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Posts Tagged ‘Union Berlin’

Schreib mal Skrzybski

November 21, 2016 2 Kommentare
1:0 für den VfB

1:0 für den VfB

Unser Boss stand schon auf dem Bahnsteig, hatte seinen Sohn und seinen Fan-Schal mitgebracht, der Sohn war gewachsen, ein Kopf größer als zuletzt, sehr ausgeglichen, um nicht zu sagen cool. Wir verständigten uns darüber, dass wir Simon Terodde wiedersehen würden, der einst, mit wenig Erfahrung aus Köln kommend, für Union Tore schoss, ablösefrei nach Bochum weiterzog, wo er zum Torschützenkönig wurde, um beim VfB Stuttgart zu landen, dem heutigen Gegner. Vereine schätzen oft nicht, was sie haben. Heute weiß man, dass wir Terodde hätten halten sollen, einen Bessren find’st du nicht in dieser Preislage. Außerdem gefällt mir der Name. Terodde, sowas hört man selten. Es ist natürlich ausverkauft gegen den Aufstiegsaspiranten, der in der noch jungen Saison schon den Trainer gewechselt hat, der gerade erst zu Saisonbeginn eingestiegen war, und nun haben sie sich gefunden, die Schwaben, und werden ihr Saisonziel wahrscheinlich erreichen, zumal sie den Mut hatten, einen ganz jungen Trainer zu berufen.

Berliner Gemüts-Fans

Berliner Gemüts-Fans

Wir reihen uns in die geduldigen Schlangen vor den Einlasstoren ein, treten auf ausgetrunkene Schnapsflaschen und Bierbecher, wo soll man auch hin damit, wir lassen unsere auch fallen (die Bierbecher), werden fachmännisch abgetastet, meine Waffen haben sie nicht gefunden, sage ich, aber leise, denn sowas könnte Ärger geben. Man muss schon ziemlich optimistisch sein, um auf den dicht gefüllten Traversen noch einen Platz zu finden, aber wir haben das immer geschafft, mit Freundlichkeit und gutem Willen, Union-Fans machen Platz für Union-Fans, ist doch klar.

Das ist der Schwaben schwarzer Haufen

Das ist der Schwaben schwarzer Haufen

Der Stuttgarter Block ist mobil, die Fans winken mit schwarzen Luftschläuchen (warum so finster) und haben mehrere Sortimente Fahnen dabei. Wenn es um Fußball geht, scheint der Schwabe nicht so sparsam zu sein wie gedacht. Und das zahlt sich aus. Der VfB legt los wie die Feuerwehr. Vierte Minute. Terodde wird zentral angespielt, schlägt noch einen Haken um den Innenverteidiger und schiebt ein. 0:1. Das ging viel zu schnell. Die Stuttgarter haben kleine, schnelle, wendige, furchtlose Offensivspieler, dazu kommen die langen Baumgartl, Gentner und Terodde, die, cool und besonnen, Lösungen finden. Union gelingt nichts. Unser Boss hat schon vor Beginn den Schiedsrichter kritisiert, und in der Tat fällt dem nicht auf, dass die Stuttgarter die Unioner vor der Ballannahme verdeckt wegschieben oder sich im Luftkampf aufstützen. Unsere Pässe kommen nicht an. Schon zehn Minuten ohne Gegentor, sagen wir nach einer Viertelstunde, zwanzig Minuten ohne Gegentor usw., das sind unsere Erfolgsmeldungen, bis wir Mitte der zweiten Halbzeit einen hohen Ball in den Strafraum schlagen, der ewig unterwegs ist, der Torwart läuft aus dem Tor und wehrt mit einer Hand ab, der Ball landet vor den Füßen von Steven Skrzybski, der sofort abzieht und ins Tor trifft. Skrzybski (ja, man muss es lernen, diesen Namen zu schreiben) wird immer besser, sagt unser Boss. Der Zufallstreffer wirkt wie ein Dosenöffner. Der Schiedsrichter sieht jetzt auch die versteckten Fouls der Schwaben und Union gelingt, was vorher schiefging. Nur das zweite Tor will nicht fallen, nicht für uns, und zum Glück auch nicht gegen uns. Das spannendste 1:1, das wir je in der Alten Försterei gesehen haben.

