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Archive for Dezember 2014

Vor- und Nachsätze

Solch ein Gewimmel möcht ich sehen. Oder lieber nicht?

Solch ein Gewimmel möcht ich sehen. Oder lieber nicht?

Wenn man jetzt nicht einmal mehr an so einem Fest etwas trinkt, was soll das Leben dann noch für einen Sinn haben!

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Die letzten Untaten des Jahres

Trees in Heaven

Trees in Heaven

Da gab’s ja noch zwei Tatorte in den letzten Tagen des Jahres.

Es musste wahrlich Weihnachten werden, um uns das Gefühl zu geben, dass wir einem gelungenen Tatort aus Saarbrücken beiwohnen. Jawohl. Jetzt ist der Humor, den die Macher mit Kommissar Jens Stellbrink alias Devid Striesow im Sinn hatten, aufgegangen. Jetzt war der Kommissar nicht mehr nur ein komischer Kauz mit Yoga und rosa Vespa, sondern ein saarländischer Hans im Glück, der mit jedem Missgeschick nur noch ein bisschen freier und fröhlicher wird. Auch wenn der normale Bürger sich über den Bullen von der komischen Gestalt nur wundern kann: „Die haben Ihnen Ihren Ausweis geklaut und Sie sind Polizist?!”

Dabei hatten sich die Saarbrücker viel vorgenommen, zu viel, sollte man eigentlich meinen. Zu Weihnachten die Weihnachtsgeschichte nachzuspielen, die Geburt des Christkinds im Stall, das verlangt schon Verwegenheit und Sachlichkeit dazu. Stellbrink, der unbekümmert under cover unter den fleischigen Nutten im Puff ermittelt, mit Ko-Tropfen mattgesetzt wird und für die verschlafenen Stunden fünfhundert Euro blechen muss, das war echt nicht schlecht und beiläufig mit schrägem Humor in Szene gesetzt.

Alles wegen dem Scheißweihnachten – dieser und ähnliche Flüche werden in diesem Film öfter ausgestoßen. Ausgerechnet wegen dem Scheißweihnachten liefern die Saarländer ihren besten Tatort ab. Also dann Freunde, vielleicht nur noch zu christlichen Festen?

Und der Tatort aus München … „Das verkaufte Lächeln”. Man sah die Kinder oder, ach, Jugendlichen beim Smartphone-Malochen. Schwer vorstellbar, dass sie ohne Smartphones und Laptops überhaupt lebensfähig sein könnten. Eine der besorgten Mütter zerkloppt schließlich das Gerät ihres Sohns und staucht es in den Müll. Da ist es aber schon zu spät. Der Junge ist nicht mehr zu retten. Das Gerät ist die Grundlage seiner Existenz.

Generationskonflikte hat es immer gegeben. Aber so tief ist die Schlucht wohl noch nie gewesen. Die Jungen hinter ihren Computern sind kaum noch in der Lage, ihre Alten ernst- und wahrzunehmen. Sie kommen klar, ja?, fragen sie besorgt, wenn sie einen Erwachsenen am Computer erblicken. So wie wir früher gerührt waren, wenn wir einen Volkspolizisten in all seiner Hilflosigkeit an einer Schreibmaschine sitzen sahen. Jetzt ist es aber so, dass die computertechnischen Fähigkeiten der Jugendlichen ihren ethischen Standards weit voraus sind. Und aus dieser Diskrepanz ergeben sich dramatische Konstellationen, Missbrauch und Totschlag.

Die wackeren Missmutigen Franz und Ivo konnten da nur am Rand agieren, den Ereignissen immer das entscheidende Stück hinterher. Na klar. Die finale Kunst beim Tatort besteht meistens darin, unter den Verdächtigen den harmlosesten als Täter auszumachen. Das war in Saabrücken so und in München auch. Warum nicht. Es ist ein Spiel zwischen Drehteam und Zuschauer. Hier ging es auf.

