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Archive for Dezember 2017

Aus einem vorvergangenen Dezember

Man muss dem Glas auch trauen. Dom und Lustgarten. Dezember 2016
© Fritz-Jochen Kopka

Beim Bäcker trinken Arbeitsanzüge aller Art Kaffee zum Käseblatt.

Wer isst, muss nicht arbeiten. Wer arbeitet, kann nicht essen.

Der Patron am Laptop im Souterrain Tummelplatz der Familien.

Die Mütter tragen das unsichtbare Schild: Wir retten Deutschland.

Vater betreut Trennungskind. Gestikuliert mit Messer und Gabel.

Toller Eindruck, den ich bei dem Kind hinterlasse. Det schafft

Keen Stiefvater. Ooch wenn’s mir Jeld kostet. Ick rede mit die Kleine

Uff Augenhöhe. Den Beipackzettel zu lesen endet mit Unwohlsein.

Einkaufen in Zeiten des Ersatzverkehrs. Stecken Sie das wieder ein,

Ich nehme Sie so mit. Auf Höhe der Mittellinie sehen wir

Wie Unions Fußballgötter mutig nach vorn spielen. Auf Gegners Seite vornehmlich

Kleinwüchsige. Da geht doch was. Von den hinteren Rängen kommt

Bier über uns. Maul halten im Ersatzverkehr im Rudel der feindlichen Fans.

Ein Mann wird sechzig in einem Klub der Volkssolidarität.

Welche Gnade, nicht aus dem Haus zu müssen, das sag ich immer wieder, aber

Zu können, wenn man will. Was im Alter hilft, ist der freiwillige Rückzug. Sagt

Joop. Der Liebling der Sachsen füllt riesige Säle. Infekte Infekte. Es geht

Mir jeden Tag auf ’ne andere Art schlecht. Die Beine spielen nachts verrückt.

Ohne eine Idee passiert bei uns nichts. Deshalb passiert bei uns so viel.

Bücher Filme Bilder Gedichte Dramen. Wir bewegen uns erst, wenn

Wir eine Idee haben. Deshalb bewegen wir uns so oft. Im Halbschlaf des

Kranken entsteht der Traum eines Geschäftsmodells. Ob der auch

Albträume hat. Nein. Er träumt nie. Martin Fourcade rennt ungerührt

Vor der Meute der Biathleten her. Zugezogene Westdeutsche, die sich

Sofort integriert fühlen im Kiez, kaum hergezogen, geben sie

Den Ton an, gründen Bürgerinitiativen, ein Thema findet sich. Allemal.

Das mittlerweile immer berühmter werdende DDR-Modejournal Sibylle

Alles ist anders nach dem Anschlag auf den Breitscheidplatz.

Heute dämmert der Polizei: Wir haben den falschen Mann.

Das heißt: Der Richtige rennt noch bewaffnet herum. Der Alte

Versitzt die Zeit vorm TV und diskutiert. Die Welt ist aus den Fugen.

Traurige Weihnachtsmärkte. Dezemberregen, der die Seelen verwüstet.

Jeder kann ein Gefährder sein. Noch heult der Sturm. In der Presse

Zum Jahresabschluss unverhohlene Schadenfreude über

Gescheiterte Promi-Ehen. Angus & Julia Stone: I’m a soldier,

But I don’t know how to fight. I’m the darkness but I want to be the light.”

 

I.Not

Ein Baum hat’s gut. Keiner fragt nach dem Geschlecht. Weihnachten in der Karlshorster Heide.
© Fritz-Jochen Kopka

Es liegt auf der Hand, dass Frauen erheblich schlechtere Karrierechancen haben als Männer. Jeder kann das wissen. Dadurch, dass sie fünf Mal häufiger und auch fünf Mal länger telefonieren als Männer (das ist statistisch zweifelsfrei erhoben), steht ihnen viel weniger Zeit zur Verfügung, um ihr Leistungsvermögen auszuschöpfen, und Männer scheuen sich nicht, diesen gewaltigen Zeitvorsprung auszunutzen und sich intensiv reinzuhängen. I not. Ich habe dieses weit geöffnete Zeitfenster nie genutzt und mein Zeitplus gegenüber Frauen konsequent vertrödelt. Auch wenn mir das nicht gedankt wurde – ich stehe voll hinter diesem großzügigen Innehalten. Die Welt sähe anders aus, wenn alle Männer sich so verhielten.