Eine Oktave höher

September 28, 2016 2 Kommentare
Wo die größten Fahnen wehen © Fritz-Jochen Kopka

Wo die größten Fahnen wehen
© Fritz-Jochen Kopka

Bei Union gegen St. Pauli hatten wir einen Opernsänger in unseren Reihen, einen frühen Freund unseres Bosses, der erst in seinen reifen Jahren zum Union-Fan wurde. Hans, der Opernsänger, ist gar nicht dick, dafür sehr groß, bärtig und langhaarig, ich sag mal, wenn man’s weiß, ahnt man den Künstler schon bei seinem Anblick. Die Fans hinter ihm mussten sich drehen und winden, um mitzubekommen, was auf dem Spielfeld geschieht, über ihn hinwegsehen konnten sie in keinem Fall.

Was gab’s da zu sehen. St. Pauli mit einigen kleinen wendigen Spielern, die vorn auf verlorenem Posten standen, da die Mannschaft nichts riskieren wollte und nicht nachrückte. Union wiederum sah man nach einer Erfolgsserie von drei gewonnenen Spielen das intakte Selbstbewusstsein an, was viel ausmachen kann, man lässt sich einfach Zeit, um die richtigen Entscheidungen zu treffen, den Ball zu erobern oder auf Fehler des Gegners zu warten. So ging Union mit 2:0 in die Halbzeit, obwohl Colin Quaner, der zuletzt immer traf, nicht im Aufgebot war, weil ihn muskuläre Probleme plagen. Hosiner und Redondo vertraten ihn gut, machten seine Tore mit viel Übersicht.

St. Pauli macht Feuer, aber nur auf der Tribüne

St. Pauli macht Feuer, aber nur auf der Tribüne

Wie wir schon vermutet haben, wechselt der alte Ewald Lienen zur zweiten Halbzeit zwei frische Offensivkräfte ein. St. Pauli macht jetzt wirklich Feuer, aber dies auf der Tribüne und weniger auf dem Spielfeld. Obwohl wir es gar nicht nötig haben, verlangen wir hysterisch die rote Karte für den foulenden Hamburger Innenverteidiger Ziereis. Das müsste gar nicht sein. Es bleibt sowieso beim 2:0. Seligkeit in der Alten Försterei. Union steht auf Platz zwei der Tabelle. Nebenbei: Ein altgedienter Fan in meiner Nähe verbirgt etwas in seiner Hand. Nach einigen indiskreten Blicken weiß ich endlich: Es ist eine E-Zigarette. Der gute Mann bedient sich ihrer eher verstohlen, als täte er etwas Verbotenes, Hasch rauchen oder so. Kann sein, dass er unter lauter jungen furchtlos rauchenden, saufenden und rumschreienden Fans fürchtet, sich mit der E-Zigarette lächerlich zu machen und verspottet zu werden.

Sieht super aus, die Tabelle

Sieht super aus, die Tabelle

Das Siegerbier nehmen wir in der Tanke, wo wir gegebenenfalls auch das Verlierer- und das Remis-Bier trinken. Der Opernsänger trägt jetzt einen flotten grünen Hut und lässt mich an den Wildschütz denken. Er hat sich in seiner Laufbahn vom Bassbariton zum Heldentenor entwickelt, was gar nicht mal so selten sein soll. Ich habe dich bei den Union-Gesängen aber nicht rausgehört, sage ich. Er lächelt und winkt ab. Dann hätte ich eine Oktave höher singen müssen als die Masse, sagt er, dann hättest du mich gehört. Das war mir heute zu anstrengend.