Gefäß Gottes

Plötzlich im Jahr 77 in Prag © Christian Brachwitz

Plötzlich im Jahr 77 in Prag
© Christian Brachwitz

Den frommen Mann fand Brachwitz in Prag. Steht da wie ein Gefäß Gottes, dachte er, passt auf, dass die Touristen nicht auf den Boden der heiligen Gemäuer rotzen. Ein schöner Mann, ein strenger Mann. Es genügt schon, dass er da steht, um gar nicht erst auf dummen Ideen zu kommen. Man hält es für möglich, dass er Wunder vollbringen und Sünder verfluchen kann. Das Gesicht, das aus dem Dunkel hervortritt, die verschatteten Augen. Das Licht und die Finsternis. Sonneneinfall und schwarze Schatten. Woran glauben wir, wenn wir glauben? Dass es das Unerklärliche gibt. Mystik. Fatum, das Schicksal. Wenn wir die Energie haben, können wir viel in unserem Leben selbst bestimmen. Wenn wir Glück haben auf lange Sicht, könnten wir zu der Einsicht kommen, dass uns das Schicksal nicht immer verschont, aber es trotzdem gut mit uns meint. Auch wenn man das nicht immer wahrhaben will. Und wenn man den frommen Mann anschaut, dann glaubt man vielleicht weniger an Glauben als an Askese. Oder an Verzicht. Vieles, was man für unverzichtbar hielt, braucht man nicht. Darum muss man sich nicht bemühen. Kein schlechter Gedanke zwischen den Jahren.

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Wir lassen Fritzenberger nicht im Stich

Ein Jahr nach ihrem Start müssen die jungen Erfurter Kommissare schon wieder ermitteln und einen Maulwurf suchen, der die Kriminellen für Geld und böse Worte mit polizeilichen Informationen versorgt. Der Maulwurf, so heißt denn auch der neue Fall.

Angeblich ist das gemischte Trio nicht nur jung, sondern auch cool, aber das bekommt man nicht so mit, es sei denn, Floskeln wie „Man sieht sich” sind cool, aber das war uns bis jetzt noch nicht bekannt. Von den Machern des Erfurter Tatorts kann man sagen, dass sie ein diebisches Vergnügen daran haben, tölpelhafte Bullen vorzuführen, was ja löblich sein mag. Dreimal rückt ziemlich sinnloser Weise das dick eingemummte Einsatzkommando an und führt mit vorgehaltener Waffe sein plumpes Ballett auf. Zum anderen ist man bemüht, den jungen Ermittlern ein Gesicht zu geben, aber sie sind und bleiben Kommissare ohne Eigenschaften. Da fällt gerade mal auf, dass Kommissar Funck in seine Nachbarin verliebt, Kommissar Schaffert wortkarg ist und Kommissarin Grewel unterschätzt wird. Ist es denn cool, wenn diese Mickymäuse autoritätshörig an Kriminaldirektorin Fritzenberger hängen, die die Weisheit auch nicht gerade mit Löffeln gefressen hat? „Wir sind uns darüber einig, dass der Maulwurf, den Lemke genannt hat, nicht unsere Chefin war.” „Wir lassen Fritzenberger nicht im Stich.”

Die Geschichte des bei einer Beerdigung ausgebrochenen Schwerverbrechers Lemke war billig, die Dialoge dürftig, und dass man den Maulwurf, den Verräter bei der Polizei, schon im ersten Viertel des Films erkannte, kann man nicht gerade als Vorzug ansehen. Der Täter hatte Schulden und wollten sich endlich seiner Geldsorgen entledigen. Wie soll aus diesem ausgelutschten Motiv ein Thriller werden? Keine Ahnung, wie man diesem Erfurter Tatort auf die Sprünge helfen soll. „Wir gehen noch mal alles durch”, sagt Kommissar Schaffert. Ja bitte. Aber ob das hilft?

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Tristessa

Wer glaubt noch an den Weihnachtsmann? Schneeberg im Erzgebirge 1979 © Christian Brachwitz

Wer glaubt noch an den Weihnachtsmann?
Schneeberg im Erzgebirge 1979
© Christian Brachwitz