Geschenke weiterreichen

Das soll Heiligabend sein? Ja. 15.30 Uhr. Man weiß noch nicht, was auf einen zukommt.
© Fritz-Jochen Kopka

Wir saßen – Heiligabend – in der Bahn von Pankow nach Ostkreuz. So gegen neun. Lauter Gestalten, meistens Einzelkämpfer, die erschöpft schienen von den familiären Beanspruchungen des größten Festes, das die Deutschen kennen. Da war der Mann mit der Bierflasche, da war die sportive Dame in den besten Jahren, die Flakes Tastenficker las. Sie müsste öfter mal lachen oder wenigstens lächeln, dachte ich, Flake ist doch lustig, und dann erschien das Lächeln auch auf ihrem sportlichen Gesicht. Von Station zu Station traten Obdachlose in den Wagen und hielten ihre Ansprachen, die an Heiligabend besonders eindringlich gerieten. Die sportliche Frau, die Flake las und in deren Haaren sich das erste Grau zeigte, rührte sich nicht. Das hätte Flake sicher anders gemacht. Aber viele Passagiere fassten in ihren Taschen. Mir hilft jeder Cent, hatte der Obdachlose gesagt. Er bekam einige hilfreiche Cents, aber die Dame neben der Sportiven schenkte ihm mit einem schüchternen Lächeln eine Tüte mit Weihnachtsgebäck.

Der Obdachlosen-Zeitungs-Verkäufer zwischen Greifswalder Straße und Landsberger Allee hatte kurzgeschorene Haare und einen prallen Rucksack. Seine Ansprache geriet ein wenig zu lang, sie war auch weniger eindringlich als die seines Vorgängers. Abermals zeigte sich die Flake-Frau ungerührt (macht Flake die Menschen wirklich nicht besser? Oder auf eine nicht so offensichtliche Art besser?) Eine schöne Schwarzhaarige auf der letzten Bank fasste in ihre Tasche und fragte, ob der Mann sich über die Printen in einer weihnachtlichen Blechschachtel freuen würde. Er freute sich. Und zeigte das auch. Als er aussteigen wollte, fuhr die Bahn schon wieder an. Nun hatte er bis zur nächsten Station Zeit, der Frau zu erzählen, was für ein guter Tag der Heiligabend für ihn sei. Seine Kunden (wer immer das sei) hatten ihm ein noch sehr intaktes Paar Winterschuhe geschenkt. Er müsse sich nun gar keine Schuhe mehr kaufen. Er setzte den Rucksack ab und öffnete ihn. Fast acht Paar Socken hatte er bekommen, einen Schlafanzug und eine CD-Box mit deutscher Volksmusik im modernen Gewand. Alles neu. Er konnte Geld sparen und habe seinem Sohn im Nordrhein-Westfälischen 120 Euro schicken können, der solle auch schöne Weihnachten haben. Die nächste Station war Storkower Straße. Der Obdachlose hatte alles gesagt. Er wünschte der Frau schöne Weihnachten, sie solle gut auf ihre schönen Ohrringe aufpassen.

Die Flake-Frau fuhr noch bis Ostkreuz. Dann klappte sie den Flake zu. Sie hatte keine Geschenke, die sie hätte weiterreichen können.

Verkäufer-Philosophen

Alles ist erleuchtet. Vorweihnachtsabend in Köpenick
© Fritz-Jochen Kopka

In der Vorweihnachtszeit werden Verkäufer zu Philosophen. Auf der einen Seite sehen sie sich dem Ansturm der Kunden gegenüber, auf der anderen dem Ansturm der Waren, die Geschenke werden sollen. Das sind zwei Explosionen, die sich nicht so richtig treffen. Im Kopf haben die Kunden die Schlüpfer/Schlafanzug/Socken-Phase hinter sich gelassen und auch die Buch/CD/DVD-Sparte hat sich überlebt (das kann man sich ja alles irgendwie downloaden). Wir Kunden suchen eigentlich die zündende Idee: Ja! Das wäre ein Geschenk für Onkel Heinz! Da wird er staunen! Besonders belastend, dass uns bei einem Streifzug durch die überladenen Regale klar wird, dass wir uns nicht mehr auf der Höhe der Zeit befinden. Mit vielen Gegenständen können wir nichts anfangen. Das alles, diese Unsicherheit, dieses Ungenügen, diesen Frust bekommen die Verkäufer zu spüren, aber sie befinden sich auf einem anderen Level. Sie wissen um die drängenden Fragen der Kunden, auf die es nur schwache Antworten gibt, und Überleben durch Gelassenheit und milden Humor. Die Kunden stören eigentlich am wenigsten, sagte eine Verkäuferin im Saturn. Das Problem ist, dass so viele Kollegen ausfallen und dass die Technik langsam auch den warenkundigen Fachverkäufer überfordert. Die große Not des Fallada-Verkäufers Pinneberg hingegen gibt es nicht mehr, kein kleiner Mann was nun. Das Geld sitzt locker. Wer einem Kunden etwas aufschwatzen will, macht sich nur verdächtig. Es gibt bessere Strategien.

