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Archive for April 2014

Auf dem Boden der Realität

Zum Glück bekam ich keine Karte für die Akademie der Künste und konnte Fußball schauen

Zum Glück bekam ich keine Karte für die Akademie der Künste und konnte Fußball schauen

Wie kann es sein, dass die beste Fußballmannschaft der Welt in zwei Halbfinalspielen um die Championsleague mit 0:5 untergeht? Ganz einfach. Die beste Fußballmannschaft der Welt gibt es nicht. Die ist nur eine Erfindung der Medien, intendiert von Uli Hoeneß, der ja auch glaubt, die besten Würstchen und die besten Börsenspekulationen der Welt machen zu können.

Dennoch bleibt die Frage interessant, wieso Bayern München gegen Real Madrid chancenlos war. Sie spielten vor einer aufgeputschten Zuschauermasse, die jede Aktion der Madrilenen mit einem gellenden Pfeifkonzert begleitete. Und die Spieler selbst befanden sich auch im Zustand der Aufgeputschtheit (von den Phlegmatikern Kroos und Schweinsteiger abgesehen). Neuer war sein Torraum wieder mal zu klein, er wollte unbedingt draußen mitspielen und wäre um ein Haar überflankt worden. Mandzukic, Ribéry und Robben wollten mit dem Kopf durch die Wand und wenn sie ihre Gegenspieler foulten, hatten sie immer das Gefühl, selbst gefoult worden zu sein, Herr, vergib ihnen. Aber reden wir von Madrid, reden wir von diesen phänomenalen Innenverteidigern Pepe und Sergio Ramos. Verglichen mit Dante und Boateng konnte man an ihnen schon mal den Unterschied festmachen. Wie hellwach die waren. Wie die jede Lücke zustellten. Was die außerdem für die Spieleröffnung taten. Alles ohne Fouls. Und da sind die beiden frühen Kopfballtore von Ramos noch nicht mal erwähnt. Beim zweiten reklamierte Manuel Neuer lächerlicherweise auf Abseits, wie er das ja immer tut, wenn er mal hinter sich greifen muss. Lächerlich auch, wie die Bayern-Spieler jedesmal hysterisch Zeitspiel reklamierten, wenn ein Madrilene am Boden lag und behandelt werden musste. Die Real-Spieler waren es gewiss nicht, die die Zeit fürchten mussten. Das war ein großer Schlag auf den Kopf für uns, sagte Franck Ribéry nach dem Spiel. Gewiss. Aber im Spiel verteilte er die Schläge auf den Kopf und konnte froh sein, ohne rote Karte davongekommen zu sein.

Allerdings zeigten die Bayern nach dem Spiel Größe. Sie suchten keine Ausflüchte, sie schoben die Schuld nicht auf den Schiedsrichter (der erkennbar Mitleid mit ihnen hatte) und sie gestanden ihre Unterlegenheit ein. Da haben wir das Positive an der Sache. Die Bayern sind auf dem Boden der Realität gelandet. Es geht nicht mehr um neue Rekorde, es geht nicht mehr um ein zweites Triple, es geht nicht mehr darum, dass sie trainieren, als gäbe es kein Morgen – es geht jetzt um eine schlichte Selbstbefragung. Um das Ende der Euphorie.

Zweikämpfe

Richtig süß, wie sich die FAS-Journalisten ins Zeug legen, wenn es um die Ehre der Ukraine geht. Der (prorussische) Bürgermeister von Slawjansk – es ist allgemeine Sprachregelung, dass das der selbsternannte Bürgermeister ist, ohne dieses Attribut darf das Wort gar nicht verwendet werden (wer ist in diesen Tagen nicht alles selbsternannt in der Ukraine.). Aber die FAS-Journalisten in ihrem blinden Eifer geben noch eins drauf. Sie schreiben: der selbsternannte „Bürgermeister”. Die Krone der political correctness. Fragt sich nur, ob sich das selbsternannt und die Anführungsstriche nicht gegenseitig aufheben. Im Übrigen könnten sie in ihrem Text fast jedes Wort in Anführungsstriche setzen und manches sogar in doppelte Anführungsstriche. Kurz und gut: Die Berichterstattung über die Verhältnisse in der Ukraine ist mindestens genauso chaotisch und willkürlich wie die Lage selbst. Man sieht sowieso nur, was man sehen will. Für die einen ist der „„selbsternannte”” „Bürgermeister” von „Slawjansk” ein „Seifenfabrikant”, für die anderen ein „unberechenbarer” „„Krimineller””.

