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Archive for the ‘Fußballfieber’ Category

Ver-Fahrenheit

Hamburger Str. 210 – Postadresse Eintracht Braunschweig
© Fritz-Jochen Kopka

Freitagabend Lärm in der Bahn. Unterm Strich waren es nur drei Gestalten, aber der Radau hätte auch von einer Hundertschaft herrühren können. Die blaugelben Trikots, die Schals, ach ja, heute spielt Union gegen die Eintracht aus Braunschweig, aber es ist schon sieben, und das Match hat längst begonnen.

Das Girl und die Fahrensmänner focht das nicht an. Sie hatten Kontakt zu Kumpels, die auf der A 2 festsaßen, zu einem Freund, der nicht ins Stadion eingelassen wurde, weil er zu spät dran war, und angeblich hatte ihr Team auch schon das 1:0 erzielt, was sie veranlasste, einen Song zu johlen, der an Obszönität nicht zu wünschen übrig ließ. Gegen Union hatten sie keine Patrone im Liederbuch, aber gegen den Lokalrivalen Hannover. In dem Song ging es kein Stück um Fußball, sondern um Hannoversche Inzucht, immerhin reimte sich am Ende Tradition auf Sohn.

An der nächsten Station schrien sie „Rummelsburg! Hier wird gerammelt” und freuten sich über die ordinären Berliner Ortschaften, die ihre Phantasie anregten.

Ihr seid ja viel zu spät dran!, sagte ich. Ja, sagte der Dünne, wir haben uns verfahren. Sind in den Zug gestiegen, der stand da, wir rein im letzten Moment, aber es war der falsche, egal, wir haben gute Laune und uns geht’s super, zweite Halbzeit wir da.

Kann ich ein Foto von euch machen?

Klar.

Ich will auch drauf sein, sagte das Girl.

Der Verfahrene setzte die Sonnenbrille auf und vermummte das Gesicht mit dem Schal. Offensichtlich litt er an Verfolgungswahn. Er wollte die Fotos sehen.

Das kann doch’n Bulle sein, erläuterte er seinen Freunden. (So was hab ich auch noch nicht über mich gehört.)

Na und, sagte sein Kumpel. Wir machen doch nichts. Bier trinken in der Bahn ist kein Verbrechen.

Die Gesänge schon eher, dachte ich. Nirgendwo sind Liebe und Hass so groß wie im Fanbereich des Fußballs. „Was ich mehr als alles andere brauchte, war ein Ort, an dem ziellose Unglückseligkeit gedeihen konnte”, schrieb Nick Hornby in „Fever Pitch”.

Das Glück und das Unglück, das du hier erlebst, teilst du mit Millionen. Die reine Entlastung.

Diese Niederlage macht uns nur stark

Edelfans on the road

Wir armen Hansa-Rostock-Schweine treten in Magdeburg an. Die Börde-Kicker mit ihren Aufstiegsambitionen wollen es wissen und laufen uns früh und bissig an. Als sie dennoch nicht gefährlich vor unser Tor kommen, nebeln die Magdeburger Fans erst mal den Platz ein. Das wird nicht großartig thematisiert. Wäre anders gewesen, wenn wir den Böller gezündet hätten. Wir sind irritiert. Der Stadionsprecher (oder ein offizieller Schreihals) haut laufende Meter total fanatisiert Parolen raus. Die Sprechchöre sind dementsprechend, und die Spielweise der Magdeburger ebenso. Sie bevorzugen einen bäuerlichen Fußball, der – wie man sieht – durchaus erfolgreich sein kann. 1:0 nach einem Magdeburger Konter in der 43. Minute. Vorher hat Soufian Benyamina wieder ein Beispiel dafür abgegeben, dass ihn die Glücklosigkeit verfolgt. Eine schöne Hereingabe von Hilßner trifft er nicht richtig. In der zweiten Halbzeit machen die Anhaltiner mit einem Glücksschuss das 2:0. Warum nicht. Diese Niederlage tut nicht weh, wenn man sieht, dass wir eindeutig den kultivierteren Fußball spielen, der sich auf Dauer durchsetzen wird. Es fehlt allerdings an Raffinesse und Kaltblütigkeit im gegnerischen Strafraum. Und die Magdeburger haben einige Sachen auf ihre Art ganz gut gemacht. Wir armen Hansa-Rostock-Schweine können absolut nachvollziehen, dass die Magdeburger ihren Sieg für verdient halten und sich als bessere Mannschaft sehen. Wir sind doch genauso. Ein Fan ist ungerecht und parteiisch, sonst ist er kein Fan.

