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Archive for Dezember 2012

Gisbert, den wir nicht vergessen

Keine Ahnung, ob dieser Münchner ein besonders guter Tatort war („Der tiefe Schlaf”, Titel geborgt bei Raymond Chandler, why not), er war auf jeden Fall ein besonders guter Film, jenseits der Gesetze einer Reihe, kein Zweifel daran.

Wieder werden die Hauptkommissare Batic und Leitmayr (Ivo und Franz) im Job ihres Missvergnügens von einem übereifrigen Berufsanfänger genervt. Ihr Chef schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe und reibt sich die Hände. Einerseits beseitigt er die beklagte Personalknappheit in der Mordkommission und zum anderen piesackt er die spröden Kommissare mit diesem Gisbert Engelhardt (großartig ausgedacht, dieser Name): vier Jahre Bundeswehr, Technikfreak und hauptsächlich Nervensäge. Wie sollte er auch nicht enthusiastisch sein: Plötzlich ist er Detektiv, hat eine große Karriere vor sich, wird Verbrechen aufklären und die Menschheit beglücken. Zudem hat er als Technikfreak etwas einzubringen, was die altgedienten Polizisten nicht bieten können. Und so entdeckt er auf dem Mitschnitt des letzten Telefongesprächs des Opfers ein Atmen, ein Räuspern, ein Hecheln des Täters. Gisbert ist euphorisch, der zuständige Beamte macht den Scheibenwischer. Der Kerl ist verrückt.

Wo immer es eine falsche Spur gibt, Gisbert Engelhardt findet sie und sprintet los, um jedes Mal eine lächerliche oder gefährliche Situation heraufbeschworen zu haben. Die erstaunten Kommissare weiht er in seine ganz eigene Welt ein: Ich habe einen sehr, sehr guten Instinkt. Und ich habe am Ende immer recht. Bei der Obduktion kippt er aus den Latschen und wundert sich: Ich bin eigentlich sehr leichenfest.

Er ist ein großer Fingertrommler, Fensteraufreißer und Ideenhaber. Leitmayr reagiert genervt, Batic mit väterlicher Güte, was vielleicht noch kränkender ist. Wenn er in seinem Eifer wieder Mist gebaut hat, schlägt Gisbert vor, am Abend eine Hopfenkaltschale zu trinken. Und erläutert: Hopfenkaltschale – das ist ein Bierchen.

Die Hauptkommissare wollen den jungen Enthusiasten loswerden, aber der erkämpft sich eine letzte Chance und wird auf dieselbe brutale Weise ermordet wie das erste Opfer. Das ist der große Bruch in diesem Film Von da an ist nichts mehr, wie es war. Für Leitmayr, für Batic und auch für uns, die Zuschauer. Es kann niemanden geben, der nicht untröstlich ist. Und wie recht wir alle damit haben. Wie konnten wir es zulassen, dass dieser letzte arglose Enthusiast, dieser reine Tor aus dem Leben gerissen wurde! Warum haben wir über ihn gelacht! Warum haben wir ihn nicht anerkannt, seine Fähigkeiten nicht geschätzt, warum nur, warum! Weil wir uns daran gewöhnt haben, in einer zynischen Welt zu leben. Jetzt sehen wir erschüttert, dass dieser Gisbert sich ständig fotografiert hat, als müsse er sich selbst auf die Spur kommen, wir sehen diese großen Augen voller Fragen, voller Hingabe und können uns nicht entziehen. Es bleibt nur ein Trost. Engelhardt hat ein Vermächtnis hinterlassen. Der tief deprimierte Leitmayr erkennt das Atmen, das Räuspern, das Hecheln des Täters wieder, das Engelhardt aus dem Mitschnitt herausgefiltert hat. Der Täter wird gestellt. Sein Gesicht sehen wir nicht. Wir haben uns auf ein anderes Gesicht zu konzentrieren.

Fabian Hinrichs hat die Rolle des Gisbert Engelhardt auf unvergessliche Art gespielt. Nie werden wir in Zukunft einen Münchner Tatort sehen können, ohne bedauern zu müssen, dass er oder der junge Mann, den er spielt, nicht mehr dabei ist.

