Archiv

Posts Tagged ‘Saurier’

Rauhe Schale

Auf den Mann am Grill kommt es an
© Christian Brachwitz

So fröhlich waren wir 1982. Oder anders: Es kam keine Volksfeststimmung auf. Vielleicht, weil das, was da langsam am Spieß geröstet wurde, aussah, als wäre es ein Saurier gewesen, und Saurier waren beliebt. Vielleicht kam auch keine Volksfeststimmung auf, weil die Leute in der Schlange das Gefühl hatten, das Fleisch werde entweder nie gar oder es würde nichts mehr da sein, wenn sie an der Reihe wären. Wir müssen aber darüber reden, dass wir uns in Gesichtern (und auch in Körpern) täuschen können. Der Mann, der das Wildschwein oder den Ochsen grillt – er würde sich vielleicht selbst nicht mögen, wenn er sich so im Spiegel sähe. („Ich ist ein anderer.”) Er ist ins Schwitzen gekommen, so nah am Feuer. Vielleicht tropft sein Schweiß auch aufs Fleisch, den essen wir dann mit. Es ist keine leichte Sache, ein so großes Stück Fleisch zu braten. Das Äußere könnte leicht verkohlen und das Innere noch roh sein. Da brauchst du einen Profi am Grill. („Ich mach das, so lange ich denken kann.”) Der Mann spielt vielleicht auch Fußball in der Dorfmannschaft. Er weiß, dass er langsam ist. Er kann seinen Gegenspielern nicht folgen, er muss sie anders bespielen. Er rempelt sie beiseite, er haut ihnen in die Knochen. Er schätzt es nicht, ausgelacht zu werden, wenn die jungen Burschen ihn austanzen. Man legt sich eine gewisse Brutalität zu, aber eben nur beim Fußball oder wenn ein Fotograf vorbei geht. Brachwitz meint, er hatte Angst, dass der Metzger ihn mit auf den Spieß legt. Der sah so verständnislos aus für alles, was außerhalb seines Jobs war. Aber da sage ich wieder, dass wir uns in Gesichtern und wie erst in Gesichtsausdrücken täuschen. Auch in unseren eigenen Gesichtern täuscht man sich. Mich wundert, dass ich für fröhlich gehalten werde, aber ich bin gar nicht fröhlich. Mich wundert, dass ich für zynisch gehalten werde, aber ich bin gar nicht zynisch. Was bin ich denn überhaupt? Mein Gesicht führt in die Irre.

 

Die Scheiße am Schuh

Wo geht die Reise hin? Lieber ein echtes M als eine falsche Neun © Fritz-Jochen Kopka

Wo geht die Reise hin? Lieber ein echtes M als eine falsche Neun
© Fritz-Jochen Kopka

Wir sind keine Turniermannschaft mehr. Wieso denn? Wir haben gestern doch ein großes Spiel gemacht! Ja, schon. Leider ist es so, dass unsere Spieler im Laufe des Turniers umfallen wie die Fliegen und nicht mehr weiterkönnen. Ohne Einwirkung des Gegners. Zuerst Gomez und Khedira. Und gestern nun Boateng. Ich fühlte mich an das Aussterben der Saurier erinnert. Ein Teil unserer Kicker hält ein solches Turnier einfach nicht mehr durch. Und auch Schweinsteiger war nicht im Vollbesitz seiner physischen und geistigen Kräfte. Er wurde zwar bis zur Nachspielzeit der ersten Halbzeit sehr gelobt – aber brauchten wir das wirklich? Einen zusätzlichen Mann zwischen den beiden Innenverteidigern, der einen souveränen Salonfußball spielt mit vielen überlegten Querpässen? Und dann der Blackout. Ich meine, wer so mit der Faust zuerst im Strafraum zum Ball geht – wie kann der sich noch über einen Elfmeter beschweren? Na gut. Ich brauche gar nicht so blöd zu fragen, ich weiß es ja. Schweinsteiger war immer einer, der glaubte, dass bestimmte Regeln im Fußball für alle und jeden gelten, aber nicht für ihn. Etwa, dass Handspiel verboten ist. Oder dass man seinem schnelleren Gegenspieler nicht heimtückisch mit beiden Fäusten in den Rücken drischt. In Deutschland hat man ihm das alles durchgehen lassen, weil er seine Fouls mit so großer Selbstverständlichkeit beging. International ist das schon anders.

Kurz und gut. Ich empfinde jetzt so etwas wie Erleichterung. Der große Druck ist weg. Wir haben ein wirklich gutes Spiel gemacht und sind im Halbfinale ausgeschieden. Wir müssen jetzt nicht mehr leiden mit Thomas Müller, der bei dieser EM wirklich zum Karl Valentin des Fußballs geworden ist (Man konnte früh sehen, dass er in diesem Turnier die Scheiße am Schuh hat und hätte ihm ein oder zwei Spiele frei geben sollen zum Schuhe putzen oder zur Selbstbesinnung). Wir müssen nicht mehr rätseln über die Unsichtbarkeit von Mario Götze (die Legende von der falschen Neun) in unserem Offensivkonzept. Wir müssen nicht mehr bangen, dass jeden Moment Lukas Podolski eingewechselt werden könnte. Es waren eben auch solche Sentimentalitäten des Bundestrainers, die uns einschränkten. Er hätte viel früher die jungen Offensivspieler einsetzen müssen, nicht erst drei Minuten nach der Angst. Und last but not least: Wir waren meilenweit davon entfernt, einen Offensivspieler wie Antoine Griezmann in unseren Reihen zu haben. Und falls es in Deutschland ein solches Talent gäbe, dann würden wir lieber noch eine Weile glauben, dass Mario Götze besser ist als Lionel Messi und auf ihn setzen. Vor diesem Hintergrund haben wir es doch weit gebracht und können nun unbelastet das Endspiel ansehen. Und dann können wir immer noch sagen, dass das wahre Endspiel eben dieses war: Deutschland gegen Frankreich 0:2, und die Niederlage nur wegen eines zweifelhaften Elfmeters zustande kam. Er war nicht zweifelhaft. Er war irrational. Mal geht das gerade noch gut (Boateng), mal geht es schief.