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Posts Tagged ‘Alkohol’

Spezial-Wissen

Die Unberatenen. Pößneck, Thüringen, 1963

Personen, die gewisse Leute heute alte weiße Männer nennen würden, haben uns früher, auf unserem Lebensweg, Ratschläge gegeben, meistens ungebeten, aber die Ratschläge waren gar nicht mal schlecht, und es waren Ratschläge, die man in Lehrbüchern nicht fand. Diese Leute waren keine Lehrer, keine Ausbilder, keine Eltern, sondern einfach so Typen, denen man über den Weg lief. Die Ratschläge betrafen etwa die Arbeit. Beim Unterrichtstag in der Produktion, im VEB Holzindustrie „Walter Griesbach”, sagte ein Arbeiter zu mir, als ich Nägel einschlug: „Du hast den ganzen Stiel bezahlt.” Also, ich sollte den Hammer ganz unten umgreifen, und klar, dadurch hatten die Schläge viel mehr Power. Oder bei diesem verdammten Kartoffelsammeln in jeglichem Herbst, acht Stunden jeden Tag. Der Bauer stand neben mir und sagte: „Nicht toben. Und nicht in die Knie gehen.” War auch richtig. Wenn man tobte, das hielt man nicht lange durch. Und wenn man in die Knie ging, um den Rücken zu schonen, dann war man zu langsam. Aufrecht stehen, sagte der Bauer, die Beine hutförmig breit auf dem Boden. Und dann bücken und los. So war man schnell genug. Am Abend und am nächsten Morgen war man trotzdem total fertig. Du spürtest alle Knochen.

Einige Ratschläge betrafen den Umgang mit Frauen. Diese Ratschläge waren in der Anwendung meistens nicht erfolgreich. Etwa: Man muss so ’ne Frau einfach mal hochheben. Mit der Umsetzung so eines Rats käme man heute glatt ins Gefängnis.

Die meisten Tipps jedoch, die man bekam, betrafen den Umgang mit Alkohol. Da hatten diese, ich sag jetzt auch mal, alten weißen Männer einen großen Erfahrungsschatz. Sie waren selbst durch manches Tal gegangen. Es war auch nicht die reine Menschenfreundlichkeit, die sie veranlasste, uns zu belehren. Sie wollten nicht mit jemandem trinken, der dann anfing, zu lallen und zu torkeln, umzufallen und zu kotzen, den man vielleicht noch nach Hause tragen musste. Es fing an mit dem gewöhnlichen „nicht durcheinander trinken”, „Wein auf Bier, das lob ich mir”, „Bier auf Wein, das lass sein”. Wichtiger war der Tipp, sich vor dem Trinken eine gute Grundlage zu verschaffen, etwa Brot mit Speck zu essen. Man saß in der Kneipe und trank üblicher Weise einen Kurzen (etwa einen Korn) und ein Bier. Man sollte den Schnaps aber nicht sofort mit dem Bier runterspülen, sondern warten, bis der Schnaps innerlich verbrannt war. Ich habe nie begriffen, warum das so wichtig war, aber ich mache es heute noch so, gesetzt den Fall, ich trinke mal was. Ebenso dringlich der Rat, am Morgen nicht auf nüchternen Magen zu rauchen. Man sollte erst mal was essen, und wenn es ein Stück trockenes Brot war, dann konnte der Magen arbeiten und die Magenwände wurden nicht angegriffen.

So viel von meiner Seite zu den alten weißen Männern.

