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Posts Tagged ‘New York’

Es gibt diese Loser, aber es müsste sie nicht geben

Fatale Häuser
© Kopka

2010 brachte Paul Auster „Sunset Park” heraus. Er meinte, es sei das erste Mal, dass er sich ausdrücklich mit dem Jetzt befasste; bis dahin herrschte in seinen Romanen ein distanziertes Verhältnis zur Gegenwart vor, aber in Sunset Park ging es um die Krise in Amerika, die schwierige Phase, die die Amerikaner durchlebten. Immobilienblase, Bankencrash, Wirtschaftskrise, Zukunftslosigkeit.

Miles Heller ist so ein junger Mann ohne Zukunft. Er hat sein Studium geschmissen und seine Familie verlassen. Seine Eltern haben lange keine Ahnung, ob er überhaupt lebt. In Florida gehört Miles zu einem Vier-Mann-Trupp, der verlassene Häuser entrümpelt. „Jedes Haus hat eine Geschichte des Scheiterns.” Heller, der eben kein gewöhnlicher Entrümpler ist, nimmt es auf sich, die aufgegebenen Dinge zu fotografieren und in sein Archiv einzufügen. Es geht von Schuhen und Ölgemälden bis zu Briefmarkensammlungen und einem toten Kanarienvogel. Von diesen Fotos liest man später im Buch nichts mehr, das ist so einer von vielen fallengelassenen Fäden, die darauf hindeuten, dass Auster mit seinem Entwurf nicht ganz zu Rande gekommen ist.

Die Zukunft, die Miles Heller nicht zu haben glaubt, hat Pilar, seine Freundin. Und er tut etwas für ihre Zukunft, er lernt mit ihr zusammen und bereitet sie auf die High School vor. Aber Pilar ist noch minderjährig, so dass Heller erpresst wird und Florida verlassen. Er geht nach New York zu Bing Nathan, seinem einzigen Freund. Bing lebt in einem verfallenen, leerstehenden Holzhaus im Sunset Park. Er hat das Haus besetzt, notdürftig instandgesetzt, zwei Freundinnen (Ellen und Alice) eingeladen, dort zu wohnen und schließlich auch Miles Heller. Vier, wenn man so will, Außenseiter, jeder und jede auf seine und ihre Weise begabt, originell und kaputt. Es sieht so aus, als könnten sie sich langsam aus ihrer Sackgasse herausarbeiten, auch Miles Heller. Er nimmt wieder Kontakt zu seinen Eltern auf, die sich längst getrennt haben, und erwägt, weiter zu studieren. Am Ende gibt es einen total unverhältnismäßigen, brutalen Einsatz der Polizei, der das Leben der Hausbesetzer, das auf einem guten Weg war, ruiniert. Das liest sich fataler Weise und sicher unbeabsichtigt wie eine Warnung davor, sich gegen geltendes Recht zu stellen und Häuser zu besetzen. Man möchte nicht von einem misslungenen Roman (Deutsch bei Rowohlt 2012) sprechen. Man liest das Buch denn doch mit nicht nachlassendem Interesse und erhöhter Anteilnahme, erfährt viel Amerikanisches sowie allgemein und speziell Menschliches, um am Ende eine harte Bodenlandung zu vollführen. Vielen Dank auch.

 

Einer kennt einen …

Tief versunken so oder so …

… der gerade in Klagenfurt liest, und weiß selber, wie das ist, wenn man da sitzt und schwitzt. Zu den Tagen der Deutschsprachigen Literatur oder traditioneller gesagt dem Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb. Einer war, als er da las, noch Bürger der gerade auslaufenden DDR. Die DDR hatte oft gesiegt in Klagenfurt. Ostdeutsche Schriftsteller hatten Druck, den westdeutsche, Schweizer und österreichische Autoren nicht hatten. Sie lebten zwischen den Zeilen und in den Metaphern. Und die Juroren kamen ihren Geheimnissen auf die Spur und fanden das und sich großartig. Als sich die DDR als ziemlich ohnmächtiges Gebilde herausstellte, war der Bonus weg, und die ostdeutschen Literaten waren plötzlich die ärmsten Säue. Warum auch nicht. Die Welle schwappt zurück. Wenn ein Juror nicht witzig war, glich er das durch Niedertracht oder Hochmut aus.

