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Posts Tagged ‘Marcel Reich-Ranicki’

Er brachte Leben in die Bude

Other Voices, Other Rooms oder: Ein schöner Rücken kann auch entzücken

Claus Peymann brachte Leben in die Bude, das heißt in sein eigenes Theater, heißt auch, ins Post-Reich-Ranicki-Literarische-Quartett. So kurzweilig und spannend war die Sendung zum ersten Mal in der Weidermann-Zeit, und das lag an Peymann, lag aber auch an Thea Dorn, die eine schnelle Sprecherin und sicher auch eine schnelle Denkerin ist, bei der keine Bildungslücke wahrnehmbar wird; keine Ahnung, wie sie das hinkriegt. Für mich unverkennbar bringt sie ihrer Mitstreiterin Christine Westermann eine sympathische Ungeduld entgegen. Thea Dorn ist Profi, Christine Westermann Amateurin, das reibt sich schon mal.

Dorn begann mit einem leidenschaftlichen Plädoyer für Toni Morrisons neuen Roman; Peymann war sofort in aller Entschiedenheit auf ihrer Seite und verriet, dass die anderen drei zu besprechenden Bücher nicht entfernt an diese Klasse herankämen, nur Westermann meckerte elegisch. Volker Weidermann als Gastgeber störte dieses Mal kaum; er ist das Muster des richtigen Mannes am falschen Platz. Der richtige Mann am richtigen Platz wäre Claus Peymann, der demnächst ja nicht mehr Intendant des Berliner Ensembles sein wird. Würde er sich den Mühen eines solchen Berufsleser- und Moderatoren-Jobs unterziehen? Das weiß man nicht. Peymann ist nur in seiner Unkalkulierbarkeit kalkulierbar. Von ihm kommen immer klare, überraschende Worte. Er ist die personifizierte Postmoderne, meinetwegen auch Postpostmoderne. An seiner Seite lief Thea Dorn zu neuer Form auf. Sie befeuerten sich wechselseitig, und auch wenn sie sich einmal extrem uneinig waren, waren sie dies mit einem kühnen Lächeln und bestreitbaren Argumenten.

Was bei dieser Diskussion nebenbei noch herauskam: Man soll nicht so viel auf herausgerissene Zitate geben, weder im Guten noch im Bösen. Mit einem aus dem Zusammenhang genommenen Zitat kann man jeden Autor erschlagen. Es gibt eben auch ziemlich schlecht geschriebene sehr gute Bücher. Als Beispiel führt man immer Dostojewski an, meistens tun das gar Leute, die ihn nie im Original gelesen haben. Und außerdem: Er musste schnell schreiben. Er brauchte das Geld. Zum Leben und zum Spielen.

Ja, früher

Ooch so’n Quartett

Ooch so’n Quartett

Warum ist das Alte besser als das Neue? Das alte Literarische Quartett besser als das neue Literarische Quartett? Die alten Köpfe charaktervoller als die neuen?

Das neue Literarische Quartett ist ein Remake ohne Innovation. Es war klar, dass es bei der Besetzung der drei Dauerpositionen mindestens zweier Glücksgriffe bedurft hätte. Da es manchmal tatsächlich so ist, dass Glück der Tüchtige hat, ist dem ZDF kein einziger Coup gelungen, auch nicht mit Christine Westermann, die zwar gemeinhin vom Glück verfolgt wird, aber doch recht bieder daherredet. Sie ist die Frau, die den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht, verbeißt sich in Details und verliert das Buch aus dem Blick. Was für ein Unglück, ja, wie entlarvend, wenn der Übersetzer das Wort Drahtesel für Fahrrad einsetzt. In den Originaltext geschaut hat sie natürlich nicht, hätte sie aber tun sollen, wenn sie dieses Wort so quält. Chef der Runde ist nun Volker Weidermann, früher Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, heute Der Spiegel, er tritt im blauen Konfirmationsanzug auf, trägt dazu aber eine freche Wirbelfrisur und ein cooles T-Shirt. Obwohl er so aussieht, als wäre er gerade erst in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen worden, attackiert er mutig die apodiktischen Urteile Maxim Billers, der den Fürst der Finsternis spielt. Juli Zeh als Gast, nun, sie scheint zu gescheit zu sein, als dass sie auch noch Gefühle aufbringen könnte. Jeder der Kombattanten stellt eines der vier Bücher vor und hat auch den kleinen Ehrgeiz, dieses Buch durchzubringen, wenn möglich auf die Bestsellerliste. Es soll ein Wettkampf sein. Weidermann zählt mit und fasst die Ergebnisse zusammen. Meistens geht es 2:2 aus. Unentschieden. Wie spannend.