Die Stellvertreter-Methode im Zehngeschosser

Sie nennen es Gemütlickeit
© CF

Ich habe Erfahrungen mit Alkohol, da sage ich nichts Neues, auch einschlägige Erfahrungen. Wenn ich nichts im Hause habe, trinke ich nichts. Deshalb habe ich nichts im Haus. Bei Laxness, Halldor Laxness, dem isländischen Nobelpreisträger, bei Laxness nennen sie eine Flasche Schnaps ein Kriegsschiff. Manchmal kaufe ich mir so ein Kriegsschiff, das hört sich besser an. Oder ich kaufe mir bewusst ’ne kleine Flasche, die nenne ich nicht Kriegsschiff, sondern Minensuchboot. Man muss Leben in sein Leben bringen. Man trinkt nicht wegen der Verdauung oder wegen der Gesundheit oder zur Gesellschaft, man trinkt wegen des Trinkens. Wegen des speziellen Gefühls, das sich in dir ausbreitet und dir eine versöhnliche Haltung zur Welt verschafft. Aber meistens will ich lieber unversöhnlich sein und trinke nicht. Mein Charakter gibt das her. Zu den einschlägigen Erfahrungen mit dem Alkohol gehören eben auch die Folgen. Also trinke ich meistens nichts. Ich kann das. Dafür habe ich die Stellvertreter-Methode. Ich telefoniere mit meinem Freund, dem Gute-Laune-Onkel, frage ihn unauffällig, was er so macht, was er gekocht hat, was er liest, ob er was getrunken hat. Ja. Na was. Erst ein Bier, dann zwei Gläser Rotwein. Aha. Mehr nicht? Nein. Danach schmeckt es ihm nicht mehr. Er weiß überhaupt nicht, was trinken heißt. Eine Idee des Trinkens hat er nicht, etwas Tiefes, Auslotendes. Und am Vorabend, was hast du da … Whisky. Wieviel? Einen. Ich kann ein Lachen nicht unterdrücken. Einen? Ja, manchmal trinke ich auch zwei, es kommt auch vor, dass ich drei trinke. Wie groß sind deine Gläser? Na ja, normal. Klein sind sie jedenfalls nicht.

Mir tun diese Gespräche gut. Diese gesellige Art, über Alkohol zu sprechen, entledigt mich des Drangs, selbst zu trinken. Andere trinken stellvertretend für mich. Es tut mir gut. Schließt nicht aus, dass es vorkommen kann, dass ich stellvertretend für andere trinke. Ich sitze mit meinen Verwandten beim Serben. Gutes Essen. Ein modernes Ehepaar, das Lindenblütentee trinkt. Als ich das zweite Bier bestelle, sehe ich, wie sie einen bezeichnenden Blick wechseln. Am Ende fragt der Kellner, was wir trinken wollen, es geht aufs Haus. Sie wollen gerade sagen: nein danke, stop, rufe ich, einen Sliwowitz für jeden, und trinke die drei Schnäpse, ich sag jetzt mal, die drei Paddelboote, im Handumdrehen aus. Ich mache das zum Vergnügen oder auch zum Entsetzen der werten Verwandtschaft, je nachdem, und auch um den Kellner nicht zu kränken. Das gehört zur Stellvertreter-Methode. Vor Jahren habe ich mir im Fernsehen Kochsendungen angeschaut und hatte dann keinen Hunger mehr. Das habe ich inzwischen aufgegeben.

Die große Dürre im 10. Stock

Geliebte Schattenseiten
© FJK

Die große Dürre ist gekommen und bei mir im zehnten Stock des Zehngeschossers noch dürrer als bei irgendeinem Anderen. Andere Leute schlafen frech auf dem Balkon, den es bei mir im zehnten Stock nicht gibt. Ich könnte höchstens auf einem fliegenden Teppich oder auf einem Luftkissen schlafen, aber ich bin kein Fakir. Die Hitze hat alle Räume erobert, ich kann mich nirgendwo vor ihr verstecken, und ich kann sie, auch an einem kühlen Tag, nicht hinausbefördern. Wenn ich auf beiden Seiten die Fenster aufreiße, fliegt mir die Einrichtung um die Ohren und mich könnte der Zug an die Wand schleudern.

Bei diesen Temperaturen koche ich nicht. Ich esse ein Spiegelei auf Brot oder den Kartoffelsalat aus dem Spreewald von Edeka, der von mir persönlich mit Kräutern und anderen Zugaben verfeinert wird.

Die Hitze hat mir die Freude am Trinken genommen. Ich habe gar nichts im Haus, und was man nicht im Haus hat, kann im Haus auch nicht getrunken werden; so einfach ist das. Ich möchte fast sagen, dass ich den Alkohol vergessen habe und auch den Tabak. Die Hitze löst bei mir Schwindelgefühle aus. Man sagt mir, dass ich mir am Ende der Dürre wahrscheinlich das Rauchen abgewöhnt haben werde, da muss ich protestieren. Ich möchte kein Nichtraucher sein.

