Archiv

Archive for the ‘Deutsche Grammatik’ Category

Gänge, Gespräche in G.

Die Ernst-Barlach-Stadt vergisst ihren Protagonisten nicht
© Fritz-Jochen Kopka

Wenn sie durch G. schlendern, die Abiturienten von 1962, erzählt Herr Schmidt, der Sesshafteste der Sesshaften, in einer halbfiktionalen Art, was war, was geworden ist und was wahrscheinlich nichts mehr werden wird im gebauten Bild der Stadt. Heute zieht er es vor zu schweigen, aber das fällt nicht weiter auf. Da, im Flachbau gegenüber vom Dom, hatten wir Religionsunterricht, soweit unsere Eltern noch keine Heiden waren. Das Wort Religion war für Mecklenburger allerdings zu umständlich. Sie sagten: Rilljon. Und was fällt uns dazu ein? Vor Rilljon gingen wir in die Wohnung von Nieschen Holz’ Opa, sofern der gerade auf dem Markt Freibankfleisch verkaufte. Wir tranken Opas Bier und rauchten seine Zigarren, uns wurde schlecht, aber an diesem Tag vergriffen wir uns an seinem Priem, ohne zu wissen, wie das geht. Wir kauten darauf rum, im ersten Moment schmeckte es wie Lakritze. Nieschen Holz hatte zehn Stück konsumiert und mitten in den biblischen Geschichten musste er verdächtig aufstoßen und spuckte in seine Fuchspelzmütze. Der Katechet, ein Mann von beachtlicher Körperlichkeit, packte Nieschen am Schlafittchen und schleuderte ihn aus dem Raum. Ich sah ihn draußen vorbeigehen: kalkweiß, Tränen in den Augen, kaum noch bei Sinnen. Das werden wir nicht vergessen und immer wieder erzählen, auch in hundert Jahren noch.

Neben der Schule war ein eingezäuntes Kleingartengebiet; das ist jetzt eine offene Parkanlage, gleich neben der Schanze. Unsere Klassenbeste zeigt hinüber. Da war die verborgene Stelle, wo in den Pausen heimlich geraucht wurde. Der Hausmeister war so freundlich, vor den Aufsicht habenden Lehrern zu warnen. Der Reiz des Verbotenen. Unsere Klassenbeste hat ihn so verinnerlicht, dass sie sich das Rauchen immer noch nicht versagen kann, obwohl es zu ihr gar nicht passt, so viel Klasse, wie sie hat.

Bahnhof, Sonnabend um neun: fahren oder bleiben?

Dann kann gespottet werden: Die Skulptur eines ortsansässigen Künstlers, drei Rohre, von denen jedes in eine esoterische Richtung zeigt. Es gab ja in G. noch nie einen Künstler, der vor den Augen seiner Mitbürger Gnade gefunden hätte. Das passierte erst, wenn sie draußen, in der Welt, berühmt geworden waren. Dann hatte man aber in G. noch immer eine spezielle Meinung zu ihnen.

Die Abiturienten-Rentner könnten jetzt den Turm der Pfarrkirche besteigen, aber das haben sie ja schon vor vier Jahren gemacht und verzichten. Sie sitzen im Garten des Theatercafés und kramen weiter in Erinnerungen. Ihr unglücklicher erster Klassenlehrer, der aufs Dorf verbannt wurde und plötzlich im Alter hohe Preise als Maler erzielt. Die Klassenbeste kann sich endlich ihre Zigarette anzünden. Sie entnimmt sie einem eleganten Etui, die Schreckensbilder auf der Packung muss sie nicht anschauen. Sie verlieren einige Worte über die fehlenden Klassenkameraden. Und kommen zur wahren mecklenburgischen Kunst. De söben Sinnen von Rudolf Tarnow. Plattdeutsche Läuscheln und Riemels. Wir können das noch auswendig, wir haben es damals aufgeführt, den Vortrag des Kösters Klickermann vor der Schulklasse: „… wenn manche sagen, dass vor Jahren die ersten Menschen Affen waren! Nein, Kinder, so was gibt zu denken und kann die besten Eltern kränken.” Wenn das nicht witzig war.

