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Archive for the ‘Deutsche Grammatik’ Category

Letzte Dinge

Unter alten Bäumen

Komm herab, zottige Nacht, Wolkenpelztier mit den alten Augen … So beginnt, wenn ich mich recht erinnere, Ingeborg Bachmanns Anrufung des Großen Bären. Warum fällt mir das jetzt ein, geht mir das jetzt im Kopf herum? Ich steige auch herab, aus dem zehnten Geschoss, als zottiges Wolkenpelztier, na ja, zumindest die alten Augen treffen zu, ich gehe an den südöstlichen Rand von Berlin zur Beerdigung, die Mutter eines Freundes ist gestorben, hat das rettende Ufer erreicht, sie war schon 104 und lag in einem Pflegeheim und lag und lag und wartete. Nun, da das Warten beendet ist und zum Ziel geführt hat, findet sich auf einem Friedhof eine große Familie ein. Alle sind gekommen. Söhne, Schwiegertöchter, Enkel, Urenkel. Diese große Familie ist es, was mich rührt. Junge Gesichter, in denen man ältere Gesichter wiedererkennt. Lebenswege, die sich kreuzen. Leben, die irgendwie gemeistert werden, tragische Ereignisse, komische. Mein Freund, der Sohn, sieht sich aus verständlichen Gründen nicht in der Lage, selbst zu sprechen, hat aber dem Friedhofsredner, sagt man so?, eine Ansprache zugearbeitet. Wer könnte es besser als er, der Poet, der aufgehört hat zu dichten, aber ein Poet bleibt immer ein Poet, auch wenn er nicht mehr schreibt.

Der Friedshofsredner macht seine Sache nicht schlecht, er hat die Ruhe, die Andacht, er macht die wichtigen Pausen, und doch ist unverkennbar, dass er sich nicht als Dienstleister zu sehen vermag, sondern Hauptakteur sein will. Er lässt es sich nicht nehmen, beim langen Leben der Hingeschiedenen das Jahrhundert mit ins Spiel zu bringen: Was alles ist Zeit ihres Lebens geschehen, woran hat sie Teil gehabt. Ich sehe meinen Freund, den Poeten, sein Gesicht, es ist verstört – von all dem war in seinem Entwurf nichts zu lesen, der war einfach nur schlicht und schön.

Ich weiß nicht, ob man es von mir erwartet: Ich nehme am anschließenden Beisammensein nicht teil. Der sogenannte Leichenschmaus. Wenn man Glück hat, stellt sich nach den Tränen, der Empfindung des Unausweichlichen wie durch Zauberei eine gelöste, fast heitere Stimmung ein. Wenn sich ein Leben vollendet hat. Wenn die Leiden vorbei sind. Wenn man sich erinnert, was man zusammen erlebt hat und was nicht vergessen wird. Was man immer wieder erzählen wird. Das soll der Familie gehören. Ich bin nicht dabei.

Ich erinnere mich an die Sonntage meiner Jugend. Oder noch Kindheit. Die stille Stunde, ich glaube vom Norddeutschen Rundfunk, vormittags um elf. Da hörte ich die Gedichte von Ingeborg Bachmann zum ersten Mal. Komm herab, zottige Nacht. Der Sprecher sagte irgendwas zu den Metaphern und wie sie alle zusammenpassten in den Bachmann-Texten. Wolkenpelztier mit den alten Augen. Das waren schöne Momente. Die werde ich auch mitnehmen ins Grab.

Was können wir tun?

Männer, die Frauen Mut zusprechen. Wir werden immer mehr.

An der Fleischtheke kaufte ich zwei Lammlachse. Ich nehm auch zwei Lammlachse, sagte die Kundin nach mir. Nein, drei. Ach, doch lieber zwei, wenn die so groß sind. Halten die sich bis morgen?

Woran kann man eigentlich nicht zweifeln, dachte ich.

Soll ich die im Papier lassen oder lieber rausnehmen?

Tun Sie die in eine Schüssel, einen Teller drüber und dann in den Kühlschrank, sagte die Verkäuferin.

Ich bin doch sehr oberflächlich, in meinem Einkaufsverhalten, warf ich mir vor.

