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Archive for August 2014

Berlin Alexanderplatz (12): Die Schlacht der Veganer

Der Hintern eines Schweins muss nicht hässlich sein, aber obszön Fotos © Fritz-Jochen Kopka

Der Hintern eines Schweins muss nicht hässlich sein, aber obszön
Fotos © Fritz-Jochen Kopka

Die Schlacht der Veganer soll jetzt auf dem Alexanderplatz sich entscheiden. Damit wurde nicht gerechnet. Es beginnt mit dem runden Arsch eines glücklichen Schweins, das mit einem unglücklichen Schwein konfrontiert wird. Das unglückliche Schwein ist klein und mager, es befindet sich in einem Gatter aus Eisenstäben. Das glückliche Schwein schaut sich das an, grinst und ist nicht ganz unerotisch, falls man das sagen darf. „Heute vegetarisch essen, der Gesundheit, den Tieren, der Umwelt zuliebe”, ist die Losung.

Wann wir schreiten Seit’ an Seit’: das glückliche und das unglückliche Schwein

Wann wir schreiten Seit’ an Seit’: das glückliche und das unglückliche Schwein

Der Alexanderplatz ist vollgestellt mit Kiosken, Bühnen und Zelten, in denen je für die gute Sache des Veganismus gekämpft, gestritten und geworben wird. Die Besucher sind interessiert, amüsiert, irritiert. Auch ich schleiche mich wie ein Spion durch die Gänge, denn ich weiß, ich bin noch immer nicht so weit, ich kann vom Fleisch nicht lassen. Wir sind auch Tiere, lese ich an einem Stand, also sind wir Kannibalen, wenn wir Fleisch essen.

Kleines Geld für hohe Ziele

Kleines Geld für hohe Ziele

Jetzt wird ein Kunstwerk versteigert, der Erlös wird sicher der guten Sache des Veganismus zugute kommen. Der Auktionator ist ein mit allen Wassern gewaschener Mann, der versteht es, die Leute herauszufordern, die bieten und bieten, auch wenn es nu um kleines Geld geht. Im nächsten Zelt erfahre ich zu meinem Leidwesen, dass alles Obst und Gemüse, das wir kaufen, in der Regel nicht den Anforderungen der veganen Kunst genügt. Ich habe zum Glück wenig Zeit, fühle mich überfordert und verlasse den Alexanderplatz für heute, nicht ohne festzustellen, dass Dürers Hase und Spitzwegs armer Poet vom Pflaster verschwunden sind. Die Schrift ist geblieben.

Das Verschwinden Bildes, das Bleiben der Schrift

Das Verschwinden des Bildes, das Bleiben der Schrift

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Laissez-faire

Bewegt sich nicht ein Stück auf uns zu

Bewegt sich nicht ein Stück auf uns zu

Long Bedtime on Sunday

A: Das Frühstück läuft uns nicht weg.

B: Es läuft uns aber auch nicht nach.

A: Es läuft uns nicht zu.

B: Es kommt nicht die Treppe rauf und fragt charmant: Störe ich?

A: Kommt ein Frühstück die Trepp’ herauf, macht klingelingeling klopf, klopf herein.

B: Nein, so ein Frühstück hat die Welt noch nicht gesehen.

 

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Unser Leben mit Freud

Auf dem Weg zum Therapeuten © Christian Brachwitz

Auf dem Weg zum Therapeuten
© Christian Brachwitz

Der Schauspieler spielt einen Verrückten, und der Fotograf spielt auch verrückt. Es war einmal am Münchner Residenztheater. Die Künstler versuchten, unser Leben mit Freud zu thematisieren. Oder so. Das Bewusste, das Unbewusste und das Unterbewusste. Das Ich und das Über-Ich. Oder auch nicht. Korrekter Anzug, korrektes Haar, das sich plötzlich sträubt, noch nicht mal zu Berge, sondern zur Seite steht. Der Blick geht gleichzeitig gen Himmel und nach innen. Kann sein, er hat eine Eingebung. Die Welt kippt zur Seite und verblasst. Der Fotograf versucht, einen Mann zu zeigen, der zum Therapeuten muss. Es geht nicht anders. Und wenn er sich richtig erinnert, der Fotograf, hat es die Inszenierung nicht bis zur Premiere geschafft. Ist also abgesetzt werden. Schon verrückt. Und sowas von normal. Es ist alles nicht so weit voneinander entfernt.

