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Die Nachspielzeit, die nie vergeht

Und ein Haus der Fußballunkulturen brauchen wir auch © Fritz-Jochen Kopka

Und ein Haus der Fußballunkulturen brauchen wir auch
© Fritz-Jochen Kopka

Dem FAZ-Fußballredakteur Horeni verdanken wir die Erkenntnis, dass Schiedsrichter Patrick Ittrich, im Hauptberuf Polizeibeamter, die gegen die Münchner Bayern 1:0 führende Berliner Hertha keineswegs mit einer überdimensionierten Nachspielzeit, die man eher eine Verlängerung nennen sollte, benachteiligt oder gar betrogen, sondern dass er dem Fußball damit ein Geschenk gemacht hat.

Fünf Minuten Nachspielzeit waren angezeigt, man fragte sich wieso, langwierige Verletzungsunterbrechungen gab es nicht, drei Minuten wären angemessen gewesen, und als die fünf Minuten vorüber waren und die Bayern immer noch nicht den Ausgleich geschossen hatten, ließ Wachtmeister Ittrich weiterspielen, bis den Bayern endlich das 1:1 gelang und sie herumtanzen konnten, als wären sie soeben allesamt Weltfußballer des Jahres geworden, die Betreuer und der Präsident eingeschlossen.

In der Folge beeilten sich die Medien zu beteuern, dass alles mit rechten Dingen zugegangen war und dass man auch nicht vom Bayern-Dusel sprechen kann. Den Vogel schoss Horeni ab, der auf die Idee mit dem Geschenk kam, das der Schiedsrichter der Fußballhistorie gemacht hat, denn: „Nur so konnte mit dem aus der Zeit gefallenen Tor von Lewandowski eines jener für Fußballfan-Herzen unvergesslichen Spiele entstehen, das auch kühle Profis aus der Fassung bringt … ”

Was für eine frivole Gedankenakrobatik! Da fiele einem noch einiges ein, womit Spiele unvergesslich gemacht werden könnten. Hoeneß steigt von der Tribüne herab und versucht, den gegnerischen Torwart durch Muskelspiele und Grimassenschneiden abzulenken. So ein Spiel würde ich auch nicht vergessen. Man kann sich andere haarsträubende Schiedsrichterentscheidungen vorstellen (und hat sie auch schon erlebt), mit denen man Fußballspiele unvergesslich machen könnte. Die meisten Fußballfans würden allerdings auf solche Unvergesslichkeiten gern verzichten.

Ein für allemal: Es droht nicht der Untergang Deutschlands, wenn die Bayern mal ein Spiel verlieren und Präsident Hoeneß wird in einem solchen Fall bei aller Leidenschaft auch nicht gleich einen Bürgerkrieg entfesseln.