Da werden Weiber zu Experten

Kompakte Masse Fan

Kompakte Masse Fan

Unser Boss hatte seinem Sohn eine Fußballreise ins Land des Europameisters versprochen (wahrscheinlich hatte der kühl rechnende Mann mit Deutschland gerechnet), nun weilte er also in Portugal, und wir mussten Unions erstes Heimspiel der Saison 2016/17, das natürlich ausverkauft war, als Zuschauer allein bestreiten. Wir hatten Plätze im Block U, das ist hinterm Osttor, so dass unser Blickfeld durch das Ballauffangnetz gefächert wurde, aber dafür war die Atmosphäre wesentlich entspannter als auf Höhe der Mittellinie, wir standen uns nicht auf den Füßen und befanden uns unter moderaten Singlefans; allerdings nicht weit entfernt vom Dresdner Fanblock, der sehr kompakt und gut organisiert auftrat und die mythische Union-Hymne vor Beginn des Spiels akustisch doch ziemlich zudeckte.

Nach der langen Sommerpause waren im Union-Fanlager einige treue Tote zu beklagen; ihrer wurde würdevoll gedacht, die Hinterbliebenen waren im Stadion, und man ging zuversichtlich davon aus, dass sie dort oben im Fußballhimmel die Daumen drücken würden. Kein Wunder, dass in der „Alten Försterei” ein Bestatter mit dem ambivalenten Slogan: „Warte nicht bis zum Schlusspfiff” für seine Dienste wirbt.

Wie immer wurde beim Verlesen der Mannschaftsaufstellung nach dem Namen jedes Unionspielers, selbst der Bankdrücker, „Fußballgott” gebrüllt, aber es dauerte ganze acht Minuten, bis die schnellen, wendigen Dynamo-Offensivspieler das 1:0 schossen. Wir konnten es nur aus der Ferne sehen, das Gegentor ist weit entfernt, der Ball kreuzte einige Male im Strafraum, man ahnte nichts Gutes, und dann war es passiert. Und was skandierten sie jetzt, im Dresdner Block? Hüh-ner-gott, Hüh-ner-gott? Sollte das Spott sein angesichts der Tatsache, dass Unions Fußballgötter nur Hühnergötter sind? Nein, sagte der Fußballnomade. Sie schreien natürlich Dy-na-mo, Dyna-mo, jede Silbe betont. Man kennt sich mit der sächsischen Lautformung nicht mehr richtig aus.

Unions Pässe kamen nicht an. Mit dem 0:1 zur Pause waren wir gut bedient. Aus der Kabine kam ein anderes Team. Der neue Trainer (Jens Keller) hatte die Spieler gegen das Team des langjährigen Union-Trainers (Uwe Neuhaus) besser eingestellt; sie gingen früh drauf auf Ball und Mann; der berühmte Union-Überschwang war plötzlich da, im Rausch klappte das Passspiel, wieder kreuzte der Ball vor dem entlegenen Tor, zweimal stemmte sich Collin Quaner mit seinem enormen Body in die abprallenden Bälle, und es stand 2:1 für Union. Das Spiel war gedreht. Oder wäre gedreht gewesen, wenn uns nicht der Dresdner Lambertz noch ein Murks-Tor eingeschenkt hätte, ausgerechnet jener Lambertz, den die maulfrechen Jungfans hinter uns die ganze Zeit wegen seines hohen Alters (er ist noch nicht mal 32, gilt aber trotzdem als Urgestein) und seines Spitznamens Lumpi verspottet hatten.

Nun gut. Ein Punkt ist besser als nichts. So denken wir, als wir auf die S-Bahn warten. Neben uns erklingt der Kommentar zum Spiel, gesprochen von einem weiblichen Fan. „Die ersten drei Minuten waren gut, die ersten drei. Aber dann – nichts mehr. Die Defensive kriegt den Ball nicht weg. Kommen immer zwei, drei Minuten zu spät. Dieser Schiedsrichter. Zeigt Hand an und pfeift nicht. Issen das für eener. Ich denk, ich kieck nich richtig …” Ihre Kameraden stehen ums sie herum, schlackern mit den Ohren und sagen keinen Ton. Union hat auffällig viele weibliche Fans. Die haben das Gefühl, dass sie unter Druck stehen. Und so geben sie sich fanatischer als die fanatischen Fans, ordinärer als die ordinären und fachkundiger als die fachkundigen. Das müsste alles gar nicht sein. Sie könnten doch langsam in die Materie hineinwachsen.