Ich kann IKEA nicht böse sein

Dezember 21, 2012 1 Kommentar
Dank Christo: In Berlin wird wieder kunstvoll verhüllt. Nicht immer finden sich attraktive Objekte

Dank Christo: In Berlin wird wieder kunstvoll verhüllt. Nicht immer finden sich attraktive Objekte

Bis 14 Uhr gehört der Supermarkt den Rentnern. Sie zeigen das sehr deutlich, kaum dass sie Jüngere dulden mögen auf ihrem Terrain.

Arzttermin. Der Tag ist gleich mal versaut. In der Tram zwei Jugendglatzköpfe, die auch mitten im harten Winter nicht ohne, ich sag mal: modische, Sonnenbrille im Haar auskommen, der blendende Schnee liefert das Alibi. Der Hals ist dicker als der Kopf. Im Wartezimmer sitzt das Alter und hofft auf Zuspruch und Rezepte. Außerdem ein schüchterner Jüngling, ein aufgeweckter Geschäftsmann, der, wenn er nicht gerade quatscht, seinen Terminkalender durchforstet, und ein kultivierter Schöngeist, der Karten für das Schlossparktheater an die Schwestern verteilen möchte. Eine ältere Dame, deren Mutter im Krankenhaus liegt und niemanden mehr an sich ranlässt. Sogar die Insulinspritze lehnt sie ab. Ob nicht Frau Doktor da was machen kann. Der Fall verlängert die allgemeine Wartezeit. Ultraschall, EKG, Blut, Urin. Vorerst keine Befunde. Später stellt sich heraus, dass der Natriumgehalt zu niedrig ist. Mehr Salz. Wat denn, wat denn! Soll man jetzt das Salz mit dem Esslöffel reinschaufeln? Das kann doch auch nicht gesund sein. Anschließend IKEA Landsberger Allee. Erstmal ins kantinenartige Restaurant. Köttbullar oder so ähnlich, Fleischbällchen, Kartoffelpüree und Preiselbeeren. Essen wie die Schweden. Ein älterer Herr erläutert allen Unberatenen die Bedienung der Kaffee-Automaten, er ist als Anwohner wohl jeden Tag bei IKEA und stolz, dass ihn die Mitarbeiter bereits grüßen. Immer gesellig hier, seit IKEA da ist. Große Familien ziehen durch das weiträumige Gebäude, ich nehme an, dass sie die Familiencard besitzen und von etlichen Vergünstigungen profitieren. Im schwedischen Duz-Sound wird dem Besucher das Verhalten in der IKEA-Welt nahegebracht. Lauter brüder- und schwesterliche Aufforderungssätze. Ich finde zwei Lampen. Erkundige mich, um nicht die falschen Glühbirnen mitzunehmen. An den Kassen stellt sich heraus, dass die Familien ein buntes Chaos an Waren in ihre Wagen gelegt haben, völlig unstrukturiert. Ich gestehe, dass ich IKEA aus mir nicht zugänglichen Gründen nicht übelnehmen kann, dass sie früher ihre Möbel auch von DDR-Häftlingen anfertigen ließen. Fertig.

Immer noch entdecke ich an meinen Wänden die Spuren erschlagener Mücken.

Der Schnee bringt es an den Tag. Das Wäldchen zwischen Siedlung und Trabrennbahn, am Rande der Wuhlheide, ist weniger idyllisch, als wir dachten. Überall im Schnee zeichnen sich gelbe Urininseln ab, meine Güte, besteht diese Welt nur noch aus Hunden?! Und haben diese Hunde nichts anderes in der Birne, als sich auszuschiffen?  Außerhalb des Winters sehen wir diese Flecken nicht, aber sie sind da. Was atme ich da für eine Luft ein beim Joggen? Früher hausten gleich hinter dem Wäldchen die Russen. Ja, wir sind hier in Berlin-Karlshorst. Vielleicht gab es deshalb so viele Birken. Kann sein, dass die Russen Schößlinge und Samen mitgebracht haben, damit sie sich ein wenig zu Hause fühlen. Das Birkenwäldchen. Als die Russen, nach der deutschen Vereinigung und dem endgültigen Ende der Nachkriegsperiode, nach Hause gingen, sollen sie noch habvolle Kaffeetassen zurückgelassen haben. Halbvolle Wodkaflaschen eher nicht. Aber Haustiere, die verwilderten oder auch nicht. Ein Aufbruch ins Ungewisse ist letzten Endes immer überstürzt. Die Birken werden mehr und mehr zurückgedrängt. Die Forstleute schätzen, glaube ich, die Birke nicht. Nun haben wir also kein Birkenwäldchen mehr, sondern ein Pisswäldchen.