Wladimir Klitschko gegen Alex Leapai, den untersetzten Australier, von dem ich noch nie gehört hatte; man ist schon sehr ungebildet. Am Anfang singt Wladimirs Schwägerin, Vitalis Frau, die ukrainische Hymne, was in dieser Zeit besonders bedeutungsvoll ist. Es gibt am Anfang ein paar Tonschwierigkeiten, und dann wirkt das Pathos etwas verkrampft. Geschenkt. Oder auch nicht geschenkt. Man wirft dem Osten immer große Modernitätsdefizite vor. Die Ukraine will da aufholen, Russland nicht. Sagt man. Aber es ist nicht so leicht, modern zu sein. Der bloße Wunsch hilft nicht viel. Der Australier, halb so groß und doppelt so schwer wie Klitschko (nein, das ist übertrieben) wird schon in der ersten Runde angezählt. Er schüttelt den Kopf. War keine Schlagwirkung. Bin bloß gestolpert. Ringrichter hat keine Ahnung. In der Folge versucht der Australier, den Weltmeister öfter mal zu unterlaufen. Oder er begibt sich in die Pose des Rummelboxers: Schlag härter zu, macht mir alles nichts! Aber Klitschko lässt sich von diesem Mann nicht provozieren. In der fünften Runde wird die ganze Aussichtslosigkeit des Unterfangens des Herausforderers deutlich. Zwei Kombinationen Klitschkos, einige schwere rechte Hände. Beim zweiten Niederschlag muss der Ringrichter nicht mehr zählen. Der Weltmeister und auch die raue Realität haben zugeschlagen. Später bekennt der Unterlegene, dass sich nichts von dem, was er sich vorgenommen hatte, umsetzen ließ. Es kann schlimm sein, wenn man seinem Traum nahekommt. Am Ende spricht Wladimir Klitschko einige Worte zu seinem Heimatland, der Ukraine. Es sind Worte der Hoffnung, ausgewogene Worte, die fairen Worte eines fairen Sportlers. Keine Fundgrube für die Medien.

Der zweite Zweikampf fand in Stuttgart statt. WTA-Turnier in der Porsche-Arena, Finale Maria Scharapowa gegen Ana Ivanovic, und Maria Scharapowa sieht keinen Stich. Ihre zweiten Aufschläge senst Ivanovic ihr gnadenlos ins Feld, da könnte sie auch gleich Doppelfehler fabrizieren, das wäre weniger deprimierend. Ana Ivanovic gelingt alles, und noch besser als die Schläge gelingen ihr die Triumphgesten, Scharapowa bleibt nur die Übung in Demut. Vielleicht auch das Wissen, dass es keinem Tennisspieler beschieden ist, ein ganzes Match das Glück und das Gelingen auf seiner Seite zu haben, grandiose erste Aufschläge, unglaubliche Returns. So geht es bis zum 5:0 im ersten Satz. Dann gleicht sich das Gefälle aus. Scharapowa gewinnt drei Spiele, aber dann ist Ivanovic wieder da und holt sich den ersten Satz. Im zweiten nimmt sie Scharapowa gleich wieder den Aufschlag ab und führt 3:1. Scharapowa gelingt ein schwieriges Rebreak, und danach ist alles anders. Sie bekommt in maximaler Streckung einige Returns von ganz weit außen hin, die unerreichbar in Ivanovics Feld einschlagen. 6:4 und 6:1. Ivanovic ist deprimiert. Scharapowa kann ihr Glück nicht fassen. Lehrt uns das was? Na klar. Das, was wir längst wissen, aber immer wieder vergessen. Denk beim Aufstieg daran, dass du den Leuten, die du auf dem Weg nach oben überholst, beim Abstieg wieder begegnen wirst.