Was wertet das alte Literarische Quartett auf, auf das wir damals ja auch nicht gut zu sprechen waren? Ob Reich-Ranicki, Löffler oder Karasek – ich glaube, man tritt ihnen nicht zu nahe, wenn man sagt, dass sie alle einen Knall hatten. Reich-Ranicki mit seinem poltrigen Charme, der nie einen Zweifel an seinen Urteilen hatte und der keine Antenne für moderne, postmoderne und postpostmodere Schreibweisen besaß. Löffler, zwischen Hochmut und Eingeschnapptsein immer Angriffe auf die globale Frauenheit und österreichische Autoren witternd. Karasek, der in seiner Hingabe für Witze, Anekdoten und ulkige Zitate aufging. Vielleicht waren das auch nur Rollen, aber sie spielten sie gut, so gut, dass echte Feindschaften daraus erwachsen konnten.

Und was das neue Quartett angeht: Was kann man tun, damit diese Protagonisten möglichst schnell unnormal oder wenigstens schräg werden? Wo bekommen wir neue Verrückte her?

Das Einzelschicksal

Ungaretti-Gedichte in einem Band der vormaligen Weißen Reihe des vormaligen Verlags Volk und Welt, Einbandentwurf Lothar Reher/Horst Hussel

Ungaretti-Gedichte in einem Band der vormaligen Weißen Reihe des vormaligen Verlags Volk und Welt, Einbandentwurf Lothar Reher/Horst Hussel

Anfang Juni druckten sie in der Frankfurter Anthologie der FAZ das Gedicht „In Memoriam” von Giuseppe Ungaretti; das fiel mir jetzt wieder in die Hände.

Die Frankfurter Anthologie ist so eine Institution des deutschen Kulturbetriebs. Marcel Reich-Ranicki hat sie vor vielen Jahren erfunden; sie war eine seiner besseren Ideen, vielleicht sogar seine beste. Ein Gedicht wird abgedruckt und in einem kurzen Essay interpretiert, neuerdings sogar manchmal vom Dichter des Gedichts, was auch reizvoll sein kann. Schon klar, man kann nicht die Geheimnisse eines Gedichts offenlegen, ohne sie ihm zu nehmen. Aber man kann etwas zum Dichter sagen, zur Situation, in der er das Gedicht geschrieben hat, zu den Begleitumständen seiner Entstehung, gegebenenfalls zur Nachdichtung.

„In Memoriam” beginnt so: „Er hieß / Mohammed Sheab”. Ein Flüchtling, ein Einwanderer, ein Asylant. Schon in der fünften, sechsten und siebten Zeile sagt Ungaretti: „Er beging Selbstmord / weil er kein Land / mehr hatte”.

Das war 1913. Mohammed Sheab war 26 Jahre alt. Er liebte Frankreich und nannte sich Marcel, aber es nützte ihm alles nichts. Er hatte seine Wurzeln gekappt, ohne zu ahnen, dass er keine neuen schlagen konnte, „Und wusste nicht / anzustimmen / den Gesang / seiner Verlassenheit”.

Ungaretti war der Verfechter einer fragmentarischen Poetik. Wenige Worte, scheinbar gelassen gesagt, die einen weiten Horizont aufreißen. Am Ende steht dies: „Und ich allein / weiß vielleicht noch / dass er lebte”.

Gisela Trahms hat zu diesem Gedicht und zur Nachdichtung von Ingeborg Bachmann gesagt, was man besser wissen sollte. Ingeborg Bachmann hat das Wort Patria im Original nicht mit Vaterland übersetzt, sondern mit Land, das „eher sanfte Assoziationen an einen bäuerlichen Kontext, fern von Pathos und Schuld” weckt.