34 Grad unterm Dach und morgen Friseur. Ich wollte eigentlich nie wieder im Sommer zum Friseur. Da bricht mir der Schweiß aus und die abgeschnittenen Haare bleiben auf der Haut kleben. Ich hasse das. Sie lassen sich auch nicht ohne weiteres entfernen. Die Friseurin erzählt mir, dass sie wieder einen Freund hat. Sogar einen Zahnarzt. Na ja, genau genommen einen Zahntechniker. Der ist sogar noch älter als Sie, sagt sie, aber sehr rüstig. Was soll denn das heißen! Müssen Frauen immer nur an das Eine denken? Bei der Hitze?

Teenagerin sagt die Radio-Frau

Wir gehen getrennte Wege
© Fritz-Jochen Kopka

Das war 2017: Juli – August – September

Im Supermarkt stehen Frauen in Zweiergruppen und reden vom großen Regen. Die Katze macht, was sie will. In Deutschland verzweifeln viele Leute an ihren Nachbarn. Man muss nur zu schweigen verstehen. Der Hund hatte es im Rücken. Der Busfahrer war verwitwet und suchte händeringend nach einer Frau. Der Schornsteinfegermeister zog gebügelte und gestärkte Stofftaschenbücher aus der Tasche. Er ist achtzehn und verbringt viel Zeit im Bett. Der kleine Herr Schmidt war erschüttert. Ich lese Verlorene Illusionen, der E-Book-Reader fällt mir aus der Hand. Die Ärztin sieht aus wie das blühende Leben oder hat, anders gesagt, die Kontrolle über ihr Gewicht verloren. Granin stirbt mit 98 Jahren. Leningrad. Die Blockade. Der Hunger. Mein Leutnant. Einer kennt einen, der gerade in Klagenfurt liest. Wenn ein Juror nicht witzig war, glich er das durch Niedertracht aus. Die Verlierer haben hinterher immer schon vorher gewusst, dass sie verlieren werden. Er ging davon, ohne sich vor dem Publikum zu verneigen. Helden sind so. Je älter man wird, desto weniger bekommt man geschenkt. Sie haben die Freiheit, in ihrer Wohnung zu rauchen, aber sie rauchen auf dem Balkon. Er geht mit seiner Freiheit so sorgsam um wie mit seinem Geld. Nur am Anfang schmerzten die Beine. Diane Lane über amerikanische Filme: „Es muss immer größer als das Leben sein.” Do swidania – die Russin ist entzückt, die Rentnerin verstört. Die Männer wirken wie Statisten, denen kein Regisseur gesagt hat, was sie tun sollen. Ein greiser Philosoph, dem sein schwarzer Anzug mit den Jahren viel zu groß geworden ist, irrt mit wirrem Haar durchs Lokal. Sie muss zu vielen Ärzten und lange warten, um nichts zu erfahren. Ein Mann, eine Frau, ein dickes Kind, ein chancenloses Leben. Frauenfußball-EM. Siehst du ein Spiel, kennst du alle. Die Zahnärztin ist dünner und glücklicher geworden. Mit meinen Zähnen ist sie einverstanden. Der Schwerhörige: Wenn ich weiß, was du sagen willst, dann versteh ich auch alles.

Ich denke schon ein Weilchen über die Metaphysik der Illusionen nach. Sie schleppten nicht den Rucksack einer glorreichen Tradition mit sich herum. Aldi nimmt die Eier raus. Auf die gnadenlose Hitze sind wir nicht mehr eingestellt. Die Losung des Tages ist Flucht in den Schatten. Der Doping-Clown. Ein Monat zum Sterben. Es war wieder so ein Tag, an dem Verheugen sich vorgenommen hatte, heute überhaupt nichts zu sagen, um dann zu reden wie ein Wasserfall. Ich bin eben allein. Selbstgespräche zählen nicht. Ich saß im Garten und las Nietzsche. Menschen ohne Eigenschaften, aber mit Espresso. Sehnsucht nach der Vergangenheit. Die Bettler betteln am Rewe-Markt. Die Filiale von Zweitausendeins ist verschwunden, die Bärenschenke sowieso. Ein Zahnarzt geht vorbei. Er lächelt diabolisch. Die Philologen sind an allem schuld. Gegen Meppen half uns der Schiedsrichter beim Verlieren, nun half er uns beim Siegen. Schiedsrichter, sagt der Erfurter Trainer, sollen Spiele leiten, sie sollen sie nicht entscheiden. Der Hochmut der Unterschicht gegenüber allen, die vermeintlich noch etwas tiefer stehen, und allem, was sie nicht verstehen. Er lag im Bett und drückte bei laufendem TV-Gerät aufs Handy. Der Gärtner hat keinen, der das pflücken und fressen will. In einer Beziehung mit einem BMW. Tag und Nacht scheinen nicht aufhören zu wollen. Hier ist der Treffpunkt des Zeitfensters. An solchen Tagen kannst du Potsdam hassen. Es scheint die flachste Stadt der Welt zu sein. Grillvorbereitungen in der Vorstadt.