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Berlin Alexanderplatz (11): Der Schläfer erwacht

Irgehdwo muss hier auch Renate Künast sein Fotos © Fritz-Jochen Kopka

Irgendwo muss hier auch Renate Künast sein
Fotos © Fritz-Jochen Kopka

Ich gehe über den Alexanderplatz. Der Platz ist voller Menschen, ich sehe keinen Grund, stelle mich neben den romahaften (ist es so korrekt?) Russenmützenverkäufer (und das? Ist das korrekt?) und mache ein Bild gegen die Sonne, das natürlich dramatisch aussieht. Why not. Wolken wie anschwellende Zuckerwatte über dem Saturn. Die Wege kreuzen sich, wie immer, von Ost nach West, von West nach Ost. Bratwürste werden gebrutzelt und auch mal verkauft, Handys traktiert. Warum ist es plötzlich wieder so heiß geworden. Und wie hält der Jugendfreund das mit Brille, Bart, Melone auf dem Kopf und schwarzem Wintermantel aus. Wer fromm sein will, muss leiden. Vier Fahrradfahrer, die Männer in Trikots der deutschen Fußballnationalmannschaft noch ohne den vierten Stern, staunen den Himmel an, obwohl der Wolkenkratzer von Frank Gehry noch reine Fiktion ist.

„Da ist es, wo man besser ruht als in dem Freunbett der Königin …” Villon/Zech

„Da ist es, wo man besser ruht als in dem Freudenbett der Königin …” Villon/Zech

Fielmann, Burger King, Zigarettenkippen, Kronkorken. Der Platz wird niemals sauber sein. Der Mensch und sein Rucksack. Die Umrandung des Womacka-Brunnens (oder Nuttenbrosche) ist gut besetzt, Touristen, wegmüde Wanderer, tatenlose Jugendliche. Besonders zieht mich ein Schläfer an in einer dicken großkarierten Jacke, er hat sich ausgestreckt, die halbleere Rotweinflasche neben sich, sein wertvollstes Gut. Als er kurzzeitig erwacht, scheint er Angst zu haben, dass er die Flasche im Schlaf umstoßen und zerbrechen könnte, also versucht er, sie von der Umrandung auf das Pflaster zu stellen, aber er kann den Abstand nicht einschätzen und so verharrt sein Arm eine Weile zwischen Himmel und Erde, bis er es schließlich doch schafft, die Flasche ohne Unfall zu Boden zu bringen. Anschließend kann er ohne Alpträume weiterschlafen. Zwei Meter weiter kriegt ein Baby eine ganz andere Flasche, hat aber keine Lust zu trinken.

Wolkenkratzer kommt noch

Wolkenkratzer kommt noch

Riesige Einkaufstüten. Mannometer. Die Taube sieht mit Missvergnügen, wie die Spatzen Imbissreste aufpicken (das sollte besser mir zukommen). Ein alter Herr im hellblauen Pulli hat Probleme mit seinem Smartphone, ja, er starrt da rauf wie das Schwein ins Uhrwerk. Der Grund für die Menschenansammlung ist offenbar. Die nicht mehr ganz neue Primarkfiliale. Sie ist da, wo früher der Saturn war. Jetzt wissen wir das. In ihrer Glasfassade spiegeln sich die umliegenden Gebäude, einschließlich Fernsehturm, auf morbide Weise. Boys und Girls sitzen abgeschlagen vom Einkauf und etwas enttäuscht auf den Stufen. Dagegen helfen Pommes mit Mayo. Vielleicht. Ein Mann und sein Hund bereiten sich darauf vor, mit Kunststücken Geld verdienen zu wollen. Vater, Mutter, Tochter aus dem Schwabenland lassen von einem erstaunlich hilfsbereiten Berliner Teenager mit Vollbart das Berlin-Alexanderplatz-Erinnerungsfoto schießen. „Wir können über Berlin eigentlich nichts Schlechtes sagen. Und auch nicht über Ostberlin. Auch auf dem Alexanderplatz sind wir nicht erschlagen worden.”