Wir sehen die Flüchtlinge heute in der großen Masse, in der sie ankommen. Wir wissen, dass sie von vielen schlechten Möglichkeiten jene gewählt habe, von der nicht sicher sein kann, dass sie die beste ist. Es ist nicht leicht, das Einzelschicksal zu sehen, wenn 800 000 kommen. Aber es ist da. Es ist der Mensch, der seine Heimat verlässt, ohne zu wissen, ob er eine neue findet. Ohne im Moment der Flucht auch nur zu wissen, was er verliert: „Er … konnte nicht mehr / leben / im Zelt der Seinen / wo man dem Singsang / des Korans lauscht / einen Kaffee nippend …”

Tram-Traum

Alles lief schief

Alles lief krumm und schief

Diesen Traum, dass die Straßenbahn einfach die Haltestellen überfährt und die Wartenden keinen Ton dazu sagen und weiter warten, hatte ich diese Nacht nicht zum ersten Mal. Ich war in irgendeinem Kaufhaus, in dem es auch ein Bistro gab, in dem Marcel Reich-Ranicki mit einem Bekannten Kaffee trank und schwadronierte. Ich wollte ihn leicht spöttisch fragen, wie er denn so zurechtkomme im Jenseits und ob man ihm da auch so unkritisch gegenüberstehe, aber das ließ ich lieber sein, zumal ich plötzlich feststellte, dass es sich gar nicht um Reich-Ranicki handelte, sondern um einen jüngeren, aber auch recht polemischen und von sich selbst überzeugten Mann. Als ich ging, klaute ich ein Stück Kuchen von seinem Teller und versteckte es in meiner Jacke, die ich vom Garderobenständer nahm. Mit dem Kuchen wollte ich nicht im mindesten etwas anfangen, geschweige denn ihn essen. Trotzdem hatte ich Angst, dass mein Diebstahl entdeckt werden und Aufsehen erregen könnte. Ich hatte es eilig. Vor dem Kaufhaus fuhr die Straßenbahn vor meiner Nase weg. Ich begann zu laufen, also zu rennen, und stellte fest, dass ich gut in Form war, obwohl ich an dem Tag schon einmal gejoggt war. Dann erreichte ich diese Haltestelle und stellte mich zu den Wartenden. Die erste Straßenbahn fuhr durch, das war vielleicht auch nicht die meine, aber dann kam die 29, die mich, glaubte ich, in den Leipziger Westen bringen würde, aber auch die fuhr durch. Die Leute standen blöde an der Haltestelle und protestierten nicht. Ich wollte weiterlaufen, aber die Straße gabelte sich und führte links zu einer Baustelle. Auch da ging es nicht weiter …

 

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Er mochte die Literatur und die Liebe

Natürlich muss Marcel Reich-Ranicki jetzt, wo er gestorben ist, vom Bundespräsidenten bis zum FAZ-Herausgeber vieles nachgerufen werden, obwohl das auf der anderen Seite ganz unnötig erscheint. Reich-Ranicki lag vor uns wie ein offenes Buch, er machte keine Geheimnisse, er verschlüsselte nichts, wie sagt man so schön: Er machte aus seinem Herzen keine Mördergrube. Alles, was er selbst sagte, wie er an uns herantrat, erklärt viel mehr von ihm als Beschreibungen anderer.

Ich sah ihn das erste Mal in den sechziger Jahren, im Fernsehen natürlich. Er lag mehr auf dem Stuhl, als dass er auf ihm saß, und kratzte mit dem Zeigefinder sein kahles Haupt. Etwas berückend Unvornehmes war ihm zu eigen, und selbstverständlich bürstete er ein Buch und dessen Autor ab. Er ging mit dem Hochmut des Autodidakten, des Unstudierten an die Literatur heran, dem hohen Mut des Mannes, der nicht von seinen Lehrern reden muss, weil er sich alles selbst verdankt.