In deutschen Städten

Jeder Mensch ist Sonderling
© Fritz-Jochen Kopka

Nach Doktor Faustus fing ich mit Stiller an. Max Frisch. (Den ich sehr schätze). Und doch zweifelte ich schnell. Muss man das noch lesen? Ist das nicht arg aus der Zeit gefallen? Dieses: Ich bin nicht Stiller. Und dieses: Du sollst dir kein Bildnis machen. Die brotlose Kunst der Identitätssuche. Die unberührbare Frau. Bildnis der Frau in der Klinik.

Was mich überraschte. Ich hatte ein paar Bleistiftstriche hinterlassen. Auf den ersten Seiten und im Nachwort. Es war mir entfallen, dass ich in dem Buch gelesen hatte. Ich hätte geschworen, dass es die ganze Zeit unbenutzt im Regal stand.

Sowieso denke ich an Doktor Faustus zurück. Wie Thomas Mann gearbeitet hat. Was er über die Städte wusste, in denen sich seine Akteure aufhalten. Halle, Leipzig, München. Die universitäre Situation. Communitys von Künstlern und Gelehrten. Abgelegenheit und Naturnähe der Bauernhöfe. Die Leute, die Thomas Mann kennenlernte und ertrug und wie er sie in seine Romane hineinholte. Sein kameradschaftlicher Hochmut. Oder Kaisersaschern, wo Serenus Zeitblom und Adrian Leverkühn zur Schule gingen. Ich glaube, Naumburg ist gemeint.

„Das Kennzeichen solcher altertümlich-neurotischen Unterteuftheit und seelischen Geheim-Disposition einer Stadt sind die vielen ›Originale‹, Sonderlinge und harmlos Halb-Geisteskranken, die in ihren Mauern leben und gleichsam, wie die alten Baulichkeiten, zum Ortsbilde gehören.”

Wer, wenn nicht Thomas Mann, kann solche Gedanken zu solchen Sätzen formen. Und gabelt dann noch ein Wort wie Unterteuftheit auf. Seinem italienischen Übersetzer (und nicht nur dem) musste er es erklären. Das Wort kommt aus der Bergmann-Sprache und bedeutet das durch Bergwerkarbeit Unterminiertheitsein der Erdoberfläche. Teuf ist soviel wie tief. Unter den deutschen Städten spürte Mann sowas wie mittelalterliche Schächte. Das Mittelalter hatte nicht aufgehört. Es ging – Thomas Mann schrieb den Faustus von 1943 bis 1946 – um „die befremdlichen Züge des immer schon dämonisch inspirierten, phantastisch delirierenden, dem Wahnsinn nie ganz fernen Volkes” (Thomas Klugkist). Die Assoziation von Unterteuftheit zu Teufel war nicht ungewollt. Mann versuchte sich zu erklären, wie es dazu kommen konnte, dass sich die Deutschen dem Faschismus unterwarfen.

Natürlich zeigt Mann diese „Sonderlingstypen von Kaisersaschern” vor und ebenso die Rotte der Jungens, „die hinter ihnen herziehen, sie verhöhnen und in abergläubischer Panik vor ihnen davonrennen.” Hexenhafte alte Weiber („klein, greis, gebückt, tückisch von Ansehen, mit Triefaugen, Schnabelnase, dünnen Lippen”), Veitstänzer, ewige Bräute, Kleinrentner mit Warzennasen, die immer wieder dasselbe unsinnige Wort plapperten.

So, so hat jeder, in jeder Stadt und jeder Kindheit, es erlebt.

Wie wir in die Winterpause gehen, II

An der Mauer stand mit Teer: HANSA. Wir kommen gestärkt zurück.

