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Archive for the ‘Deutsche Grammatik’ Category

An der Peripherie der Peripherie

Einsam zwischen den Bildern
© Fritz-Jochen Kopka

Wie hieß das Deutsch-Russische Museum in Berlin-Karlshorst zu DDR-Zeiten? Auf einer Schautafel steht: „Museum der bedingungslosen Kapitulation des faschistischen Deutschland im Großen Vaterländischen Krieg 1941 – 1945”. Oder noch kürzer: Sowjetisches Kapitulationsmuseum. Meine Erinnerung zweifelt. Ich meine, der erste Name würde ja schon mal darauf hindeuten, dass man im Bemühen um political correctness (die es damals nicht gab) normale Interessenten eher abstieß. Und der Kurzname ließ den verhängnisvollen Schluss zu, dass es nicht Deutschland, sondern die Sowjetunion war, die kapitulierte. Heute jedenfalls: „Deutsch-Russisches Museum”. Und es liegt mehr denn je an der Peripherie der Peripherie. Ortsunkundige werden Schwierigkeiten haben, es zu finden. An diesem Abend soll die Ausstellung „Kinder und Krieg” eröffnet werden. Einige Botschafter und Museumsleiter werden sprechen, und im Anschluss gibt es einen kleinen Empfang. Die Ausstellung ist eine Produktion des Zentralmuseums des Großen Vaterländischen Krieges in Moskau, was nicht heißt, dass die Karlshorster Museumsleute es leicht gehabt hätten mit der Einrichtung der Ausstellung für das deutsche Publikum.

Der Panzer vorm Fenster. Sa Rodinu – Für die Heimat

Das Museum hat militärische Tradition. Hier befand sich das Offizierscasino der Pionierschule 1 der Wehrmacht. Am 8. Mai 1945 wurde die Kapitulationsurkunde der Wehrmacht unterschrieben. Danach agierte hier der Chef der Sowjetischen Militäradministration. Karlshorst bekam den Beinamen Klein-Moskau. Etwas Düsteres ist dem Haus durchaus zu eigen. Vielleicht sind die Fenster für die Räume zu klein. Vielleicht nehmen die Bäume zu viel Licht weg. Vielleicht ist es die Düsternis des Geschichtskapitels, die den Eindruck der Lichtlosigkeit verstärkt.

Ingel Glesel: Ich bin ja erst achtzig

Die Ausstellung hat ihre Vernissage, und zu Beginn kann der Museumsdirektor Jörg Morré verkünden, dass wir unter uns sein werden. Weder die Botschafter der Russischen Föderation, der Ukraine und Weißrussland noch Viktor N. Skrjabin vom Zentralmuseum aus Moskau sind erschienen; warum auch immer. Dafür sind einige Überlebende des Kinderheims von Iwanowo, nord-östlich von Moskau gelegen, gekommen. In diesem, 1933 von der Internationalen Roten Hilfe gegründeten Heim lebten nach der faschistischen Machtergreifung die Kinder von Revolutionären und Antifaschisten, deren Eltern in ihren Ländern verfolgt oder getötet wurden. Inge Glesel war in diesem Interdom genannten Heim von 1945 bis 1945 und begrüßte alte Gefährtinnen und Gefährten, eine war trotz ihres hohen Alters gar aus Hamburg gekommen. Ich selbst bin ja erst 80, sagte Frau Glesel und gab einen konkreten Bericht vom Leben in diesem Kinderheim, in dem man nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion einen Überlebenskampf führte, auch als Kind. Die Versorgung brach zusammen, die Kinder hungerten. In den Wintern waren die Räume nicht warm zu kriegen. Die Kinder betrieben Landwirtschaft (als Technik gab es nicht mehr als den Spaten) und bekamen die Erlaubnis, in einem Waldstück Bäume zu fällen. In diesen schweren Jahren entstand ein Zusammenhalt, der für ein ganzes Leben reicht. Ich hoffe, ich habe mich verständlich ausgedrückt, sagte Frau Glesel. Daran war kein Zweifel. Anschaulicher kann ein Erlebnisbericht kaum sein.

Jörg Morré erzählte genau, beherrscht, mit historischer Umsicht die Geschichte des deutschen Krieges gegen die Sowjetunion, der als Vernichtungskrieg geplant und als Vernichtungskrieg auch geführt wurde. Die Toten, die Erniedrigten, die Ausgehungerten. Man meint, alles darüber zu wissen, aber in der Erzählung Morrés leuchteten für mich viele unbeachtete Aspekte auf. Er erzählte mit der kultivierten Resignation eines Mannes, der ein Haus leitet, das in mehrfacher Hinsicht an die Peripherie gerückt ist. In Russland zieht man es vor, den Sieg zu feiern, als der Kapitulation des Gegners zu gedenken, und die deutsche Politik erinnert sich an dieses Kapitel der Geschichte äußerst ungern, zumal man aktuell mit den Russen überkreuz ist und meint, allein die richtigen Werte zu bedienen.

