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Archive for September 2017

Der Schlaf des Gerechten (10)

Diese Beine werden wandern, wandern …
© Fritz-Jochen Kopka

Wir sind kaum aus der U-Bahn raus, da stehen wir schon im Volkspark am Weinbergsweg. Menschen nach dem Zufallsprinzip über eine Wiese verteilt. Paare, Gruppen, Familien, viel Platz dazwischen, die meisten sitzen, einige stehen, vorne haben zwei Radfahrer ihre Räder gegen die Umrandung des Teichs gestellt, um Bier zu trinken und zu reden, einer trägt sogar Schlips, ein Rad ist rot, ein Rad ist schwarz, ein paar Meter weiter schläft ein erschöpfter Wanderer mit dramatisch aufgestellten Beinen neben einer Flasche Sternburg Pils. Eine einsame Laterne brennt, müsste gar nicht sein. Die Wiese wird gesäumt von herbstlich werdenden Bäumen. Ein Flaschensammler schleppt zwei Plastiktüten voller Flaschen, sein Jackett sieht aus, als hätte er es ebenso aufgesammelt wie die Flaschen.

Hier sehen wir nun mal einen Schläfer im öffentlichen Raum und am hellen Tag, um den wir uns keine Sorgen machen müssen. Er trinkt das billige Bier, er trägt die leichten Schuhe (einen Schnürsenkel hat er gelöst), er wandert mit leichtem Gepäck durchs Land. Die Umrandung des Teichs spendet ihm Schatten, er hat an alles gedacht, und er hat die seltene Gabe, sich so hinzulegen, dass ihm nicht alle Knochen wehtun, wenn er aufwacht und aufsteht. Solche Leute können auch Fußballtorwart werden, aber diesem hier ist die Freiheit seiner Beine wichtiger. Sie träumen schöne Träume. Wer freie Beine hat, hat auch einen freien Kopf.

Nach der Wahl ist vor der Wahl

Männer ohne Eigenschaften, aber voll im Trend
© Fritz-Jochen Kopka

Juvenile Rentner: Jede Morgen kann ich mir aussuchen, welche Heldentaten ich im Laufe des Tages vollbringen möchte.

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Die Fehler des Kopisten sind ja gerade das, was seine Bilder einmalig macht.

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Ich bin zwar manchmal ordinär, aber niemals primitiv.

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Seltsam, dass besonders grobe Leute so gern die Formulierung „vom Feinsten” verwenden. Das ist wirklich vom Feinsten.

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Leuten misstrauen, die sich ständig gelangweilt fühlen, zum Beispiel vom Tatort. „Serviert mir gefälligst Spannung.” Spannung ist doch ein zweiseitiges Phänomen. Den stumpfen Charakter kann man nicht herausfordern. Der mufft vor sich hin.

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Die Ostdeutschen haben es gelernt, alles was schief lief in ihrem Leben, der DDR in die Schuhe zu schieben. Und die Westdeutschen haben sie darin bestätigt. (Und selbst, wenn es so gewesen wäre mit der Schuld der DDR – hilfreich war diese Haltung nicht.)

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Da steht nun einer vor Gericht, der einen AfD-Mann Fascho genannt hat. „Ich hatte nicht die Absicht, den Herrn zu beleidigen. Ich dachte, der freut sich. Ich wollte ihm ’ne Freude machen.”

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„Die Stasi war mein Eckermann” … und ich war mein Goethe.

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Deutschlandfunk Kultur: Die Moderatorin sagt „Teenagerin”. Es ist offenkundig kein Versprecher. Und der Moderator später spricht von Nick Cave als dem bestangezogensten Mann der Pop-Branche. Er weiß es nicht besser. Ein Superlativ ist schlimm genug, aber der doppelte in einem Wort: Horror. Kürzlich hat sich das Deutschlandradio Kultur in Deutschlandfunk Kultur umbenannt. Eine andere Umbenennung wäre angebrachter gewesen.

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Der Hochmut der Unterschicht gegenüber allen, die vermeintlich noch etwas tiefer stehen, und allem, was sie nicht verstehen. Die Wut über alle, denen es vermeintlich zu gut geht. Die Untertänigkeit vor der Macht.