Er mochte die Literatur und die Liebe, sonst nichts. Na ja, vielleicht Thomas Gottschalk noch. Landschaften, Fußballspiele, Naturereignisse interessierten ihn nicht. Wie ihn auch Bücher, die ohne Erotik auskamen, wohl eher kaltließen. Etwa eine Wanderung zu unternehmen, wäre ihm ein Graus gewesen. Er gab alles für die Literatur, und die Literatur gab ihm reichlich zurück. Einmal war er in eine Talkshow geraten zusammen mit Helge Schneider, dem Komiker, der auch gerade ein Buch geschrieben hatte. Reich-Ranicki wurde gefragt, was er von dem Buch halte. Diese Frage empfand er als Majestätsbeleidigung; das Buch eines Blödelbarden musste jenseits seines Gesichtskreises sein. Helge Schneider lächelte in sich hinein. Er nahm das als Kompliment.

Reich-Ranicki konnte Frauen wie Ulla Hahn verehren und zu Frauen wie Sigrid Löffler verblüffend uncharmant sein. Er konnte sich sehr wundern, wenn er Gegenwind bekam, nachdem er Bücher von Böll, Grass und Walser gleichsam vernichtet hatte – das geschah doch alles im Dienst der Literatur, und nicht gegen diese Autoren, mit denen er gern weiter befreundet gewesen wäre. Er hatte, auch das muss man sagen, keine Antenne für moderne Literatur und schon gar keine für experimentelle Texte. Er wollte eine überschaubare Handlung, Spannungsbögen, kräftige Helden, Leidenschaft. Alles Verrätselte, Hochgestochene war ihm suspekt. Es konnte durchaus vorkommen, dass er sich überschätzte, aber dabei waren ihm viele behilflich.

Im hohen Alter machte ihn die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung zu einer Art Briefkastenonkel. Die Leserfragen waren ihm meist lästig . Er antwortete zuweilen ungnädig und rüpelhaft. Marcel Reich-Ranicki war müde und verdrossen, aber er antwortete noch. Es waren vielleicht gerade das Ungehobelte und Unvornehme seines Temperaments, die ihm eine erstaunliche Unabhängigkeit des Geistes bescherten.

Wie Alt-Sein geht

Erst lesen, dann Reich-Ranicki fragen, schließlich nachdenklich werden

Erst lesen, dann Reich-Ranicki fragen, schließlich nachdenklich werden

Das Alter zeigt sich in vielen Spielarten. Eine Variante bietet die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung allwöchentlich. Dort ist Literaturpapst Reich-Ranicki in seinen späten Jahren und (wie er wohl gern zitieren würde) „mit letzter Tinte” zum Briefkastenonkel geworden. „Fragen Sie Reich-Ranicki” heißt hier die Spalte, die üblicherweise für verabschiedete, hoch verdienstvolle Redakteure frei geräumt wird. Da zeigt der Mensch, wie er denkt und schreibt, wenn er sich in dem berühmten Bereich jenseits von Gut und Böse aufhält. Ich wäre Ihnen doch dankbar, wenn Sie mir ihre Ahnungen ersparen wollten, antwortet er einem Leser aus Trier, der ahnt, dass Reich-Ranicki kein Fußballfan ist, und wissen möchte, ob er dennoch Sportbücher gelesen habe. Das heißt, es gibt Menschen, die im Alter unsicher und demütig werden, hier aber sehen wir einen, der schnell ungnädig wird und keinen Anlass sieht, dies zu verbergen. Welche Bücher von Stefan Heym würden Sie zur Lektüre empfehlen, fragt ein Professor aus Weiterstadt, der es doch selbst wissen müsste. Er hat keine bedeutenden Werke geschrieben, dafür aber zahlreiche, antwortet Reich-Ranicki. Ich habe ihn während seines Aufenthalts in Israel kennengelernt, freilich ohne von seinen Büchern überzeugt zu sein. Also: Hochmut geht im Alter auch. Was aber noch interessanter ist: Diese charmante Zusammenhanglosigkeit, die aber als Kausalität ausgegeben wird: Habe ihn kennengelernt, ohne von seinen Büchern überzeugt zu sein. Was immer das heißen mag. Man soll sich im Alter keine große Rübe mehr machen, wenn man sich äußert, alles ist wertvoll, wie zum Beispiel auch die „Schatztruhe an Erfahrungen” des reaktivierten Fußballtrainers Rehhagel, in die die Berliner Hertha-Spieler leider nicht richtig hineingegriffen haben. Rehhagel wie Reich-Ranicki haben niemals unrecht, ihre Urteile sind stets apodiktisch. Wenn ich ihn richtig verstehe, sind Reich-Ranicki die meist recht blauäugigen und ausgedacht wirkenden Leserfragen lästig. Kaufen und lesen Sie meine Bücher, würde er am liebsten sagen, da steht alles, was Sie brauchen. Wozu habe ich einen Kanon der wichtigsten Werke herausgegeben. Marcel Reich-Ranicki ist müde und verdrossen, aber er antwortet noch.