Zuckerwatte überm Saturn

Zuckerwatte überm Saturn

Ein elektrisch verstärkter Musiker beugt sich über die Münzen in seinem Gitarrenkoffer. Ich sehe, dass die Pflastermaler nach Vorlagen arbeiten. Ein ambitionierter Traditionalist hat den Hasen von Dürer und den armen Poeten von Spitzweg auf die Steine gebracht. Er sitzt in der Hocke vor seinem Werk. Die Passanten bleiben stehen, ja, diese Bilder kommen ihnen bekannt vor, und haben die Hand auf dem Portemonnaie. Bei Primark nehmen sie sie wieder runter. Man steigt aus dem Bus und haut sich erstmal ne Lulle in die Schnauze. Der Schläfer vom Womacka-Brunnen ist erwacht. Die Flasche in der Hand spaziert er durch den Bahnhof. Der Schlaf hat ihm gut getan.

 

Mehr aus dem Leben der Raucher

Blinder Alarm! War nur Zigarettenrauch

Blinder Alarm! War nur Zigarettenrauch

Am Anfang rauchten die Raucher Machorka. Sie waren noch Jungs, und es galt als mutig, aber auch clever, mit dem Russen in seiner erdbraunen Uniform Kontakt aufzunehmen und von ihm Machorka geschenkt zu bekommen. Der russische Tabak mit diesem speziellen Geruch. Machorka gutt, sagten die Russen, Machorka choroscho, bestätigten wir polyglott. Der Russe zweifelte an allem, aber nicht an seinem Tabak. An Wodka wahrscheinlich auch nicht. Dann zeigte uns der Russe, wie man’s macht. Den Machorka auf dem Zeitungspapier gleichmäßig verteilen, den Rand des Papiers mit der Zungenspitze befeuchten, das Papier zusammenrollen und andrücken. Der Russe war ein Meister im Drehen solcher Zigaretten, und er fragte nicht danach, ob er am nächsten Tag noch genug Tabak für sich haben würde. Unter uns Nachwuchsrauchern wurde das zu einem Sport. Wer bringt eine feste, schlanke Machorka-Zigarette zustande und nicht so ein schiefes Ungetüm, aus dem der Tabak herausfällt. Mischi Schlomann bildete sich sogar ein, dass man auf ihn neidisch sei, weil er so einen klebrigen Speichel hatte, der das Papier gut zusammenhielt. Es musste übrigens wenn möglich Prawda-Papier für die Zigaretten verwendet werden, denn die Prawda – das war einer ihrer Vorzüge und nicht der geringste – verwendete extra ein Papier, das nicht brannte, sondern glimmte und sich eben für Zigaretten eignete. Wenn’s denn wahr ist. Das war in der Kleinstadt. In Berlin sang man unterdessen: Stell dir vor, wir hätten was zu rauchen, eine kleine Chesterfield … Die Machorka-Zeit ging auch bei uns vorbei, warum auch immer. Der Russe bekam wenig oder gar keinen Ausgang, und für uns Minderjährige war der Machorka-Geruch verräterisch. Wir rauchten die ovale Salem gelb (8 Pfennig das Stück), die Real (Siehst du die Toten dort im Tal? Das sind die Raucher von Real.), und schließlich kam – wahrscheinlich extra für Kinder – eine besonders kurze Sorte heraus, die hieß Muck (6 Pfennig) und zeigte auf der Schachtel ein Porträt des kleinen Muck. Wer lässt sich sowas einfallen. Wir wurden älter und beim 1000-Meter-Lauf merkte man dann schon, wer nicht aufgehört hatte, Real oder Machorka zu rauchen. Die Muck-Raucher landeten immerhin noch im Mittelfeld.