Schnelle Gerechtigkeit

Von den alten Kämpfern ist kaum noch einer da. Läuft aber trotzdem
© Kopka

Gut, dass wir armen Hansa-Rostock-Schweine nach der unglücklichen Niederlage gegen Meppen nun in Würzburg siegen konnten. Stellt sich Gerechtigkeit neuerdings so schnell ein? Gegen Meppen half uns der Schiedsrichter beim Verlieren, nun half er uns beim Siegen, jeweils mit einem Platzverweis, über den man streiten konnte. Die Würzburger, früh durch einen Standard in Rückstand geraten und alsbald durch ein sehr hartes Rot gegen Jopek in Unterzahl spielend, stürmten dennoch auf unser armes Hansa-Tor, wir verdanken es einer Klasseabwehr, einem überragenden Torwart und dem Pfosten, dass die Null stehen blieb. Schiedsrichter, sagt übrigens der Erfurter Trainer Stefan Krämer, der gerade einen Negativlauf hat, sollen Spiele leiten, sie sollen sie nicht entscheiden. In Freud und Leid ein guter Mann, dieser Stefan Krämer.

Den Sportfreunden vom Inoffiziellen Meppener Fanforum schulde ich noch einen tiefen Dank. Sie haben nach ihrem Auswärtssieg bei uns meinen Blog mit vielen Klicks gestürmt. Das bin ich nicht gewöhnt und darauf kommt’s mir auch nicht unbedingt an. Aber wenn es mal so ist, dann ist es eben auch schön. Insbesondere sträubten sich bei den Meppener Freunde die Nackenhaare wegen meiner Deutung der spielentscheidenden Situation, der Roten Karte für Amaury Bischoff. Das ging etwa so: „Was für eine gequirrlte (sic!) Kacke. Was hat der Verfasser alles eingenommen. Junge, lass die Drogen weg, sonst kämpft du bald ohne Gegenspieler mit dem Tod.” Oder so: „Ich glaube nicht, dass der Wissenschaft bekannte Substanzen derartige Sinnestäuschungen verursachen.”

Man muss so einen Text auch lesen können. Der war nicht ganz Ironie-frei. Ich hatte gesagt, dass Amaury Bischoff in Todesangst um sich geschlagen habe, weil der Meppener Granatowski ihn würgte. Vielleicht hatte er auch Angst, vergewaltigt zu werden. Keine Ahnung. Der Schiedsrichter hätte es gar nicht so weit kommen lassen müssen, wenn er Granatowskis Aufspringen und Klammern regelgerecht abgepfiffen hätte. Aber er huldigt wohl einer pazifistischen Grundhaltung: „Wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin.“ Man darf sich nicht wehren. Man soll erdulden.

Meppen liegt an der Mündung der Hase in die Ems. 30 100 Einwohner. Elektro- und Maschinenbau, Erdölförderung, Kunststoffverarbeitung, Erdgas-Kraftwerk. Ich weiß, dass Meppen immer als Synonym für das Unterklassige im Fußball genommen wurde. Wenn ein Team abgestiegen war, sagte man: Wir fahren jetzt nicht mehr nach Köln oder München, wir fahren jetzt nach Meppen. Das galt als Höchststrafe. Jetzt ist Meppen wieder im Profifußball, aber die Wunden sitzen noch tief. Wir armen Hansa-Rostock-Schweine können das sehr gut nachvollziehen. Und wir hassen euch nicht, wie ihr behauptet, wir wollen keineswegs, dass ihr wieder absteigt. Wir haben eine bittere Heimniederlage hinnehmen müssen und reagieren so emotional und ungerecht wie die Fans in jeder anderen Stadt. Wir gönnen euch auch euern 4:0-Sieg gegen Zwickau. Der könnte euch helfen, etwas mehr über den Dingen zu stehen.