Am Abend treffen sich die Abiturienten zum Abendbrot im „Wallensteiner” am Schloss und stellen verwundert fest: Von unseren Mädchen (den alten Damen) ist keine mehr erschienen! Sind sie erschöpft? Haben sie besseres zu tun? Die Gespräche werden folglich schwerwiegender und zurückhaltender. Das Bier läuft. Es gibt Ochsenbacke, Schweinefilet und rustikale Brotzeiten. Herr Schmidt, der so lange geschwiegen hatte, läuft zu Hochform auf mit seinen phantastischen Geschichten, die er alle für wahr erklärt. Wir reden von der Gunst der Ruhmlosigkeit und stellten fest, dass wir AfD-, Merkel- und Linkswähler unter uns haben. Wir sind das Volk.

Genug gegessen und getrunken. Vielleicht auch genug gequatscht, gedacht und gelacht. Genug erinnert. Um zehn steht die Stadt still. Ich bin allein wie ein Kind in der Steppe. In der Nähe des Markts, der unbeweglich steht wie alles andere, führt ein älteres Ehepaar einen Hund aus oder, umgekehrt, der Hund das Paar. Sie fixieren den Fremden, der vielleicht weniger ein Fremder ist als sie, aus dem Augenwinkel. Von ihm geht keine Bedrohung aus.

Aufenthalt in G.

Herbst in G.
© Kopka

Quer durch die Stadt, in der sich nicht viel geändert hat (um nicht zu sagen nichts), zum Altstadthotel. Der Gast trifft auf Übergewicht, Flüchtlinge, Abgestürzte und Farbe, die vom Kino abblättert, auf das wir mal stolz waren, ein Neubau aus den sechziger Jahren, wenn er auch die Magie der alten Schauburg nicht hatte.

Backshops und Bäckerläden, vor denen die Leute sitzen und immer noch frühstücken. Das Hotel in der Baustraße. Der Gast hat niemanden, der ihn empfängt. Die Putzfrau, auch eine Migrantin, hilft ihm. Sein Zimmer kann er noch nicht beziehen, aber seinen Rucksack abstellen. Der Gast, der Zeit und Hunger hat (mehr Hunger als Zeit) wendet seine Schritte zum Markt, da gibt’s auch so eine Mischung aus Backshop und Restaurant, er kauft sich ein Mett- und ein Salamibrötchen, setzt sich vors Haus, vor ihm bellen zwei an einen Tisch angeleinte Dackelhunde, in seinem Rücken flucht eine Frau, die anscheinend unter dem Tourette-Syndrom leidet. So viele Zoten auf so engem Raum hat der Gast noch nie vernommen. Sie flucht auf irgendwen, vielleicht sogar auf ihn, den Fremden, bloß nicht umdrehen, denkt er, bloß nicht umdrehen. Der einzige Satz ohne Zote ist dieser: Ich bin ja nicht behindert, das heißt, körperlich schon, aber nicht geistig. Als er geht, muss der Gast feststellen, dass die Frau völlig normal aussieht, wenn man nicht genau hinsieht.

Klassenzimmer heißen jetzt Kabinette

Sie treffen sich um zwei zwischen zwei Schulgebäuden. Die Abiturienten des Jahrgangs 1962 sind alle mehr oder minder schlecht zu Fuß. Zu den gewöhnlichen Abnutzungserscheinungen kommen Trümmerbrüche und schlecht eingesetzte künstliche Hüftgelenke. Hier und da versteckt sich eine Depression, bei denen, die gar nicht erst erscheinen, wohl erst recht.

