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Archive for Februar 2012

Als man nicht mehr über Loriot sprach

Als Loriot starb, wurde es mir bald zuviel, die gesammelten Lobeshymnen zu hören und immer dieselben Sequenzen und Sketche und immer wieder den Lieblingsausruf der Bundesdeutschen, den sie auch gern variieren: „Ja, wo laufen sie denn, wo laufen sie denn.”  Was soll daran eigentlich so lustig oder auch nur bemerkenswert sein. Undifferenzierte Porträts kann ich schlecht ertragen, und obwohl auch mir vieles von Loriot unauslöschbar im Gedächtnis steckt, musste ich etwas finden, das ich an ihm aussetzen konnte, und so sagte ich, dass er bei all seiner Klugheit und Abgeklärtheit erstaunlicherweise doch auch ziemlich dünkelhaft war. Damit kam ich überhaupt nicht gut an. Dabei war es doch dieser Dünkel, den er zwar spielte, aber auch wirklich besaß (ob er nun wollte oder nicht), der ihn erst richtig komisch machte.

Später, als man schon nicht mehr über Loriot sprach, es sei denn, es fand sich eine Gelegenheit, „Wo laufen sie denn” auszurufen, sah ich noch mal die Spielfilme. Und dabei fiel mir auf, dass Loriot erst in zweiter Linie ein Komiker war. Zuallererst beschreibt er die Tragödie des gut betuchten Bundesbürgers, der keine Geldsorgen kennt und doch davon besessen ist, immer das Beste für sein gutes Geld zu bekommen. Das ist ein korrekter bis pedantischer familiärer Typ, so überkonzentriert wie zerstreut, mit einem feinen Humor begabt, der ihm meist auf die Füße fällt, ein großer Kommunikator, der sich nicht verständlich machen kann, und letztlich ein Mensch, der nichts, aber auch wirklich gar nichts auf die Reihe bekommt. Wenn er seine Liebe erklären will, klebt ihm die Nudel mal hier, mal da im Gesicht und wenn er ein Bild gerade rücken möchte, zerstört er den Raum. Aber warum sollte er auch etwas auf die Reihe bekommen? Ihm kann, was auch kommen mag, sowieso nichts geschehen, er ist in gesicherter Lage, hat immer noch ein Polster. Deshalb ist vielleicht auch der Satz „Wo laufen sie denn” so prominent geworden: Er weist auf die weitgehende Orientierungslosigkeit des Bundesdeutschen in alltäglichen Dingen hin, die allerdings folgenlos bleibt.

Being Breshnew

Ich las ein Interview mit Marco Huck, in dem ich den Mann, der vom Cruiser- ins Schwergewicht wechselte, verstand und respektierte. Das Einwandererkind. Die vielköpfige Familie im Migrantenheim. Der Vater, der sich abstrampelte für die Seinen. Der Junge, der auf der Straße unbesiegbar war und in allen Sportarten, die er betrieb, überzeugte. Der Mut des Aufsteigers, der Eifer.

Als Boxer war mir sein Stil zu rumplig. So wie es Rumpelfußballer gibt, kann es ja auch Rumpelboxer geben. Zumal wenn sie vom Kickboxen herkommen. Man gibt einem Cruisergewichtler im Schwergewicht nicht viele Chancen. Es soll eine andere Welt sein. Aber Marco Huck meinte, dass Alexander Powetkin, sein Gegner und WBA-Weltmeister, bisher nur gegen fette alte Männer gekämpft habe. Außerdem ist er nur einen Zentimeter kleiner als Powetkin, allerdings auch neun Kilo leichter.

Marco Huck wollte Schwergewichtsweltmeister werden am letzten Sonnabend, der erste deutsche seit Max Schmeling, auch wenn er der Herkunft nach Bosnier ist. Und so trat er denn auch an. Sowie er eine Chance sah, stürmte er los. Sicher ist Powetkin der sauberere Boxer, aber er verfügte nicht über die Leidenschaft Hucks. Und wenn diese Woge ihn überrollte, klappte Powetkin zusammen wie ein Taschenmesser und duckte sich ab. Und Huck hieb auf den Kauernden ein, was der Ringrichter monierte. Der Fighter hatte Powetkin am Rande des Knockouts. Aber der Weltmeister, der bei all seiner Monumentalität wie ein zu gut genährter Musterknabe wirkt, hielt durch. Auf weichen Knien vermochte er, kaum mehr bei wachem Verstand, noch die eine oder andere ordentliche Kombination zu landen, das konnte nur ein automatisierter Vorgang sein, am Rand des Bewusstseins. Die Kampfrichter sprachen dem saubereren Boxer den Sieg zu, also Powetkin.