Eine übergeordnete Macht

… is watching you. Streetart Berlin Rosenthaler Straße

… is watching you. Streetart Berlin Rosenthaler Straße

Der Mann mit dem merkwürdigen Namen und dem spröden Charme ermittelt jetzt für den Bund. Für die Bundespolizei. Wotan Wilke Möhring als Thorsten Falke. Kompetenzgerangel vor Ort (hier Wilhelmshaven) ist vorprogrammiert. Und Thorsten Falke ist nicht fein. Dünnhäutig, aufbrausend, ungehobelt, cholerisch. Mit den zur Untätigkeit verdammten Hafenarbeitern kann er besser als mit den in die Untätigkeit verliebten Polizisten. Er appelliert an ihren Stolz und stößt auf Bitterkeit. Wohin mit dem Stolz, wenn man sich schon in der Schlange vor dem Jobcenter sieht, verdammt. Das gehört zum Beeindruckendsten an dem Tatort „Kaltstart”: die Leere, die einer Fehlinvestition folgt: leere Hallen, leerer Hafen, leere Docks, leere Hände, leere Seelen. Der Boden für das große Verbrechen perfekt. Die Ermittler, neben Möhring die aparte Petra Schmidt-Schaller, sind immer im Fadenkreuz. Sie verfolgen den Verdächtigen und fühlen sich selbst verfolgt. Als wenn der immer wüsste, wo wir sind, sagt sie. Vielleicht weiß er das ja auch, sagt er. Tatsächlich werden alle relevanten Orte und Personen von Kameras eingefangen und in einer Zentrale registriert. Die Kommissare ratlos. Sie sind einer übergeordneten Macht ausgeliefert. Sind das nur Gangster? International agierende Unternehmen? Globale Machtgruppen? So reagiert dieser Tatort auf das Gespenst des Big Brothers, der kompletten Überwachung auf der einen und der Ohnmacht auf der anderen Seite. Die besten Chancen all dem zu entgehen hat der unauffällige Mensch.

Kaffeekult am Wochenmarkt

Vielleicht war sie mal Tänzerin © Christian Brachwitz

Vielleicht war sie mal Tänzerin
© Christian Brachwitz

Am Wochenmarkt Pankow Kirche bin ich immer mit der Straßenbahn vorbeigefahren, nie ausgestiegen, nie durch die Gasse geschlendert, nie ein Stück in die Hand genommen, nie mit den Händlern gefeilscht. Blickt uns hier die Vergangenheit an? Ja. 1979. Im Hintergrund PKW der Marken Trabant, Wartburg. Moskwitsch und Skoda. Die genormte Leuchtschrift der DDR. Die Litfaßsäule fast kahl. Die Family Hand in Hand. Und ein zweiter Punkt. Wer kann verkaufen. Jeder, der über einen Trödelmarkt geht, erkennt sie sofort: die geborenen Verkäufer und die geborenen Nicht-Verkäufer. Bei den einen drängen sich die Leute und kaufen, was sie nicht brauchen, die anderen stehen da wie Falschgeld und alles ist ihnen peinlich. Unsere alte Dame hier gehört zu den geborenen Verkäufern. Man sieht es am hellen Mantel, an der strengen Silhouette ihres Gesichts, man sieht es an der geneigten Haltung und am Schwung des linken Arms, mit dem sie den Kaffeewärmer hält. Selbstgestickt. Wer brauchte 1979 noch einen Kaffeewärmer! Nur Leute, für die der Kaffeekult das wichtigste in ihrem Leben war. Kaffee musste immer bereitstehen, musste warm gehalten werden, musste zum Kaffeeklatsch animieren, ich vermute, dass die Frauen eben deshalb lange nicht gleichberechtigt waren, weil man sie einfach als notorische Kaffeetanten unterschätzen musste. Wie sollten die im wahren Leben zurechtkommen.

Als Kinder setzten wir und die Kaffeewärmer auf den Kopf und kamen uns vor wie Muselmane. Das war so lustig, Mann! Und es roch noch immer nach aufgewärmten Kaffee, und einer sah so blöd aus wie der andere.

