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Archive for Mai 2012

Mystiker und Bäckerburschen

Letztes Wochenende. Aus dem Augenwinkel beobachtete ich das Treiben in Basel und in Baku. Deutschland 3:5 in Basel und 8. Platz in Baku. Zwischendurch schmeckte der Spargel bitter. Das EM-Vorbereitungs- und Freundschaftsspiel gegen die Schweiz hatte anscheinend vor allem den Sinn nachzuweisen, dass die Bayern-Spieler im deutschen Team unverzichtbar sind, alle acht zur EM mitgenommen werden müssen, und ja, Selbstbewusstsein nach drei verpassten Titeln sollte ihnen auch beschert werden. Nie sind sie so wertvoll wie wenn sie nicht mitspielen, die Bayern-Kicker. Ihr zweiter Saisonhöhepunkt war das Schnick-schnack-schnuck gewesen: das Team auf dem Höhepunkt seiner Selbstgefälligkeit knobelt einen Freistoß aus.

Selbstverliebtheit. Selbstüberhebung. Da wir einmal dabei sind. Herr Schmitt bewertete in der FAZ die 26 Finalisten des Song Contest vorab. Sieg, Top ten, unter ferner liefen. Schulterklopfen, Lob, Spott, Verächtlichkeit. Verächtlichkeit besonders für die Favoritin aus Schweden: „… Loreens Show ist Schwachsinn. Die Schwedin gebärdet sich wie eine Wahnsinnige”. Nach der Show blieb Schmitt bei seinem Urteil, klang aber wesentlich kleinlauter. Die Frage ist: Wie kann ein düsterer, mystischer Song in unserem lichten Europa derart überlegen Sieger einer demokratischen Abstimmung werden? Die Antwort, die mir einfällt, ist die: mystischer Song trifft Krisenstimmung. Von der Erklärbarkeit der Welt will man angesichts der Finanzkatastrophen, des exorbitanten Schuldenwesens, der hypertrophierten Banken nichts mehr wissen. Wie die Romantiker begehrt der Song gegen die Diktatur der negativen Zahlen auf und hebt ab in die Ewigkeit. Bemerkenswert, dass Loreens Show den beseelten Inhalt des Songs eher konterkariert als feiert, als müsste sie die Mächte des Bösen erst bekämpfen, ehe sie abheben kann, wobei der Ausgang ungewiss ist und bleibt. Bemerkenswert auch, dass die Solisten oft weniger signifikant waren als die Musiker und Tänzer im Umfeld: die dämonischen Geigerinnen, die wüsten Trommelweiber. Vielleicht kann man sich in der Gruppe besser profilieren als allein an vorderster Front. Vielleicht erfahren wir eine Aufwertung der Nebenrolle. Deutschland hatte einen guten Song und war der Gegenentwurf zu Schwedens Nummer. Ein guter Song braucht keine Effekte. Ob das stimmt? Und warum musste Roman Lob wie ein Schlumpf auftreten? Mit dieser Wollmütze? Du hast keine Ahnung, das mögen Mädchen heute. Ach so. Mädchen mögen Schlümpfe, keine Männer? Warum?  Das verstehst du nicht. Roman Lob zeigte das Einverständnis mit sich und der Welt im Gegensatz zur zerrissenen, von Dämonen gehetzten Loreen. Er wirkte harmlos wie ein Bäckerbursche, gut genug für die Top ten. So viel Bodenhaftung haben wir noch.

Menschen, die auf Bälle fixiert sind

Nach dem total überraschend und auf bizarre Weise verlorenen Tiebreak des zweiten Satzes saß Serena Williams auf dem Stuhl und bedeckte ihr Gesicht mit dem Handtuch. Zweifellos vergoss sie Tränen. Und zweifellos ahnte sie, was ihr blühte im entscheidenden dritten Satz gegen die Nr. 111 der Welt, Virginie Razzano, während Williams auf dem Weg ist, wieder die Nummer 1 zu werden und die French Open zu gewinnen. Aber Razzano spielte vor ihrem, dem – vornehm ausgedrückt – patriotischen französischen Publikum, das umso begeisterter reagierte, je weniger es seinen Augen traute. Williams hatten den ersten Satz gewonnen und im Tiebreak des zweiten 5:1 geführt. Es fehlten zwei Punkte zum Sieg, aber dann kam dieser irrationale Verlauf. Vor dem dritten Satz nahm sich Razzano eine Auszeit. Sie war offensichtlich verletzt, an der Wade, am Oberschenkel oder an beidem. Und dennoch oder gerade darum oder auch, weil Serena völlig irritiert war, gewann Razzano fünf Spiele in Folge. 5:0 für Razzano gegen Serena Williams. Ein unglaublicher Spielstand. Dann gewann Williams ihr Aufschlagspiel, breakte Razzano, gewann ein weiteres Aufschagspiel, Razzano lag nur noch ein Break vorn und litt unter Krämpfen. Zweimal klaute ihr die Schiedsrichterin einen Punkt, weil sie vor Schmerz aufgeschrieen und damit die Gegnerin irritiert hatte.