Das Studio des ORF, früher ziemlich düster und muffig, ist heute sehr weiß und clean, fast aseptisch. Eine Klinik hoher Künstlichkeit. In diesen Regionen ist die Luft sehr dünn. Vorlesen als Höhentraining.

Und da wird nun dieser eine ausgerufen, mit dem ich mal ein paar Tage in New York war zu irgendeinem Event, bei dem es um Kooperation von Wirtschaft und Kunst ging. Lange her. Ich hätte den Jungen nicht wieder erkannt. Ich weiß noch, dass er nur Handgepäck dabei hatte, aber jeden Tag was anderes anzog, zuletzt sogar ein vornehmes Jackett, kontrastiert mit einem leichten Schuppenregen. Wie hatten all diese Sache in sein Rucksäckchen gepasst! Der Zauberer, ein wenig autistisch war er unterwegs, aber was bleibt einem Künstler anderes übrig als autistisch zu sein. Auch jetzt, in Klagenfurt, ist er gut inszeniert. Ein Fremder. Wir werden ihn nicht ergründen. Er stützt das Gesicht auf die rechte Hand, wenn die Hand nicht gerade zum Wasserglas greift, aber er trinkt nicht. Er ist immer nur kurz davor. Er liest unaufgeregt, aber die Oberlippe schwitzt. Viele Frauennamen kommen vor, aber er liest aus einer sehr abgehobenen, versiegelten Welt. Er wird sich am Ende sagen können: Wer diesen Text nicht großartig findet, der hat ihn einfach nicht verstanden.

Und so ist es auch. Die Juroren, nicht die größten Geister, treten den Text in Grund und Boden. Einer kann sich in einen, der da gerade in Klagenfurt gelesen hat, sehr gut hineinversetzen. Man sollte das als ein Spiel sehen. Der deutschsprachigen Literatur ist mit dem Spiel nicht geholfen. Immerhin: Die Sieger gehen nicht leer aus. Und die Verlierer haben hinterher immer schon vorher gewusst, dass sie verlieren werden. Insofern ist nichts passiert.

Das müsstest Du wissen

Oktober 20, 2016 2 Kommentare

In fremden Regalen fand ich den Briefwechsel von Hannah Arendt und Mary McCarthy, den ich mir auslieh, obwohl ich ahnte, dass ich das Buch wahrscheinlich nicht lesen würde, es liegt sowieso viel zu viel Literatur neben meinem Bett, neben meinem Sessel und neben meinem Stuhl, aber ich las das Buch zu meiner eigenen Überraschung nahezu unverzüglich, nachdem ich einmal angefangen hatte; es zog mich rein.

Der Blick, die Hand, die Zigarette – eine Ikone der Moderne

Der Blick, die Hand, die Zigarette – eine Ikone der Moderne

Wer Hannah Arendt ist, weiß jeder. Aber wer ist Mary McCarthy? In meiner frühen Jugend gab es diesen zerstreuten, aber lebenskünstlerischen Roland, der einen älteren Bruder hatte, der in Westberlin studierte, es war vor 1960. Dieser Bruder war absolut auf der Höhe der Zeit, er wusste, welche Filme man sehen und welche Bücher man lesen sollte, er brachte dem lieben Roland auch „Die Clique” von Mary McCarthy mit. In dem Buch geht’s um acht College-Girls des Vassar College und ihre Lebenswege. Roland redete immer von Goethe, Goethe, Fritz, sagte er, Goethe sagt ja auch, und dann kam etwas Zerstreutes aus seinem Kopf. Mit der „Clique” konnte er nichts anfangen, die gab er mir. Es ging um Verhütung, außerehelichen Sex, Kindererziehung und Psychoanalyse. Mary McCarthy war sehr konkret, sie beschrieb den Sex anatomisch, sie war witzig, geistreich und cool.