Tadeusz Rózewicz

Rózweicz. Die Handschrift. Aus „Gesichter und Masken”, Verlag Volk und Welt Berlin 1969

Rózewicz. Die Handschrift. Aus „Gesichter und Masken”, Verlag Volk und Welt Berlin 1969

Gestern starb in Wroclaw Tadeusz Rózewicz, ein Mann des Jahrgangs 1921. Aus seiner Jugend durch den Krieg vertrieben, kämpfte der mittlere von drei Söhnen eines Gerichtsangestellten als Partisan. Nach dem Krieg studierte er Kunstgeschichte und wurde Dichter, Dramatiker und Erzähler; sein Werk löste sich nie von den prägenden Eindrücken der verlorenen Jugend. Heinrich Olschowsky, sein deutscher Herausgeber, hatte „ein hageres Antlitz von grüblerischer Blässe” erwartet, als er Rózewicz zum ersten Mal traf. „Nun saß ich einem gedrungenen Mann gegenüber, von der Statur eines Boxers, der, mit Genuss essend, sich zwischendurch geschäftig mit dem Kellner besprach.”

An Rózewicz habe auch ich eine, wenn auch indirekte, persönliche Erinnerung. Die steht in einem Text, den ich über die Leipziger Studentenbühne schrieb:

Mein Leben als Schauspieler war kurz. Es dauerte zwei Voraufführungen. Ich war der Provinz, der Familie und der Druckerei „Vorwärts” entronnen. Ich lebte in Leipzig, studierte Journalistik und wusste, dass das ein Fehler war, alle hatten es mir gesagt, aber ich wusste auch, dass ich um diesen Fehler nicht herum kam.

Ich war der einzige Journalistikstudent, der zur Studentenbühne ging. Die anderen waren amusisch oder karrierebewusst. Die Studentenbühne war einer Journalistenkarriere nicht zuträglich, sie konnte bestenfalls weggeworfene Zeit sein. Ich wusste, dass ich hier keinen Fehler machte. Ich hatte „Unternehmen Ölzweig” gesehen. Eike Sturmhöfel, Helga Wagner, Bernhard Scheller. Das war im Keller an der Nikolaikirche, aber man fühlte sich, auch als Zuschauer, ziemlich weit oben.

Wir fuhren ins Probenlager, nach Raben im Fläming, wohnten und probten in einer stillgelegten Dorfkneipe. Am ersten Abend saßen wir im Saal auf Doppelstockbetten, die Neuen stellten sich vor, vier oder fünf waren Dichter, gaben als Talentprobe ein Gedicht zum Besten. Einer fiel als Talent sofort durch, zwei oder drei konnten sich halbwegs behaupten. Man war gnadenlos einerseits und andererseits euphorisch. (So lebten wir in den Zeiten der Stagnation.)

Leiter der Studentenbühne war damals Claus Wolf, dem die Allüren der Amateurschauspieler wie einem richtigen Intendanten leicht auf die Nerven gingen. Für die Kunst waren Sturmhöfel, Bernd Engel und Jürgen Hart zuständig. Das waren richtig gute Leute, und in dem Moment, wo ich das schreibe, werde ich inne, dass sie alle schon längst nicht mehr leben. Es ist wie in einem Stück von Tennessee Williams.

Wir probten was anderes. Ich weiß nicht, woher sie das Stück hatten. Henschel Bühnenvertrieb? Keine Ahnung. „Die Zeugen oder Unsere kleine Stabilisierung” von Tadeusz Rózewicz. Das kam zwar aus Polen, aber es bewies nur, dass man auch in unseren Ländern absurdes Theater schreiben und spielen konnte. Dementsprechend begeistert waren wir. Das Stück begann mit einem Gedicht, setzte sich fort mit einem Ehestreit und endete mit dem misslingenden Dialog zweier Männer, des Zweiten und des Dritten. Ich war der Rezitator des Gedichts, Helga Wagner die Rezitatorin. Die Dummheit nimmt Normalmaß an, schrie ich, und Helga Wagner sagte mit klirrender Kälte: Die Unendlichkeit ist kürzer als das Bein der Sophia Loren. Und dann: Liebe und Hass werden anspruchsloser.