Meuffels bleibt allein

Sie finden noch nicht mal ein Café

Sie finden noch nicht mal ein Café

Der Krimi am Sonntagabend ist nach der unverdienten Sommerpause wieder da, als Polizeiruf 110 „Morgengrauen” aus München. Hanns von Meuffels, der sich nie als Hanns von Meuffels vorstellt , ermittelt in der Justizvollzugsanstalt und nutzt die Gelegenheit, sich in die Gefängnisdirektorin Karen Wagner zu verlieben, Matthias Brandt in Sandra Hüller, Sandra Hüller in Matthias Brandt. Befangenheit trifft auf Befangenheit, Schüchternheit auf Schüchternheit, Unbeholfenheit auf Unbeholfenheit, es ist von Anfang bis Ende faszinierend, bedrückend und erheiternd zu sehen, wie gestandene Leute zu Pennälern werden, denen die Worte nicht mehr gehorchen, wenn sie jemanden treffen, der ihren Puls beschleunigt. Warum ist das so. Wagner und Meuffels haben  kein Glück gehabt im Leben mit der Liebe, jedes Mal, wenn es sie erwischt, glauben sie, es könnte ihre letzte Chance sein, das Single-Dasein zu beenden, und nicht zuletzt ist ihr Job so vordergründig, dass er ihre Gespräche beherrscht. Kein Platz für Romantik und geistreiche Flirts.

Meuffels ergattert Karten für einen ausverkauften Gustav-Mahler-Lieder-Abend. Da sitzen sie nun nebeneinander, die Frau, der Mann, beobachten sich aus den Augenwinkeln und empfinden. Da gehen sie durch das nächtliche München und finden nicht mal ein Café. Was ich an Mahler mag, sagt Meuffels, wenn es ernst wird. Wenn die Männer verlassen werden …

Ich wache immer um drei Uhr morgens auf, sagt Wagner.

Das ist die Dämonenstunde, bemerkt Meuffels.

Hab ich gedacht, in den Zellen, jetzt quälen die Starken die Schwachen.

Trotz solcher bekennender Momente gelingt es Meuffels nicht, den größten Fehler zu vermeiden. Er erliegt den Einflüsterungen seines alten Schulfreunds Steiner (Axel Milberg), kann sich nicht wehren gegen den verhängnisvollen Verdacht, der sich aufdrängt, zweifelt an seinen Gefühlen und der Liebsten. Während er schon im Netz gegen sie ermittelt, klingelt sie in liebevoller Erwartung an seiner Tür. Was er tut, mag für den Kommissar unerlässlich sein, für den Liebenden ist es unverzeihlich, und die Gefängnisfrau verzeiht ihm auch nicht. Es ist Meuffels’ Schicksal, allein zu bleiben, der Lonely Boy mit dem verquollenen Gesicht, der Unbehauste, der es noch nicht einmal zu einer eigenen Wohnung bringt und stattdessen in einer Pension lebt. Wir leiden mit bei diesem von Alexander Adolph inszenierten, aus der Polizeiruf-Reihe herausragenden Film.

 

Sei nicht frivol in Südtirol

Der Gary Cooper von Südtirol © Christian Brachwitz

Der Gary Cooper von Südtirol
© Christian Brachwitz

Südtirol hatten wir uns anders vorgestellt. Berge, Täler, Biotope, Naturparks, Äpfel und Wein. Andererseits gibt es abseits der City überall solche Quartiere wie dieses hier. Der Holzhandel, der seinen Lagerplatz mit Stacheldraht schützt (Jungs klettern überall gern über solche Mauern) und seinen Kunden passgenauen Service verspricht. Die Kirchturmuhr, der vermutlich die Zeiger fehlen. Der unbehelligte Dreck auf der Straße. Der trostlose Sonnenschirm auf dem vergiebelten Balkon. Die Werbeposter, die von einer anderen Wirklichkeit träumen. Bozen, Meran, Trient. Wir sind in den Bergen. Ein einsamer Alter geht seines Wegs. Der Gary Cooper von Südtirol. Die Haare mit Wasser stur nach hinten gekämmt. Die Hände in den Taschen vergraben. Das hätte Gary Cooper sich nicht leisten dürfen. Der Mann wirft einen langen Schatten. Die Luft ist dünn. Es gibt nichts zu tun. Die bekanntesten Weine sind der Vernatsch, der Weißburgunder und der Gewürztraminer. Man geht aus dem Haus und trinkt ein Viertelchen. Mehr erst mal nicht.

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