Wie kann ein Mann gewonnen haben, der nicht mehr auf seinen Beinen stehen kann!, fand der enttäuschte Huck, und das war von der Wahrheit nicht weit entfernt. Powetkin ähnelte im Siegerinterview auf bestürzende Weise dem alten Breshnew. Erst schweigend, dann schwerfällig, mit großen Pausen, sprechend, man hatte nicht das Gefühl, dass er bei Sinnen war.

Der Mann, der immer nüchtern ist

Es ist die Stunde der alten Männer. Frank Schirrmacher schrumpfte in der FAS die Babyboomer (die Generation Wulff) auf Zwergenmaß. Der Nachfolger des Bundespräsidenten wird nun bei Amtsantritt der älteste sein, den Deutschland je hatte. Und die Berliner Hertha installiert in ihrer Not Otto Rehhagel als Cheftrainer. 73 Jahre alt. Grund genug für die Medienkollegen, den alten Quatsch, den sie einmal erfunden haben, wieder auszupacken: Rehakles, König Otto und so weiter. Da ist er also wieder, der Mann aus dem Ruhrpott, der Malocher, mit seinen drolligen, runden Bewegungen in einem kleinen Radius. Man kann nicht gerade sagen, dass er viel jünger aussieht, als er ist. Stellt sich aber immerhin als Mann dar, der über den Tellerrand schaut. Sich mit Kunst befasst hat, mit Philosophie. Um keine Antwort verlegen ist. Aber wie tickt die Jugend, scheint er sich zu fragen, was wissen die jungen Spieler? Er nimmt Raffael beiseite, Herthas begabtesten Fußballer, und fühlt einmal vor: Kennen Sie den Messi? Ja, der Name ist Raffael bekannt. Und Rehhagel erklärt ihm, dass das ein großer Einzelspieler ist, der sich, wenn es darauf ankommt, in den Dienst der Mannschaft stellt. So soll Raffael es auch halten zum Nutzen des Teams.

Findet Otto nicht gut

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Dieser Rat hat erstmal nichts genützt. Hertha unterliegt in Augsburg 0:3. Rehhagel auf der Bank – kein Bild für die Götter. Sind Sie nun ernüchtert, fragt ein Journalist in der anschließenden Pressekonferenz. Ich bin immer nüchtern, antwortet Rehhagel schlau. Der Journalist möchte, töricht wie er ist, dem Trainer den Unterschied zwischen ernüchtert und nüchtern erläutern, aber Rehhagel bleibt dabei. Bin immer nüchtern, nicht wahr, sagt er starrsinnig, ich bin ja Antialkoholiker.

Das kann ja heiter werden. Das heißt, wenn die Hertha weiter verliert, endet die Geschichte traurig. Dann hat der Verein einen großen Mann in seinen Abgrund mit hineingezogen. Ohne Schrammen kommt er da nicht raus.

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Rachs Unglücksraben

Montagabend ist Zeit für Rachs Unglücksraben. Der Restauranttester und Sternekoch – wie RTL nicht müde wird, zu erwähnen – Christian Rach besucht deutsche Wirte, deren Kneipen nicht funktionieren. Schulden laufen auf, meistens sind es sechsstellige Summen. Die Wirte befinden sich in einem Dämmerzustand. Ihre Schulden interessieren sie schon noch, aber nur am Rande. Ebenso ist es mit den Gästen, wenn es überhaupt Gäste gibt. Die Folgen sind Melancholie und Kummerspeck, Hyperaktivität und Phlegma, Hysterie und Chuzpe sowie der Traum vom Glück, das vom Himmel fällt. Verhasst ist der Spruch: Jeder ist seines Glückes Schmied.

Es gibt bei RTL für jedes Drama einen Retter. (Das scheint da das Sendekonzept zu sein.) Der Mann, der die Schulden wegmacht. Die Frau, die das Chaos beseitigt. Die Frau, die die Erziehungsprobleme erledigt. Der Mann, der die Unfähigkeit besiegt und die verschütteten Qualitäten freilegt. Das ist Rach, der Restaurantester. Hilfe zur Selbsthilfe. Von all dem Unglück, das er gesehen hat und mit dem er in der Regel per Du ist, hat er selbst schon Augenringe bekommen. (Hoffentlich keine Magengeschwüre)