Wir armen Hansa-Rostock-Schweine spielen die beste Hinrunde seit langem und gehen tief enttäuscht in die Winterpause, warum das denn. Weil wir das letzte Spiel zu Hause gegen die Sportfreunde Lotte verlieren. 0:3. Wir hatten seit eh und je Schwierigkeiten mit Lotte, mit diesen Spielern, die stark wie Ochsen sind, aber im Hinspiel war uns das Glück hold. Ein schmeichelhafter Elfmeter und ein 50-Meter-Schuss von Bryan Henning sorgten für den Auswärtssieg. Vielleicht meinte der Schiedsrichter, Herr Patrick Schult aus Hamburg, da etwas gutmachen zu müssen. Jedenfalls pfiff er ein Foul vor dem 1:0 der Lotter Buben nicht. Bryan Hennig stürmte auf den Schützen Oesterhelweg zu, um dessen Schuss zu blocken, und wurde von Matthias Rahn, der sich kein Stück um den Ball bemühte, zu Boden gerammt. Das war Freistoß und mindestens Gelb für Rahn. Minute später Freistoß von Marcel Hilßner, Oliver Hüsing chipt den Ball ins Tor. Schult pfeift Abseits, wenn es auch gleiche Höhe war. Wir meinen, es ist schon schwer, bei dem Gewühl im Strafraum klare Bilder zu sehen, aber seit wann gilt denn: Im Zweifel gegen den Angreifer?

Zwei schwere Fehlentscheidungen innerhalb von fünf Minuten – die können einem Spiel schon eine Richtung geben. Letztlich bescherten uns die Lotter nicht nur drei Gegentore, sondern Julian Riedel eine Mittelfußprellung und Willi Evseev einen Schlüsselbeinbruch. Trainer Dotchev war in der Pressekonferenz, wenn er auch den gewohnt väterlichen Sound drauf hatte, tief deprimiert. Dieses klare Foul vor dem 0:1 – vielleicht hat der Schiedsrichter es nicht gesehen. „Aber wie kann man so etwas nicht sehen? Ich versteh das nicht.” Sowas übersehen, aber ein Abseits, das kein Abseits ist, sehen– da kommt man schon ins Gübeln.

Und wir wären ja keine echten Fans, wenn wir nicht gleichzeitig auch Verschwörungstheoretiker wären. Die Schiedsrichter aus Norddeutschland West pfeifen ziemlich konsequent gegen den Verein aus Norddeutschland Ost. Wir verweisen nur auf den unseligen Patrick Ittrich. Auch aus Hamburg.

Wie wir in die Winterpause gehen

Aus der Distanz wirkt der Fan-Block seltsam statisch
© Fritz-Jochen Kopka

Das letzte Union-Heimspiel vor der Winterpause erlebten wir im VIP-Bereich; warum auch nicht, wir hatten ja, wenn man so will, einiges für Union getan, der Fußballnomade, der Böhme und ich (zum Beispiel gesungen). Der Fußballnomade hatte auf rechtzeitiges Erscheinen gedrängt; er war scharf auf den Schweinebraten in der Eisern Lounge, aber als stattdessen Gänseragout, das Spuren von Sulfiten, Schwefeldioxid und Sellerie enthalten konnte, auf der Menükarte stand, war er auch nicht unzufrieden. Nun siehst du mal, wie richtige Klöße schmecken, sagte ich (scherzhaft) zum Böhmen, aber der weitgereiste Mann erzählte, wie viele Kloßvariationen es in Europa gibt und die Union-Klöße schnitten dabei nicht schlecht ab. Nur mit dem Berliner Pilsner konnte er sich nicht anfreunden, wenn er auch kräftig davon trank. Er ist als Böhme Besseres gewöhnt, auch wenn das tschechische Bier nicht so gut ist, wie die Erzeuger gerne behaupten; und da waren wir schon bei einem seiner Probleme. Er wird in Deutschland gern als Sachverständiger für die tschechischen Belange befragt und gerät als kritischer Patriot leicht in den Ruf, ein Nestbeschmutzer zu sein, ist aber als Literat gehalten, eine klare Sprache zu sprechen.

Wir waren rechtzeitig zur Hymne auf der Tribüne. Die breiten Sitze waren geheizt. Ich sah auf die Gegentribüne hinüber, dort, wo ich sonst stehe, wo man die drängende Fülle verspürt, sich die Beine in den Bauch steht, das Geschrei der Nachbarn in den Ohren gellt, sein Bier abbekommt, seine Leidenschaft, seine Wut; Körperkontakt ist immer da; du bist Teil der Masse, Teil ihrer Macht und mehr noch Teil ihrer Ohnmacht. Aus der Ferne sah diese doch so vitale wüste Gemeinde überraschend statisch aus.

