob die Russen wirklich so unauffällig spielen.

Demnächst: das gerechte Endspiel

Das gerechte Endspiel der Champions League, hört und liest man jetzt aus integrierten Kreisen, wäre Bayern München gegen AS Rom gewesen. Dann macht es doch: das Endspiel der Enttäuschten, der Sich-betrogen-Fühlenden-immer-wenn-sie-mal-verlieren! Dann wird’s für die Bayern vielleicht noch ein Triple, ein leicht deformiertes! Man könnte aus dieser Idee ein komplettes Schattensystem konstruieren. Die Verlierer der Viertel- und Halbfinals, die immer einen Grund finden, sich betrogen zu fühlen, spielen gegen die Verlierer der Parallelpaarungen, bei deren Niederlagen es natürlich auch nicht mit rechten Dingen zuging. Dann haben wir neben den normalen Halbfinals und Endspielen die gerechten Halbfinals und Endspiele. Es werden die gewöhnlichen Pokale überreicht und die gerechten Pokale. Und den Medien wird es ein Leichtes sein, die gerechten Sieger hochzuschreiben und die normalen Sieger mit Zweifeln zu bedenken. Es wäre die (überfällige) Postmoderne im Sport. Die Auflösung der erstarrten Strukturen. Die Identität der Vereine wird instabil. Ein Ergebnis wir stets nur ein vorläufiges Ergebnis sein. Es gibt viele Wahrheiten. Fantastisch, was sich aus der Realität alles herausholen lässt.

Wo der Fußball regiert

Inoffizielles Mahnmal in Berlin-Hellersdorf
© Fritz-Jochen Kopka

Hier regiert der FCU. Auf seine Art. Diese Säule findet sich irgendwo in Hellersdorf. Ich weiß nicht mal, ob der Platz zwischen Kaulsdorf Nord und Kienberg, auf dem sich ein Lidl und eine Bowlingbahn befinden, einen Namen hat. Die Fußballsaison nähert sich dem Ende. Von Union aus betrachtet, also vom FCU, dem 1. FC Union Berlin, fällt der Trainerwechsel ins Auge. Unter Jens Keller, dem früheren Schalker Trainer, spielte Union um den Aufstieg mit, schoss Tore, brachte seine Stärken auf den Platz. Keller wurde völlig überraschend entlassen. André Hofschneider, alter und treuer Unioner, der gerade seinen Trainerschein gemacht hatte, wurde installiert. War da was vorgefallen mit Keller? Nein. Union wollte den fünften Schritt vor dem dritten machen; die Mannschaft sollte nicht so ausrechenbar sein, ein variableres Spielsystem einüben. In der Folge spielten sie nicht schlecht, aber notorisch erfolglos, als wollte der Fußballgott die Union-Bosse für diesen frivolen Trainerwechsel bestrafen. Mittlerweile ist man ein Teil des Abstiegskampfes, der gut die Hälfte der Liga erfasst hat. Ich denke, dass Union nicht absteigen wird, aber was sie da verpasst bekommen haben, ist schon mehr als ein Denkzettel. Man wird jetzt richtig nachdenken müssen bei Union.

Und wenn wir jetzt von der zweiten Liga nach oben greifen wollen, kommen wir zum Ausscheiden Bayern Münchens im Halbfinale der Championsleague gegen Real Madrid. Wie heißt es jetzt: Der Traum vom Triple ist ausgeträumt. Tut mir leid. Ich kann den Traum vom Triple nicht verstehen. Meine patriotischen Gefühle sind kümmerlicher Art, wenn es um Bayern München geht. Spieler, die ich mochte, werden mir unweigerlich unsympathisch, wenn sie zu Bayern München wechseln. Das kann doch nicht nur an mir liegen. Sie werden da irgendwie zu Snobs. Und ich bin froh, wenn mir Uli Hoeneß’ Triumphgefasel erspart bleibt. Aber sie haben gut gespielt, haben alles reingeworfen, und Real Madrid hat mich nicht überzeugt. Die Abwehr wackelte bedenklich. Sie schlagen die feinere Klinge, aber sie spielen meistens einen Pass zu viel, um die beste Schussposition zu finden; und sie spielten in diesem Fall quasi ohne Stars, Cristiano Ronaldo, Toni Kroos und Asensio blieben blass. Und doch haben sie in der Gesamtabrechnung mit 4:3 gewonnen. Es ist klar, dass das Team, das mindestens drei Tore schießen muss, engagierter an das Match herangeht als die Mannschaft, die gar kein Tor zu schießen bräuchte. Bayerns Trainer Heynckes sagte am Ende: Wir waren in beiden Spielen die bessere Mannschaft. Der Reporter ließ wissen, dass Bayern München für ihn der moralische Sieger sei. Wie lächerlich ist das denn. Fußball ist ein Ergebnis-Sport, kein B-Noten-Sport. Die besseren Mannschaften verlieren nicht, da müsste der Schiedsrichter schon übermächtig sein. Und moralische Sieger sehen leicht bescheuert aus, falls es sie denn überhaupt gibt.