Das Zusammenbauen löste die übliche IKEA-Verzweiflung aus. Unten gaben Familien ihre Kinder zum Spielen ab. Was ist unsterblicher als die Idee ewigen Lebens? Verheugens Uhr bleibt stehen. Er weiß nicht mehr die Zeit. Man muss da einfach partikularer denken. Zum Teil gehört jeder Mensch einer Minderheit an, zu anderen Teilen eben einer Mehrheit. Er repräsentiert das eine so gut wie das andere. Es war mir ein Vergnügen, wenn auch kein ungetrübtes. In Weißensee, wo seine Praxis ist, formiert sich der linke Protest gegen den rechten Zahnarzt. Der Befreite steht da, mit leeren Händen, erschöpft, ausgelaugt. „In der Tat machten uns die Verteidiger des weiblichen Geschlechts damals weis, dass wir die Frauen ausbeuteten und erniedrigten, die wir nicht heirateten.” Seltsam, dass besonders grobe Menschen so gern die Formulierung „vom Feinsten” verwenden. Man war ein Gespött der Leute. „Die Stasi war mein Eckermann” …, und ich war mein Goethe. „Teenagerin”, sagt die Radio-Frau. Soll ich dir sagen, was die gewählt haben? Ein Wahlhelfer isst sein Butterbrot. Ich weiß nicht, ob es überhaupt noch Sinn macht, Alkohol zu trinken.

Mehr Rückblick gibt’s dann erstmal nicht. Oktober, November, Dezember – das war ja gerade erst

Das lange Jahr

Oktober 3, 2016 2 Kommentare
Der Sündenbock in freier Wildbahn. In die Kneipe darf er ja nicht rein. © Klaus

Der Sündenbock in freier Wildbahn. In die Kneipe darf er ja nicht rein.
© Klaus

In den 1970er Jahren entdeckten wir als Mot.-Schützen diesen Aushang in einer Kneipe in Klietz, wo sich ein großer Truppenübungsplatz befindet. Wahrscheinlich waren wir dorthin kommandiert und mussten irgendwas bauen. Den Aushang fand ich so bemerkenswert, dass ich ihn mitgehen ließ und in meine Mappe legte, auf der „Kuriosa/Dokumente” steht. Es konnte nicht ausbleiben, dass ich mir Gedanken über den Bürger Erich B. machte, der kurz vor Beginn eines einjährigen Gaststättenverbots stand, was ihn, wie ich vermute, hart traf. Als Gnadenerweis wurde ihm das Einnehmen einer warmen Mittagsmahlzeit gewährt. Ganz klar: Das Problem war der Alkohol. Der Bürger Erich B. ist sicher nicht der einzige, der diabolische Züge entwickelt, wenn er Schnaps getrunken hat. Dann wird er zum Stinkstiefel und macht Sachen, die er normalerweise nicht täte. Leider kann er sie nicht ungeschehen machen. Ich weiß von Verheugen, dass der sich nach jedem geselligen Besäufnis am nächsten Tag hinsetzte und jedem, den er eventuell beleidigt haben könnte, eine Entschuldigungskarte schrieb. Was auch immer geschehen sein mag, ich war nicht Herr meiner Sinne. Solche Mittel standen dem Klietzer Bürger Erich B. vermutlich nicht zur Verfügung. Kann man nur hoffen, dass er sein langes Jahr ohne Schaden an Leib und Seele hinter sich brachte. Dass es ihm gar eine Lehre war, ist wohl zu viel verlangt.

Der Rat der Gemeinde Klietz

Kreis Havelberg

HO Gaststätte „Haus am Eck”

Auf Beschluß-Nr. 14/40/V/72 des Rates der Gemeinde vom 22. Februar erhält der Bürger Erich B., Klietz, S.-Straße 24, vom 1. März 1972 bis 1. März 1973 Gaststättenverbot. Zum Empfang einer warmen Mittagsmahlzeit ist der Bürger B. berechtigt die Gaststätte kurzfristig zu betreten.