Normal schaut man sich so was nicht an, aber wir sind auf den Rach gekommen, als er in Güstrow war, der Stadt, die mir im Nacken sitzt. Dort, in bester Lage, am Markt, werkelte die Eis-Heidi an ihrem Unglück. Die Eis-Heidi ist sozusagen der Phänotyp der mecklenburgischen Frau. Jede zweite in dieser meiner Heimat ist eigentlich so. Nicht auf den Mund gefallen, alles prallt an ihr ab, man weiß nicht, ob sie eine Schublade für sanfte Gefühle hat. Sie steht vor der Tür, Touristen fragen, ist bei Ihnen ein Tisch frei?, die Eis-Heidi sagt: Sehen Sie sich doch selber um. Ihr Restaurant ist der reinste Gemischtwarenladen, aber das, wofür sie steht, Eisbecher, Kaffeespezialitäten, das ist am schlechtesten, und das will schon was heißen. Vergeblichkeit, Lethargie liegen, nein, nicht wie Mehltau, sie liegen wie dicke Tropenluft über allem. Eis-Heidis Mitarbeiter setzen mit Begeisterung die Ideen des Restauranttesters um, die Eis-Heidi wiederum bleibt cool, hält die Ideen des Restauranttesters für abwegig und verdrückt sich, wenn angepackt werden muss. Aber am Ende, nicht wahr, bringt Rach das Restaurant auf Vordermann und aus der Eis-Heidi ist ein anderer Mensch geworden.

Ja, ist wie im Märchen irgendwie.

Nach einer längeren Sendepause ist Rach wieder am Start.

Einmal im Pferdestübel Sindelfingen, in dem der traurige Jens das Erbe seines Vaters und das Geld seiner Mutter in den Sand setzt, indem er auf seine chaotische, verheerende und ahnungslose Weise kocht. Ein hoffnungsloser Fall, bis endlich zwei unglaublich dicke Köche gefunden sind, die nur ein Mann, der schon alles verloren hat, einstellen kann. Jens hat keine Wahl und gewinnt.

Rach trifft auf einen total verdreckten Sizilianer, da muss erst mal der Kammerjäger kommen. Wo sind deine Träume geblieben, insistiert Rach. Es wird gescheuert, gestrichen, geputzt; man besinnt sich auf die Ursprünge, lässt das Überflüssige beiseite, es scheint zu gehen

Rach ist in Cottbus, in der Wunder-Bar, zwei naive, muntere, gleichwohl schwermütig gewordene junge Frauen, alleinstehend mit Kind, verschuldet und hilflos im Sog der Erfolglosigkeit. Als Rach seine ersten Tipps gibt und Hoffnung aufscheint, sagt Vicky: Wenn das so bleibt, freu ich mich über jede Träne, die ich vergossen habe.

Rach hat es in Süddeutschland mit einer Wirtin zu tun, die nach einem Verkehrsunfall nicht mehr heben kann und trotzdem immer wieder etwas hebt, es ist die Märtyrerrolle, die ihr am Herzen liegt, die Schuldfrage, die sie ihrem Umfeld stellt, die Nervosität, mit der sie kocht und alles durcheinander bringt, der Selbstbetrug, den Rach aufdeckt.

Rach besucht das Wirtsehepaar, das, im Herbst des Berufslebens, endlich ein gemeinsames Projekt verwirklichen will. Sie renovieren acht Jahre lang. Sie kochen alles vor, auch die Bratkartoffeln, alles wird eingefroren und vakuumverpackt. Die Pfannen und Töpfen hängen in Reih und Glied wie beim Militär, als wären sie nie benutzt. Buntheit in die Bude, Improvisation, Leben, Verrücktheit, fordert Rach.

Es gibt immer einen Weg, es gibt immer Hoffnung für die Unglücksraben. Märchen, lauter Märchen. Manche scheinen wahr zu werden.

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Kann es eine größere Musik geben?

Montag Kino. Wir entscheiden uns für die Hackeschen Höfe, wo die Filme OmU laufen. Das wäre bei „Der Junge mit dem Fahrrad” französisch. Oder flämisch? Oder wallonisch? Ist mir doch egal.