Anschließend wurde die Ausstellung zur Besichtigung freigegeben. Kinder im Krieg, Kinder, die mit dem Hunger kämpfen, Kinder im Konzentrationslager, Kinder, die sich militärisch ausbilden, Kinder, die sich an die Front melden, Kinder, die zu den Partisanen gehen. Kinder als Helden?, hatte Morré in seiner Erzählung gefragt. Das ist nicht unbedingt unsere Sicht der Dinge. Aber kann es falsch sein, wenn die russischen Partner es so sehen?

Bedrückende Bilder. Ausbildung in der Suworow-Militärschule in Kursk

Der kleine Empfang: ein paar Flaschen Bier, ein paar Flaschen Wein, ein paar Flaschen Wasser. Gedämpfte Worte, nachdenkliche Stimmung.

Die philosophische Ambition

Wat sitzt Ihr denn da oben rum in diesem Irish Pub, wenn Ihr ja doch nüscht trinken könnt als Puppen? – Na ja.

Da ist es wieder: Sie können heute sachlich über Ihre Forschung diskutieren? – Na ja, ganz so ist es nicht.

Ich meine das „na ja”. In diesem Fall sagt es ein Niederländer, der Soziologieprofessor Ruud Koopmans. Ich höre dieses na ja in meinem deutschen Umfeld ständig. Und es wird nicht als Floskel, als Füllwort verwendet, sondern vielsagend, mit etlichen schwebenden Bedeutungen. Meinen Sie, dass Donald Trump sein erstes Amtsjahr übersteht? – Na ja.

Ist der Klimawechsel in Wirklichkeit nur eine Erfindung grüner Aktivisten? – Na ja.

Hat Martin Schulz doch noch eine Chance, Kanzler zu werden oder wenigstens Außenminister in einer großen Koalition? – Na ja.

Oder privater:

Findest du das richtig, dass diese Frau ihren Mann verlässt, nur weil er trinkt? – Na ja.

Dieses na ja ist das kürzeste philosophische Programm, das man sich denken kann. Und es ist irgendwie unanfechtbar. Du solltest eine bedeutsame Miene aufsetzen, wenn du na ja sagst. Und du solltest das na mit einem kleinen Fragezeichen versehen und das ja sehr lang ziehen. Wird der Flughafen Berlin-Brandenburg jemals fertig werden? – Na (?) jaaa …

Dann wird jeder denken: Dieser Mensch versteht etwas von der Materie.

Ich erinnere mich. Im Berliner Schriftstellerverband stellte Stephan Hermlin sein „Deutsches Lesebuch”, eine Auswahl exemplarischer deutscher Texte (Von Luther bis Liebknecht), das natürlich an Hugo von Hofmannsthals Deutsches Lesebuch (Von Lessing bis Rudolf Hildebrand) anknüpfte. Hermlin sprach über Leistungen und Defizite der Deutschen. Sie haben keine herausragenden Romane geschrieben und waren nicht die größten Maler. Aber in der Musik und in der Philosophie waren sie fast ohne Konkurrenz. Sowas merkt man sich. Und ich finde: Dieses unentwegt gebrauchte „Na ja” deutet auf die philosophische Ambition und Begabung der Deutschen hin.

Internet und Herrschaftswissen

Das Herrschaftswissen löst sich in seine Einzelbestandteile auf
© Klaus

Mit der Ausbreitung des Internet begann der Niedergang des Begriffs Herrschaftswissen und all dessen, wofür er steht, und das ist auch gut so. Das Internet ist die reine Demokratie mit allem Für und Wider. Es fällt einem nicht in den Schoß, das Internet, man wird nicht hineingezwungen, aber wenn man es hat, kann man überall dabeisein. Und kann das, was wir Herrschaftswissen nennen, aufstöbern. Und schon ist Herrschaftswissen kein Herrschaftswissen mehr. Okay. Ich weiß nicht alles, aber ich könnte alles wissen, wenn ich nur wollte und meine Zeit mir nicht zu schade wäre. Nie waren die Statements der Politiker so durchsichtig, wie jetzt in den Zeiten des Internet. Nie war die Geheimnistuerei der Manager so lächerlich. Aber so hoch will ich gar nicht greifen. Der Handwerker ist nur noch eingeschränkt König. Den Boiler, den er mir für 700 € in Rechnung stellen würde, kaufe ich im Netz für 500. Die Info, wie ich den Rollladenantrieb meiner Jalousie programmieren kann – er enthält sie mir vor, weil er sich wichtig tun und mit jeder Kleinigkeit Kohle machen will – ich hole mir die Anleitung im Netz. Und dann mache ich das selbst. Leckt mich doch alle am Arsch. Das eigene Herrschaftswissen, das man sich über Jahre und Jahrzehnte angeeignet hat und mit dem man hier und da auf die uns eigene bescheidene Art aufgetrumpft hat, ist allerdings auch von seinem Glanz befreit. Das halten wir aus.