Man redet immer von Männerfreundschaften, aber Hannah Arendt und Mary McCarthy – das war eine unglaubliche Frauenfreundschaft, und da Arendt größtenteils in New York lebte und McCarthy größtenteils in Paris schrieben sie sich viele Briefe und versicherten sich einander, wie sehr sie sich fehlten, da ist kein falscher Ton dabei. Der Briefwechsel geht von 1949 bis zu Arendts Tod 1975.

Hannah Arendt ist in zweiter Ehe mit dem ebenfalls nach Amerika ausgewanderten deutschen Gelehrten Heinrich Blücher verheiratet. Mary McCarthy lässt sich gerade von ihrem dritten Ehemann Bowden Broadwater scheiden, eine schwierige Geschichte, der offensichtlich schwache Mann kann von der starken Frau nicht lassen. Hannah Arendt rät, ermutigt, gibt der Freundin recht mit unwiderlegbaren Argumenten und wird dabei nie gefühlig.

Plötzlich bekommt das Buch einen Bruch, mit diesem Telegramm: HEINRICH SAMSTAG AN EINEM HERZINFARKT GESTORBEN HANNAH. Es ist der 1. oder 2. November 1970. Drei Wochen später schreibt Arendt: „Ich glaube nicht, dass ich Dir erzählt habe, dass ich während zehn langer Jahre beständig Angst hatte, dass genau so ein plötzlicher Tod eintreten würde. Diese Furcht grenzte häufig an echte Panik. Wo die Furcht war und die Panik, da ist nun einfach Leere.” Und McCarthy antwortet: „Ja, ich wusste seit zehn Jahren, dass Du Angst vor diesem plötzlichen Tod hattest, wusste es und sprach, da ich mehr oder weniger Angelsächsin bin, darüber nicht mit Dir … Aber die Abwesenheit der vertrauten Angst muss in gewissem Maße eine Erleichterung sein … Du musst Dich fühlen, als ob Du mit jemandem lebst, den Du kaum kennst – mit Dir selbst ohne Angst.”

Das Buch, das eigentlich Roland gehört, mitgenommen von der Last der Jahre

Das Buch, das eigentlich Roland gehört, mitgenommen von der Last der Jahre

Zwei Frauen, die wissen, dass ihre Zuneigung jede Offenheit verträgt, ja, ihrer bedarf. Es gibt Momente, wo eine langjährige Freundschaft, in der zwei starke Menschen unerschrocken miteinander reden, plötzlich sensibles Territorium wird: „Es war traurig”, schreibt McCarthy, „Dich am Flughafen durch die Tür gehen zu sehen, ohne dass Du Dich noch einmal umgedreht hast. Etwas geschieht oder ist geschehen mit unserer Freundschaft … Das mindeste, was ich vermuten kann, ist, dass ich Dir auf die Nerven gefallen bin.” Aber nein, es war nichts. „Ich weiß nicht, warum ich mich auf dem Flughafen nicht mehr umgedreht habe … Was ich dagegen weiß, ist, dass ich in allen rein psychologischen Angelegenheiten nicht feinfühlig und eher begriffsstutzig bin. Aber das müsstest Du seit langem wissen.”

