Archive

Archive for the ‘Visionen’ Category

Die Logistik stimmt, und es gelingt

Junge Touristen vor Mauer-Resten (wenn sie denn wirklich von der Mauer sind)

Junge Touristen vor Mauer-Resten (wenn sie denn wirklich von der Mauer sind)

Inzwischen ist bekannt, woher der Genosse Ulbricht und der Genosse Honecker die Idee mit der Mauer hatten. Vom Russen Daniil Charms. Von Charms gibt es eine Geschichte, die nicht mal eine halbe Seite lang ist. Sie stammt von 1930 und beginnt so: „Ein gewisser Ingenieur hat sich zum Ziel gesetzt, quer durch Petersburg eine riesige Ziegelmauer zu bauen.” Das Projekt ist anspruchsvoll, denn das Vorhandensein der sich quer durch die Stadt ziehenden Mauer soll eine Überraschung werden, muss also in einer einzigen Nacht umgesetzt werden. Die Logistik stimmt, und es gelingt. „Am nächsten Tag gleicht Petersburg einem Tollhaus. Und der Erfinder der Mauer ist niedergeschlagen. Wofür diese Mauer gut sein sollte, weiß er selbst nicht.”

Das liest sich wie die exakte Utopie der Berliner Mauer. Wer es nicht glaubt, kann es nachlesen in Band 1 der vierbändigen Charms-Ausgabe von Galiani Berlin.

Kategorien:Visionen Schlagwörter: ,

Das ist in der Schweiz einfach besser

© Fritz-Jochen Kopka

Einen so großen Koffer sollte man sich gar nicht erst anschaffen. Schon gleich gar nicht als Frau.

Auf dem Bahnhof von Basel freute sich eine gut situierte Dame aus Deutschland, dass der Zugbegleiter neben dem Waggon 1. Klasse stand. Ach, würden Sie so freundlich sein und meinen Koffer in den Wagen stellen?, fragte sie charmant.

Der Zugbegleiter wandte sich ihr zu. Er hätte es sich einfach machen können und den Koffer in den Wagen heben. Vielleicht hätte er noch ein Trinkgeld oder eine Banane erhalten, auf jeden Fall jedoch ein überschwängliches Dankeswort. Aber er wählte den schwereren und auf den ersten Blick unpopulären Weg. Man nimmt nur soviel mit auf die Reise, wie man selber tragen kann, ermahnte und belehrte er die Frau.

Dann wandte er sich bescheiden ab und ging seiner Wege.

Das ist eben in der Schweiz einfach besser. Man denkt da immer schon ein Stück weiter. Der unabhängige, mündige Bürger ist gefragt. Die Dame war im ersten Moment gewiss nicht erbaut über die vermeintliche Abfuhr. Wenn sie aber ein wenig nachdenkt, wird sie gewiss hilfreiche Schlüsse für ihr weiteres Leben aus diesem kleinen Ereignis ziehen. Trotz Hexenschuss.