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Der einsame Gärtner in der Erntezeit: Die ganze Scheiße verfault. Er hat keinen, der das pflücken und essen will.

„Der Gärtner hat keinen, der das frisst.”

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„Sie war die erfolgreichste, sozialdemokratischste Ministerin.” Auch Deutschlandfunk Kultur. Wer lernt mir englisch sprechen? Lern erst mal deutsch.

 

 

Wähler sind keine Helden

Na ja. Der Spaß hielt sich trotzdem in Grenzen.
© Fritz-Jochen Kopka

Wir wählten um eins, 13 Uhr, also gleich nach dem Frühstück. Vergiss nicht die Wahlbenachrichtigung, vergiss nicht deinen Personalausweis, das alles werden wir brauchen. Es regnet so, dass man keinen Schirm braucht, andere schon. In diesem trüben Licht das magische Grün der Wiese des Seeparks. Uns entgegen kommt ein vollschlankes Paar mit breitem Gang. Soll ich dir sagen, was die gewählt haben? Sie haben die für diese Zeit typischen Jetzt-haben- wir- es-denen-aber-mal-gezeigt-wir Helden-Gesichter. Ja. Okay. Und wir wissen, was uns blüht. Gewählt wird in der ehemaligen Schule unserer Kinder, die hier immer Disziplin-Schwierigkeiten hatten. Das fanden wir gar nicht so schlecht. Jetzt nennt sich das Kreativitätsschulzentrum Berlin. Klingt gut. Das Schild „Zum Wahllokal” steht auf dem Kopf, ein anderes liegt schon darnieder. Unser neuer Nachbar passt auf seine beiden Zwerghunde auf, während seine Frau wählt, dann tauschen sie die Rollen. Im Wahllokal sieht’s gemütlich aus. Viel Spaß steht mit Kreide an der Wandtafel. Ein Wahlhelfer verzehrt sein Käsebrot. Jetzt brauchen wir unsere Wahlbenachrichtigung und unseren Personalausweis. Meiner ist brandneu. Der alte war abgelaufen. Mit dem hätte ich wahrscheinlich gar nicht wählen dürfen. In der Wahlkabine schaue ich mir den Wahlschein an. Ich gehe immer auch nach Personen. Einige kann ich überhaupt nicht wählen, andere kann ich noch ertragen und einige wenige kann ich mit Überzeugung ankreuzen. So. Das war’s. Es gibt auch im Osten eine Parteienbindung.

Wir hatten es ganz gemülich mit den schönen großen Butterbrotpaketen, die wir uns von zu Hause mitgebracht hatten.

Am Abend geschieht dann sowohl das, was zu erwarten war, als auch das, was nicht zu erwarten war. Der Triumph der AfD. Die Verluste von CDU und CSU. Der tragische Irrtum Martin Schulz. Die Medien wissen natürlich sofort, welche Fehler die Parteien gemacht haben. Sie könnten aber auch wissen, welche Fehler sie selbst gemacht haben, dann wären wir schon ein ganzes Stück weiter. Einen Dienstmädchen-Skandal ausgraben, einen e-Mail- Skandal breittreten – da sagen die Leute doch, jetzt gerade. Alexander Gauland – er ist wie der alte Zausel von nebenan, der die neue Zeit nicht mehr verstehen kann und erst recht verstehen will und ernsthaft glaubt, er könnte sie zurückdrehen. Immerhin zeigt er sich nicht in überschäumender Siegeslaune. Er hat immer die gleiche querulantische Gemütslage im Gegensatz zu seiner Co. Alice Weidel ist eine Kunstfigur. Wie von Carlo Collodi erfunden, ein weiblicher Pinocchio. „Man kann die Geschichte lesen als Allegorie des Menschen, der sich trotz misslicher Voraussetzungen und ständiger Rückschläge am Ende bewährt” („Lexikon literarischer Gestalten”). Sie hat viel von Otto Waalkes gelernt, setzt seine Gesten und Mienenspiele nur subtiler ein, eine Politikerin will ja nicht in erster Linie als Komikerin wahrgenommen werden.