Hannah Arendt/Mary McCarthy: Im Vertrauen. Briefwechsel 1949 – 1975. Herausgegeben von Carol Brightman. Piper Verlag

Tagesnotizen aus Übersee

März 29, 2016 1 Kommentar
New York kann sehr zwielichtig sein © Fritz-Jochen Kopka

New York kann sehr zwielichtig sein
© Fritz-Jochen Kopka

Vor Jahrzehnten las ich „Die Antiquiertheit des Menschen”, ein Westbuch in der Ostberliner Stadtbibliothek in der Breiten Straße, da griff man immer gern zu, außerdem animierte mich der Titel. Das Buch übertraf meine Erwartungen noch bei weitem. Ich glaube, ich las zuerst den zweiten Band, der erste war ausgeliehen, und ja, der Autor war Günther Anders, der als Günther Stern auf die Welt gekommen und einmal der Ehemann von Hannah Arendt gewesen war. Die Ehe kann nicht lange gedauert haben. Hannah Arendt hatte einiges an ihm auszusetzen (er denke nur an seinen Ruhm), und er an ihr: vielleicht die allenthalben qualmende Zigarette in ihrer Hand. Die Bände trugen die Untertitel „Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution“ und „Über die Zerstörung des Lebens im Zeitalter der dritten industriellen Revolution”. Das war ein so nüchterner wie leidenschaftlicher Blick auf all das, woran wir uns in unseren modernen Zeiten längst gewöhnt hatten und was nicht ohne weiteres hinnehmbar war. Nachdem man das Buch gelesen hatte, meinte man einen Kompass zu haben, der einen etwas sicherer machte.

Jetzt fiel mir der Band „Tagesnotizen” in die Hand, Bibliothek Suhrkamp, Aufzeichnungen 1941 bis 1979, zusammengestellt von Volker Hage.

Es beginnt in Los Angeles. Anders ist Emigrant. Er hat sogar einen Job, gehört zur Reinigungskolonne des Hollywood Custom Palace, das ist wohl der Fundus der Filmstudios, Anders sagt: Leichenwäscher der Geschichte bin ich geworden. Der Fundus enthält alles von den Anfängen der Menschheit bis zu den Stiefeln der SA. Wenn diese Sachen gebraucht werden, müssen sie aufpoliert werden, das kann auch den Flüchtling Anders treffen. Er beschreibt das beispielhaft nüchtern und denkt über Echtheit und Falschheit, über Original und Kopie nach: „was kopiert wird, wird dadurch zum Original … Der Eltern Tod macht Kinder respektabel”. Ab 1943 ist Anders in New York, hat eine Stelle als Hochschullehrer und wundert sich über die amerikanischen Studenten. „Hatte gestern mit Studenten über deutsche Lyrik, besonders Liebeslyrik zu reden. Vollkommene Begriffs- und Gefühlsstutzigkeit.” Die jungen Amerikaner sind erbarmungslos straight. Sie wollen ihre Ziele erreichen und zwar sofort. Anders entwickelt die Ästhetik des Umwegs. „Denn Kultur besteht in Umwegen. Und Umwege sind zumeist Umwege um Tabus. Ohne Tabus, also ohne Umwege und die durch diese Umwege erzeugten Spannungen hätte es niemals Liebesgeschichten gegeben.”

Mehr über Günther Anders „Tagesnotizen” morgen oder später

Ein Mann hat seine Arbeit getan

Bücher, die nicht im Regal rumstehen, sondern wirklich gelesen werden

Bücher, die nicht im Regal rumstehen, sondern wirklich gelesen werden

E. L.Doctorow ist gestorben. In New York geborener Schriftsteller russisch-jüdischer Abstammung. Er war 84 Jahre alt. Studierte Literatur an der Universität von Ohio, verbrachte den Militärdienst in Deutschland nahe Darmstadt, kam 1955 zurück, war Lektor, Dozent und schrieb und schrieb. Das erste Buch, das man von ihm las, war Ragtime. Das kam mit soviel Lob auf uns zu, dass wir es eher ernüchtert lasen; es gibt keine Wunderwerke in der Literatur, alles ist Arbeit, Talent und das Glück und die Erfahrung, es richtig zu machen.