Eine dynamische Businessfrau möchte mich am liebsten über den Haufen rennen, weil ich ihr zu langsam bin. Es ist übrigens zu beiden Seiten genug Platz da, um undramatisch an mir, dem Mann, der Zeit hat, vorbeizugehen. Bevor sie das Geschäftshaus betritt, schleudert sie ihre Kippe aufs Pflaster. Rauchen, sage ich wieder, ist ein Unterschichtenphänomen, siehe Gerhard Schröder. Die vielen Treppen zum Kino hinauf, am viel gelobten Chamäleon vorbei, das mir nie etwas bedeutet hat. Am Tresen erklärt der Kartenverkäufer, vielleicht auch Besitzer und jener Typ, der neulich im Radio erzählte, warum OmU ein Erfolg ist, einem Farbigen (diese Wortwahl wegen meiner Tochter) auf englisch, welche Filme in welcher Sprache vorgeführt werden. Der Neger (diese Wortwahl wegen meiner Biographie, zu der ich mich ja auch bekennen muss) bedankt sich freundlich, alle seine Fragen sind beantwortet. Viele ältere Damen wollen in den Film The Artist gehen, aber der läuft schon seit fünf, dann sieben Minuten, aber sie kommen ohne einen Anfang nicht mehr klar, und dann entscheiden sie sich auch für den Jungen mit dem Rade.

Wir gehen in Kino 5, ein kleines, aber nicht zu kleines, als Gestaltungselement sind Sauerkrautplatten an die Wände genagelt, warum auch nicht. Die Frauen, die eigentlich in The Artist wollten, reißen ihren Tüten auf und beißen krachend in die Chips. Wir brechen in verzweifeltes Gelächter aus, das gibt ihnen zu denken. Und schon der Hauptfilm. Der Junge, der seinen Vater und sein Fahrrad verloren hat. Verzweifelt hinter ihm her telefoniert. Spuren findet, denen er nachgeht. Feststellt, dass ein Fahrrad ersetzbar ist, aber ein Vater nicht. Cyril, so heißt er, und Samantha, die Friseurin, die ihm hilft und sich, keiner weiß warum, zu ihm bekennt. Cyril kann nicht begreifen, dass sein Vater ihn verraten hat. Nein, noch schlimmer. Sein Vater hat ihn nicht verraten. Der ist kein Verräter, er ist nur ein Mann, der sein Leben auf die Reihe kriegen will und den sein Sohn dabei nur stört. Er will nichts von ihm wissen. Er will ihn aus seinem Leben auslöschen. Dabei ist er noch nicht mal unsympathisch. Das ist alles. Das erzählen die Dardenne-Brüder einfach so. Ohne Alarm zu machen. Manchmal muss man sich fragen: Haben diese großartigen Regisseure kein Herz? Sind sie so gnadenlos? Der Film tut mir körperlich weh. Immer, wenn sie glauben, dass Ermutigung oder Trost nötig wäre, ziehen die Dardennes sich zurück und spielen ein Stück des Adagios aus Beethovens Klavierkonzert Nr. 5 ein. Oh ja, sie sehen ein, dass Beethoven mehr vermag als sie, das habe auch ich schon längst eingesehen.

Immer wieder wird Cyril sein Fahrrad gestohlen, das Samantha, die Friseurin, für ihn zurückgekauft hat. Er kämpft um dieses Fahrrad, wie es ihm verwehrt ist, um seinen Vater zu kämpfen. Das ist der Vorzug der Dinge. Um sie kann man erfolgreich kämpfen. Er kämpft so, dass der junge Dealer ihn Pitbull nennt, was ein Lob sein soll. Dieser Pitbull empfiehlt sich, so erkennt der Dealer, für höhere Aufgaben, er spielt den großzügigen Kumpel, und so wird Cyril kriminell. Alle Gestalten in diesem Film sind so geführt, als wären sie davon überzeugt, in irgendeiner Weise schuldig zu sein. Sie gehen unterschiedlich damit um. Die einen verstricken sich in ihre Schuld, die anderen versuchen, ihre Schuld wieder gut zu machen, Gelegenheiten dazu, das wissen wir alle, gibt es genug. Darüber redet man nicht. Die letzten Sequenzen des Films und der Abspann werden ganz von Beethovens Adagio begleitet. Kann es eine größere Musik geben?

Eine größere nicht. Aber ebenso große auf jeden Fall. Das ist ein Teil unseres Glücks.

Am Ende sitzt der Junge wieder auf dem Fahrrad. Schwer angeschlagen, aber unbesiegt auf dem Weg zu Samantha, ein Paket Holzkohle im Arm.

Unter den Reifen ist der Stein

Schaden abwenden vom deutschen Volk

Soll man Gauck nun eitel nennen oder doch besser selbstverliebt? Einem selbstverliebten Mann kann man vieles verzeihen, auch seine Aufschneidereien. Er kann gar nichts anders, als dem Taxifahrer, kaum hat er per Handy den Anruf erhalten, dass er Kandidat sei, dröhnend zu erklären: „Sie fahren jetzt den neuen Bundespräsidenten. Wir müssen die Richtung ändern und direkt zum Bundeskanzleramt fahren.”