Heute hören wir: Frauke Petry hat in Sachsen ein Direktmandat gewonnen, möchte aber dieser Krawallfraktion nicht angehören. Da haben nun also Politiker und Medien offensichtlich monatelang auf die falsche Person geschossen.

Ich stelle fest, dass man bei einer Wahl weder Mut, noch Intelligenz, noch Bildung, noch Charakter braucht. Eigentlich brauchte man auch keinen Trotz, keine Wut und keine Rachegelüste. Was sagt uns das? Keine Ahnung. Der Wähler ist jedenfalls kein Held. Die Politiker müssen sich nicht bei uns bedanken. Wir erfahren hier nur, wie groß oder klein die Gruppe ist, zu der wir uns (vorübergehend) zählen.

 

Berlin Alexanderplatz (30): Freitag mit Fettflecken

Uff der Hütte fehlt noch das Dach, Kumpel
© Fritz-Jochen Kopka

Der Alexanderplatz baut das Oktoberfest auf. Wie jedes Jahr. Irgendein Fest wird hier immer aufgebaut, aber gegen den Ruf, dass der Platz unwirtlich sei, hilft das nicht.

Septembersonne. Ältere Herrschaften kneifen die Augen zusammen. Sie wollen sich nicht blenden lassen im Gegensatz zu den jüngeren. Es sind dieselben Hütten, die das Fest gestalten werden, dieselben Berghütten, und es wird wie immer Hiesiges und Fremdes geboten werden, Bratwürste, Buletten, Lebenkäs und Weißwürst’. Blau, blau, blau ist der Enzian.

Die schweren Düfte der Parfümabteilung im Kaufhof. Ich kriege Kopfschmerzen. Frauen lassen sich schminken und stylen. Nie haben sie so viel Geduld wie in dieser Stunde. Der Außenmitarbeiter eines Winzers verkostet seine Weine. Eine Dame mit schäbigem Mantel ist interessiert. Gibt sich auch sehr kenntnisreich. Von Wein versteht sie viel. Der Außenmitarbeiter lässt sich nichts anmerken. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Ich fahre rauf in die Schreibwarenabteilung. Der Lamy-Füller, den ich mir hier kaufte, hat mir den Glauben an meine Handschrift zurückgegeben. Ich halte nach neuen Modellen Ausschau. Die Verkäuferin lässt eine Schachtel mit Bleistiften fallen und sammelt die Stifte zurück in die Schachtel. Ist doch klar, dass die Minen alle zerbrochen sind.

Unten steht die Dame noch immer bei dem Verkoster, inzwischen hat sich eine zweite Umsonst-Trinkerin hinzugesellt. Der Verkoster wahrt noch seine Fassung. So lang der Vorrat reicht.

Draußen trommeln die Trommler. Die Pflastermaler malen für eine Weltreise.

Die Wohnblocks aus DDR-Zeiten altern ungebremst. Ihr Schicksal ist besiegelt.

Vor dem Hofbräu wartet Verheugen im grünen Military-Look. Wir finden einen Platz am Fenster mit Rückenlehnen an den Sitzbänken. Reisegruppen begrüßen mit Gebrüll und Gekreisch ihre verlorengegangenen Gefährten. Berlin hatte sie verschluckt. Sie sind gerettet. Jetzt geht die Party richtig los.

Gehören Sie zur Reisegruppe? Nein. Dann ist hier reserviert. Hier steht kein Schild. Es ist aber seit einer halben Stunde bekannt, dass hier reserviert ist.

Mit dieser Art von Haxenfressern wollen wir nichts zu tun haben. In dieser Oktoberfest-Zeit sollte man sich andere Plätze suchen. Wir strafen das Hofbräu Berlin mit unserer Flucht und nutzen die Ungunst der Stunde, um es bei Monsieur Vuong zu versuchen, dem Kultvietnamesen in der Alten Schönhauser, wo man normalerweise reservieren muss, aber wir haben Glück. Die kleine Kellnerin hat mit ihrem vertrauten Ton Verheugens Herz sofort erobert („als kennten wir uns schon ewig”). Die Speisekarte ist englisch, hier hat Unionsfreund Spahn noch keinen Zugriff. Kleine Überraschungen, wenn die Speisen serviert werden, sind möglich. Aber alles ist gut, auch das Tiger-Bier.

