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Posts Tagged ‘Güstrow’

Die Provinz gefällt sich selbst

Die Allee mit diesen schrägen Bäumen habe ich nie gesehen. Man war eben jung. © Fritz-Jochen Kopka

Die Allee mit diesen schrägen Bäumen habe ich nie gesehen. Man war eben jung.
© Fritz-Jochen Kopka

Stadtbegehung wie jedesmal. Gerettete Häuser, neue Wohnanlagen mit Hofgestaltung zwischen Mülltonnen und Parkplätzen, ein paar Ruinen sind entfernt worden und haben Brachen hinterlassen, am Markt steht von einem Haus nur noch die Fassade, wird durch ein monströses Gerüst gestützt und soll wieder ein historisches Gebäude werden. In einer Zeit nach unserer Zeit. Die Einheimischen mokieren sich, besonders die Leute vom Bau, die sich in einem Dauerkonflikt mit denen vom Denkmalschutz befinden. Es gibt ein paar schöne wiederhergestellte Giebelhäuser, norddeutsche Backsteingotik. Wir erweisen ihnen Respekt, geliebt haben wir sie nicht. Wir kennen nicht ihr Innenleben. Anrührend sind die seltsamen alten Straßennamen, Krönchenhagen und Armesünderstraße, Wachsbleichenstraße und Walkmühlenstraße, Kattrepel und Katzenstraße, Grüner Winkel.

Die Stadt will erlaufen werden

Die Stadt will erlaufen werden

An einem Gedenkstein für den Ziegenmarkt wird gezweifelt, ob es den je gegeben hat, aber Uwe kann immerhin erzählen, dass sein Großvater, der wohl auch eine Art Ackerbürger war, immer mal wieder sagte: Ick hew hüt keen Tied, gah du man, und dann musste Uwe die Ziege zum Decken bringen, er war vielleicht acht Jahre, zog die Ziege hinter sich her, aber wenn das Tier den Geruch der Deckungsakte witterte, war sie es, die ins Laufen kam und den Knaben hinter sich herzog. Ist das nicht sexistisch?

Eine Fassade, die einem fast leidtun kann. Dahinter die Pfarrkirche

Eine Fassade, die einem fast leidtun kann. Dahinter die Pfarrkirche

Wir streifen das ehemalige Mädcheninternat, gleich gegenüber der Schule, vor der die Büste Uwe Johnsons steht, der hier gelernt hat wie wir alle und seine „Ingrid Babendererde” an diesem Ort spielen lässt, aber wir wären keine Güstrower, wenn wir nicht einige unter uns hätten, die der Meinung wären, die Skulptur bilde den mecklenburgische Dichter und Namensgeber des Gymnasiums John Brinckman ab.

Frischer Mut im alten Haus

Frischer Mut im alten Haus

Unser erstes Jahr auf dem Gymnasium war dominiert vom Theater um unseren blutjungen Klassenlehrer, der, frisch von der Uni, in dem Bemühen, hochdeutsch zu reden, ein geradezu dämonisches Sächsisch sprach. Peinlich berührt erzählen wir uns noch einmal die Streiche und Untaten, die wir an ihm verübten und die dazu führten, dass er nach einem Jahr aufs Dorf geschickt wurde. Dabei war er uns nicht mal unsympathisch, aber wir konnten einfach nicht anders, wir mussten ihn quälen, keiner weiß warum. Wir würden ja wahrscheinlich auch noch genug gequält werden in unserem Leben.

Das ist Provinz

Wenn ich die Weiden über dem Nebel-River sehe, weiß ich, das ich zu Hause bin @ Fritz-Jochen Kopka

Wenn ich die Weiden über dem Nebel-River sehe, weiß ich, das ich zu Hause bin
@ Fritz-Jochen Kopka

In der Pfarrkirche zu Güstrow ringt ein Mann um Fassung. Er wollte seiner Gefährtin den Schwebenden Engel von Barlach zeigen. Der hängt aber im Dom, und der Dom sperrt am Sonnabend um 16 Uhr zu. Sind Sie nicht Friedel Drautzburg, sage ich. Ja, sagt der Mann, schon fast versöhnt, woher kennen wir uns? Ich habe mal für die „Woche” ein Porträt über Sie und Ihre Ständige Vertretung geschrieben. Ja, ruft er, das war der beste Artikel. Wunderbar.