Wenn ich Tennis sehe, kommt mir manchmal in den Sinn, dass das Helden sind, die da spielen, Helden und Heldinnen, beinahe noch mehr Heldinnen als Helden. Es spitzte sich zu. Irgendwie war klar, dass sich die Schlacht im neunten Spiel des dritten Satzes entscheiden würde. Razzano, serving for the match, musste ihren Aufschlag durchbringen, aber sie schien kaum dazu in der Lage, zumal ihr in diesem Spiel wieder ein Punkt geklaut wurde. Wenn sie schnell die Richtung ändern musste, zuckte sie vor Schmerz zusammen. Sie war einerseits im Rausch, andererseits wie erstarrt, es wechselte von Situation zu Situation. Serena hatte sich wieder gefangen und spielte mit all ihrer Wucht gnadenloses Tennis. Aber auch sie offenbarte eine andere Seite, so, als hätte sie nach dem Tiebreak den Wink des Schicksals erhalten, dass das Match nicht mehr zu drehen war und sie in der ersten Runde eines Grand-Slam-Turniers ausscheiden würde, was ihr noch nie widerfahren war. Und so spielte sie als gnadenlose Fighterin und als demütige Fatalistin. Wir können unserem Schicksal nicht entkommen. Es gab Momente während des Spiels, in denen beide Spielerinnen heulten, Hoffnung, Enttäuschung, ungläubiges Staunen, Entkräftung, alles mischte sich. Am seligen, aber auch irren Glanz in Razzanos Augen konnte man erkennen, dass sie gewinnen würde, aber ich glaubte es nicht. Sie hatte acht Matchbälle, und immer feuerte Serena zurück. Razzano erlief aussichtslose Bälle, kaum zu glauben, wie das möglich ist. Aber es gibt Menschen, die einfach auf Bälle fixiert sind. Wo ein Ball durch die Luft fliegt, da können sie nicht anders, da rasen sie hin, sie müssen ihn haben. Mir geht es teilweise auch so, ich kann das nachfühlen.

Virginie Razzano gewann. Ein Rückschlag von Serena war ein paar Zentimeter zu lang in einem Moment, wo man das Gefühl hatte, das Spiel würde sich nicht auflösen lassen und bis in alle Ewigkeit andauern. Auch wenn sie sich einmal über das einseitige Publikum empört hatte – Serena Williams erwies sich am Ende als große und faire Verliererin. Eine fatalistische Heldin unserer Zeit.

Ich war mir dankbar, dass ich das TV-Gerät eingeschaltet hatte.

Marlene geträumt

© Fritz-Jochen Kopka

Just before the dreams arrive

In seinem Traum wartete Hubert Schubert auf Marlene Dietrich. Würde sie wirklich kommen, so wie es angesagt war? Sie hatte sich zu Lebzeiten total zurückgezogen. Aber dann war sie da und ließ sich vom Moderator auf beide Wangen küssen, sie war, noch nicht mal überraschend, aber schön zu sehen, eine schlanke jugendliche Gestalt mit einer blonden Kurzhaarfrisur. Und alle waren glücklich. Marlene war so heiter. Auch Hubert Schubert hatte Gelegenheit, ein paar Worte mit ihr zu wechseln. Er spürte schon, dass er ihr sympathisch war, aber deshalb war sie ja wohl auch gekommen: Weil sie in einer Laune war, in der ihr jeder, jeder Mensch, gefiel. Hubert Schubert fiel auf, dass Marlene Dietrich zögerte. Du musst aufpassen, sagte sie freundlich, deine Sätze sind immer so, als sollte ich antworten, toll, was du da gerade gesagt hast, und das kann’s nicht sein. Genau, sagte Hubert Schubert, genau so ist es, entschuldige, Marlene. Und dann schwiegen sie beide, für immer und ewig.