Doctorow mochte es nicht, wenn man ihn als Autor historischer Romane sah. Was heißt, er mochte es nicht – er hielt es für ein Missverständnis. Er schrieb in der Tat über Ereignisse und Leute, die es vor langer und auch gar nicht so langer Zeit gegeben hatte, aber er sagte: „… wir müssen vergessen, wie die Wirklichkeit aussah. Das interessiert mich nicht, das ist nichts Besonderes.” Es ging ihm um die Ideen, die er – wie alle – mit sich herum trug, und die sich irgendwann durchsetzten. Darauf musste man warten. Deshalb sind seine Bücher so echt, so kunstvoll und nie künstlich. Der letzte Roman, den ich von ihm las, war „Homer & Langley”, zwei Brüder aus der besseren Gesellschaft, die, wie Doctorow im Gespräch mit Jordan Mejias (FAZ) sagte, zur New Yorker Stadtfolklore gehörten, als er noch ein Kind war. Ihn interessierte, warum diese Collyer-Brüder aus dem Leben um sie herum ausgestiegen waren. „Aber ich habe sie nun nicht als Außenseiter beschrieben, sondern wie einen Mythos behandelt. Also habe ich auch viel erfunden, denn man interpretiert einen Mythos, man erforscht ihn nicht.”

Wenn man Doctorow liest oder ihm wie hier zuhört, erfährt man unweigerlich viel über die Geheimnisse des Schreibens und des Lebens. Er ist ein Mann, der seine Arbeit getan und sein Leben gemeistert hat. Wenn er nun gestorben ist, können wir mehr Dankbarkeit als Trauer empfinden. Und in wenigen Wochen wird bei Kiepenheuer & Witsch sein letzter Roman, „In Andrews Kopf”, erscheinen. Ein Schriftsteller kann sterben, aber nicht vergessen werden.

Das Leben ist auf der Straße

Finding Vivian Maier in den Hackeschen Höfen Berlin, schon ein paar Wochen her

Finding Vivian Maier in den Hackeschen Höfen Berlin, schon ein paar Wochen her. Die Fotografin, wie sie es gern hatte, im Schatten

Wer war Vivian Maier? Vor ein paar Wochen wusste das jeder, der in jenen Tagen ein bisschen Zeitung las. Und jetzt haben es die meisten schon wieder vergessen. Vivian Maier war ein Kindermädchen an verschiedenen Orten in Amerika. Eines Tages fand ein Mann namens John Maloof auf einem Flohmarkt einen Stapel von Negativen. Er nahm sie mit, scannte sie ein und entdeckte Fotos aus den fünfziger und sechziger Jahren, faszinierende Aufnahmen einer Frau, von der alle, die sie kannten, glaubten, sie sei ein Kindermädchen und nichts weiter.

Vivian Maier war da schon tot. Warum hat sie sich nie als Fotografin zu erkennen gegeben. Warum ist sie nicht zu Zeitungen gegangen. Warum hat sie keine Ausstellung gemacht. Warum hat sie die Welt und vielleicht auch sich selbst getäuscht.

Sie war eine Autistin. Vielleicht. Sie wollte nicht, dass jemand seinen Senf dazu gibt. Zu dem, was für sie offenbar das wahre Leben war. Sie fotografierte mit einer Rolleiflex. Sie stellte sich das Bild zurecht. Sie schaute die Leute an und dann wieder auf das Bild von ihnen in ihrem Apparat. Wenn man ihre Fotos sieht – die in dem Film, den John Maloof über sie gemacht hat, „Finding Vivian Maier” und die auf der Website – hat man den Eindruck, dass sie immer da war, wo etwas passierte, also, wenn sich ein Bild wie von selbst ergab. Das Leben ist auf der Straße. So muss sie gedacht haben. Ab und zu hat das Kindermädchen auch Kinder fotografiert, aber das war selten. Ab und zu hat sie auch sich selbst fotografiert, aber immer in Spiegeln, Schaufensterscheiben (draußen vor der Tür), einmal auch in der Radkappe eines VW. Oder als Schatten vor oder über dem eigentlichen Objekt.