Das Highlight ist die Besichtigung des rekonstruierten alten Schulgebäudes unter Bewahrung der mittelalterlichen Bausubstanz. Der Direktor – er könnte unser Sohn sein – ist stolz und eloquent. Er spricht vom stark ausgeprägten Sicherheitsbedürfnis der Schüler und zeigt die modernen Unterrichtsräume in der alten Hülle, das Kunstkabinett, das Technikkabinett. Die Schüler von vorgestern sind skeptisch. Sie würden hier nicht sitzen wollen. Das sieht alles viel zu effizient und digital aus. Ihre Zeit eintauschen gegen diese? Sicher nicht. „Die Gänge mit den Klassenzimmern … gehören zu den Schrecknissen, die sich am festesten bei mir eingenistet haben”, schreibt Walter Benjamin in der „Berliner Chronik”, er erwähnt die Monotonie, den kalten Stumpfsinn, man würde es gern genauer wissen. Ist Schule schöner geworden? Schön wär’s.

Kurze Fahrt nach G.

Letztes Bild Berlin
© Fritz-Jochen Kopka

Zum Freitag kann ich sagen: Regional-Zug Karlshorst – Hauptbahnhof. Ich mache das obligatorische Foto des gläsernen Giebels, der für mich das Netzwerk des Reisens darstellt, in dem man sich leicht verfängt.

Zwei alte Mitschüler kommen mir entgegen, in deren Gestalten und Gesichtern ich auch mein Alter erblicke. (Ich sehe mein Alter in ihnen mehr als in mir. Welche Gnade. Welche Täuschung. Ich mach mir da keinen Kopf. Es ist wohl schon so, dass in unserem Inneren noch immer der Junge wohnt, der wir waren und der sich über die Jahrzehnte hinweg kaum verändert hat. Es gibt etwas Unveränderbares am Menschen; jetzt reicht’s aber auch mit der Spinnerei.) Sie kommen aus Dresden und wollen wie ich zum Jahrgangstreffen unserer alten Klassen und zum Schuljubiläum. Die Verbindung von Dresden über Berlin nach Güstrow ist suboptimal. Seit Stunden treiben sie sich schon auf dem Hauptbahnhof rum. Zwei Mecklenburger, die in Dresden gelandet sind. Aber sie sind auch Russen, haben in der Sowjetunion studiert, gearbeitet und russische Frauen geheiratet. Der Reiseprofi ist zuerst im Waggon, hält das Abteil frei, holt eine Flasche Radeberger und zwei Feldschlösschen-Gläser aus dem Rucksack. Für mich ist zum Glück kein Glas dabei. Es könnte zu unerwünschten chemischen Reaktionen führen, wenn man Radeberger Bier aus Feldschlösschen-Gläsern trinkt, sage ich, aber ich kann ihnen den Appetit nicht verderben. Der Dresdner lässt auf sein Radeberger nichts kommen.

Jetzt sitzen wir hier und haben zwei Stunden Zeit zu erzählen, was wir so machen in unseren späten Jahren. Fritz joggt, Gunter fährt Rad, Heino baut Flugzeuge. Fritz bloggt, Gunter kocht, Heino baut Flugzeuge. Fritz hat kürzlich noch ein neues Hobby als Kunstfälscher gefunden (Ich habe keine Bildideen, aber das Kopieren fremder Bilder gelingt mir gut). Gunter liest seit Jahren keine Romane mehr und sieht auch keine Spielfilme. Heino ist in einem Flieger-Club, das größte Flugzeug, das er baute, misst vier Meter. Gunter ist ein Opernfreund geworden. Er hat viele Opern aufgenommen, und wenn seine Frau in ihre Bauchtanzgruppe geht, legt er eine Opern-DVD ein und genießt. Singst du dann mit? Nein. Er hasst es auch, wenn Opern modernisiert werden; wenn etwa die klassischen Opernhelden Wehrmachtsuniformen oder Jeans tragen. Was soll das, ja, was soll das. Das ist für mich noch keine echte Modernisierung, sage ich, das sind reine Äußerlichkeiten. Warum soll man nicht die großen alten Romane neu übersetzen, warum soll man die alten Geschichten nicht mit neuen Augen sehen.