Damals ging es um den Regierungsumzug von Bonn nach Berlin. Drautzburg hatte in Bonn die Schumannklause, wo sich die politische Klasse mit Künstlern und Journalisten traf. Er war gegen den Umzug und kämpfte an vorderster Front. Als die Entscheidung gegen Bonn gefallen war, eilte er der Regierung voraus und etablierte im ehemaligen Wein-ABC am Schiffbauerdamm die „Ständige Vertretung”, kurz StäV, rheinische Gastlichkeit mit Kölsch an der Spree. „Wenn Friedel Drautzburg auf der Bildfläche erscheint, gibt sich die Zeit einen Ruck und tickt schneller… Jeder Satz ist gekonnt übertrieben, es findet sich immer ein Grund, aufgebracht zu sein.” Es waren wahrscheinlich solche Formulierungen, die dem Wirt gefielen. Aber der Höhepunkt waren denn doch seine Sätze, etwa die Ode auf das Kölsch: “Sie können trinken und trinken, dat wird nicht bitter im Hals. Sie müssen’s auch sofort wegtragen, es ist der gesündeste Nierenspüler. Das wird in Köln von den Urologen verschrieben. Es macht nicht dumpf und schwer, ich habe ja noch im Leben keinen Betrunkenen im Laden gehabt.”

Vor dem Altar in der Pfarrkirche. der Schwebende Engel hängt aber im verschlossenen Dom

Vor dem Altar in der Pfarrkirche. Der Schwebende Engel hängt aber im verschlossenen Dom

So. Und nun stand Drautzburg in Güstrow, wollte den berühmten Schwebenden Engel sehen und zeigen, und es war zugesperrt. „Das ist Provinz”, sagte er anklagend, aber das machte auch nichts besser.

Klar. Es ist Provinz. Alles geht langsamer, und der Kellner im Ratskeller tut so, als wäre ich Luft. Das kann er sehr gut. Ich habe mich nicht bei ihm angemeldet und gefragt, ob ich mich niedersetzen darf. Gehe ich eben ins Restaurant zur Post, wo eine Hochzeitsgesellschaft mit einer imposanten Braut tafelt und ein älteres Paar mit Engelszungen versucht, seinem elfenhaften Enkel das Essen schmackhaft zu machen. Der Mecklenburger nimmt es im Ganzen nicht so genau, aber beim Essen legt er Wert darauf, mäklig zu sein.

Wir haben wieder mal ein Altschülertreffen. Den Schlossberg hinauf, den ich hinuntergehe, kommt mir das Mädchen entgegen, mit dem ich das letzte Mal zum Abiball gesprochen habe, vor über fünfzig Jahren. Ist immer noch eine handfeste ländliche Schönheit, die unerschrocken mit hohen Absätzen durch die unebene Stadt stöckelt. Sie hat die Mitschüler am vereinbarten Ort nicht angetroffen. Mit meiner Hilfe schafft sie es nun doch.

Der Sxhlossgarten.Die Geometrie ist ja mustergültig, aber wir würden uns wünschen, dass die Pflanzen auch wachsen

Der Schlossgarten. Die Geometrie ist ja mustergültig, aber wir würden uns schon wünschen, dass die Pflanzen auch wachsen.