Das ist ja noch mal schiefgegangen

Prognose, auf den Arsch gefallen

Prognose, auf den Arsch gefallen

Nach der Saison ist vor der Saison. Anfang August 2015 sagten die Originalitätsmonster der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung das Ergebnis der Bundesliga-Saison 2015/16 voraus, das wir jetzt gerade live erlebten. So originell waren sie nun wieder nicht, dass sie einen anderen Meister als die Bayern vorausgesagt hätten. Sie meinten, es sei nur eine Frage des Punktvorsprungs, und so ist es ja auch gekommen. Aber dann übertrafen sie sich selbst. Wolfsburg landet auf Platz 2, und „das könnte eine lange Geschichte werden”. Also, der Werksklub auf Jahre hinaus der härteste Konkurrent der Bayern. Stand heute ist das ziemlich lächerlich, aber das wissen alle, die versuchen, Fußballergebnisse zu tippen, man schießt sich da ziemlich oft ins Knie. Manchmal hat man das Gefühl, die Mannschaften spielen nicht gegeneinander, sondern gegen dich, den Tipper, den Neunmalklugen, und auch der Schiedsrichter entscheidet oft genug nicht gegen einen Verein, sondern gegen dich. Bei den FAS-Burschen ist das aber noch ein wenig anders. Sie strotzen nur so vor Selbstgewissheit. Warum? Bei den Politikern wird öfter mal nachgefragt: Was haben sie vor der Wahl gesagt, wovon waren sie vor einem Monat überzeugt, vor einem Jahr. Die steilen Prognosen der Journalisten sind schon am nächsten Tag vergessen. Niemand nimmt sie beim Wort. Bei Borussia Mönchengladbach haben die FAS-Weisen ganz auf Trainer Lucien Favre gesetzt. Wir wissen, wie das ausging. Der VfB Stuttgart habe im Abstiegskampf ziemlich gut Fußball gespielt, „und unter dem neuen Trainer Zorniger geht es weiter in diese Richtung”. Ziemlich gut Fußball spielen und meistens verlieren. So haben sie es wohl nicht gemeint, die Jungs von der FAS. Sie waren auch nicht originell genug, den Aufsteigern eine Chance zu geben. Darmstadt trauten sie immerhin noch den Relegationsplatz zu, für Ingolstadt sollte es trotz der „Audi-Kohle auf dem Konto” nicht reichen, da gab man sich mal volkstümlich. Und ganz unten? Platz 18? Laut FAS Hertha BSC: „Dem Team mangelt es an Klasse, Sportdirektor Preetz an Ideen, Trainer Dardai an Erfahrung.” In der Realität hatte die Hertha nie was mit dem Abstieg zu tun. Stand sogar öfter auf einem Champions League-Platz. Den Fußballweisen von der FAS mangelt es an Demut. An Weitsicht. Und an der Einsicht, dass Fußball ein viel komplexeres Ding ist, als sie sich auch nur vorstellen können. Könnte sein, dass die Fehlprognose auch was mit Berlin-Hass zu tun hat. Sie ertragen es einfach nicht, dass Berlin so viele Leute anzieht.

Jetzt geht’s um die Wurst

© Fritz-Jochen Kopka

Kann man diesen Augen einen Wunsch abschlagen?

Ick wusste, dass’et schlimm steht um die Hertha. Aber so schlimm?! Mann, ick spende ein Brot und eine Bratwurst für den Sportdirektor Preetz. Freiwillig.

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Zu erzählen? Nur Schnickschnack

März 19, 2012 1 Kommentar

Über ein 6:0 der Bayern bei der Hertha in Berlin gibt es nicht viel zu erzählen, das sehe ich ein. Aber in den Medien muss es groß aufgemacht werden, es geht ja auf der eine Seite um die großen und reichen Bayern, von denen wir wünschen, dass sie zu besten fünf Clubs in Europa gehören (eigentlich gleich hinter dem FC Barcelona) und auf der anderen Seite um den desaströsen Hauptstadtclub, an dem interessant ist, dass er nach dem Wiederaufstieg schon wieder in Abstiegsnöten schwebt und als Retter einen renommierten Pensionär auserwählt hat, Otto Rehhagel. Die einen treten hilflos und tölpelhaft auf (drei Elfmeter, wobei man weiß, dass Thomas Müller weiß, wie man Elfmeter macht: Man rennt, mit dem Ball am Fuß, einfach durch die Gegenspieler durch), die anderen schnell und übermütig, und bei Übermut kommen wir zur eigentlichen Erzählung des Spiels: Beim Stand von 3:0 machen Franck Ribery und Toni Kroos per Schnick, Schnack, Schnuck aus, wer den fälligen Freistoß schießt. In allen Berichten wird dieses sogenannte Schnick, Schnack, Schnuck, das man in zivilisierten Gegenden, glaube ich, Knobeln nennt, zentral gewürdigt, bei einigen dient es sogar als Schlagzeile. Ist diese Nebenhandlung nicht über die Maßen arrogant? Werden die ohnehin danieder liegenden Herthaner damit nicht zusätzlich gedemütigt? Ach was. Fußball ist, neben vielem anderen, immer noch ein Spiel. Sollen sie doch spielen, was sie wollen. Die scheinbar mahnenden Worte sollen  nur belegen, was für Teufelskerle die Bayern sind.

Vor Wochenfrist, beim 7:1 gegen Hoffenheim, gab’s auch nicht viel zu erzählen. Da tauchte in allen Berichten und in mancher Schlagzeile ebenfalls das Wort „Delikatessen” auf. Die Bayern hatten eben nicht nur haushoch gewonnen, sondern dabei auch einige erlesene Delikatessen geboten, wie ihr Trainer fand. Das war für die Kollegen Sportreporter ein gefundenes Fressen.

