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Posts Tagged ‘Ingeborg Bachmann’

Sonnabend in der Galerie

Die Ausstellung ist eröffnet
© ADe

von ADe

Der Blick in die Galerie Helle Coppi in der Auguststraße am Sonnabendabend. Gehen wir rein zur Vernissage. „Schöne Ansichten” heißt die Ausstellung, unser Freund stellt seine Fotos unter Gemälden und Plastiken aus, Straßen in Berlin, menschenleer, wie man sie eigentlich nur auf seinen eigenwilligen Bildern findet.

Plastik von Robert Metzkes

Ausstellungsgespräche. Vorne Plastik von Hans Scheib

Wir gehen auf die Gesichter von Frauen zu, sie kommen uns bekannt vor, wir müssen aber doch auf die Schilder schauen, ja, natürlich, Ingeborg Bachmann und Simone Signoret, die kürzlich verstorbene Ellen Fuhr hat ihr Wesen genial erfasst. Diese Frauen kommunizieren mit den von Herta Günther gemalten Frauen auf der anderen Seite des Raumes, einsame Geschöpfe, verloren in Kneipen, melancholische Augen, halbleere Gläser. Dazwischen wilde Frauen, Holzplastiken von Hans Scheib, wütende Weiber, die mit beiden Fäusten auf den Tisch dreschen werden.

Wolf Jobst Siedler: Schellingstraße

Im hinteren Raum ein zeitloses Frauengesicht, dieser Blick, diese Augen, versonnen und klar, eine Plastik von Robert Metzkes.

Zwölf Künstler stellen aus, schöne Ansichten, meistens auf Frauen, ein paar Landschaften, Stadträume, am Ende nehmen ich mir eine Kunstpostkarte von Herta Günther mit, Matrosen und Frauen, eine vielsagende Mischung, komisch und traurig zugleich.

Das Schicksal des Dichters wenden

Cover der Chronik, Ausschnitt

Cover der Chronik, Ausschnitt

Siegfried Unselds Verleger-Chronik 1971. Was er seiner Sekretärin Burgel Zeeh täglich diktierte. Der Verlag, die Autoren, die Verträge, die Verhandlungen, die Abwerbungen waren ihm alles. Er hat sich sein eigenes Paradies geschaffen und das jeden Tag neu. In Walsers Tagebüchern soll stehen, dass er es als Macht- und Kunstmensch mit Wohlstandsbauch und grauen Schläfen bei den Frauen nicht schwer hatte und das auch weidlich ausnutzte …

Unseld auf der einen, Dichterschicksale auf der anderen Seite. Ingeborg Bachmann hat die Nase vom Piper Verlag voll und kommt nach Frankfurt. Da hat Unseld wieder einen großen Fisch an der Angel (der ihm auf Sicht kein Glück bringen wird). Die empfindsame, zerstreute Dichterin, der jeden Tag mindestens drei Missgeschicke widerfahren. Jeder kann spüren, dass sie fremd ist in dieser Welt. Ohne Hilfe nicht zurechtkommen kann, aber auch mit Hilfe nicht. Unseld gibt ihr wenigstens korrekte Verträge. Dann geht er nach Zürich zum großen Erfolglosen Ludwig Hohl. Er sieht, dass der Dichter in einem Kellerloch wohnt und absurderweise eine Zugehfrau hat. Unseld hat keine Ahnung, was die in dem Chaos aufräumen soll. Mitten durch den Raum ist eine Wäscheleine gespannt, an der Hohl für ihn wichtige Dokumente und Zeitungen aufhängt. Zu Unselds Erstaunen findet Hohl alles, worüber sie sprechen, nach relativ kurzer Zeit. Frisch, Dürrenmatt und allen anderen Großen schätzen und bewundern Hohl, aber es ist Fakt, dass von seinen Auflagen immer nur minimale Stückzahlen verkauft wurden und die Verlage ihre Verträge nicht einhalten konnten. Unseld stellt ein Maßnahmenprogramm auf, Punkt 1 bis 5, er traut sich zu, das Schicksal des Dichters zu wenden und schickt ihm einen Vertrag.

Unseld im März bei Wolfgang Koeppen. „Drei-Stunden-Gespräch über die ewig gleiche Misere, die nur immer schlimmer wird … Dann saß ich bei ihm zu Hause und habe wiederum zwei Stunden mit ihm und seiner Frau gesprochen … Freilich, um die Situation zu beschreiben, bräuchte man Strindbergsche Fähigkeiten.”

Das Einzelschicksal

Ungaretti-Gedichte in einem Band der vormaligen Weißen Reihe des vormaligen Verlags Volk und Welt, Einbandentwurf Lothar Reher/Horst Hussel

Ungaretti-Gedichte in einem Band der vormaligen Weißen Reihe des vormaligen Verlags Volk und Welt, Einbandentwurf Lothar Reher/Horst Hussel

Anfang Juni druckten sie in der Frankfurter Anthologie der FAZ das Gedicht „In Memoriam” von Giuseppe Ungaretti; das fiel mir jetzt wieder in die Hände.