Wir altern alle, aber altern doch auch auf unterschiedliche Weisen. Die Großen sind hagere Typen geworden, die Kleinen rundliche. Wir haben einen Amerikaner dabei, dem die kalifornische Sonne die Haut gegerbt hat. Er sieht aus wie Clint Eastwood in Gran Torino und fährt ein Elektroauto. Auch zwei Russen sind unter uns, Jungs, die in der Sowjetunion studiert und russische Frauen geheiratet haben. Der Schwiegervater sagte: Hab ich mich bis Berlin durchgekämpft, damit meine Tochter jetzt einen Deutschen heiratet?! Und später, vermute ich, sagte er versöhnlich über den Schwiegersohn: Er ist zwar ein Deutscher, aber er fühlt wie ein Russe. Von Schicksalsschlägen und Wundern kann wie immer berichtet werden. Leute, die abgesagt haben, weil die Beine den Dienst versagen. Und Leute, die nicht mehr gehen und sprechen konnten und plötzlich wieder gehen und sprechen können. Ärztliche Kunst und Willenskraft. Lebenslustige Witwen, denen der Mann gestorben ist und seine Frau wohlversorgt wusste mit seiner Leibrente, aber die war eben an diese eine Person gebunden und verfiel mit dem Ableben, 200 000 €, gone with the wind. Fachgespräche über Hörgeräte, die im Konzert und im Dialog wunderbar funktionieren, aber das Gruppengespräch wie eben jetzt ist die Hölle. Selektives Hören bringen diese Geräte nicht zustande, so teuer sie auch sein mögen, und sie sind teuer, es sei denn, man ist Beamter, dann zahlt man nur einen Bruchteil.

Fortsetzung morgen

Unser Deutschlehrer und Gérard Philipe

Seitenflügel unserer alten Schule. Die Skulptur soll Uwe Johnson darstellen, der hier wahrscheinlich seine besten Tage erlebte

Seitenflügel unserer alten Schule. Die Skulptur soll Uwe Johnson darstellen, der hier wahrscheinlich seine besten Tage erlebte

Die Mädchen in unserer Klasse brachen seelisch zusammen, als unser Deutschlehrer in seiner apodiktischen Art sagte, dass Gérard Philipe ein ganz mieser Schauspieler sei, ein total überschätzter Nichtskönner, absolut talentlos. Wir hatten uns daran gewöhnt, dass dieser Deutschlehrer recht hatte. Seine Ansprüche waren hoch (so verachtete er das Güstrower Stadttheater), sein rhetorisches Vermögen war enorm, sein hochmütiger Charme unwiderstehlich. Wir liebten ihn nicht, aber wir achteten und fürchteten ihn. Aber was war nun mit Gérard Philipe, der noch eine viel größere Autorität war, ein Star über alle Ländergrenzen hinweg, Fanfan, der Husar! Unser Deutschlehrer tat so, als läge es auf der Hand, dass Gérard Philipe eine Null sei. Argumente lieferte er nicht.

Erst jetzt bin ich dahinter gekommen, was er gemeint haben könnte, als Arte den Film „Aufenthalt vor Vera Cruz” zeigte. Die Rolle des Arztes, der mit Schuld am Tod seiner Frau ist und seither um ein Glas Tequila oder besser eine Flasche Tequila bettelt und sich dafür erniedrigt, lag dem Star aus Frankreich überhaupt nicht. Er konnte einfach keinen Betrunkenen spielen, die torkelnden Bewegungen waren viel zu spielerisch und elegant, das stoppelbärige Gesicht, das verschwitzte Hemd., die zerlatschten Schuhe, der Nihilismus und die zynischen Reden, das alles passte nicht zusammen, und erst am Schluss, als der Trinker das Trinken lässt, Menschen rettet und Michèle Morgan umarmt und küsst, war der Schauspieler Gérard Philipe wieder auf der Höhe. Aber da hatte unser Deutschlehrer das Kino wahrscheinlich schon verlassen. So wie er die Aufführungen des Stadttheaters regelmäßig in der Pause verließ, um uns am nächsten Tag zu erklären, wie minderwertig das alles war, was uns da vorgesetzt wurde. Nur bei Gérard Philipe blieb er uns Erklärungen schuldig. So ist das eben, wenn ein stattlicher Mann über einen schönen Mann redet, dem die Frauen zu Füßen liegen, während ihnen der energische, nicht übel aussehende Mann eher Angst macht.

Weg wohin und wohin weg

Berlin Hbf Fotos: Fritz-Jochen Kopka

Berlin Hbf
Fotos: Fritz-Jochen Kopka

Letzter Blick Berlin. Hauptbahnhof mit iPhone-Werbung. Ein Menschenauflauf. Polizei und viele Asiaten mit Anzügen und einem Abzeichen am Revers. Die Reisenden sind mehr oder minder gezwungen, Spalier zu stehen. Darf man fragen, wer hier geschützt wird?, fragt eine Dame. Der junge Polizist antwortet bereitwillig, aber unverständlich.