Tage später beschwert sich Verheugen, dass alles voller Fettflecke sei, sein Hemd, seine Jacke, seine Hose.

Das kannst du dem Vietnamesen nicht vorwerfen, sage ich. Wir sind noch nicht so gut darin, mit Stäbchen zu essen. Aber das könnte ein neuer Look werden. Kleidung mit anarchischen Fettflecken.

Man hätte vielleicht ein Regencape zum Essen tragen sollen.

Wenn es Arbeitskleidung und Sportkleidung gibt, warum gibt es denn dann keine modische Essenskleidung? Das wäre sogar ein Geschäftsmodell.

Die Kultur der Anderen

Bei den Spitzenkandidaten mag es schon wieder ganz anders aussehen. Ich glaube aber nicht 
© Fritz-Jochen Kopka

Da die „Berliner Zeitung” in der Hauptstadt geplant, recherchiert, geschrieben und vertrieben wird, ist sie natürlich eine Hauptstadt-Zeitung, wie genau man das Hauptstädtische im Übrigen auch definieren möchte.

Am Wochenende wollte sie, also die „Berliner Zeitung”, von Berliner Bundestagskandidaten wissen, was sie lesen, hören, sehen. Sie fragte also ungeniert nach dem Kulturniveau unserer Politiker, und dabei kam Folgendes heraus: Die Kandidaten mögen Filme wie „Love Story”, „Das Leben ist schön”, „Forrest Gump”, „Winnetou”, „Das Boot”, „Vom Winde verweht” und „Pulp fiction”. Als Berlin-Film bevorzugen sie den Kolportageschinken „Das Leben der Anderen”. Am Sonntagabend sehen sie am liebsten die Kasperköpfe des Münsteraner Tatorts, Thiel und Professor Börne alias Prahl und Liefers. Interessant, dass bei den Büchern keines zwei Mal auftaucht. Da gibt es also keine Übereinstimmungen, außer bei der speziellen Frage, welches Buch sie nicht zu Ende gelesen haben, da führt „Der Zauberberg” von Thomas Mann, der mit den „Betrachtungen eines Unpolitischen” noch ein weiteres Mal in dieser Minus-Rubrik vertreten ist. Als bestes Berlin-Lied werden „Dickes B” von Seeed und „Schwarz zu Blau” von Peter Fox bevorzugt.

Wir können also sagen, dass wir mit unseren Politikern mindestens auf Augenhöhe sind. Sie tun damit etwas für unser Selbstbewusstsein. Die größten Wüsten breiten sich für meinen Geschmack bei Büchern und Filmen aus. Da sind sie, die Politiker, wohl am nachhaltigsten auf Hilfe und Rat angewiesen.

Ver-Fahrenheit

Hamburger Str. 210 – Postadresse Eintracht Braunschweig
© Fritz-Jochen Kopka

Freitagabend Lärm in der Bahn. Unterm Strich waren es nur drei Gestalten, aber der Radau hätte auch von einer Hundertschaft herrühren können. Die blaugelben Trikots, die Schals, ach ja, heute spielt Union gegen die Eintracht aus Braunschweig, aber es ist schon sieben, und das Match hat längst begonnen.

Das Girl und die Fahrensmänner focht das nicht an. Sie hatten Kontakt zu Kumpels, die auf der A 2 festsaßen, zu einem Freund, der nicht ins Stadion eingelassen wurde, weil er zu spät dran war, und angeblich hatte ihr Team auch schon das 1:0 erzielt, was sie veranlasste, einen Song zu johlen, der an Obszönität nicht zu wünschen übrig ließ. Gegen Union hatten sie keine Patrone im Liederbuch, aber gegen den Lokalrivalen Hannover. In dem Song ging es kein Stück um Fußball, sondern um Hannoversche Inzucht, immerhin reimte sich am Ende Tradition auf Sohn.