Dieses klassische Zitat verdanken wir der Bildzeitung. Es zeigt den Kandidaten als das, was er wirklich ist: ein verhinderter Literat. Er weiß, wie man mit Formulierungen Effekte macht, auch da muss man sagen: Er kann gar nichts anders. (Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf.) Das Schicksal sorgte dafür, dass dem Kandidaten die einsame, um Worte ringende Existenz am Schreibtisch erspart blieb. Es nahm ihn an die Hand und zeigte ihm, um wie vieles glorioser es ist, als Wanderprediger (der Freiheit) durch die Lande zu ziehen und den Leuten aus der Seele zu sprechen. Gauck kommt an. Und auch er zahlt in bar. Nun aber, wo er im Begriff ist, das Höchste zu erreichen (Müntefering würde sagen, Bundespräsident kommt gleich nach Papst), geht man ihm ans Heiligste: die Freiheit. Der Mann lebt doch getrennt von seiner Frau und ist nicht geschieden. Hat stattdessen eine Geliebte, Freundin, Lebensgefährtin; wie man es auch nennt, es wird nicht besser. Freiheit gut und schön, Herr Gauck, das geht aber nicht. Regeln Sie ihr Privatleben! Vorher sind Sie nicht wählbar für uns Wertkonservative! Lassen Sie sich scheiden und heiraten Sie Ihre Liebste, okay? Wenn Sie es nicht tun, könnten schreckliche Verwicklungen auf die Bundesrepublik Deutschland zukommen. Sie treten mit Ihrer Liebsten als First Lady auf und Ihre getrennt lebende Gattin beansprucht diesen Titel ebenfalls. Vielleicht sogar mit einem gewissen Recht. Staatsreisen, Neujahrsempfänge! Wer hat das Recht auf den Platz an Ihrer Seite? Fragen Sie sich das, Herr Gauck, fragen sie es sich Tag und Nacht. Wenden Sie Schaden ab vom deutschen Volk. Haben wir uns verstanden?

Kategorien:Deutsche Grammatik

Eine neue Liga ist wie ein neues Leben

An einem Sonntagvormittag in Prag

Des Fußballs wegen sind wir nach Böhmen gefahren, drei Spiele der Gambrinusliga wollen wir sehen, Sportfreund Pietsch hat mich überredet, mir gingen irgendwann die glaubwürdigen Ausreden aus. Dass wir auch das Pflaster böhmischer Städte traten, war eine sekundäre, aber nicht unbedeutende Erscheinung. Der Schlachtenbummler kennt Teile der Welt. Ich erinnere mich, wie sich Berliner Union-Fans zu DDR-Zeiten nach einem Abstieg damit anfreundeten, dass sie nunmehr nicht nach Dresden, Leipzig und Erfurt fahren würden, sondern nach Fürstenwalde, Schwedt und Brieske-Senftenberg. Ortschaften, die etwas Tröstliches haben können.

Nun sitzen wir an einem dunklen Prager Abend in der Straßenbahn und fahren nach Letna im Nordwesten der Stadt, wo der AC Sparta Prag spielt, heute gegen FK Mladá Boleslav (Jungbunzlau). Zur Geschichte von Sparta Prag gehört der historische, aber noch immer ungeklärte Brand der Haupttribüne am 10. April 1934 sowie die Eurostars Petr Cech, Pavel Nedved, Jan Koller und Tomas Rosicky, die alle irgendwann zu gut wurden, um sie in Prag halten zu können.

Gambrinusliga klingt zunächst kurios, aber es ist eben die solvente Gambrinusbrauerei, die die Liga sponsert. In Böhmen findet keiner was dabei. Die muntere alte Dame, die uns in ihrer Box die Tickets (220 Tschechenkronen = knappe 9 €) verkauft, sieht auch eher so aus, als würde sie für ihre Dienste nicht mit Tschechenkronen, sondern mit Gambrinusbier entlohnt. Sportfreund Pietsch legt Wert darauf, weit oben auf Höhe der Mittellinie sitzen. Mittellinie klappt (fast), weit oben nicht. Wir haben die sechste Reihe, Platz 2 und 3, können gleichsam die Grashalme eines vorzüglichen Rasens zählen. Mir ist das recht, während Pietsch, der Kopfmensch, Wert auf Überblick legt, um taktische Finessen und Spielsysteme zu ergründen; mir ist die Unmittelbarkeit lieber, die daheim in der Bundesliga längst verloren gegangen ist. Auf Platz 1 steht mein Plastikbecher mit einem halben Liter Gambrinusbier. Die Traversen ragen nicht sehr hoch, vielleicht 18 bis 20 Reihen, mir gefallen diese Dimensionen, man befindet sich nicht in einer Schlucht, aus der es scheinbar kein Entrinnen gibt. Das Stadion hat 20 374 Sitzplätze. Heutige Zuschauerzahl 7307. Da ballt sich nichts zusammen, Leidenschaft ja, Fanatismus nein. Der Freund der Gambrinusliga mokiert sich über die Heizstrahler, die uns von der Bedachung der Tribüne aus erwärmen. Fußball ist kein Zuckerschlecken, auch für den Fan nicht, er will nicht in Watte gepackt werden.