Erstes Bild Güstrow

Die Fahrt vergeht schnell. Für mich hat sich die Reise zu den Wurzeln schon gelohnt. Die Lebensverläufe der anderen zu vergleichen; bereden, was man noch rausholen kann aus diesem Stück Leben, und einfach mitkriegen, dass die anderen auch nicht schlauer oder blöder sind.

Die Russen werden vom Amerikaner im E-Auto abgeholt, also von jenem Mitschüler, der nach Kalifornien gegangen war und nun wieder zurück ist. Meine Frau und ich, sagt der Amerikaner, wir wissen nicht, ob wir jemals wieder eine weiße Haut bekommen werden. Die Sonne Kaliforniens ist unauslöschlich.

Ich fotografiere die Weiden, die ihre langen Wimpern in den Nebel-River hängen lassen, wie ich es immer tue, wenn ich in Güstrow ankomme.

Der Schlaf des Gerechten (10)

Diese Beine werden wandern, wandern …
© Fritz-Jochen Kopka

Wir sind kaum aus der U-Bahn raus, da stehen wir schon im Volkspark am Weinbergsweg. Menschen nach dem Zufallsprinzip über eine Wiese verteilt. Paare, Gruppen, Familien, viel Platz dazwischen, die meisten sitzen, einige stehen, vorne haben zwei Radfahrer ihre Räder gegen die Umrandung des Teichs gestellt, um Bier zu trinken und zu reden, einer trägt sogar Schlips, ein Rad ist rot, ein Rad ist schwarz, ein paar Meter weiter schläft ein erschöpfter Wanderer mit dramatisch aufgestellten Beinen neben einer Flasche Sternburg Pils. Eine einsame Laterne brennt, müsste gar nicht sein. Die Wiese wird gesäumt von herbstlich werdenden Bäumen. Ein Flaschensammler schleppt zwei Plastiktüten voller Flaschen, sein Jackett sieht aus, als hätte er es ebenso aufgesammelt wie die Flaschen.

Hier sehen wir nun mal einen Schläfer im öffentlichen Raum und am hellen Tag, um den wir uns keine Sorgen machen müssen. Er trinkt das billige Bier, er trägt die leichten Schuhe (einen Schnürsenkel hat er gelöst), er wandert mit leichtem Gepäck durchs Land. Die Umrandung des Teichs spendet ihm Schatten, er hat an alles gedacht, und er hat die seltene Gabe, sich so hinzulegen, dass ihm nicht alle Knochen wehtun, wenn er aufwacht und aufsteht. Solche Leute können auch Fußballtorwart werden, aber diesem hier ist die Freiheit seiner Beine wichtiger. Sie träumen schöne Träume. Wer freie Beine hat, hat auch einen freien Kopf.

Wähler sind keine Helden

Na ja. Der Spaß hielt sich trotzdem in Grenzen.
© Fritz-Jochen Kopka

Wir wählten um eins, 13 Uhr, also gleich nach dem Frühstück. Vergiss nicht die Wahlbenachrichtigung, vergiss nicht deinen Personalausweis, das alles werden wir brauchen. Es regnet so, dass man keinen Schirm braucht, andere schon. In diesem trüben Licht das magische Grün der Wiese des Seeparks. Uns entgegen kommt ein vollschlankes Paar mit breitem Gang. Soll ich dir sagen, was die gewählt haben? Sie haben die für diese Zeit typischen Jetzt-haben- wir- es-denen-aber-mal-gezeigt-wir Helden-Gesichter. Ja. Okay. Und wir wissen, was uns blüht. Gewählt wird in der ehemaligen Schule unserer Kinder, die hier immer Disziplin-Schwierigkeiten hatten. Das fanden wir gar nicht so schlecht. Jetzt nennt sich das Kreativitätsschulzentrum Berlin. Klingt gut. Das Schild „Zum Wahllokal” steht auf dem Kopf, ein anderes liegt schon darnieder. Unser neuer Nachbar passt auf seine beiden Zwerghunde auf, während seine Frau wählt, dann tauschen sie die Rollen. Im Wahllokal sieht’s gemütlich aus. Viel Spaß steht mit Kreide an der Wandtafel. Ein Wahlhelfer verzehrt sein Käsebrot. Jetzt brauchen wir unsere Wahlbenachrichtigung und unseren Personalausweis. Meiner ist brandneu. Der alte war abgelaufen. Mit dem hätte ich wahrscheinlich gar nicht wählen dürfen. In der Wahlkabine schaue ich mir den Wahlschein an. Ich gehe immer auch nach Personen. Einige kann ich überhaupt nicht wählen, andere kann ich noch ertragen und einige wenige kann ich mit Überzeugung ankreuzen. So. Das war’s. Es gibt auch im Osten eine Parteienbindung.