Die Frankfurter Anthologie ist so eine Institution des deutschen Kulturbetriebs. Marcel Reich-Ranicki hat sie vor vielen Jahren erfunden; sie war eine seiner besseren Ideen, vielleicht sogar seine beste. Ein Gedicht wird abgedruckt und in einem kurzen Essay interpretiert, neuerdings sogar manchmal vom Dichter des Gedichts, was auch reizvoll sein kann. Schon klar, man kann nicht die Geheimnisse eines Gedichts offenlegen, ohne sie ihm zu nehmen. Aber man kann etwas zum Dichter sagen, zur Situation, in der er das Gedicht geschrieben hat, zu den Begleitumständen seiner Entstehung, gegebenenfalls zur Nachdichtung.

„In Memoriam” beginnt so: „Er hieß / Mohammed Sheab”. Ein Flüchtling, ein Einwanderer, ein Asylant. Schon in der fünften, sechsten und siebten Zeile sagt Ungaretti: „Er beging Selbstmord / weil er kein Land / mehr hatte”.

Das war 1913. Mohammed Sheab war 26 Jahre alt. Er liebte Frankreich und nannte sich Marcel, aber es nützte ihm alles nichts. Er hatte seine Wurzeln gekappt, ohne zu ahnen, dass er keine neuen schlagen konnte, „Und wusste nicht / anzustimmen / den Gesang / seiner Verlassenheit”.

Ungaretti war der Verfechter einer fragmentarischen Poetik. Wenige Worte, scheinbar gelassen gesagt, die einen weiten Horizont aufreißen. Am Ende steht dies: „Und ich allein / weiß vielleicht noch / dass er lebte”.

Gisela Trahms hat zu diesem Gedicht und zur Nachdichtung von Ingeborg Bachmann gesagt, was man besser wissen sollte. Ingeborg Bachmann hat das Wort Patria im Original nicht mit Vaterland übersetzt, sondern mit Land, das „eher sanfte Assoziationen an einen bäuerlichen Kontext, fern von Pathos und Schuld” weckt.

Wir sehen die Flüchtlinge heute in der großen Masse, in der sie ankommen. Wir wissen, dass sie von vielen schlechten Möglichkeiten jene gewählt habe, von der nicht sicher sein kann, dass sie die beste ist. Es ist nicht leicht, das Einzelschicksal zu sehen, wenn 800 000 kommen. Aber es ist da. Es ist der Mensch, der seine Heimat verlässt, ohne zu wissen, ob er eine neue findet. Ohne im Moment der Flucht auch nur zu wissen, was er verliert: „Er … konnte nicht mehr / leben / im Zelt der Seinen / wo man dem Singsang / des Korans lauscht / einen Kaffee nippend …”

Die Puppen fechten’s besser aus

Humor hat viele Facetten © Christian Brachwitz

Humor hat viele Facetten
© Christian Brachwitz

Ein einschneidendes Erlebnis mit einer lebens- oder überlebensgroßen Puppe im wahren Leben hatte ich in der City-Klause Berlin Friedrichstraße. Da saß der letzte Kunde, hatte die Mütze aufbehalten, bewegte sich nicht, und war natürlich eine Puppe. Das ist unser Herr Friedrich, sagte der Wirt. Der sollte den Leuten die Schwellenangst nehmen vor der leeren Kneipe, was aber nicht animierend, sondern gespenstisch wirkte. Das war zu einer Zeit, als der Ort unter dem Baugeschehen ächzte, seit sechs Jahren schon wurde die Straße durchgeknetet, der Kundenstrom versiegte, und als die Bauarbeiter endlich abzogen, war die City-Klause nicht mehr zu retten, in der es vormals noch „die jute Bockwurscht vom Fleescher um die Ecke” gegeben hatte. In dem Handwerk ist noch das Geschmackliche, verriet der Wirt; aber daher konnte die Rettung auch nicht kommen.

Zwischen „Die große Fracht des Sommers ist verladen” (Ingeborg Bachmann) und „Herbst der Gedanken und letzte Zuflucht für mich” (André Heller) sitzen die Puppen in ihren Gartenstühlen und bitten, nicht wirklich, um einen 1-Euro-Job. Flüchten sich in ihre Schals, denn es wird kalt. Trösten sich mit Hasseröder Pils aus Magdeburg und Klarem. Mohrrüben, Sellerie, Zucchini, Kürbis, Wrucken und Mais sind bereit, verzehrt zu werden. Uns ist aber der Appetit vergangen. Die Blätter sind gefallen, der Kalk aus den Fugen gekratzt. Die Lust, eine Welt zu veräppeln, in der man um einen 1-Euro-Job kämpft, hält an. Die Puppen fechten’s besser aus.