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Paustowskij in der S-Bahn

In der S-Bahn oder im Regionalzug lese ich was anderes als zu Hause. Zur Zeit habe ich Konstantin Paustowskijs „Der Beginn eines verschwundenen Zeitalters” dabei, das ist ja wohl Band drei und vier seiner sechsbändigen „Erzählung vom Leben”, seines Lebens. Ich lese Paustowskij in einem Band der Anderen Bibliothek, aus dem Russischen übersetzt von Gudrun Düwel und Georg Schwarz.

Paustowskij erzählt von der Zeit der Revolution. Er war ein junger Mann, der die Tradition der russischen Kultur schätzte und zugleich offen war für das Neue, das sich in seinem Land vollzog. Er beschreibt die Soldaten, die Revolutionäre, die Anarchisten, die Volksredner, die Diplomaten und vornehmlich die skurrilen Typen in den Redaktionen, zu denen er auch gehörte. Um ein Haar wird er von einem chaotischen Rotarmisten mit Ohrenklappenmütze erschossen, obwohl er der Sache der Revolution zugetan ist, aber er erregt eben Misstrauen, weil er eine Studentenjacke trägt. Moskau ist in jenen Revolutionsjahren eine Stadt, in der es immer irgendwo knallt, Schusswechsel oder regelrechte Straßenschlachten. Wenn er Zeit hat, fährt der junge Mann hinaus in die Moskauer Vorstädte. Da schildert er nun, wie er eine andere Welt erlebt, die mit dem Pulverdampf in der Metropole nichts zu tun hat.

„Die Moskauer Vororte mit ihren schiefen, von dunklen Balken gestützten Holzhäusern, ihren längst stillgelegten kleinen Fabriken, auf deren Höfen rostigrote Kessel mitten im Unkraut  herumlagen, mit ihren nach Birkenrinde riechenden Speichern hatten einen eigenen Reiz; er wurde noch verstärkt durch die mit der Zeit blankgesessenen Bänke an den Hoftoren, wo die Erde von den in den Boden gestampften Hülsen der Sonnenblumenkerne hart wie Asphalt geworden war, verstärkt auch durch das mit Gänsekraut fast ganz ausgepolsterte Straßenpflaster und durch regungslos in den Himmel ragende Schranken längst stillgelegter Eisenbahnlinien. Schwarze, für immer erloschene Dampflokomotiven, die noch aus Stephensons Zeiten stammen mochten, standen dort, und in ihren Führerhäuschen bauten Schwalben ihre Nester.”

Der Mensch ist mit den Dingen allein. Die Stille bietet ihm die Chance, sie wieder genau in Augenschein zu nehmen. Ein wundersames Detail nach dem anderen zeigt uns der Dichter. Wir sehen, wie die Zeit gearbeitet hat, nicht die stürmische, sondern die langsame, kaum fühlbare. Wachstum, Alterung und Verfall – alles hat seinen Wert. Wie mögen die Menschen sein, die hier leben. Fühlen sie sich vom Fortschritt verlassen oder erfreuen sie sich ihrer Abgewandtheit? Wenn der Dichter jemanden trifft, offeriert ihm dieser Fremde nichts weniger als eine scheinbar weltfremde Philosophie, eine alternative Möglichkeit zu leben.

„Nur wenige Schritte von den gewaltigen historischen Vorgängen entfernt verlief das Leben in seinen alltäglichen Bahnen.”