Wir hatten es ganz gemülich mit den schönen großen Butterbrotpaketen, die wir uns von zu Hause mitgebracht hatten.

Am Abend geschieht dann sowohl das, was zu erwarten war, als auch das, was nicht zu erwarten war. Der Triumph der AfD. Die Verluste von CDU und CSU. Der tragische Irrtum Martin Schulz. Die Medien wissen natürlich sofort, welche Fehler die Parteien gemacht haben. Sie könnten aber auch wissen, welche Fehler sie selbst gemacht haben, dann wären wir schon ein ganzes Stück weiter. Einen Dienstmädchen-Skandal ausgraben, einen e-Mail- Skandal breittreten – da sagen die Leute doch, jetzt gerade. Alexander Gauland – er ist wie der alte Zausel von nebenan, der die neue Zeit nicht mehr verstehen kann und erst recht verstehen will und ernsthaft glaubt, er könnte sie zurückdrehen. Immerhin zeigt er sich nicht in überschäumender Siegeslaune. Er hat immer die gleiche querulantische Gemütslage im Gegensatz zu seiner Co. Alice Weidel ist eine Kunstfigur. Wie von Carlo Collodi erfunden, ein weiblicher Pinocchio. „Man kann die Geschichte lesen als Allegorie des Menschen, der sich trotz misslicher Voraussetzungen und ständiger Rückschläge am Ende bewährt” („Lexikon literarischer Gestalten”). Sie hat viel von Otto Waalkes gelernt, setzt seine Gesten und Mienenspiele nur subtiler ein, eine Politikerin will ja nicht in erster Linie als Komikerin wahrgenommen werden.

Heute hören wir: Frauke Petry hat in Sachsen ein Direktmandat gewonnen, möchte aber dieser Krawallfraktion nicht angehören. Da haben nun also Politiker und Medien offensichtlich monatelang auf die falsche Person geschossen.

Ich stelle fest, dass man bei einer Wahl weder Mut, noch Intelligenz, noch Bildung, noch Charakter braucht. Eigentlich brauchte man auch keinen Trotz, keine Wut und keine Rachegelüste. Was sagt uns das? Keine Ahnung. Der Wähler ist jedenfalls kein Held. Die Politiker müssen sich nicht bei uns bedanken. Wir erfahren hier nur, wie groß oder klein die Gruppe ist, zu der wir uns (vorübergehend) zählen.

 

Die Kultur der Anderen

Bei den Spitzenkandidaten mag es schon wieder ganz anders aussehen. Ich glaube aber nicht 
© Fritz-Jochen Kopka

Da die „Berliner Zeitung” in der Hauptstadt geplant, recherchiert, geschrieben und vertrieben wird, ist sie natürlich eine Hauptstadt-Zeitung, wie genau man das Hauptstädtische im Übrigen auch definieren möchte.