Sagte auch Helga Wagner. Den Satz hätte ich gern gehabt. Ich bilde mir ein, wegen solcher Sätze auf der Welt zu sein. Das Gedicht, das wir sprachen, eiskalt und unvermittelt empfindsam, sagte, dass unsere kleine Stabilisierung vielleicht nur ein Traum sei. Gegen Ende konnte ich sagen: Aber so fest ich auch glaube, dass sich alles zum Guten fügt…

Es fügte sich nicht zum Guten. Es gab keine Premiere, sondern eine Voraufführung (in der damaligen Pfeffermühle), wir spielten das Stück nicht, wir stellten es zur Diskussion, so dass man es gar nicht offiziell zu verbieten brauchte. Es ging bei den Einwänden, glaube ich, um etwas, das damals Konvergenz genannt wurde. Bernd Engel, der das Stück inszeniert hatte, musste sich an der Theaterhochschule rechtfertigen. Ich habe ihn noch einmal gesehen. Er ging durch Leipzig wie ein Schlafwandler. Das war kurz vor dem Suizid. Jemand erzählte, Engel habe bei den Gesprächen, die man mit ihm führte, immer ein Stück Angelsehne in den Händen gehabt…

Es war die Zeit des 11. Plenums, und die Studentenbühne hat später, vieler, aber nicht aller Illusionen beraubt, auf kleinerer Flamme weiter gespielt. Vielleicht ist es das, worauf es ankommt.

Was uns damals, 1965, an Rózewicz’ Stück so fasziniert hat, könnte auch heute noch faszinieren. Wir mussten nicht positiv sein. Wir waren jung und konnten verschrobene, vermutlich gescheiterte Erwachsene spielen. Wir konnten uns in Zynismus üben, der empfindsame Seelen verdeckt. Es gab keine überflüssigen Wörter.

Ein schrecklicher Verdacht

Wird er Putin um Hilfe bitten?

Wird er Putin um Hilfe bitten?

Scheiße, Wandertag. Die Bahnen total überfüllt. Die Mädchen geben mit ihren Smartphones an, die Jungs (Zehnjährige) mit ihren Karriereplänen: Abitur machen, Studieren, Ausland. Ab Tierpark bin ich plötzlich unter Russen, und in Hellersdorf dann erst recht. Dem routinierten Medienopfer, das ich bin, kommt ein schrecklicher Verdacht in den Sinn. Was passiert, wenn diese Russen auf die Idee kommen, sich in Deutschland unterdrückt zu fühlen und Putin um Hilfe bitten? Ja, was, wenn Putin diese Aktion von langer Hand vorbereitet hat, und seit Jahren immer mehr Russen nach Deutschland schickt, die sich hier ansiedeln, um dann – siehe Krim? Will der Russe (Putin) nicht nur die Ostukraine, sondern auch Deutschland? Haben wir den Russen alle unterschätzt?

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Leckt die sich doch die Finger ab

Ich rechne es dem Krimi als Charakterschwäche an, wenn er am Ende zugeben muss, dass es nicht um einen Mord-, sondern um einen Unglücksfall ging. Charakterschwäche, Einfallslosigkeit oder der verzweifelte Versuch, die Zuschauer hinters Licht zu führen oder sie zu entlasten: War nicht so schlimm, war ein Unfall. Sagen wir so, damit das klar ist: Krimis, in denen es um Unglücksfälle geht, die nur so aussehen, als wären sie Verbrechen, zählen nicht.

Wir sind in der Schweiz, in Luzern, am Vierwaldstätter See. Kommissar Flückiger lebt im Hausboot, und schon besitzt er ein wenig Individualität. Seine Kollegin Liz Ritschard (Delia Mayer) hat ein Krankenschwesterimage, wirkt immer besorgt. Dass sie gleichzeitig spricht und isst, stört mich schon, aber das ist nun mal eine Lieblingsmarotte im deutschsprachigen Fernsehen. Dass sie sich aber anschließend noch genüsslich die Finger ableckt, das hat mich wirklich befremdet. Was geht in einem gebildeten Menschen vor, wenn er sowas macht? Stefan Gubser als Flückiger ist ernst wie gewohnt. Einmal, ein einziges Mal, lächelt er milde, das ist, als er gesteht, Angst davor zu haben, allein zu sein, wenn er ins Gras beißt. Er hätte ein Kind haben können, viele Jahre zurück, aber er hat die Frau gebeten abzutreiben. In diesem Moment also lächelt er das einzige Mal. Auch befremdlich.

Bis wir endlich ermittelt haben, dass der Mord ein Unfall war, lernen wir eine Menge prekärer Familienverhältnisse kennen, kaltblütige Väter, leidende Väter, gestörte Kinder, Seher, Spinner, hochnäsige Vorgesetzte. Das ganze Programm, hätte ich fast gesagt, nein, das halbe Programm. Sehr still und ein bisschen langweilig.

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