Vor dem Anstoß sind noch die Fahnenschwenker in Aktion, sie repräsentieren mit ihren riesigen Kunststofffahnen wohl die Fanclubs. Herr Pietsch verspottet eine junge Schöne, die zwar einen geilen Hintern hat, aber die Fahre nicht rhythmisch nach der Musik zu bewegen vermag, außerdem laufend auf den Stoffrand tritt und ins Taumeln gerät.

Sparta Prag ist souveräner Spitzenreiter (30 Punkte), Mlada Boleslav (19 Punkte) gehört ins breite Mittelfeld der Liga, verteidigt aber auf Gegners Platz sehr gut. Da steht der lange Adriani Rolko mit dem legendären Zopf in der Innenverteidigung und neben ihm der kahlköpfige Petr Johana, der den gewaltigen Schwarzen Leonard Kweuke, einen alten Bekannten aus Cottbus, der trotz seiner Masse die geschmeidigen Bewegungen eines Panters hat, bekämpft. Geschickt befreit sich Jungbunzlau aus der Defensive, die langen Pässe auf die Außen kommen fast immer an, und dann wird es gefährlich vorm Tor des Tabellenführers, der seinerseits meistens über links, den Hoffnungsträger Ladislav Krejci, kommt, der im Programmheft auf acht Hochglanzseiten abgefeiert wird. Krejci wird mit seinen Schüssen sogar von der Außenlinie aus gefährlich. In der 43. Minute schlägt auf der anderen Seite Marek Kulic, der Routinier der Jungbunzlauer, zu. Gute Schussposition, abgefälschter Ball, 0:1. Der Außenseiter führt gegen den Spitzenreiter.

In der Halbzeit werden Slalomspiele und ein Match der Prager Kindermannschaften geboten, es sind kurzbeinige  Acht- bis Zehnjährige mit lustigen Pudelmützen und immer in Gefahr, über den Ball zu stolpern, die nach dem Spiel zu großer Form auflaufen, als sie sich mit routinierten Posen den Beifall der Zuschauer abholen. Ich bin in der neuen Welt der anderen Liga angekommen und resümiere, dass die Verhältnisse in der Gambrinusliga bürgerlicher sind, überschaubarer als bei uns in Deutschland, es ermangelt der Rohheit, des Drucks des großen Geldes, des Überlebenskampfes auf hohem Niveau. Pietsch schätzt, dass die Spieler hier drei- bis viertausend Euro im Monat verdienen. In Böhmen wurde der Profifußball um 1925 eingeführt, in Deutschland offiziell 40 Jahre später. Was sagt uns das? In Böhmen ist Profifußball ein alter Hut, ohne die Extremausschläge nach oben.

Kann Sparta das Spiel drehen?  Nach der Pause gestalten sich die Angriffe ungeordnet, wütend, an Kweukes Körpersprache ist zu sehen, dass er längst die Lust verloren hat, mit der Vergeblichkeit des Seins kann er sich nicht anfreunden. In der 61. Minute macht Chramosta das 2:0 für den Gast, und Kulic, der Spielführer, wohl schon 37 Jahr alt und leicvht übergewichtig, vollendet den schönsten, von ihm selbst eingeleiteten Spielzug nach Doppelpass zum 3:0. Die Messen sind gelesen, die Fans verlassen das Stadion. Der Rasen wirkt noch genauso makellos wie vor dem Spiel.

Sportfreund Pietsch muss noch den Sparta-Fanshop aufsuchen, der vor dem Spiel wegen Überfüllung des Öfteren zugesperrt wurde. Hier nun versorgen sich die unterlegenen Fans unverdrossen mit Devotionalien, und auch Pietsch kauft ein Blatt mit Aufklebern, die ihm aus unerfindlichen Gründen etwas bedeuten.