Draußen im Sommer

Kein Husten, kein Handy, kein Wind

Im Sommer telefonieren die Leute in ihren Gärten. Sind Sie sicher, dass die ganze Straße hören möchte, was Sie da ins Handy sprechen? Nein, sind sie nicht. Ist ihnen aber egal. Ich denke, also bin ich. Das war mal. Ich quatsche ins Handy, also bin ich. Wer nicht ins Handy quatscht, wer keine Spur in der Cloud hinterlässt, kann nicht sicher sein, dass er existiert.

Andere, etwa ich, lesen im Sommer die Zeitung im Garten. Zeitung lesen im Wind – da sind Könner gefragt. Man kann das nicht auf Anhieb. Es entstehen sagenhafte Verknuddelungen (ich verwende gern mal ein Wort, das nicht im Duden steht). Neben dem Wind stört mich der Husten aus den Nachbargärten. Auch da sind Könner am Werk. Es gibt welche, die gleichzeitig husten und lachen. Es gibt andere, die gleichzeitig husten und sprechen. Ich bin unschlüssig, wem die Krone gebührt. Hör mal, wie schön ich husten kann. Niemand hat die Absicht, ernsthaft etwas gegen seinen chronischen Husten zu unternehmen. Denn einfach nur lachen und einfach nur sprechen kann jeder. Aber gleichzeitig dazu zu husten – das gibt’s sonst nur im Zirkus. Oder früher bei Wetten dass.

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Machen wir uns doch nichts vor

Die Grünen, Linken, Liberalen möchten gern am Kanzler-Duell von Angela Merkel und Martin Schulz teilnehmen, um die Demokratie zu wahren, sie hätten nichts dagegen, wenn die AfD dabei wäre, auch wegen der Demokratie. Das scheint mir der falsche Ansatz zu sein. Auch Martin Schulz ist nicht Volkspartei genug, um sich ins Duell begeben zu können. Angela Merkel sollte das Kanzler-Duell mit sich allein führen. Vielleicht erfahren wir dann etwas über ihre inneren Kämpfe und Zweifel.

Das Wort Provinz verwenden wir nicht

Nicht, dass wir aneinander vorbeireden …

Originalton Dialog:

Nach längerer Abwesenheit traf der Oberprofessor wieder ein und untermauerte sofort seine Vormachtstellung. Er trabte durch alle Zimmer und lobte Artikel, die nicht unter seiner Herrschaft erschienen waren, als wollte er zeigen, wie frei von Eigennutz und Eitelkeit er einerseits sei und wie weitgehend sein Gedankengut auch in seiner Abwesenheit wirke. Er ging sogar soweit, dass er bekannte, er habe eigentlich vorgehabt, Lobeskarten zu verschicken und Lobesanrufe zu tätigen. Mich holte er erst am dritten Tag in seinen Saal.

Ich wollte dir sagen. Deine Seite. Das Wort Provinz verwenden wir nicht.

Wer verwendet es nicht, fragte ich lebhaft.

Ich, sagte er.

Ach so, sagte ich, warum sagst du das nicht gleich.

Ich und die Partei, fügte er hinzu.

Die Partei, das stimmt nicht, sagte ich.

Doch. Das stimmt. In Parteikreisen kenn ich mich besser aus als du.

Das soll auch so bleiben, beruhigte ich ihn. Aber gegen das Wort Provinz ist nichts einzuwenden.

Doch. Ich will das nicht.

Dann schau doch mal ins Wörterbuch.

Das muss ich nicht. Ich mach hier Zeitung, und das ist ’ne politische Sache.

Das hat aber auch mit Sprache zu tun.

Nein, wenn man die richtige Politik vertritt, dann kann auch die Sprache nicht falsch sein.

Als nächstes ist Wullsteins Artikel, „ich sage das in Anführungsstrichen”, von der Nebenwohnung dran. Einen Artikel über ’ne Nebenwohnung will der Oberprofessor nicht in seiner Zeitung haben. Ich sage, es gibt so viele Nebenwohnungen. Er sagt, nein, er kennt nur Erwin Strittmatter, der ’ne Nebenwohnung hat, ansonsten gibt’s tausend arme Schweine, die keine Wohnung haben. Ich sage, aber es gibt Gesetzblätter über Nebenwohnungen, dann muss es ja diese Wohnungen wohl auch geben, oder sind diese Gesetzblätter nur wegen Erwin Strittmatter gemacht. Nein, sagt er, das ist arrogant, er sage was Wichtiges, nicht zuletzt, um mir zu helfen, damit ich meine Aufgaben richtig erfüllen kann, und zum Dank wage ich, ihm zu sagen, er solle ins Wörterbuch oder ins Gesetzblatt schauen.