Und jetzt noch was Mageres, sagte die Kundin und ließ den Blick unschlüssig über die Auslage schweifen.

Das ist mal ’ne Ansage, dachte ich.

Ach, lassen Sie, resignierte die Kundin. Mein Mann kommt dann selbst noch vorbei.

Seine Majestät, mein Mann kommt selbst! Endlich hatte ich das Problem begriffen.

Liebe Frauen, was können wir tun, sagte meine innere Stimme verzweifelt, was können wir Männer tun, damit ihr die Gleichberechtigung, die wir euch auf dem silbernen Tablett präsentieren – damit ihr sie endlich ergreift! Wie können wir helfen?!

Ich fing gleich damit an. Dem Obst- und Gemüsekurden wünschte eine Dame einen schönen Feiertag. Moderne Männer, mischte ich mich ein, trauen sich gar nicht mehr, den Herrentag zu feiern. Mein Mann feiert ihn noch, sagte die Frau. Dann waren Sie nicht streng genug, sagte ich. Ach doch, sagte sie. Aber Umerziehung funktioniert eben nicht. Das habe ich aufgegeben. Ganz Ihrer Meinung, sagte ich. Das gilt allerdings auch umgekehrt. Sie überlegte kurz und gab mir recht. Dieses gelungene Gespräch war vielleicht ein erster kleiner Schritt zum größeren Selbstbewusstsein der Frauen. Ich kann nur hoffen, dass ich nicht der einzige Mann bin, der sich darum bemüht. Aber wie ich uns Männer kenne, legen sich da viele ins Zeug.

Die Welt – der Welt

Misstrauen ist immer angebracht. Auf dem Berliner Alexanderplatz
@ Fritz-Jochen Kopka

Wer würde eine Theaterkritik weiterlesen, deren erster Satz so geht: „Was für einen Spaß könnte die Welt seinen Bewohnern bereiten, sähe sie aus wie jetzt in den Kammerspielen des Deutschen Theaters in Berlin.” Wohl keiner. Da müsste noch nicht mal Irene Bazinger als Verfasserin drunter stehen. Der Satz ist mit seinen falschen Bezügen einfach zu konfus, als dass man im Weiteren noch etwas Aufschlussreiches erwarten könnte.

Und doch verbirgt sich dahinter ein ernstes Problem. Die Aktivistinnen für eine geschlechtergerechte Sprache sind schon so nervös geworden, dass sie ungewollt den umgekehrten Weg gehen. Weibliche Worte werden vermännlicht (oder versächlicht, was vielleicht nicht ganz so schlimm wäre, aber immer noch schlimm genug). Die Welt – der Welt – das Welt. „Was für einen Spaß könnte die Welt seinen Bewohnern bereiten …” Wir sehen die ganze Not der Aktivistinnen. Wir liberalen Männer können daraus nur den Schluss ziehen, dass wir den kämpfenden Frauen beispringen und alles verweiblichen, was sich irgend verweiblichen lässt. Wäre uns allen damit gedient, wenn wir aus unserer gewohnten in einem kreativen Akt eine geschlechterfreie Sprache schaffen würden? Oder müssten die Aktivistinnen dahinter nur eine Intrige vermuten, die ihnen mehr wegnimmt als gibt?

Ein Werk rehabilitiert sich

Die Zeichnungen fertigten mehrere vornehmlich Leipziger Künstler nach antiken Orignalen an