Kategorien:Dreamers Schlagwörter:

Ahnungslose Männer im Gespräch

© Fritz-Jochen Kopka

In Berlin-Mitte trifft man immer interessante Leute

I

„Unglückliche Frauen können endlos telefonieren.”

„Glückliche Frauen auch.”

„Und Frauen, die weder unglücklich noch glücklich sind?”

„Die erst recht. Was sollen sie sonst tun.”

II

„Unglückliche Frauen können endlos telefonieren.”

„Und duschen.”

„Was?”

„Unglückliche Frauen können endlos telefonieren und duschen.”

„Ach so. Und was ist mit uns Männern?”

„Wir können immer nur eine Sache zur selben Zeit.”

III

„Unglückliche Frauen können endlos telefonieren.”

„Glückliche Frauen auch.”

„Glückliche Frauen gibt’s nicht.”

„Wieso nicht?”

„Jede glückliche Frau sagt: Das kann es noch nicht gewesen sein. Und macht sich auf die Suche nach dem Unglück.”

„Lass das bloß keine Frau hören.”

„Auf keinen Fall. Ich will mich doch nicht unglücklich machen.”

Kategorien:Short cuts

Ein Fuss auf dem Boden der Tatsachen

Im Spiel gegen Chelsea London war Wolff-Christoph Fuss Reporter für Sat 1 und Patriot zugleich. Er hatte die Bayern bis ins Finale der Championsleague begleitet, er bangte mit ihnen, er gewann mit ihnen, dieses Verdienst kann man ihm nur nehmen, wenn man ungerecht sein will. Im Finale ergriff Freund Fuss von Anfang an die Initiative und drängte Chelsea in die Defensive. Abermals hatte seine Stimme die manierierte Modrigkeit abgelegt, klang frisch und unternehmungslustig. Wir konnten uns des Eindrucks nicht erwehren, dass der junge Fuss des festen Glaubens war, die Spieler unten, der Schiedsrichter und auch Trainer Heynckes, hörten ihn und richteten sich nach seinen Ermunterungen, Ermahnungen und Hinweisen. Er forderte auch von den Zuschauern Denkleistungen ein, indem er etwa sagte: Sie wissen, was es bedeutet, wenn der Torhüter bester Mann seiner Mannschaft ist. Chelsea brachte, wie er fand, nur ein offensives Anekdötchen zustande, war nicht in der Lage, dem deutschen Rekordmeister fußballerisch auf Augenhöhe zu begegnen. Das Team aus London muss diese Äußerungen wenigstens atmosphärisch mitbekommen haben und zeigte sich schwer beeindruckt. Wichtiger aber war Fuss’ Job dem Schiedsrichter gegenüber. Gelbe Karten für Chelsea sah er in aller Regel als rote Karten, und Handspiel!, schrie er, er gibt keinen Elfmeter!, zeigte er sich entsetzt, um schließlich einzusehen, dass der Ball nur an die Brust des Chelsea-Verteidigers gesprungen war. So landete Fuss letztlich auf dem Boden der Tatsachen. Hatte er gerade noch gesagt: Erfolg kann man nicht kaufen, rechnete er nach Chelseas Sieg aus: Eine Milliarde hat das Ding gekostet. Auch wenn Fuss, vielleicht nicht in Hochform, sein Bestes gegeben hatte, es reichte nicht ganz für den Sieg in der Königsklasse. Das müssen wir akzeptieren und ihm für die nächste Saison mehr Glück (und mehr Geld) wünschen. Falls man Erfolg eben doch kaufen kann.

Kategorien:Fußballfieber Schlagwörter:

Arjen Robben ist das Schicksal von Bayern München

2009 wunderten sich die Münchner, wie leicht es war, Robben von Real Madrid loszueisen. Inzwischen wissen wir, dass mit Robben Qualität, Torgefahr, schnelle Flügelläufe auf rechtsaußen, rasante Schwenks nach innen, knallharte Schüsse mit links kommen, aber auch viele Probleme fürs Team. Arjen Robben ist der Hero und der Loser. Der Mann, der ein Spiel umbiegen kann und der Egoist.

Der Weltstar, der sich alles zutraut, von seinen Mitspielern bewundert und mit Veilchen verziert wird. Unweigerlich prägt er das Gesicht der Mannschaft. Wenn du Robben ausgerechnet hast, hast du auch Bayern München ausgerechnet. Gegen Chelsea hat er auf Bayern-Seite das Spiel bestimmt, aber auch vergeigt. Ribery holt den Elfmeter heraus, Robben schießt und kommt nicht am Torwart vorbei. Einen Spieler wie Arjen Robben in seinen Reihen zu wissen, ist Segen und Fluch zugleich. Bayern München wird erst ein anderes Gesicht bekommen, wenn Robbens Zeit vorbei ist.