Der Mann, der Granatowski hieß

August 6, 2017 1 Kommentar

Wanderer, kommst du ins Ostseestadion, wirst du absurde Sachen erleben
© Kopka

Wir armen Hansa-Rostock-Schweine wähnten uns auf einem guten Weg und warteten auf das Ereignis, das uns von diesem Weg abbringen würde. Es war der Mann, der Granatowski heißt. Nico Granatowski, SV Meppen, ein Kicker von quadratischer oder eben granatenhafter Statur, stoppte den guten Lauf unseres neu zusammengestellten Teams. Mitte der ersten Halbzeit sprang Granatowski unseren Spielmacher Amaury Bischoff von hinten an. Er quetschte seine Brust, er würgte ihn am Hals, er zerrte und drückte, er saß in seinem Nacken wie der böse Geist im Märchen, den du nicht los wirst. Wir armen Hansa-Rostock-Schweine sahen die Angst und den Schmerz in Amaury Bischoffs Gesicht. Für ihn musste klar sein, dass dieser Mann auf seinem Rücken ihn ermorden wollte. In seiner Todesangst schlug er mit den Armen nach hinten aus und traf Granatowski an der Wange. Wir haben selten einen Schiedsrichter erlebt, der die ständigen Reklamationen der Meppener Kicker bei einem Pfiff gegen sie so freundlich hingenommen hat wie der biedere Thorben Siewer aus Westfalen. Aber hier zeigte er seinen Sinn für die Umkehrung der Sachverhalte. Amaury Bischoff, der sich eben freute, dem Tod noch einmal von der Schippe gesprungen zu sein, zeigte er die Rote Karte. Granatowski konnte sich mit Gelb geradezu geehrt fühlen. Wir meinen, wenn Monsieur Siewer das Foul Granatowskis rechtzeitig gepfiffen hätte, wäre Bischoff gar nicht erst in diese lebensbedrohliche Lage gekommen. Okay. Wir spielten 65 Minuten in Unterzahl. Meppen ging in Führung, wir glichen aus. Die Geschichte wäre unkomplett, wenn nicht Granatowski in der 88. Minute mit einer Granate, wie sie nur einem Kampfschwein gelingt, für den Sieg der Meppener gesorgt hätte. Ausgerechnet Granatowski, der längst hätte vom Platz gestellt sein müssen. Er wusste immerhin, was sich gehört. Nach dem Abpfiff bedankte er sich beim Schiedsrichter mit einem warmen Händedruck für diesen absurden Sieg.

Wir sind draußen na und

Im Haus der Fußballkulturen ist Platz für alle
© Kopka

Die Fußballeuropameisterschaft der Frauen ist nicht tot. Sie ist nicht einmal vergangen. Diesen toten Eindruck macht sie nur, weil wir deutsche Frauen im Viertelfinale ausgeschieden sind. Das ist uns wohl noch nie passiert. Sechs Mal in Folge wurden wir Europameister und waren ziemlich sicher, dass dieses Turnier in den Niederlanden den siebten Titel bringen könnte.

Das Drama in den Medien war groß, als wir mit 1:2 gegen Dänemark ausschieden. Steffi Jones, die noch ziemlich frische Trainerin, wurde in Frage gestellt und überhaupt so ziemlich alles. Aber wo ist, verdammt, das Problem? Das Wunder, dass wir sechs Mal den Titel holten, ist viel größer als das (negative) Wunder jetzt eben ausgeschieden zu sein. In den Jahren unserer Dominanz, die so erheblich auch nicht war, haben wir offensichtlich verlernt, zu verlieren wie eine gestandene Frau, in aller Sachlichkeit und ohne emotionalen Überbau. Die Däninnen spielten frischer, fröhlicher, einfacher, wie eben Fußballerinnen, die noch nicht viel gewonnen haben. Sie schleppten nicht den Rucksack einer glorreichen Tradition mit sich herum. Unsere Frauen ging diese Lust, zu spielen und zu treffen, ab. Sie machten ihre Tore mit Elfmetern und nach Torwartfehlern; viel mehr war da nicht. Und doch hätten sie auch gegen Dänemark den Ausgleich und das Elftmeterschießen schaffen können, aber im Fußball spielt das Glück eine nicht unwesentliche Rolle. Und mehr noch als bei den Männern gibt es im Frauenfußball jede Menge Zu- und Unfälle, die eine Rolle spielen, wenn es um Sieg oder Niederlage geht. Wir sehen sehr deutlich das Konzept, das die Trainerin vorgegeben hat, und wir sehen, was bei der Umsetzung alles nicht klappt. Es hat wenig Sinn, den Frauenfußball mit Männerfußballaugen zu sehen. Der Reiz liegt ja gerade in der größeren Zufälligkeit, den schrägen Situationen, den verrutschten Schüssen. Deshalb ist es, Claudia Neumann vom ZDF, sinnlos, den Frauen schon im Moment der Aktion allwissend ihre Fehler vorzuhalten, schlechtes Abspiel, viel zu langsam, zu eigensinnig, zu wenig mannschaftsdienlich. Das macht die Reportage zu einem absurden Worthülsenstück. Auch wenn der Frauenfußball sich in den letzten Jahren enorm verbessert hat, er ist und bleibt eine Wundertüte. Nehmen wir ihn, wie er ist. Stellen wir uns der Tatsache, dass wir Verlierer sein können. Wir müssen es aber auch wirklich können.