Der Weihnachtsmann hat den Ernst der Lage erfasst. Er ist zu irdisch und zu dünn, um Seligkeit verbreiten zu können. Die Kinder machen sich keine Hoffnungen, dass er das aus dem Sack hervorzaubern könnte, was ihnen gerade fehlt. Einige haben sich schon von ihm abgewendet, ehe er noch ein Wort an sie richten konnte. Der Mann ist erschöpft und desillusioniert, die Tränensäcke sorgen nicht dafür, dass sich den Weihnachtsmann als glückliches Wesen vorstellen könnte. Man muss nicht nach Schneeberg, die Weihnachtsstadt des Erzgebirges, und ins Jahr 1979 beamen, um innezuwerden, dass Weihnachten sehr trist sein kann. Weihnachten ohne Schnee, Weihnachten mit läppischen Temperaturen, Weihnachten ohne den Glauben, dass irgendwer irgendwen glücklich machen kann. In meiner Erinnerung sehe ich kindliche Soldaten, die sich kaum bewegen konnten in ihren dicken Uniformmänteln. Sie hatten alle ihre Anschlusszüge verpasst und allenfalls noch die Chance, Heiligabend in einem Wartesaal zu landen und Glühwein zu trinken. Bei uns kippte eines Weihnachtens mitten in der Nacht ohne fremdes Zutun der Weihnachtsbaum um. Das Geräusch, mit dem er das tat, ist unvergesslich. Ein kurzes Rauschen und ein vielfaches, fast melodisches Klirren. Damit lag die letzte Illusion am Boden, dass man ein schönes Fest haben könnte. Am nächsten Tag fand auf der Trabrennbahn das Weihnachtsrennen statt. Die Leute verloren ihr letztes Geld und gewannen eine mittlere Depression. Natürlich kann Weihnachten auch schön sein, etwa wenn man sich mit leichter Ironie an die familieneigenen Rituale hält, wenn man sich von den großen Erwartungen verabschiedet und wenn man sich etwas erzählen kann. Weißt du noch …

Oblomow als Russen gesehen

Iwan Gontscharow, „nachdenkliche, gleichsam verschlafene Augen” Zeichnung: H. Thannhaeuser, Transmare Verlag Berlin 1947

Iwan Gontscharow, „nachdenkliche, gleichsam verschlafene Augen”
Zeichnung: H. Thannhaeuser, Transmare Verlag Berlin 1947

Auf Oblomow zurückzukommen. Wir erfahren in Gontscharows Schrift einiges darüber, wie die Russen ticken, was wir lieber nicht zu wissen wünschten. Altmodisch waren sie schon immer, am Bestehenden festhaltend. Der robuste Betrüger Tarantjew, der es immer wieder versteht, Oblomow um Rubelchen, Kleidungsstücke und Champagner zu erleichtern, formuliert das urrussische Misstrauen gegen Erfolg, Geldvermehrung, kapitalistische Karrieren, wie sie für ihn der Deutsche Andrej Stolz, Oblomows Freund, verkörpert. „Ich habe gehört, dass er irgendeine Maschine anschauen und bestellen gefahren ist: offenbar eine Presse, um russische Geld zu drucken! Ich würde ihn ins Zuchthaus stecken … Aktien soll er haben … Ach, diese Aktien ärgern mich aufs Blut!” Ja. So wettert der Russe auf alles Innovative, Rührige. Erfolgreiche. Im Traum surft Oblomow aufs Gut der Familie und in seine Kindheit zurück. Das ist der Punkt, an dem Gontscharows Roman ein wenig zu deterministisch angelegt ist, er zeigt, dass Oblomows Trägheit eine lange Tradition hat, der ein Mensch einfach nicht entkommen kann: „Vielleicht bemerkte und begriff auch Iljuscha schon längst, was in seiner Gegenwart gesprochen und getan wurde: dass sein Vater in Plüschhosen, in einer braunen, wattierten Tuchjoppe tagaus, tagein nichts weiter tat, als mit den Händen auf dem Rücken von einer Ecke in die andere zu gehen, Tabak zu schnupfen und sich zu schneuzen, während die Mutter vom Kaffeetrinken zum Teetrinken und vom Teetrinken zum Mittagessen ging … Es hätte ihnen leid getan, wenn die Umstände irgendwelche Veränderungen in ihrem Dasein bewirkt hätten … Sie verbrachten ganze Jahrzehnte damit, zu schnaufen, vor sich hin zu dösen und zu gähnen oder in gutmütiges Gelächter über bäurischen Witz und Humor auszubrechen oder sich im Familienkreise zu erzählen, was jeder geträumt hatte … Dann vertrieb man sich die Zeit mit Kaffee, Tee und Eingemachtem. Darauf ging man allmählich zum Schweigen über. ” Kein anderer Autor hat es je gewagt, über einen fauleren Menschen als Oblomow zu schreiben. (Vorsicht! Was ist mit Beckett? Na ja. Vielleicht.) Und doch macht Gontscharow aus Oblomow keine Witzfigur. Ilja Iljitsch hat, wie wir oben sahen, biographische, aber auch philosophischen Gründe für seine Trägheit. Er kann nicht anders, als von der Nichtigkeit menschlichen Handelns überzeugt zu sein. Welchen Sinn hat das alles, wohin soll es führen. Geschäftigkeit, Tüchtigkeit widern ihn an. Wann haben die Menschen Zeit, zu sich zu finden, zu ruhen, in Ruhe nachzudenken. Inwieweit kennen sie sich überhaupt. Oblomows Anschauungen von der Welt haben einiges für sich. Aber wenn jemand schon in eine Verzagheit hineingewachsen ist wie er, dann ist der Schritt vom Denken zum Handeln unheimlich groß. Und doch ist dieser faule Mensch das Kraftzentrum von Gontscharows 700-Seiten-Roman. Sein Freund Andrej Stolz, der Deutsche, muntert Oblomow auf, ermutigt ihn, schützt Oblomow vor Betrügern und mehrt die Einnahmen aus seinem Gut und reist mit offenen Augen durch die Welt, aber wir merken schon an dieser letztlich blassen Gestalt, dass das tätige, tüchtige Leben nicht unbedingt erfüllend ist. Oblomows Verharren und Verlöschen natürlich auch nicht. Das Karussell des ewigen Strebens oder das Ideal der Ruhe und Tatenlosigkeit? Gontscharow, der sich übrigens auf den letzten Seiten des Romans selbst auftreten lässt („ein dicker Literat mit apathischem Gesicht und nachdenklichen, gleichsam verschlafenen Augen”), hatte weder im Leben, noch im Buch ein Rezept für sich und seine Leser. Aber er fand überall Fragen. Interessant, dass der Schriftsteller Hans Jürgen Fröhlich in Oblomow das anarchistische Potential entdeckt. Er sieht in ihm den Prototyp des unangepassten Menschen, der Verweigerer. „Oblomows Problem ist nicht das Phlegma, sondern seine Infantilität.”