An der nächsten Station schrien sie „Rummelsburg! Hier wird gerammelt” und freuten sich über die ordinären Berliner Ortschaften, die ihre Phantasie anregten.

Ihr seid ja viel zu spät dran!, sagte ich. Ja, sagte der Dünne, wir haben uns verfahren. Sind in den Zug gestiegen, der stand da, wir rein im letzten Moment, aber es war der falsche, egal, wir haben gute Laune und uns geht’s super, zweite Halbzeit wir da.

Kann ich ein Foto von euch machen?

Klar.

Ich will auch drauf sein, sagte das Girl.

Der Verfahrene setzte die Sonnenbrille auf und vermummte das Gesicht mit dem Schal. Offensichtlich litt er an Verfolgungswahn. Er wollte die Fotos sehen.

Das kann doch’n Bulle sein, erläuterte er seinen Freunden. (So was hab ich auch noch nicht über mich gehört.)

Na und, sagte sein Kumpel. Wir machen doch nichts. Bier trinken in der Bahn ist kein Verbrechen.

Die Gesänge schon eher, dachte ich. Nirgendwo sind Liebe und Hass so groß wie im Fanbereich des Fußballs. „Was ich mehr als alles andere brauchte, war ein Ort, an dem ziellose Unglückseligkeit gedeihen konnte”, schrieb Nick Hornby in „Fever Pitch”.

Das Glück und das Unglück, das du hier erlebst, teilst du mit Millionen. Die reine Entlastung.

Müdes Material

Materialfragen. Was nicht passt, wird passend gemacht
© Fritz-Jochen Kopka

Verheugens Uhr bleibt stehen. Er weiß nicht mehr die Zeit. Ihm bleibt noch die Wanduhr, aber die möchte er nicht mit sich herumtragen. Die Massagematte, die ihn eigentlich eine halbe Stunde lang massieren müsste, stellt nach fünf Minuten die Arbeit ein. Ihm schwant, dass er sich eine neue besorgen muss. Denn sie hilft ihm ein wenig, auch wenn er sich das vielleicht nur einbildet.

Das sind so unsere Themen im Haus Berlin, nachdem wir gefragt haben, ob das Staropramen heute schon gelaufen sei, weil wir kein abgestandenes Bier trinken möchten.

Auch wenn du dir das nur einbildest – die Massagematte hilft dir trotzdem, sage ich. Gerade bei Menschen, die eine so starke Phantasie haben wie du, ist die heilende Wirkung besonders intensiv, auch wenn die Massagematratze selbst ursächlich gar nichts dazu beiträgt.

Verheugen stöhnt. Warum setze ich mich dem immer wieder aus! Warum tue ich mir das an? Ich muss doch verrückt sein!

Wieso? Ich mache dir doch nur ein Kompliment.

Im Haus Berlin ist jetzt jeden Tag ab 19 Uhr Tanz. Wo wird dann die Tanzfläche sein?, frage ich. Das ist oben, beruhigen uns die Kellnerinnen, in der Tanzbar. Da tanzen Männer mit Männern. Keine schwulen Männer. Die tanzen aber miteinander.

Ich habe meine Tanzschuhe nicht mit, sagt Verheugen.

Das ist eine Ausrede, sagen die Kellnerinnen. Sie können auch barfuß tanzen.

Aber warum tanzen da Männer mit Männern, auch wenn sie nicht schwul sind? Was soll das nun wieder bedeuten! Die Zeit ist wohl so, dass Mehrheiten sich schämen sollten, dass sie zu Mehrheiten gehören. Deshalb verhalten sie sich wie Minderheiten.

Okay. Aber das ist mir zu kompliziert.

Man muss da einfach partikularer denken. Zum Teil gehört jeder Mensch einer Minderheit an, zu anderen Teilen eben einer Mehrheit. Er repräsentiert das eine so gut wie das andere. Auch das ist irgendwie Demokratie.

Genug. Ich kriege Kopfschmerzen.