Jiri Stajner greift nicht ein – wozu auch

Tags darauf. Wir können zu Fuß zum Fußball gehen. Das Stadion in der Mitte der Stadt. Die Sportzeitung, der Hauptbahnhof, die Gepäckautomaten. In der Tschechoslowakei ruft der Honigmann: Met. Eine gewisse Albernheit hat uns ergriffen. FK Viktoria Zizkov gegen FC Slovan Liberec. Zizkov ist, Zitat, ein tristes Prager Arbeiterviertel, hier ist der Dichter Jaroslav Seifert geboren und wohnhaft gewesen, der erste Tscheche, der den Literaturnobelpreis erhielt („Ein kantiges Leidensbild ist die Stadt…”)

Zizkov ist Tabellenvierzehnter (von 16 Teams), Liberec Vierter. Wenn auch sonst alles ziemlich nach Prekariat aussieht bei Zizkov, für das leibliche Wohl ist gesorgt. Bier, die rote Kolbassa, Wurstsuppe, Schaschlik. Das Spiel beginnt 10.15 Uhr. Bei Liberec taucht mit Jiri Stajner überraschend ein alter Bekannter (Hannover 96) auf. Ich staune, dass er eigentlich schlanker und fitter aussieht als in seinen Bundesligazeiten, zu unnötigen Kraftanstrengungen neigt er jedoch nicht. Die Liberecer Fans stehen auf der Gegentribüne, eine beträchtliche, auch beträchtlich leidenschaftliche Gruppe, während der Zizkov-Fanclub ein kleines Häufchen hinter dem eigenen Tor darstellt, aber das Team nach einer anspruchsvollen Choreographie anzufeuern versteht. Bei Liberec steht ein Emil Rilke im  erweiterten Aufgebot, wird aber leider nicht eingesetzt. Dafür haben sie einen Goalgetter in Michal Breznanik. Der schlägt zweimal zu, daneben noch Michael Rabusic und Jiri Stajner durch Elfmeter. Zizkov schafft nur den Anschlusstreffer zu Beginn der zweiten Halbzeit durch Jiri Böhm. Da stehen wir noch auf der Gegenseite, wo wir uns Bier und Kolbassa besorgt haben, die rote, fette, knusprige Wurst, wir stehen unmittelbar neben der Außenlinie. Vor unseren Augen laufen sich die Auswechselspieler warm, vielleicht ist Emil Rilke unter ihnen, wenn auch keiner wie ein Dichter aussieht.

Rilkes Höhenflug?

Die Fans der zurückliegenden Zizkov-Mannschaft, die übrigens in früheren Jahren in Korruptions- und Bestechungsaffären verwickelt war, haben inzwischen einige Male ihrem

Zorn oder ihren verzweifelten Hoffnungen Luft gemacht. Den Glanzpunkt dieser Entäußerungen leistet ein voluminöser Mann mit wallendem weißen Haar und Trenchcoathänger. Er erhebt sich dramatisch von seinem Sitz und ruft mit gewaltiger Stimme eine Parole ins Spielgeschehen hinein, wobei er die Arme und damit den Mantel wie ein Schutzschild  ausbreitet, als wolle er das Team segnen oder selbst über das Stadion hinweg auffliegen  in die Himmel der Unabsteigbaren. Ein Außeridrischer? Ein Verrückter? Am Ende sitzt er auf den Holzbänken neben den Kiosken, trinkt engagiert sein Gambrinusbier und blickte halb ironisch, halb melancholisch, auf jeden Fall versöhnt auf die Niederlage zurück, vielleicht ein Prager Künstler mit breitem böhmischen Gesicht, der im Zizkov-Stadion das Leben authentischer antrifft als irgendwo.

Im Zug nach Gablonz kommen wir auf Pietschs Leidenschaft für die Gambrinusliga zu sprechen. Sie nahm ihren Anfang an dem Tag, als ihm bewusst wurde, dass Empor Klein Wanzleben den Stürmer Pietsch nicht mehr brauche. Was sollte er nun mit seinen Wochenenden anfangen. Da gab es einerseits die allerdings aufwendigen Schlachtenbummeleien nach London oder Barcelona. Da waren andererseits die böhmischen Wurzeln seiner Familie, sein Vater, dem ein glückliches Leben in Sachsen-Anhalt ohne Bauernhof nicht möglich war. So hatte die Liebe zur Gambrinusliga eine Basis, wenn es auch Leute, vor allem Frauen, gab, die diese Liebe nicht verstanden.

Es ist doch aber etwas Besonderes, sage ich.

Ach. Die Verkauzungsgefahr ist doch sehr groß, antwortet er.

So kommen wir nach Jablonec, die Glas- und Schmuckstadt in den Bergen, beziehen unsere Räume im Hotel Sport und werfen einen Blick auf das Fußballstadion, direkt unterhalb des Hotels, ein klarer moderner Bau. Das Fernsehen richtet seine Technik ein.