Bandscheibenvorfälle und Festredner

Es blinkt ein einsam’ Kegel – Berlin Hellersdorf

Es blinkt ein einsam’ Kegel – Berlin Hellersdorf

Der heftige Beischlaf war ein Bandscheibenvorfall. Ausgerechnet die verlassene Fünfzigerin Iris, gespielt von Andrea Sawatzki, erlitt ihn im ZDF („Meine Tochter, ihr Freund und ich”). Frau Sawatzki ist die Idealbesetzung für verlassene Frauen, die zunächst glauben, durch den Verlust des Ehemanns vor dem Abgrund zu stehen, in Wahrheit aber von einer Last befreit sind und plötzlich eine Fülle von Möglichkeiten haben, nicht zuletzt die Chance der Selbstfindung. Man wusste ja nicht, in welchem Ausmaß man sich selbst schon abhanden gekommen war. Andrea Sawatzki spielt so was mit dem ungläubigen, leicht geistesabwesenden Charme einer Frau, die sich letztlich auf ihr Selbstbewusstsein verlassen kann.  Da war ein Kern in mir, der von allem unberührt blieb, so ähnlich hat Heiner Müller das mal gesagt.

Schon zum dritten oder vierten Mal sehen wir, nun im TV, „About Schmidt” mit Jack Nicholson. Und wir wollten den Film auch gar nicht noch mal sehen, konnten uns seiner Suggestion dann doch nicht erwehren. Wie jeder weiß, wurde der Film nach Louis Begley’s gleichnamigem Roman gedreht, zeichnet sich aber dadurch aus, dass er den Roman weitgehend ignoriert. Nur der Held heißt hier wie da Schmidt (allerdings einmal Albert, einmal Warren), wird hier wie da pensioniert, muss den Tod seiner Frau hinnehmen und außerdem ertragen, dass seine Tochter einen Mann heiratet, den er nicht akzeptiert. Der große Unterschied: Begley’s Original-Schmidt ist upper class, ein hochangesehener Anwalt, während Warren Schmidt eher ein kleiner, wenn auch halbwegs gut situierter Mann aus der Versicherungsbranche ist. Und doch oder gerade wegen seiner Eigenständigkeit ist der Film gelungen, und man sieht ihn sich immer wieder an, auch wenn man dabei einige peinliche Situationen durchstehen muss. Jack Nicholson spielt den ins Alter eingetretenen Mann, die Rundlichkeit (als habe er einen Ballon in sich, der ihn leicht über dem Boden schweben lässt), das Tapsige, das Bedächtige, durch das immer mal wieder ein Charmeblitz bricht, aber meistens sieht man seiner Miene an, dass er echt verstört ist von dem, was ihm das Leben und die Leute auf seine alten Tage bieten. Kaum, dass er weiß, was weniger aushaltbar ist: das Dasein als Single oder die familiäre Tristesse, der er bei der Hochzeit seiner Tochter gewahr wird. Beruhigend am Rande immerhin, dass es ihn weltweit zu geben scheint: den geborenen Festredner, der jede Gelegenheit einer Menschenanhäufung ergreift, um eine Ansprache zu halten. Er möchte die Anwesenden zum Lachen und zum Weinen bringen, und ehe er das nicht geschafft hat, hört er nicht wieder auf. Es sei denn, man stopft ihm das Maul.

Sittsame Hertha-Fans im Union-dominierten Köpenick

Sittsame Hertha-Fans im Union-dominierten Köpenick

Kaum, dass wir den Saturn und das Forum Center in Köpenick betreten hatten, erfasste uns eine unwiderstehliche Abneigung, Geld auszugeben. Brauchen wir ein iPad? Ja, schon. Aber brauchen wir es wirklich? Nein, auf keinen Fall. Einen e-Book-Reader? Warum nicht, aber andererseits … Brauchen wir diesen viel zu bunten Pullover. Ja und nein. Was soll man sich bloß kaufen, wenn man sich schon etwas gönnen will. Das Center war weihnachtlich geschmückt und ausgeleuchtet. Puppentheater mit Marketingmaßnahmen wurde geboten. Ostseller in der Thalia-Buchhandlung. Doppelt gebackene Ente am Asia Snack. Die ratlosen Passanten streiften unseren Tisch. Die ersten Hertha-Fans tauchten nach getaner Jubelarbeit auf. Ist ja noch mal gut gegangen, sagte ich. Hoch verdient, sagten die Fans, die von der stilleren Sorte waren (So was gibt’s auch. Seht mich an.). An die Torschützen konnten sie sich kaum noch erinnern. Ach doch. Ndjeng und Ronny. Immer wieder Ronny, der in der vergangenen Saison noch zu dick war für die Hertha und die Bundesliga.