Wieder mal St. Pauli in der Alten Försterei

Oktober 20, 2015 1 Kommentar
Nach dem Spiel: Erleichterung

Nach dem Spiel: Erleichterung

Thiel macht heut den Doppelpack, sagt ein Unioner in der S-Bahn.

Schön, dass er wieder dabei ist, sagt sein Kumpel.

Guter Mann, ergänzt der Unioner. Höchstes Lob.

Die Schlange vorm Einlass ist lang und kompakt. So schlimm war’s noch nie, sagt unser Boss, wieso eigentlich, ausverkauft ist doch sowieso immer. Was soll denn heute anders sein! Vorne zeigt sich, dass die Ordner heute nicht nur Ordner sein wollen, sondern auch Entertainer und immer mal wieder Pause einlegen bei der Kontrolle der Karten, um mit Kindern zu scherzen oder ihren Kollegen Anweisungen zu geben.

Wir haben kaum einen Platz gefunden im Gedränge auf der Tribüne, da geht’s schon los. Union Berlin gegen St. Pauli, das heißt elf Fußballgötter gegen elf Na-und-Fußballer. Unser alter Freund Ewald Lienen hat St. Pauli gut eingestellt. Die Jungs sind bissig vor dem Tor. Und bei Union ist die Handschrift des neuen Trainers schon wieder verblasst. Im Abwehrzentrum herrscht öfter mal Konfusion. So fällt das 1:0 für St. Pauli zwangsläufig. Die Union-Fans singen und singen, aber es hilft erst kurz vor der Pause. Zwei Glückstore, die Bälle rutschen einfach so durch. 2:1 (Thiel!) für die Union. Ich kriege einen mächtigen Hieb auf den Schädel von dem feisten Premiumfan hinter mir, es ist keine böse Absicht, einfach die Tolpatschigkeit der Besserverdienenden.

Nach dem Ausgleich wird nicht mehr angepfiffen

Nach dem Ausgleich wird nicht mehr angepfiffen

Nach der Pause wollen die Unioner die Führung mit verstärkter Deckung gemütlich nach Hause schaukeln, aber es kommt wieder zu Irritationen in der Innenverteidigung, St. Pauli gleicht aus und macht auch noch das 3:2. Es ist ein Jammer, nun über zwanzig Minuten die hoffnungslosen Sänger mit ihren kopflastigen B-Songs anhören zu müssen; da steckt keine Power mehr drin, während die Spieler noch mal alles versuchen; aus Krampf wird Kampf und Rausch. Wie kann der den halten, sagt der Premiumfan hinter mir, und noch mal: Wie kann der halten, wie ist das möglich! Zweimal fliegt St. Paulis Torwart Himmelmann durch die Luft und hält todsichere Schüsse. Er hat seinen Namen nichts umsonst. Verhindert den in der S-Bahn vorhergesagten Doppelpack Thiels. In der Nachspielzeit der Nachspielzeit der Nachspielzeit drückt Fußballgott Kessel den Ball doch noch den Ball über die Linie. 3:3. Ich bringe meinen Schädel in Sicherheit. Ewald Lienen zerreißt sich fast wie Rumpelstilzchen, um dann sportlich fair den Fußballgöttern von Union die Hand zu drücken. Ein Unentschieden, das sich für Union wie ein Sieg anfühlt. „Eine Werbung für den Fußball” – wohlgenährte Premiumfans müssen so reden. Das Spiel hat an den Nerven gezehrt. Oder gezerrt. Hoffnungslos Betrunkene taumeln durchs Uniongelände. Ihre Freunde stützen sie. Ansonsten allgemeine Erleichterung. Wir finden uns im kleinen Kreis zusammen. Ick denke, dass Union dieses Jahr eher gegen den Abstieg spielt als um den Aufstieg, sagt Gunnar. Man nickt und geht zur FIFA über. Warum klären die USA den Skandal auf, warum ausgerechnet die? Weil sie es nicht ertragen, dass sie in der Weltsportart Nr. 1 nie einen Blumentopf gewinnen werden? Diese Verschwörungstheorie liegt für die einen auf der Hand, für die anderen geht sie zu weit. Ich kenne keine belastbaren Fakten. Die kennen wir auch nicht, aber es geht doch immer um Interessenlagen.