Ein Schiedsrichter ist auch nur ein Mensch

Hansa-Power
© Fritz-Jochen Kopka

Zum ersten Mal gelingt es uns armen Hansa-Rostock-Schweinen, Schiedsrichter Patrick Ittrich aus Hamburg zu besiegen.

Er kam mit dem Spitzenreiter der dritten Liga ins Ostseestadion. Die Magdeburger wussten sehr wohl, was der Polizist Ittrich für eine Granate ist, und glaubten, dass sie selbst nicht allzuviel einbringen müssten, um in seinem Schlepptau zu siegen. Ittrich eilt der Ruf voraus, dass er mit seiner Spielweise und seinen Tricks, auch mit seinen Realitätsverleugnungen von uns einfach nicht zu schlagen ist, und so schmückte er sich in der ersten Halbzeit mit dem Anschein der Objektivität. Gut, da gab es zwei elfmeterverdächtige Situationen im Magdeburger Strafraum, aber die hätte auch manch anderer Schiri nicht gepfiffen.

So konnte es geschehen, dass wir in einem Moment, als Ittrich etwas unaufmerksam war, in Führung gingen, ein blondes Tor, wenn man so will: Willi Evseev passt an der Strafraumgrenze auf Bryan Henning, der nimmt den Ball nach links mit, schwenkt auf engem Raum unvermutet nach rechts, der Verteidiger läuft ins Leere, Henning hat freie Bahn und: Tor.

Die zweite Halbzeit ging Ittrich couragierter an, er wusste, dass mehr von ihm kommen muss, und alsbald erschien es so, als habe er einen Krampf im Arm. Der zeigte unentwegt in Richtung Hansa-Tor, bei jedem Zweikampf Pfiff und Freistoß gegen uns arme Hansa-Rostock-Schweine, die Standards sollten es richten, wenn es schon spielerisch nicht ging, aber unsere Abwehr haute alles weg, und Janis Blaswich im Tor war einfach nicht zu bezwingen. Letzten Endes resignierte der gute Ittrich und gestand ein, dass er eben auch nur ein Mensch ist, der auf Grund seiner viele Erfolge mit einer gewissen Überheblichkeit ins Match ging und offensichtlich formschwach war. So haben wir ihn eben das erste Mal besiegt. So weit wir hören, hat er es überlebt.

Wie wir in die Winterpause gehen, II

An der Mauer stand mit Teer: HANSA. Wir kommen gestärkt zurück.

Wir armen Hansa-Rostock-Schweine spielen die beste Hinrunde seit langem und gehen tief enttäuscht in die Winterpause, warum das denn. Weil wir das letzte Spiel zu Hause gegen die Sportfreunde Lotte verlieren. 0:3. Wir hatten seit eh und je Schwierigkeiten mit Lotte, mit diesen Spielern, die stark wie Ochsen sind, aber im Hinspiel war uns das Glück hold. Ein schmeichelhafter Elfmeter und ein 50-Meter-Schuss von Bryan Henning sorgten für den Auswärtssieg. Vielleicht meinte der Schiedsrichter, Herr Patrick Schult aus Hamburg, da etwas gutmachen zu müssen. Jedenfalls pfiff er ein Foul vor dem 1:0 der Lotter Buben nicht. Bryan Hennig stürmte auf den Schützen Oesterhelweg zu, um dessen Schuss zu blocken, und wurde von Matthias Rahn, der sich kein Stück um den Ball bemühte, zu Boden gerammt. Das war Freistoß und mindestens Gelb für Rahn. Minute später Freistoß von Marcel Hilßner, Oliver Hüsing chipt den Ball ins Tor. Schult pfeift Abseits, wenn es auch gleiche Höhe war. Wir meinen, es ist schon schwer, bei dem Gewühl im Strafraum klare Bilder zu sehen, aber seit wann gilt denn: Im Zweifel gegen den Angreifer?

Zwei schwere Fehlentscheidungen innerhalb von fünf Minuten – die können einem Spiel schon eine Richtung geben. Letztlich bescherten uns die Lotter nicht nur drei Gegentore, sondern Julian Riedel eine Mittelfußprellung und Willi Evseev einen Schlüsselbeinbruch. Trainer Dotchev war in der Pressekonferenz, wenn er auch den gewohnt väterlichen Sound drauf hatte, tief deprimiert. Dieses klare Foul vor dem 0:1 – vielleicht hat der Schiedsrichter es nicht gesehen. „Aber wie kann man so etwas nicht sehen? Ich versteh das nicht.” Sowas übersehen, aber ein Abseits, das kein Abseits ist, sehen– da kommt man schon ins Gübeln.

Und wir wären ja keine echten Fans, wenn wir nicht gleichzeitig auch Verschwörungstheoretiker wären. Die Schiedsrichter aus Norddeutschland West pfeifen ziemlich konsequent gegen den Verein aus Norddeutschland Ost. Wir verweisen nur auf den unseligen Patrick Ittrich. Auch aus Hamburg.