Am fünften Tag

Vorm Fenster – der Winter

Vorm Fenster – der Winter

Am fünften Tag des großen Schnees ist die Lage gekippt. Das Lächeln ist aus den Gesichtern der Mütter und Kindergärtnerinnen verschwunden. Die Kinder sehen aus wie dicke Kleiderbündel. Sie taumeln benommen durch den tiefen Schnee. Wenn sie nicht so klein wären, könnte man an den Russlandfeldzug denken. Das Ende der Großmachtträume. Das Ende der Heiterkeit.

Alle Jahreszeiten haben ihren Reiz und ihre nervenden Seiten. Jetzt nicht aufgeben. Keine Vorwände suchen. Weiter joggen. Das Ziel ist jetzt nicht mehr Lockerheit, sondern Sachlichkeit. Die Füße sicher aufsetzen. Am Rand laufen, wo der Schnee noch locker und nicht glatt getreten ist. Sachliches Laufen. Wer hätte gedacht, dass das zufriedenstellend sein kann!

Die Eichelhäher fliegen nicht in den Süden, sie bleiben bei uns, vielleicht aus Solidarität. Die Pfoten kleinerer Hunde erreichen nicht mehr den Boden. Sie schwimmen mehr durch den Schnee, als dass sie laufen, und sie wundern sich. Im Radio faseln sie schon davon, dass die Aussichten für eine weiße Weihnacht bei über 50 Prozent stehen. Als käme es darauf an.

Ehe es richtig getagt hat, bricht die Dunkelheit wieder über uns herein. Wir leben im Diffusen. Die Männer, die den Schnee von Hand verschoben, haben es im Kreuz. Der Schnee hat die schrägen Dachfenster verhüllt. Kein Zugang zum Draußen. Isolation.

Beendet die deutsche Gerichtsbarkeit ein Kapitel Geistesgeschichte, das sich mit dem Namen Suhrkamp verbindet? Jede Seite sieht in der anderen die Inkarnation des Bösen. Die Menschheit fällt immer wieder in die Barbarei zurück. Nichts schützt davor. Man kann ein Homme de lettres sein, ein Villenbewohner, der Träger eines großen Namens, nichts schützt. Und im öffentlichen Bewusstsein spürt man die Lust am Untergang (der Anderen). Wer erfolgreich war und ist – er muss wissen, dass ihn der Zorn und die Häme der Unbeachteten treffen wird. Eine andere Wahrheit lautet: Wer das Geld hat und die entsprechende Energie, kann vieles erreichen, er hat auch die Macht zu zerstören. Und unter den banalen Wahrheiten eine der banalsten: Hochmut kommt vor dem Fall. Wie weitgehend kann ein Gericht einen großen belletristischen und geisteswissenschaftlichen Verlag verstehen? Kann es Sachlagen geben, für die Gesetze zu kurz greifen?