Sie wollen nur singen

Elfmeter! Trimmel schießt. Ratajczak hält. Es wird noch mal spannend. © Fritz-Jochen Kopka

Elfmeter! Trimmel schießt. Ratajczak hält. Es wird noch mal spannend.
© Fritz-Jochen Kopka

Sonnabend zwölf Uhr Mittag. Unter all den rotweißen Unionfans steht ein Mädchen in der S-Bahn und studiert einen Klavierauszug. Nichts kann sie bewegen, die Augen vom Blatt zu wenden. Ist denn Union Berlin so unwichtig? Der Fußballnomade ist wieder unter uns. Er hat es wahrscheinlich im Blut, dass Jablonec, die Mannschaft seines Herzens, an diesem Wochenende verlieren wird, und das auch noch zu Hause. Und ja, so unfassbar es scheinen mag, im Köpenicker Bahnhofsgebäude versorgt er sich mit Kaffee und Kuchen. Unser Boss nimmt per Smartphone Kontakt auf zu Lutz, seiner rechten Hand. Lutz ist schon im Stadion und hält Plätze frei, so sehr das eben geht im Gedränge, 12. Reihe, zehn Meter von der Mittellinie entfernt, zur Wuhleseite hin. Kurz vor den Eingängen bittet der Fußballnomade um einen kurzen Aufenthalt. Er möchte seine Apfeltasche und den Kaffee nicht im Laufen verzehren, ein Elektrokasten dient ihm als Tisch; so geht Fußball für Genussmenschen.

Wir unterqueren die Absperrungen und landen in der 12. Reihe neben Sportfreund Lutz und seinem Sportfreund Frank, beide im Nebenberuf seltsamerweise Hansa-Rostock-Fans mit entsprechenden Lach- und Sorgenfalten.

Auch hier zwei Teams mit Problemen. Union hat frühzeitig den Trainer entlassen, um den Erfolgscoach Sascha Lewandowski zu verpflichten. Und Aufsteiger Duisburg steht schon wieder auf dem letzten Tabellenplatz; hat aber durchaus Qualität, wie Lewandowski sagt.

Erleichterung. Am Ende steht das 3:2

Erleichterung. Am Ende steht das 3:2

Ich glaube, die Handschrift des neuen, des Erfolgstrainers durchaus erkennen zu können. Kein Wunder, Union geht nach vier Minuten in Führung. Die Stürmer behaupten die Bälle in der torgefährlichen Zone besser als früher, die Aktionen sind klarer und einfallsreicher. Union führt bei Halbzeit 3:0, aber sie haben schon einige Spiele noch aus der Hand gegeben, die sie dominierten, und nicht viel anders ist es auch hier, Duisburg macht das 1:3. Union kann einen Elfer nicht verwandeln, Duisburg macht das 2:3, und Union ist wieder in Not. Bringt den Sieg aber nach Hause. Am Ende kann man sagen, dass Union seine Chancen in der ersten Halbzeit reingemacht hat, Duisburg die seinen in der zweiten. So steht das 3:2.

Der Fan hinter mir singt von der ersten bis letzten Minute, von der Halbzeitpause abgesehen. Er singt die geläufigen Union-Songs, aber auch  jene, die sich (zum Glück) nicht durchgesetzt haben, Lieder ohne Melodie, aber mit Botschaft: „In unserm Stadion, in der Hauptstadt, in der wunderschönen immergrünen Alten Försterei, ja da spielt der FC Union und der schießt ein Tor für uns” oder noch schöner: „Fußballclub Union Berlin, mein Lebenselixier, ewig werden wir dich begleiten und stehen hinter dir …”

Der Junge war offensichtlich nicht gekommen, um Fußball zu sehen, sondern um zu singen. Mein Lebenselixier. Hat so ein Wort im Fußball was zu suchen?