Wenn ich unverbindlich Jacob Burckhardts Griechische Kulturgeschichte lese, werde ich mit einer Masse mir unbekannter Begriffe konfrontiert. Manchmal bleibe ich ungerührt und erschließe mir die Bedeutung aus dem Zusammenhang. Manchmal markiere ich aber den Bildungsbürger (oder den Menschen, der sich auf dem Weg zum Bildungsbürger befindet; immer noch) und schlage im Lexikon der Antike nach. Als das damals, 1977, (in zweiter Auflage) erschien, standen wir in einer Lektorenstube des Verlags Neues Leben und die Lektoren (die sich gegenseitig gern Endprodukte nannten) machten ein paar Stichproben, und siehe, Marx, Engels, Lenin, alle waren im Lexikon der Antike vertreten, und die Lektoren schlugen sich vor Lachen auf die Schenkel, was haben die denn mit der Antike zu tun, sehr parteilich, dieses Lexikon. Nun gut. Ich finde aber in diesem von Johannes Irmscher herausgegebenen Werk des VEB Bibliographisches Institut Leipzig tatsächlich Antwort auf fast alle auftauchenden Fragen zur Antike. Die Polis etwa benötigte zu ihrem Genügen (Autarkeia) eine nicht zu große und nicht zu kleine Anzahl von Hopliten. Ein Hoplit aber war ein schwerbewaffneter Fußkämpfer in den altgriechischen Bürger- und Bauernheeren. Gut zu wissen. Schöner noch finde ich die ursprüngliche Bedeutung des Wortes Banause. Der Banause („der am Ofen Arbeitende) war einer, der seinen Lebensunterhalt durch körperliche Arbeit verdiente. Handwerker etwa. Als ehrenvoll galt unter den Verhältnissen der antiken Sklavenhalterordnung jedoch eine Tätigkeit, die auf geistigen Fähigkeiten beruhte „und nicht um des Gelderwerbs willen betrieben wurde”. Wundert euch also nicht, wenn ich euch mal Banausen nennen, Freunde.

Sind die Deutschen zu dick?

Ostern kann sehr kalt sein
© Fritz-Jochen Kopka

Sind die Deutschen wirklich zu dick, denke ich auf dem S-Bahnsteig. Oder neigt man hierzulande eher zur Magersucht. Die Antwort ist nicht so leicht zu geben, auch sie liegt im Auge der Medien, je nachdem, was im Moment mehr Aufmerksamkeit verspricht. Wir alle schauen zu, wie ein Migrant mit seinem minimalen Hündchen spielt (ich glaube, diese superkleinen Hunde sind zur Zeit Mode). Der Mann ist von einer wohligen Fülle, aber unglaublich beweglich. Das Hündchen schnappt nach seinen Füßen, und er entzieht sie ihm, indem er behende herumtanzt und hüpft. Als die S-Bahn einfährt, will das Hündchen auch mit dieser spielen, und der Mann macht einen gewaltigen Sprung, um das Tier vor der Bahn zu retten, die ja nicht so weghüpfen kann wie er. Ich achte darauf, dass ich in einen anderen Wagen einsteige als der Mann, aber am Ostbahnhof, wo wir umsteigen müssen, sind wir wieder vereint. Der Wagen ist krachend voll. Der Mann hat einen Freund getroffen und das Hündchen in seiner Jacke geborgen. Während des Gesprächs streichelt er es unentwegt mit großer Zärtlichkeit. Ein paar Selfies sind auch noch drin.

Es ist ein voller Tag, die Stadt platzt in ihrer Mitte aus den Nähten. Die Leute weichen ungern aus, sie versuchen viel mehr, durch dich hindurchzugehen. Ob das wohl geht. Nee, geht nicht, aber das weiß man doch schon vorher.

Auf dem Alexanderplatz ist das nächste Volksfest installiert. Die gleichen, leicht abgewandelten Bestandteile wie zu allen Festen eben. Aus der Weihnachtspyramide ist eine Osterpyramide geworden. An den Ständen wird ordentlich ausgeschenkt, gebacken und gebraten. Wenn man mich jetzt fragte, ob die Deutschen zu dick oder zu dünn sind, würde ich sagen: zu dick, eindeutig. Wir sind zu dick und immer noch dabei, Sachen zu verschlingen, die eindeutig als Dickmacher gelten.

 

Morgen kommt der Schornsteinfeger …

Auf dem Dach suchst du den Schornsteinfeger vergeblich. Ist ja klar, wenn er im Keller seine Werte misst.