Am Wochenende wollte sie, also die „Berliner Zeitung”, von Berliner Bundestagskandidaten wissen, was sie lesen, hören, sehen. Sie fragte also ungeniert nach dem Kulturniveau unserer Politiker, und dabei kam Folgendes heraus: Die Kandidaten mögen Filme wie „Love Story”, „Das Leben ist schön”, „Forrest Gump”, „Winnetou”, „Das Boot”, „Vom Winde verweht” und „Pulp fiction”. Als Berlin-Film bevorzugen sie den Kolportageschinken „Das Leben der Anderen”. Am Sonntagabend sehen sie am liebsten die Kasperköpfe des Münsteraner Tatorts, Thiel und Professor Börne alias Prahl und Liefers. Interessant, dass bei den Büchern keines zwei Mal auftaucht. Da gibt es also keine Übereinstimmungen, außer bei der speziellen Frage, welches Buch sie nicht zu Ende gelesen haben, da führt „Der Zauberberg” von Thomas Mann, der mit den „Betrachtungen eines Unpolitischen” noch ein weiteres Mal in dieser Minus-Rubrik vertreten ist. Als bestes Berlin-Lied werden „Dickes B” von Seeed und „Schwarz zu Blau” von Peter Fox bevorzugt.

Wir können also sagen, dass wir mit unseren Politikern mindestens auf Augenhöhe sind. Sie tun damit etwas für unser Selbstbewusstsein. Die größten Wüsten breiten sich für meinen Geschmack bei Büchern und Filmen aus. Da sind sie, die Politiker, wohl am nachhaltigsten auf Hilfe und Rat angewiesen.

Müdes Material

Materialfragen. Was nicht passt, wird passend gemacht
© Fritz-Jochen Kopka

Verheugens Uhr bleibt stehen. Er weiß nicht mehr die Zeit. Ihm bleibt noch die Wanduhr, aber die möchte er nicht mit sich herumtragen. Die Massagematte, die ihn eigentlich eine halbe Stunde lang massieren müsste, stellt nach fünf Minuten die Arbeit ein. Ihm schwant, dass er sich eine neue besorgen muss. Denn sie hilft ihm ein wenig, auch wenn er sich das vielleicht nur einbildet.

Das sind so unsere Themen im Haus Berlin, nachdem wir gefragt haben, ob das Staropramen heute schon gelaufen sei, weil wir kein abgestandenes Bier trinken möchten.

Auch wenn du dir das nur einbildest – die Massagematte hilft dir trotzdem, sage ich. Gerade bei Menschen, die eine so starke Phantasie haben wie du, ist die heilende Wirkung besonders intensiv, auch wenn die Massagematratze selbst ursächlich gar nichts dazu beiträgt.

Verheugen stöhnt. Warum setze ich mich dem immer wieder aus! Warum tue ich mir das an? Ich muss doch verrückt sein!

Wieso? Ich mache dir doch nur ein Kompliment.

Im Haus Berlin ist jetzt jeden Tag ab 19 Uhr Tanz. Wo wird dann die Tanzfläche sein?, frage ich. Das ist oben, beruhigen uns die Kellnerinnen, in der Tanzbar. Da tanzen Männer mit Männern. Keine schwulen Männer. Die tanzen aber miteinander.

Ich habe meine Tanzschuhe nicht mit, sagt Verheugen.

Das ist eine Ausrede, sagen die Kellnerinnen. Sie können auch barfuß tanzen.

Aber warum tanzen da Männer mit Männern, auch wenn sie nicht schwul sind? Was soll das nun wieder bedeuten! Die Zeit ist wohl so, dass Mehrheiten sich schämen sollten, dass sie zu Mehrheiten gehören. Deshalb verhalten sie sich wie Minderheiten.

Okay. Aber das ist mir zu kompliziert.

Man muss da einfach partikularer denken. Zum Teil gehört jeder Mensch einer Minderheit an, zu anderen Teilen eben einer Mehrheit. Er repräsentiert das eine so gut wie das andere. Auch das ist irgendwie Demokratie.

Genug. Ich kriege Kopfschmerzen.