Reisegruppen, Paare, Individualisten. Der Connex, in dem ich sitze, akzeptiert keine Fahrkarten der Deutschen Bahn. „Dazu gehören auch das Länderticket, das Quer-durchs-Land-Ticket und das Schöne-Wochenendticket.” Was es alles so gibt. Aber der Connex gefällt mir, ist sauber, gut gelaunte Zugbegleiter, wenn man Hunger hat, kann man sich Brötchen kaufen oder Kaffee und Kuchen. Unter uns die Straße belebt mit zielstrebigen PKW. Neben uns vespernde Rentner nach der Lektüre der Computerzeitschrift. Und erlöse uns von der Deutschen Bahn.

Wenn Weiden trauern

Wenn Weiden trauern

Erster Blick Güstrow. Die Brücke über dem Nebel-River. Die Zweige der Weiden streicheln das Wasser. Das war schon immer so. Genauso wie es seit Unzeiten die beiden Kastanien auf dem Brunnenplatz gibt. Wenn du das siehst, scheint die Zeit von damals wieder anwesend zu sein und nichts ist passiert.

Der Vorbestand soll sichtbar bleiben

Der Vorbestand soll sichtbar bleiben

Der Schwebende oder auch schwebender Engel

Der Schwebende oder auch schwebender Engel

Die Domschule, die damals Kersting-Schule hieß, steht kurz vor dem Abschluss ihrer Rekonstruktion und ist – angesichts der Gefahr jugendlicher Amokläufer – mit modernster Sicherheitstechnik ausgestattet. Ist Pflicht und kostet ein Heidengeld. Im Dom schwebt wieder Barlachs Schwebender. Eine berühmte Plastik, die, als sie noch nicht berühmt war, bei den Einheimischen auf wenig Liebe stieß, und die Nazis haben sie zerstört. Es dauerte lange und bedurfte vieler Verwicklungen, bis ein Abguss des Schwebenden wieder an seinem Platz hing.

See ohne Vögel

See ohne Vögel

Auf dem Inselsee. Die Ufer bilden eine harmonische Freizeitlandschaft. Berühmt waren die Bootshäuser. Man konnte nicht daran vorübergehen, ohne an die Honoratioren und ihre Nachkommen zu denken, an Partys und Orgien, an Legenden und Gerüchte. Erinnerung an ein Praktikum. Wir haben das Ufer des Schulbootshauses befestigt. Pfähle in den Grund gerammt mit zotigen Sprüchen. Nach neueren Meldungen gibt es keine Vögel mehr am Inselsee. Ökoaktivisten haben die Freiheit der Tiere einer Nerzfarm erkämpft. Die Nerze, die keine natürlichen Feinde haben, wurden einerseits von Autos überfahren, andererseits räuberten sie die Vogelnester aus.

Ruhe am Schloss

Ruhe am Schloss

So kann man sich vielleicht einen Mittelstürmer von Hansa Rostock vorstellen, wenn man Humor hat. Das Schloss, das viele Geschichten seiner Zweckentfremdungen erzählen könnte, es hat immer auch etwas Unwirkliches, zumindest seit man die Schlossattrappe in Berlin gesehen hat. In unserer Kindheit war es Altersheim. Im Stadtbild wirkten die Leute aus dem Schloss meistens ziemlich schräg. Man erkannte sie sofort: die Schlossmucker.

Eis-Heidi am Markt

Eis-Heidi am Markt

Alte kaputte Fabrik

Alte kaputte Fabrik

Eis-Heidi am Markt 7. Eine der schönsten Geschichten, die der Restaurant-Tester Rach zu erzählen hatte, denn Eis-Heidi, die der Hilfe bedurfte, konnte sich lange Zeit nicht von dem Gefühl lösen, dass sie es besser wüsste als der Sterne-Koch. Am Ende war das Lokal aber doch gerettet.