Ein Krimi ohne Leiche

Vitale Rentner beim Wochenendausflug nach Brandenburg, wo ihnen kein Haar gekrümmt werden wird

Vitale Rentner beim Wochenendausflug nach Brandenburg, wo ihnen kein Haar gekrümmt werden wird

So langsam es im märkischen Sand Brandenburgs auch zugehen mag: In den Schulen haben sie dort Hausmeister (früher sagte man: Pedell), die ihren Doktor in Philosophie machen und die Direktorin bespringen. Kriminalhauptkommissarin Olga Lenski (Maria Simon) ahnt nicht, was alles Schlimmes ihr geschehen könnte, und genau diese Ahnungslosigkeit schützt sie vor größerem Unheil, auch wenn das private Glück sie immer noch flieht. Polizeiobermeister Horst Krause (Horst Krause) verbirgt mit seinem desolaten Seitenwagengespann und dem traurigen Schäferhund, dass er schlauer ist, als die Polizei eigentlich erlaubt, und so lösen die so inkompetent wirkenden Kollegen letztlich jeden Fall. Und dann soll den Brandenburger Polizeiruf-Leuten erst mal einer nachmachen, dass Opfer und Täter identisch sind. Das hinzubekommen, müssen Autorin und Regisseurin schon eine ziemlich schräge Phantasie haben. Ja, die hat man hier in der Mark. Es beginnt mit Vogelgezwitscher, Ländlichkeit, hilflosen Referendarinnen, niederträchtigen Schülern, vereinsamten, von Ehrgeiz zerfressenen Müttern und herben Schulleiterinnen, bis dann die Bombe platzt und die Ermittler sich langsam, aber sicher in die Spur begeben. „Hexenjagd” hieß dieser Polizeiruf. Die Hexe war die Schulleiterin (Corinna Kirchhoff), streng, hohlwangig, durchsetzungsstark, und sie hatte ja durchaus recht, wenn sie sagte:„Ich finde nur, dass nicht jeder Abitur machen muss.” Schön auch, dass sie diesen klassischen Ost-Satz von sich gibt: „Sie machen Ihre Arbeit, ich mach meine.” Und die gestressten Mütter pubertierender Halbwüchsiger treten selbstverständlich mit der Totschlag-Frage an Kommissarin Lenski heran: „Sie haben keine Kinder, oder?” Wenn Sie nämlich Kinder hätten, würden Sie unsere lieben Söhne nicht verhören.

Auch in diesem Krimi vom Land gibt es keinen Toten, nur fast. Der Polizeiruf aus Brandenburg hat zu sich selbst gefunden. Er soll so werden, wie er ist.