Die Hertha erfuhr ein weiteres Mal, dass sie sich mit Otto Rehhagel nicht nur beispiellose Fußballerfahrung an Bord geholt hat, sondern auch die einmalige Gabe der Selbstdarstellung. Ist Ihr Plan nicht aufgegangen? Meine Pläne gehen immer auf, anwortete Rehhagel unzerknirscht in der Trümmerlandschaft. Es lag am Team, zu dem er anscheinend nicht wirklich gehört. Tags darauf zählte er dann auch schon wieder zu den Siegern. Als Wahlmann der CDU-Fraktion bei der Bundespräsidentenwahl setzte er garantiert auf den richtigen Kandidaten.

Noch ein Wort zu den Bayern, die richtig loslegen, wenn man sie (nach der Niederlage in Leverkusen) mitten in der Krise wähnt. Sie benötigen offensichtlich das frühe Tor. Das haben sie in Leverkusen nicht geschossen, obwohl sie es mehrfach auf dem Stiefel hatten. Und so verloren sie. In den drei Spielen danach gelang das frühe Tor. Und dann – 7:1, 7:1, 6:0.

Der Mann, der immer nüchtern ist

Es ist die Stunde der alten Männer. Frank Schirrmacher schrumpfte in der FAS die Babyboomer (die Generation Wulff) auf Zwergenmaß. Der Nachfolger des Bundespräsidenten wird nun bei Amtsantritt der älteste sein, den Deutschland je hatte. Und die Berliner Hertha installiert in ihrer Not Otto Rehhagel als Cheftrainer. 73 Jahre alt. Grund genug für die Medienkollegen, den alten Quatsch, den sie einmal erfunden haben, wieder auszupacken: Rehakles, König Otto und so weiter. Da ist er also wieder, der Mann aus dem Ruhrpott, der Malocher, mit seinen drolligen, runden Bewegungen in einem kleinen Radius. Man kann nicht gerade sagen, dass er viel jünger aussieht, als er ist. Stellt sich aber immerhin als Mann dar, der über den Tellerrand schaut. Sich mit Kunst befasst hat, mit Philosophie. Um keine Antwort verlegen ist. Aber wie tickt die Jugend, scheint er sich zu fragen, was wissen die jungen Spieler? Er nimmt Raffael beiseite, Herthas begabtesten Fußballer, und fühlt einmal vor: Kennen Sie den Messi? Ja, der Name ist Raffael bekannt. Und Rehhagel erklärt ihm, dass das ein großer Einzelspieler ist, der sich, wenn es darauf ankommt, in den Dienst der Mannschaft stellt. So soll Raffael es auch halten zum Nutzen des Teams.

Findet Otto nicht gut

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Dieser Rat hat erstmal nichts genützt. Hertha unterliegt in Augsburg 0:3. Rehhagel auf der Bank – kein Bild für die Götter. Sind Sie nun ernüchtert, fragt ein Journalist in der anschließenden Pressekonferenz. Ich bin immer nüchtern, antwortet Rehhagel schlau. Der Journalist möchte, töricht wie er ist, dem Trainer den Unterschied zwischen ernüchtert und nüchtern erläutern, aber Rehhagel bleibt dabei. Bin immer nüchtern, nicht wahr, sagt er starrsinnig, ich bin ja Antialkoholiker.

Das kann ja heiter werden. Das heißt, wenn die Hertha weiter verliert, endet die Geschichte traurig. Dann hat der Verein einen großen Mann in seinen Abgrund mit hineingezogen. Ohne Schrammen kommt er da nicht raus.

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Woran liegt’s denn dann?

Jetzt wissen wir, warum es beim Hauptstadtclub in der Fußballbundesliga seit einigen Wochen nicht mehr läuft: „Die Gremien der Hertha leiden an sportlicher Kompetenz”, weiß Herr Horeni, der zuständige Fachredakteur der FAZ. Es war schon immer schlimm, wenn man vor lauter Kenntnissen nicht mehr ein noch aus wusste. Dann kann man wirklich nichts mehr machen. Wenn man an fehlender Kompetenz litte, könnte ich raten, was zu tun sei. Aber so…

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