Mitten in der Stadt. Ich dachte, hier hätte sich mal die Spirituosenfabrik G. Winkelhausen befunden, aber die gibt es ja noch, wenn auch mit jetzt mit bayerischem Eigentümer. Egal. In den Ferien zogen wir los, um Geld zu verdienen. In Gärtnereien, in der Bettfedernfabrik, in Baubetrieben. Bei Winkelhaken, damals volkseigen, haben wir es auch versucht. Heute ist die Spirituosenfabrik besonders stolz auf den Echten Rostocker Doppelkümmel.

Kunst im öffentlichen Raum

Kunst im öffentlichen Raum

Ostkreuz for ever

Ostkreuz for ever

Letzter Blick Güstrow. Der weiße Hai 5. Oder: Damit der Abschied nicht schwer fällt.

Wieder in Berlin. Bahnhof Ostkreuz. Baustelle Ostkreuz. Die Leute suchen ihren Weg. Die Züge kommen und gehen. Die Leute suchen immer noch.

Wir armen Hansa-Rostock-Schweine (8)

Ob wir noch die Kurve kriegen?

Ob wir noch die Kurve kriegen?

Ich bin in Güstrow. Wieder so ein Altschülertreffen. Einige gehen jetzt schon am Stock. Sieht nicht mal schlecht aus. Zur Besichtigung stehen die Renaissance- und Barockbestände der in Rekonstruktion befindlichen Domschule und der Dom selbst, in dem auch einiges restauriert wurde erstmals nach vielen Jahrzehnten. Häufig fällt das Wort Fördermittel. Wer Fördermittel beantragen darf und wer nicht. Wer sie bekommt und damit punktet. Der Stolz der kleinen Stadt, mit Selbstironie versetzt. Kaffee und Kuchen am Inselsee. Nicht jeder erkennt jeden gleich wieder. Eine Kutterfahrt. Der Kapitän ist Sachse. Wir haben uns längst an alles gewöhnt. Als wir wieder an Land sind, gibt es die Fußballergebnisse. Hansa Rostock – Arminia Bielefeld 4:2. Keiner will es noch glauben. Hansa hat im Jahr 2014 noch kein Heimspiel gewonnen und fordert den Gegner immer nachhaltiger auf, ohne Torwart zu spielen. Der kriegt sowieso nichts zu tun. Wir armen Hansa-Rostock-Schweine müssen nämlich tief verteidigen, weil hoch verteidigen uns zur Zeit nicht gelingt. Was auf der anderen Seite heißt, dass wir nach vorne nichts machen. Nur ein paar lange Bälle aus der Verteidigung in den gegnerischen Strafraum, wo sie leicht abgefangen werden.

Als ich wieder zu Hause bin, gehe ich auf die Homepage des FC Hansa. Dort werden die Hansa-Tore noch mal gezeigt mit dem Ton der Amateur-Reporter des Fan-Radios. Die beiden Jungs sind wie von Sinnen, als ein Hansa-Spieler (vielleicht) im Strafraum gefoult wird. Elfmeter, brüllen sie, Elfmeter, und Rot, das muss die Rote Karte geben. Und schon fühlen wir uns wieder betrogen, weil der Schiedsrichter nicht rot zieht. Dafür gibt er gleich noch einen Elfmeter und obendrein schießen die Bielefelder ein Selbsttor. 3:0 für Hansa. Aber wir armen Hansa-Rostock-Schweine wären nicht die armen Hansa-Rostock-Schweine, wenn der Sieg nicht noch mal in Gefahr geriete. 3:2. Und dann das Happy End. 4:2. Die nach dem Spiel befragten Fans sind überglücklich. Sie könnten nach einem Sechser im Lotto oder einem Durchmarsch bei Jauch bis zur Million nicht glücklicher sein. Könnten auch nicht glücklicher sein, wenn Hansa Deutscher Meister geworden wäre. Es sind nur drei Punkte. Wir stehen noch im unteren Drittel der Tabelle. Aus tiefer Not schrei ich zu dir.