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Mutiger als Männer

Tatort Hannover schauen heißt über Kommissarin Lindholm nachdenken, das ist Maria Furtwängler. Vieles ist unangemessen. Warum muss jemand wie Maria Furtwängler bei Markus Lanz auf dem Sofa sitzen in dieser mal sinnlosen, mal absurden Sendung mit einem Musterknaben als Moderator, der alles nicht nur richtig, sondern vorbildlich machen will und was dabei rauskommt, sieht man ja. Ein Gespräch im Hause Lanz mit dem Schauspieler Florian David Fitz, der auch Jesus ist – ratloser und gleichzeitig selbstgefälliger im Heuhaufen herumstochern kann man wohl nicht. Sowas ist meiner Meinung nach unter der Würde von Maria Furtwängler, aber das muss sie natürlich besser wissen. Im Krimi glaubte man ihr die Empathie mit den misshandelten weißrussischen Frauen, die Lovestory mit dem verbissen herumrecherchierenden Reporter eher nicht und schon gar nicht, dass der sie so leicht wieder rumkriegt, wenn es aus zu sein schien. Maria Furtwängler spielt den Typ Frau, der (oder die) glaubt, dass ihr nichts passieren kann, ohne Zweifel, ohne Angst. Mutiger als Männer. Oder spielt sie das nicht, steckt das einfach so drin in der Gattin des Medienmoguls Burda? Sie muss ja auch immer bei der Bambi-Verleihung dabei sein, was meiner Meinung nach auch unter ihrer Würde ist, aber schon noch verständlicher als die Zeit bei Lanz. Hochmütig im Sinne von „hohen Mutes”, spröde, unnahbar, schwer erreichbar, in einer eigenen Welt lebend, die wir nicht verstehen, aber billigen können – so haben wir Charlotte Lindholm oder Maria Furtwängler zu sehen. So etwas ist selten im deutschen Fernsehen, aber unverzichtbar. Hoffen wir, dass es auf dem profanen Sofa von Markus Lanz nicht zunichte gemacht wird. Der Krimi („Wegwerfmädchen”) war okay. Es folgt ein zweiter Teil. Schade, dass der Staatsanwalt (André Hennicke) sich schon aufgehängt hat.

Glücksschnee

Man kann das Lächeln jetzt ist sehen, aber es ist da, ich schwöre es

Man kann das Lächeln hier nicht sehen, aber es ist da, ich schwöre es

Man kann jetzt dreimal am Tag Schnee schieben. Diese Möglichkeit hat man uns verschafft. Man kann an den Satz von Camus denken, den Aufschneider so gern im Munde führen: Man muss sich Sisyphus als glücklichen Menschen vorstellen. Danach folgt gleich die Plattitüde von der Poesie des Scheiterns.

Man ist an der frischen Luft. Schlitten ziehen vorbei, gezogen von Müttern, die pauschal ein Lächeln im Gesicht haben. Die Kinder werden gezogen und sagen den Leuten im Vorbeifahren ein Hallo. Was bedeutet es einem Kind, auf dem Schlitten zu sitzen? Ich muss nicht laufen, ich werde gezogen? Meine Mutter ist meine Sklavin? Ich sitze auf dem Schlitten, es ist eine halbe Heldentat, der Schlitten kann umkippen?  Jedenfalls scheinen alle glücklich zu sein im frischen Schnee. Die Lokaljournalisten berichten, dass sich schon viele Leute die Knochen gebrochen haben, weil die Gehsteige – trotz einer neuen, eindeutigen Verordnung – nicht oder nur schlecht geräumt werden. Diese Leute haben einfach keine Ahnung. Wenn das Wetter entsprechend ist, werden die Wege nie wirklich stumpf sein. Da nützt auch kein full-time-job. Ein Mann geht vorbei und sagt, das sind die Flächen, die dann zuerst vereisen. Er ist Sachse, und ich möchte hier seinen Dialekt nicht nachäffen, denn wahrscheinlich hat er recht, wie Sachsen häufig recht haben, es wird nur nicht anerkannt wegen ihrer Sprache. Diese geräumten Flächen werden vereisen und dann erst so richtig glatt sein. Der Schnee schützt die Steige vor dem Eis. Eigentlich. Wir haben es hier mit einem Kapitel Sinnlosigkeit zu tun. Sind wir ja gewöhnt. Der Mann vom Winterdienst sagt, dass sein Chef ihm aufgetragen habe, keine neuen Kunden mehr anzunehmen, aber da er hier sowieso vorbeifahren muss, kann er den Schnee auch beiseite schieben. Eine solche Haltung wiederum macht durchaus Sinn, denn der Bürger wird sich wohl erkenntlich zeigen. Das Wäldchen hinter der Straße ist jetzt ein vorbildlicher weißer Winterwald. Romantisch. Von den Kleingärtnern fehlt jede Spur. Unsere zwei Großstadt-Rehe habe ich lange nicht gesehen. Die Lauben sind winterfest gemacht. In welche Richtung man auch läuft oder mit dem Fahrrad fährt: Der Schnee wirbelt einem immer direkt in die Fresse. Das ist ein Phänomen. Und wenn du fertig bist mit dem Schneeschieben, schneit es stärker als je zuvor, und die Frage der Sinnlosigkeit stellt sich erneut.

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