Bürgermeister

Schulze

 

Darauf einen Jack Daniels, Kinder!

Dezember 14, 2014 1 Kommentar
Weihnachtsschnaps in jedes Haus …

Weihnachtsschnaps in jedes Haus …

Weihnachtszeit ist Familienzeit, genau, und bei diesem Angebot findet sich auch etwas für unsere Kleinen, zum Beispiel der Tennessee Honey mit 35 % oder der Apple Whiskey Punch mit nur 15 %. Weihnachten ist bekanntlich das Fest des Komasaufens. Da fällt mir ein, wie weit eine meiner Kolleginnen schon vor dreißig Jahren der Zeit voraus war. Einmal in der Woche mussten ihrer Töchter zur Trinkstunde antreten. Die Mutter wollte, dass ihre Kinder nicht vom Alkohol überrascht wurden. Da kommen dann die falschen Jungs, machen die Mädchen betrunken und dann kriegen sie ein Kind.

Die Töchter waren am Anfang Feuer und Flamme. Saufen! Was uns überall verboten ist. Wir dürfen es zu Hause praktizieren, wir müssen sogar. Die Mutter begann bei Berliner Weiße mit Schuss, es ging weiter mit Bier, danach war Gin Tonic an der Reihe und die Hohe Schule manifestierte sich dann in Nordhäuser Doppelkorn und Wodka. Irgendwann fanden die Töchter das nicht mehr lustig. Es schmeckte ihnen nicht, ein Widerwille kam auf, aber die Mutter wusste ihre persönlichen Ängste und Sorgen auf die Kinder zu übertragen. Wenn eine Tochter klagte: Mir ist schlecht!, sagte die Mutter, ja, ich weiß, ich versteh das, aber willst du denn mit siebzehn ein Kind bekommen? Willst du dir dein ganzes Leben versauen? Es kommt darauf an, beim Trinken das Bewusstsein und die Kontrolle nicht zu verlieren. Das fällt einem nicht in den Schoß. Und die Töchter tranken weiter. Sie fanden Gefallen an den Geschichten, die die Mutter, vielleicht etwas unpädagogisch, ab und zu einstreute: Wie sie so manchen Mann unter den Tisch getrunken hatte, aber nie umgekehrt. Nun. Die Töchter fanden immer nur die falschen Freunde, während die richtigen Freunde Abstand nahmen. Die riechen ja nach Alkohol. So sagte man über die tapferen Mädchen, und das war nicht falsch. Dass das ein Zeichen hohen Anstands war, konnten die Jungs nicht ahnen.

Das Ich und das Unter-Ich

Die Kinder waren hin – und weg. Forum-Center Berlin Köpenick

Die Kinder waren hin – und weg. Forum-Center Berlin Köpenick

Ich habe das Idealgewicht, aber nicht die Idealfigur.

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Der Rentner in mir ist noch nicht erwacht. Rentner sind die immer die anderen.

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Es ist das Vorrecht des Alters, Unfug zu reden. Ich fange auch schon damit an.

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In meinem Leben geschieht nichts. Aber in meinem Fernsehapparat.

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Zu meiner Verwunderung bin ich auf dem Weg, Nichtalkoholiker zu werden. Jetzt fehlt noch der Fernsehverzicht.

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Hilf uns, oh Fernsehen, dass die Zeit vergeht, ohne dass sie uns drückt und quält.

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Es ist ein verdammter Irrtum zu glauben, dass das Internet einem Gesellschaft leisten kann.

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Warum setzen sich im Zug immer dicke Frauen neben mich? Ich habe keine Bewegungsfreiheit.

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Ich unterhalte mich doch nicht mit wildfremden Menschen über so was Intimes wie das Wetter.

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Es gibt Unfreiheiten, mit denen ich sehr gut zurecht komme, und Freiheiten, mit denen ich nichts anfangen kann. Natürlich kenne ich auch Unfreiheiten, die ich nicht ertrage, und Freiheiten, die ich genieße.

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Ich bin kein Gesamtkunstwerk.

Hat auch keiner behauptet.

Ja. Das kommt noch hinzu.