Warnemünde kann sehr kalt sein

Mehr-Generationen-Mole in Warnemünde © Christian Brachwitz

Mehr-Generationen-Mole in Warnemünde
© Christian Brachwitz

Warnemünde ist da, wo die Warnow in die Ostsee mündet. Die Nebel wiederum, die durch meine Heimatstadt Güstrow fließt, mündet nach meinem Verständnis irgendwann in die Warnow, genau gesagt bei Bützow. Das ist ein unauslöschbares Bild. Man steht auf der Brücke über der Nebel, die Zweige der Weiden streben abwärts ins Wasser (Die Trauerweiden vor dem Wasser wissen mit ihren langen Wimpern nicht wohin). Es war nicht weit von Güstrow nach Rostock-Warnemünde. 45 km vielleicht. Abends sah man Leute, die morgens normal in den Zug gestiegen waren, krebsrot oder tiefbraun wieder aussteigen. Die hatten sich in Warnemünde in die Sonne geknallt.

Warnemünde kann sehr kalt sein. Das merken vor allem die Kinder. Das Meer ist immer angriffslustig. Es gibt den Teepott (avantgardistische DDR-Architektur mit der Dachkonstruktion aus einer hyperbolischen Parabolidschale), die Strandpromenade und das Neptun-Hotel. Der damalige Bundesligist Hansa Rostock konnte einen Trainer seiner Wahl durchaus mit einem Haus in Warnemünde locken. Aber das reichte nicht. Armin Vehs Familie zum Beispiel war in Augsburg geblieben, und der durchaus erfolgreiche Cheftrainer ging einsam mit Hund am Strand spazieren, bis er es nicht mehr aushielt im Nordosten und das Handtuch warf, sehr zum Nachteil des Teams und des Vereins. Auf unserem Bild nun sehen wir, dass für jeden Menschen die Ferne, die ersehnte vielleicht, woanders liegt. Die Blicke zerstreuen sich. Wir können uns nicht auf ein Ziel einigen. Ist ja gut so.

Huflattich

Wo man mit einem ganz breiten Besen fegte … © Christian Brachwitz

Wo man mit einem ganz breiten Besen fegte …
© Christian Brachwitz

In einer anderen Zeit. In einer anderen Stadt. Güstrow. Aber da komm ich ja auch her. Da bin ich geboren und zur Schule gegangen, da hab ich einen Beruf gelernt und in der Druckerei „Vorwärts” gearbeitet, ja, „Vorwärts”, in der Hageböcker Straße, die dann Straße der Nationalen Einheit und dann wieder Hageböcker Straße hieß, wenn mich die Erinnerung nicht täuscht. Es gab (und gibt) den Sumpfsee und den Inselsee. Es gab (und gibt vermutlich nicht mehr) die Spirituosenfabrik Winkelhausen, die Bettfedernfabrik, die Sitzmöbelfabrik Bruchhäuser, den VEB Holzindustrie Walter Griesbach und die Zuckerfabrik.

Und anscheinend gab es auch die Produktions-Abteilung Güstrow des VEB Pharmazeutisches Werk Halle, die dazu aufrief, Arzneipflanzen zu sammeln und dafür mit einem lohnenden Nebenverdienst lockte. Frisch- und Trockenware wurde von Montag bis Freitag von 8 bis 11 Uhr angenommen.

An diese Produktionsabteilung mit der abblätternden Farbe, dem bröckelnden Mauerwerk, dem futuristischen Fallrohr und den unternehmungslustigen Mitarbeitern erinnere ich mich nicht mehr. Sehr wohl erinnere ich mich indessen daran, wie wir in Wald und Wiese unterwegs waren, um etwa Schafgarbe, Kamille, Huflattich, Spitz- und Breitwegerich zu sammeln. Das Zeug wurde gewogen und für so leicht befunden, dass das Wort lohnender Nebenverdienst der reine Hohn war. Den dünnen Mann da, der den Daumen so lässig in die Jacke steckt und die Lulle cool zwischen Zeige- und Mittelfinger führt, kann ich mir sehr gut abends im Linden-Krug vorstellen, von Montag bis Sonnabend von 17 bis Null Uhr, wo er aufblüht und natürlich Kräuterschnaps trinkt, so dass man nicht mal davon reden kann, dass Dienst Dienst ist und Schnaps Schnaps, sondern: Dienst ist Schnaps und Schnaps ist Dienst. Die Grenzen zwischen gesellschaftlichem und privatem Tun lösten sich auf.

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