Ich erinnere mich an einen Freund, der ein großer Leser war und schon mit vierzig anfing, die Bücher, die er bereits gelesen hatte, ein zweites, drittes, ach, mittlerweile wohl fünftes Mal zu lesen. Da ist Reich-Ranicki besser. Der liest auch noch neue Bücher. Sie müssen eben bloß wie die alten Bücher sein. Ein kräftiger Schuss Erotik soll dabei sein, denn die Liebe ist es ja wohl, die die Welt bewegt, das Leiden und Kämpfen des Menschen in den Wirren der Zeit, kräftige Gestalten, keine Langeweile, am besten nichts über 250 Seiten und vor allen Dingen keine Experimente, nichts von diesen sogenannten modernen Prosaformen.

Das also ist eine Spielart, wie Alt-Sein geht. Nicht die schlechteste, würde ich meinen.

Der Beckenbauer der Literaturkritik

April 10, 2012 1 Kommentar
Frieden im Regal. Warum auch nicht.

Frieden im Regal. Warum auch nicht.

Marcel Reich-Ranicki ist der Franz Beckenbauer der Literaturkritik. Jenseits von Gut und Böse. Alles ist ihm schon im Voraus verziehen und im Nachhinein erst recht. Immer wollen wir ihn befragen. Irgendwas Lustiges tritt dabei unter Garantie zutage. Das Bittere und das Süße. Ohne Rücksicht auf Verluste plaudert er alte Geschichten aus. Unabhängig davon, ob die Erinnerung funktioniert oder fabuliert. Günter Grass? Ja, dieses ekelhafte Gedicht. Reich-Ranicki kennt ihn schon seit 1958. Da war er noch Pole (Reich-Ranicki, nicht Grass). Ein Freund  bat Reich-Ranicki, dass er sich um den Gast aus Deutschland, Günter Grass, kümmere. Reich-Ranicki kümmert sich (wie ihm geheißen) und stellt fest, dass der junge Dichter aus Deutschland gegen Mittag schon eine Flasche Wodka getrunken hat. Ist denn das die Menschenmöglichkeit! Er hat mir Angst gemacht, sagt Reich-Ranicki. Er hatte so etwas Wildes. Er sah aus wie ein bulgarischer Partisan, nicht wie ein junger Autor aus Westdeutschland. Phantastisch. Dem Wirtschaftswunderland. Aus diesem Mund kommt doch immer etwas Bizarres. Man muss nur etwas Geduld haben. Bescheidene Frage. Was denkt Reich-Ranicki, wie er seinerseits auf Grass gewirkt hat? Hat er ihm Zutrauen eingeflößt? Fand Grass, dass sein Kümmerer wie der Papst aussieht? Oder wie ein polnischer Schnulzensänger? Oder wie ein Parteibonze? Ein Geheimagent? Und Grass? Ob er sich erinnert? Nun, Reich-Ranicki ist nicht langweilig, wirklich nicht. Da kommt immer noch eine überraschende Wendung. Grass ist für ihn eine Skandalnudel, aber die Formulierung „letzte Tinte” in diesem ekelhaften Gedicht, die ist gut, sehr gut. Verflucht noch mal!, schreit Reich-Ranicki im Gespräch mit der FAS. Er kann nicht erklären warum. Er ist der Franz Beckenbauer der Literaturkritik. Keine Frage. Während aber Beckenbauer, die Lichtgestalt, in himmlischen Gefilden wandelt, muss Reich-Ranicki viele Höllen durchqueren. Zu bremsen ist er nicht. Von nichts und niemand.