Kategorien:Visionen Schlagwörter: , ,

Usedomer Sittenbilder – der Visionär

© Fritz-Jochen Kopka

The mystic land of visionaries

Der Visionär vom Löwenzahnhof setzte sich auf die Bank. Sein Pullover war am rechten Ellenbogen durchgestoßen, der linke Arm hing schlaff am Leib. Er sagte, dass man sich hier in Vorpommern nicht darauf verstünde, gutes Brot zu backen. Als einer, der aus Sachsen stamme, sei er verwöhnt. Woher?, fragte die Frau. Aus der Nähe von Leipzig. Mehr Genauigkeit ist von Visionären nicht zu bekommen. Er hatte glattes Haar, hinten zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Die Augen blickten meistens ins erleuchtete Leere. Er sei Biobauer, sagte der Visionär. Aber wichtiger als die Ökologie seien ihm noch die Anthroposophie und die Anarchie. Er wartete auf die Reaktionen seiner Gesprächspartner. Da kam nichts. Er machte eine nihilistische Handbewegung. In der Wendezeit saß er am Runden Tisch. Als einer der maßgeblichen Teilnehmer. Vorher war er Diskotheker und Moderator. Zwischendurch, wie gesagt, Bürgerrechtler. Nun also Biobauer. Demnächst wahrscheinlich Schulgründer und Lehrer. Er wolle eine Privatschule ins Leben rufen. Seine Ehe war gescheitert. Er hatte sechs Kinder. Drei davon lebten auf dem Hof seiner Ex genau neben dem seinen. Sechs Kinder und sechzig Visionen. Draußen fuhr der Konkurrent und Nachfolger des Visionärs mehrmals mit dem Trecker vorbei, den Anhänger mit Strohballen beladen. Der Visionär machte wieder so eine Handbewegung. Als Selbständiger konnte er es sich leisten, auf einer Bank zu sitzen und Visionen auszubreiten. Die Herbstbestellung war an der Reihe, aber er war sich nicht sicher, ob er es noch rechtzeitig schaffen würde, die Saat zu legen. Die Visionen waren wichtiger. Der Visionär hatte einen Unfall mit seinem Zuchtbullen gehabt. Der Zuchtbulle hatte den Visionär angegriffen und gegen den Elektrozaun geschleudert. Der Bulle wurde sofort erschossen. Nach diesen Ereignis beschloss der Visionär, nicht mehr zu machen, was unbedingt gemacht werden musste, sondern nur noch das, was er nach Maßgabe seiner Visionen für wesentlich hielt. Er wollte über den Dingen sein. Und wieder fuhr sein Konkurrent mit dem beladenen Hänger vorbei. Der Visionär nahm einen kleinen Schluck Tee zu sich, obwohl er normalerweise keinen schwarzen Tee trank, er nahm auch keinen Alkohol zu sich.

Im Nachhinein bedauerte der Visionär, dass er seinen Bullen nicht mit einem Tuch oder einer geschickten Meidbewegung von sich ablenken und zur Raison bringen konnte.

Aber dann wären Sie ja nicht zu der Einsicht gekommen, sagte die Frau.

Zu welcher Einsicht?

Nicht mehr zu machen, was unbedingt gemacht werden muss.

Der Visionär brach den Monolog ab, schaute noch eine Weile ins erleuchtete Leere und bedankte sich für den schwarzen Tee, den er eigentlich gar nicht trank.

Kategorien:Deutsche Grammatik, Visionen Schlagwörter: ,

The Music of Heaven

© Fritz-Jochen Kopka

Ways to heaven

Als ich lief, kam mir das Wäldchen wie eine Version des Himmels vor. Alles Grün. Von beiden Seiten bewegt sich das Grün auf den Rest der Zivilisation zu, die sowieso schmalen Wege. Die Bäume, das Unterholz, die Gräser. Auch die Luft scheint grün zu sein. Ich bin auf vertrautem und zugleich fremdem Terrain. Was weiß ich, was in den Tiefen des Grün verborgen ist. Keine Menschenseele da, nur ich, der Läufer. Wo es keine Gesellschaft gibt, existiert auch keine Zeit. Wo keine Zeit exitiert, ist auch keine Musik, nur ein Grundton, der alle Tonfolgen ersetzt. Im Himmel erscheint mir alles, was ich tue, von Dauer zu sein. Und da ich laufe, werde ich wohl nicht mehr aufhören zu laufen. An die Stelle der Zeit tritt das Wachstum der Vegetation. Dem kann man genauso wenig zusehen wie dem Vergehen der Zeit. Man hat nur das Gefühl, dass die Natur sich alles zurückholt, was ihr genommen wurde. Weißrotschwarz taucht ein Paradiesvogel auf. Auf dem Weg steht angstfrei ein Reh, tritt beiseite in die Tiefe des Grüns hinein. War es wirklich, war es eine Erscheinung? Eine Schar Spatzen fliegt auf. Vögel, die immer unterschätzt werden werden, weil sie so zahlreich sind.

Wenn mir doch mal jemand entgegenkommt, ist es ein Greis, der wie Petrus aussieht. Ich glaube ihn zu kennen. Früher war er Lektor, jetzt ist er Rentner und hat es immer eilig, zu seiner Flasche zurückzukommen. Und wenn ich doch einmal jemanden überhole, sind es zwei Frauen, die sich innig umarmt haben. Im Himmel geht das. Es geht auch auf Erden, aber irgendwie anders. Mir ist schon klar geworden, dass auch die Existenz im Himmel nicht leicht sein wird. Wir sind verflucht, das, was wir tun, auf immer zu tun, wie der Fährmann, der sein Ruder nicht mehr los wird und ewig über den Fluss setzen muss. Es gibt nichts Neues, es gibt nicht mal was Altes. Nur den Moment, der nicht aufhört.

Kategorien:Visionen Schlagwörter: ,