Eine Frau mit knochigen Schultern und langen Beinen. Das Gesicht unauffällig, jungenhaft. Strähniges Haar. Streng, schwer zugänglich, in den Augen eine Frage, eine Duldung, eine Erwartung. Der größte Teil der Bilder zeigt New York und Chicago. Glückliches Land mit unglücklichen Menschen, weil eben das Land seine Glücksversprechen nicht erfüllen kann (damit muss man vorsichtig sein). Seltsames Licht. Zwischen Alltäglichkeit und Verhängnis. Bis zur Apokalypse kann es nicht mehr weit sein.

Du siehst das Geld, die Borniertheit und die Verlorenheit. Du siehst Trinker, Obdachlose, Vereinsamte, Exmittierte, Verrückte. Du siehst Kirk Douglas und Frank Sinatra. Wie kam Vivian Maier in ihre Nähe? Sie lebte in einem demokratischen Land. Ach, sie ging einfach gern zu Filmpremieren. Spartacus. Back Street.

Rauch dringt mitten in New York aus einem Haus. Ein Mann mit zwei primitiven Holzkrücken wird von zwei Männern in eine Tür gehievt. Passanten bleiben betroffen stehen. Neugier, Distanz, Mitleid und Ablehnung. Ein junges Paar auf Klapphockern vor einem versperrten Shop. Sie saugen verbissen an ihren Zigaretten. Wenn nichts mehr geht, rauchen kann man immer. Die Zigarette im Mundwinkel, das Haar mit Wasser gekämmt, das letzte weiße Hemd angelegt, ein zerfurchtes Gesicht. Jetzt sollte das Glück vorbeikommen, mehr kann man nicht dafür tun.

Eine Frau ist auf offener Straße umgekippt. Man hat ihren Kopf auf eine Zeitung gebettet. Ein Polizist beugt sich über sie. Erschrockene Frauen stehen daneben.

Dicke Autos, hagere Männer. Gangster mit kühnen Visagen, Schlips und Kragen. Turnender Bettler vor einem Showroom. Ein Mädchen repariert seinen Schuh. Ein Managergesicht in Stein gemeißelt, keine Gnade. Ein Betrunkener, dem die Beine wegknicken, wird weggeschleppt, der Wachmann und sein Boss haben die größte Mühe, den Mann loszuwerden. Winter im Park, die Menschen sind wie erstarrt, aber jetzt beginnt es zu tauen. Glücklose Paare, sie streiten sich, sie schweigen sich an.

Viel zu entdecken auf den Bildern von Vivian Maier. Was entdeckt man in Maloofs Film „Finding Vivian Maier” über sie? Das Kindermädchen war ein Single. Man weiß von niemandem, der ihr nahestand. Sie diente in einigen Familien, in einer war sie 17 Jahre, ansonsten scheint es nie lange gedauert zu haben. Die Kinder von damals lachen. Sie war sehr groß, mindestens zwei Meter, sagt eine Frau. Ach was, sagte die andere, eins achtzig vielleicht. Belustigt ahmen sie ihren Gang nach, einen sehr eckigen, resoluten, mit heftigen Armbewegungen. Wenn die Kinder bockten, konnte sie ungemütlich werden, Zwang ausüben, so, wie man wahrscheinlich zu ihr auch ungemütlich war in ihrer Kindheit. Sie war nicht sanft. Angeblich hatte sie französische Vorfahren, sie sprach mit französischem Akzent. Das war nur eine Marotte von ihr, sagt ein anderer Mann. Ihre Zimmer hielt sie streng verschlossen. Sie konnte nichts wegwerfen, keine Quittungen, keine Zeitungen, keine Notizzettel. Nichts von dem, was durch ihre Hände gegangen war, war für sie abgeschlossen. Alles war ohne Ende. Gedruckte Fotos wären für sie wohl ein Endpunkt gewesen. Die Öffentlichkeit lieferte ihr Bilder. Aber sie ihrerseits wollte nicht liefern. Sie schloss das festgehaltene Leben in ihre Zimmer ein.