Harndrang bei Herren und Damen

Harndrang bei Herren und Damen

Der Schlusspfiff war kaum ertönt, da verabschiedete sich der Fußballnomade, wahrscheinlich zu einem anderen Spiel in einer anderen Stadt in einem anderen Land. Er verpasste die schönen Momente nach dem Match. Die Verrichtung der Notdurft, das Nachlassen der Anspannung, die Auswertung des Spiels, die Bratwurst, das Bier, die Ergebnisse von anderen Plätzen und Ligen. Hansa Rostock hatte in Wiesbaden ein 0:0 erreicht, und der Schiedsrichter hatte schon die Prämissen für das Ostderby gegen Dynamo Dresden gesetzt, indem er mit gelben, rotgelben und roten Karten drei Hansa-Kicker aus dem Spiel genommen hat. Die sind jetzt gesperrt. Das ist uns armen Hansa-Rostock-Schweinen gut vertraut. Auf dem Weg zur Bahn machen wir an der Union-Tanke und dann noch mal am „Hauptmann von Köpenick” halt. Die Vereinstreue und das Bier löschen alles aus. Es bleibt kein bitterer Rest.

 

Der Mantel der Nächstenliebe im Fußballstadion

Stadionsprecher und Maskottchen Ritter Keule machen Stimmung Fotos © Fritz-Jochen Kopka

Stadionsprecher und Ritter Keule machen Stimmung
Fotos © Fritz-Jochen Kopka

Fußball schauen in den Zeiten des Bahnstreiks wirft die Frage auf: Wie kommen wir zur Alten Försterei? Der Fußballnomade hat eine klare Antwort: mit dem Rad, und sitzt alsbald wie ein Herrenreiter auf dem geborgten Damenfahrrad. Am Bahnübergang Wuhlheide ist die Schranke unten. Wir treffen auf ein ganzes Rudel von Radlern in rotweißer Fankleidung und fahren weiter durch den Wald, vorbei an parkenden PKW aus dem Erzgebirgskreis, es geht gegen Aue, die noch in tiefen Abstiegsnöten stecken, aber die Veilchen-Fans wirken ziemlich zuversichtlich.

Das Lächeln vor dem Spiel ist auch das Lächeln nach dem Spiel

Das Lächeln vor dem Spiel ist auch das Lächeln nach dem Spiel

Wir schließen die Räder an einen Maschendrahtzaun an und gehen die letzten Meter bis zum düsteren Vereinslokal „Abseitsfalle” vorbei an heranrückenden Unionfans, von denen einige noch im Wald campieren. Unser Boss ist noch nicht da. Zeit für’n Bier und ’ne Bulette. Die Jungs an unserem Stehtisch sind gut drauf. Lassen wir Aue heut gewinnen?, fragen wir. Kommt nicht in Frage, sagen sie und beginnen aus der Historie von Union Berlin zu berichten. Wir müssen feststellen, dass wir absolut nicht hinter den Sinn ihre Worte steigen und nicken vielsagend. Fußball ist kein friedliches Gebetshaus, Fußball, das ist heißer, zäher Krieg (nach Jewtuschenko, der diese Verse allerdings auf die Dichtung bezog, nicht auf den Fußball, aber was soll’s).

Ritter Keule beim Hypnotisieren des Auer Torwarts

Ritter Keule beim Hypnotisieren des Auer Torwarts

Es gibt keinen zuverlässigeren Mann als unseren Boss, die paar Minuten Verspätung gehen voll auf die BVB. Er hat die Tickets bestellt und ausgedruckt, die Preise sind stabil geblieben. Am Eingang werden wir moderat auf Waffen, Alkohol und Drogen abgetastet und drängen uns auf Plätze an der Mittellinie, wie es der Fußballnomade so liebt; er braucht den Überblick, die beste Perspektive, um seine Schlüsse ziehen können. Nach einige Monaten der Abwesenheit dringen neue Fangesänge an meine Ohren, die aber noch nicht so griffig sind wie die gewohnten oder die ausgesonderten wie „Torsten Mattuuuuuuschka, du bist der beste Mann” (er spielt ja jetzt in Cottbus). Da greift man gern auf das exemplarisch simple „Alte Försterei, alte Försterei, alte, alte, alte Försterei”. Das ist das Einfache, das auch einfach zu machen ist. Der Sportlehrer an unserer Seite zeigt auf den Fanblock der Auer. Da wird eine Unmenge weißer Luftballons geschwenkt. „Eine Anmutung wie beim Frauenfußball”, sagt der Lehrer.