Für den FK Jablonec bietet der Spieltag die Chance, auf den zweiten Tabellenplatz vorzurücken und den Abstand zu Sparta zu verkürzen. Das Hotel Sport ist offensichtlich der Sammelpunkt der Fußballer, die vermutlich überwiegend nicht in Jablonec wohnen. Sie fahren mit BMW oder anderen großen Wagen älteren Baujahre vor, beziehen Zimmer, um vor dem Spiel zu ruhen. Petr Pavlik, der Mannschaftskapitän von FK Baumit Jablonec, hat das Zimmer gegenüber dem meinen. Sportfreund Pietsch, der schon das eine oder andere deutsche oder englische Wort mit ihm gewechselt hat, fragt nach, ob man Teplice heute schlagen werde. Pavlik geht wohl davon aus, vermeidet es als erfahrener Sportler jedoch, den Mund allzu voll zu nehmen.

Wir ziehen uns warm an. Sportfreund Pietsch verabschiedet sich von Frau Munzikova („Munzi”) am Empfang wie ein Krieger, der in die Schlacht zieht. Wir haben es nur ein paar Schritte durch den Wald den Berg hinab, dann sind wir am Seiteneingang, das Ticket kostet 100 Tschechenkronen, das sind 4 €. Sportfreund Pietsch inspiziert zunächst den Fanshop, kauft wider Erwarten nichts. Dann wenden wir uns dem Imbissbereich in der Stadionumbauung zu, versorgen uns mit Gambrinusbier und Kolbassa. Alles ohne Gedränge, ohne Hektik, sehr sauber. Nummerierte Plätze in Reihe 18 (kommt mir aber gar nicht so weit oben vor). Die Reihen der Chance Arena sind spärlich besetzt (3130 Zuschauer), es ist ein Montag, und dann müssen wir noch feststellen, dass Jablonec’ Goalgetter, David Lavata, verletzt fehlt. Dafür ist der neue Hoffnungsträger, der junge Jan Kopic, auf der rechten Außenbahn dabei, der die Hoffnungen zurecht trägt, wie ich finde, er ist schnell, technisch versiert, einfallsreich, es fehlt nur an Mitspielern, die auf seine Ideen einzugehen vermögen. Auch hier ist der Rasen äußerst gepflegt, hinter dem, vor uns rechts erregt sich ein älterer Fan immer wieder, und in der 73. Minute kommt dann das, was kommen musste, Vlastimil Stozicky, schließt einen Konter der Teplicer locker ab. Danach packt Jablonec die Brechstange aus, nützt aber nichts mehr, sie konnten sich sowieso kaum klare Chancen herausspielen.

Für mich, der ich aus einer Zeit komme, da Fußballspiele ausschließlich bei Tageslicht stattfanden, haben Flutlichtspiele noch immer und für ewig etwas Ungewöhnliches, Unwirkliches, Märchenhaftes.

Sportfreund Pietsch ist untröstlich. Jablonec hätte die Meisterschaft wieder etwas offener gestalten können. Warum nur diese sang- und klanglose Niederlage! Wir setzen uns ins Foyer unseres Hotels. Kaufen bei Munzi ne Buddel Trostbier, schauen noch in den Keller, wo junge Russen auf bemerkenswert aggressive Weise und nur mit der Vorhand Tischtennis kloppen. Könnte sein, dass ich gegen sie alt aussähe. Vielleicht aber auch nicht.

Spät am Abend erscheint Petr Pavlik, schwer hinkend, eine entschuldigende Geste in Richtung Pietsch machend, er wirkt charmant und viel filigraner als auf dem Platz, wo er bei aller Zuverlässigkeit eine gewisse Steifheit in den Hüften nicht überspielen konnte und sich nach einer Aktion, bei der er sich auch noch selbst verletzte, eine gelbe Karte abholte.

Das war die Gambrinusliga. Drei Heimniederlagen in drei Spielen. Ein dichter grüner Rasen, wie man ihn sich nur wünschen kann, selbst bei eher mittellosen Vereinen wie Zizkov Prag. Sportfreund Pietsch führt das darauf zurück, dass die Zweikämpfe hier nicht so hart ausgefochten werden wie in den großen europäischen Ligen. Eine Ansicht, die ich nicht teile. Liebe zum Fußball, aber keine Hysterie. Es ist ja die Masse, die aggressiv macht, niederträchtig und gemein. Und diese Masse bringt die Gambriunsliga einfach nicht auf die Beine. So erfreulich und so bedauerlich das auch sei.