Wir armen Hansa-Rostock-Schweine …

Eine frische Brise
© Kopka

… sind erst mal beruhigt, nachdem wir schon das Schlimmste erwartet hatten. Vom alten Team sind nur noch Restbestände geblieben. Der beste Torschütze, die letzten Identifikationsfiguren, die Good Boys und die Bad Boys – alle weg. Einigen weinte man, wie man so schoflig sagt, keine Träne nach, anderen schon. Der neue Trainer sollte es richten, Pavel Dotchev, der so sanfte, zuversichtliche, ungemein beruhigend wirkende Bulgare. Einige Spieler, die er halten wollte, konnte er nicht halten, einige Spieler, die er holen wollte, wollten nicht zu Hansa. Und doch haben wir wieder eine Mannschaft. Dotchev erinnerte, vielleicht unfreiwillig, an das erfolgreiche Pagelsdorf-Prinzip: Hole junge, hungrige Spieler von unten; keine satten, verwöhnten von oben. Gleichviel: In den Testspielen wurde uns armen Hansa-Rostock-Schweinen mulmig zumute: Das war wieder mal Dorffußball wie im Schlafwagen, kein Tempo, keine Ideen, dafür viele Fahrlässigkeiten und Fehlpässe. Wer, fragen wir armen Hansa-Rostock-Schweine in großer Sorge, soll unsere Tore schießen? Marcel Ziemer hat das Glück des Goalgetters verlassen und mit dem Glück auch das Selbstbewusstsein. Soufian Benyamina ist noch immer nicht so richtig bei uns angekommen. Wer soll unsere Torchancen herausspielen? Wer kann Freistöße verwandeln? Wir wissen nur, wer hinten dicht machen kann. Oliver Hüsing ist zurückgekommen, der schon mal eine halbe Saison bei Hansa verteidigt hat. Da haben wir sofort ein gutes Gefühl. Im letzten Übungsspiel gegen den Erstligisten aus Wolfsburg verkaufen wir uns ganz gut, haben zwar keine echte Torchance, lassen aber auch nur ein Gegentor zu. Und nun geht’s im ersten Pflichtspiel zu den Sportfreunden Lotte, die uns als Aufsteiger in der vergangenen Saison alle Punkte abgeknöpft haben. Die Lotter-Buben haben allerdings ihren charismatischen Trainer an den VfL Bochum verloren, nicht aber ihre robust-raffinierte Spielweise. Sie gehen ordentlich zur Sache, aber wenn sie Gefahr laufen, den Ball zu verlieren, lassen sie sich so dramatisch fallen, dass sie den Freistoß kriegen. Wir armen Hansa-Rostock-Schweine sehen, dass unsere junge, unerfahrene Mannschaft durchaus eine Ordnung im Spiel hat. Man weiß ungefähr, was man kann, man weiß auch ziemlich genau, was man nicht kann. Und plötzlich kriegen wir einen Elfmeter. Willi Evseev ist im Strafraum der Lotter-Buben mehr oder minder umgerissen worden. Den Elfer gibt nicht jeder Schiedsrichter, aber gegen uns sind einige solche Strafstöße gepfiffen worden, wir müssen uns nicht schämen. Soufian Benyamina läuft so an, dass man nicht sieht, mit welchem Bein er schießen wird. Er haut den Ball mit rechts rein, ganz souverän. Unser Selbstbewusstsein wächst, reicht aber nicht aus, um einen Konter mal sauber und kalt auszuspielen. Am Ende haut unser Einwechsler Bryan Henning den Ball aus 50 m ins Tor. 88. Minute. 2:0. Nichts brennt mehr an. Lange her, dass wir armen Hansa-Rostock-Schweine mit einem Erfolg in die Saison gestartet sind.