Kategorien:Fußballfieber Schlagwörter:

Wo die Ideen fehlen, hilft das Geld. Später vielleicht…

Nach der Dramatik des Championsleaguefinales schien die Zeit stehengeblieben zu sein. Ich höre noch die Aufschneider tönen. 2:0 Bayern München. Eine Landplage sind diese Leute, die alles schon vorher wissen und sich hinterher nicht mehr erinnern wollen, was sie vorher verkündet haben.

In einem Fußballfinale stehen die Chancen immer fünfzig zu fünfzig. Unabhängig davon, dass man bezweifeln kann, ob hier wirklich die beiden besten Klubmannschaften Europas aufeinander trafen, musste wenigstens eines für eine Irritation in der deutschen oder bayrischen Siegesgewissheit sorgen: Der FC Chelsea London hatte den FC Barcelona aus dem Wettbewerb eliminiert. Das geschieht nicht per Zufall. Was kann man daraus und auch aus der Finalniederlage der Bayern ableiten? Auf diesem Niveau siegt in der Regel die defensivere Mannschaft. Aber warum? Ist es so, wie die Boxtrainer sagen: Wichtiger als zu treffen ist, nicht getroffen zu werden?

Jedes Spiel hat seine eigene Dramaturgie, gegen die du machtlos bist. Wenn du das Tor des Gegners bestürmst und bekommst den Ball nicht hinein, dann sorgst du gleichzeitig dafür, dass sich die Anderen immer besser auf dich einstellen und du den Glauben an die eigenen Mittel verlierst. Und das haben wir in der Bundesliga gesehen: Viele taktische Möglichkeiten, aus denen sich auch spontane Ideen ergeben, hat der FC Bayern nicht. In der 83. Minute genügte dann ein einfaches Überflanken der gegnerischen Abwehr und ein Thomas Müller, der am hinteren Pfosten stand und den Ball per Kopf ins Tor wuchtete. Und fünf Minuten später wiederum genügte auf der anderen Seite eine gut geschlagene Ecke und Didier Drogba, der dem Ball unwiderstehlich entgegen flog. In der Verlängerung das Drama mit Robbens nicht schlecht geschossenem Elfmeter, den Petr Cech grandios hielt. Das war schon ein Fingerzeig, auch wenn Neuer im Elfmeterschießen den ersten Strafstoß der Engländer entschärfte. Cech war jedes Mal in der richtigen Ecke. Und als Neuer als Torwart zum dritten Münchener Elfer antrat und verwandelte, zeigte sich auch, dass offensichtlich eine ganze Reihe Bayern-Spieler die Angst des Schützen beim Elfmeter gepackt hatte. Ausgerechnet der eingewechselte Olic, der in der nächsten Saison für Wolfsburg spielt, trat zum nächsten Elfer an und scheiterte an Cech. Ist es nicht schon ziemlich oft geschehen, dass der nicht aufgehaltene Reisende versagt? Und Schweinsteiger, der in Madrid den entscheidenden Elfmeter verwandelt und diese Aktion zur Legende gemacht hatte (Ich hatte plötzlich keine Eier …), sollte zum Wiederholungstäter werden und traf, ich glaube, mit Cechs Hilfe, den Pfosten. Damit hatte wiederum die „weitaus bessere Mannschaft” (Philipp Lahm, wer sonst) ein Spiel verloren.

Je weiter sich die Bayern vom deutschen Meistertitel entfernten, desto mehr Bedeutung legten sie in das Championsleaguefinale und versuchten dabei, die Bundesliga zu einer Trashliga zu herunter zu deklinieren, gut genug allenfalls für die Mittelschicht des Fußballs. Und nun, nachdem das Unvorstellbare, die Niederlage im eigenen Stadion, wahr geworden ist, versteht der Präsident die Welt nicht mehr, weiß aber den Ausweg: Der Verein werde jetzt die Spieler kaufen, mit denen man die anderen Mannschaften wieder hinter sich lassen kann. Das Geld dafür haben wir. Allein die Championsleague hat 60 Millionen Euro gebracht.

Dasselbe sagte einprägsamer Mario Adorf als Generaldirektor Heinrich Haffenloher in „Kir Royal”: Ich scheiße euch zu mit meinem Geld.