… nee, er kam heute schon. Außerdem kündigt er sein Kommen nicht einen Tag, sondern immer schon eine Woche vorher an, auf einem vorgedruckten roten Zettel, auf dem die Positionen Prüfung an der Gasfeuerstätte und Messung an der Ölheizung/Gasheizung angekreuzt sind. Dankenswerter Weise gibt er ein relativ enges Zeitfenster vor. 10 bis 12 Uhr. Da ist man wenigstens nicht den ganzen Tag blockiert. Einmal habe ich ihn gefragt, wo denn sein Zylinder sei. Darüber konnte er nur lächeln. Schornsteinfeger sehen heute anders aus. Die Kleidung ist zwar noch schwarz, hat aber durchaus modischen Chic. Ein anderes Mal hatte ich ihn kaum gehört. Haben Sie nur zaghaft geklingelt?, fragte ich. Er stutzte kurz und gab die überraschende Antwort: nach Gutdünken.

Da weiß man dann gleich, dass man es nicht mit einem Leichtgewicht zu tun hat. Dann tut er das, was er auf dem roten Zettel angekreuzt hat und lässt mich wissen, dass die Werte einwandfrei sind. Auch wenn meine Anlage schon ziemlich alt ist, soll ich sie auf keinen Fall austauschen. Die modernen sind mit ihren zahlreichen Steuerkreisen sehr kompliziert und entsprechend anfällig. So kommt er irgendwie auf den Berliner Flughafen. Er hat gerade gehört, dass da jetzt die Straßen einbrechen und absacken. Warum? Alles viel zu schwer gebaut. Ich habe gerade einen Artikel gelesen, in dem gefordert wird, den ganzen Bau abzureißen und neu zu bauen. Der Schornsteinfeger stimmt sofort zu. Wird billiger. Sie sollen aber die Türken bauen lassen, die haben den größten Flughafen der Welt hingesetzt. Die halten sich aber nicht an unsere strengen Parameter, sage ich. Allerdings. Da sind wir beim Thema Überregulierung. Er sieht irgendwie schwarz. In den Schulen geht alles drunter und drüber. Die lernen ja nichts mehr. Die können nicht rechnen, die können nicht schreiben. Schwimmen ooch nich.

So gehen wir alles durch und kommen dabei sogar ohne die Stichworte Merkel, GroKo und AfD aus.

Was tut die Natur uns an

Vögel, wo seid ihr?
© Fritz-Jochen Kopka

Das Vogelhäuschen ist ein Geschenk. Irgendwie pink und rot, einladende Farbe jedenfalls, klein und niedlich. Ich hatte es einst im Fliederbusch angebracht, aber, wie ich mir sagen lassen musste, falsch gerichtet. Die Vögel fliegen von Süden her an, also muss auch die Öffnung nach Süden zeigen. Das habe ich korrigiert, aber kein Vogel weit und breit, der sich in unserem Vogelhäuschen eingemietet hätte. Aus Frust fiel es vom Busch, der Haltestab war zu schwach verpinnt, und dann lag es lange bei uns auf dem Dachboden.

In der anhaltenden Kälte habe ich es neu vernagelt. Es wird doch jetzt kein Vogel mehr ein Vogelhäuschen verschmähen. Ich habe es mit Stroh ausgepolstert und eine Plastikschachtel mit Sonnenblumenkernen und Leinsaat reingetan. Feine Sachen für Vögel. Und dann im Nussbaum befestigt. Jetzt stehe ich am Fenster, um zu beobachten, wie die Vögel einziehen. Gerettet. Wir haben hier mindestens zwei Eichelhäher und viele Meisen, von den Krähen und Elstern mag ich nicht reden. Ich kann am Fenster stehen, bis ich schwarz werde. Kein Vogel ist da eingeflogen. Vielleicht ist der Anflugstab zu kurz, vielleicht ist das Vogelhäuschen überhaupt zu klein. Vielleicht müssen wir warten, bis der Klimawechsel im fortgeschrittenen Stadium ist – für Kolibris könnte das Vogelhäuschen geeignet sein.

Einen Hoffnungsschimmer gibt es jetzt schon. Ein Strohhalm schaut aus dem Einflugloch heraus, das war vorher nicht so. Ob das ein Zeichen dafür ist, dass doch ein Vogel einflog?

Wir hatten übrigens früher schon mal ein Vogelhaus. Das war größer, aber da tat sich auch nichts. Die Kinder waren sehr enttäuscht von den Vögeln. Übrigens hat bei mir auch noch nie ein Kaktus geblüht. Was tut die Natur uns Menschen nur an.

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