In Ewigkeit Fußball

Muss ein Fan können: Bierflaschen mit Bierflaschen öffnen
© Fritz-Jochen Kopka

Fußball hört nicht auf, insofern kann er auch nicht anfangen. Die Sommerpause ist verschwunden. Fußball erhält Ewigkeitsstatus. Wir mochten die Sommerpause, weil sie uns frei gab vom Fußball, von den mit ihm verbundenen Triumphen und Leiden (mehr Leiden als Triumphe und mehr Scheintriumphe als echte Triumphe) )und weil wir in der Sommerpause spürten, dass ein Leben ohne Fußball möglich ist; womöglich spielten wir selbst Fußball, vielleicht am Strand und nicht mal schlecht. Die Sommerpause half uns, den Fußball zu relativieren, ja, er ist eine Nebensache, er kann uns nicht retten, und dann waren wir gespannt darauf, was passieren würden, wenn der Fußball wieder anfing; ob er sich befreit hatte von den ewigen Dilemmata (keine Tore, Abstiegskampf, Schiedsrichterwillkür), aber jetzt geht es eben einfach weiter; es gibt keine Zäsur. Wir brauchen ja doch diese kleine Sommerpausen-Freiheit, um einen klaren Kopf zu bekommen und den Fußball mit anderen Augen zu sehen.

Und jetzt? Die Ligen beenden die Spielzeit, aber es folgen alle möglichen Endspiele, Landespokal, Championsleague, Europapokal, Jugendfinales.

Ein Kollege, der dem Fußball eher fern steht und es wagt, das zuzugeben, schrieb, er habe gehört, dass den wahren Fußballfan der Confederations-Cup und die Junioren-EM nicht wirklich interessieren.

Da ist etwas Wahres dran. Der Fußballfan sagt: Confed-Cup? Das tu ich mir nicht an. Und kommt sich dabei vor wie ein Held. Und dann kann er nicht anders und schaut doch mal hin und bleibt dran. Es gibt auch beim Confed-Cup und der U-21.Junioren-EM einige interessante Aspekte, wobei mich die deutschen Junioren mehr interessieren als die verjüngte Nationalmannschaft, das sind alles gute Jungs, die gut am Ball sind, sehr kaltblütig agieren und viele überraschende Dinge draufhaben, die ich bei Löws Team weniger sehe, das ist sehr eingespielt, auch mit den neuen Leuten.

Wofür interessiert sich ein junger Fußballprofi heutzutage wirklich? Woher soll ich denn das wissen. Doch, du kannst es sehen, wenn du genau hinschaust. Er interessiert sich für seine Haare, für die gestochenen Bilder und Schriftzüge auf seiner Haut und für die möglichst auffällige Farbe seiner Fußballschuhe, die nicht schwarz sein dürfen. Gerade fragte der Schalker U-21-Spieler Thilo Kehrer seinen Cheftrainer Kuntz, ob er seinen Friseur für sich und seine Freunde nach Polen einfliegen lassen dürfe. Stefan Kuntz fasste sich an Kopf. Alter, habt ihr einen Schuss? Der Friseur reiste trotzdem an und designte das Team. Das klingt seltsam, aber ich habe den Verdacht: Sie spielen wirklich besser, wenn man ihnen vor dem Spiel die Haare gemacht hat und wenn sie sich noch mal extra schön finden. Wie sowas sein kann, darüber kann man sich echt den Kopf zerbrechen.

Diese Woche las ich im Leipziger Stadtmagazin Kreuzer (bei dieser Gelegenheit ein Gruß an den Fußballnomaden) ein Interview mit den Amateur-Kickern Stefan Karau und Benjamin Schmidt von der BSG Chemie Leipzig. Wenn man das liest, hat man das Gefühl, dass es nichts Schöneres gibt, als Amateurfußballer zu sein. Der Profi, der mit 22, 23 Jahren seine ersten Millionen hat, hat es brutal schwer, „seinen eigenen Charakter durchzubekommen”, sagt Schmidt. „Da haben wir es einfacher, weil – jeder lebt so sein eigenes Leben.” „Diese braungebrannten, tätowierten Spieler gibt es bei uns nicht”, sagt Karau. Er wollte auch mal Profi werden, hatte aber nie vor, sich einen Berater zuzulegen, „und daran ist es wahrscheinlich gescheitert … Du brauchst jemanden, der dich ins Geschäft bringt.”

Wir Fußballfans haben alle unsere Probleme mit dem, was aus dem Fußball geworden ist und weiter aus ihm wird. Vielleicht geht es uns besser, wenn wir ab und zu mal dem Amateurverein vor unserer Haustür die Ehre geben. Da sind wir auf jeden Fall nah dran. Am wirklichen Leben.