Man geht niemals so ganz – schon gar nicht Torsten Mattuschka

Man geht niemals so ganz – schon gar nicht Torsten Mattuschka

Wir sehen, dass Union sofort nach vorne spielt, die langen Bälle bevorzugt, aber keine klare Spielidee erkennen lässt. Ein paar Kicker haben einen schlechten Tag, sie bewegen sich nicht gut, agieren unglücklich und müssen sich den milden Spott der Fans gefallen lassen. Aue ist das Team, dem das Wasser bis zum Hals steht. Für Union geht es um nichts mehr; die Position im Mittelfeld der Tabelle macht schläfrig. Die Erzgebirgler hingegen haben Biss. Sie sind hellwach, fangen viele Bälle ab und sind mit drei, vier schneidend scharfen Pässen vor dem Union-Tor. So fällt das 0:1, so fällt auch das 0:2. Hoffnung im Abstiegskampf für die Auer. Kein Grund zur Beunruhigung für Union. Auf den Rängen bricht keine Hysterie aus. Unser Boss findet sogar entschuldigende Worte für den Schiedsrichter: Er kann nicht alles sehen! So was gab’s doch noch nie. Ist aber so. Die versöhnliche Stimmung einer Übergangssaison ohne Depressionen und Katastrophen hat sich über die Gemüter gelegt. Noch einmal spielen sich die Unioner in einen kleinen Rausch. Der eingewechselte Kobylanski hämmert den Ball zum Anschlusstreffer ins Tor. Es sind genau diese Räusche, diese Phasen der unbedingten Leidenschaft, die Spieler und Fans aneinander binden. Das 2:2 wäre möglich, es kommt nicht mehr dazu, egal, egal in diesem Fall. Wir können uns fühlen, als hätten wir unseren ostdeutschen Nächsten aus Aue etwas Gutes angetan.

Lob des Mülls

Berlin Prenzlauer Berg 1979. Soeht aber älter aus. © Christian Brachwitz

Berlin Prenzlauer Berg 1979. Sieht aber älter aus.
© Christian Brachwitz

Es war einmal im Prenzlauer Berg. Mit Hilfe eines alten Sessels und einer Holzkiste erklommen die Kinder den Müllcontainer. Die Straße machte einen Bogen. Die Autos waren froh, dass sie so weit gekommen waren. Das Haltestellenschild wurde ignoriert. Der 1. FC Union Berlin erbrachte mit Kreide den Nachweis seiner Existenz. Der Tag war grau. Die Sonne kam nicht durch. Irgendetwas wie Zuversicht auch nicht. Gab es nicht diese Frau, die das Fenster aufriss und in den Hinterhof schrie: Elendsbuchte, keene Zuversicht? Ja, die gab’s. Alle zwei Wochen dieselbe Aktion.

Da lohnt es sich, wenigstens noch auf den Müll zu gehen. Leute, die ihre Wohnung ausräumen, werfen in Hektik und Not immer was weg, was man gebrauchen kann. Vielleicht sogar Schätze. Die Blumen sind erst der Anfang.

Ich sehe, wie alte Leute stundenlang vor den drei Tonnen des Hauses stehen und den Müll untersuchen. Ich kenne die voluminöse Künstlerin, die sich auf der Suche nach Fundstücken für ihre Werke zu weit über den Rand des Containers beugte, hineinfiel und nicht allein wieder rauskam. Da hat man dann wenigstens was zu erzählen. Jahre lang. Dieselbe Geschichte. Kann man sich immer wieder ausschütten vor Lachen. Und was ich nicht schon alles gefunden habe im Müll …

Hier überlegen wir, was mit den Blumen zu machen wäre. Der Junge schenkt sie dem Mädchen? Das Mädchen schenkt sie seiner Mutter? Die Mutter wirft sie auf den Müll?

Die Straße sieht ooch aus wie Müll. Is aber keener.