Den der Nobelpreis meidet: Philip Roth

Philip Roth, der immer noch und immer noch bessere Romane schreibt, wird heute 79. Das ist ein Schriftsteller, der mich seit 1977 begleitet. Selten sowas. Angefangen mit „Goodbye, Columbus”  (ein Kurzroman und fünf Stories) und „Portnoys Beschwerden”. Am Beginn erschienen die deutschen Ausgaben bei Rowohlt (in der DDR bei Volk und Welt), nun schon lange bei Hanser. Ein später Roman ist „Exit Ghost” von 2008, an den ich mich jetzt erinnere. Nathan Zuckerman, Roths Romanheld und Alter ego  im Endstadium. Prostatakrebs, Inkontinenz, Impotenz. Morddrohungen haben ihn veranlasst, sich aus dem sozialen Leben zurückzuziehen und auf dem Land zu leben. Nun aber geht er noch mal nach New York, um sich behandeln zu lassen. Wie führen Autoren Leute zusammen? Zuckerman stößt auf eine Zeitungsanzeige. Ein junges Schriftstellerehepaar sucht für ein Jahr ein Haus auf dem Land und bietet dafür seine New Yorker Wohnung an. Ungeachtet seiner gesundheitlichen Malaisen („Die Wucht der sexuellen Anziehungskraft lässt keinen Raum für Resignation – nur für die Gier des Begehrens.”)  verliebt sich Zuckerman in Jamie, die Frau, und kehrt ins Leben zurück, wofür er allerdings mit reichlich Verzweiflung belohnt wird…

An einer Stelle erzählt Roth, wie die Metropole auf jemanden wirkt, der sie seit vielen Jahren nicht mehr kennt:

„Was überraschte mich in den ersten Tagen am meisten, wenn ich durch die Stadt spazierte? Das Offensichtlichste: die Mobiltelefone… Ich erinnerte mich an ein New York, in dem die einzigen, die den Broadway entlanggingen und scheinbar Selbstgespräche führten, verrückt waren. Was war in diesen zehn Jahren passiert, dass es plötzlich so viel zu sagen gab, dass so vieles derart dringend war und sogleich gesagt werden musste? … Als ein Mensch, der oft tagelang mit niemandem sprach, fragte ich mich, was es gewesen sein mochte, das die Leute zuvor aufrechterhalten hatte und nun zusammengebrochen war, so dass sie lieber pausenlos in ein Telefon sprachen, als unüberwacht und für den Augenblick allein durch die Straßen zu gehen, die Straßen mit ihren animalischen Sinnen wahrzunehmen und die zahllosen Gedanken zu denken, zu denen das Treiben in einer Stadt anregt. In meinen Augen ließ all dieses Telefonieren die Straßen komisch und die Menschen lächerlich erscheinen, doch zugleich war es eine wirkliche Tragödie. Wenn die Erfahrung des Getrenntseins ausgelöscht wird, muss das dramatische Konsequenzen haben. Worin werden sie bestehen? Wenn man weiß, dass man den anderen jederzeit erreichen kann, und ihn dann doch nicht erreicht, wird man ungeduldig – ungeduldig und wütend wie ein dummer kleiner Gott. Ich hatte mich damit abgefunden, dass Stille schon längst aus Restaurants, Aufzügen und Baseballstadien verschwunden war – aber dass diese ungeheure Einsamkeit der Menschen diese grenzenlose Sehnsucht erzeugte, gehört zu werden, gepaart mit der Gleichgültigkeit gegenüber der Tatsache, dass alles, was man sagte, unentwegt belauscht wurde… Ich verstand nicht, wie irgend jemand glauben konnte, er lebe ein menschenwürdiges Leben, wenn er die Hälfte seiner Wachzeit damit verbrachte, herumzulaufen und in ein Telefon zu sprechen.”