Fehlstunden

Sprich klarer, Genosse. – Schon passiert.

Ich komme zurück auf Platonow, komme zurück auf den Kommunismus und die neue Sprache, die mit der neuen Gesellschaftsform Einzug halten sollte. Wenn schon der wirtschaftliche und politische Umbruch nicht die erwarteten Erfolge brachte, sollte wenigstens die neue Sprache einen Siegeszug antreten. Die Leute dachten nicht so, aber die Funktionäre auf jeden Fall. Die abgehobene Funktionärssprache machte sie in ihren Augen zur revolutionären Avantgarde.

Das Problem hatten wir in der DDR auch. Die gewöhnliche und die Funktionärssprache widerstritten in unseren Köpfen. Dabei kamen merkwürdige Statements zustande.

Ich langweile mich irgendwie nie. Ich konnte mich schon als Kind stundenlang beschäftigen. Das war so ziemlich alles, was zu meinen Gunsten gesagt werden konnte. Später, im Erwachsenenleben, war die Gefahr groß, dass man sich in endlosen Sitzungen und Versammlungen eben doch langweilte. Damals fing ich an mitzuschreiben. Diese merkwürdigen, lebensfernen Sätze, die gesagt wurden. Meine Chefs sahen das mit einer gewissen Ambivalenz. Einerseits freuten sie sich über den eifrigen Mitschreiber ihrer Weisheiten. Der Junge scheint zu wissen, wie bedeutend meine Erklärungen sind. Andererseits argwöhnten sie wohl, dass ich mich über sie lustig machen wollte. Aber sie konnten das Mitschreiben ja nur schlecht verbieten.

Und jetzt Originalton:

Zunächst wollt ich euch mal mitteilen, dass heut der neunte ist, und damit ihr darüber nicht in intellektuelles Grübeln verfallt, möchte ich euch sagen, dass in 14 Tagen der 24. ist. Na, wie soll ich’s mal anfangen. Nach allem, was ich höre, gibt’s sehr viel Lob über den „Sonntag”. Über das kulturpolitische Gesicht der Zeitung, über die Sorgen über die Sprache, über dieses und jenes, wie auch dieses und jenes manchmal nicht auf Begeisterung stößt. Obwohl ich meine, da ließe sich noch Manches besser machen, mal dieses Gedicht, auch was am Umbruch, mal dieses und jenes mehr, mal dieses und jenes weniger.

Ich wollt noch sagen, dass die 7. Tagung des ZK sicher eure Aufmerksamkeit gefunden hat. Wir haben den Bericht vom Erich Honecker gelesen, den Werner Felfe gegeben hat. Wohnungsbauprogramm Dörfer, zweitens Wissenschaft, Ergebnisse in der Praxis, drittens Sparen von Energie und Material. Der Witz besteht aber darin, dass man weniger Material für bessere Erzeugnisse einsetzt. Nicht weniger Material für ’ne Uhr, die dann so ’n schweres Ding am Arm ist. Moment, ich kann meine Schrift nicht lesen. Wir haben auch die Schwierigkeit, nun achtet mal her, wir haben je Produktionsarbeiter pro Jahr 260 Fehlstunden durch Krankheit. Und auch durch Nichtkrankheit. Jetzt kommen auch die geburtenschwachen Jahrgänge hinzu, in die Praxis, mein ich, und machen den Fachleuten noch mehr Sorgen. Man hat mir erzählt, dieses Dorf hieß früher so, sagen wir mal Schöningen, jetzt Liebenstein zwo, wir haben manchmal die Identität des Dorfes verloren, und diese Identität, die wollen wir bewahren, ich wiederhole also, die Wohnungsfrage und die Dorfproblematik, und im März haben wir Kommunalwahlen, denkt an die Blockpolitik im Dorf, da müssen noch etzliche Dinge geschehen. So, und nun komm ich wieder zum Ausgangspunkt zurück, ich hab euch am Anfang gesagt, heut ist der 9. Dezember, Werner sagt, es weihnachtet sehr, und hier ist ’n Umschlag für ihn, wir haben das lange geübt, dass das so aufs Stichwort kommt. Wenn ihr mir mal ’n bisschen Gehör schenken wollt, es ist immer so furchtbar schwer, und dann ist hier noch ’ne Luft drinne …