Trübsal kennt ein Ritter Keule nicht

Bei Union ist Feuer unterm Dach. Der Club hat den erfolgreichen Coach Jens Keller entlassen und das Eigengewächs André Hofschneider installiert. Hofschneider war auch mal Hanseat und spielte als solcher 1. Liga. Als Assistenztrainer sprang er öfter mal ein, wenn der Chef ausfiel. Er war ein guter Innenverteidiger und funktionierte auch im Mittelfeld, besitzt strategische Fähigkeiten. Er saß mit seinem Co nicht weit von uns am Spielfeldrand, vorgeneigt, nicht nervös. Es ging gegen den FC Ingolstadt, den Audi-Club, den ich noch nie live gesehen habe. Die Schanzer spielten schneller. Union war vorm Tor gefährlicher. Bis zur Halbzeit war kein Tor gefallen und keine gelbe Karte gezeigt worden.

In der Lounge sah ich den unlängst entlassenen Trainer eines Erstligaclubs, ein freundlicher junger Mann, der die Union-Atmosphäre interessiert aufsog. Ich holte Bier. Der Fußballnomade versorgte uns mit Leberkäse im Laugenbrötchen und Currywurst mit hausgemachter Sauce und Minibrötchen, was Gluten enthielt und Spuren von Sulfiten usw. siehe oben. Es hing mit der guten Versorgung zusammen, dass der Fußballnomade erst zehn Minuten nach Beginn der zweiten Halbzeit wieder auf der Tribüne erschien und sich auf seinem angewärmten Sitz niederließ. Und schon gab es Elfmeter für Union. Steven Skrzybski, der Trouble mit dem alten Trainer hatte, verwandelte sicher. Dass Union dann trotzdem 1:2 verlor, hatte zwei Gründe. Der Schiri hatte wegen des fraglichen Elfmeters ein schlechtes Gewissen und pfiff in der Folge ständig Fouls gegen Union, die keine Fouls waren, was die Spieler stark verunsicherte. Und zweitens hatte der ballführende Spieler zu wenige Anspielmöglichkeiten. Das Spiel der Unioner war weit auseinander gezogen. Felix Kroos, der bei Union den Toni Kroos machen soll, den großen Ballverteiler, spürt nicht das Vertrauen seiner Mitspieler. In Ballferne versucht er das Spiel seiner Mannschaft mit Armbewegungen zu dirigieren. Das kriegt ja keiner mit.

Cheftrainer und Co: Die Handscchrift ist noch nicht sichtbar

Wir befinden uns da in an einem Loch, aus dem wir in der Winterpause wieder rauskommen müssen. Ein Tipp wäre, dass man erst mal nicht an den Aufstieg denkt. Der Fußballnomade kam durch einen weihnachtlichen Kaiserschmarren mit Äpfeln und Kokos-Milchreis mit marinierten Aprikosen und Zimt und Zucker, was Milch und Laktose enthielt, aus dem Loch wieder raus.

Der fremde Trainer stand zurückhaltend in der Ecke, ab und zu sagte jemand guten Tag. Auf den Monitoren lief die Pressekonferenz. Hofschneider lachte, als der Ingolstädter Trainer ihm weiterhin viel Erfolg wünschte. Mehr zu lachen gab es nicht. Melancholie ist diesem Coach nicht fremd.

Der Böhme, höflich und amüsant, genoss das Ereignis in allen seinen Facetten. In Tschechien wird Fußball auf einem unteren Level gespielt. Auf dem Weg von der Alten Försterei zum S-Bahnhof schoss er ein paar Fotos. Meistens dunkle Sujets. Der verschlammte Weg durch den Wald mit dem Labyrinth von Pfützen, Fuß- und Radspuren. Die Wuhle, die sich kläglich unter der Straße hindurch schleicht.

Letztlich trafen wir noch unsere Freunde von der anderen, der harten Welt der Haupttribüne, abgekämpft, erschöpft, durchgefroren, zerstrubbelt. Ein Hauch von schlechtem Gewissen erfasste uns, die wir mit unseren aufgewärmten Suppenärschen aus der watteweichen VIP-Welt kamen.

Wichtig zu wissen: Unser Boss steht hinter dem Trainer-Wechsel. Und Ulf fragte euphorisch, ob ich überhaupt mitkriege, dass wir aufsteigen. Er meint Hansa Rostock. Ja ja, sagte ich. Aber mir ist nicht wohl bei dem Gedanken. Und schon gar nicht bei der Euphorie. Dazu später mehr.